Vampyre Planet-Zine

Stories, Gedichte 
Fanfiction 
Rezensionen: 
Bücher & Comics
Interviews
Vamporium: Essays
Cinema
Musik
Fin de Siecle 
Mondgedichte
 


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Vampirball 

Samana


„Als wenn das so einfach wäre.“ Mark betrachtete sich im Spiegel der Umkleidekabine, die er schon seit geraumer Zeit in Anspruch nahm. Er hatte sich extra den größten Gothic-fashion Laden der Stadt vorgenommen, hier musste er doch etwas finden. ´Einlass nur mit entsprechender Garderobe´ stand auf der Einladung, die er von einem Freund bekommen hatte. Eigentlich war es kein richtiger Freund, mehr eine lockere Bekanntschaft. Freunde hatte Mark nicht, er legte auch keinen großen Wert darauf. Allerdings fehlte es ihm manchmal an Gesellschaft, und dann zog er los und lernte die merkwürdigsten Leute kennen. Das mag wohl auch daran liegen, dass er oft sehr seltsame Lokalitäten aufsuchte. 
So auch vor ein paar Monaten, als er Frank kennen lernte, dessen Einladung er nun in Händen hielt. Frank war passionierter live-Rollenspieler, vor allem die Vampirrollenspiele hatten es ihm angetan. Schon seit Jahren mimte er einen gefährlichen und charismatischen Vampir und er hätte eine hohe Stellung in „seinem Clan“, wie er immer wieder versicherte. 
Mark nahm das alles mehr belustigt zur Kenntnis, hörte sich die Geschichten aber gern an, da sie sehr kurzweilig waren und Frank ein guter Geschichtenerzähler. 
Nicht ganz so lustig fand er es, als ihm die Einladung zu einem live-event überreicht wurde, mit der Bitte, doch vorbeizuschauen. Ihm würde es bestimmt gefallen, hieß es, und sie könnten auch mal wieder „frischen Blut gebrauchen“. HaHa! 
Nun ja, all das hat dazu geführt, dass sich ein knapp 30jähriger Mann nun in viel zu enge Teenieklamotten zwängen wollte. Er ächzte, stöhnte, hoppste manchmal auf einem Bein durch seine Kabine, nur um festzustellen, dass es absolut keinen Sinn hatte. 
Warum nur finden die Leute Lack- und Ledersachen vampirisch? Warum muss es schwarz sein? Und was ist so romantisch an Rüschen?! 
„Als wenn es so einfach wäre“, nörgelte er den Spiegel an. 
Die Menschen leben komplett in Klischees, warum lieben sie solche künstlichen Realitäten, anstatt sich an der richtigen, echten Realität zu erfreuen? Warum soll sich ein Vampir als Vampir verkleiden? 
Mark betrachtete sich eingehender. Wie sähe wohl ein anständiger Blutsauger aus… 
Er war hoch gewachsen, schlank, aber nicht kraftlos, hatte schulterlanges blondes Haar und einen Kinnbart. Seine Augen…ja, die gingen wohl als vampirisch durch, das helle Blau hatte etwas Stechendes. Auch seine Fangzähne, die er im Alltag natürlich nicht zeigte, waren durch und durch vampirisch. Bei dem Event würde er sie natürlich ausfahren, das war klar. Fast alle Akteure dort trugen künstliche Fangs, es war quasi ein Muss. Ja, die Augen und die Zähne… 
Aber sonst – er legte den Kopf etwas schief. „Ach was soll´s“, sagte er und wollte damit sich und die Welt im Allgemeinen trösten. „Geh ich eben so wie ich bin, sie werden mir schon nicht den Kopf abreißen, wenn ich in Jeans und Hemd auftauche; ist ja schließlich auch beides schwarz.“ 
Er nahm sich aber doch dann noch ein übergroßes silbernes Ankh an einer Kette mit, denn Ankhs waren sehr vampirisch, das hatte ihm Frank mal erzählt. 

Der große Abend kam dann auch bald und Mark platze fast vor Neugier. Frank hatte sogar an eine Begleitung für ihn gedacht und so gingen sie nun mit zwei sehr hübschen jungen Mädchen im Schlepptau die Stufen zum Schloss empor. 
Es war schon beeindruckend, dienstbare Geister huschten in barocken Kostümen und beladen mit Getränken und Leckereien durch die Menge, kristallene Leuchter sorgten für das richtige Licht und irgendwo musste eine Musikgruppe spielen, denn durch die Räume ging eine leise und sehr angenehme Melodie. 
Sie kamen zum Einlass und der Portier bat um die Einladungen. Alle zückten ihre Karten und händigten sie dem Mann aus. Der wiederum zog eine Augenbraue hoch, als er Marks Aufzug sah. Frank reagierte prompt und erklärte, dass sein Freund zu einem fremden Haus gehörte und dort würden sie alle so rumlaufen. Mark hörte dann noch verschiedene Namen von Clans und Orden, was ihn aber nicht weiter interessierte und er darum seine Aufmerksamkeit anderen Dingen widmete. Er besah sich die Leute um sie herum, alle in feinster Abendgarderobe und die Frauen versuchten sich an prächtigen Kleidern gegenseitig zu übertreffen. 
Irgendwann war er so in Gedanken versunken, dass er erst durch einen Ruck an seinem Ärmel in die Realität zurückfand. „Alles in Ordnung?“ vergewisserte sich Frank. „Ja, alles bestens“, bestätigte Mark, und so zogen sie gemeinsam in den großen Saal. 

Bald schon war die Stimmung auf ihrem Höhepunkt angelangt, es war ein rauschendes Fest. 
Nur Mark stand etwas Abseits und besah sich ruhig und noch nüchtern das Treiben. Seine Begleitung hatte schon längst das Interesse an ihm verloren und amüsierte sich irgendwo. Sein Blick glitt von einem Akteur zum anderen. Er verstand etwas Wichtiges nicht, er wusste nur nicht was. Hier liefen Menschen kreuz und quer durch die Säle, bildeten kleine Gruppen, nur um sich im nächsten Augenblick wieder zu trennen. Alle tuschelten, tauschten Blicke und manche sahen sogar etwas wahnsinnig aus. 
War das das Spiel? Wo waren die Vampire? Wer waren die Opfer? 
Mark bewegte sich langsam von seinem Platz aus auf eine kleine Gruppe zu und lauschte, was sie so zu erzählen hatten. 
Es ging um Geschäfte, Ehre und eine kleine Gefälligkeit und Mark war fast dabei, den Faden zu finden, als er plötzlich einen Blick spürte, der ihn zu durchbohren schien. 
Er schaute sich um und sah in der Runde stehend eine junge Frau und sie starrte ihn tatsächlich an. Er erwiderte ihren Blick, sie lächelte und kam auf ihn zu. 
Kälte ging von ihr aus, ihre Bewegungen waren fließend, ihre Kleidung sehr figurbetont, ihr Haar pechschwarz und hochgesteckt. „So allein junger Mann? Sucht ihr Anschluss?“ 
„N...nein, eigentlich nicht, ich war nur neugierig“, schoss es aus Mark hervor. Sie musterte ihn von oben bis unten: “Ihr seid nicht von hier, stimmt´s?“. „Stimmt… ein anderer Clan, oder Haus, ich habe es vergessen.“ Er atmete tief durch: „Ach was soll´s, ist einfach nicht mein Ding dieses Spiel, ich bin auch zum ersten Mal bei so einem Event und guck mich eigentlich nur um.“ Die junge Frau lächelte wie eine Schlange, die eine fette Maus sieht: „Das macht doch nichts, die Hauptsache ist doch, dass es Spaß macht.“ Nun wurde das Lächeln sogar noch breiter als sie sagte: „Ich weiß sogar noch etwas, dass mehr Spaß macht als dieses Getratsche hier.“ Sie nahm Mark mehr symbolisch an die Hand, denn sie berührte ihn gar nicht richtig. 
Dann waren sie schon im Flur und sie führte ihn eine Treppe hoch. 

„Gehört das auch noch mit zum Spiel?“ frage Mark, als die junge Frau langsam die Tür hinter sich schloss. Sie waren nun in einem sehr geräumigen Zimmer, an den Wänden hingen uralte Gemälde und nur ein paar Kerzen gaben ihr Licht in den Raum. Sie ging, oder vielmehr sie schritt zu einer Ecke dieses Zimmers, dort stand ein Kanapee und ein kleiner runder Tisch mit einigen kleinen Gläsern und einer Likörflasche darauf. 
„Magst du etwas trinken?“ frage sie ihn. „Nein, so etwas trinke ich eigentlich nicht, vielen Dank“, antwortete Mark, der immer noch nicht schlau aus der Situation wurde. 
„Mein Name ist übrigens Madessa“, sagte sie und setze sich. „Sehr angenehm, ich heiße Mark.“ „Schön… Mark, magst du dich nicht zu mir setzen?“ Ihre Augen blitzten für einen Augenblick gefährlich im Kerzenschein. 
Er tat es, fühlte sich aber nicht sehr wohl in seiner Haut. Wollte sie ihn verführen? Das war unwahrscheinlich, diese Art Frau würde subtiler vorgehen und ihn nicht ins nächste Schlafzimmer drängen. Sie war auch nicht betrunken oder sonst wie berauscht. 
„Magst du Vampire, Mark?“ fragte sie mit einer unglaublich sanften Stimme und schmiegte sich langsam an ihn. Mark blieb einfach sitzen und schaute geradeaus auf den Teppich. „Ja, eigentlich sollte ich Vampire mögen“, sagte er. Sie lehnte ihren Kopf an den seinen, fuhr mit einem Finger an seinem Hemdkragen entlang, zog ihn langsam runter und fast sah es so aus, als wolle sie ihn auf den Hals küssen. 
Mark war schneller. 
Mit einer unmenschlich flinken Bewegung riss er Madessas Arm nach oben und drückte mit seinem Gewicht ihren Körper auf die Liege. Sie schauten sich beide eine ganze Zeit lang wortlos in die Augen. Dann lachten sie, es platzte förmlich aus ihnen heraus. 
Sie lachten so lange und mit solcher Heftigkeit, dass Mark abrutschte und unsanft auf dem Teppichboden landete. 
„Ich denke wir sollten uns noch mal vorstellen“, sagte Mark: „ Aber diesmal richtig.“ 
„Gern“, erwiderte Madessa und wischte sich mit der Hand eine Lachträne aus dem Auge. Sie standen beide auf und er ergriff ihre Hand, es wurde förmlich: „Mein Name ist Markus Berrieré de Duclair, ehemaliger Landvoigt in der südlichen Normandie, das erste Mal gestorben im Jahre 1286.“ „Angenehm“, sagte Madessa: „Ich bin Fürstin Madessa Evelin von Hochfuhrt, mein erster Todestag war im Jahre 1735.“ 
„Es ist mir eine Ehre, eure Bekanntschaft zu machen“, sagte er und hauchte ihr einen Handkuss auf. Dann war der offizielle Teil vorbei und sie wurden wieder lockerer. Er schaute sie neugierig an. „Sag, was zieht dich auf so eine Festivität?“ „Der Hunger, wie üblich, jedoch auch eine gewisse Neugier, denn ich wollte sehen, was die Menschen über uns denken und wie sie sich einen Vampir vorstellen.“ Sie lächelte schief und er verstand ihren Gedanken: „Ja, auch ich war neugierig und die Phantasiewelt der Menschen verstehe wer will.“ „Aber ein Gutes hat es: es verspricht nun doch noch ein sehr schöner Abend zu werden“, sagte Madessa und zwinkerte Mark zu. „In der Tat“, sagte er langsam und grinste breit. 
Sie richteten sich ihre Haare und zogen ihre Kleidung glatt. Mark nahm Madessas Hand und gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter zum großen Saal. 
Es wurde tatsächlich noch ein sehr schöner Abend und die Presse berichtete am darauf folgenden Tag von einer Tragödie, dessen Hauptursache wohl darin zu suchen war, dass sich einige der Spieler zu sehr mit ihrer Rolle indentifizierten. 
Es folgten zahlreiche Festnahmen, lange Verhöre und das Ende der Rollenspielgruppe. Die wahren Täter aber hat man nie gefasst. 


©Samana