Lovestory
Kay
Agony
Der
Mond stand hoch am Himmel. Man konnte ihn nur nicht sehen, denn es war
bewölkt. Es nieselte schon den ganzen Abend in der großen Stadt.
Gammel hob den Sargdeckel und spähte hinaus. Aufstehen. Grr...
Er
schwang die Beine über den Rand und lehnte sich an den Deckel. Er
bekam die Augen kaum auf, gähnte. Dabei riß er den Mund so weit
auf, daß man meinen konnte, er habe nur Knochen und Zähne im
Gesicht. Erstmal rausgehen. Er erhob seine knochengleiche Gestalt und streckte
sich ausgiebig, griff sich seinen abgerissenen Mantel mit dem zerfetzten
Saum und kratzte sich am Kopf zwischen den zerzausten schwarzen Haaren,
rieb sich die Augen und schlurfte aus der Tür.
Es
war ziemlich klar ersichtlich, daß er gestern zuviel gefeiert hatte.
Nicht an den roten Rändern seiner Augen oder der Haut, die sich durch
eine perfekte Kellerbräune auszeichnete. Vielmehr daran, daß
er noch viel deprimierter war als am Abend zuvor. Außerdem
noch weitaus hungriger, da er nur Leute getroffen hatte, die von übermäßigem
Alkoholkonsum betroffen waren. Davon konnte man nicht viel ertragen.
Heute
war Sonntag. Das war natürlich keine besonders gute Voraussetzung
um satt zu werden. Entweder lagen die Leute noch platt in irgendeiner Ecke
oder über der Kloschüssel. Samstage endeten in der großen
Stadt meist mit kolossalen Besäufnissen oder Tod durch Unfall. Manchmal
schien es nur diese beiden Möglichkeiten zu geben.
Manchmal
ging er auch rüber in einen neuen Teil der Stadt um zwischen den Wolkenkratzern
aus Glas und Stahl umher zu gehen und sich die Leute in Anzug und Krawatte
reinzuziehen, die ihn so sehr amüsierten. Nie hatte die Zeit. Sie
rasten durch ihr Leben und dabei hatten sie nur eines. Es sei denn jemand
kam auf die Idee ihnen noch eines zu verabreichen. Seine Schuhe lösten
sich auf, er würde bald neue brauchen.
Er
setzte sich vor einem Schaufenster nieder und zündete sich eine Zigarette
an. Bald gesellte sich eine alter Mann dazu. Er roch ungewaschen, war unrasiert,
hatte graues ungepflegtes Haar und trug Plastiktüten mit sich herum.
Auf dem Kopf hatte er eine gelbe Baseball-Kappe, seine Hose hatte einen
unglaublichen Schlag und aus seiner Tasche ragte die Weihnachts-Ausgabe
eines Haushaltsmagazins. Das Blatt war mindestens fünf Jahre alt.
"Hey
Junge." stöhnte er und ließ sich schwerfällig neben ihn
sinken, streckte die Beine über den Bürgersteig aus, so daß
die vorbeihastene Menge ihn umgehen mußte.
"Hast
du noch so einen kleinen schmackhaften Lungenvernichter dabei?"
Gammel
gab ihm eine Zigarette und Feuer. Der Mann hustete recht unappetitlich
und zog dann noch einmal an der Kippe.
"Meine
Güte, deinen Handschuhen fehlen die Fingerspitzen. In deinem Alter
sollte man sich noch anständige Handschuhe leisten können. Es
ist kalt." Dann zog er eine kleine platte Flasche aus der Tasche und bot
sie ihm an. Gammel schüttelte lächelnd den Kopf.
"Die
Jugend weiß auch nicht mehr was gut ist." knurrte der Mann und leerte
die Flasche. Er betrachtete sie eine Weile. "Allerdings," sagte er dann,
"das Zeug ist auch nicht mehr das was es mal war." Er schleuderte den gläsernen
Kadaver auf den Bürgersteig und kicherte wie eine alte Hexe, als der
Lackschuh, den das Ding fast zu Fall gebracht hatte, ihm einen angesäuerten
Blick zuwarf und "blöder Penner" fluchte.
Das
Kichern ging in ein weiteres Husten über.
"Sieh
sie dir an, Junge!" seufzte er danach, "Sie haben alle keine Zeit." Er
schlug im Sitzen die Beine übereinander.
"Es
ist zu komisch. Diese Stadt ist nicht mehr als ein erbärmlicher Haufen
halbverdauter Frühstücksflocken der Götter! Gestern hat
mir so ein Arschloch meine Socke geklaut. Meine Socke! Manchmal habe ich
nicht mal Feuer um eine verdammte Zigarette zu rauchen. Und das alles wegen
Frühstücksflocken! Und was tun diese Idioten? Sie arbeiten!"
er deutete mit einer ausschweifenden Geste auf die Menschen, kicherte wieder
dieses unglaubliche Kichern und hustete diesen unglaublichen Husten.
"Was für Arschlöcher." murmelte er und zog eine weitere Flasche
aus der Tasche. "Ach ja." Stöhnend und ächzend erhob er sich
wieder, bis zum letzten mit den Hand am Boden abstützend und blickte
auf Gammel hinab der ihn gespannt zusah.
"Laß
dir von mir noch einen Rat geben, Jungchen." röchelte er, "Du mußt
ein Arschloch sein, um noch was aus dir zu machen, verstehst du? Ich weiß,
was passiert, wenn man das nicht ist, klar?"
Gammel
grinste und nickte. "Schon gut, schon gut." murmelte der Alte während
er davonschlurfte.
Allerdings
quälte ihn jetzt erst recht der Hunger. An der Ecke ließ sich
ein Straßenkünstler mit riesigen Schuhen nieder. Die Schuhe
waren so groß, daß sie fast die Breite des Bürgersteigs
überstrapazierten. Gammel sah ihm interessiert dabei zu, wie er anfing
wie in Zeitlupe zu tanzen. Es achtete keiner auf ihn, sehr selten viel
ein sehr kleines Geldstück in die Blechdose neben ihm. Was für
ein Leben. Aber verdammt noch mal, Hunger! Mal nachdenken.
Das
Problem war- man konnte nicht in irgendeinen der Clubs in der Glasstadt
kommen ohne Aufsehen zu erregen. Jedenfalls nicht, wenn man Gammel war.
Diese Idee wurde deswegen von vornherein gestrichen. Das war ein blöder
Tag. Welcher Vollidiot hatte Sonntag erfunden? Gammel malte sich aus, dem
Kerl nachts im Wald zu begegnen. Fast sowas wie Hungerhalluzinationen.
Er
ging zum Südpark im Schattenteil. Hier war es dunkel und man konnte
ungestört herumhängen. Dann wurde eben mal wieder einen Sonntag
lang gefastet. Er hatte überhaupt keine Lust, eine ewig lange Suche
und Auswahl anzufangen. Auch wenn er durch den unglücklichen Verlauf
des Samstags wirklich scheiße dran war. Sonntage waren einfach kein
Zustand für Vampire. Und außerdem machten sie depressiv.
Er
wählte sich seine Lieblingsbank und verscheuchte ein Pärchen
Ratten davon. Hier ging der Fluß vorbei, es waren nur einige Meter
hinunter über den Weg und dann stand man am Ufer der riesigen toten
Wasserschlange, an der sich einst einige dieser sterblichen Parasiten niederließen
um den größten stinkenden Moloch zu bauen, den es überhaupt
gab.
Er
spürte plötzlich eine Anwesenheit. Er wußte wohl, daß
es Andere gab, hier in der Stadt. Aber sie mieden einander weil sie es
im Prinzip nicht lange in Gesellschaft aushielten. Er hatte das eigentlich
nie verstanden. Es war also sehr ungewöhnlich aufgesucht zu werden.
Hinter ihm raschelte es im Gebüsch und er drehte sich gespannt um.
Ein Mädchen trat aus dem Grünzeug und fegte sich einige Blätter
von den Klamotten. Dann grinste sie.
"Hey!"
Sie war sehr jung. Vielleicht ein paar Wochen. Seltsam, daß er sich
mit seinen paar Jahren so alt gegenüber ihr fühlte.
"Hallo."
Er drehte sich wieder um und zog seine Zigaretten aus der Tasche seines
abgewetzten und ewig langen Gehrocks. Sie fand sich neben ihm auf der Banklehne
ein und er bot ihr die Kippen an.
"Nein
danke, ich rauche nicht."
Sie
war also wirklich noch jung.
"Warum
nicht?"
"Es
ist ungesund?"
"Hast
du Angst, an Krebs zu verrecken?" Er lachte.
"Nein."
"Warum
rauchst du dann nicht?" Er zündete sich betont langsam den Glimmstengel
an und pustete den Qualm genüßlich in den Himmel.
"Ich
weiß nicht. Ich habe nie geraucht. Ich kann es wahrscheinlich gar
nicht." antwortete sie und sah dem Rauch nach.
"Oh,
ich kann es dir zeigen."
"Danke,
nein."
"In
Ordnung."
"Ja."
Er
war ein wenig zitterig, weil er noch nichts gehabt hatte und spielte mit
dem Feuerzeug herum. Es fiel hin und kam mit einem dumpfen Aufprallgeräusch
auf dem zu Schotter liegen.
"Du
bist hungrig."
"Ja."
"Mh."
Er
stand auf und bückte sich nach dem Feuerzeug. Einen Augenblick wurde
ihm schwarz vor Augen und er ging in die Knie um sich einen Moment auszuruhen.
"Sehr
hungrig?"
"Ich
denke, ich werde einfach wieder nach Hause gehen."
"Oh.
Gut."
Er
stand auf und überhörte die seltsame Enttäuschung in ihrer
leisen Stimme. Mit dem Rücken zu ihr und im Begriff zu gehen sagte
er noch: "Du bist noch so jung. Es ist ungewöhnlich für jemanden
wie dich, schon alleine unterwegs zu sein."
"Findest
du?"
"Ja."
"Ach."
Sie seufzte traurig.
"Machs
gut, kleine Motte."
"Machs
gut..." Aber er war schon fast außer Sichtweite, als sie beschloß,
daß er nicht einfach so gehen konnte.
Sie
verfolgte ihn nicht besonders geschickt, das wußte sie auch. Sie
hatte nie gelernt, ihre Fähigkeiten einzusetzen. Das war schade. Er
nahm nicht die Straßenbahn, weil er hoffte sie loszuwerden, wenn
er den ganzen Weg zu Fuß zurücklegte. Außerdem wäre
es dann nicht mehr so lange bis Sonnenaufgang.
Irgendwann
blieb er allerdings stehen und ließ sie heran kommen. Verschüchtert
kam sie näher und hielt einen respektvollen Abstand.
"Ich
gehe dir auf die Nerven, was?" flüsterte sie.
"Nein."
Er lächelte müde, um seiner Aussage mehr Halt auf der glatten
Oberfläche der Ernsthaftigkeit zu geben.
Sie
gingen schweigend nebeneinander her, bis sie vor der alten Pension ankamen.
"Schlafe
gut." sagte er.
"Ja."
antwortete sie.
"Gut."
Er drehte sich um und ging durch den Türrahmen, der lange schon keine
Tür mehr beherbergt hatte. Auf der anderen Seite verließ er
das Gebäude wieder durch den Hinterausgang und überquerte den
Hof. Er trottete die Metalltreppe hoch und öffnete die Tür zum
Hinterhaus, bis er im Zimmer ankam und sich erledigt in den offenen Sarg
fallen und die Beine baumeln ließ.
Es
klopfte.
Wenig
später stand sie im Raum und lächelte versuchsweise.
"Tut
mir leid, daß ich dich schon wieder störe."
"Glaub
ich dir nicht."
Sie
senkte getroffen den Kopf und schlug die großen Augen nieder.
"Ich...
weiß nicht wo ich schlafen soll."
"Wo
hast du denn sonst geschlafen?"
"Es
hat ein Feuer gegeben."
"Oh."
Jetzt
stand sie da eine Weile herum und scharrte mit dem Fuß auf dem Boden.
"Komm
schon rein."
Er
hatte einige Kerzen angezündet um noch ein wenig zu lesen. Sie hatte
sich neben ihn gesetzt und die Füße angezogen und die Knie umschlungen.
"Ich
kann auch auf dem Boden schlafen. Ich meine, damit ich dir keinen Platz
wegnehme."
"Nein
nein, das ist kein Problem. Es wäre zu unsicher. Du bist zu schön,
um jetzt schon wieder zu sterben." Er sah von seinem Buch auf und als wäre
ihm gerade bewußt geworden, was er gesagt hatte. Wäre es möglich
gewesen, wäre er jetzt vielleicht rot geworden. Und sie erst. Sie
senkte verlegen den Blick.
"Ich
meine...ach, verflucht." Er legte das Buch beiseite auf einen Tisch, auf
dem ein dunkelroter Stoff lag und zog sich die Stiefel aus.
"Das
ist ein schöner Sarg. Er ist gewiß schon sehr alt, was?"
"Ja,
doch. Und er hat eine Besonderheit."
"Was
denn?"
Er
beugte sich über den Rand und zog eine Lade auf, um das Buch hinein
zu legen. "Er hat Schubfächer!" verkündete er stolz.
Wieder
ihr leises Lachen.
Der
Deckel quietschte nicht mehr seit ein paar Tagen und als er ihn schloß,
war es eine Wohltat, dieses Geräusch seit etlichen Jahren nicht mehr
zu hören. Zufrieden legte er sich also nieder und spürte ihren
leichten Körper dicht an sich.
"Du
zitterst." flüsterte sie.
"Ja."
"Es
muß furchtbar sein, so einen Hunger zu haben."
"Man
gewöhnt sich an alles."
"Möchtest
du..."
"Nein."
"Warum
nicht?"
"Ich
würde dich töten."
Er
legte den Arm um sie und bald schon war sie eingeschlafen. Wie alt mag
sie gewesen sein, bevor sie starb? 17? Nicht älter, als er es gewesen
war. Und das Feuer, ob ihr Schöpfer dort umgekommen war? War sie nun
ganz allein in der Stadt? Er hatte ein komisches Gefühl bei dem Gedanken.
Dann schlief auch er ein.
Nicht
lange. Er wachte auf, als er merkte, daß sie träumte und weinte.
Schnell fischte er ein Taschentuch aus der Hosentasche, um ihr die blutigen
Tränen von den Wangen zu tupfen. Ihre Hände krallten sich an
seinem Hemd fest. Junge, was für Fingernägel. Er verkniff sich
den Schmerzenslaut. Sie gab klägliche Geräusche von sich und
bekam schwer Luft. Dann schrie sie plötzlich laut und schrill und
schlug den Sargdeckel zurück, saß da und keuchte.
Er
war bei ihr und strich ihr das brave blonde Haar aus dem Gesicht, das in
dem Blut auf ihren Wangen klebte. Der Anblick machte ihn fertig.
Die
Fenster waren vernagelt, aber dünne streifen Sonnenlicht krochen durch
die Spalten, glitzerten in den vielen kleinen Spiegelscherben, die in Mobiles
an der Decke aufgehangen waren und warfen ihre Lichtflecken an die Wände.
Es klingelte manchmal leise, wenn sie sich trafen.
"He.
Leg dich wieder hin." Sanft zog er sie zurück auf das samtene Blau,
aber als er zum Deckel griff um ihn zu schließen, da schluchzte sie
ganz laut und sah ihn bittend an.
"Du
hast nur schlecht geträumt."
Sie
nickte und hielt ihn fest. Mit zitternden Händen wischte er ihr wieder
das Blut aus dem Gesicht. Er wartete, bis sie eingeschlafen war und zog
den Deckel zu. Sie schliefen bis zum Abend.
Das
Mädchen war schon aufgestanden, als er ziemlich verpennt feststellte,
daß der Deckel offen stand. Montag war heute, richtig?
Sie
war nirgends zu sehen, das Zimmer war leer. Er seufzte und rieb sich die
Augen, zog einen Stiefel an und den Mantel halb. Als er gähnend zur
Türklinke griff, dachte er darüber nach, daß er besser
den anderen Schuh auch noch anziehen sollte. Er schüttelte sich. Is´
doch nicht wahr, oder?
Die
Nacht war klar und kalt, es hatte über Tag etwas geregnet, aber die
Wolken hatten sich inzwischen verzogen. Nicht viele Leute unterwegs. Wundervoll.
Warum nicht gleich begraben lassen und verhungern?
Auf
der anderen Straßenseite sah er sie um eine Ecke biegen. Er folgte
ihr nicht. Sie würde schon wissen was sie tat. Das dachte er noch
einige Schritte lang, bis er ihre Schreie vernahm. Als er die Straße
einsehen konnte, fand er sie am Boden.
Der
Ältere packte ihn am Revers und schleuderte ihn gegen eine Wand. Putz
rieselte ihm in den Kragen und blieb im Haarspray in seinen Haaren hängen.
"Es
gibt Menschen, die dich kennen!" dröhnte die Stimme des Älteren
in den Mauern von der anderen Seite des Raumes.
"Das
ist nicht wahr." stöhnte Gammel und hob einen Arm um das Licht der
einzelnen Glühbirne abzuwehren, die ihn blendete.
"Und
was ist mit deinen Freunden?" Er betonte das Wort unangenehm spitzzüngig.
"Sie
wissen nichts." sagte Gammel schnell. "Keiner weiß etwas." Er ließ
sich auf den Beton sinken und kauerte sich gegen den Putz. "Unter ihnen
bin ich wieder wie sie." flüsterte er. Der Ältere hob ihn auf
und wollte seine Blicke einfangen. Gammel wich ihm aus, bis er sich in
der Lage fühlte, ihm zu begegnen.
"Du
sollst aber nicht wie sie sein. Du bist nicht wie sie! Und du kannst auch
nicht mehr wie sie sein. Du bist noch sehr jung. Und sehr naiv! Viel zu
naiv! Bist du nicht froh, etwas besonderes zu sein? Das ist es doch, was
ihr wollt, wenn ihr euch in eure Kutten hüllt und euer Haar toupiert
und euch schminkt, wie Weiber! Das ist doch was ihr wollt. Ihr wollt doch
auffallen, Kreaturen der Nacht sein!" Der Spott glänzte in seinen
kleinen schwarzen Augen.
Gammel
schluckte und schwieg.
"Willst
du nichts sagen?"
"Laß
mich in Frieden."
"Ja.
Ja, das werde ich." Der Ältere war plötzlich ganz ruhig. Er lächelte.
"Gib acht auf dich." Damit wartete er, daß Gammel den Raum verließ.
Er ging langsam auf die Tür zu und blieb mit der Hand an der Klinke
stehen.
"Ich
bin sehr jung." sagte er leise. "Und sehr grausam. Das ist dein Verdienst."
Dann ging er.
Mann,
das kam ihm vor, als sei es Ewigkeiten her. Wie lange hatte er den Älteren
nicht mehr gesehen? Aber an der Kleinen hier, da konnte er ihn mit einem
Mal wieder wahrnehmen. Sie lag da und war sehr schwach, ihr fehlte einiges
an Blut, ihr Atem war mehr ein Keuchen, ihre großen Augen ganz leer.
Gammel stand hilflos da. Er hatte selbst nichts, um ihr etwas zu geben.
Dennoch kniete er sich zu ihr und nahm sie in den Arm, damit sie trinken
konnte.
Was
war das? Ein Test? Nach so langer Zeit? So ein Arschloch. Eine Sekunde
hatte er sogar den Gedanken, sie existierte nur, um ihm einen reinzuwürgen.
Sie war schließlich nicht der Typ Mensch, der in dieser Gegend lebte.
Sie mußte aus einem der Wohngebiete außerhalb stammen. Weiß
der Henker.
Sie
zwang sie mit sanfter aber ernsthafter Gewalt, von ihm abzulassen. Das
war anstrengender als es hätte sein sollen, er mußte dringend
dafür sorgen, daß er etwas fand, wenn er nicht den Verstand
verlieren wollte. Sein Blickfeld schwamm und er ließ sich rückwärts
auf den Bürgersteig fallen, massierte sich die Stirn und fluchte.
Sie saß da, ihre Lippen rot vom Blut. Zu dunkel, viel zu dunkel.
Das Mädchen kam näher und legte ihre Hand auf seine Brust, die
sich angestrengt hob und senkte. Er öffnete die Augen und grinste.
"He,"
Gammel hob eine Hand und wischte ihr etwas vom Mund, "Nichts daneben sabbern.
Bist doch kein Kind mehr, oder?" Sie lächelte und leckte sich die
Lippen. Erwachsen sah sie kurz aus. Alt.
"Ich
werde jetzt gehen." grummelte er und erhob sich schwach, aber eigenständig.
Die Kleine stand daneben und sah ihm zu, folgte ihm die Straße hinunter
zurück unter die Passanten. "Danke dir." flüsterte sie. Keiner
dieser sterblichen Narren hätte das hören können. Sie ging
hinter ihm und versuchte, ihm auf den Fersen zu bleiben, wich den Leuten
aus, während er einfach durch sie hindurch zu pflügen schien.
"Ich will, daß du gehst und dich anderweitig beschäftigst."
antwortete er.
"Warum?"
wisperte sie aufgebracht und krallte sich an dem verschlissenen schwarzen
Samt seines Mantels fest.
"Du
wirst in den Club nicht hineinkommen und... ich mag es nicht, wenn man
mir dabei zuschaut."
Ihre
Hand war immer noch da. "Ich habe so eine Angst!" schluchzte sie und nahm
auch ihre zweite Hand zur Hilfe, um sich an ihn zu heften. "Laß mich
nicht alleine hier! Bitte!"
Er
seufzte genervt und verschränkte die Arme dichter vor der Brust, um
das Zittern zu unterbinden.
"Wenn
du dein Blut nicht umsonst gegeben haben willst, dann laß mich bei
dir bleiben." hauchte sie. Gammel schloß die Augen und stellte sich
vor, wie er die ganze Welt in ein Stück Zeitung wickelte, mit Benzin
übergoß und sie in Flammen aufgehen ließ. Oh ja, und diese
ganze
abscheuliche Brut der Dunkelheit ging zuerst drauf!
Er
nahm ihre Hand hinter seinem Rücken und schleifte sie hinter sich
her. Sie ergriff sie hastig mit beiden Händen. Das war doch einfach
nicht wahr. Er hätte schon seit einigen Jahren in einem schönen,
feuchten, komfortablen Grab auf dem Zentralfriedhof liegen können,
wenn er dem Älteren nie begegnet wäre. Er hätte längst
tot sein können! Mann, was für eine großartige Vorstellung.
Großartig,
ich hab's überlebt, dachte er sich, vielleicht überleb ich sogar
diese Scheiße. Vielleicht werde ich solange jede Scheiße überleben,
bis es keine Chance mehr gibt, noch irgend etwas nicht zu überleben.
Vielleicht werde ich noch erleben, wie ich mir neue Handschuhe kaufe.
Sie
hatten inzwischen die U- Bahn benutzt und waren wieder gelaufen. Ich brauche
keine Handschuhe, dachte er, ich brauche gar nichts. Ich brauche ein schönes,
feuchtes, komfortables Grab auf dem Zentralfriedhof und einen wunderschönen
Sommertag. Ich brauche Ruhe. Ich brauche einfach Ruhe. Aber zuerst brauche
ich Blut. Und es kotzt mich an!
Jetzt
erreichten sie das alte Industriegebiet. Hier gab es nur noch breite Straßen
aus Beton und Blöckeweise alte Hallen, Klotzbauten und Schornsteine.
Und Diskotheken. Es roch nach einer Mischung aus Rauch und angeschmorten
Fingernägeln. Er zog sie immer noch hinter sich her.
Einige
Straßen bevor sie am Club angelangten, wurden sie von einem Kerl
ohne Haare und mit einem enormen Drogen-Problem angemacht. Gammel ergriff
die Gelegenheit an der Schulter um sein eigenes Drogen-Problem zu beseitigen.
Er hielt den Typ fest und stellte verwirrt fest, daß ihn der hungrige
Blick der Kleinen befangen machte. Er mochte den Gedanken nicht, daß
sie ihm zusah. Er mochte diesen Gedanken nie. Er sah sie noch näher
kommen und vor ihm stehen bleiben. Er war größer als sie, sie
mußte zu ihm aufsehen. Gammel zitterte so sehr, daß er Mühe
hatte, den Jungen zu halten, der zu versuchen schien, Gammel an den Haaren
zu reißen.
"Was
soll das?"
"Was?"
"Ich
bin sehr hungrig, hörst du?"
"Dann
trink."
Was
solls.
Er
sah sie noch, als er sich den Typen nahm und absolut überkonsumierte.
Er ging mit ihm in die Knie und blieb neben ihm sitzen.
"Siehst
du." sagte sie.
"Was?"
stöhnte er.
"Es
geht." Sie setzte sich neben ihn auf den Beton.
"Ich
verstehe trotzdem nicht, was das sollte. Hat man dich beauftragt, mich
fertig zu machen?"
Er
richtete sich auf und streckte sich. Kopfschüttelnd machte er sich
weiter auf den Weg, ohne noch einmal auf sie zu achten. Am Club-Eingang
begrüßte er den Türsteher, ein breiter Kerl mit Unmassen
von Blech im Gesicht, dann stieg er die Stufen hinab und trat durch die
Tür hinein in das Geräusch. Sie war immer noch hinter ihm.
Hinter
der Bar stand ein riesenhafter muskulöser Farbiger. Er trug ein tief
ausgeschnittenes Lederkleid, hochgeschlitzt und üppige Schminke, die
sein strahlendes Gebiß ergänzte. Gammel gab ihm als nächstes
die Hand. Dann umrundete er die Tanzfläche und schlängelte sich
mit seiner drahtigen Eleganz durch die Menge, bis er auf der anderen Seite
des Raumes eine kleine Gruppe junger Leute erreichte, die sich an einem
der runden Tische neben den Boxen niedergelassen hatten.
Es
waren Menschen, alle.
Ein
junger Mann mit langem blauschimmernden Haar drehte sich nach Gammel um,
als er eine Hand auf seiner Schulter spürte. Die Überraschung
in seinem Gesicht verwandelte sich in einen Ausdruck höchster Freude,
er griff sich Gammel kumpelhaft im Nacken und verpaßte ihm einen
Kuß auf die bleiche, knöcherne Wange. Gammel lachte. Er freute
sich. Eine Frau kam an ihn heran geschlichen, während er einige Worte
mit dem Jungen wechselte und umarmte ihn von hinten. Er drehte sich um,
fiel ihr um den Hals und hob sie in die Luft. Ein hübsches Kind in
einem schwarzen samtenen Cocktail- Kleid und hohen Absätzen, langen
Handschuhen und einem fast weiß blondierten Irokesenschnitt. Er umrundete
den Tisch und begrüßte eine junge Frau mit unglaublich langem
rot-blonden Haar die auf einem der Hocker saß und rauchte. Er beugte
sich zu ihr und sprach in ihr Ohr, sie lachte und zeigte auf die Tanzfläche.
Gammel schien jemanden zu entdecken und machte sich auf, ihm zu begegnen.
Der Junge, auf den er es abgesehen hatte, trug einen langen schwarzen Herren-Rock
und ein T-Shirt, sein Haar war eine kurze Haarspray-fixierte Frisur aus
straßenköter-blondem Gestrüpp und er tanzte selbstvergessen
zu der "elektronischen Pop- Musik mit intelligenten Texten". Wenn sie ehrlich
war, wußte sie nicht genau, ob diese Kreatur männlich oder weiblich
war. Erst an seiner flachen Brust glaubte sie den Unterschied definieren
zu können. Gammel sprang dem Jungen auf den Rücken. Er erschreckte
sich und versuchte das Gleichgewicht zu halten, während er sich halb
tot lachte. Gammel kassierte eine liebevolle Hand, die ihm durch die zerzausten
Haare fuhr, der Junge gab sich Mühe der Klette auf seinem Kreuz eine
Zigarette in den Mund zu stecken und anzuzünden. Die beiden hatten
wirklich Spaß.
Gammel
löste sich von ihm und tanzte für sich weiter bis zum Ende des
Stücks mit geschlossenen Augen, wiegte den Kopf in der Musik und rauchte.
Er verbannte die kleine Untote weitgehend aus seinem Augenmerk. Er wußte
wohl, daß sie da war und an der Bar saß und ihn studierte.
Das Wissen reichte ihm. Was solls. Selbst wenn der Ältere sie geschickt
hatte um ihn zu ärgern oder zu quälen oder zu vernichten. Vielleicht
kam er ja doch noch zu seiner verdienten und ersehnten Unterkunft auf dem
örtlichen Gottesacker.
Sie
saß am Rand in ihren abgerissenen und schmuddeligen Blue -Jeans,
der weißen Bluse und der Jeansjacke. In diesen Klamotten war sie
schon gestorben. Sie sah ihm nur zu. Oh und sie beneidete ihn. Wieso war
er nicht einsam, so wie sie? Es war so düster hier. Soetwas hatte
sie noch nie gesehen. An der Decke hingen schwarze Stoffbahnen und Spiegelscherben,
in denen sich das Licht der Scheinwerfer brach, über der Theke war
ein riesiger vergitterter Lüftungsventilator in die Wand eingelassen,
der flatternde schwarze und silberne Papierbahnen in seinem Luftstrom vor
sich hertrieb. Direkt darunter eine kühle blaue Neonschrift mit den
Worten YOUR PLASTIC HOME und Regale mit Gläsern, die vom Schwarzlicht
leuchteten, Flaschenhalterungen mit Spirituosen und tanzende fluoreszierende
Kunststoff- Skelette. Der Barkeeper und noch zwei weitere aufreizend gekleidete
Bedienungen hatten zu tun, der Nebel von der Tanzfläche und Zigarettenqualm
vermischten sich im Licht der Spots die wie kleine Ufo´s über
der Theke zu schweben schienen und stiegen in Zeitlupe auf.
Sie
sah Gammel die Tanzfläche verlassen und grazil auf sie zuschlendern.
Er hielt eine Zigarettenspitze zwischen zwei Fingern und die andere Hand
in die Hüfte gestemmt, er sah einen Moment lang unglaublich tuntig
aus. Und tot. Aber das fiel hier nicht auf. Wenn es nach dem Aussehen ginge,
hätten 90% der Anwesenden das Potenzial zum Untoten gehabt. Er grinste
und hatte einen fast lasziven Schimmer im Auge. Kurz vor der beleuchteten
Stufe hinauf zur Theke blieb er stehen und streckte ihr mit einer theatralischen
Geste seine Hand entgegen als erwarte er einen Handkuß. Stattdessen
nahm er ihre und zerrte sie von ihrem Platz herunter dicht an sich heran.
Er umarmte sie wie selbstverständlich und drängte sich an sie,
sie war total verunsichert und ließ sich von ihm ihre Hände
an die schwarze zerrissenen Seide auf seinem Rücken legen. Die lagen
nun da wie toter Fisch, durch die Bewegungen ertastete sie seine Rippen
und Wirbel durch den Stoff. Sie war völlig verwirrt.
"Ihr
seid wunderschön, Madmoiselle." lispelte er in gespieltem Akzent,
"Und ihr werdet mein Untergang sein."
Damit
betraten sie entgültig die Tanzfläche. Sie war komplett überrollt
von seiner plötzlichen Art. Seine Augen waren dunkel und allein auf
die ihren fixiert. Er war traurig. Und wütend. Er wollte, daß
sie das alles sah. Er gab ihr einen schnellen Kuß auf die Stirn,
zog geziert an seiner Zigarettenspitze und ließ sie gleichzeitig
los, verschwand zu den anderen Leuten zurück und ließ sie in
der wogenden Menge stehen.
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