Er
wußte nicht recht ob es ihn beunruhigen sollte, daß sie verschwunden
war als er den Club zwei Stunden vor Sonnenaufgang verließ. Immerhin
hatte er ein wenig Spaß gehabt. Der Junge mit dem langen Haar, Dimitri,
begleitete ihn bis vor seine Tür, er wohnte einige Blöcke weiter
am Rande des Schattenteils.
"Wo
ist denn die Kleine hinverschwunden, die du kurz bei dir hattest?"
"Ich
weiß nicht." sagte er kurz.
"Gibt´s
was, was du mir erzählen willst?"
"Nö."
Dimitri
nickte bedächtig und grinste. "Schlaf gut."
"Wie
ein Toter." versicherte Gammel ihm, "Schlaf besser."
"Ja."
"Gut."
Er
sah ihm noch nach, bis er um eine Ecke bog und betrat das Haus, durchschritt
den Flur, benutzte den Hinerausgang, überquerte den Hof und erklomm
die Treppe, schloß die Tür auf und erreichte am Ende des Korridors
sein Zimmer.
Oh
himmlische Ruhe!
Die
Sonne ging auf. Er gähnte ausgiebigst und streckte sich, starrte eine
Weile auf seine zerfallenen Stiefel bevor er sich aufraffte sie auszuziehen
und trennte sich auch von Mantel, Hose und Socken. Er war furchtbar müde.
Aber immerhin satt. Er ließ alles auf den Boden fallen und schälte
sich mühevoll aus seinem Hemd und in ein T- shirt ohne Ärmel
und Saum. Schließlich sank er seufzend in den Samt und ließ
den Deckel vorsichtig zufallen. Oh, das war mehr als leise. Es war fast...
hörbar. Es war, als fehle jedes Geräusch, und zwar gänzlich,
für den Augenblick in dem es früher gequietscht hatte... und
über diesen Gedanken schlief er mit einem eigenartigen Gefühl
von Zufriedenheit ein.
Dimitri
war der einzige, der wußte wo er wohnte. Gammel war sich sicher,
daß Dimitri nicht bei Tage herein platzen würde. Er hatte ihm
gesagt, daß er das nicht durfte wegen einer Allergie und so etwas.
Aber mehr wußte auch er nicht.
Gammel
erwachte einige Stunden später mit phänomenaler Heftigkeit und
stieß sich den Kopf am Deckel. "Autsch!" fluchte er. Dann hob er
die Klappe einige Millimeter und lauschte dem dumpfen Klopfen an der Tür,
daß ihn geweckt hatte. Es war Tag und es war hell, die Straßengeräusche
waren angeschwollen und dröhnten in seinem überempfindlichen
Gehör, wie es jemand hat, der eben aufgewacht ist. Es war so warm.
Immernoch kratzte und pochte es an der verschlossenen Tür. Jemand
drückte die Klinke immerwieder.
Er
klappte den Deckel entgültig auf und faltete sich mühsam aus
der Kiste. Sein Herz klopfte nervös.
"Gammel,
bist du wach? Hallo!" Es war Dimitri. Warum zum Henker... "Gammel, mach
auf, hallo, schläfst du?"
"Ja."
rasselten Gammel´s Stimmbänder als Antwort. "Was ist los?"
"Ich
hab hier was gefunden, das will zu dir, ich meine-..."
Gammel
drehte den Schlüssel herum und riß die Tür auf. Er bekam
einen Schwall weißen Lichts an den Kopf geworfen, der in das Zimmer
flutete und ihn zurückstolpern und fallen ließ. Er hob den Arm
zur Abwehr. Aus sicherer Entfehrnung sah er etwas ins Zimmer fallen und
im Schatten neben der Tür verschwinden. Seine Augen tränten.
Der Türrahmen flimmerte und strahlte wie das Tor zur Hölle.
"Mach
die Tür zu, bitte!" rief er eindringlich. "Mach schon!"
Die
Tür wurde geschlossen. Gammel kroch auf Händen und Knien in die
Ecke zu dem Mädchen auf dem Boden. Sie war in Dimitri´s Mantel
gewickelt und zog sich eben den Stoff aus dem Gesicht. Er rieb sich die
Augen und malte sich in Gedanken aus, daß die Sterne, die er sah,
seine explodierten Sehnerven waren, die auf einem riesigen Trümmerfeld
unter dramatisch gerötetem Himmel verstreut lagen und er in Unterwäsche
über die verbrannte Erde krauchte um die Einzelteile aufzusammeln.
"Hallo."
flüsterte das Mädchen und grinste.
"Guten
Morgen." röchelte Gammel und blinzelte angestrengt.
"He."
Dimitri trat zu ihnen, "Möchte mir hier vielleicht jemand etwas erklären?"
"Wo
hast du sie gefunden?"
"Nur
ein paar Straßen weiter in einem Hauseingang, wo sie panisch bemüht
war vor der Sonne zu flüchten. Sie wollte unbedingt zu dir."
Gammel
sah immer noch mehr oder weniger besorgt zu ihr hinunter.
"Wie
zum Henker heißt du?"
"Klara."
Sie
richtete sich langsam auf und lehnte sich an die Wand.
"Und
was hast du dir dabei gedacht bis zum Morgengrauen so herumzurennen?"
"Ach."
seufzte sie und blickte zur Seite. Unruig zupfte sie an einem Fädchen
herum, daß aus dem Saum des Mantels gekrochen war.
"Lass
uns schlafen, mh?"
Sie
sah wieder auf und lächelte ein wenig traurig. "Ja." sagte sie.
Er
stand mühsam auf und hielt ihr die Hand hin.
"Darf
ich bitten, Mademoiselle?" Sie grinste verlegen und legte ihre zarte Hand
in seine. Er umschloß sie vorsichtig mit seinen langen dünnen
Fingern und zog sie hoch, daß sie nahe bei ihm stand.
"Also,
ich gehe jetzt nach Hause. Es scheint ja kein weiteres Problem zu geben."
Dimitri wandte sich zur Tür.
Klara
gab ihm seinen Mantel. "Danke dir." sagte sie.
"Kein
Problem. Bin ja kein Vampir." Dimitri grinste und zwinkerte ihr zu. "Schlaf
gut, Alter. Und vergiß deine Prinzipien nicht."
"Ja,
ja. Geh schon, du alter Spinner."
Gammel
zog das Mädchen schnell aus der Reichweite des Lichts, als Dimitri
die Tür öffnete und in der lodernen Öffnung verschwand.
Gammel schloß ab.
"Weiß
er wirklich von dir?"
"Nein.
Er weiß nichts. Keiner weiß etwas."
"Doch."
"Gut-
Du weißt. Und der Ältere. Und alle seine Kinder und deren Kinder
und der ganze Rest, der mir begegnet oder ein paar Blöcke weiter vorbei
zieht. Das reicht ja auch."
Er
ging an ihr vorbei zum Sarg und ließ sich hinein fallen.
"Willst
du den ganzen Tag da stehen?" grummelte er weil sie zögerte. Irgendwie
schien sie mit sich zu kämpfen.
"Hast
du ein paar Shorts für mich?" fragte sie kleinlaut und zwirbelte an
einer Strähne ihres Haares herum. Irgendwie nahm er ihr nicht ab,
daß das alles sein sollte. "Klar." antwortete er.
Er
griff über den Rand und zog eine Lade auf, holte eine Boxershorts
mit geschmackvollem Totenkopf- Muster heraus und ein T- shirt.
"Garantiert
letzte Woche im Waschcenter gewesen." versicherte er mit derart kindlichem
Stolz in der Stimme, daß sie wieder lachen mußte. Sie kam näher
und setzte sich auf den Rand, um ihre ausgelatschten Stoff- Turnschuhe
auszuziehen. Dann streifte sie die Jeans ab und schlüpfte in die Shorts.
Er gab vor wegzusehen, aber es schien sie gar nicht zu interessieren. Sie
war schön auf eine banale Art, mit ewig langen Beinen und einer klassischen
Figur. Sicher stammte sie aus gutem pastell- farbenen Haus mit zwei Eltern
und einem eigenen pastell- farbenen Zimmer, Mädchen- Zeitschriften
und einem Spiegel, in dessen Rahmen ein Photo von ihrem Freund und ihrer
Clique geklemmt war. Sicher hatte sie Taschengeld, daß sie für
pastell- farbenes Make- Up und Klamotten ausgegeben hatte, bekommen.
Während
er sich noch in seinen Spekulationen über ihr vergangenes Leben verlief
und immer mehr pastell- farbene Details fand, war sie schon an seine Seite
geklettert und hatte sich nieder gelegt.
Er
hatte trotzdem ein seltsames Gefühl als er den Deckel zuzog und die
Augen schloß. Sie schlief nicht. Sie tat zwar so als ob, aber es
war nicht so. Er spürte, wie sie sich räkelte, aber er spürte
auch die erdrückende Nervosität, die sie gefangen hielt. Etwas
war falsch.
Was
er nicht spürte, war der winzige Dolch, den sie in ihrer Hand verborgen
hielt.
"Warum
schläfst du nicht?" Sie zuckte erschrocken.
"Warum
fragst du?"
"Dein
Atem ist zu schnell, deine Bewegung zu fahrig und deine Augen zu beschäftigt."
Mit
einem Mal schnappte er nach ihrer Hand, die mit der Klinge zwischen den
Fingern an seine Kehle geschnellt war und hielt sie am Gelenk umklammert.
Sie schluchzte hilflos und versuchte seine Haut trotzdem noch zu erreichen,
bevor sie aufgab. Er konnte es für einen Moment nicht glauben. Er
blickte sie lange an, während er noch immer ihren Arm hielt.
"Willst
du etwas sagen?" erkundigte er sich kühl.
"Ich
will das nicht." flüsterte sie.
"Du
mußt das auch nicht."
"Aber
jetzt sind wir beide dran."
Er
nahm ihr die Klinge aus der Hand, die sie anstandslos fallenließ.
"Hat
er dich also tatsächlich geschickt?"
Er
schlug den Deckel zurück und stand wieder auf. Er ging zum Fenster
und schob die dünne Schneide vorsichtig durch einen schmalen Spalt
zwischen zwei Brettern hinaus auf den Hof, nicht ohne sich die Nägel
anzusenken. Dann hob er ihre Jeans auf und durchsuchte die Taschen. Da
war nichts bis auf ein Taschentuch und ein wenig Geld. Auch in der Jacke
war nichts anderes, ergänzt durch einen Taschenspiegel und einem winzigen
Kajal- Stift- Rest.
"Er
hat mich nicht geschickt."
Er
hielt inne.
"Bitte?"
"Er
hat mich nicht geschickt!" schrie sie mit einem Male so laut, daß
Gammel verwundert die Augenbrauen hob. Er legte ihre Kleider auf den Stuhl,
der nur noch drei Beine hatte und so geschickt an die Wand gestemmt worden
war, daß er nicht umfiel. Dann kam er zu ihr herüber und kniete
sich vor sie hin.
"Sondern?"
fragte er ruhig und wartete.
Sie
flüsterte: "Jemand anders."
Sie
verschliefen rettungslos. Sie war wie immer vor ihm wach und versuchte
ihn zu wecken. Er knirschte mit den Zähnen und drehte sich wieder
um.
"Steh
auf, es ist schon spät."
Er
knurrte, wälzte sich träge auf den Rücken und stöhnte:"Wie
spät?"
"Keine
Ahnung."
"Das
ist nicht spät genug." beschloß er und rollte sich wieder zusammen.
"Komm
schon. Ich habe Huger." Sie rupfte und schüttelte an ihm herum.
"Geh
halt schon." murrte er dösig. Sie saß da und schwieg. Er seufzte
lang und kläglich. "Ja, ja. Alles klar."
Er
setzte sich auf und rieb sich ausgiebig die Augen bevor er sie zu ersten
Mal an diesem neuen Abend aufklappte. "Dienstag?" murmelte er mehr zu sich
selbst, "Dienstag." antwortete er sich dann auch gleich und stand auf um
sich anzuziehen.
Sie
zogen einige Zeit recht ziellos um die Häuser, durch die Glasstadt,
durch ein Arbeiterviertel und die Innenstadt. Die Unterhaltung war recht
sporadisch, eigentlich schwiegen sie sich die ganze Zeit über nur
an, daß sich so eine nervöse unangenehme Stille über sie
beide legte.
"Gehst
du heute nicht in den Club?"
"Ich
gehe nicht jeden Abend dahin. Wenn mir danach ist."
Er
blieb kurz stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden.
"Sieh
mal, der Zoo." sagte sie und blieb vor der Allee stehen, die auf den Eingang
zuführte. Mächtige Bäume ohne Blätter säumten
den Schotterweg, sie waren allesamt tot und formten mit ihren verkrüppelten
Ästen maskenhafte Gestalten. Sie bog ab und strebte auf das große
Tor mit den Elefanten- Statuen zu.
Der
Zoo war mehr ein heruntergekommener Park, in dem noch einige wenige Tiere
aus fremden Ländern zu Hause waren. Die wohnten in Reihen von vergitterten
kahlen Käfigen aus dem letzten Jahrhundert und wurden von den wenigen
Tierpflegern versorgt, die sich die Direktion noch leisten konnte und selbst
die bekamen nur einen Hungerlohn. Große Teile des Gebiets war inzwischen
schon außer Betrieb und die Neubau- Ruine eines Elefanten- Hauses
ragte in nacktem Beton und angerosteten Stahlträgern empor.
"Was
willst du denn hier bloß?" Er folgte ihr.
"Ich
war noch nie im Zoo."
Sie
kletterte auf die Mauer und sah zu ihm herunter. "Komm schon." rief sie.
"Wieso?"
Sie
zuckte mit den Schultern und sprang. Er folgte ihr. Sie hatte auf der anderen
Seite auf ihn gewartet. Dann grinste sie und rannte los.
Sie
kam bis auf einen Platz, in dessen Mitte ein Brunnen vergammelte. Er war
mit Moos übersäht und riesengroß, es mußte einmal
in Stein gehauene Elefanten dargestellt haben. Jetzt war er von grünblauen
Pflanzenwerk bizarr verzerrt und sah eher aus wie ein Algendrachen. Hier
blieb sie stehen und sah sich nach ihm um. Er kam eben aus den Käfigreihen
mit den Raubkatzen auf sie zu geschlendert und rauchte in Ruhe seine Zigarette.
"Hey!"
rief sie ihm zu, "Was ist los?"
"Müde."
antwortete er und trat den Glimmstengel aus. Zwischen den Betonplatten
wucherte Gras und Hahnenfuß. Die Wiesen waren kurz geschnitten, damit
man sie nicht so oft mähen mußte.
"Aha."
Er
lief los und hatte sie eingefangen ehe sie reagieren konnte. "Und hungrig."
ergänzte er und schimmerte sie mit diesem eigenartigen Blick an, den
sie schon aus dem Club kannte. Einen Atemzug lang herrschte Stille, die
von erwartungsvollen Blicken gezehrt war.
Eine
Taschenlampe unterbrach sie.
"He!
Sie! Was machen sie hier? Wie sind sie hier herein gekommen?"
Sie
ließen den Wärter näherkommen. Gammel fixierte ihn, ein
junger Mann. Klara beobachtet Gammel aufmerksam.
"Was
machen sie hier?" wiederholte der Wärter fordernd und leuchete mit
dem Lichtkegel in ihre Gesichter. Bevor er allerdings noch weiter fragen
konnte, griff Gammel den Jungen am Kinn und zwang seinen Kopf zur Seite.
"Wir machen nur einen Spatziergang." sagte er und biß zu.
"Du
hast ihn getötet?"
"Nein,
er wird am Morgen ein wenig schwach sein. Kannst du das nicht sehen?"
"Nein."
"Es
ist erstaunlich wie wenig du weißt."
"Ach."
Sie
ließ den Kopf hängen.
"Du
hättest mich besiegen können heute, wenn du gewußt hättest,
wie." Er blieb stehen. "Du hättest mich verfolgen können, wenn
du dich zu verbergen wüßtest. Vielleicht hätte ich es trotzdem
bemerkt, aber jeder andere hätte das nicht. Du hättest reagieren
können, eben am Brunnen, dann wärst du nicht so erschrocken.
Du kannst so viel und weißt nichts davon."
Sie
rannte los. Diesmal fing er sie nicht so schnell, sie lief zurück,
am Brunnen vorbei auf die Mauer zu, da umschloß er sie mit seinen
Armen und sie wehrte sich nicht weiter.
"Hast
du wirklich geglaubt mich mit dieser Klinge töten zu können?"
flüsterte er.
"Sie
hat gesagt, wenn ich einen meinesgleichen töte, werde ich wieder ein
Mensch sein."
"Das
ist nicht wahr," sagte er leise und drückte sie an sich, "das ist
nicht wahr."
"Was
ist dann die Wahrheit?"
Sie
sprach ganz ruhig. Er küßte die blutig roten Tränen von
ihren Wangen und auch die, die ihr über die Lippen liefen.
"Du
kannst nie wieder ein Mensch sein. Und das ist alles."
Gammel
nahm sie an der Hand und zog sie auf die Mauer zu. "Laß uns in den
Club gehen."
An
Dienstagen war hier der Hund begraben. Gammel zog Klara an der Hand hinter
sich her. Sie sprach nicht und hätte er nicht ihre Hand, würde
sie stehen bleiben und sich nicht aus eigenem Antrieb weiter bewegen.
Er
gabelte eine junge Fixerin vor einer Bunkerdisko auf, die sich an seinen
Rockzipfel heftete und um ein bißchen Kohle für den nächsten
Schuß bettelte. Er wollte, daß Klara sie bekam. Aber die stand
nur da und starrte ihm leer ins Gesicht.
"Was
ist? Willst du sie nicht?"
Klara
stand da. Es liefen Tränen durch ihr Gesicht. Der kleine Junkie stammelte
nur immer wieder, daß sie Geld brauche und ihr schlecht sei. Gammel
hielt sie an der Schulter und redete auf Klara ein.
"Hey.
Du mußt trinken." Er nahm sanft ihr Kinn und sah ihr fast flehend
in die Augen, "Bitte, kleine Mademoiselle." Er lächelte traurig und
ließ ihr das Mädchen, daß sie jetzt fortführte.
Sie
gingen nicht in den Club, landeten stattdessen in seinem Zimmer. Da saßen
sie beide in dem Sarg und ließen die Beine baumeln.
"Warum
sind wir beide dran?" Nachdenklich drehte er seinen zerfledderten Stiefel
in den Händen.
"Sie
hat mir das gesagt."
Er
ließ den Schuh auf den Boden fallen.
"War
sie diejenige?"
"Ja."
Er
zog sich auch den anderen Stiefel aus.
"Und
sie hat dich nichts gelehrt oder dir Ratschläge erteilt?"
"Sie
ist verbrannt. In dem Haus."
"Sie
muß selbst noch sehr jung gewesen sein, daß sie Dinge glaubte,
die in irgendwelchen Büchern stehen. Erzähle mir, wie es vor
sich ging."
"Ich
war auf dem Weg nach Hause und da hat sie mich überfallen. Ich habe
furchtbar geschrien. Sie gab mir von ihrem Blut zu trinken und als ich
aufwachte sagte sie, ich sein jetzt unsterblich und noch andere wirre Dinge.
Ich habe nicht viel davon verstanden. Ich schlief mit ihr in einer Kiste
aus rohen Brettern und sie zeigte mir wie ich töten sollte. Die beiden
Nächte, die ich mit ihr verbrachte vergingen wie in einer Trance,
ich wußte nicht was geschehen war und was vor sich ging. Ich hielt
das alles für einen Traum. Er war so... verschwommen, unwirklich.
Dann kam das Feuer und ich lief fort und blieb drei Tage in einem Keller
liegen. Später besann ich mich der Dinge, die sie gesagt hatte, ordnete
sie ein und raffte mich auf um jemanden zu suchen, der mir mein Leben wiedergeben
sollte. Und da habe ich dich gesehen."
Sie
spulte die Geschichte ab, als sei nichts davon besonders wichtig.
"Wer
hat dich gestern so zugerichtet?"
"Es
war ein Mann. Ich kenne ihn nicht."
Es
war der Ältere. Und Gammel hatte ihn gestört. Oder er hatte sie
mit Absicht leben lassen. Oder ihm war einfach langweilig gewesen.
"Ich
wünschte er hätte es zu Ende gebracht." sagte sie mit einer Mischung
aus Wut und Bitterkeit.
"Das
ist deine Aufgabe."
"Ich
habe mir das nicht ausgesucht!"
"Das
ändert nichts daran."
"Grmpf..."
Sie
ließ den Kopf hängen und stützte ihn in ihre Hände.
Er fragte sich, warum er das Gefühl hatte, daß etwas falsch
war. Er hatte das Verlangen, sie zu umarmen und zu küssen. Er wollte
seine Hände auf ihrer pastell- farbenden und ihre auf seiner fahlen
Haut spüren und an nichts weiter denken als an die Genugtuung, die
dieses bißchen falsche Nähe beinhalten könnte.
"Hast
du schonmal daran gedacht, mal wieder auszugehen?"
"Was?"
"Gefällt
dir das?"
"Ach,
ich weiß nicht... Ich kann sowas nicht tragen."
"Egal.
Sag mir was dir gefällt."
"Ich
finde das da nicht schlecht..."
"Oh,
Mademoiselle, hören sie schon auf. Ich hab doch gesehen, was ihnen
da eben ins Auge fiel schon gleich als wir den Laden betraten. Komm schon,
zieh es an."
"Nee."
Er
warf ihr einen Blick zu und sagte: "Du willst doch nur überredet werden."
Sie
nahm also das Teil und verschwand hinter einem der Vorhänge aus lindgrünem
Lackstoff. Er wußte nicht recht, was er da tat, aber er hatte Spaß
daran. Und er hatte Spaß an dem Gedanken mit ihr auszugehen. Sie
hatte auch Spaß daran, das wußte er. Vielleicht wollte er ihr
ihre kleine pastellige Vorstadt- Welt ersetzten indem er sie einfach in
einen Eimer mit flüssigem schwarzen Samt stopfte.
Es
war kurz und hatte einen eingearbeiteten Korsagenteil, den sie tatsächlich
selber geschnürt bekam. Nicht optimal, aber immerhin.
"Und?"
"Ich
sehe eigenartig aus."
"Zieh
die an."
"Aaah!"
Okay,
diese Halbstiefel aus hochglänzendem Lackleder hatten einen unfassbaren
Absatz. Aber man kann alles lernen.
"Pass
auf, ich werde es dir zeigen."
Sie
betrachtete ungläubig, wie Gammel sich die gleichen Teile in seiner
Größe anlegte und vor ihren Augen den Gang entlang stolzierte
als habe er sein Lebtag nichts anderes gemacht.
"Du
darfst nicht so große Schritte machen. Es ist gar nicht so schwer.
Zieh sie schon an."
Sie
tat wie ihr geheißen und stolperte gleich in seine Arme, die er in
weiser Voraussicht vor ihr aufgespannt hatte. Er stellte sie wieder hin.
"Nicht
mit den Hacken auftreten. Du kannst deine Füße nicht so richtig
abrollen, wie du es sonst machst. Versuch dich gerade zu halten und einfach
die Hüften mit zu bewegen. Sieh her." Er drehte eine weitere Runde
um das Regal wobei er sich alle Mühe gab den Hüftschwung eines
Weltklasse- Models nachzuahmen. Die Verkäufer hatten bisher immer
einen großen Bogen um sie beide gemacht. Jetzt interessierte sich
plötzlich eine kleine runde Frau für sie, die in einem Kostüm
mit grünlich- türkisem Schottenmuster steckte.
"Entschuldigen
sie, aber ich muß sie bitten..."
"Kein
Problem." unterbrach Gammel sie, "wir nehmen das Paar für dieses wunderschöne
Kind in dem sündhaften kleinen Schwarzen dort. Danke für ihre
Mühen." Er zeigte mit Knickhand auf Klara und blickte mit dem weibischsten
Blick, den er gerade dabei hatte, auf die kleine runde Schottenkugel hinab.
Er stelzte zurück zu der Kleinen.
"Die
Schuhe passen nicht zu deinen zerfetzten Jeans." flüsterte die und
kicherte.
"Das
wird es wohl gewesen sein."
Diesen
Mittwoch hatten viele Diskotheke auf, die sonst nur am Wochenende ihre
Tore öffneten. Donnerstag war ein Feiertag. Er schnürte ihr das
Kleid zu und steckte ihre Haare hoch, er fand einen unglaublich roten Lippenstift
und Nagellack für sie, stellte ihr Make- Up zur Verfügung.
"Was
denkst du?"
"Ich
sehe unglaublich aus. Macht es eigentlich Spaß Körbe zu verteilen?"
"Weiß
ich nicht. Ich gehöre nicht zu dem Geschlecht, daß dieses Privileg
anwenden kann. Aber wenn ich dieses Funkeln in deinen Augen sehe, wenn
du es aussprichst, denke ich, daß du sehr viel Spaß haben wirst."
"Was
wirst du anziehen?"
"Weiß
nicht. Glaubst du, ich blamiere dich?"
Sie
grinste. "Hast du sowas wie einen Sonntags- Lumpen?"
Es
war einer der größten Läden in diesem Stadtteil. Wenn nicht
sogar in der ganzen Stadt. Die meisten dieser Schuppen waren vorher irgendwelche
Fabriken oder Lagehallen gewesen. Sie bauten sich als Arroganz und Verführung
im Doppelpack vor der Stahltüre auf als ob ihren die selbige zu Füßen
läge. Sie hakte sich bei ihm ein und blickte ihn kurz an.
"Ich
war noch nie in so einer Diskothek."
"Ich
denke, du hast auch noch nie so ausgesehen."
"Gibst
du auf mich acht?"
"Wenn
du meinst, daß das nötig ist."
"Gut."
Es
war laut. Sie ließen sich an der Theke nieder. Klara wurde bald von
ihrem Nachbarn angequatscht, woraufhin sie dankend das Getränk ablehnte,
daß er ihr andrehen wollte und Gammel küßte.
"Wie
ist es mit den Korbgeflechten?" brüllte er ihr ins Ohr.
"Es
macht Spaß!" antwortete sie und küßte ihn wieder.
Er grinste. "Tu dir keinen Zwang an."
Wenig
später schien sie einen gutaussehenden Tänzer ins Auge gefasst
zu haben, der ständig zu ihr herübergrinste und auf eine Reaktion
ihrerseits hoffte. Sie machte es ihm nicht leicht, er hatte allerdings
auch nicht vor nachzugeben. Schließlich war er der Gewinner des Abends,
nicht wahr? Zuvor hatte er mit seinen Kumpels an einer gegenüberliegenden
Theke eine Wette abgeschlossen. Als er sich endlich traute auf sie zu zu
kommen, ließ sie sich von ihm sogar auf die Tanzfläche führen
und von begehrenden Blicken verschlingen.
Gammel
wandte sich einem Glas Wasser zu, daß er bestellte um etwas zum festhalten
zu haben. Die Musik war für ein gemischtes alternatives Publikum,
hauptsächlich altes Zeug und gruftiges. Er sah Klara und dem Jungen
mit der dunklen Haut und der Lederjacke noch für einige Zeit zu, dann
rauchte er eine Zigarette und tanzte zu einem Stück Musik aus vergangener
Zeit.
Später
tippte sie ihm auf die Schulter, während er am Thresen herumhing und
qualmte. Sie nahm ihm die Zigarettenspitze aus der Hand und nahm einen
Zug, griff nach seiner Hand und zog ihn mit sich, wie er sie im Club zum
tanzen überredet hatte. Sie hatten großen Spaß dabei,
sich als das unpassenste Paar der Welt zu profilieren und sämtliche
neidischen Blicke der umliegenden Herren einzusammeln.
"Ich
muß dich dringend mal was fragen."
"Was?"
"Bist
du schwul?"
"Nee.
Ich bin nur ich."
"Das
ist gut."
"Was?"
"Daß
du kein anderer bist."
"Ja,
das ist gut."
"Ja."
"Seit
wann rauchst du?"
"Seit
grade."
Auf
der Straße schillerten im grauen Licht des heranziehenden Morgens
die Pfützen ölig auf dem Asphalt, als sie den Laden verließen.
Die Zeit durfte noch genau reichen um bis nach Hause zu kommen.
"Ähm..."
"Was?"
"Da..."
"Wo?"
"Na
da!"
"Ich
seh nix."
"Du
mußt deine Augen schon von meinen Füßen lösen und
hinsehen!"
Eine
Gestalt erschien am Ende der Straße. Jetzt rannte Gammel los. Dimitri
taumelte an einer Wand entlang und atmete schwer, es lief Blut von so dunkler
Farbe in langen Fäden aus seinem Mund, daß es fast schwarz aussah.
Es hatte seine Lippen mit seiner Dunkelheit überzogen und Spuren in
sein tiefschwarzes Haar gewebt. Dünne Strähnen davon klebten
an seinen Wangen. Er sog die Luft angestrengt ein, hielt sich an dem Mauerwerk
und stolperte gebückt auf sie zu.
Als
Gammel ihn erreichte, fiel er ihm in den Arm und ging kraftlos in die Knie.
Er versuchte zu sprechen, seine Augen wanderten unter seinen halbgeschlossenen
Lidern umher, seine Hände tasteten nach Gammels Gesicht und hinterließen
auch hier diese dunklen toten Striemen. Gammel fegte Dimitri´s Haar
zur Seite und entdeckte an seiner Kehle bald die Male, die ihm der Ältere
verpasst hatte. Er mußte ihn schon fast brutal überfallen haben,
es war eine riesige Wunde.
"So
nicht, Alter, so nicht..." murmelte er und nahm Dimitri auf, der stöhnte
und noch lauter atmete. Er rieb ihm die schwarze Farbe von den Lippen und
redete auf ihn ein, er solle wach bleiben, er solle zuhören und wachbleiben.
Mit den Fingernägeln riß Gammel sich selbst eine Wunde am Hals
und benetzte Dimitri´s Lippen mit seinem Blut, dann gab er ihm zu
trinken davon, bis er wußte, daß es genug war.
"Das
ist das allerletzte, daß ich dir jemals gewünscht hätte,
du alter Bastard." sagte er bitter und legte Dimitri´s Kopf in seinem
Schoß ab. Der atmete jetzt ruhiger, fing aber an zu husten und die
Augen zu verziehen. Dann wälzte er sich auf den Bauch und hustete
das schwarze Blut aus, daß er eingeatmet hatte. Die Wunde an seinem
Hals war nur noch ein Kratzer. Klara trat zu ihm.
"Hey."
"Was?"
"Wir
müssen uns beeilen."
"Ja."
Gammel
nahm Dimitri hoch und stellte ihn auf die Füße. Er konnte gehen,
rieb sich die Augen und grummelte.
"Langsam
wirst du mir unheimlich, Mann." erklärte er und hustete noch einmal,
während sie durch die Straßen eilten und um Haaresbreite das
Haus erreichten. Der Hof und Treppe lagen noch im Schatten des Gebäudes
während Bürgersteig und Teile der Straße schon dem Tage
gehörten.
Gammel
ließ Dimitri und Klara in dem Sarg schlafen. Er selbst wickelte sich
in Dimitr´s Mantel und verzog sich in die Ecke neben der Tür,
wo ihn das Licht bei öffnen der Tür nicht treffen konnte. Später
spürte er Klara zu ihm kriechen.
"Den
Deckel habe ich ja richtig gut geölt, was?" sagte er weil er sie nicht
hatte kommen gehört, "Wir besorgen ihm morgen einen Eigenen. Ich kann
den Gedanken nicht ertragen, daß jemand anders alleine in meiner
Kiste liegt."
"Kann
jemand wir wir Liebe empfinden?" flüsterte sie. Er zögerte kurz.
"Ich
weiß nicht ob es das überhaupt gibt."
Sie
schwieg.
"Was
wäre dir denn lieber?" fragte er dann.
"Ich
möchte dich behalten."
Er
nahm sie in den Arm und drückte sie. "Laß uns schlafen."
"Berührt
dich gar nicht was du mit ihm getan hast?"
"Ich
kann ihn doch nicht verlieren."
"Ist
das nicht sehr egoistisch?"
"Was
ist das nicht?"
"Jetzt
machst du es dir einfach."
Er
senkte die Stimme und schloß die Augen. "Mach mir keinen Vorwurf."
sagte er, "Ich konnte ihn nicht sterben lassen."
"Hast
du mal daran gedacht, daß der Ältere dich dazu zwingen wollte?"
"Er
wollte mir wehtun. Er tut das seit ich ihn verlassen habe."
"Warum?"
"Er
haßt sie, denn alle sind sie geworden wie er."
"Bist
du wie er?"
Er
überlegte eine Weile.
"Was
soll ich dir darauf antworten?"
Die
Spiegelscherben an der Decke klirrten im Nachtwind. Nicht viel war geblieben
vom Kampf. Die Leiche einer der Angreifer mit gebrochenen Genick lag verrenkt
auf dem Beton und eine Kiste aus poliertem schwarzen Holz, ausgeschlagen
mit blauen Samt und Schubfächern im doppelten Boden stand in einer
Ecke des Raumes. Der Deckel war frisch geölt, nicht zu hören,
eine alles überdeckende Stille verbreitend. Holzsplitter und Bretter
von den Fenstern und der Tür im Raum verteilt. Ein dreibeiniger Stuhl
lag auf der Seite.
Und
über allem lag dieser Staub. Dieser totenstille, weiche, graue Staub.
Und er schwieg. Wie ein Grab.
Dimitri
war bis zum Morgengrauen durch die Straßen geirrt nachdem er in einem
Keller einige Straßen weiter auf den Sonnenuntergang gewartete hatte.
Er wußte zumindest schon, daß er sich vom Tage von nun an besser
fern halten sollte. Zwar hatte er das nicht angenehm in Erfahrung gebracht,
aber immerhin. Er fühlte sich wie auf Drogenentzug. Die ganze Zeit
dieses Gezitter und das Ziehen im ganzen Körper. Auf seinen Kleidern
klebte noch der angetrocknete blutige Matsch der ihm gestern aus Mund und
Nase gesifft war. Er wollte nach Hause gehen aber er wußte nicht
was er dort tun sollte. Er fand sich auf dem Weg den er tausendmal zum
Club gegangen war wieder, war sich dessen aber nicht wirklich bewußt.
Es war Freitag, heute würden sie alle da sein. Ja, alle...
©Kay
Agony
|