Vampyre Planet-Zine

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Solo für eine Königin

An diesen Abenden, wenn der laue Frühlingswind oder der brütende Hauch des Sommers durch das Haus streichen und die Grillen im Garten zirpen, gehe ich gern in Rosannas Zimmer und betrachte die Gegenstände darin. Ich halte das Zimmer sehr sauber, obwohl niemand darin wohnt; ich erlaube dem Staub nicht, die glänzenden Oberflächen ihres Toilettenspiegels oder der Kleiderschränke zu verhüllen. Rosannas Anwesenheit hängt wie ein feiner Duft in der Atmosphäre dieses rosigen und femininen Zimmers.

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Er warf sich schweißgebadet im Bett hin und her. Ein Satz spukte ihm im Kopf herum, und er wiederholte ihn ein- ums andere Mal mit schlaftrunkenen Lippen: Der Sog der Ewigkeit klingt wie der Schlag von müden, großen Flügeln. Er wußte nicht, woher dieser Satz stammte, ob er ihn vielleicht einmal irgendwo in einem Buch gelesen hatte oder ob er ihm selbst eingefallen war. Die kurze Girlande aus unverständlichen Worten zog ihre feurigen Windungen in Kapeks Gehirn und durchsetzte seine Träume mit Visionen von Schuld und Lust. Das Bild von Blutspritzern auf einem schneeweißen Laken, das dem jungfräulichen Totenlaken eines Kindes glich, versetzten den Schlafenden in einen Zustand sonderbarer Erregung. Er glaubte sich an etwas lang Versunkenes zu erinnern, aber immer wenn die Enthüllung des Geheimnisses gerade bevorstand, verschwand das Bild wieder im Dunkel des Unbewußten. Er strampelte seine Decke von sich und drehte sich im Bett um sich selbst, auf der vergeblichen Suche nach einer kühlen Stelle. Endlich fuhr er mit einem Zucken aus den Kissen hoch. 
Es war zwei Uhr morgens. Aus der Ferne erklang der klagende Ton eines vorbeieilenden Güterzuges, dann lag alles in vollkommener Stille. Die Stadt schlief. Kapeks atmete schwer und keuchend. Seine verschwitzten Finger umklammerten seine linke Brust. Das Ziehen des Schmerzes breitete sich bis zu seinem Unterkiefer und über beide Schultern aus. Es war so unerträglich beängstigend, daß er es im Bett nicht mehr aushielt. Langsam lief er im Zimmer auf und ab, füllte sich ein Glas mit kaltem Wasser, trank in gierigen Schlucken. 
Auf dem Fensterbrett hörte er das Flattern und Gurren von Tauben, die hier vor der Kälte Zuflucht suchten. Nichts Ungewöhnliches; dieses Haus wurde schon immer von den Tauben besonders heimgesucht. Aber in diesem Augenblick klang das Flattern der kleinen, zerbrechlichen Tiere in seinen Ohren wie der langsam näherkommende Paukenschlag des Armageddon. Wütend riß er die Fenster auf, scheuchte die Vögel in die Nacht hinaus. Dann blieb er, weit vornübergebeugt, auf das Fensterbrett gestützt stehen. In dem schwachen Schein, der von den Straßenlaternen darauf fiel, war die Oberfläche des Fensterbretts kaum zu erkennen, aber Kapek glaubte eine Reihe kerzengrader gotischer Buchstaben in den Schnee gemalt zu erkennen. 

"Niemand wird mir glauben", flüsterte Kapek seinem Ebenbild im Rasierspiegel zu. Wem hätte er es schon erzählen können? Er hatte violette Ringe unter den Augen und sah erbärmlich aus. Wahrscheinlich hatte er sich im Wald eine Grippe geholt, die nun ausbrach. Sein Inneres fühlte sich heiß an und brannte wie im Fieber. Er beschloß, das Auto stehenzulassen und mit dem Bus zum Verwaltungsamt zu fahren. 
Draußen herrschte dichter Nebel, als er aus der Haustür trat. Es war noch dunkel, nur die Globen der Straßenlampen warfen schwache gelbe Lichtkreise wie Inseln in das wabernde Grau. Die Luft war schwer, gesättigt von Feuchtigkeit, roch nach Industrieabgasen und strömte scharf und beißend in seine Lungen. Auf dem Weg zur Bushaltestelle versagten ihm plötzlich die Knie, er taumelte und mußte sich an einem Vorgartenzaun festhalten. Mit offenem Mund Luft schnappend hob er den Kopf und spähte in den weißlichen Schleier, der über den Gärten lag. Die Äste von Zierbüschen und Bäumen ragten aus dem Nebel wie spastisch verkrampfte Finger. Schwarze Klumpen balancierten auf diesen Ästen, beäugten Kapek schweigend. Vögel. Die Bäume entlang der Straße waren voller Vögel. 
In Panik wandte er sich ab und eilte im Laufschritt der Bushaltestelle zu. Gerade als der Bus hielt, kam er dort an, zog sich ins Innere und ließ sich erschöpft auf einen Fensterplatz plumpsen. 
Er lag mit geschlossenen Augen in seinem Sitz und stützte die heiße Stirn an die kondenswasserfeuchte Fensterscheibe, bis das Rütteln des über eine Bodenunebenheit holpernden Fahrzeugs ihn hochschrecken ließ. Der Bus fuhr eben durch einen Teil der Stadt, den Kapek sonst selten betrat, enge Straßenfluchten zwischen vernachlässigten Gründerzeitbauten, eine Aura von Vernachlässigung und Armut, ausländische Gemüsegeschäfte und Cafes voller dunkelgesichtiger Männer, die unverwandt auf fremde Fußgänger herausstarrten. An diesem Arbeiterviertel war nichts Anziehendes, das Kapek hätte veranlassen können, hierher zu kommen. Müde ließ er die Augen über die vorbeiziehende schmutzige Kulisse streifen. Wohin führten diese Gassen? Er wußte es nicht. Als der Bus an einer Ampel hielt, schaute Kapek geradewegs in den schmalen Schlauch einer Straße, deren Fluchtpunkt sich in einem golden und feuerfarben lohenden Meer aus Licht verlor. Er hatte aus diesem Fenster einen direkten Blick auf den Sonnenaufgang. Tröstlich schienen die hellen Strahlen der aufgehenden Sonne den Nebel zu durchdringen, sie fielen mit sanftem Druck auf Kapeks reglos starrendes Gesicht wie ein stilles Versprechen, daß alles wieder gut werden würde. Aber wenn er genau hinsah, konnte er die schwarzen Punkte kreisender Vögel vor den rosafarbenen Wolken erkennen. 

Der Anblick des Sonnenaufgangs am Ende der unbekannten Gasse ließ Kapek den ganzen Tag nicht los. Er verrichtete seine Arbeit schweigend, überhörte Fragen und Bemerkungen von Frau Mutzig, saß appetitlos mit seinen Freunden in der Kantine. Der Geruch ihres Essens widerte ihn an, er trank schwarzen Kaffee und starrte an die mit kleinen Halogenstrahlern besetzte Decke. Der Anblick jenes feuerfarbenen Meeres aus purem Licht hatte ihn so unvorhergesehen und überwältigend ereilt, daß er sich daran erinnerte wie an eine besonders beglückende Erfahrung. Die Farben der Wolken, die gestreckten Schlieren von Gelb, Rosa und Violett, das dahinter zutage tretende Grellblau des Himmels waren in seine Pupillen eingebrannt, und der unhörbare Schrei jener fern kreisenden Vögel klang in seinen Ohren. 
"Der zauberische Horizont", murmelte Kapek verträumt. Er zitierte Maupassant, ohne es zu bemerken. Seine Kollegen sahen einander mit hochgezogenen Augenbrauen an. 
"Na, siehst du wieder Sachen im Schnee?" witzelte Petri, der dicke Scheiben aus einer Hühnerbrust auf seinem Teller säbelte. Kapek zwang sich zu einem Lächeln.
"Nur eine Aktennotiz", erwiderte er gleichmütig. Aber das Hühnerfleisch auf dem Teller des Gegenübersitzenden roch so durchdringend aasig, daß er sich abwenden mußte. Er entschuldigte sich mit dem Vorwand, einen dringenden Anruf zu erwarten, bei seinen Freunden und kehrte allein zurück zum Dienstgebäude. 
Auf dem Parkplatz wagte er keinen Blick zu Boden zu werfen. Mit starrem Gesicht schritt er durch Pfützen und Schneehaufen. Einige Male strauchelte er und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren, aber er sah nicht nach unten. Er wollte nicht mehr empfänglich sein für solche hirnverbrannten, eingebildeten Botschaften. Alles nur die Grippe, das leichte Fieber, das ihn seit Tagen quälte und ihn diese Dinge sehen ließ. Kein Grund zur Beunruhigung. Morgen war Freitag, und dann würde er ein Wochenende im Bett verbringen, mit Holundertee und Wadenwickeln. 
Als er die Straße überquerte, schnitt ihm ein gellender Pfiff ins Ohr. Dieser Ton klang so raubvogelartig, daß Kapek sich unwillkürlich duckte und den Arm schützend hob. Aber es war nur ein Verkehrspolizist, der auf einer improvisierten Mittelinsel stand und strafend den Kopf schüttelte, weil Kapek nicht auf seine Handzeichen geachtet hatte. Beschämt eilte er dem Haupteingang des Verwaltungsamts entgegen und hoffte, daß kein Kollege ihn gesehen hatte. 
Spät am Nachmittag fuhr er mit dem Bus zurück nach Hause. Das Verkehrsmittel war voll besetzt und erfüllt von einem dumpfigen Mief, der aus den verschwitzten Kleidern der Insassen aufstieg. Es war sehr heiß, alle Fenster beschlagen. Kapek hatte Glück, daß er einen Sitzplatz neben einem lollylutschenden Schulmädchen ergattern konnte, das die Fensterscheibe in regelmäßigen Abständen mit dem Ärmel abwischte. Im Vorbeifahren sah Kapek erneut jenen wirbelnden Strudel aus Licht, in den die unbekannte Gasse des Arbeiterviertels mündete, aber diesmal war es das Abendrot, das mit seinem glühenden Schein die Häuserwände färbte und wie ein riesiger blutiger Riß im Himmel pulsierte, so hell, daß Kapek die Lider schließen mußte. 
"Wunderschön - der zauberische Horizont", flüsterte er, als er die Augen wieder öffnete. Das Mädchen auf dem Nebensitz starrte ihn mit ausdruckslosem Gesicht abweisend an. 

Kapeks Kopf glühte vor Fieber. Er war auf dem Sofa vor dem Fernseher eingeschlafen, ohne sein Abendessen überhaupt angerührt zu haben. Appetitlos hatte er sich dazu zwingen wollen, etwas Warmes zu essen, er hatte schließlich seit zwei Tagen nichts zu sich genommen und fühlte sich sehr geschwächt. Das statische Rauschen nach Sendeschluß weckte ihn aus einem unruhigen Schlummer. Als er den Knopf der Fernbedienung drückte, sank die Wohnung in vollständiges Dunkel, das nur erhellt wurde vom schwachen Schein der Straßenlampen. Er glaubte ein leises Rumoren hinter einer der Wände zu hören. Wieder diese Nachbarn! Ein junges Paar, das mitten in der Nacht Möbel rückte oder Parties feierte, wenn anständige Menschen schlafen wollten. Kopfschüttelnd trat er an das Fenster, strich sich die schweißnassen Haare aus der Stirn, starrte gedankenverloren hinunter auf den Bürgersteig und die parkenden Autos. Auf dem Fensterbrett, säuberlich wie mit einer Tuschfeder hingeschrieben, standen deutlich lesbar die Worte: MÖRDER WENN DU GLAUBST DU ENTKOMMST UNS HAST DU DICH GEIRRT. Kapek taumelte mit einem Schmerzenslaut zurück ins Zimmer, stolperte über den niedrigen Couchtisch und fiel der Länge nach auf das Sofa. Für eine scheinbar endlos lange Weile bildeten seine krampfhaft schluchzenden Atemzüge das einzige Geräusch in der nächtlichen Wohnung. Dann rappelte er sich, immer noch im Dunkeln, auf. 
Wenn die jungen Nachbarn wirklich zu Hause gewesen wären, hätten sie sich wahrscheinlich gewundert, daß um zwei Uhr morgens aus Friedhelm Kapeks Wohnung das Geräusch von splitterndem Glases und stampfenden Hammerschlägen drang. Er riß das Fenster auf und bestreute das Fensterbrett dick mit den Glasscherben zertrümmerter Flaschen. So, jetzt würden sich die Tauben bestimmt nicht mehr dort hinsetzen! 
Als er später im Bett lag, lauschte er voller Bangen auf das stolpernde, aussetzende und unregelmäßige Schlagen seines Herzens. Der Schmerz war nur noch ein dumpfer, andauernder Krampf, der seinen Oberkörper zusammenzog. Gekrümmt wie ein Embryo lag Kapek auf der Seite und atmete wie ein Ertrinkender. Endlich trotz seiner Ängste eingeschlafen, sah er im Traum ein riesiges Heer von Vögeln auf einen glorios glühenden Sonnenaufgang zufliegen. Ihre Flügelunterseiten blitzten blau und golden wie die Schwingen von Paradiesvögeln, ihre Schwanzfedern wippten majestätisch hinter ihnen her. Sanft klagende Schreie voll unergründlicher Wehmut erfüllten den Himmel bis zum Rand des Horizonts. Eine endlose Reihe gläserner Formen erhob sich wie eine schmale Gasse in die Tiefe des Himmels. Die besänftigenden Spiegel der Unendlichkeit, wußte Kapek. 
Er lächelte im Schlaf mit dem unschuldigen Gesichtsausdruck eines Kindes, als die Erinnerung an die Blutflecken auf dem weißen Leintuch wiederkam. Die Blutflecken jener schwarzen Amsel, die er als Junge mit der Steinschleuder von einem Baum geschossen hatte. In die Steinschleuder hatte er statt eines Steins eine scharfkantige Glasscherbe gelegt, die dem Vogel eine tiefe Wunde in den Leib riß. Die Amsel verblutete unter Friedhelms neugierigem Blick in dem stillen Winkel hinter der Gartenhütte, er drehte sie mit einem Stock um und starrte in ihren krampfhaft aufgerissenen Schnabel und die hervorquellenden Augen. Mörder, Mörder, sang der Chor der Vögel wie mit Engelsstimmen. Sie flatterten um ihn her mit ihren bunten Schwungfedern und geleiteten ihn zum Himmelsglanz empor wie eine Schar geflügelter Putten. 

Der Wecker klingelte pünktlich um halb sieben. Kapek erhob sich wankend, tapste auf unsicheren Füßen in das Badezimmer. Vom Fieber war sein Gesicht rot und aufgequollen; das Duschen und Rasieren fiel ihm schwer, seine Hände wollten ihren Dienst nicht verrichten. Einen Moment lang überlegte er, ob er sich im Büro krank melden sollte, aber dann erinnerte er sich daran, daß heute Freitag war. Er brauchte nur einen halben Tag zu arbeiten, konnte sich ein langes Wochenende im Bett gönnen, um seine Grippe auszukurieren. Widerwillig zwang er sich eine Tasse schwarzen Kaffee hinunter, wobei er immer wieder absetzen mußte. Ein Würgen überfiel ihn bei jedem Gedanken an feste oder flüssige Nahrung. Sein Hemd schlotterte ihm um den Oberkörper, als er sich mühsam ankleidete. Draußen lag wieder der dichte, schwere Nebel, der ihm das Atmen zur Qual machte. Langsam wie ein alter Mann tastete Kapek sich zur Bushaltestelle an der Straßenecke. 
Er bekam nicht viel von der Fahrt mit, aber an der Ampel, wo der Bus wiederum halten mußte, hob er den Blick und starrte in den wirbelnden Sog des Morgens, dessen Glutfluten Funken zu sprühen schienen. Der warme Kuß der Sonnenstrahlen schloß Kapeks Lider. Er erwachte erst an der Endhaltestelle und mußte die halbe Strecke zurückfahren, um zum Verwaltungsamt zu gelangen. 
Frau Mutzig zeigte sich besorgt, als ihr Vorgesetzter bleich und wankend in der Tür stand. Sie nötigte ihm eine Tasse Kaffee auf, deren Duft ihn fast zum Erbrechen gebracht hätte, und öffnete die Fenster seines Büros, um frische Luft hereinzulassen. Kapek saß zitternd im Durchzug, unfähig, sich aufzuraffen und das Fenster zu schließen. Der Kopf sank ihm auf die Tischplatte, und er schlief wieder ein. Niemand störte ihn. Die umsichtige Vorzimmerdame, eine mütterliche Person mittleren Alters, die ihm schon seit langen Jahren treu diente, hielt alle Telefonate und Besucher fern. Als es auf den Mittag zuging, brachte sie Kapek ein Bündel Briefe zum Unterschreiben und wies ihn dezent darauf hin, daß er bald nach Hause gehen könne. 
"Ruhn Sie sich aus, Herr Kapek, nicht daß Sie uns noch eine Lungenentzündung bekommen", sagte sie. "Gehen Sie ruhig nach Hause, ich sage, Sie sind auf einer Konferenz." 
Er ließ sich nur widerwillig dazu bewegen, getrieben von einem Restfunken jenes Pflichteifers und Pünktlichkeitsfanatismus, die ihm seit Jahrzehnten das Leben schwer machten. Er hatte niemals das Protokoll überschritten und sein Büro vor der Zeit verlassen. Gott allein wußte, wie viele Überstunden er angesammelt und niemals abgebummelt hatte. Aber jetzt konnte er nicht mehr. Die Maschine seines Körpers versagte und ließ ihn hilflos zurück. Frau Mutzig rief ein Taxi und begleitete ihren Chef bis vor das Hauptportal. Er konnte sich kaum mit seiner versagenden Stimme bei ihr bedanken, als ihn der Wagen schon davontrug. 
"Wohin soll's gehen?"  fragte der Fahrer. 
Kapek stammelte: "Gold-goldschneiderstraße, Ecke Krügerallee ..." 
Erst als das Taxi hielt, bemerkte er, daß er dem Fahrer gar nicht seine Wohnanschrift gesagt hatte. Dennoch zahlte er und stieg taumelnd aus dem warmen Fond des Wagens. Er stand an der Ecke jener Gasse, die sich in einer schmalen Häuserschlucht zum Rand des Horizonts hinzog. Ihren Namen hatte er am Morgen durch das Busfenster zum ersten Mal gelesen, da der Bus direkt vor dem Straßenschild an der Ampel gehalten hatte. 
In Wirklichkeit hatte er sich immer hierher gesehnt. Er erkannte dies mit einer glasklaren Gewißheit, die keine Fragen offenließ. Die Stimmen der Vögel und der Ruf des Himmels hatten ihn geleitet. Er würde sich nun bald auf den besänftigenden Spiegeln der Unendlichkeit ausstrecken, den zauberischen Horizont in den eigenen Augen fühlen. Ja. Die Belohnung für all die vielen vergeblichen Jahre war nah. 
Mit einem schiefen, aber zufriedenem Grinsen stellte Kapek seinen Aktenkoffer auf das Trottoir und tastete sich an den Wänden entlang in Richtung des glosenden Leuchtens, das ihn am Fluchtpunkt der Straße erwartete. 

Am Montagmorgen nach dem Wochenende entdeckten Bauarbeiter die Leiche eines Mannes mittleren Alters, der in einen tiefen Betonschacht am Ende der Sackgasse Goldschneiderstraße gestürzt war. Es blieb unklar, wie er den Bauzaun überwunden hatte und warum er in das ausgeschachtete Loch gefallen war. Er hielt die Arme ausgebreitet, als wolle er fliegen, und es sah beinahe so aus, als lächelte er. 

(1998) 
 

©Eddie M. Angerhuber