Vampyre Planet-Zine

Stories, Gedichte 
Fanfiction
Rezensionen: 
Bücher & Comics
Interviews
Vamporium: Essays 
Cinema
Musik
Fin de Siecle
Mondgedichte
 


 
 
Vorschau:

Das Gesicht der Kali

 Als ich mit dem altmodischen Bummelzug die Vororte Londons durch- querte, war ich doch ziemlich aufgeregt. Das lag nicht allein an der Stadt, die ich besuchte. Das Wiedersehen mit Laura war dafür verant- wortlich, daß ich mich so kribbelig-euphorisch fühlte, fast als treffe ich einen alten Liebhaber nach Jahren der Trennung. Sie war meine beste Schulfreundin in jenem Schweizer Internat gewesen, in dem wir beide fünf verzweifelte Jahre lang festsaßen. Sie hatte mir in den Stunden der Not zur Seite gestanden - und ich ihr. Wir hatten ein Zimmer und eine Menge von Geheimnissen geteilt, die für niemanden von Bedeutung waren außer für uns. Kurzum: wir waren typische Backfische gewesen, nichts Besonderes. Und so war es auch nichts Besonderes, daß wir uns aus den Augen verloren, trotz der Treue- schwüre und dem Austausch der Adressen, als wir die Schule verließen. Unsere Wege hatten sich getrennt, wie das die Wege der Menschen meistens früher oder später tun.

weiterlesen...


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Zwischen 9 und 9


Eddie M. Angerhuber

 Für Vincent Price und Johnny Depp


Der Regen prasselte, prasselte, prasselte. Nieder auf die schindelgedeckten Dächer vor dem kleinen Spitzbogenfenster, durch das ein schmaler Streifen gelben Lichts auf den undurchdringlichen Vorhang fallenden Wassers draußen fiel. Undurchdringlich, wie der Perlenvorhang vor dem geheimnisvollen Zelt eines Zauberers auf dem Jahrmarkt: der Vorhang des Oktoberregens. Auf die schindelgedeckten Dächer der Nebengebäude, der Kemenate und des Gesindehauses prasselte der stetige, unaufhörliche Regen, mit einem leisen Klingen, das dem Rauschen des Blutes in den Schläfen glich, wie man es zu manchen Stunden hört, wenn kein anderes Geräusch die angespannten Sinne ablenkt. 

Er saß schon seit Stunden dort, wie so oft an verregneten Abenden, wenn die Schatten der Nacht die langen Flure seines Domizils ausfüllten und die Augen der Puppen im tiefen Dunkel zur Unkenntlichkeit verschwammen. Seine Haltung drückte nichts als eine entspannte Langeweile aus, halb in die enge Fensterhöhle gelehnt und am Glas heruntergerutscht, ein offenes Buch unaufmerksam im Schoß, das die schlaffen Finger nur noch an einer Ecke hielten. 
Mit einemmal zerriß ein lauter, klirrend-kreischender Ton die einschläfernde Monotonie des Regens, und die Augen in dem bleichen Gesicht hinter der Fensterscheibe richteten sich auf das Innere des Raums. 
Es war die Uhr, die eben anhob, acht zu schlagen: eine schwarze, sargähnliche Kiste aus zerschlissenem Holz, hoch oben an der Wand unter der gotischen Decke befestigt, wo niemand sie erreichen konnte, mit zwei spitzbogigen Türen, deren eine sich eben öffnete, um ein auf einer Schiene im Halbkreis fahrendes Skelett herauszulassen, das nach einem kurzen, dräuenden Innehalten in der zweiten Tür verschwand. Oben auf dem Dach der Kiste hatte ein schmutzigweißer Schädel sich geöffnet wie der Deckel einer Spieluhr, und ein silberner Klöppel schlug die Zahl der Stunden auf einer rostfleckigen Schelle. Nach dem letzten Schlag klappte die Schädeldecke mit einem lauten Krachen zu, dessen hallende Echos sich in den weiten Gängen der Burg verloren. 
Nun öffnete sich eine kleine runde Tür im Zifferblatt der Uhr, genau zwischen dem Stunden- und Minutenzeiger. Heraus kam ein kleiner, spitzer, schwarzer Kopf mit rot funkelnden Augen wie Brombeeren, die von einem Filz aus schwarzem Schimmel halb verborgen wurden. Es war eine Ratte, die sich nun flink wie alle Angehörigen ihrer Art am gesplitterten Holz der Uhr herabhangelte mit einem wohlgezielten Sprung auf der rotgepolsterte Lehne eines gewaltigen, geschnitzten Sessels landete. Tiefschwarz war ihr ganzer Körper, wie sich nun zeigte, als sie sich mit zuckenden Schnurrbarthaaren auf der Sessellehne aufrichtete, den Kopf in Richtung des Fensters hin- und herwiegend. 
Der Jüngling in der Fensternische erhob sich mit einem tiefen Seufzer, wobei das Buch unbeachtet von seinem Schoß zu Boden glitt. Als er an den Sessel herantrat, rückte sein fahles Gesicht in den Lichtkreis des Kerzenleuchters. Seine Haut reflektierte das Kerzenlicht wie mattes, von grünlichen Sprüngen durchzogenes Porzellan, und die dunkelblauen Höhlen seiner Augen wirkten wie Risse in blasser Emaille. Darüber wob sich wie ein Nest aus Spinnweben und schwarzen Krähenfedern ein riesiges Büschel drahtiger Haare, deren Enden ihm ins Gesicht bis auf die Lippen fielen. 
"Oh, hallo, Asmodina." Ein langer, fast durchscheinend dünner Zeigefinger berührte die Stirn der schwarzen Ratte, während der Junge sich auf der Armlehne des Sessels niederließ. "Du kommst heute abend? Hast du mir etwas Wichtiges zu sagen?" Den glänzenden Pelz mit den Spitzen der lang herausragenden, zugefeilten Nägel liebkosend, sprach er mit seitlich geneigtem Kopf auf die Ratte ein. 
"Ich werde dich füttern, während wir warten. Was möchtest du? Trauben, kalten Braten, einen Schluck Wein? Oh, verzeih, ich vergaß, du trinkst niemals den weißen Wein, nur den roten, nicht wahr..." 
Die Ratte saß vor dem blassen Jungen auf der Tischplatte, schlang den langen, schwarzborstigen Schwanz um die kleinen Menschenhänden ähnelnden Hinterfüße und knabberte mit langen gelben Zähnen an einem Stück Gemüse, das er ihr gereicht hatte. Lächelnd sah er ihr zu, entkorkte währenddessen eine weitere staubbedeckte Flasche, goß einen Schluck dunkelroten Weins auf den Rand seines reichverzierten Zinntellers. 
Asmodina trank mit dem hastigen Schlappen ihrer rosa Zunge, die Augen reglos auf ihren Gastgeber gerichtet. Dieser warf einen raschen Blick auf die Uhr, die weit oben, fast außerhalb des Lichtkreises der Kerzen, unter der rauchgeschwärzten Decke hing. Ihr langsames Ticken erfüllte den Raum mit gleichförmigem, dumpf hölzernem Klang, begleitet von dem weit ausholenden Schwung des langen rostigen Perpendikels. 
"Erst halb neun, dann warten wir eben", seufzte er, schüttete sich ein riesiges Kristallglas voll mit dem roten Wein und toastete der fressenden Ratte höflich zu. 

Das Krachen und Kreischen der Uhr setzte abermals so unvermittelt ein, daß der bleiche Jüngling fast erschrocken wäre, obwohl er doch seit Jahr und Tag in diesen Mauern hauste und nie etwas anderes gewohnt gewesen war. Mit widerstrebendem Knarren setzte das uralte Gerät an, die neunte Stunde zu schlagen, und während er sich in seinem schweren Sessel vorwärts über die Tischplatte neigte, sprang die Ratte mit wenigen Sprüngen den Arm hinauf auf seine Schulter. Aufgeregt klang ihr Schnüffeln und leises, ungeduldiges Zähneknirschen dicht an seinem Ohr; er wand sich ein wenig vor Kitzligkeit, saß aber rasch still, als die kleine spitze Stimme direkt in seinem Kopf zu erklingen schien. 
"Du solltest lieber gut aufpassen, Edgar! Du weißt doch, daß ich nur zwischen neun und neun am neunten Tag des Monats mit dir sprechen kann! Die Zeit geht so schnell vorüber, die Schläge der Uhr verklingen..." Mechanisch dröhnten die Schläge der Uhr, ein Hammer auf dem Amboß der Welt, aber die Stimme der Ratte mit dem schabenden Klang des Zähnewetzens darin übertönte sie mit ihrer Schärfe. 
"Hör zu, Eddie. Sonnabend, in fünf Tagen, wird es eine große Unruhe im Dorf geben. Du solltest dich nicht zeigen, verriegle die Türen und Fenster, zünde kein Licht an, und geh früh schlafen. Dein Vater hätte es so gewünscht -" 
Zitternd verklang der letzte Schlag der Uhr, und die Echos des Krachens, den das Zuschlagen der Schädeldecke erzeugte, hätten Asmodinas letztes Wort fast abgeschnitten. Aber Edgar hatte es verstanden, halb geahnt nur, aber immerhin verstanden. Während er mit leerem Blick auf die mit kalter Suppe bedeckte Innenfläche seines Zinntellers starrte, fühlte er den Absprung der Ratte von seiner Schulter und hörte das leise Klingen ihrer Krallen, als sie an dem schwingenden Perpendikel hochkletterte. Dann war er wieder allein. 

Die Stunden der Nacht waren lang, monoton und gleichförmig in dem großen alten Schloß auf dem Hügel. Edgar hatte dort gelebt, so lang er sich zurückerinnern konnte. Das Tageslicht fliehend, wie sein Vater es ihm stets eingeschärft hatte, war er nachts durch die wohlbekannten Flure, Säle und Kammern gestrichen, manchmal mit einem Kerzenleuchter in der Hand, manchmal in vollkommenem Dunkel, immer auf der Suche. Wonach? Das wußte er nicht. In manchen Nächten, wenn der Mond, der wunderschöne, von jagenden Wolkenfetzen verschleierte Mond, seine elfenbeinfarbenen Strahlen durch die löchrigen Decken oder zerfallenden Fenster hereinwarf und die milchige Sanftheit solchen Lichts die Konturen der gewöhnlichsten Gegenstände verzauberte, lag er irgendwo in dem widerhallenden Gemäuer und betrachtete die Welt durch den Vorhang seiner wirren schwarzen Haare, die sein Gesicht fast ganz bedeckten. Unter dem wirren Vorhang konnte er seine dunklen, hungrigen Augen in der weißen Fläche seines Porzellangesichts kaum erkennen, nur sein Lächeln, das weiß-porzellanzahnig zwischen den schwärzlichroten Lippen schwebte; und das machte ihn froh, da ihn der Anblick seiner eigenen Augen im Spiegel stets beunruhigt hatte. 
Asmodina sagte, seine Haare sähen aus wie ein Krähennest. Er solle sich eine Frisur machen, eine von vielen, wie man sie zu allen Zeiten getragen hatte, oben in der Ahnengalerie seien so viele schöne Beispiele dafür zu sehen. Nur weil man allein sei, wäre das noch kein Grund, zu verkommen. Aber er hatte keine Lust, seine Frisur zu verändern, weil diese Haarsträhnen so trefflich die hohlen schwarzen Augenhöhlen mit den riesig starrenden, wie hungrige Mäuler aufgerissenen Pupillen bedeckten, vor denen er sich fürchtete, wenn er in einen der halbblinden Spiegel sah. 
Seine vielen hübschen Freundinnen hatten ganz andere Augen. 
Edgar kannte nur die Augen seiner Freundinnen und die der Ratte, aber diese zählten nicht gleich, denn schließlich war sie eine Ratte und kein Mensch. Ob er lieber Rattenaugen gehabt hätte? Ach, warum nicht? Aber auch Asmodinas Augen waren hungrig; und das war richtig so, denn Ratten sind Räuber, sie töten alles, was ihnen über den Weg läuft und kleiner ist als sie. Und wenn sie zu mehreren sind, dann töten sie zuweilen auch das, was größer ist als sie... 
Er hatte diese Kämpfe oft beobachtet, in der Nacht, den stillen finsteren Stunden vor Tagesanbruch, wenn er nur das Scharren der kleinen, krallenbewehrten Füße und das Peitschen der langen Schwänze hören konnte und vielleicht - vielleicht - das leise, aber verzweifelte Piepsen, die Todeslaute der Mäuse und anderen, fremden Ratten, mit denen Asmodina kämpfte. 
Seine schönen Freundinnen standen überall in jedem Winkel seines Schlosses. Er ging sie oftmals besuchen, eine nach der anderen. In den mondhellen Nächten hatte die nackte Haut ihrer schlanken, hochaufgerichteten Körper einen matten Schimmer wie Kleehonig, und sie schmeckte ebenso köstlich, wenn er sie bisweilen mit seinen schwärzlichroten Lippen küßte. Sie waren starr und kalt, von glatter Perfektion, ohne die Unzulänglichkeiten und Schwierigkeiten des menschlichen Körpers, und doch erwachten auch sie ab und zu zum Leben, wenn auch nur für kurze Zeit. Es gab Möglichkeiten, sie zu aktivieren, aber Asmodina mußte dabei sein, denn nur sie kannte das Geheimnis, das sie ihm  nicht verraten wollte. Wenn er dann seine dünnen, blassen Hände über die verlockende Glätte jener honigfarbenen Haut gleiten ließ, konnte er eine schwache Wärme darunter wahrnehmen, wie ein Körper, der seufzen und atmen konnte, fast so wie er. Nur - weinen konnten sie nicht... 
Sie hatten nicht die Fähigkeit, warme, aus dem Innern des Herzens strömende Tränen über ihre leblosen Gesichter rinnen zu lassen, die in den schrecklichsten Stunden der einzige Trost sind, den ein einsames Menschenkind hat. Aber er kannte die Tränen. Er hatte oft geweint, wenn er, von seinen steifen Freundinnen enttäuscht, die lange Wendeltreppe hinuntergerannt war in den Keller, wo die Werkstatt seines Vaters lag. 

Vater war nicht mehr da, schon lange lag die Werkstatt in tiefem staubigem Schweigen, das nur von den scharrenden Pfoten der Nachttiere unterbrochen wurde. Selten, selten kam Edgar hierher, denn der Ort war still und verlassen und kalt, und jeder noch so leise Ton hallte in endlosen Schlägen von den salpeterverkrusteten Wänden wider. Die Gerätschaften, die Vater in dem Keller angesammelt hatte, standen spinnwebenverhangen, mit zerbrochenen Glaskolben und ausgelaufenen Flüssigkeiten auf den langen Holztischen. In den alten Tagen, als Vater noch lebte, hatten die Wände vor kleinen bunten Lämpchen geblinkt, hatte das Knistern und Knattern der Elektrizität in dem Labor gelegen, der Geruch nach undefinierbaren Säuren und Mixturen, das Quieken der Meerschweinchen und Meerkatzen in den Käfigen voll frischem, duftendem Heu. Vaters Gegenwart erfüllte die hohen Gewölbe, brachte die Dunkelheit zum Glühen und die Stille zum Tönen, und er wirkte Wunder mit seinen Händen. 
Einen Augenblick auf der Wendeltreppe zusammengesunken, betrachtete Edgar voller Staunen seine eigenen Hände, die er dicht vor dem Gesicht hin- und herwendete. Sie waren genau, wie er die Hände seines Vaters in Erinnerung hatte, ebenso langfingrig, ebenso künstlerisch, zart und empfindsam, wie geschaffen dafür, das delikateste Werk zu vollbringen. Er zauderte vor dem Eintritt in das Labor, lauschte mit schrägem Kopf auf das, was von drinnen herausdrang - aber da war kein Laut, kein Anzeichen einer anderen lebenden Seele in dem ganzen Schloß, außer ihm allein. 
Das schweigende Gewölbe füllte sich mit einer Wolke von Staub, die bei seinem Eintritt aufwirbelte. 
Durch ein winziges schmales Fensterloch drangen die schwachen Strahlen des Mondes und erhellten Teile des Raums, zerbrochene Erlenmeyerkolben, ineinander verstrickte durchsichtige Schläuche, verrostete Maschinen mit runden Anzeigen wie tote, starrende Augen. Die Wände waren bedeckt mit einem Gewirr haarfeiner Kabel, die wie der Wildwuchs von Jahrzehnten aus den mit aufgerissenen Bäuchen verendeten Maschinen wucherten. Vorsichtig, um nicht von ihnen geblendet zu werden, hielt Edgar beim Vorwärtstasten die Hände vors Gesicht, und die Glasfaserbüschel streichelten ihn wie besorgte Finger, wie das lang herabfallende blonde Haar seiner Mutter. 
Mutter schlief in dem länglichen Glassarg, aufrecht an ihrer Wand befestigt, die hüftlang wallenden Locken wie ein duftiger Mantel, ihr wunderschönes elfenbeinweißes Antlitz zart wie immer, wie immer. Sie war von berückender Schönheit, von einem bleichen Finger des durch die Schießscharten hereinfallenden Mondlichts angestrahlt, das ihre lange wellige Haarpracht wie einen Heiligenschein leuchten ließ. Die Finger an das kalte Glas gepreßt, sank Edgar neben dem Sarkophag zu Boden und starrte mit zurückgeworfenem Kopf hoch zum sanft geneigten Gesicht seiner Mutter. Die Erinnerung an Vaters Worte hallte leise in seinen Schläfen wider: 
‚Ich habe sie geliebt, aber sie hat mich verraten... deshalb ist deine Mutter jetzt so still und weiß, sie wird nie wieder weglaufen. Ich wollte sie behalten, wollte ihre Schönheit für immer besitzen... ach, diese reine Schönheit, ich wollte sie für immer bewahren!' 
Er erinnerte sich an das erstickte Schluchzen, den heiseren Tonfall in Vaters Stimme, und den Anblick, wie er sein vor Kummer verzerrtes Gesicht auf das Heiligenantlitz der Toten richtete, die feinen Künstlerhände windend, windend in stummer Qual. 
Feiner Staub rieselte unter Edgars Fingern herab von der bebenden Scheibe, die Mutters goldenes Haar bedeckte. 

Aber es gab auch andere Nächte, andere Zeiten, andere Zeichen in Vaters Haus, unter der Mitternachtssonne, dem stillen schweigenden Mond, der in manchen Nächten von dicken schwarzen Wolkentürmen verborgen wurde, in denen die Elektrizität knisterte und zuckte, wie einstmals die kleinen bläulichen Entladungen in Vaters Werkstatt, die Edgars Geburtsort war. Er liebte die Elektrizität, sie verlieh ihm Leben und Kraft, war ihm anverwandt und freundlich. 
Manchmal zuckten die Blitze wütend und prachtvoll über dem Hügel, den hohen Söllern und Türmen der Burg. Auf dem höchsten Bergfried die Drachen, und die langen starken Stahltaue, die sie hielten, und die auf riesigen hölzernen Winden aufgewickelt waren! Edgar löste sie aus ihren Verankerungen, und obwohl das Leder der Tragflächen in Fetzen von den nackten Gerippen hing, fing sich der Sturm in ihnen, und sie rasten davon, hinauf in den schwarz-leuchtenden Himmel, die Kabel hinter sich mit einem singenden Ton abspulend. Wie zwei Fledermäuse mit zerfetzten Schwingen tanzten die Drachen weit oben am Himmel, so klein, daß sie scheinbar nur noch die Größe von Spielzeugdrachen hatten. 
Wie die Stahltaue sangen, von der Macht des Sturms bis an die Grenze der Belastbarkeit gespannt! Und wie Edgars schrilles, überschnappendes Lachen hallte, während die zornigen Blitze oben in die Drachen schlugen und ihm die Haare durchwoben von kleinen, bläulichen Entladungen wirr zu Berge standen! 
 
 

>>>>>