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Nocturne
Thomas
Wagner
Er
hatte sich in den alten, scheinbar sterbenden Teil der Stadt zurückgezogen,
jenen maroden Organismus aus heruntergekommenen Prachtbauten und spärlich
beleuchteten Straßen, die sich in den schwer atmenden Nächten
wie fluoreszierende Kanäle in einem diffusen Schwefellicht ausnahmen.
Die
Nächte in diesem Teil der Stadt erschienen ihm wie ein greller
Totentanz, besaßen eine extrem vergängliche Form der Vitalität
und boten ihm in ihrer lärmenden Anonymität die Einsamkeit, die
er suchte. Dies schien ihm der einzig geeignete Ort, seine Krankheit auszuleben,
seine "Krankheit", wie er das schleichende Chaos in seinem Kopf nannte,
ein sich steigernder Sog aus Rastlosigkeit, Misanthropie und der Faszination
für die Grenzbereiche seines verfallenden menschlichen Daseins. Dies
war die andere Krankheit, die wirkliche, wie sie ihm von den Ärzten,
die er seit langem mied, attestiert worden war: Ein langsamer, unaufhaltsamer
Verfall seines Körpers, den er mit Hilfe eines zunehmend exzessiven
Konsums von Drogen zu ignorieren suchte.
Seine
Wohnung lag fünf Stockwerke über dem faulenden Schlund des Straßenflusses,
in einem narbigen Relikt großbürgerlichen Stolzes, das jetzt
mit halbblinden Augen in die Stadt starrte. Es war dies keine Heimat für
ihn, denn dieser Begriff hatte für ihn keine persönliche Bedeutung,
ebenso wie die menschlichen Werte "gut" und "böse" ihm nur als schwammige
Buchstabengebilde erschienen, stets dafür geeignet, der allgegenwärtigen
Heuchelei als weitere bequeme Schublade zu dienen. Doch er liebte - wenn
es etwas gab, das er lieben konnte - die Nächte in dieser Stadt. Die
Nächte, in denen er, euphorisiert im Drogenrausch, an einem Buch schrieb,
von dem er wußte, daß er es nie beenden würde, während
er sich tagsüber damit quälte, drittklassige Trivialgeschichten
für die Gunst des Gottes Geld zu verfassen. Er liebte diese Nächte,
in denen es ihn auch oft hinauszog in das Schwefellicht der Straßen,
ihn in neonerleuchtete, laute Nachtclubs trieb, in denen für Geld
alles zu erwerben war, was die Nacht feilhält.
An
einem solchen Ort war es, als er das weiße Gesicht zum ersten mal
sah. Eine verschwommene, dunkle Gestalt am anderen Ende des Raumes, ein
weißer Schemen dort, wo das Gesicht sein mußte. Anfangs dachte
er, die Gestalt wäre nur ein Spiegelbild, ein Reflex im Zwielicht
des blauen Neonlichts, doch er bemerkte, daß sie sich nie bewegte.
Der weiße Schemen sah zu ihm, als hielte er stumme Zwiesprache mit
ihm. Als die Nacht dem Grau des Tages und der Brutalität des Sonnenlichts
weichen mußte, verschwand die Gestalt. Er dachte, umnebelt von Alkohol
und Drogen, nicht bemerkt zu haben, wie das unbekannte Wesen den Club verließ.
Verstört machte er sich auf den Heimweg, sich über sich selbst
wundernd, er, der stets vermied, sich für Menschen und ihr banales
Ego zu interessieren.
In
der folgenden Nacht zog es ihn - beinahe gegen seinen Willen - wieder an
den gleichen Ort. Das weiße Gesicht erschien wieder an der gleichen
Stelle des Raumes und sah zu ihm herüber. Er wollte sich von seinem
Barhocker erheben, den Platz wechseln, den Club verlassen oder auch zu
der Gestalt gehen, um ihr endlich gegenüber zu stehen, doch es schien
ihm unmöglich, sich zu bewegen. Eine eigentümliche - nicht unangenehme,
eher auf sonderbare Art beruhigende - Kälte ergriff von ihm Besitz,
zog sich um sein Herz und seine Stirn. Wie in Trance, sein Glas haltend,
verbrachte er wieder die Nacht damit, den weißen Schemen zu fixieren.
Gegen Morgen war die Erscheinung verschwunden, die Starre fiel von ihm
ab und er erhob sich mühsam, geschwächt, um noch verwirrter den
Heimweg anzutreten.
Die
folgenden Nächte - er zählte sie nicht - verbrachte er alle auf
die gleiche Art. Tagsüber verfiel er in eine melancholische Apathie,
seine ungeliebte Arbeit vernachlässigte er völlig, das letzte
verbliebene Geld gab er für die Drogen aus, die es ihm ermöglichten,
seinen kraftlosen verfallenden Körper nachts zum Leben zu erwecken,
seine Schritte in den Nachtclub, zu der namenlosen Erscheinung zu lenken.
Er hungerte nach der wohltuenden, lindernden Kälte, die dann von ihm
Besitz ergriff, und wenn er im Morgengrauen über die schnarchenden
Leiber Betrunkener, die im Treppenhaus nächtigten, die fünf Treppen
in seine verwahrloste Wohnung hochstolperte, ignorierte er, daß seine
Bewegungen wieder etwas langsamer und mühevoller geworden waren.
Dann,
eines Nachts, geschah es, daß die Erscheinung ausblieb. Niemand in
dem Club konnte etwas mit seiner Beschreibung des unbekannten Wesens anfangen,
man behauptete sogar, daß an der besagten Wand nur ein Spiegel wäre.
Nacht für Nacht hätte man ihn dabei beobachtet, wie er glasigen
Blickes, stundenlang den Spiegel fixiert hätte, sein Getränk
nicht anrührend und auf keinerlei Ansprache reagierend. Man mache
sich Sorgen um seinen Zustand, vielleicht solle er … Er achtete nicht auf
die Ratschläge und die abschätzenden Blicke der Menschen. Irgendwann
fand er sich allein unter dem Nachthimmel wieder.
Es
hatte zu regnen begonnen und das Mondlicht spiegelte sein sanftes Totengesicht
in den öligen Pfützen. Ein Ton, wie aus dem Innern seines Kopfes,
drang an sein Ohr. Ein Ton, wie ein lockender Ruf weder menschlichen noch
tierischen Ursprungs; ein Ton, klagend und sanft wie die Stimme eines Saxophons,
so schien es ihm. Der Ton zog ihn, einem Radarsignal gleich, an, während
der Regen sich zu einem Wolkenbruch entwickelte, und er beschleunigte seine
Schritte auf dem nassen Asphalt. Die Drogen ließen seinen Kreislauf
rotieren und seine pochenden Schläfen beinahe platzen, als er wie
irr durch die nächtlichen Straßen rannte. Der strömende
Regen nahm ihm fast jede Sicht. Vor seinen geweiteten Augen gab es nur
noch die schwammige Schwärze, durchsetzt mit den schwefelgelben Augen
der Fenster und Laternen, und in seinem Kopf jenen immer lauter werdenden
Ton, der sein Hirn beinahe zu sprengen schien. Stunden vergingen bei dieser
Jagd, die ihm nur vorkamen wie wenige Minuten, sofern er überhaupt
noch etwas wie ein Zeitgefühl besaß.
Irgendwann
stieß er gegen ein hartes, regennasses Etwas, das er als ein schmiedeeisernes
Geländer erkannte. Er befand sich auf einer Brücke. Der modrige
Geruch nach Fäulnis stieg zu ihm auf und sein Blick folgte den Regenschnüren,
die ihren Weg unter ihm, im träge dahinziehenden Wasser des Kanals,
beendeten. Zu beiden Seiten des Kanals erhoben sich die abgeblätterten
Fassaden der Stadt und er erkannte, all die Zeit nur im Kreis gerannt zu
sein, länger im Kreis gerannt, als er wahrhaben wollte.
Der
Ton in seinem Kopf endete abrupt. "Du hast mich gefunden." Eine Stimme
wie brechendes Eis, sanft wie Schnee, erklang hinter ihm. Er wandte sich
um und erblickte das Ziel seiner Suche. Das weiße Gesicht schien
über der dunklen Gestalt zu schweben, glitt näher in sein Blickfeld.
es war ein seltsames Gesicht, zeitlos und verlebt, eigenartig schön
und doch von einer eigentümlichen Morbidität, männlich und
weiblich erschien es zu gleichen Teilen, mit Augen wie schmelzender Schnee.
"Wer
bist du?" fragte er und seine Hände krallten sich um das Brückengeländer.
"Namen
sind nichts", sagte das Wesen, "Namen und Worte sind austauschbar wie Nummern.
Und gibt es etwas weniger beständiges wie Zahlen? Ich weiß,
daß du mich verstehst. Du kennst mich gut."
Er
fühlte ein sich verstärkendes Zittern durch seinen kranken Körper
laufen und erwiderte mühsam: "Ich habe keine Ahnung wer oder was du
bist und was zum Teufel du von mir willst."
"Den
Teufel gibt es ebenso wenig wie den Gott, den du leugnest. Du kennst mich.
Und du liebst mich. Ich kann dir Linderung verschaffen und wenn du es willst,
werde ich dich heilen. Schau all das", sagte das Wesen und wies über
das Geländer zur nächtlichen Stadt, "all das gehört dir
und mir, wann immer wir wollen."
Ein
metallischer Geschmack füllte seinen Mund und das Gesicht, die Häuser
und alles begann vor seinen Augen zu verschwimmen. "Ich liebe die Nacht",
flüsterte er. Das weiße Gesicht schien zu lächeln.
"Ich
sagte es doch. Du liebst mich", klang die Stimme, schön wie Regen,
dicht an seinem Ohr. Und als die Lippen des Wesens sich saugend auf die
seinen pressten, zwischen denen ein dünner Blutfaden erschien, gefror
sein Herz, und er wußte, daß dies die endgültige Heilung
war.
©Thomas
Wagner |