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an
einem stinknormalen sonntagnachmittag in einem maurischen café
Shine
....“es
ist alles andere als leicht, kreativ zu sein“, sagte die elegante junge
dame in richtung der chimäre, die mit einer tasse dampfenden kakaos
neben ihr sass und höflich nickte.
das
in breiten bahnen hereinströmende licht vergoldete die maurischen
gitter und verschlungenen arabesken vor den fenstern des cafés,
einige staubflocken tanzten durch die luft. ihnen gegenüber sassen
zwei männer im traditionellen berbergewand und spielten eine partie
schach. der ihnen gegenübersitzende blickte zu ihnen herüber
und lachte mit blitzendem gold im mund. er legte seine braune hand mit
den schwarzen fingernägeln auf einen dolch, der neben dem schachbrett
auf dem tisch lag. der verlierer des spiels würde mit dem spiel auch
sein leben verlieren...ein alter brauch, um meinungsverschiedenheiten zwischen
stammesfürsten zu regeln, zumindest in dieser gegend, wo krieg nicht
auf dem schlachtfeld, sondern am schachbrett ausgefochten wurde.
"ein
guter brauch", murmelte der grünäugige drache am nebentisch,
"beinah unblutig und voll esprit, fast wäre ich versucht, es ihnen
gleichzutun." er blickte spöttisch zur chimäre hinüber,
die ihn standhaft ignorierte, seit er sich neben sie gesetzt hatte. der
drache war inzwischen dazu übergegangen, patience zu legen. mit flinken
pfoten klopfte er eine reihe nach der anderen herunter und stiess lange
rauchsäulen aus.
"ja,
meine liebe“, kam vom fräulein am nebentisch, das sich wieder der
chimäre zugewandt hatte, "es ist gar nicht leicht, in diesen zeiten
noch einen funken von...je ne sais pas...fantasie...zu entwickeln, wie
ihr sicher ebenfalls wisst.“ die chimäre nickte mitfühlend und
schenkte dem fräulein tee aus einem grossen, silbernen samowar nach.
der drache hatte eine wasserpfeife bestellt und rauchte sie nun mit sichtbarem
genuss...die rauchkringel, die er fabrizierte, stiegen zur decke empor
und bildeten dort eigentümliche barocke muster aus stuck.
das
schachspiel der stammesfürsten war entschieden, der schnitt durch
die kehle schnell und lautlos, der tod, der sich in dieser gegend azrael
nannte, betrat den raum und holte den durchscheinenden verlierer ab, nicht
ohne ihn zuvor noch auf ein glas absinth einzuladen.
der
raum hatte sich inzwischen mit rauch gefüllt und man konnte nicht
mehr viel erkennen. der drache hatte begonnen, nervös vor sich hinzupaffen,
seit der tod das lokal betreten hatte. eine dicke rauchwolke verhüllte
ihn wie ein tarnmantel, dahinter hörte man ihn rumoren und abwehrformeln
murmeln. "echsen sind das abergläubischste volk des universums“, beschied
die chimäre dem fräulein und lächelte fein und ein kleines
bisschen hämisch. "das habe ich jetzt gehört“, drang dumpf aus
der wolke am nebentisch, "und ich setze es auf die liste eurer untaten,
allerwerteste.“ das fräulein erstickte ihren plötzlich auftretenden
hustenanfall in einem spitzentaschentuch, das es aus dem ärmel seiner
cremefarbenen tropenjacke gezaubert hatte. die chimäre legte ein winziges
goldnugget auf den tisch und trank ihren kakao aus.
"es
liegt wohl am rauch, er wird immer mehr, man kann kaum mehr atmen“, sagte
sie. "es wird ohnehin zeit für unseren besuch am gewürzbasar,
vielleicht könnt ihr dort einige inspirationen für euer neues
buch sammeln. ich hoffe es inständig. als muse und als freundin, die
ich euch geworden bin.“ die beiden damen verliessen das cafe, das hinter
ihnen in einer veritablen nebelbank verschwand. die grünen augensterne
des drachen folgten ihnen noch eine zeitlang durch die gassen, dann zogen
sie sich wieder zu ihrem besitzer zurück...
im
café packte der drache eilig seine karten, zigaretten und einige
englische und französische tageszeitungen in seinen rucksack und liess
auch einen silbernen kaffeelöffel mitgehen. er legte einige sorgfältig
abgezählte münzen auf den tisch und drückte sich an der
hochaufragenden gestalt des todes vorbei, der noch immer an der bar stand
und sich angeregt mit einer gruppe von berbern unterhielt.
es
ging um ein weiteres schachspiel, diesmal zwischen dem tod und dem inzwischen
beinahe unsichtbaren stammesfürsten, der, so er gewinnen sollte (was
der tod als sehr unwahrscheinlich einstufte), wieder ins leben zurückkehren
dürfte.
"es
ist ja eigentlich verboten“, kam gerade vom tod, als der drache das café
verliess und kopfschüttelnd auf die strasse trat, um die verfolgung
der beiden damen aufzunehmen....
©Shine |