Strafversetzt
Boris
Koch
Es
ist heiß auf Minerva, selbst unten in den Katakomben. Ein paar Grade
kühler als an der sonnenflirrenden Oberfläche, dafür die
Luft abgestanden und stickig. Wenigstens scheint die Arbeit nicht mehr
sinnlos, vielleicht stoßen sie tatsächlich auf Spuren von vergangenen
Leben. Wenn nur der Schweiß und die Dumpfheit nicht wären. Und
alles wegen eines kleinen Scherzes. Aber er hätte es wissen müssen.
„Selber
schuld“, murmelt Harry und denkt grinsend an das erste Zusammentreffen
zwischen der Menschheit und den Quodras zurück.
„Aber
das wiegt allen Schweiß der Welt auf...“
Harry
war Navigator an Bord der Sonja, die Stimmung eine besondere. Ein verirrtes
Handelsschiff der Szaffas hatte den Menschen von den Quondras berichtet.
Eine verhältnismäßig friedliche Rasse von intelligenten
Gestaltwandlern nicht weit von der Erde, in den Dimensionen des Universums
gerechnet. Jedoch weit genug, um sich bisher gegenseitig zu verpassen.
Die Sonja wurde ausgewählt, um einen ersten Kontakt herzustellen.
Heroische Abschiedsworte und langwierige beste Wünsche von 137 Staatspräsidenten,
dann hoben sie ab. Monotone Monate im All folgten, in denen Harry immer
wieder die Stimmung mit kleinen Partygags rettete. Holographische Schönheitschirurgie
oder künstliche Kothaufen, rote Knollennase und Aprilscherze das ganze
Jahr über. Aus einer dummen Laue heraus hatte er angefangen, und schon
galt er als der Schiffsclown. Oder Sonjas Hofnarr, wie ihn Captain Zahovic
gerne nannte. Und als sie sich dem Territorium der Quondras näherten,
war Harry vollkommen in seiner neuen Rolle aufgegangen.
Sie
sollten eine Kapsel mit wichtigen Informationen über die Menschheit
voraus schicken, ein erstes vorsichtiges Abtasten, bevor man sich von Angesicht
zu Angesicht (oder was auch immer...) gegenübertreten würde.
In den Stunden bevor sie abgeschossen wurde installierte Harry auf den
Monitor in der Kapsel einen endlos laufenden Pornofilm, ersetzte damit
die von einem Ehrenkomitee sorgsam ausgewählten Aufnahmen von der
Erde. Was interessierten die Quondras schon die Quellen des Nils, Disneyland,
das gigantische Wong-Center oder der rote Platz? Ein paar Rammeleien brächten
doch viel mehr Spaß. Und damit behielt er recht.
Als
Quondras und Menschen zusammentrafen, hatten die Gestaltwandler das Aussehen
der Pornodarsteller angenommen. Zwar nur etwa 40 Zentimeter groß,
doch dieser Irrtum ließ sich schnell beheben. Sie wuchsen auf die
passende Größe und zusammen feierten sie eine tagelange Begrüßungsorgie.
In den einsamen Monaten im All hatte sich viel angestaut, und Sex zwischen
den Crewmitgliedern war verboten oder verpönt, auf jeden Fall selten.
Es
hatte geklappt, das Zusammentreffen war friedlich verlaufen, doch ohne
gemeinsame Sprache ließ sich die Situation nicht erklären, bis
die Quondras zu einem Gegenbesuch auf die Erde kämen. „Offizielle
Würdenträger treffen liebestolle Aliens“, sah Harry die Zeitungen
titeln und pikante Farbbilder auf den ersten Seiten. Und wie erwartet stieß
sein Gag auf der Erde auf wenig Gegenliebe, vor allem beim beleidigten
Ehrenkomitee. Als er die Situation mit einem kleinen Scherz zu entspannen
versuchte – „Ich hätte ja auch das ungeschittene dritte Remake von
Alien vs. Predator nehmen können, das wäre ein friedliches Zusammentreffen
geworden...“ – wurde er prompt auf Minerva strafversetzt. Dort sollte er
über seinen Humor nachdenken.
Minerva
ähnelte der Erde. Einige Grade wärmer im Durchschnitt und größere
Temperaturschwankungen im Tagesverlauf. Weniger Wasser, doch immerhin genug,
um ein Viertel der Oberfläche zu bedecken. Kein Leben, weder Flora
noch Fauna. Das bizarre, vorwiegend mineralische Gestein gab dem gesamtem
Planeten ein geometrisches Aussehen. Quader, Oktaeder, Pyramiden, glatte
Flächen, exakte Winkel, der Planet wirkte wie mit dem Lineal am Reißbrett
geschaffen. Was wären hier für Schöpfungsmythen entstanden?
Lediglich das fließende Wasser, die Wellen der Meere und Seen brachten
etwas Chaos und Bewegung in die tote Ordnung von Minerva. Die erdähnliche
Atmosphäre ließ den Menschen frei atmen, verursachte anfangs
jedoch Halluzinationen.
„Erst
Sex, dann drugs, wo bleibt der Rock`n`Roll“, grinste Harry am Abend seiner
Ankunft in den Sonnenuntergang. Dann jubelte er einer eingebildeten Band
zu und prellte sich den Arm beim Stagediving. Nach zwei Tagen hatte er
gelernt, die unwirklichen Bilder und Stimmen zu unterdrücken. Die
Wahrnehmung blieb dennoch leicht verzerrt und farbintensiv. Das sei hier
aber normal, erklärte ihm die Ärztin Foucault.
Oberflächenscans
des Planeten hatten ausgeprägte unterirdische Gangsysteme angezeigt,
möglicherweise künstlicher Herkunft. Leider verschüttet,
und so bestand die hauptsächliche Arbeit auf Minerva aus Grabungstätigkeiten
bei knapp 30 Grad Celsius in der Nacht. Die Tage verbrachten sie im klimatisierten
Stützpunkt ohne auf das Außenthermometer zu sehen. Bald nach
Harrys Ankunft waren sie in tiefe, geröllfreie Schichten vorgedrungen,
was endlich ein Abschalten der lärmenden, hitzeerzeugenden Grabungsmaschinen
ermöglicht hatte. Nun sollten sie feststellen, ob diese Katakomben
– eine Wortwahl von Harry, der den größten Teil seines Humors
ausgeschwitzt hatte – natürlichen Ursprungs waren. Materialproben
hatten keine Kunststoffe enthalten, doch einige Gesteinsbrocken wiesen
mögliche Spuren einer Bearbeitung auf. Alles schien erfolgversprechend,
doch bislang hatten sie keine Hinweise auf Leben gefunden.
Harry
reißt sich aus seinen Gedanken an die Quondras. Er muß noch
ein paar Gänge kartographieren, alle etwa vier Meter hoch und anderthalb
mal so breit. Ablaufen und scannen, den Rest erledigt der Rechner. Ein
kurzer Blick auf die Übersicht im Scanner. Was für ein Labyrinth!
Er befindet sich auf der dreiundzwanzigsten Ebene unter der Oberfläche.
Keine Chance ohne die gespeicherte Karte und dem Orientierungsprogramm
hier wieder heraus zu finden.
Sein
Licht reflektiert an den gelbgrünen glatten Wänden. Dieses Leuchten
treibt ihn noch in den Wahnsinn. Die Stunden allein hier unten drängen
ihn in grüblerische Einsamkeit. Laufen und ein beinahe selbständig
arbeitendes Gerät in der Hand halten fordert den Geist zu wenig, doch
er ist zu sehr in sich selbst versunken; er verspürt keine Lust einen
Kollegen anzufunken und zu plaudern.
„Hopp,
Harry, mach ´nen Witz.“ Er kann diese dauernden Aufforderungen nicht
mehr hören.
„Heute
so ernst, Harry?“, wenn er mal nicht mit einem Fuß hinter den Nacken
geklemmt beim Frühstück saß.
Eine
halbe Stunde später passiert er einen vertikalen Schacht in die Tiefe.
Noch mindestens eine weiter Ebene. Wie weit soll das gehen? Harry schüttelt
schnaubend den Kopf. Der Scanner funkt an den zentralen Rechner die Forderung
nach einer weiteren Leiter, 8 Meter in die Tiefe. Irgendwer wird sie bringen.
Harry wirft einen Blick hinunter und sieht glatte Kristallwände. Eher
rötlich grün als mit Gelbstich. Was für Abwechslung.
Dann
reißt er den Kopf herum. Irgend etwas hat sich in seinem Augenwinkel
bewegt. Nichts. Reflektierende Wände, die in Dunkelheit auslaufen.
Übermüdet von der Stupidität der leeren Tätigkeit,
da kommen Einbildungen vor. Er gibt keine Meldung weiter. Blinden Alarm
hatten sie schon oft genug, vor allem in der Euphorie der ersten Tage.
Er kratzt sich die juckende Kopfhaut unter dem Lampenhelm und trottet dann
weiter. Die kurze Anspannung der Aufmerksamkeit ist längst verblaßt,
Schweiß rinnt über sein Gesicht. Noch zwei Stunden bis Feierabend,
in einer darf er den Rückweg antreten.
Die
Stille hier unten ist unglaublich. Keine Geräusche, die Harry nicht
selbst verursacht; oder eines seiner Geräte. Er ist allein, und doch
vermutet er wieder eine Bewegung im Schatten, in der kaum ausgeleuchteten
Abzweigung vor sich. Er spurtet vor, entreißt sich der schleichenden
Lethargie. Ein Sprung um die Ecke. Leere. Ein gerader, verlassener Gang.
Was hat er auch erwartet?
„Verdammte
Halluzinationen. Ich dachte, das wäre vorbei.“
Die
Luft unter der Erde wirkt vielleicht konzentrierter auf sein Bewußtsein,
die drogenähnliche Wirkung scheint zurückgekehrt. Na prima! Vielleicht
läßt sie sich ja lenken? Er denkt an die Quondras. Doch rothaarige
vollbusige Schemen wollen sich nicht einstellen, nur schwammige Schatten.
Den Versuch, mehr zu erkennen, gibt er schnell auf, als er vibrierende
borstige Tentakel an schuppigen Heuschreckenkörpern zu erkennen glaubt.
„Dreck!
Horrortrip“, resigniert er und greift zum Funk.
„Hey,
Herb. Ich mach früher Schluß. Habe Halluzinationen.“
„Schlimm?
Soll ich jemand schicken?“
„Paßt
schon, danke. Direkt vor mir scheint eine Kammer zu sein. Da drehe ich
um und laß mich heimbringen.“
„Ist
okay. Wir sehen uns beim Essen.“
„Jau.“
Na
also, wieder einen Tag über die Zeit gerettet. Noch ein paar Meter.
Die unterirdische Kammer ist groß, größer als alle bisher
entdeckten. Eine gigantische Halle, die Wände zu beiden Seiten verschwinden
im fernen Dunkel, ein Ende gegenüber wird vom starken Lampenhelm nicht
erfaßt.
„Mindestens
zweihundert Meter. Verdammt!“
Schimpfend
durchquert Harry die Halle. Wenn er schon mal hier ist... Die Decke hängt
verhältnismäßig tief über ihm, knappe zehn Meter.
Das grüne Schimmern von oben und dem Boden irritiert seine Augen.
Die ungewöhnliche Weite macht ihn nervös, er vermißt die
Enge der Korridore.
Noch
bevor er das Ende der Halle wahrnehmen kann, schlagen die Halluzinationen
erneut zu. Plötzlich und hart, nicht schüchtern wie zuvor. Verzerrte
extrem spitze Pyramiden in weißer Farbe wachsen aus dem Boden, fast
Obelisken. Sie versperren seinen Weg in exakten Diagonalen durch die Halle.
Grabmäler. Harry umkurvt sie mit schwankenden Schritten, reißt
den Scanner hektisch von einer Seite zur anderen. Das Gerät zeichnet
den ebenen Boden auf, keine Pyramiden. Harry achtet nicht darauf. Er scannt
und versucht, Inschriften zu entziffern. Fremde Symbole. Fasziniert von
der Entdeckung springt er umher. Sie alle wirken gleich, exakt gleich.
Der Scanner nimmt sie noch immer nicht wahr. Harry berührt einen,
um das Material zu erraten, die Oberfläche zu ertasten, doch seine
Hand gleitet in das klare Weiß hinein. Es bietet keinen Widerstand,
doch schlägt es mit scharfer Kälte nach ihm. Schatten kriechen
aus den Pyramiden hervor, wachsen stumm, bis sie ihn überragen. Heuschreckenartige
Wesen mit borstigen Tentakeln in Uniformen und militärischer Formation.
Dazwischen andere, fremdartige und vertrautere Formen. Er wirft mit dem
Scanner nach ihnen. Sinnlose Handlung. Kalte Angst packt ihn. Er rennt
davon, stolpert, verliert den Lampenhelm, krabbelt weiter. Raus aus dem
Licht, irgendwo dort hinten muß der Ausgang sein. Dort in der friedlichen
Dunkelheit.
Die
Schatten schlucken immer mehr Licht. Breite, walzende Schemen, kleine vielfüßige
Knäuel, reptilienartige geflügelte Zweibeiner. Eine schreckliche
mechanisch marschierende Masse aus Schwärze. Langsam entstehen deutlichere
Konturen, unterschiedliche Schattenwesen, doch überwiegend borstige
Tentakel. Sie peitschen nach Harry, beißen ihn mit lähmender
Kälte. Schreiend bleibt er liegen. Es sind zu viele. Aber sie sind
alle tot, sie sind doch tot. Schmerz und Irrsinn. Was gebiert diese Halluzinationen?
Der Ausgang, wo ist der Ausgang? Harry rafft sich auf, torkelt weiter durch
Kälte und Schatten, glaubt seinem Richtungssinn. Doch als er das Ende
der Halle erreicht, haben ihn die substanzlosen Tentakel bereits erschlagen.
Sein
Leichnahm wird Stunden später am Rande einer gigantischen Halle gefunden.
Starr und kalt. Als Herberger ihn mit Foucault auf eine Trage hebt, huscht
ein Schatten durch seinen Augenwinkel, ein Schatten, der ihn an Harry erinnert.
Verdammte Halluzination, Harry ist tot. Harry ist tot.
Entnommen
der Sammlung Christian von Aster, Boris Koch: Das Goldene Kalb
©Boris
Koch |