Vampyre Planet-Zine

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Vorschau:

Am Abend

Es war ein wirklich kalter Abend in der Großen Stadt als er langsam in Richtung Fluß zog. Er wickelte sich eng in seine wollene Jacke und Schal. Früh hatte er heute schon den Club verlassen, irgendwie war er sehr müde. Vielleicht würde er noch mal wiederkommen. Später. Das hing nur daran ob er später noch Lust haben würde, sich die Leute noch einmal anzutun.
...
Feuerwehrwagen passierten ihn auf der Straße, er blieb stehen und betrat einen grell erleucheteten griechischen Imbiss. Der füllige Mensch hinter der Theke wischte sich die Hände an der Schürze ab und nahm mit grimmigen unrasierten Gesicht die Bestellung entgegen. Sein fettfleckgarniertes weißes T-Shirt trug die verwaschene blaue Aufschrift des Ladens. 
Er ging weiter, bog ab und schlenderte durch eine schmale Gasse, um abzu- kürzen. Am Ende der Straße stand dann ein Haus in Flammen. Das war dieses Heim für Schwererziehbare und Waisen, wo auch er einige Jahre verbracht hatte. Und nun brannte es gerade ab. 

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Zero

Kay Agony


Es war dunkel und es regnete. Das war nichts Neues in der Großen Stadt. Der Regen war weich und nass, er fiel stetig aus den bleigrauen Wolken. Jedenfalls waren sie bleigrau, wenn es manchmal bei Tage regnete. Jetzt war das nicht zu erkennen, denn es war ja dunkel. Aber es war so oder so nichts Neues. 
Alles was an diesem Stadtteil anders war als an den anderen, war, daß hier nicht so viele Menschen unterwegs waren. Weder bei Tag noch bei Nacht. Die Stadt war groß, sehr groß sogar und es lebten verdammt viele Menschen hier. Es war die Große Stadt. 
Ronald verlöschte. Traurig blickte der magere Junge in das ausgetropfte rote Grablicht und auf die tote Motte die in dem flüssigen Wachs schwamm. Bald würde das Wachs erstarren. Und die Motte mit ihm. 
Zwei Schwäne schwammen vorbei. Anmutig, strahlend. Ein Gegensatz. Er grinste kurz, flüsterte: „Heute gibt es Schwan. Gleich zwei Stück...“ bevor er wieder ernst und nachdenklich wurde. Manchmal war er ganz alleine. Eigentlich war manchmal ziemlich oft. Eigentlich immer. 
Er blickte wieder auf seine Hände, die Ronald hielten und weiß aus dem zerrissenen schwarzen Stoff ragten. Alles war so feucht, seine Haut irgendwie aufgeschwemmt vom ganzen Wasser und er fror. Er fror immer. Er fühlte sich wie eine Wasserleiche. Fühlte sich nicht schlecht an. 
Hinter ihm ragte das alte Hotel auf. Es war verdammt groß und leer dort denn da wohnte schon lange keiner mehr. Nur der Junge. Und Ronald, das Grablicht. 
In den Zimmern, die tot mit ihren zerschlagenen Fenstern auf den Jungen am Bootssteg hinabstarrten, rieselte der Verputz von den Wänden. In seinem Zimmer waren die Fenster noch ganz bis auf eines, das er mit Brettern dicht vernagelt hatte. Es waren Fresken an der Decke, verblichene Bilder von einem Park mit Statuen aus Stein und Pfauen und Trauerweiden und einem See. Der See hatte klares Wasser, man konnte Fische sehen, nicht wie im Großen Fluß an dem er hier saß. Manchmal wenn er schlaflos dalag, konnte er sich in diesem Park stehen sehen. Schwerelos. Und irgendwie- 
Am Abend, wenn er aus einem Fenster die Große Stadt sah, dachte er jedoch nur an Untergang. Denn hier war nichts. Keine Bäume, keine Pfauen, kein See. Die ganze Stadt feierte Nacht für Nacht dem Untergang entgegen, die Nächte durch, gerade in diesen Teilen der Stadt und in dem alten Industriegebiet. Sie feierten, und sie würden ewig weiter feiern, bis zum Ende. 

Heute saß er wieder hier auf dem Steg am Ufer, der nur noch halb war und aus zersplittertem Holz notdürftig zurechtgerückt. Er sah dem Regen zu, der langsam an seinem langen zottigen Haar entlang kroch und durch sein Gesicht auf seine Hände tropfte, von seinem spitzen Kinn hinab auf die knochengleichen Hände. 
Ronald war aus, so saß er in fast völliger Dunkelheit. In der großen Stadt war es nie ganz dunkel. Nur düster. Undurchsichtig. 
Er hörte den Regen, der auf seine verschlissene Samtjacke fiel. Völlig erstarrt. Fast wie in Trance. 
Die Stadt roch vermodert. Ratten wohnten hier. Die Ratten waren die Menschen, die in dem modrigen Moloch wohnten. Millionen von Ratten. Er mißtraute ihnen, manchmal hatte er auch Angst vor ihnen. Nur in der Nacht fühlte er sich ihnen so überlegen. Wie klein und mies sie doch alle waren, die Tagmenschen. 
Er war auch klein. Nur einen Meter und fünfundsechzig .Dafür wog er auch nur knapp vierzig Kilo. Und er war ganz allein. Da war nichts. Nur Ronald. Und die tote Motte. Und Ronald war aus und die Motte tot. 
Seine Augen hatten ständig rote Ränder, weil er vor Kälte nicht schlafen konnte. Manchmal konnte er kaum laufen vor Schwäche. Oft blieb er tagelang einfach liegen und ließ seine Gedanken tonnenschwer immer und immer wieder rotieren. 
Er trug seit Tagen eine Dachschindel vom Hotel mit sich rum. Sie war ihm direkt vor sie Füße gefallen. Er hatte da nur ein Geräusch gehört, ein Gurren wie von Tauben und schlagende Flügel und da war ihm das Ding schon vor die Füße gerauscht. Manchmal hörte er die Tauben im Hotel und stellte sich vor, daß sie in seinem Zimmer gefangen waren und wieder und wieder gegen die blinden Fensterscheiben flogen, bis sie vor Schmerzen schrien. Er sah blutige Spuren und Federn, die in dem Blut klebten, an den Wänden und Scheiben. Und wenn ihn die echten Tauben dann aus seinen Gedanken weckten, war es wieder still und nur rauschende Große Stadt im Hintergrund. Er wußte nicht wieso er die Schindel mitgenommen hatte. Jedenfalls lag die da schon tagelang in seinem Rucksack und nahm Platz weg. Blöde Schindel. 
Er hatte Lust, laute Musik zu hören und in die Stadt zu gehen, wo Clubs und Bunkerdiskos waren. Es war nicht sicher. Es war nie sicher und er hatte auch kein Geld. Aber er wollte heute seine Freundin treffen. 
Eigentlich hatte er keine. 
Er hatte nur so ein Gefühl. Und noch bevor er sich bewußt war, daß er so ein Gefühl hatte, als hätte er da jemanden, draußen in der Stadt, hörte er plötzlich das Knirschen von den Kieselsteinen hinter sich. Und als er sich langsam und mit klopfendem Herzen umwand, sah er ein Mädchen da stehen. Die war klein und hatte einen Iro auf dem Kopf und ein kurzes zerfranstes Röckchen an über der schwarz- weiß gekastelten Strumpfhose, Stiefel bis zu den Knien und einige zerfetzte T- shirts übereinander. Die stand da und er saß mit offenem Mund und verdrehtem Kopf nur wenige Meter entfernt. Er wollte schlucken, aber er hatte den Kopf soweit gedreht daß das nicht ging. 
Sie lächelte. Ganz wenig nur, sie verzog die Mundwinkel kaum. Dann drehte sie sich um und rannte weg. Erst langsamer, dann wurden die knirschenden Schritte immer schneller und weiter weg. Er stand eilig auf, umständlich, und stand da, hauchte nur: „...warte doch...“, ganz leise, unsicher und hob verwirrt den Arm, als könne er sie noch greifen. Die Schritte stoppten, kurz bevor das Geräusch in das Stadtrauschen überging. Dabei war sie schon hinter dem Gebäude verschwunden. Sie konnte das unmöglich gehört haben. Ihm wurde schwindelig. Jetzt ging er langsam los. Dann rannte er fast, über den Kies, am Haus vorbei bis er die Straße sehen konnte. In der Einfahrt sah er ihre zerzauste Silhouette im gelblichen Straßenlampenlicht stehen. 

Auch er blieb sofort wie angewurzelt stehen, erstarrte und hielt die Luft an. Er zitterte plötzlich. „he-„ sagte er halblaut. Er hatte laut angefangen, aber dann verließ ihn der Mut und er brachte es ganz leise zu Ende. Seine Stimme war so oder so nicht laut, aber ganz rauh vom Rauchen und die Schminke am Mund immer etwas verschmiert. 
Er war nicht sehr geschickt. Aber er mochte seine schiefe Nase und sein knochiges Gesicht gerne verbergen. Auch vor sich selbst. 
Und jetzt stand er da und starrte diesen Schatten an mit dem zerfransten Iro und dem kurzen Rock. Er hatte Angst sie würde vielleicht wieder loslaufen und er könne ihr nicht folgen, weil er zu müde war. 
Sie kam näher, er hörte die Schritte, aber er realisierte erst, daß es so war, als sie ganz nah vor ihm stand. Sein Herz schlug jetzt wie wild, er konnte kaum noch atmen. Sie stand da nur und sah ihn an mit sehr genau und sauber gezeichneten Katzenaugen, sie war nicht größer als er selbst, prüfend musterte sie sein Gesicht, hob dann die Hand und wischte etwas Lippenstift von seinem Mund. Er zuckte unwillkürlich zusammen bei ihrer Berührung und begann schlimmer zu zittern. Ihre Finger waren ganz warm aber regenfeucht. 
Dann strich sie ihm das nasse Haar aus dem Gesicht und fuhr auch unter seinen großen grauen Augen entlang, nahm die verschwommene Farbe mit. So große Augen. Sie rieb die schwarzen Flecken zwischen ihren Fingern fort und zeichnete dann neugierig seine Augenbrauen mit den Daumen nach, wischte Tropfen von seinem Kinn, griff dann an seine Seite, nahm seine Hand und zog ihn weg. 
Das war alles recht schnell gegangen und doch- fast wäre er gefallen als sie ihn an seinem erstarrten Arm aus der Trance zog. Er konnte die Augen nicht von ihr nehmen. Er konnte das einfach nicht glauben. Nie war ihm jemand so nah gekommen, nie nie nie. Nie, außer in anderer Absicht. 

Bald kannte er sich nicht mehr aus. Hier war er nie gewesen. Sie entfernten sich zusehends vom Fluß. 
Einmal stolperte er über einen Bürgersteig, weil er nicht auf seine Füße achten konnte. Er wurde brutal umgerissen und schürfte sich die Hand, als er sich auf dem Asphalt abfangen wollte. Sie half ihm auf und küsste die Wunde und blickte ihn fest an und zog ihn weiter. Weiter in die Stadt. In die große sterbende untote Stadt. 
Ihre Augen waren wie tiefe Seen, blau und grün und so wäßrig, daß sie wie flüssiges Kristall schimmerten. Sie hatte eine kleine spitze Nase und schmale Lippen, ganz viele Ringe in den Ohren und in der Nase zwei. 
Und ihre warme Hand hielt ihn fest und zog ihn unaufhaltsam weiter hinein in die Stadt. Die sanfte Wärme linderte bald das Brennen an seiner Hand, sie war jedoch immer noch in einen leisen pochenden Schmerz gehüllt. 
Sie ging schnell, ihre Füße schienen fast den Boden nicht zu berühren. Er fühlte sich ungeschickt hinterherstolpernd und bemerkte, daß ein Stück weiße Haut an seinem Knie durch den Stoff schimmerte, während er ging. Es mußte bei dem Sturz passiert sein. 
Langsam belebten sich die Straßen, seltsame Gestalten kreuzten ihren Weg, lachende Gruppen. Einzelne, meistens schwarz gekleidet. So wie er. Keiner achtete so recht auf sie, dennoch fühlte er sich unsicher und beobachtet. 
Sie blieb plötzlich stehen und drehte sich zu ihm. Wie einem Impuls folgend wollte er ihre Hand freigeben, aber als er merkte, daß sie nicht losließ, griff er sie auch wieder fester. Ein kühler Schauer folgte dem nächsten als er sie ansah. Sie waren vor einem riesigen, kastengleichen Gebäude stehengeblieben. Die riesigen Industriescheiben waren von innen mit schwarzer Farbe gestrichen worden, es drang dumpf Musik durch die großen Stahltüren zu ihnen nach draußen. 
„Wie heißt du?“ fragte er plötzlich, ohne es eigentlich vorgehabt zu haben. Sie ließ seine Hand los und nahm einen kleinen Schreibblock aus der Tasche ihrer abgewetzten Lederjacke. Sie kritzelte etwas darauf mit einem winzigen Bleistiftrest und zeigte es ihm. 
Zoe. Ein schöner Name. „Zoe-“ sagte er und als sie lächelte, tat er es ebenso. Sie zeigte auf ihn und sah ihn fragend an. „Ich?“ sagte er und dann: „Mmh-“ Es war ihm immer so unangenehm seinen Namen zu sagen. 
„Früher haben mich die anderen Kinder Zero genannt.“ sagte er dann, denn im Grunde kannte ja heute keiner mehr seinen Namen außer Ronald. Und Ronald konnte nicht sprechen. Zoe auch nicht. 
Sie lächelte wieder und nahm seine Hand und er griff sie fester als sie auf die Stahltüre zuging und sie öffnete. Die Musik war jetzt sehr laut, dunkel und treibend. 

Der Raum war groß. Sehr groß sogar. An Ketten waren Ebenen an der Decke befestigt, die ganze Halle war in Ebenen gestaltet, die Musik erfüllte den ganzen Raum, Nebel und Licht. Es waren Leute hier. So viele Leute. Er hielt sich fester an ihrer Hand fest aus Angst sie zu verlieren, als sie ihn hinter sich her zog. Die Leute waren alle so groß- nie war ihm so sehr aufgefallen wie klein er war. Und sie, sie war genauso klein. Er blickte sich um und nahm mit der anderen Hand einen Zipfel von ihrer Jacke. So schlängelten sie sich durch die Menge, dann standen sie vor der Tanzfläche, am Rand der Menge, die sich bewegte in dem durchdringendem Rhythmus in sich versunken, es war dunkel, das Licht rot und tief, sie ließ ihn los und drehte sich um, lächelte, nahm ihn an beiden Händen und zog ihn auf die Tanzfläche, mitten hinein. Er war völlig verwirrt und blickte sich ängstlich um, er hatte wirklich Angst, sie bewegte sich und ließ ihn los. Dann kam sie zu ihm und drehte seinen Kopf so, daß er sie ansah und tanzte, sie schloß mit ihren Händen seine Augen und nahm ihn an den Schultern, daß er einfach die Musik hörte und tanzte. Und das tat er und als sie ihn losließ, öffnete er kurz die Augen um sich zu vergewissern, daß sie noch da war. Sie berührte wieder seinen Arm, daß er die Augen wieder schloß und hielt ihn fest. 
Er war so durcheinander und wußte nicht wie ihm geschah, er war nahe daran einfach umzufallen vor Erschöpfung. Und als er dann wirklich drohte zusammenzuklappen, nahm sie ihn endlich ganz in den Arm und trug ihn fast, um hinaus zu kommen. Die anderen machten Platz, ein Junge half ihnen die Tanzfläche zu verlassen. 
Er merkte von dem Weg, den sie jetzt zurücklegten nicht mehr viel, weil er fast schlief, fast keine Luft bekam vor Aufregung, ihm war schrecklich schwindelig. Schließlich kamen sie irgendwo an und er legte sich dort hin und spürte ihre warmen Hände noch als er einschlief. 

Und nie hatte er so geschlafen. Nicht lange, aber tief. So tief. Keine Träume. Ihre warmen Hände. Soviel Wärme. Trotzdem fror er. Weil er immer fror. 
Irgendwann erwachte er. Als er das bemerkte, öffnete er sofort die Augen, es war wie ein Schlag ins Gesicht. Hastig sog er Luft ein und richtete sich auf. Ihm war schwindelig von der schnellen Bewegung und er hielt sich die Hand vor die Augen. Ihm war kalt, er sah die Wand seines Zimmers vor sich. Dann erinnerte er sich- der Abend, Zoe. 
Er sah an sich herab und bemerkte, das seine Stiefel und Socken neben dem Bett lagen und sein Mantel über den Stuhl hing, auch sein Pullover. Er ließ sich zurückfallen und tastete, daß unter seinem Kopf etwas zusammengerollt war als Kissen, samtig weich. Er rollte sich auf die Seite und zog es hervor. Ein schwarzes und sehr langes Stück Samt, ein Rock. Der roch nach ihr, wie ein kühler Regen auf aufgeheiztem Asphalt. Zero zog ihn an sich und rollte sich zusammen, tastete den Stoff und roch ihren Geruch und lächelte. Fast eine Stunde lag er dort so und ließ den ganzen Abend an sich vorbei ziehen. 
Er ging in die Stadt. Es war ein weiter Weg bis zu dem nächsten Supermarkt aber er hatte geschlafen und konnte laufen ohne anzuhalten vom Hotel bis in die Stadt. Und zurück. 
Er konnte auch essen, ohne daß ihm schlecht wurde. Nicht viel. Genug. Schließlich saß er wieder auf der Matratze und sah den Rock da liegen. Es war dunkel geworden und der Regen hatte wieder begonnen. Wie aus einem Impuls heraus stand er irgendwann auf und zog den Rock an, schminkte sich und versuchte es diesmal besonders gut zu machen. Dann ging er und saß am Bootssteg herum. Ronald stand noch immer da. Es tat ihm leid, daß er ihn hatte stehen lassen, war er doch sein einziger Freund. Er kam sich treulos vor und goß traurig das Wasser aus, das sich auf dem erstarrten Wachs gesammelt hatte. Die Motte mußte nach unten gesunken sein, er konnte sie nicht sehen. 

Die ganze Nacht saß er da und wartete. Jedes Rauschen in den Bäumen ließ ihn zusammenschrecken und sich umdrehen. Er wurde wieder naß, es tat ihm leid um den Rock und er hoffte, daß der Geruch nicht ausgewaschen würde. Bald wurde es hell. Er hatte einfach da gesessen wie schon oft, aber nie war das so anstrengend gewesen, nie so angespannt und nervös. Als es Tag war und der Himmel grau und naß, ging er ins Haus und legte sich hin. Er war enttäuscht und traurig, alles tat ihm weh tief innen und er konnte nicht schlafen. 
Am Abend hatte er immer noch den Rock an und fror. 
Er ging hinaus in die Stadt und suchte nach ihr. Er hatte solche Angst und ihm war so kalt. 
Als er sie fand, lag sie auf der Straße vor einem Auto und bewegte sich nicht mehr. 
Da fiel er hin und konnte nicht wieder aufstehen. Er kam nicht vom Boden weg, es war, als sei er magnetisch und der Boden ziehe ihn so stark an sich, daß er keine Kraft mehr in den Beinen hatte um sich aufzurichten. Er fiel vor ihr hin und zog sich zu ihr, ihre Augen waren noch offen, er konnte sie riechen und sehen und aus ihrem Mund lief Blut, er küßte sie, sie lächelte... 
Als er aufwachte, wußte er noch wie ihr Blut geschmeckt hatte. Er hatte im Schlaf geweint. 

Es war nun wirklich dunkel und er hatte den Rock noch an. Geweckt aber hatte ihn die Wärme der Hand, die auf seinem Gesicht lag. Erneut schreckte er so hoch wie schon am Morgen. Als er sie erkannte, mußte er weinen und hielt ihre Hand fest. Er war so erleichtert und glücklich, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Ihm war so kalt und er zitterte erbärmlich. Sanft strich sie an seiner Wange entlang. Sie lächelte und machte ein beobachtendes Gesicht, nahm ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche, befeuchtete es mit Spucke und wischte ihm die verlaufene Schminke aus dem Gesicht. Er schämte sich fast und kam sich so nackt vor mit einem Mal. 
„Ich bin so häßlich, Zoe.“ flüsterte er während sie seine Stirn vom Puder reinigte und die unterschiedlichen Narben freilegte. Das tat er nicht aus Selbstmitleid oder weil er das Gegenteil hören wollte. Das sagte er, weil er der festen Überzeugung war, weil es seine wirkliche und ehrliche Meinung war. 
Dann lächelte er und sah ihr ganz mutig ins Gesicht. 
„Und du bist so schön.“ schnell senkte er den Blick wieder. 
Er spürte ihre Hände im Nacken und wie sie ihm durchs Haar fuhren. Dann wie sie sein Gesicht drehten und betasteten. Ihre Haare waren lose und gingen ihr bis zu den Ohren, die Seiten rasiert. 
„Wo kommst du bloß her?“ meinte er noch bevor sie ihn küßte, ganz sacht und langsam. Sie zog ihm Pullover und T- Shirts aus und er konnte nichts dagegen tun. Sie betastete jede Rippe, die wie Messer spitz aus seiner so absolut farblosen Haut ragten. Sie führte seine Hände, daß er sie umarmte und er fühlte ihr warmes Fleisch so dicht an sich, daß er nicht mehr zittern mußte. 
Er schüttelte den Kopf ängstlich und ein wenig irritiert, sie lächelte und nickte, drückte ihn nieder auf die Matratze und legte sich zu ihm. Ihm war warm und es war real. 

Als er ein drittes Mal in diesen Tagen erwachte, war der Schreck so heftig, daß er senkrecht saß und keuchte. Er zitterte und war total aufgelöst. Draußen war es hell, war grau und regnete, es donnerte ab und zu. Er schob die Decke beiseite und zog seine Kleider an. Er hatte so ein schreckliches Gefühl von Leere, daß er vor Schmerzen hätte schreien können. Es eilte, etwas trieb ihn, er mußte aufstehen. 
Er hatte den Rock an und fror. 
Er rannte hinaus in die Stadt und suchte nach ihr. Er hatte solche Angst und ihm war so kalt, fest wickelte er sich in seine Jacke. 
Als er sie fand, da lag sie auf der Straße vor einem Auto und bewegte sich nicht mehr... 
nein nein nein nein nein
Da fiel er hin und konnte nicht mehr aufstehen. Ihre Augen waren offen, es lief Blut aus ihrem Mund, er küßte sie. „Du bist wunderschön.“ wisperte sie tonlos... 
 

Für Lila 
 

©Kay Agony