Der
sechste Tag der Woche kam, und der zarte bleiche Jüngling wartete
wie stets in seine Fensterhöhle gepreßt auf das Heraufkommen
des Arkturus, seines Sterns, zur Linken des Großen Bären. Der
Arkturus war der hellste Stern am Sommerhimmel, der einzige, der alle Blicke
auf sich zu ziehen vermochte; sein grelles weißes Licht war unstet
und flackernd, wie die Flamme einer Kerze in einem Luftzug oder das Flackern
der Lichtbögen in Vaters Labor, als Edgar noch ganz jung gewesen war.
Mit
einem tiefen, hohlen Seufzer ließ er den zu Tode gelangweilten Blick
durch die düstere Halle schweifen. Der Brokatbezug seines Lieblingssessels
vor dem Kamin erinnerte ihn an die prächtig bestickten Hausmäntel
seines Vaters, und von dem großen Porträt über der Feuerstelle
starrte das von einem schmalen Schnurrbärtchen verzierte Gesicht
des alten Herrn mit seinen geschwungenen Brauen und dem lasterhaft verlebten
Mund. Seine Augen schienen jede von Edgars Bewegungen zu verfolgen, wie
an manchen Dezemberabenden, wenn der lautlose Schneefall alle Geräusche
außerhalb der Mauern schluckte und das Land in tiefem, furchtsamem
Schweigen lag.
Mit
einer trotzigen Bewegung erhob Edgar sich von seiner Fensterbank und kehrte
dem Gemälde den Rücken. Es war der sechste Tag der Woche - Sonnabend.
Das Buch, das er sich aus der Bibliothek geholt hatte, war zwar alt und
zerfiel ihm in den Händen, aber seine Seiten gaben nichts von den
verborgenen Geheimnissen preis, die er darin vermutet hatte und die ihn
überhaupt nur bewegt hatten, das schmale Bändchen mit dem vermoderten
Ledereinband aus Tausenden von Folianten auszuwählen. Aber es waren
immerhin Bilder darin, Stiche von jungen Leuten in altmodischer, rüschenbesetzter
und schleifenverzierter Tracht mit hohen, gepuderten Perücken, deren
flache Kindergesichter von aufgeklebten Schönheitspflästerchen
starrten.
Gestarrt
hatte auch Edgar, gestarrt auf die Gesichter dieser Stiche, deren glatte
und seelenlose Perfektion ihn an seine kalten Freundinnen erinnerte, die
überall in den Fluren und Zimmern herumstanden und auf ihn warteten.
Sollte er einen Rundgang machen? In den uralten Schränken wühlen,
um vielleicht einige Überreste einer ebensolchen Tracht zu finden,
um sich zu verkleiden, nur so zum Spaß?
Lustlosigkeit
ließ ihn mit weit aufgesperrten Kiefern gähnen. Die einzige
Bewegung in der stickigen Luft der Halle war das Herabtropfen des Wachses
von den Kerzen, das die schwarzen Möbel bereits mit bizarr geformten
Bergen bedeckte. Unschlüssig zerrieb er die untere Ecke einer der
Seiten des alten Buches zwischen den Fingern zu Staub, als plötzlich
von draußen ein unbekanntes Geräusch an sein Ohr drang.
Es
war ein lautes Krachen, ähnlich dem Donner der Gewitternächte,
aber nicht so rollend, sondern scharf wie ein Schuß. Mit einem Sprung
befand Edgar sich auf der Fensterbank und starrte mit aufgerissenen Augen
hinaus in die Dunkelheit. Am Himmel, hinter dem Wald, der das Schloß
von der Welt der Menschen trennte, platzte soeben eine Blase von Licht
und zerstob in einer Kaskade purpurroter, langsam fallender Funken. Kaum
waren sie über dem Boden verglüht, da sprangen schon an anderen
Stellen neue Lichter auf - grüne, goldene, purpurrote, weiße,
heller als die Sterne, heller sogar als der Arkturus und der Mond. Ein
Wasserfall aus prächtigen, sich ausbreitenden Funkenschnüren
bedeckte die schwärzlichblaue Samtdecke des Himmels.
"Sie
brennen ein Feuerwerk ab!" rief Edgar und sprang mit jagendem Herzschlag
vom Fensterbrett. Seine langen Rockschöße flatterten hinter
ihm her, so schnell war er durch die Halle und schon aus der Tür,
die mit einem lauten Donnerschlag ins Schloß fiel.
Der
Wald war tief und voll von Brombeersträuchern, deren dornenbewehrte
Schlingarme sich in seinen Kleidern und Haaren verfingen und ihm die Haut
zerrissen, aber Edgars Herz war erfüllt von wilder Entschlossenheit.
Er hatte noch nie ein Feuerwerk gesehen, höchstens in den Büchern
davon gelesen, und er wollte sich dieses Erlebnis um nichts in der Welt
entgehen lassen. Er dachte nicht daran, daß er das Feuerwerk auch
vom Schloßturm aus sehr gut und bequem hätte beobachten können,
so überwältigt war er von der aufreizenden Aussicht dieser neuen
Erfahrung. Asmodinas Warnung war vergessen.
Über
Baumwurzeln stolpernd und sich in Ästen verfangend, taumelte er bergabwärts
durch das Unterholz, bis ihn nur noch ein breiter Dorfanger von den ersten
Hütten trennte.
Es
war nur ein kleines Städtchen, das war auch der Grund dafür,
daß man niemals Geld für so ein aufwendiges Spektakel wie ein
Feuerwerk aufgebracht hatte. Aber an diesem speziellen, ganz besonderen
Tag war ein neuer Thronfolger gekrönt worden - und das war ein Anlaß,
den es nicht zu versäumen galt. Auf dem Marktplatz waren lange Tische
und Bänke aufgestellt, eine Dorfmusik spielte, und alle tranken, tanzten,
praßten und waren ausgelassen. Edgar stand staunend an der ersten
Ecke und spähte mit großen weißen Augen auf die tanzenden,
singenden, vor Trunkenheit taumelnden Menschen. Die klobigen Tische waren
mit Bierkrügen und halb aufgegessenen Brathühnern übersät,
zwischen denen bereits die ersten Betrunkenen die Köpfe auf die Tischplatten
legten. Die Blaskapelle spielte einen ausladenden, getragenen Walzer im
Wiener Stil, zu dessen Klängen die jungen Männer ihre weißbestrumpften
Schönheiten im Kreis herumwirbelten. Keiner achtete auf Edgar, der
sich angesichts der allgemeinen Ausgelassenheit mit einem schüchtern-blöden
Lächeln im Gesicht näherte.
Er
hatte noch niemals aus der Nähe lebendige Menschen gesehen. Dies waren
Menschen so wie er, mit zwei Beinen, zwei Armen, einem beweglichen, gut
durchbluteten und von lebendigen Regungen erfüllten Gesicht. Er kannte
nur die steifen Puppen und die Spiele der Ratten in dem feuchten Gemäuer,
das seine Heimat war. Von den Liebesspielen der Menschen verstand er nichts,
nur das, was aus den Büchern voll angestaubter Lyrik hervorging. Dort
wurden schöne Damen von wortgewaltigen Männern angebetet, um
Erlösung aus irgendwelchen schrecklichen Qualen gebeten. All
die jungen und älteren Frauen auf dem Markplatz mußten demnach
schön sein, ihre Galane sie mit pfauengleicher Eitelkeit umwerben.
Aber
Edgar sah nicht viel von höfischer Werbung an den grobgehauenen Holztischen,
nur die derben Späße dörflicher Jugend, die mit vollen
Händen zugreift und nicht lange darum bittet. Voller Unverständnis
sah er die Hand eines rohen Kerls im Mieder einer kreischenden Metze verschwinden,
und als er näher herankam, um besser sehen zu können, fühlte
er sich auf einmal am Ärmel gegriffen.
"Was
bist denn du für ein Burschi?" Eine vom reichlich genossenen Bier
schon leicht schleppende, in hohem Tonfall säuselnde Stimme sprach
ihn von der Seite an. Mit einer leichten Drehung des Kopfes, aber so, daß
er mit einem Auge noch die faszinierenden Vorgänge am Tisch sehen
konnte, wandte Edgar sich der Stimme zu. Sie drang aus dem vollen, rotlippigen
Mund einer flachsblonden Dorfschönheit, deren Gesichtsausdruck er
als ‚freundlich' deutete.
Schüchtern
lächelnd wollte Edgar sich von ihr freimachen und sich wieder der
Beobachtung des galanten Werbens widmen, aber sie hatte ihn mit einem eisenharten
Griff gepackt und zog ihn zu sich herunter auf die Bank.
"Eddie",
sagte er unsicher, "mein Name ist Eddie, und wer seid Ihr, schöne
Dame?"
Ein
furioser Heiterkeitsanfall schüttelte das Edelfräulein auf der
Holzbank, der so heftig war, daß sie fast ihren Griff an seinen Ärmel
gelockert hätte. Dann aber wurde sie fast ernst, betrachtete ihn einen
Moment lang aus vor Vergnügen tränenden Augen. So etwas hatte
sie noch nicht gesehen. Dieser hübsche unbekannte Junge mit dem porzellanweißen
Puppengesicht und dem rosafarbenen Rüschenhemd unter dem viel zu weiten,
an den Armen und Beinen hochgekrempelten Frack redete doch tatsächlich
wie einer aus den alten Märchen...
"Du
bist richtig", bemerkte sie. "Hier, trink einen Schluck - kannst mich Liese
nennen..."
Und
Edgar stellte sehr schnell fest, daß das lauwarme Bier in dem Maßkrug
gar nicht so übel schmeckte, wenn man es in der richtigen Gesellschaft
trank.
Es
mußte bereits weit nach Mitternacht sein. Edgar hätte es am
Stand des Mondes erkennen können, wenn er sich nicht so seltsam leicht
gefühlt hätte - fast genauso wie nach einer Flasche spinnwebenverhangenen
Weins aus Vaters unergründlichem Keller. Der Marktplatz hatte sich
allmählich
geleert, alle waren in verschiedene Richtungen nach Hause getorkelt, allein
oder zu zweien, schweigsam oder singend. Liese stand schwankend auf ihren
Beinen, aber sie hatte noch Kraft genug in den Armen, um ihre neue Bekanntschaft
aufrecht halten zu können.
"Wo
soll ich jetzt bloß mit dir hin?" lallte sie, weniger an ihn gerichtet,
als in die laue Luft hinein. "He, Zuhause hast du wohl keins, wo ich dich
hinbringen könnte, was?"
Edgar
lächelte nur dümmlich, das viel zu warme Gesicht dem angenehmen
Fächeln des Nachtwinds zugewendet. "Ich gehe, wohin Ihr wollt, meine
Dame."
Liese
kicherte, dann hatte sie eine Idee. Sie begann, mit Edgar im Schlepptau
auf die große Scheune des Heinzel-Bauern zuzusteuern, die jetzt,
kurz nach der Ernte, bis zum Dach mit duftendem Heu gefüllt sein mußte.
Das
große, zweiflügelige Tor öffnete sich mit einem widerstrebenden
Knarren und einem Ruck, der die beiden aus dem Gleichgewicht brachte. Sie
fanden sich, ehe sie es recht verstanden, in einer Wolke herumwirbelnder
Spreu zwischen den zarten und weichen Halmen des erst kürzlich eingebrachten
Heus liegend. Liese keuchte vor Anstrengung, es war kein leichtes Geschäft
gewesen, den volltrunkenen Menschen hier heraufzuschleppen. Bäche
glitzernden Schweißes rannen von ihrem Hals über die fast unbedeckte
Brust in das eng geschnürte Mieder.
Edgar
fing die glitzernden Tropfen mit einem Blick aus seinen Augenwinkeln auf.
Er spürte einen sonderbaren Duft, der unbeschreiblich, fremd, unvertraut
und doch unwiderstehlich anziehend war. Die Hitze, die von dem schwitzenden
Körper des Mädchens ausging, war sogar über die kurze Distanz
zwischen ihnen spürbar, und er streckte langsam eine unsichere Hand
aus, um die Quelle dieser Wärme zu berühren.
Auf
einmal waren Lieses Hände in seinen Haaren und ihr Körper fast
auf dem seinen und ihre Lippen tasteten sich heiß und naß und
keuchend über sein Gesicht. Mit erschrockenem Zurückzucken ergab
er sich der rubinroten Welle von Furcht und Wonne, die durch seine Adern
rann. Er wollte etwas sagen, aber der große weiche Mund verschloß
seine Lippen. Nach Atem ringend, riß Edgar sich von Liese los, aber
durch das ruckartige Aufrichten war er ganz schwindelig und orientierungslos.
Erst nach ein paar Lidschlägen konnte er ängstlich auf die Frau
hinunter schauen, deren flachsblonde, zu einem Kranz geflochtene Haare
sich gelöst hatten und wie der goldene Mantel seiner Mutter um sie
herum ausgebreitet lagen. Ja, ihre Haare hatten genau die gleichen Farbe
wie die Haare von Mutter.
Lieses
nackte Beine streckten sich in dem zum Scheunentor hereinfallenden, schmalen
Silberstreifen des Lichts, das ihnen den Anschein metallener Glätte
verlieh, die bedeckt war mit entzückendem, silbernem Flaum. Sie hatte
die flachen Schuhe abgestriffen, ihre Zehen wohlig in die Wärme des
Heus vergraben, während ihre aus dem halb offenen Mieder quellende
Brust sich in zitternden Atemzügen hob und senkte. Ihre zarten Füße,
die kleinen Zehen, fast wie die rosigen Pfötchen junger Katzen, wie
sie sich spielerisch in das raschelnde Heu gruben...
Edgar
stürzte sich mit einem erstickten Laut auf sie und bedeckte diese
silbernen Spielzeug-Zehen mit einem Dutzend fieberheißer Küsse.
Liese lachte laut auf, zuckte vor Kitzligkeit zurück. Sie wollte mit
den Beinen strampeln, ihren ungeschickten Kavalier wegstoßen, aber
er hatte sie fest in seinem Griff. Ekstatisch ihre Füße küssend
und den köstlich salzigen Schweiß von ihren Sohlen leckend,
wand Edgar sich vor dem Mädchen im Heu. Sie strampelte wieder, und
er zuckte zurück, um ihren Tritten zu entgehen. Und dann war es plötzlich
geschehen, mit einer blitzartigen Bewegung wie das Zuschlagen einer Kobra,
so schnell, daß Lieses benebelter Verstand nicht registrieren konnte,
was geschah. Ihre Beine zuckten und strampelten noch ein wenig, dann hing
sie schlaff und schwer wie ein nasser Sack in Edgars Arm. Seine Fangmaske,
ein chitinhartes, silbergrün glänzendes, unbarmberziges Werkzeug,
löste sich nur zögernd aus dem Fleisch ihres Oberschenkels, als
seine Erregung nachzulassen begann. Mit einem leisen, klickenden Geräusch
schnappte sie wieder unsichtbar unter seinem Kiefer in ihre verborgene
Halterung ein.
Blut
sickerte warm, aber rasch erkaltend über Edgars Hals in die reichen
Rüschen seines rosafarbenen Frackhemds. Einen Augenblick lang war
er vor Entsetzen wie erstarrt, dann preßte er in Panik die Lider
fest zusammen, um dem schrecklichen Anblick zu entgehen.
Die
Puzzlefetzen der Erinnerung bestürmten ihn in einem Chaos widerhallender
Bilder, das in seinem schmerzenden Kopf im Kreis wirbelte. Er sah seinen
Vater, umgeben von einem Wald gläserner Reagenzröhren und funkensprühender
Elektroden, und erinnerte sich an die Zielsicherheit, mit denen Vaters
Uhrmechaniker-Hände die Gelenke seines Körpers aneinander befestigt
hatten. In ihrem Glassarg an der Seite des Labors lächelte das träumende,
tote Gesicht seiner Mutter, lächelte auf ihn herab mit einer ruhigen,
abwesenden Sicherheit, die keines Menschen Applaus bedurfte. Der Mond spielte
mit seinen zärtlichen Strahlen in der goldenen Wolke ihres Haars.
Und Edgar wußte mit einemmal, warum Mutter immer so starr und weiß
und still gewesen und wozu sein Vater ihn geschaffen hatte.
Aus
den haarfeinen Schlitzen, hinter denen die Fangmaske, jenes Werkzeug der
ewigen Rache seines Vaters, sich verborgen hatte, tropften feine
burgunderfarbene Blutfäden auf seine eigenen, im Schoß verkrampften
Hände. Die Stimme seines Vaters sagte, alle Gedanken beherrschend,
in der Tiefe seiner Gehirnwindungen: ‚Komm, mein Junge, nimm das Mädchen
in die Arme, bring sie nach Hause, damit sie niemand dort findet.'
Zögernd
öffnete er die Augen und sah hinunter auf den verdrehten Körper,
der in den hereinfallenden Lichtstrahlen ganz glatt und vollkommen aussah,
mit einer Oberfläche, die schimmerte wie honigfarbenes Wachs, wie
die künstlichen Glieder der Schaufensterpuppen. Rötliche Glasperlen
rieselten von ihren Schenkeln nieder, als er sanft darüber strich.
Taumelnd
und mühsam stieg Edgar mit dem steifen Körper über den Schultern
durch den Wald den Berg zum Schloß hinauf.
Der
Tag verging in einem einzigen monotonen, gleichförmig rauschenden
Prasseln von Regen. Sturzbäche grauen Wassers ergossen sich aus den
Schleusen des Himmels, bedeckten das Schloß, das Dorf und das ganze
Land ringsum mit einer kalten, bleifarbenen Glasur, die dem Alptraum eines
depressiven Konditors entsprossen zu sein schien.
Bei
Einbruch des Abends begann es sich in den Ecken und Winkeln des Schlosses
zu regen, die Ratten und Mäuse huschten und spielten ihre verborgenen
Spiele, tanzten geschmeidige Entscheidungskämpfe um Leben und Tod.
Nachdem das letzte schwache Tageslicht in den Ritzen der Mauern erstorben
war, schüttelte Edgar schlaftrunken auf dem riesigen blutrot-samtenen
Katafalk seines gotischen Bettes den Staub aus den Haaren und blinzelte
sich langsam wach.
Er
liebte das gleichförmige Geräusch des Regens, lag noch eine lange
Weile reglos auf dem Rücken und lauschte, bis das Trippeln der Rattenfüße
auf seinem Kissen und schließlich das federleichte Gewicht von Asmodina
auf seiner Brust diese Meditation beendete. Sie schien aufgeregt, irgend
etwas beunruhigte sie, aber da es nicht die richtige Stunde war, konnte
sie es ihm nicht erklären. Seufzend erhob er sich, steckte die Ratte
in seine Rocktasche und begann mit einem kleinen, dreiflammigen Kerzenleuchter
in der Hand seinen alltäglichen Rundgang durch das Schloß.
Hier
und dort, in den Ecken und Durchgängen, standen die wächsernen
Puppen mit den glitzernden Reflexionen der Kerzenflammen in ihren starren
Augen und dem weichen Schimmer ihrer künstlichen Haut. Edgar berührte
sie zärtlich im Vorübergehen, streichelte ihre hübschen,
seelenlosen Gesichter, ihre langen blonden Haare.
Asmodina
hüpfte mit kerzengerade ausgestrecktem Schwanz und langen, hoppelnden
Sätzen vor ihm her, und er folgte ihr spielerisch tänzelnd, drehte
kleine eitle Pirouetten und lächelte sich selbst in den halbblinden
Spiegeln zu. Winzige rötliche Glasperlen rieselten wie ein Schauer
von Mondstaub aus seinen gerüschten Manschetten, als er sich selbst
einen koketten Handkuß zuwarf.
Dann
blieb er plötzlich verwirrt stehen und hob den Kerzenleuchter, um
genauer sehen zu können. In einem kleinen Erker, der immer leer gewesen
war bis auf ein paar zerfledderte Notenblätter auf dem Boden, stand
eine neue Puppe.
Neugierig
ging Edgar näher, trippelte auf den Spitzen seiner zierlichen Schnallenschuhe
um sie herum und betrachtete ihr hübsches Gesicht von allen Seiten.
Ein feiner Zug der Traurigkeit zierte die vollkommen lebensechten, weit
in das Nichts geöffneten Augen, die pfirsichflaumzarten Wangen, zitterte
auf den Rundungen der bloßen Brüste unter dem geöffneten
Mieder.
"Willkommen",
sagte Edgar lächelnd und deutete einen altmodischen Kratzfuß
an. "Ich weiß zwar nicht, wie Ihr hierher gekommen seid, schöne
Dame, aber ich will Euch gern mit meinen anderen Freundinnen bekannt machen,
wenn es Euch beliebt."
Und
nachdem er einen angedeuteten Kuß auf ihre reine kalte Pfirsichflaumwange
gehaucht hatte, tanzte er kichernd davon in die Tiefen des Schlosses, dessen
weitverschlungene Gänge von den Echos seines Lachens widerhallten.
©Eddie
M. Angerhuber
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