Vampyre Planet-Zine

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Das Gesicht der Kali

Als ich mit dem altmodischen Bummelzug die Vororte Londons durch- querte, war ich doch ziemlich aufgeregt. Das lag nicht allein an der Stadt, die ich besuchte. Das Wiedersehen mit Laura war dafür verant- wortlich, daß ich mich so kribbelig-euphorisch fühlte, fast als treffe ich einen alten Liebhaber nach Jahren der Trennung. Sie war meine beste Schulfreundin in jenem Schweizer Internat gewesen, in dem wir beide fünf verzweifelte Jahre lang festsaßen. Sie hatte mir in den Stunden der Not zur Seite gestanden - und ich ihr. Wir hatten ein Zimmer und eine Menge von Geheimnissen geteilt, die für niemanden von Bedeutung waren außer für uns. Kurzum: wir waren typische Backfische gewesen, nichts Besonderes. Und so war es auch nichts Besonderes, daß wir uns aus den Augen verloren, trotz der Treue- schwüre und dem Austausch der Adressen, als wir die Schule verließen. Unsere Wege hatten sich getrennt, wie das die Wege der Menschen meistens früher oder später tun.

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Der sechste Tag der Woche kam, und der zarte bleiche Jüngling wartete wie stets in seine Fensterhöhle gepreßt auf das Heraufkommen des Arkturus, seines Sterns, zur Linken des Großen Bären. Der Arkturus war der hellste Stern am Sommerhimmel, der einzige, der alle Blicke auf sich zu ziehen vermochte; sein grelles weißes Licht war unstet und flackernd, wie die Flamme einer Kerze in einem Luftzug oder das Flackern der Lichtbögen in Vaters Labor, als Edgar noch ganz jung gewesen war. 

Mit einem tiefen, hohlen Seufzer ließ er den zu Tode gelangweilten Blick durch die düstere Halle schweifen. Der Brokatbezug seines Lieblingssessels vor dem Kamin erinnerte ihn an die prächtig bestickten Hausmäntel seines Vaters, und von dem großen Porträt über der Feuerstelle starrte das  von einem schmalen Schnurrbärtchen verzierte Gesicht des alten Herrn mit seinen geschwungenen Brauen und dem lasterhaft verlebten Mund. Seine Augen schienen jede von Edgars Bewegungen zu verfolgen, wie an manchen Dezemberabenden, wenn der lautlose Schneefall alle Geräusche außerhalb der Mauern schluckte und das Land in tiefem, furchtsamem Schweigen lag. 
Mit einer trotzigen Bewegung erhob Edgar sich von seiner Fensterbank und kehrte dem Gemälde den Rücken. Es war der sechste Tag der Woche - Sonnabend. Das Buch, das er sich aus der Bibliothek geholt hatte, war zwar alt und zerfiel ihm in den Händen, aber seine Seiten gaben nichts von den verborgenen Geheimnissen preis, die er darin vermutet hatte und die ihn überhaupt nur bewegt hatten, das schmale Bändchen mit dem vermoderten Ledereinband aus Tausenden von Folianten auszuwählen. Aber es waren immerhin Bilder darin, Stiche von jungen Leuten in altmodischer, rüschenbesetzter und schleifenverzierter Tracht mit hohen, gepuderten Perücken, deren flache Kindergesichter von aufgeklebten Schönheitspflästerchen starrten. 
Gestarrt hatte auch Edgar, gestarrt auf die Gesichter dieser Stiche, deren glatte und seelenlose Perfektion ihn an seine kalten Freundinnen erinnerte, die überall in den Fluren und Zimmern herumstanden und auf ihn warteten. Sollte er einen Rundgang machen? In den uralten Schränken wühlen, um vielleicht einige Überreste einer ebensolchen Tracht zu finden, um sich zu verkleiden, nur so zum Spaß? 
Lustlosigkeit ließ ihn mit weit aufgesperrten Kiefern gähnen. Die einzige Bewegung in der stickigen Luft der Halle war das Herabtropfen des Wachses von den Kerzen, das die schwarzen Möbel bereits mit bizarr geformten Bergen bedeckte. Unschlüssig zerrieb er die untere Ecke einer der Seiten des alten Buches zwischen den Fingern zu Staub, als  plötzlich von draußen ein unbekanntes Geräusch an sein Ohr drang. 
Es war ein lautes Krachen, ähnlich dem Donner der Gewitternächte, aber nicht so rollend, sondern scharf wie ein Schuß. Mit einem Sprung befand Edgar sich auf der Fensterbank und starrte mit aufgerissenen Augen hinaus in die Dunkelheit. Am Himmel, hinter dem Wald, der das Schloß von der Welt der Menschen trennte, platzte soeben eine Blase von Licht und zerstob in einer Kaskade purpurroter, langsam fallender Funken. Kaum waren sie über dem Boden verglüht, da sprangen schon an anderen Stellen neue Lichter auf - grüne, goldene, purpurrote, weiße, heller als die Sterne, heller sogar als der Arkturus und der Mond. Ein Wasserfall aus prächtigen, sich ausbreitenden Funkenschnüren bedeckte die schwärzlichblaue Samtdecke des Himmels. 
"Sie brennen ein Feuerwerk ab!" rief Edgar und sprang mit jagendem Herzschlag vom Fensterbrett. Seine langen Rockschöße flatterten hinter ihm her, so schnell war er durch die Halle und schon aus der Tür, die mit einem lauten Donnerschlag ins Schloß fiel. 

Der Wald war tief und voll von Brombeersträuchern, deren dornenbewehrte Schlingarme sich in seinen Kleidern und Haaren verfingen und ihm die Haut zerrissen, aber Edgars Herz war erfüllt von wilder Entschlossenheit. Er hatte noch nie ein Feuerwerk gesehen, höchstens in den Büchern davon gelesen, und er wollte sich dieses Erlebnis um nichts in der Welt entgehen lassen. Er dachte nicht daran, daß er das Feuerwerk auch vom Schloßturm aus sehr gut und bequem hätte beobachten können, so überwältigt war er von der aufreizenden Aussicht dieser neuen Erfahrung. Asmodinas Warnung war vergessen. 
Über Baumwurzeln stolpernd und sich in Ästen verfangend, taumelte er bergabwärts durch das Unterholz, bis ihn nur noch ein breiter Dorfanger von den ersten Hütten trennte. 
Es war nur ein kleines Städtchen, das war auch der Grund dafür, daß man niemals Geld für so ein aufwendiges Spektakel wie ein Feuerwerk aufgebracht hatte. Aber an diesem speziellen, ganz besonderen Tag war ein neuer Thronfolger gekrönt worden - und das war ein Anlaß, den es nicht zu versäumen galt. Auf dem Marktplatz waren lange Tische und Bänke aufgestellt, eine Dorfmusik spielte, und alle tranken, tanzten, praßten und waren ausgelassen. Edgar stand staunend an der ersten Ecke und spähte mit großen weißen Augen auf die tanzenden, singenden, vor Trunkenheit taumelnden Menschen. Die klobigen Tische waren mit Bierkrügen und halb aufgegessenen Brathühnern übersät, zwischen denen bereits die ersten Betrunkenen die Köpfe auf die Tischplatten legten. Die Blaskapelle spielte einen ausladenden, getragenen Walzer im Wiener Stil, zu dessen Klängen die jungen Männer ihre weißbestrumpften Schönheiten im Kreis herumwirbelten. Keiner achtete auf Edgar, der sich angesichts der allgemeinen Ausgelassenheit mit einem schüchtern-blöden Lächeln im Gesicht näherte. 
Er hatte noch niemals aus der Nähe lebendige Menschen gesehen. Dies waren Menschen so wie er, mit zwei Beinen, zwei Armen, einem beweglichen, gut durchbluteten und von lebendigen Regungen erfüllten Gesicht. Er kannte nur die steifen Puppen und die Spiele der Ratten in dem feuchten Gemäuer, das seine Heimat war. Von den Liebesspielen der Menschen verstand er nichts, nur das, was aus den Büchern voll angestaubter Lyrik hervorging. Dort wurden schöne Damen von wortgewaltigen Männern angebetet, um Erlösung aus irgendwelchen schrecklichen Qualen gebeten.  All die jungen und älteren Frauen auf dem Markplatz mußten demnach schön sein, ihre Galane sie mit pfauengleicher Eitelkeit umwerben. 
Aber Edgar sah nicht viel von höfischer Werbung an den grobgehauenen Holztischen, nur die derben Späße dörflicher Jugend, die mit vollen Händen zugreift und nicht lange darum bittet. Voller Unverständnis sah er die Hand eines rohen Kerls im Mieder einer kreischenden Metze verschwinden, und als er näher herankam, um besser sehen zu können, fühlte er sich auf einmal am Ärmel gegriffen. 
"Was bist denn du für ein Burschi?" Eine vom reichlich genossenen Bier schon leicht schleppende, in hohem Tonfall säuselnde Stimme sprach ihn von der Seite an. Mit einer leichten Drehung des Kopfes, aber so, daß er mit einem Auge noch die faszinierenden Vorgänge am Tisch sehen konnte, wandte Edgar sich der Stimme zu. Sie drang aus dem vollen, rotlippigen Mund einer flachsblonden Dorfschönheit, deren Gesichtsausdruck er als ‚freundlich' deutete. 
Schüchtern lächelnd wollte Edgar sich von ihr freimachen und sich wieder der Beobachtung des galanten Werbens widmen, aber sie hatte ihn mit einem eisenharten Griff gepackt und zog ihn zu sich herunter auf die Bank. 
"Eddie", sagte er unsicher, "mein Name ist Eddie, und wer seid Ihr, schöne Dame?" 
Ein furioser Heiterkeitsanfall schüttelte das Edelfräulein auf der Holzbank, der so heftig war, daß sie fast ihren Griff an seinen Ärmel gelockert hätte. Dann aber wurde sie fast ernst, betrachtete ihn einen Moment lang aus vor Vergnügen tränenden Augen. So etwas hatte sie noch nicht gesehen. Dieser hübsche unbekannte Junge mit dem porzellanweißen Puppengesicht und dem rosafarbenen Rüschenhemd unter dem viel zu weiten, an den Armen und Beinen hochgekrempelten Frack redete doch tatsächlich wie einer aus den alten Märchen... 
"Du bist richtig", bemerkte sie. "Hier, trink einen Schluck - kannst mich Liese nennen..." 
Und Edgar stellte sehr schnell fest, daß das lauwarme Bier in dem Maßkrug gar nicht so übel schmeckte, wenn man es in der richtigen Gesellschaft trank. 

Es mußte bereits weit nach Mitternacht sein. Edgar hätte es am Stand des Mondes erkennen können, wenn er sich nicht so seltsam leicht gefühlt hätte - fast genauso wie nach einer Flasche spinnwebenverhangenen Weins aus Vaters unergründlichem Keller. Der Marktplatz hatte sich allmählich geleert, alle waren in verschiedene Richtungen nach Hause getorkelt, allein oder zu zweien, schweigsam oder singend. Liese stand schwankend auf ihren Beinen, aber sie hatte noch Kraft genug in den Armen, um ihre neue Bekanntschaft aufrecht halten zu können. 
"Wo soll ich jetzt bloß mit dir hin?" lallte sie, weniger an ihn gerichtet, als in die laue Luft hinein. "He, Zuhause hast du wohl keins, wo ich dich hinbringen könnte, was?" 
Edgar lächelte nur dümmlich, das viel zu warme Gesicht dem angenehmen Fächeln des Nachtwinds zugewendet. "Ich gehe, wohin Ihr wollt, meine Dame." 
Liese kicherte, dann hatte sie eine Idee. Sie begann, mit Edgar im Schlepptau auf die große Scheune des Heinzel-Bauern zuzusteuern, die jetzt, kurz nach der Ernte, bis zum Dach mit duftendem Heu gefüllt sein mußte. 
Das große, zweiflügelige Tor öffnete sich mit einem widerstrebenden Knarren und einem Ruck, der die beiden aus dem Gleichgewicht brachte. Sie fanden sich, ehe sie es recht verstanden, in einer Wolke herumwirbelnder Spreu zwischen den zarten und weichen Halmen des erst kürzlich eingebrachten Heus liegend. Liese keuchte vor Anstrengung, es war kein leichtes Geschäft gewesen, den volltrunkenen Menschen hier heraufzuschleppen. Bäche glitzernden Schweißes rannen von ihrem Hals über die fast unbedeckte Brust in das eng geschnürte Mieder. 
Edgar fing die glitzernden Tropfen mit einem Blick aus seinen Augenwinkeln auf. Er spürte einen sonderbaren Duft, der unbeschreiblich, fremd, unvertraut und doch unwiderstehlich anziehend war. Die Hitze, die von dem schwitzenden Körper des Mädchens ausging, war sogar über die kurze Distanz zwischen ihnen spürbar, und er streckte langsam eine unsichere Hand aus, um die Quelle dieser Wärme zu berühren. 
Auf einmal waren Lieses Hände in seinen Haaren und ihr Körper fast auf dem seinen und ihre Lippen tasteten sich heiß und naß und keuchend über sein Gesicht. Mit erschrockenem Zurückzucken ergab er sich der rubinroten Welle von Furcht und Wonne, die durch seine Adern rann. Er wollte etwas sagen, aber der große weiche Mund verschloß seine Lippen. Nach Atem ringend, riß Edgar sich von Liese los, aber durch das ruckartige Aufrichten war er ganz schwindelig und orientierungslos. Erst nach ein paar Lidschlägen konnte er ängstlich auf die Frau hinunter schauen, deren flachsblonde, zu einem Kranz geflochtene Haare sich gelöst hatten und wie der goldene Mantel seiner Mutter um sie herum ausgebreitet lagen. Ja, ihre Haare hatten genau die gleichen Farbe wie die Haare von Mutter. 
Lieses nackte Beine streckten sich in dem zum Scheunentor hereinfallenden, schmalen Silberstreifen des Lichts, das ihnen den Anschein metallener Glätte verlieh, die bedeckt war mit entzückendem, silbernem Flaum. Sie hatte die flachen Schuhe abgestriffen, ihre Zehen wohlig in die Wärme des Heus vergraben, während ihre aus dem halb offenen Mieder quellende Brust sich in zitternden Atemzügen hob und senkte. Ihre zarten Füße, die kleinen Zehen, fast wie die rosigen Pfötchen junger Katzen, wie sie sich spielerisch in das raschelnde Heu gruben... 
Edgar stürzte sich mit einem erstickten Laut auf sie und bedeckte diese silbernen Spielzeug-Zehen mit einem Dutzend fieberheißer Küsse. Liese lachte laut auf, zuckte vor Kitzligkeit zurück. Sie wollte mit den Beinen strampeln, ihren ungeschickten Kavalier wegstoßen, aber er hatte sie fest in seinem Griff. Ekstatisch ihre Füße küssend und den köstlich salzigen Schweiß von ihren Sohlen leckend, wand Edgar sich vor dem Mädchen im Heu. Sie strampelte wieder, und er zuckte zurück, um ihren Tritten zu entgehen. Und dann war es plötzlich geschehen, mit einer blitzartigen Bewegung wie das Zuschlagen einer Kobra, so schnell, daß Lieses benebelter Verstand nicht registrieren konnte, was geschah. Ihre Beine zuckten und strampelten noch ein wenig, dann hing sie schlaff und schwer wie ein nasser Sack in Edgars Arm. Seine Fangmaske, ein chitinhartes, silbergrün glänzendes, unbarmberziges Werkzeug, löste sich nur zögernd aus dem Fleisch ihres Oberschenkels, als seine Erregung nachzulassen begann. Mit einem leisen, klickenden Geräusch schnappte sie wieder unsichtbar unter seinem Kiefer in ihre verborgene Halterung ein. 

Blut sickerte warm, aber rasch erkaltend über Edgars Hals in die reichen Rüschen seines rosafarbenen Frackhemds. Einen Augenblick lang war er vor Entsetzen wie erstarrt, dann preßte er in Panik die Lider fest zusammen, um dem schrecklichen Anblick zu entgehen. 
Die Puzzlefetzen der Erinnerung bestürmten ihn in einem Chaos widerhallender Bilder, das in seinem schmerzenden Kopf im Kreis wirbelte. Er sah seinen Vater, umgeben von einem Wald gläserner Reagenzröhren und funkensprühender Elektroden, und erinnerte sich an die Zielsicherheit, mit denen Vaters Uhrmechaniker-Hände die Gelenke seines Körpers aneinander befestigt hatten. In ihrem Glassarg an der Seite des Labors lächelte das träumende, tote Gesicht seiner Mutter, lächelte auf ihn herab mit einer ruhigen, abwesenden Sicherheit, die keines Menschen Applaus bedurfte. Der Mond spielte mit seinen zärtlichen Strahlen in der goldenen Wolke ihres Haars. Und Edgar wußte mit einemmal, warum Mutter immer so starr und weiß und still gewesen und wozu sein Vater ihn geschaffen hatte. 
Aus den haarfeinen Schlitzen, hinter denen die Fangmaske, jenes Werkzeug der ewigen Rache seines Vaters,  sich verborgen hatte, tropften feine burgunderfarbene Blutfäden auf seine eigenen, im Schoß verkrampften Hände. Die Stimme seines Vaters sagte, alle Gedanken beherrschend, in der Tiefe seiner Gehirnwindungen: ‚Komm, mein Junge, nimm das Mädchen in die Arme, bring sie nach Hause, damit sie niemand dort findet.' 
Zögernd öffnete er die Augen und sah hinunter auf den verdrehten Körper, der in den hereinfallenden Lichtstrahlen ganz glatt und vollkommen aussah, mit einer Oberfläche, die schimmerte wie honigfarbenes Wachs, wie die künstlichen Glieder der Schaufensterpuppen. Rötliche Glasperlen rieselten von ihren Schenkeln nieder, als er sanft darüber strich. 
Taumelnd und mühsam stieg Edgar mit dem steifen Körper über den Schultern durch den Wald den Berg zum Schloß hinauf. 

Der Tag verging in einem einzigen monotonen, gleichförmig rauschenden Prasseln von Regen. Sturzbäche grauen Wassers ergossen sich aus den Schleusen des Himmels, bedeckten das Schloß, das Dorf und das ganze Land ringsum mit einer kalten, bleifarbenen Glasur, die dem Alptraum eines depressiven Konditors entsprossen zu sein schien. 
Bei Einbruch des Abends begann es sich in den Ecken und Winkeln des Schlosses zu regen, die Ratten und Mäuse huschten und spielten ihre verborgenen Spiele, tanzten geschmeidige Entscheidungskämpfe um Leben und Tod. Nachdem  das letzte schwache Tageslicht in den Ritzen der Mauern erstorben war, schüttelte Edgar schlaftrunken auf dem riesigen blutrot-samtenen Katafalk seines gotischen Bettes den Staub aus den Haaren und blinzelte sich langsam wach. 
Er liebte das gleichförmige Geräusch des Regens, lag noch eine lange Weile reglos auf dem Rücken und lauschte, bis das Trippeln der Rattenfüße auf seinem Kissen und schließlich das federleichte Gewicht von Asmodina auf seiner Brust diese Meditation beendete. Sie schien aufgeregt, irgend etwas beunruhigte sie, aber da es nicht die richtige Stunde war, konnte sie es ihm nicht erklären. Seufzend erhob er sich, steckte die Ratte in seine Rocktasche und begann mit einem kleinen, dreiflammigen Kerzenleuchter in der Hand seinen alltäglichen Rundgang durch das Schloß. 
Hier und dort, in den Ecken und Durchgängen, standen die wächsernen Puppen mit den glitzernden Reflexionen der Kerzenflammen in ihren starren Augen und dem weichen Schimmer ihrer künstlichen Haut. Edgar berührte sie zärtlich im Vorübergehen, streichelte ihre hübschen, seelenlosen Gesichter, ihre langen blonden Haare. 

Asmodina hüpfte mit kerzengerade ausgestrecktem Schwanz und langen, hoppelnden Sätzen vor ihm her, und er folgte ihr spielerisch tänzelnd, drehte kleine eitle Pirouetten und lächelte sich selbst in den halbblinden Spiegeln zu. Winzige rötliche Glasperlen rieselten wie ein Schauer von Mondstaub aus seinen gerüschten Manschetten, als er sich selbst einen koketten Handkuß zuwarf. 
Dann blieb er plötzlich verwirrt stehen und hob den Kerzenleuchter, um genauer sehen zu können. In einem kleinen Erker, der immer leer gewesen war bis auf ein paar zerfledderte Notenblätter auf dem Boden, stand eine neue Puppe. 
Neugierig ging Edgar näher, trippelte auf den Spitzen seiner zierlichen Schnallenschuhe um sie herum und betrachtete ihr hübsches Gesicht von allen Seiten. Ein feiner Zug der Traurigkeit zierte die vollkommen lebensechten, weit in das Nichts geöffneten Augen, die pfirsichflaumzarten Wangen, zitterte auf den Rundungen der bloßen Brüste unter dem geöffneten Mieder. 
"Willkommen", sagte Edgar lächelnd und deutete einen altmodischen Kratzfuß an. "Ich weiß zwar nicht, wie Ihr hierher gekommen seid, schöne Dame, aber ich will Euch gern mit meinen anderen Freundinnen bekannt machen, wenn es Euch beliebt." 
Und nachdem er einen angedeuteten Kuß auf ihre reine kalte Pfirsichflaumwange gehaucht hatte, tanzte er kichernd davon in die Tiefen des Schlosses, dessen weitverschlungene Gänge von den Echos seines Lachens widerhallten. 
 
 

©Eddie M. Angerhuber