Vampyre Planet-Zine

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Zero

Es war dunkel und es regnete. Das war nichts Neues in der Großen Stadt. Der Regen war weich und nass, er fiel stetig aus den bleigrauen Wolken. Jeden- falls waren sie bleigrau, wenn es manchmal bei Tage regnete. Jetzt war das nicht zu erkennen, denn es war ja dunkel. Aber es war so oder so nichts Neues. Alles was an diesem Stadtteil anders war als an den anderen, war, daß hier nicht so viele Menschen unterwegs waren. Weder bei Tag noch bei Nacht. Die Stadt war groß, sehr groß sogar und es lebten ver- dammt viele Menschen hier. Es war die Große Stadt.
Ronald verlöschte. Traurig blickte der magere Junge in das ausgetropfte rote Grab- licht und auf die tote Motte die in dem flüssigen Wachs schwamm. Bald würde das Wachs erstarren. Und die Motte mit ihm.

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Er wußte nicht recht ob es ihn beunruhigen sollte, daß sie verschwunden war als er den Club zwei Stunden vor Sonnenaufgang verließ. Immerhin hatte er ein wenig Spaß gehabt. Der Junge mit dem langen Haar, Dimitri, begleitete ihn bis vor seine Tür, er wohnte einige Blöcke weiter am Rande des Schattenteils. 
"Wo ist denn die Kleine hinverschwunden, die du kurz bei dir hattest?" 
"Ich weiß nicht." sagte er kurz.
"Gibt´s was, was du mir erzählen willst?" 
"Nö." 
Dimitri nickte bedächtig und grinste. "Schlaf gut." 
"Wie ein Toter." versicherte Gammel ihm, "Schlaf besser."
"Ja." 
"Gut."
Er sah ihm noch nach, bis er um eine Ecke bog und betrat das Haus, durchschritt den Flur, benutzte den Hinerausgang, überquerte den Hof und erklomm die Treppe, schloß die Tür auf und erreichte am Ende des Korridors sein Zimmer. 
Oh himmlische Ruhe! 
Die Sonne ging auf. Er gähnte ausgiebigst und streckte sich, starrte eine Weile auf seine zerfallenen Stiefel bevor er sich aufraffte sie auszuziehen und trennte sich auch von Mantel, Hose und Socken. Er war furchtbar müde. Aber immerhin satt. Er ließ alles auf den Boden fallen und schälte sich mühevoll aus seinem Hemd und in ein T- shirt ohne Ärmel und Saum. Schließlich sank er seufzend in den Samt und ließ den Deckel vorsichtig zufallen. Oh, das war mehr als leise. Es war fast... hörbar. Es war, als fehle jedes Geräusch, und zwar gänzlich, für den Augenblick in dem es früher gequietscht hatte... und über diesen Gedanken schlief er mit einem eigenartigen Gefühl von Zufriedenheit ein. 
Dimitri war der einzige, der wußte wo er wohnte. Gammel war sich sicher, daß Dimitri nicht bei Tage herein platzen würde. Er hatte ihm gesagt, daß er das nicht durfte wegen einer Allergie und so etwas. Aber mehr wußte auch er nicht. 
Gammel erwachte einige Stunden später mit phänomenaler Heftigkeit und stieß sich den Kopf am Deckel. "Autsch!" fluchte er. Dann hob er die Klappe einige Millimeter und lauschte dem dumpfen Klopfen an der Tür, daß ihn geweckt hatte. Es war Tag und es war hell, die Straßengeräusche waren angeschwollen und dröhnten in seinem überempfindlichen Gehör, wie es jemand hat, der eben aufgewacht ist. Es war so warm. Immernoch kratzte und pochte es an der verschlossenen Tür. Jemand drückte die Klinke immerwieder. 
Er klappte den Deckel entgültig auf und faltete sich mühsam aus der Kiste. Sein Herz klopfte nervös. 
"Gammel, bist du wach? Hallo!" Es war Dimitri. Warum zum Henker... "Gammel, mach auf, hallo, schläfst du?" 
"Ja." rasselten Gammel´s Stimmbänder als Antwort. "Was ist los?" 
"Ich hab hier was gefunden, das will zu dir, ich meine-..." 
Gammel drehte den Schlüssel herum und riß die Tür auf. Er bekam einen Schwall weißen Lichts an den Kopf geworfen, der in das Zimmer flutete und ihn zurückstolpern und fallen ließ. Er hob den Arm zur Abwehr. Aus sicherer Entfehrnung sah er etwas ins Zimmer fallen und im Schatten neben der Tür verschwinden. Seine Augen tränten. Der Türrahmen flimmerte und strahlte wie das Tor zur Hölle. 
"Mach die Tür zu, bitte!" rief er eindringlich. "Mach schon!" 
Die Tür wurde geschlossen. Gammel kroch auf Händen und Knien in die Ecke zu dem Mädchen auf dem Boden. Sie war in Dimitri´s Mantel gewickelt und zog sich eben den Stoff aus dem Gesicht. Er rieb sich die Augen und malte sich in Gedanken aus, daß die Sterne, die er sah, seine explodierten Sehnerven waren, die auf einem riesigen Trümmerfeld unter dramatisch gerötetem Himmel verstreut lagen und er in Unterwäsche über die verbrannte Erde krauchte um die Einzelteile aufzusammeln. 
"Hallo." flüsterte das Mädchen und grinste. 
"Guten Morgen." röchelte Gammel und blinzelte angestrengt. 
"He." Dimitri trat zu ihnen, "Möchte mir hier vielleicht jemand etwas erklären?" 
"Wo hast du sie gefunden?" 
"Nur ein paar Straßen weiter in einem Hauseingang, wo sie panisch bemüht war vor der Sonne zu flüchten. Sie wollte unbedingt zu dir." 
Gammel sah immer noch mehr oder weniger besorgt zu ihr hinunter. 
"Wie zum Henker heißt du?" 
"Klara." 
Sie richtete sich langsam auf und lehnte sich an die Wand. 
"Und was hast du dir dabei gedacht bis zum Morgengrauen so herumzurennen?" 
"Ach." seufzte sie und blickte zur Seite. Unruig zupfte sie an einem Fädchen herum, daß aus dem Saum des Mantels gekrochen war. 
"Lass uns schlafen, mh?" 
Sie sah wieder auf und lächelte ein wenig traurig. "Ja." sagte sie. 
Er stand mühsam auf und hielt ihr die Hand hin. 
"Darf ich bitten, Mademoiselle?" Sie grinste verlegen und legte ihre zarte Hand in seine. Er umschloß sie vorsichtig mit seinen langen dünnen Fingern und zog sie hoch, daß sie nahe bei ihm stand. 
"Also, ich gehe jetzt nach Hause. Es scheint ja kein weiteres Problem zu geben." Dimitri wandte sich zur Tür. 
Klara gab ihm seinen Mantel. "Danke dir." sagte sie. 
"Kein Problem. Bin ja kein Vampir." Dimitri grinste und zwinkerte ihr zu. "Schlaf gut, Alter. Und vergiß deine Prinzipien nicht." 
"Ja, ja. Geh schon, du alter Spinner." 
Gammel zog das Mädchen schnell aus der Reichweite des Lichts, als Dimitri die Tür öffnete und in der lodernen Öffnung verschwand. Gammel schloß ab. 
"Weiß er wirklich von dir?" 
"Nein. Er weiß nichts. Keiner weiß etwas." 
"Doch." 
"Gut- Du weißt. Und der Ältere. Und alle seine Kinder und deren Kinder und der ganze Rest, der mir begegnet oder ein paar Blöcke weiter vorbei zieht. Das reicht ja auch." 
Er ging an ihr vorbei zum Sarg und ließ sich hinein fallen. 
"Willst du den ganzen Tag da stehen?" grummelte er weil sie zögerte. Irgendwie schien sie mit sich zu kämpfen. 
"Hast du ein paar Shorts für mich?" fragte sie kleinlaut und zwirbelte an einer Strähne ihres Haares herum. Irgendwie nahm er ihr nicht ab, daß das alles sein sollte. "Klar." antwortete er. 
Er griff über den Rand und zog eine Lade auf, holte eine Boxershorts mit geschmackvollem Totenkopf- Muster heraus und ein T- shirt. 
"Garantiert letzte Woche im Waschcenter gewesen." versicherte er mit derart kindlichem Stolz in der Stimme, daß sie wieder lachen mußte. Sie kam näher und setzte sich auf den Rand, um ihre ausgelatschten Stoff- Turnschuhe auszuziehen. Dann streifte sie die Jeans ab und schlüpfte in die Shorts. Er gab vor wegzusehen, aber es schien sie gar nicht zu interessieren. Sie war schön auf eine banale Art, mit ewig langen Beinen und einer klassischen Figur. Sicher stammte sie aus gutem pastell- farbenen Haus mit zwei Eltern und einem eigenen pastell- farbenen Zimmer, Mädchen- Zeitschriften und einem Spiegel, in dessen Rahmen ein Photo von ihrem Freund und ihrer Clique geklemmt war. Sicher hatte sie Taschengeld, daß sie für pastell- farbenes Make- Up und Klamotten ausgegeben hatte, bekommen. 
Während er sich noch in seinen Spekulationen über ihr vergangenes Leben verlief und immer mehr pastell- farbene Details fand, war sie schon an seine Seite geklettert und hatte sich nieder gelegt. 
Er hatte trotzdem ein seltsames Gefühl als er den Deckel zuzog und die Augen schloß. Sie schlief nicht. Sie tat zwar so als ob, aber es war nicht so. Er spürte, wie sie sich räkelte, aber er spürte auch die erdrückende Nervosität, die sie gefangen hielt. Etwas war falsch. 
Was er nicht spürte, war der winzige Dolch, den sie in ihrer Hand verborgen hielt. 
"Warum schläfst du nicht?" Sie zuckte erschrocken. 
"Warum fragst du?" 
"Dein Atem ist zu schnell, deine Bewegung zu fahrig und deine Augen zu beschäftigt." 
Mit einem Mal schnappte er nach ihrer Hand, die mit der Klinge zwischen den Fingern an seine Kehle geschnellt war und hielt sie am Gelenk umklammert. Sie schluchzte hilflos und versuchte seine Haut trotzdem noch zu erreichen, bevor sie aufgab. Er konnte es für einen Moment nicht glauben. Er blickte sie lange an, während er noch immer ihren Arm hielt. 
"Willst du etwas sagen?" erkundigte er sich kühl. 
"Ich will das nicht." flüsterte sie. 
"Du mußt das auch nicht." 
"Aber jetzt sind wir beide dran." 
Er nahm ihr die Klinge aus der Hand, die sie anstandslos fallenließ. 
"Hat er dich also tatsächlich geschickt?" 
Er schlug den Deckel zurück und stand wieder auf. Er ging zum Fenster und schob die dünne Schneide vorsichtig durch einen schmalen Spalt zwischen zwei Brettern hinaus auf den Hof, nicht ohne sich die Nägel anzusenken. Dann hob er ihre Jeans auf und durchsuchte die Taschen. Da war nichts bis auf ein Taschentuch und ein wenig Geld. Auch in der Jacke war nichts anderes, ergänzt durch einen Taschenspiegel und einem winzigen Kajal- Stift- Rest. 
"Er hat mich nicht geschickt." 
Er hielt inne. 
"Bitte?" 
"Er hat mich nicht geschickt!" schrie sie mit einem Male so laut, daß Gammel verwundert die Augenbrauen hob. Er legte ihre Kleider auf den Stuhl, der nur noch drei Beine hatte und so geschickt an die Wand gestemmt worden war, daß er nicht umfiel. Dann kam er zu ihr herüber und kniete sich vor sie hin. 
"Sondern?" fragte er ruhig und wartete. 
Sie flüsterte: "Jemand anders." 

Sie verschliefen rettungslos. Sie war wie immer vor ihm wach und versuchte ihn zu wecken. Er knirschte mit den Zähnen und drehte sich wieder um. 
"Steh auf, es ist schon spät." 
Er knurrte, wälzte sich träge auf den Rücken und stöhnte:"Wie spät?" 
"Keine Ahnung." 
"Das ist nicht spät genug." beschloß er und rollte sich wieder zusammen. 
"Komm schon. Ich habe Huger." Sie rupfte und schüttelte an ihm herum. 
"Geh halt schon." murrte er dösig. Sie saß da und schwieg. Er seufzte lang und kläglich. "Ja, ja. Alles klar." 
Er setzte sich auf und rieb sich ausgiebig die Augen bevor er sie zu ersten Mal an diesem neuen Abend aufklappte. "Dienstag?" murmelte er mehr zu sich selbst, "Dienstag." antwortete er sich dann auch gleich und stand auf um sich anzuziehen. 
Sie zogen einige Zeit recht ziellos um die Häuser, durch die Glasstadt, durch ein Arbeiterviertel und die Innenstadt. Die Unterhaltung war recht sporadisch, eigentlich schwiegen sie sich die ganze Zeit über nur an, daß sich so eine nervöse unangenehme Stille über sie beide legte. 
"Gehst du heute nicht in den Club?" 
"Ich gehe nicht jeden Abend dahin. Wenn mir danach ist." 
Er blieb kurz stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. 
"Sieh mal, der Zoo." sagte sie und blieb vor der Allee stehen, die auf den Eingang zuführte. Mächtige Bäume ohne Blätter säumten den Schotterweg, sie waren allesamt tot und formten mit ihren verkrüppelten Ästen maskenhafte Gestalten. Sie bog ab und strebte auf das große Tor mit den Elefanten- Statuen zu. 
Der Zoo war mehr ein heruntergekommener Park, in dem noch einige wenige Tiere aus fremden Ländern zu Hause waren. Die wohnten in Reihen von vergitterten kahlen Käfigen aus dem letzten Jahrhundert und wurden von den wenigen Tierpflegern versorgt, die sich die Direktion noch leisten konnte und selbst die bekamen nur einen Hungerlohn. Große Teile des Gebiets war inzwischen schon außer Betrieb und die Neubau- Ruine eines Elefanten- Hauses ragte in nacktem Beton und angerosteten Stahlträgern empor. 
"Was willst du denn hier bloß?" Er folgte ihr. 
"Ich war noch nie im Zoo." 
Sie kletterte auf die Mauer und sah zu ihm herunter. "Komm schon." rief sie. 
"Wieso?" 
Sie zuckte mit den Schultern und sprang. Er folgte ihr. Sie hatte auf der anderen Seite auf ihn gewartet. Dann grinste sie und rannte los. 
Sie kam bis auf einen Platz, in dessen Mitte ein Brunnen vergammelte. Er war mit Moos übersäht und riesengroß, es mußte einmal in Stein gehauene Elefanten dargestellt haben. Jetzt war er von grünblauen Pflanzenwerk bizarr verzerrt und sah eher aus wie ein Algendrachen. Hier blieb sie stehen und sah sich nach ihm um. Er kam eben aus den Käfigreihen mit den Raubkatzen auf sie zu geschlendert und rauchte in Ruhe seine Zigarette. 
"Hey!" rief sie ihm zu, "Was ist los?" 
"Müde." antwortete er und trat den Glimmstengel aus. Zwischen den Betonplatten wucherte Gras und Hahnenfuß. Die Wiesen waren kurz geschnitten, damit man sie nicht so oft mähen mußte. 
"Aha." 
Er lief los und hatte sie eingefangen ehe sie reagieren konnte. "Und hungrig." ergänzte er und schimmerte sie mit diesem eigenartigen Blick an, den sie schon aus dem Club kannte. Einen Atemzug lang herrschte Stille, die von erwartungsvollen Blicken gezehrt war. 
Eine Taschenlampe unterbrach sie. 
"He! Sie! Was machen sie hier? Wie sind sie hier herein gekommen?" 
Sie ließen den Wärter näherkommen. Gammel fixierte ihn, ein junger Mann. Klara beobachtet Gammel aufmerksam.
"Was machen sie hier?" wiederholte der Wärter fordernd und leuchete mit dem Lichtkegel in ihre Gesichter. Bevor er allerdings noch weiter fragen konnte, griff Gammel den Jungen am Kinn und zwang seinen Kopf zur Seite. "Wir machen nur einen Spatziergang." sagte er und biß zu. 
"Du hast ihn getötet?" 
"Nein, er wird am Morgen ein wenig schwach sein. Kannst du das nicht sehen?" 
"Nein." 
"Es ist erstaunlich wie wenig du weißt." 
"Ach." 
Sie ließ den Kopf hängen. 
"Du hättest mich besiegen können heute, wenn du gewußt hättest, wie." Er blieb stehen. "Du hättest mich verfolgen können, wenn du dich zu verbergen wüßtest. Vielleicht hätte ich es trotzdem bemerkt, aber jeder andere hätte das nicht. Du hättest reagieren können, eben am Brunnen, dann wärst du nicht so erschrocken. Du kannst so viel und weißt nichts davon." 
Sie rannte los. Diesmal fing er sie nicht so schnell, sie lief zurück, am Brunnen vorbei auf die Mauer zu, da umschloß er sie mit seinen Armen und sie wehrte sich nicht weiter. 
"Hast du wirklich geglaubt mich mit dieser Klinge töten zu können?" flüsterte er. 
"Sie hat gesagt, wenn ich einen meinesgleichen töte, werde ich wieder ein Mensch sein." 
"Das ist nicht wahr," sagte er leise und drückte sie an sich, "das ist nicht wahr." 
"Was ist dann die Wahrheit?" 
Sie sprach ganz ruhig. Er küßte die blutig roten Tränen von ihren Wangen und auch die, die ihr über die Lippen liefen. 
"Du kannst nie wieder ein Mensch sein. Und das ist alles." 
Gammel nahm sie an der Hand und zog sie auf die Mauer zu. "Laß uns in den Club gehen." 

An Dienstagen war hier der Hund begraben. Gammel zog Klara an der Hand hinter sich her. Sie sprach nicht und hätte er nicht ihre Hand, würde sie stehen bleiben und sich nicht aus eigenem Antrieb weiter bewegen. 
Er gabelte eine junge Fixerin vor einer Bunkerdisko auf, die sich an seinen Rockzipfel heftete und um ein bißchen Kohle für den nächsten Schuß bettelte. Er wollte, daß Klara sie bekam. Aber die stand nur da und starrte ihm leer ins Gesicht.
"Was ist? Willst du sie nicht?" 
Klara stand da. Es liefen Tränen durch ihr Gesicht. Der kleine Junkie stammelte nur immer wieder, daß sie Geld brauche und ihr schlecht sei. Gammel hielt sie an der Schulter und redete auf Klara ein. 
"Hey. Du mußt trinken." Er nahm sanft ihr Kinn und sah ihr fast flehend in die Augen, "Bitte, kleine Mademoiselle." Er lächelte traurig und ließ ihr das Mädchen, daß sie jetzt fortführte. 
Sie gingen nicht in den Club, landeten stattdessen in seinem Zimmer. Da saßen sie beide in dem Sarg und ließen die Beine baumeln.
"Warum sind wir beide dran?" Nachdenklich drehte er seinen zerfledderten Stiefel in den Händen. 
"Sie hat mir das gesagt." 
Er ließ den Schuh auf den Boden fallen. 
"War sie diejenige?" 
"Ja." 
Er zog sich auch den anderen Stiefel aus. 
"Und sie hat dich nichts gelehrt oder dir Ratschläge erteilt?" 
"Sie ist verbrannt. In dem Haus." 
"Sie muß selbst noch sehr jung gewesen sein, daß sie Dinge glaubte, die in irgendwelchen Büchern stehen. Erzähle mir, wie es vor sich ging." 
"Ich war auf dem Weg nach Hause und da hat sie mich überfallen. Ich habe furchtbar geschrien. Sie gab mir von ihrem Blut zu trinken und als ich aufwachte sagte sie, ich sein jetzt unsterblich und noch andere wirre Dinge. Ich habe nicht viel davon verstanden. Ich schlief mit ihr in einer Kiste aus rohen Brettern und sie zeigte mir wie ich töten sollte. Die beiden Nächte, die ich mit ihr verbrachte vergingen wie in einer Trance, ich wußte nicht was geschehen war und was vor sich ging. Ich hielt das alles für einen Traum. Er war so... verschwommen, unwirklich. Dann kam das Feuer und ich lief fort und blieb drei Tage in einem Keller liegen. Später besann ich mich der Dinge, die sie gesagt hatte, ordnete sie ein und raffte mich auf um jemanden zu suchen, der mir mein Leben wiedergeben sollte. Und da habe ich dich gesehen." 
Sie spulte die Geschichte ab, als sei nichts davon besonders wichtig. 
"Wer hat dich gestern so zugerichtet?" 
"Es war ein Mann. Ich kenne ihn nicht." 
Es war der Ältere. Und Gammel hatte ihn gestört. Oder er hatte sie mit Absicht leben lassen. Oder ihm war einfach langweilig gewesen. 
"Ich wünschte er hätte es zu Ende gebracht." sagte sie mit einer Mischung aus Wut und Bitterkeit. 
"Das ist deine Aufgabe."
"Ich habe mir das nicht ausgesucht!" 
"Das ändert nichts daran." 
"Grmpf..." 
Sie ließ den Kopf hängen und stützte ihn in ihre Hände. Er fragte sich, warum er das Gefühl hatte, daß etwas falsch war. Er hatte das Verlangen, sie zu umarmen und zu küssen. Er wollte seine Hände auf ihrer pastell- farbenden und ihre auf seiner fahlen Haut spüren und an nichts weiter denken als an die Genugtuung, die dieses bißchen falsche Nähe beinhalten könnte. 
"Hast du schonmal daran gedacht, mal wieder auszugehen?" 
"Was?" 

"Gefällt dir das?" 
"Ach, ich weiß nicht... Ich kann sowas nicht tragen." 
"Egal. Sag mir was dir gefällt." 
"Ich finde das da nicht schlecht..." 
"Oh, Mademoiselle, hören sie schon auf. Ich hab doch gesehen, was ihnen da eben ins Auge fiel schon gleich als wir den Laden betraten. Komm schon, zieh es an." 
"Nee." 
Er warf ihr einen Blick zu und sagte: "Du willst doch nur überredet werden." 
Sie nahm also das Teil und verschwand hinter einem der Vorhänge aus lindgrünem Lackstoff. Er wußte nicht recht, was er da tat, aber er hatte Spaß daran. Und er hatte Spaß an dem Gedanken mit ihr auszugehen. Sie hatte auch Spaß daran, das wußte er. Vielleicht wollte er ihr ihre kleine pastellige Vorstadt- Welt ersetzten indem er sie einfach in einen Eimer mit flüssigem schwarzen Samt stopfte. 
Es war kurz und hatte einen eingearbeiteten Korsagenteil, den sie tatsächlich selber geschnürt bekam. Nicht optimal, aber immerhin. 
"Und?" 
"Ich sehe eigenartig aus." 
"Zieh die an." 
"Aaah!" 
Okay, diese Halbstiefel aus hochglänzendem Lackleder hatten einen unfassbaren Absatz. Aber man kann alles lernen. 
"Pass auf, ich werde es dir zeigen." 
Sie betrachtete ungläubig, wie Gammel sich die gleichen Teile in seiner Größe anlegte und vor ihren Augen den Gang entlang stolzierte als habe er sein Lebtag nichts anderes gemacht.
"Du darfst nicht so große Schritte machen. Es ist gar nicht so schwer. Zieh sie schon an." 
Sie tat wie ihr geheißen und stolperte gleich in seine Arme, die er in weiser Voraussicht vor ihr aufgespannt hatte. Er stellte sie wieder hin. 
"Nicht mit den Hacken auftreten. Du kannst deine Füße nicht so richtig abrollen, wie du es sonst machst. Versuch dich gerade zu halten und einfach die Hüften mit zu bewegen. Sieh her." Er drehte eine weitere Runde um das Regal wobei er sich alle Mühe gab den Hüftschwung eines Weltklasse- Models nachzuahmen. Die Verkäufer hatten bisher immer einen großen Bogen um sie beide gemacht. Jetzt interessierte sich plötzlich eine kleine runde Frau für sie, die in einem Kostüm mit grünlich- türkisem Schottenmuster steckte. 
"Entschuldigen sie, aber ich muß sie bitten..." 
"Kein Problem." unterbrach Gammel sie, "wir nehmen das Paar für dieses wunderschöne Kind in dem sündhaften kleinen Schwarzen dort. Danke für ihre Mühen." Er zeigte mit Knickhand auf Klara und blickte mit dem weibischsten Blick, den er gerade dabei hatte, auf die kleine runde Schottenkugel hinab. Er stelzte zurück zu der Kleinen. 
"Die Schuhe passen nicht zu deinen zerfetzten Jeans." flüsterte die und kicherte. 
"Das wird es wohl gewesen sein." 
Diesen Mittwoch hatten viele Diskotheke auf, die sonst nur am Wochenende ihre Tore öffneten. Donnerstag war ein Feiertag. Er schnürte ihr das Kleid zu und steckte ihre Haare hoch, er fand einen unglaublich roten Lippenstift und Nagellack für sie, stellte ihr Make- Up zur Verfügung. 
"Was denkst du?" 
"Ich sehe unglaublich aus. Macht es eigentlich Spaß Körbe zu verteilen?" 
"Weiß ich nicht. Ich gehöre nicht zu dem Geschlecht, daß dieses Privileg anwenden kann. Aber wenn ich dieses Funkeln in deinen Augen sehe, wenn du es aussprichst, denke ich, daß du sehr viel Spaß haben wirst." 
"Was wirst du anziehen?" 
"Weiß nicht. Glaubst du, ich blamiere dich?" 
Sie grinste. "Hast du sowas wie einen Sonntags- Lumpen?" 

Es war einer der größten Läden in diesem Stadtteil. Wenn nicht sogar in der ganzen Stadt. Die meisten dieser Schuppen waren vorher irgendwelche Fabriken oder Lagehallen gewesen. Sie bauten sich als Arroganz und Verführung im Doppelpack vor der Stahltüre auf als ob ihren die selbige zu Füßen läge. Sie hakte sich bei ihm ein und blickte ihn kurz an. 
"Ich war noch nie in so einer Diskothek." 
"Ich denke, du hast auch noch nie so ausgesehen." 
"Gibst du auf mich acht?" 
"Wenn du meinst, daß das nötig ist." 
"Gut." 
Es war laut. Sie ließen sich an der Theke nieder. Klara wurde bald von ihrem Nachbarn angequatscht, woraufhin sie dankend das Getränk ablehnte, daß er ihr andrehen wollte und Gammel küßte. 
"Wie ist es mit den Korbgeflechten?" brüllte er ihr ins Ohr. 
"Es macht Spaß!"  antwortete sie und küßte ihn wieder. Er grinste. "Tu dir keinen Zwang an." 
Wenig später schien sie einen gutaussehenden Tänzer ins Auge gefasst zu haben, der ständig zu ihr herübergrinste und auf eine Reaktion ihrerseits hoffte. Sie machte es ihm nicht leicht, er hatte allerdings auch nicht vor nachzugeben. Schließlich war er der Gewinner des Abends, nicht wahr? Zuvor hatte er mit seinen Kumpels an einer gegenüberliegenden Theke eine Wette abgeschlossen. Als er sich endlich traute auf sie zu zu kommen, ließ sie sich von ihm sogar auf die Tanzfläche führen und von begehrenden Blicken verschlingen. 
Gammel wandte sich einem Glas Wasser zu, daß er bestellte um etwas zum festhalten zu haben. Die Musik war für ein gemischtes alternatives Publikum, hauptsächlich altes Zeug und gruftiges. Er sah Klara und dem Jungen mit der dunklen Haut und der Lederjacke noch für einige Zeit zu, dann rauchte er eine Zigarette und tanzte zu einem Stück Musik aus vergangener Zeit. 
Später tippte sie ihm auf die Schulter, während er am Thresen herumhing und qualmte. Sie nahm ihm die Zigarettenspitze aus der Hand und nahm einen Zug, griff nach seiner Hand und zog ihn mit sich, wie er sie im Club zum tanzen überredet hatte. Sie hatten großen Spaß dabei, sich als das unpassenste Paar der Welt zu profilieren und sämtliche neidischen Blicke der umliegenden Herren einzusammeln. 
"Ich muß dich dringend mal was fragen." 
"Was?" 
"Bist du schwul?" 
"Nee. Ich bin nur ich." 
"Das ist gut." 
"Was?" 
"Daß du kein anderer bist." 
"Ja, das ist gut." 
"Ja." 
"Seit wann rauchst du?" 
"Seit grade." 

Auf der Straße schillerten im grauen Licht des heranziehenden Morgens die Pfützen ölig auf dem Asphalt, als sie den Laden verließen. Die Zeit durfte noch genau reichen um bis nach Hause zu kommen. 
"Ähm..." 
"Was?" 
"Da..." 
"Wo?" 
"Na da!" 
"Ich seh nix." 
"Du mußt deine Augen schon von meinen Füßen lösen und hinsehen!" 
Eine Gestalt erschien am Ende der Straße. Jetzt rannte Gammel los. Dimitri taumelte an einer Wand entlang und atmete schwer, es lief Blut von so dunkler Farbe in langen Fäden aus seinem Mund, daß es fast schwarz aussah. Es hatte seine Lippen mit seiner Dunkelheit überzogen und Spuren in sein tiefschwarzes Haar gewebt. Dünne Strähnen davon klebten an seinen Wangen. Er sog die Luft angestrengt ein, hielt sich an dem Mauerwerk und stolperte gebückt auf sie zu. 
Als Gammel ihn erreichte, fiel er ihm in den Arm und ging kraftlos in die Knie. Er versuchte zu sprechen, seine Augen wanderten unter seinen halbgeschlossenen Lidern umher, seine Hände tasteten nach Gammels Gesicht und hinterließen auch hier diese dunklen toten Striemen. Gammel fegte Dimitri´s Haar zur Seite und entdeckte an seiner Kehle bald die Male, die ihm der Ältere verpasst hatte. Er mußte ihn schon fast brutal überfallen haben, es war eine riesige Wunde. 
"So nicht, Alter, so nicht..." murmelte er und nahm Dimitri auf, der stöhnte und noch lauter atmete. Er rieb ihm die schwarze Farbe von den Lippen und redete auf ihn ein, er solle wach bleiben, er solle zuhören und wachbleiben. Mit den Fingernägeln riß Gammel sich selbst eine Wunde am Hals und benetzte Dimitri´s Lippen mit seinem Blut, dann gab er ihm zu trinken davon, bis er wußte, daß es genug war. 
"Das ist das allerletzte, daß ich dir jemals gewünscht hätte, du alter Bastard." sagte er bitter und legte Dimitri´s Kopf in seinem Schoß ab. Der atmete jetzt ruhiger, fing aber an zu husten und die Augen zu verziehen. Dann wälzte er sich auf den Bauch und hustete das schwarze Blut aus, daß er eingeatmet hatte. Die Wunde an seinem Hals war nur noch ein Kratzer. Klara trat zu ihm. 
"Hey." 
"Was?" 
"Wir müssen uns beeilen." 
"Ja." 
Gammel nahm Dimitri hoch und stellte ihn auf die Füße. Er konnte gehen, rieb sich die Augen und grummelte. 
"Langsam wirst du mir unheimlich, Mann." erklärte er und hustete noch einmal, während sie durch die Straßen eilten und um Haaresbreite das Haus erreichten. Der Hof und Treppe lagen noch im Schatten des Gebäudes während Bürgersteig und Teile der Straße schon dem Tage gehörten. 
Gammel ließ Dimitri und Klara in dem Sarg schlafen. Er selbst wickelte sich in Dimitr´s Mantel und verzog sich in die Ecke neben der Tür, wo ihn das Licht bei öffnen der Tür nicht treffen konnte. Später spürte er Klara zu ihm kriechen. 
"Den Deckel habe ich ja richtig gut geölt, was?" sagte er weil er sie nicht hatte kommen gehört, "Wir besorgen ihm morgen einen Eigenen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß jemand anders alleine in meiner Kiste liegt." 
"Kann jemand wir wir Liebe empfinden?" flüsterte sie. Er zögerte kurz. 
"Ich weiß nicht ob es das überhaupt gibt." 
Sie schwieg. 
"Was wäre dir denn lieber?" fragte er dann. 
"Ich möchte dich behalten." 
Er nahm sie in den Arm und drückte sie. "Laß uns schlafen." 
"Berührt dich gar nicht was du mit ihm getan hast?" 
"Ich kann ihn doch nicht verlieren." 
"Ist das nicht sehr egoistisch?" 
"Was ist das nicht?" 
"Jetzt machst du es dir einfach." 
Er senkte die Stimme und schloß die Augen. "Mach mir keinen Vorwurf." sagte er, "Ich konnte ihn nicht sterben lassen." 
"Hast du mal daran gedacht, daß der Ältere dich dazu zwingen wollte?" 
"Er wollte mir wehtun. Er tut das seit ich ihn verlassen habe." 
"Warum?" 
"Er haßt sie, denn alle sind sie geworden wie er." 
"Bist du wie er?" 
Er überlegte eine Weile. 
"Was soll ich dir darauf antworten?" 

Die Spiegelscherben an der Decke klirrten im Nachtwind. Nicht viel war geblieben vom Kampf. Die Leiche einer der Angreifer mit gebrochenen Genick lag verrenkt auf dem Beton und eine Kiste aus poliertem schwarzen Holz, ausgeschlagen mit blauen Samt und Schubfächern im doppelten Boden stand in einer Ecke des Raumes. Der Deckel war frisch geölt, nicht zu hören, eine alles überdeckende Stille verbreitend. Holzsplitter und Bretter von den Fenstern und der Tür im Raum verteilt. Ein dreibeiniger Stuhl lag auf der Seite. 
Und über allem lag dieser Staub. Dieser totenstille, weiche, graue Staub. Und er schwieg. Wie ein Grab. 
Dimitri war bis zum Morgengrauen durch die Straßen geirrt nachdem er in einem Keller einige Straßen weiter auf den Sonnenuntergang gewartete hatte. Er wußte zumindest schon, daß er sich vom Tage von nun an besser fern halten sollte. Zwar hatte er das nicht angenehm in Erfahrung gebracht, aber immerhin. Er fühlte sich wie auf Drogenentzug. Die ganze Zeit dieses Gezitter und das Ziehen im ganzen Körper. Auf seinen Kleidern klebte noch der angetrocknete blutige Matsch der ihm gestern aus Mund und Nase gesifft war. Er wollte nach Hause gehen aber er wußte nicht was er dort tun sollte. Er fand sich auf dem Weg den er tausendmal zum Club gegangen war wieder, war sich dessen aber nicht wirklich bewußt. Es war Freitag, heute würden sie alle da sein. Ja, alle...
 
 

©Kay Agony