Solo
für eine Königin
Eddie
M. Angerhuber
An
diesen Abenden, wenn der laue Frühlingswind oder der brütende
Hauch des Sommers durch das Haus streichen und die Grillen im Garten zirpen,
gehe ich gern in Rosannas Zimmer und betrachte die Gegenstände darin.
Ich halte das Zimmer sehr sauber, obwohl niemand darin wohnt; ich erlaube
dem Staub nicht, die glänzenden Oberflächen ihres Toilettenspiegels
oder der Kleiderschränke zu verhüllen. Rosannas Anwesenheit hängt
wie ein feiner Duft in der Atmosphäre dieses rosigen und femininen
Zimmers. Ich kann sie in jedem Winkel spüren. Ich berühre ihre
Kosmetikartikel, mit denen sie sich zu schminken pflegte, und atme das
Parfum ihrer Haarbürste ein. Schließlich setze ich mich auf
ihr Bett, das mit aprikosenfarbenem Satin bezogen ist, und nehme von ihrem
Nachtkästchen die rosettenförmige Spieldose.
Dies
zierliche, zerbrechliche Ding habe ich Rosanna am Tag unserer Hochzeit
geschenkt. Sie spielt immer noch dieselbe Melodie, genau wie damals, wenn
ich den ziselierten Deckel hebe. Aber ich warte noch damit, ich begnüge
mich, mit den Fingerspitzen die Muster auf dem Deckel nachzuzeichnen, und
spüre den Anflug eines Lächelns sich in meine Mundwinkel stehlen.
Alle Erinnerungen, die ich an Rosanna habe, sind süß und wehmütig
wie die Melodie der Spieldose.
Freundlich
fächelt der Juliwind die gerafften Wolkenstores vor der Balkontür,
und das Sonnenuntergangslicht taucht das Zimmer in ein glühendes Rot,
in dem die Pfirsichfarbe der Erinnerung wie ein süßer Nachgeschmack
langsam verebbt.
Dort
pflegte sie zu liegen, den Kopf auf den Arm gestützt, ihr Ellbogen
ein spitzwinkliges Dreieck, in dessen Mitte ich wie durch ein Fenster den
Himmel erblickte. Sie drehte eine ihrer langen schwarzen Locken zwischen
den Fingern und lächelte mit rubinroten Lippen. Ihre Brüste waren
weiß und blaugeädert wie edler Marmor.
Und
der letze Abglanz von Plaisir d'Amour verflüchtigt sich, als die Sonne
unter dem Horizont verschwindet. Ich öffne den Deckel der Spieldose,
und die winzige Ballerina beginnt sich zu drehen. Die spinnwebfeinen Töne
treiben durch das Halbdunkel des Zimmers. Das Lied dreht eine Pirouette
und wiederholt sich in einer höheren Oktave.
An
dem Tag, als Rosanna und ich zum letzten Mal zusammen diesem Lied lauschten,
war der Himmel von Wolken verhangen, und der Regen perlte von den Fensterscheiben.
Ich schaue in den Nachthimmel wie in einen riesigen Spiegel, in dem der
Widerglanz deiner Augen schimmert, und erinnere mich der alten Tage:
Der
Regen perlt von den Fensterscheiben.
Rosanna
und ich sitzen zusammen vor einem flackernden Kaminfeuer, Gläser mit
heißem Punsch in den Händen. Wir sind gerade von einem langen
Spaziergang zurückgekehrt, der uns quer über die Felder und Weiden
führte, vorbei an Stallungen, Steinmäuerchen und im Sturm flatternden
Vogelscheuchen. In unseren Augen tragen wir wie Brandmale die Zeichen der
Blitze, Wassertropfen glänzen wie Platinschmuck auf unserer Haut.
Wir lächeln einander zu, wir scherzen, wir unterhalten uns. Das Kaminfeuer
flackert. Und wir tauschen einen langen, innigen Kuß.
Sie
waren immer eifersüchtig, wenn ich von ihnen fortgerufen wurde. Allen
voran Bellefleur, diese kleine Querulantin. Ich brauche es dir nicht zu
erzählen, du weißt es gewiß noch. Du hast es nicht gern
gesehen, wenn ich so viele Stunden dort oben auf dem Boden verbrachte,
wo sich ihr Reich befand.
Das
Reich der Modelle.
Ich
habe sie immer Modelle genannt, da mir das Wort "Puppen" einen zu albernen
und kindlichen Klang hatte. Waren sie doch weit mehr als bloße Spielzeuge,
dazu verdammt, von unbarmherzigen Kinderhänden "erforscht" zu werden.
Meine Modelle waren zu Höherem bestimmt. Ich wußte, daß
in jedem von ihnen eine Art winziges Geheimnis schlummerte. Jedes Modell
hatte seine eigene Geschichte; manchmal waren diese ziemlich verworren,
je nach dem Alter der entsprechenden Persönlichkeit. Natürlich
versuchte ich, Modelle mit möglichst ausgeprägter Persönlichkeit
ausfindig zu machen; Modelle von hohem Alter, deren strahlende Glasaugen
mich aus dem matten und gesprungenen Porzellan ihrer idealisierten Engelsgesichter
verfolgen würden wie die Blicke von Hypnositeuren. Ein kleiner Zauberer
jedes für sich: in winzige Anzüge und Rüschenkleider gewandet,
füllten sie Regale, saßen und lagen auf Möbeln und Truhen,
sogar in den Ecken des Raums und auf dem alten Perserteppich, den ich zu
ihrem Schutz dort ausgebreitet hatte, damit sie ihre empfindlichen Köpfe
nicht verletzten, sollten sie aus den Regalen stürzen.
Ich
sehe vor meinem inneren Auge den Schimmer ihrer Pupillen, wenn sie sich
mir in dem wohligen Halbdämmer zuwandten, der den wie eine Kirche
spitzgiebeligen Raum erfüllte. Sie schwiegen, und doch verstand ich
ihre geheime und rätselhafte Sprache. Es hat mich eine ziemlich lange
Zeit gekostet, bis ich sie verstand; aber eines Tages wurden meine Bemühungen
von Erfolgen gekrönt. Sie hatten Zutrauen zu mir gefaßt und
betrachteten mich nicht mehr als Feind - wie andere Menschen -, sondern
als einen Freund, vielleicht sogar als einen der ihren. An dem Tag, als
mir dieser Durchbruch gelang, war ich so glücklich, daß ich
in den Keller hinunterging und eine Flasche von dem uralten Sauternes öffnete,
den mein Großvater dort eingelagert hatte. Erinnerst du dich, Rosanna?
Erinnerst du dich an seinen süßen und hefigen Geschmack, mit
einer Andeutung von Schimmel darin, das köstliche Aroma des Verfalls?
Ich
habe diesen Geschmack stets gefürchtet, Rosanna. Er erinnert mich
an die Vergänglichkeit der Dinge, für die wir leben. Unser gesamtes
Dasein ist nur für die Vergänglichkeit bestimmt, auch wenn es
Menschen gibt, die diese Wahrheit leugnen. Und weil ich die Vergänglichkeit
der Dinge fürchte, habe ich versucht, sie und dich davor zu beschützen,
diesem Verfall anheimzufallen.
Lausch
nur; dann hörst du das feine Rieseln des Staubes in den Ritzen, des
Staubes, der die Jahrhunderte erfüllt. Wir werden alle früher
oder später zu Staub, sagt man ...
Wenn
ich dort oben zwischen meinen Modellen saß und die Zeit vergaß,
da ihre Welt eine ganz zeitlose und unverrückbar scheinende war, und
du mich gerufen hast, dir Gesellschaft zu leisten, sah (und fühlte)
ich, wie ihre Augen sich dir in einer einhelligen Bewegung zuwandten. Rings
um den Raum ging ein Raunen, das Rascheln ihrer Rüschenkleider, das
Scharren ihrer Hände und Füße auf den Holzbrettern der
Regale. Sie wandten dir ihre Augen und ihre Köpfe zu. Sie widmeten
dir ihre Aufmerksamkeit. Ich hörte das Knirschen ihrer Zähne
in ihren kleinen, feingezeichneten Mündern, leise, ganz leise, unhörbar
fast. Es klang wie Porzellan auf Porzellan oder Glas gegen Glas. Aber sie
verboten mir, dich zu warnen; und ich besaß keine Macht gegen sie.
An
dem Tag, als ich Bellefleur fand und kaufte, veränderten sich die
Dinge in unserem Haus, aber vor allem oben auf dem Boden. Sie übernahm
sofort die Herrschaft über die anderen, die sich ihr widerspruchslos
unterwarfen. Sie erkannten ihren Adel und ordneten sich ihr unter, mit
einer von überlegener Vernunft zeugenden Selbstverständlichkeit,
die Menschen nicht besitzen.
Stolz
thronte die neue Königin in meinem Ohrensessel, das Ballkleid um sich
herum ausgebreitet, den zarten Porzellankopf leicht geneigt, wie eine gnädige
Herrscherin bei einer Audienz. Ihre blonden Haare waren zu Korkzieherlocken
gedreht, ihre Hände hielten einen weißen Fächer. Sie sah
aus wie eine Debütantin im Triumph ihres ersten Balls, umschwärmt
von charmanten Verehrern. Ihre Wimpern waren lang und gebogen, die Iris
ihrer Augen von einem scharfen Grünblau wie fließendes Wasser
oder die Schuppen eines Raubfischs. Sie hielt meinem Blick mühelos
stand, als ich sie prüfend musterte, das Kinn gehoben, die Lider leicht
gesenkt. Ihre Stimme klang wie silberne Glöckchen in den Windungen
meines Gehirns, als sie sich schließlich dazu herabließ, zu
mir zu sprechen.
Du
hast ja keine Vorstellung davon, wie lieblich ihre Stimme war, Rosanna.
Du hast niemals so etwas Feines und Zartes gehört, mit Ausnahme der
Musik jener Spieldose vielleicht, die mich an Bellefleurs Stimme erinnert,
an ihren Gesang in der dämmrigen Halle des Dachbodens. Die Musik der
Spieldose begleitete sie, nahm den Ton ihrer Stimme an, und die Noten verflüssigten
sich zu Gold, das alle Gegenstände überschauderte. Ich war verzaubert;
ich konnte nur stumm lauschen.
In
diese Idylle brach bisweilen der Donner des Himmels wie ein störender
Kirchenglockenton, und Bellefleur haßte den Himmel dafür, daß
er ihren Gesang unterbrach. Aber der Himmel war zu hoch; ihn konnte sie
nicht erreichen.
Es
gab jedoch anderes, was Bellefleur in ihrer Zufriedenheit beeinträchtigte.
Sie war eifersüchtig, sobald du den Raum betratst, Rosanna. Ich habe
dich gebeten, fernzubleiben; ich habe dich sehr freundlich darum ersucht.
Warum konntest du meiner Bitte nicht nachgeben? Warum mußtest du
unbedingt immer wieder dort hinaufgehen, unsere stillen Zusammenkünfte
stören, als Uneingeweihte in unsere Versammlungen hineinplatzen? Nein,
antworte nicht. Du brauchst nicht zu antworten. Frauen werden sich immer
gegenseitig bekämpfen, wenn es die Hierarchie der Macht geht. Es wird
immer eine Siegerin und eine Verliererin in diesem grausamen Spiel geben.
Ich
klappe den Deckel der Spieldose zu und wische mir über die Stirn,
denn es ist inzwischen fast vollkommen dunkel geworden, und durch das angestrengte
Starren schmerzen mir die Augen.
Die
Sterne zwinkern vom Nachthimmel, ihr Licht wie silberne Glöckchen.
Silberne Glöckchen. Ich brauche die Musik der Spieldose nicht mehr,
um mich auf meinen Weg zu leiten. Die Töne des wehmütigen Liedes
haben sich im Dunkel festgesetzt wie wirkliche Sterne, sie leuchten und
zwinkern mir den Weg.
Durch
die Tür und die Treppe hinauf zum Boden, eine Stufe nach der anderen,
einen Fuß über dem anderen. Langsam, langsam steige ich hinauf.
Der Sommerwind streicht durch mein Haar wie eine zarte Liebkosung, ein
Versprechen zur Nacht.
Eure
Augen wenden sich mir zu, wenn ich den Schlüssel in der Tür drehe.
Ich weiß es, ohne es sehen zu müssen. Ich fühle die einhellige
Bewegung eurer Köpfe, das Rascheln eurer Kleider. Wie eure Hände
sich in den Stoff eurer Röcke krallen, eure Lippen vor Aufregung beinahe
sichtbar zittern. Ich weiß, ihr seid begierig, mir von euren Leben
zu erzählen, von euren Ängsten, euren Hoffnungen und Träumen.
Denn ihr habt Träume, hochfliegend wie Vögel, erobernd wie Heerscharen.
Träumt ihr die Träume der Menschen? Ersinnt ihr sie für
uns?
Ich
brauche kein Licht zu machen, denn ein schmaler Streifen Mondlichts fällt
durch eine Dachluke herein und malt einen kreisrunden Fleck bläulichbleichen
Rots auf den Teppich. Und in diesem Lichtfleck sehe ich einen Fuß,
gehüllt in einen schwarzsamtenen Pantoffel, der mit Glasperlen bestickt
ist. Die Reflexion dieser Perlen im Mondlicht blendet mich wie ein Funkenspiel;
ich trete langsam näher, und der Karneval der Farben ergießt
sich über mich.
Da
seid ihr, meine Lieben.
Eine
um die andere hebt ihr die Lider, und das Strahlen eurer Pupillen umringt
mich wie Glühwürmchenfeuer. Hier endet das Lied der Spieldose,
die winzige Ballerina im hellblauen Tutu erstarrt auf Zehenspitzen. Jetzt
tanze du, Königin der Puppen.
Ich
greife in ihren Nacken und drehe den grossen, zweiflügeligen Schlüssel,
der ihr Uhrwerk in Gang setzt. Ich spanne die starke Feder, die ihren Brustkorb
ausfüllt. Es war nicht einfach, diese Feder dort anzubringen, denn
der Rippenkäfig war - obgleich zart und zerbrechlich - doch widerstandsfähig
wie Weidengeflecht. Sie hebt die Arme über den Kopf, eine graziöse
und herrschaftliche Geste. Ihre schwarzen Korkzieherlocken zittern über
der Schwanenneigung ihres Halses. Ihr Porzellangesicht lächelt, oder
ist es eine Maske, die über ihr wahres Gesicht gezogen wurde? Es macht
keinen Unterschied in dem schmeichelnden Mondlicht, das alle Unebenheiten,
Risse und Nähte in ihrer Pergamenthaut verdeckt. Ihr Kleid raschelt.
Der Schrei der Seide vermählt sich dem Klang der Spieldose an, dem
Klang der silbernen Glöckchen, dem Klang von hundert Puppenstimmen.
Tanz,
Rosanna.
Jetzt
bist du eine von ihnen.
Jetzt
gehörst du zu uns.
©Angerhuber |