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Zwischen 9 und 9

Der Regen prasselte, prasselte, prasselte. Nieder auf die schindelgedeckten Dächer vor dem kleinen Spitzbogenfenster, durch das ein schmaler Streifen gelben Lichts auf den undurchdringlichen Vorhang fallenden Wassers draußen fiel. Undurchdringlich, wie der Perlenvorhang vor dem geheimnisvollen Zelt eines Zauberers auf dem Jahrmarkt: der Vorhang des Oktoberregens. Auf die schindelgedeckten Dächer der Nebengebäude, der Kemenate und des Gesindehauses prasselte der stetige, unaufhörliche Regen, mit einem leisen Klingen, das dem Rauschen des Blutes in den Schläfen glich, wie man es zu manchen Stunden hört, wenn kein anderes Geräusch die angespannten Sinne ablenkt. 

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Solo für eine Königin

Eddie M. Angerhuber


An diesen Abenden, wenn der laue Frühlingswind oder der brütende Hauch des Sommers durch das Haus streichen und die Grillen im Garten zirpen, gehe ich gern in Rosannas Zimmer und betrachte die Gegenstände darin. Ich halte das Zimmer sehr sauber, obwohl niemand darin wohnt; ich erlaube dem Staub nicht, die glänzenden Oberflächen ihres Toilettenspiegels oder der Kleiderschränke zu verhüllen. Rosannas Anwesenheit hängt wie ein feiner Duft in der Atmosphäre dieses rosigen und femininen Zimmers. Ich kann sie in jedem Winkel spüren. Ich berühre ihre Kosmetikartikel, mit denen sie sich zu schminken pflegte, und atme das Parfum ihrer Haarbürste ein. Schließlich setze ich mich auf ihr Bett, das mit aprikosenfarbenem Satin bezogen ist, und nehme von ihrem Nachtkästchen die rosettenförmige Spieldose.

Dies zierliche, zerbrechliche Ding habe ich Rosanna am Tag unserer Hochzeit geschenkt. Sie spielt immer noch dieselbe Melodie, genau wie damals, wenn ich den ziselierten Deckel hebe. Aber ich warte noch damit, ich begnüge mich, mit den Fingerspitzen die Muster auf dem Deckel nachzuzeichnen, und spüre den Anflug eines Lächelns sich in meine Mundwinkel stehlen. Alle Erinnerungen, die ich an Rosanna habe, sind süß und wehmütig wie die Melodie der Spieldose. 
Freundlich fächelt der Juliwind die gerafften Wolkenstores vor der Balkontür, und das Sonnenuntergangslicht taucht das Zimmer in ein glühendes Rot, in dem die Pfirsichfarbe der Erinnerung wie ein süßer Nachgeschmack langsam verebbt. 
Dort pflegte sie zu liegen, den Kopf auf den Arm gestützt, ihr Ellbogen ein spitzwinkliges Dreieck, in dessen Mitte ich wie durch ein Fenster den Himmel erblickte. Sie drehte eine ihrer langen schwarzen Locken zwischen den Fingern und lächelte mit rubinroten Lippen. Ihre Brüste waren weiß und blaugeädert wie edler Marmor. 
Und der letze Abglanz von Plaisir d'Amour verflüchtigt sich, als die Sonne unter dem Horizont verschwindet. Ich öffne den Deckel der Spieldose, und die winzige Ballerina beginnt sich zu drehen. Die spinnwebfeinen Töne treiben durch das Halbdunkel des Zimmers. Das Lied dreht eine Pirouette und wiederholt sich in einer höheren Oktave. 
An dem Tag, als Rosanna und ich zum letzten Mal zusammen diesem Lied lauschten, war der Himmel von Wolken verhangen, und der Regen perlte von den Fensterscheiben. Ich schaue in den Nachthimmel wie in einen riesigen Spiegel, in dem der Widerglanz deiner Augen schimmert, und erinnere mich der alten Tage: 

Der Regen perlt von den Fensterscheiben. 
Rosanna und ich sitzen zusammen vor einem flackernden Kaminfeuer, Gläser mit heißem Punsch in den Händen. Wir sind gerade von einem langen Spaziergang zurückgekehrt, der uns quer über die Felder und Weiden führte, vorbei an Stallungen, Steinmäuerchen und im Sturm flatternden Vogelscheuchen. In unseren Augen tragen wir wie Brandmale die Zeichen der Blitze, Wassertropfen glänzen wie Platinschmuck auf unserer Haut. Wir lächeln einander zu, wir scherzen, wir unterhalten uns. Das Kaminfeuer flackert. Und wir tauschen einen langen, innigen Kuß. 

Sie waren immer eifersüchtig, wenn ich von ihnen fortgerufen wurde. Allen voran Bellefleur, diese kleine Querulantin. Ich brauche es dir nicht zu erzählen, du weißt es gewiß noch. Du hast es nicht gern gesehen, wenn ich so viele Stunden dort oben auf dem Boden verbrachte, wo sich ihr Reich befand. 
Das Reich der Modelle. 
Ich habe sie immer Modelle genannt, da mir das Wort "Puppen" einen zu albernen und kindlichen Klang hatte. Waren sie doch weit mehr als bloße Spielzeuge, dazu verdammt, von unbarmherzigen Kinderhänden "erforscht" zu werden. Meine Modelle waren zu Höherem bestimmt. Ich wußte, daß in jedem von ihnen eine Art winziges Geheimnis schlummerte. Jedes Modell hatte seine eigene Geschichte; manchmal waren diese ziemlich verworren, je nach dem Alter der entsprechenden Persönlichkeit. Natürlich versuchte ich, Modelle mit möglichst ausgeprägter Persönlichkeit ausfindig zu machen; Modelle von hohem Alter, deren strahlende Glasaugen mich aus dem matten und gesprungenen Porzellan ihrer idealisierten Engelsgesichter verfolgen würden wie die Blicke von Hypnositeuren. Ein kleiner Zauberer jedes für sich: in winzige Anzüge und Rüschenkleider gewandet, füllten sie Regale, saßen und lagen auf Möbeln und Truhen, sogar in den Ecken des Raums und auf dem alten Perserteppich, den ich zu ihrem Schutz dort ausgebreitet hatte, damit sie ihre empfindlichen Köpfe nicht verletzten, sollten sie aus den Regalen stürzen. 

Ich sehe vor meinem inneren Auge den Schimmer ihrer Pupillen, wenn sie sich mir in dem wohligen Halbdämmer zuwandten, der den wie eine Kirche spitzgiebeligen Raum erfüllte. Sie schwiegen, und doch verstand ich ihre geheime und rätselhafte Sprache. Es hat mich eine ziemlich lange Zeit gekostet, bis ich sie verstand; aber eines Tages wurden meine Bemühungen von Erfolgen gekrönt. Sie hatten Zutrauen zu mir gefaßt und betrachteten mich nicht mehr als Feind - wie andere Menschen -, sondern als einen Freund, vielleicht sogar als einen der ihren. An dem Tag, als mir dieser Durchbruch gelang, war ich so glücklich, daß ich in den Keller hinunterging und eine Flasche von dem uralten Sauternes öffnete, den mein Großvater dort eingelagert hatte. Erinnerst du dich, Rosanna? Erinnerst du dich an seinen süßen und hefigen Geschmack, mit einer Andeutung von Schimmel darin, das köstliche Aroma des Verfalls? 
Ich habe diesen Geschmack stets gefürchtet, Rosanna. Er erinnert mich an die Vergänglichkeit der Dinge, für die wir leben. Unser gesamtes Dasein ist nur für die Vergänglichkeit bestimmt, auch wenn es Menschen gibt, die diese Wahrheit leugnen. Und weil ich die Vergänglichkeit der Dinge fürchte, habe ich versucht, sie und dich davor zu beschützen, diesem Verfall anheimzufallen. 
Lausch nur; dann hörst du das feine Rieseln des Staubes in den Ritzen, des Staubes, der die Jahrhunderte erfüllt. Wir werden alle früher oder später zu Staub, sagt man ... 

Wenn ich dort oben zwischen meinen Modellen saß und die Zeit vergaß, da ihre Welt eine ganz zeitlose und unverrückbar scheinende war, und du mich gerufen hast, dir Gesellschaft zu leisten, sah (und fühlte) ich, wie ihre Augen sich dir in einer einhelligen Bewegung zuwandten. Rings um den Raum ging ein Raunen, das Rascheln ihrer Rüschenkleider, das Scharren ihrer Hände und Füße auf den Holzbrettern der Regale. Sie wandten dir ihre Augen und ihre Köpfe zu. Sie widmeten dir ihre Aufmerksamkeit. Ich hörte das Knirschen ihrer Zähne in ihren kleinen, feingezeichneten Mündern, leise, ganz leise, unhörbar fast. Es klang wie Porzellan auf Porzellan oder Glas gegen Glas. Aber sie verboten mir, dich zu warnen; und ich besaß keine Macht gegen sie. 

An dem Tag, als ich Bellefleur fand und kaufte, veränderten sich die Dinge in unserem Haus, aber vor allem oben auf dem Boden. Sie übernahm sofort die Herrschaft über die anderen, die sich ihr widerspruchslos unterwarfen. Sie erkannten ihren Adel und ordneten sich ihr unter, mit einer von überlegener Vernunft zeugenden Selbstverständlichkeit, die Menschen nicht besitzen. 
Stolz thronte die neue Königin in meinem Ohrensessel, das Ballkleid um sich herum ausgebreitet, den zarten Porzellankopf leicht geneigt, wie eine gnädige Herrscherin bei einer Audienz. Ihre blonden Haare waren zu Korkzieherlocken gedreht, ihre Hände hielten einen weißen Fächer. Sie sah aus wie eine Debütantin im Triumph ihres ersten Balls, umschwärmt von charmanten Verehrern. Ihre Wimpern waren lang und gebogen, die Iris ihrer Augen von einem scharfen Grünblau wie fließendes Wasser oder die Schuppen eines Raubfischs. Sie hielt meinem Blick mühelos stand, als ich sie prüfend musterte, das Kinn gehoben, die Lider leicht gesenkt. Ihre Stimme klang wie silberne Glöckchen in den Windungen meines Gehirns, als sie sich schließlich dazu herabließ, zu mir zu sprechen. 
Du hast ja keine Vorstellung davon, wie lieblich ihre Stimme war, Rosanna. Du hast niemals so etwas Feines und Zartes gehört, mit Ausnahme der Musik jener Spieldose vielleicht, die mich an Bellefleurs Stimme erinnert, an ihren Gesang in der dämmrigen Halle des Dachbodens. Die Musik der Spieldose begleitete sie, nahm den Ton ihrer Stimme an, und die Noten verflüssigten sich zu Gold, das alle Gegenstände überschauderte. Ich war verzaubert; ich konnte nur stumm lauschen. 
In diese Idylle brach bisweilen der Donner des Himmels wie ein störender Kirchenglockenton, und Bellefleur haßte den Himmel dafür, daß er ihren Gesang unterbrach. Aber der Himmel war zu hoch; ihn konnte sie nicht erreichen. 
Es gab jedoch anderes, was Bellefleur in ihrer Zufriedenheit beeinträchtigte. Sie war eifersüchtig, sobald du den Raum betratst, Rosanna. Ich habe dich gebeten, fernzubleiben; ich habe dich sehr freundlich darum ersucht. Warum konntest du meiner Bitte nicht nachgeben? Warum mußtest du unbedingt immer wieder dort hinaufgehen, unsere stillen Zusammenkünfte stören, als Uneingeweihte in unsere Versammlungen hineinplatzen? Nein, antworte nicht. Du brauchst nicht zu antworten. Frauen werden sich immer gegenseitig bekämpfen, wenn es die Hierarchie der Macht geht. Es wird immer eine Siegerin und eine Verliererin in diesem grausamen Spiel geben. 

Ich klappe den Deckel der Spieldose zu und wische mir über die Stirn, denn es ist inzwischen fast vollkommen dunkel geworden, und durch das angestrengte Starren schmerzen mir die Augen. 
Die Sterne zwinkern vom Nachthimmel, ihr Licht wie silberne Glöckchen. Silberne Glöckchen. Ich brauche die Musik der Spieldose nicht mehr, um mich auf meinen Weg zu leiten. Die Töne des wehmütigen Liedes haben sich im Dunkel festgesetzt wie wirkliche Sterne, sie leuchten und zwinkern mir den Weg. 
Durch die Tür und die Treppe hinauf zum Boden, eine Stufe nach der anderen, einen Fuß über dem anderen. Langsam, langsam steige ich hinauf. Der Sommerwind streicht durch mein Haar wie eine zarte Liebkosung, ein Versprechen zur Nacht. 
Eure Augen wenden sich mir zu, wenn ich den Schlüssel in der Tür drehe. Ich weiß es, ohne es sehen zu müssen. Ich fühle die einhellige Bewegung eurer Köpfe, das Rascheln eurer Kleider. Wie eure Hände sich in den Stoff eurer Röcke krallen, eure Lippen vor Aufregung beinahe sichtbar zittern. Ich weiß, ihr seid begierig, mir von euren Leben zu erzählen, von euren Ängsten, euren Hoffnungen und Träumen. Denn ihr habt Träume, hochfliegend wie Vögel, erobernd wie Heerscharen. Träumt ihr die Träume der Menschen? Ersinnt ihr sie für uns? 
Ich brauche kein Licht zu machen, denn ein schmaler Streifen Mondlichts fällt durch eine Dachluke herein und malt einen kreisrunden Fleck bläulichbleichen Rots auf den Teppich. Und in diesem Lichtfleck sehe ich einen Fuß, gehüllt in einen schwarzsamtenen Pantoffel, der mit Glasperlen bestickt ist. Die Reflexion dieser Perlen im Mondlicht blendet mich wie ein Funkenspiel; ich trete langsam näher, und der Karneval der Farben ergießt sich über mich. 
Da seid ihr, meine Lieben. 
Eine um die andere hebt ihr die Lider, und das Strahlen eurer Pupillen umringt mich wie Glühwürmchenfeuer. Hier endet das Lied der Spieldose, die winzige Ballerina im hellblauen Tutu erstarrt auf Zehenspitzen. Jetzt tanze du, Königin der Puppen. 
Ich greife in ihren Nacken und drehe den grossen, zweiflügeligen Schlüssel, der ihr Uhrwerk in Gang setzt. Ich spanne die starke Feder, die ihren Brustkorb ausfüllt. Es war nicht einfach, diese Feder dort anzubringen, denn der Rippenkäfig war - obgleich zart und zerbrechlich - doch widerstandsfähig wie Weidengeflecht. Sie hebt die Arme über den Kopf, eine graziöse und herrschaftliche Geste. Ihre schwarzen Korkzieherlocken zittern über der Schwanenneigung ihres Halses. Ihr Porzellangesicht lächelt, oder ist es eine Maske, die über ihr wahres Gesicht gezogen wurde? Es macht keinen Unterschied in dem schmeichelnden Mondlicht, das alle Unebenheiten, Risse und Nähte in ihrer Pergamenthaut verdeckt. Ihr Kleid raschelt. Der Schrei der Seide vermählt sich dem Klang der Spieldose an, dem Klang der silbernen Glöckchen, dem Klang von hundert Puppenstimmen. 

Tanz, Rosanna. 
Jetzt bist du eine von ihnen. 
Jetzt gehörst du zu uns. 
 

©Angerhuber