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Alltägliche Kuriositäten

Nur durch Zufall entdeckte Walter Alltägliche Kuriositäten an einem regnerisch kalten Nachmittag in Arkenheims Altstadt. Nur wenige Geschäfte lockten in der Langen Gasse mit ihren Waren; Second-Hand, esoterische Steine, indischer Schmuck und Wasserpfeifen. Drei Stockwerke hoch, beherbergten die verwitterten Gebäude vor allem Wohnungen und wenige Büros. Hinter der westlichen Hausreihe schlossen sich alte, heute oft leerstehende Lagerhallen der einst blühenden Flußschiffahrt an. Walters Blick fiel auf die schmale graue Fassade zu seiner Linken. Vier Stufen führten hinab zu einer schmutzig- gläsernen Tür, auf der sich rissige Buchstaben zu den Worten Alltägliche Kuriositäten zusammen- gefunden hatten. 

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Strafversetzt

Boris Koch


Es ist heiß auf Minerva, selbst unten in den Katakomben. Ein paar Grade kühler als an der sonnenflirrenden Oberfläche, dafür die Luft abgestanden und stickig. Wenigstens scheint die Arbeit nicht mehr sinnlos, vielleicht stoßen sie tatsächlich auf Spuren von vergangenen Leben. Wenn nur der Schweiß und die Dumpfheit nicht wären. Und alles wegen eines kleinen Scherzes. Aber er hätte es wissen müssen.
 „Selber schuld“, murmelt Harry und denkt grinsend an das erste Zusammentreffen zwischen der Menschheit und den Quodras zurück.
„Aber das wiegt allen Schweiß der Welt auf...“

Harry war Navigator an Bord der Sonja, die Stimmung eine besondere. Ein verirrtes Handelsschiff der Szaffas hatte den Menschen von den Quondras berichtet. Eine verhältnismäßig friedliche Rasse von intelligenten Gestaltwandlern nicht weit von der Erde, in den Dimensionen des Universums gerechnet. Jedoch weit genug, um sich bisher gegenseitig zu verpassen. Die Sonja wurde ausgewählt, um einen ersten Kontakt herzustellen. Heroische Abschiedsworte und langwierige beste Wünsche von 137 Staatspräsidenten, dann hoben sie ab. Monotone Monate im All folgten, in denen Harry immer wieder die Stimmung mit kleinen Partygags rettete. Holographische Schönheitschirurgie oder künstliche Kothaufen, rote Knollennase und Aprilscherze das ganze Jahr über. Aus einer dummen Laue heraus hatte er angefangen, und schon galt er als der Schiffsclown. Oder Sonjas Hofnarr, wie ihn Captain Zahovic gerne nannte. Und als sie sich dem Territorium der Quondras näherten, war Harry vollkommen in seiner neuen Rolle aufgegangen.
 Sie sollten eine Kapsel mit wichtigen Informationen über die Menschheit voraus schicken, ein erstes vorsichtiges Abtasten, bevor man sich von Angesicht zu Angesicht (oder was auch immer...) gegenübertreten würde. In den Stunden bevor sie abgeschossen wurde installierte Harry auf den Monitor in der Kapsel einen endlos laufenden Pornofilm, ersetzte damit die von einem Ehrenkomitee sorgsam ausgewählten Aufnahmen von der Erde. Was interessierten die Quondras schon die Quellen des Nils, Disneyland, das gigantische Wong-Center oder der rote Platz? Ein paar Rammeleien brächten doch viel mehr Spaß. Und damit behielt er recht.
 Als Quondras und Menschen zusammentrafen, hatten die Gestaltwandler das Aussehen der Pornodarsteller angenommen. Zwar nur etwa 40 Zentimeter groß, doch dieser Irrtum ließ sich schnell beheben. Sie wuchsen auf die passende Größe und zusammen feierten sie eine tagelange Begrüßungsorgie. In den einsamen Monaten im All hatte sich viel angestaut, und Sex zwischen den Crewmitgliedern war verboten oder verpönt, auf jeden Fall selten.
 Es hatte geklappt, das Zusammentreffen war friedlich verlaufen, doch ohne gemeinsame Sprache ließ sich die Situation nicht erklären, bis die Quondras zu einem Gegenbesuch auf die Erde kämen. „Offizielle Würdenträger treffen liebestolle Aliens“, sah Harry die Zeitungen titeln und pikante Farbbilder auf den ersten Seiten. Und wie erwartet stieß sein Gag auf der Erde auf wenig Gegenliebe, vor allem beim beleidigten Ehrenkomitee. Als er die Situation mit einem kleinen Scherz zu entspannen versuchte – „Ich hätte ja auch das ungeschittene dritte Remake von Alien vs. Predator nehmen können, das wäre ein friedliches Zusammentreffen geworden...“ – wurde er prompt auf Minerva strafversetzt. Dort sollte er über seinen Humor nachdenken.

Minerva ähnelte der Erde. Einige Grade wärmer im Durchschnitt und größere Temperaturschwankungen im Tagesverlauf. Weniger Wasser, doch immerhin genug, um ein Viertel der Oberfläche zu bedecken. Kein Leben, weder Flora noch Fauna. Das bizarre, vorwiegend mineralische Gestein gab dem gesamtem Planeten ein geometrisches Aussehen. Quader, Oktaeder, Pyramiden, glatte Flächen, exakte Winkel, der Planet wirkte wie mit dem Lineal am Reißbrett geschaffen. Was wären hier für Schöpfungsmythen entstanden? Lediglich das fließende Wasser, die Wellen der Meere und Seen brachten etwas Chaos und Bewegung in die tote Ordnung von Minerva. Die erdähnliche Atmosphäre ließ den Menschen frei atmen, verursachte anfangs jedoch Halluzinationen.
„Erst Sex, dann drugs, wo bleibt der Rock`n`Roll“, grinste Harry am Abend seiner Ankunft in den Sonnenuntergang. Dann jubelte er einer eingebildeten Band zu und prellte sich den Arm beim Stagediving. Nach zwei Tagen hatte er gelernt, die unwirklichen Bilder und Stimmen zu unterdrücken. Die Wahrnehmung blieb dennoch leicht verzerrt und farbintensiv. Das sei hier aber normal, erklärte ihm die Ärztin Foucault.
Oberflächenscans des Planeten hatten ausgeprägte unterirdische Gangsysteme angezeigt, möglicherweise künstlicher Herkunft. Leider verschüttet, und so bestand die hauptsächliche Arbeit auf Minerva aus Grabungstätigkeiten bei knapp 30 Grad Celsius in der Nacht. Die Tage verbrachten sie im klimatisierten Stützpunkt ohne auf das Außenthermometer zu sehen. Bald nach Harrys Ankunft waren sie in tiefe, geröllfreie Schichten vorgedrungen, was endlich ein Abschalten der lärmenden, hitzeerzeugenden Grabungsmaschinen ermöglicht hatte. Nun sollten sie feststellen, ob diese Katakomben – eine Wortwahl von Harry, der den größten Teil seines Humors ausgeschwitzt hatte – natürlichen Ursprungs waren. Materialproben hatten keine Kunststoffe enthalten, doch einige Gesteinsbrocken wiesen mögliche Spuren einer Bearbeitung auf. Alles schien erfolgversprechend, doch bislang hatten sie keine Hinweise auf Leben gefunden.

Harry reißt sich aus seinen Gedanken an die Quondras. Er muß noch ein paar Gänge kartographieren, alle etwa vier Meter hoch und anderthalb mal so breit. Ablaufen und scannen, den Rest erledigt der Rechner. Ein kurzer Blick auf die Übersicht im Scanner. Was für ein Labyrinth! Er befindet sich auf der dreiundzwanzigsten Ebene unter der Oberfläche. Keine Chance ohne die gespeicherte Karte und dem Orientierungsprogramm hier wieder heraus zu finden.
Sein Licht reflektiert an den gelbgrünen glatten Wänden. Dieses Leuchten treibt ihn noch in den Wahnsinn. Die Stunden allein hier unten drängen ihn in grüblerische Einsamkeit. Laufen und ein beinahe selbständig arbeitendes Gerät in der Hand halten fordert den Geist zu wenig, doch er ist zu sehr in sich selbst versunken; er verspürt keine Lust einen Kollegen anzufunken und zu plaudern.
„Hopp, Harry, mach ´nen Witz.“ Er kann diese dauernden Aufforderungen nicht mehr hören.
„Heute so ernst, Harry?“, wenn er mal nicht mit einem Fuß hinter den Nacken geklemmt beim Frühstück saß.
Eine halbe Stunde später passiert er einen vertikalen Schacht in die Tiefe. Noch mindestens eine weiter Ebene. Wie weit soll das gehen? Harry schüttelt schnaubend den Kopf. Der Scanner funkt an den zentralen Rechner die Forderung nach einer weiteren Leiter, 8 Meter in die Tiefe. Irgendwer wird sie bringen. Harry wirft einen Blick hinunter und sieht glatte Kristallwände. Eher rötlich grün als mit Gelbstich. Was für Abwechslung.
Dann reißt er den Kopf herum. Irgend etwas hat sich in seinem Augenwinkel bewegt. Nichts. Reflektierende Wände, die in Dunkelheit auslaufen. Übermüdet von der Stupidität der leeren Tätigkeit, da kommen Einbildungen vor. Er gibt keine Meldung weiter. Blinden Alarm hatten sie schon oft genug, vor allem in der Euphorie der ersten Tage. Er kratzt sich die juckende Kopfhaut unter dem Lampenhelm und trottet dann weiter. Die kurze Anspannung der Aufmerksamkeit ist längst verblaßt, Schweiß rinnt über sein Gesicht. Noch zwei Stunden bis Feierabend, in einer darf er den Rückweg antreten.
Die Stille hier unten ist unglaublich. Keine Geräusche, die Harry nicht selbst verursacht; oder eines seiner Geräte. Er ist allein, und doch vermutet er wieder eine Bewegung im Schatten, in der kaum ausgeleuchteten Abzweigung vor sich. Er spurtet vor, entreißt sich der schleichenden Lethargie. Ein Sprung um die Ecke. Leere. Ein gerader, verlassener Gang. Was hat er auch erwartet?
„Verdammte Halluzinationen. Ich dachte, das wäre vorbei.“
Die Luft unter der Erde wirkt vielleicht konzentrierter auf sein Bewußtsein, die drogenähnliche Wirkung scheint zurückgekehrt. Na prima! Vielleicht läßt sie sich ja lenken? Er denkt an die Quondras. Doch rothaarige vollbusige Schemen wollen sich nicht einstellen, nur schwammige Schatten. Den Versuch, mehr zu erkennen, gibt er schnell auf, als er vibrierende borstige Tentakel an schuppigen Heuschreckenkörpern zu erkennen glaubt.
„Dreck! Horrortrip“, resigniert er und greift zum Funk.
„Hey, Herb. Ich mach früher Schluß. Habe Halluzinationen.“
„Schlimm? Soll ich jemand schicken?“
„Paßt schon, danke. Direkt vor mir scheint eine Kammer zu sein. Da drehe ich um und laß mich heimbringen.“
„Ist okay. Wir sehen uns beim Essen.“
„Jau.“
Na also, wieder einen Tag über die Zeit gerettet. Noch ein paar Meter. Die unterirdische Kammer ist groß, größer als alle bisher entdeckten. Eine gigantische Halle, die Wände zu beiden Seiten verschwinden im fernen Dunkel, ein Ende gegenüber wird vom starken Lampenhelm nicht erfaßt.
„Mindestens zweihundert Meter. Verdammt!“
Schimpfend durchquert Harry die Halle. Wenn er schon mal hier ist... Die Decke hängt verhältnismäßig tief über ihm, knappe zehn Meter. Das grüne Schimmern von oben und dem Boden irritiert seine Augen. Die ungewöhnliche Weite macht ihn nervös, er vermißt die Enge der Korridore.
Noch bevor er das Ende der Halle wahrnehmen kann, schlagen die Halluzinationen erneut zu. Plötzlich und hart, nicht schüchtern wie zuvor. Verzerrte extrem spitze Pyramiden in weißer Farbe wachsen aus dem Boden, fast Obelisken. Sie versperren seinen Weg in exakten Diagonalen durch die Halle. Grabmäler. Harry umkurvt sie mit schwankenden Schritten, reißt den Scanner hektisch von einer Seite zur anderen. Das Gerät zeichnet den ebenen Boden auf, keine Pyramiden. Harry achtet nicht darauf. Er scannt und versucht, Inschriften zu entziffern. Fremde Symbole. Fasziniert von der Entdeckung springt er umher. Sie alle wirken gleich, exakt gleich. Der Scanner nimmt sie noch immer nicht wahr. Harry berührt einen, um das Material zu erraten, die Oberfläche zu ertasten, doch seine Hand gleitet in das klare Weiß hinein. Es bietet keinen Widerstand, doch schlägt es mit scharfer Kälte nach ihm. Schatten kriechen aus den Pyramiden hervor, wachsen stumm, bis sie ihn überragen. Heuschreckenartige Wesen mit borstigen Tentakeln in Uniformen und militärischer Formation. Dazwischen andere, fremdartige und vertrautere Formen. Er wirft mit dem Scanner nach ihnen. Sinnlose Handlung. Kalte Angst packt ihn. Er rennt davon, stolpert, verliert den Lampenhelm, krabbelt weiter. Raus aus dem Licht, irgendwo dort hinten muß der Ausgang sein. Dort in der friedlichen Dunkelheit.
Die Schatten schlucken immer mehr Licht. Breite, walzende Schemen, kleine vielfüßige Knäuel, reptilienartige geflügelte Zweibeiner. Eine schreckliche mechanisch marschierende Masse aus Schwärze. Langsam entstehen deutlichere Konturen, unterschiedliche Schattenwesen, doch überwiegend borstige Tentakel. Sie peitschen nach Harry, beißen ihn mit lähmender Kälte. Schreiend bleibt er liegen. Es sind zu viele. Aber sie sind alle tot, sie sind doch tot. Schmerz und Irrsinn. Was gebiert diese Halluzinationen? Der Ausgang, wo ist der Ausgang? Harry rafft sich auf, torkelt weiter durch Kälte und Schatten, glaubt seinem Richtungssinn. Doch als er das Ende der Halle erreicht, haben ihn die substanzlosen Tentakel bereits erschlagen.

Sein Leichnahm wird Stunden später am Rande einer gigantischen Halle gefunden. Starr und kalt. Als Herberger ihn mit Foucault auf eine Trage hebt, huscht ein Schatten durch seinen Augenwinkel, ein Schatten, der ihn an Harry erinnert. Verdammte Halluzination, Harry ist tot. Harry ist tot.
 

Entnommen der Sammlung Christian von Aster, Boris Koch: Das Goldene Kalb
 

©Boris Koch