Er
warf sich schweißgebadet im Bett hin und her. Ein Satz spukte ihm
im Kopf herum, und er wiederholte ihn ein- ums andere Mal mit schlaftrunkenen
Lippen: Der Sog der Ewigkeit klingt wie der Schlag von müden, großen
Flügeln. Er wußte nicht, woher dieser Satz stammte, ob er ihn
vielleicht einmal irgendwo in einem Buch gelesen hatte oder ob er ihm selbst
eingefallen war. Die kurze Girlande aus unverständlichen Worten zog
ihre feurigen Windungen in Kapeks Gehirn und durchsetzte seine Träume
mit Visionen von Schuld und Lust. Das Bild von Blutspritzern auf einem
schneeweißen Laken, das dem jungfräulichen Totenlaken eines
Kindes glich, versetzten den Schlafenden in einen Zustand sonderbarer Erregung.
Er glaubte sich an etwas lang Versunkenes zu erinnern, aber immer wenn
die Enthüllung des Geheimnisses gerade bevorstand, verschwand das
Bild wieder im Dunkel des Unbewußten. Er strampelte seine Decke von
sich und drehte sich im Bett um sich selbst, auf der vergeblichen Suche
nach einer kühlen Stelle. Endlich fuhr er mit einem Zucken aus den
Kissen hoch.
Es
war zwei Uhr morgens. Aus der Ferne erklang der klagende Ton eines vorbeieilenden
Güterzuges, dann lag alles in vollkommener Stille. Die Stadt schlief.
Kapeks atmete schwer und keuchend. Seine verschwitzten Finger umklammerten
seine linke Brust. Das Ziehen des Schmerzes breitete sich bis zu seinem
Unterkiefer und über beide Schultern aus. Es war so unerträglich
beängstigend, daß er es im Bett nicht mehr aushielt. Langsam
lief er im Zimmer auf und ab, füllte sich ein Glas mit kaltem Wasser,
trank in gierigen Schlucken.
Auf
dem Fensterbrett hörte er das Flattern und Gurren von Tauben, die
hier vor der Kälte Zuflucht suchten. Nichts Ungewöhnliches; dieses
Haus wurde schon immer von den Tauben besonders heimgesucht. Aber in diesem
Augenblick klang das Flattern der kleinen, zerbrechlichen Tiere in seinen
Ohren wie der langsam näherkommende Paukenschlag des Armageddon. Wütend
riß er die Fenster auf, scheuchte die Vögel in die Nacht hinaus.
Dann blieb er, weit vornübergebeugt, auf das Fensterbrett gestützt
stehen. In dem schwachen Schein, der von den Straßenlaternen darauf
fiel, war die Oberfläche des Fensterbretts kaum zu erkennen, aber
Kapek glaubte eine Reihe kerzengrader gotischer Buchstaben in den Schnee
gemalt zu erkennen.
"Niemand
wird mir glauben", flüsterte Kapek seinem Ebenbild im Rasierspiegel
zu. Wem hätte er es schon erzählen können? Er hatte violette
Ringe unter den Augen und sah erbärmlich aus. Wahrscheinlich hatte
er sich im Wald eine Grippe geholt, die nun ausbrach. Sein Inneres fühlte
sich heiß an und brannte wie im Fieber. Er beschloß, das Auto
stehenzulassen und mit dem Bus zum Verwaltungsamt zu fahren.
Draußen
herrschte dichter Nebel, als er aus der Haustür trat. Es war noch
dunkel, nur die Globen der Straßenlampen warfen schwache gelbe Lichtkreise
wie Inseln in das wabernde Grau. Die Luft war schwer, gesättigt von
Feuchtigkeit, roch nach Industrieabgasen und strömte scharf und beißend
in seine Lungen. Auf dem Weg zur Bushaltestelle versagten ihm plötzlich
die Knie, er taumelte und mußte sich an einem Vorgartenzaun festhalten.
Mit offenem Mund Luft schnappend hob er den Kopf und spähte in den
weißlichen Schleier, der über den Gärten lag. Die Äste
von Zierbüschen und Bäumen ragten aus dem Nebel wie spastisch
verkrampfte Finger. Schwarze Klumpen balancierten auf diesen Ästen,
beäugten Kapek schweigend. Vögel. Die Bäume entlang der
Straße waren voller Vögel.
In
Panik wandte er sich ab und eilte im Laufschritt der Bushaltestelle zu.
Gerade als der Bus hielt, kam er dort an, zog sich ins Innere und ließ
sich erschöpft auf einen Fensterplatz plumpsen.
Er
lag mit geschlossenen Augen in seinem Sitz und stützte die heiße
Stirn an die kondenswasserfeuchte Fensterscheibe, bis das Rütteln
des über eine Bodenunebenheit holpernden Fahrzeugs ihn hochschrecken
ließ. Der Bus fuhr eben durch einen Teil der Stadt, den Kapek sonst
selten betrat, enge Straßenfluchten zwischen vernachlässigten
Gründerzeitbauten, eine Aura von Vernachlässigung und Armut,
ausländische Gemüsegeschäfte und Cafes voller dunkelgesichtiger
Männer, die unverwandt auf fremde Fußgänger herausstarrten.
An diesem Arbeiterviertel war nichts Anziehendes, das Kapek hätte
veranlassen können, hierher zu kommen. Müde ließ er die
Augen über die vorbeiziehende schmutzige Kulisse streifen. Wohin führten
diese Gassen? Er wußte es nicht. Als der Bus an einer Ampel hielt,
schaute Kapek geradewegs in den schmalen Schlauch einer Straße, deren
Fluchtpunkt sich in einem golden und feuerfarben lohenden Meer aus Licht
verlor. Er hatte aus diesem Fenster einen direkten Blick auf den Sonnenaufgang.
Tröstlich schienen die hellen Strahlen der aufgehenden Sonne den Nebel
zu durchdringen, sie fielen mit sanftem Druck auf Kapeks reglos starrendes
Gesicht wie ein stilles Versprechen, daß alles wieder gut werden
würde. Aber wenn er genau hinsah, konnte er die schwarzen Punkte kreisender
Vögel vor den rosafarbenen Wolken erkennen.
Der
Anblick des Sonnenaufgangs am Ende der unbekannten Gasse ließ Kapek
den ganzen Tag nicht los. Er verrichtete seine Arbeit schweigend, überhörte
Fragen und Bemerkungen von Frau Mutzig, saß appetitlos mit seinen
Freunden in der Kantine. Der Geruch ihres Essens widerte ihn an, er trank
schwarzen Kaffee und starrte an die mit kleinen Halogenstrahlern besetzte
Decke. Der Anblick jenes feuerfarbenen Meeres aus purem Licht hatte ihn
so unvorhergesehen und überwältigend ereilt, daß er sich
daran erinnerte wie an eine besonders beglückende Erfahrung. Die Farben
der Wolken, die gestreckten Schlieren von Gelb, Rosa und Violett, das dahinter
zutage tretende Grellblau des Himmels waren in seine Pupillen eingebrannt,
und der unhörbare Schrei jener fern kreisenden Vögel klang in
seinen Ohren.
"Der
zauberische Horizont", murmelte Kapek verträumt. Er zitierte Maupassant,
ohne es zu bemerken. Seine Kollegen sahen einander mit hochgezogenen Augenbrauen
an.
"Na,
siehst du wieder Sachen im Schnee?" witzelte Petri, der dicke Scheiben
aus einer Hühnerbrust auf seinem Teller säbelte. Kapek zwang
sich zu einem Lächeln.
"Nur
eine Aktennotiz", erwiderte er gleichmütig. Aber das Hühnerfleisch
auf dem Teller des Gegenübersitzenden roch so durchdringend aasig,
daß er sich abwenden mußte. Er entschuldigte sich mit dem Vorwand,
einen dringenden Anruf zu erwarten, bei seinen Freunden und kehrte allein
zurück zum Dienstgebäude.
Auf
dem Parkplatz wagte er keinen Blick zu Boden zu werfen. Mit starrem Gesicht
schritt er durch Pfützen und Schneehaufen. Einige Male strauchelte
er und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren, aber er sah nicht
nach unten. Er wollte nicht mehr empfänglich sein für solche
hirnverbrannten, eingebildeten Botschaften. Alles nur die Grippe, das leichte
Fieber, das ihn seit Tagen quälte und ihn diese Dinge sehen ließ.
Kein Grund zur Beunruhigung. Morgen war Freitag, und dann würde er
ein Wochenende im Bett verbringen, mit Holundertee und Wadenwickeln.
Als
er die Straße überquerte, schnitt ihm ein gellender Pfiff ins
Ohr. Dieser Ton klang so raubvogelartig, daß Kapek sich unwillkürlich
duckte und den Arm schützend hob. Aber es war nur ein Verkehrspolizist,
der auf einer improvisierten Mittelinsel stand und strafend den Kopf schüttelte,
weil Kapek nicht auf seine Handzeichen geachtet hatte. Beschämt eilte
er dem Haupteingang des Verwaltungsamts entgegen und hoffte, daß
kein Kollege ihn gesehen hatte.
Spät
am Nachmittag fuhr er mit dem Bus zurück nach Hause. Das Verkehrsmittel
war voll besetzt und erfüllt von einem dumpfigen Mief, der aus den
verschwitzten Kleidern der Insassen aufstieg. Es war sehr heiß, alle
Fenster beschlagen. Kapek hatte Glück, daß er einen Sitzplatz
neben einem lollylutschenden Schulmädchen ergattern konnte, das die
Fensterscheibe in regelmäßigen Abständen mit dem Ärmel
abwischte. Im Vorbeifahren sah Kapek erneut jenen wirbelnden Strudel aus
Licht, in den die unbekannte Gasse des Arbeiterviertels mündete, aber
diesmal war es das Abendrot, das mit seinem glühenden Schein die Häuserwände
färbte und wie ein riesiger blutiger Riß im Himmel pulsierte,
so hell, daß Kapek die Lider schließen mußte.
"Wunderschön
- der zauberische Horizont", flüsterte er, als er die Augen wieder
öffnete. Das Mädchen auf dem Nebensitz starrte ihn mit ausdruckslosem
Gesicht abweisend an.
Kapeks
Kopf glühte vor Fieber. Er war auf dem Sofa vor dem Fernseher eingeschlafen,
ohne sein Abendessen überhaupt angerührt zu haben. Appetitlos
hatte er sich dazu zwingen wollen, etwas Warmes zu essen, er hatte schließlich
seit zwei Tagen nichts zu sich genommen und fühlte sich sehr geschwächt.
Das statische Rauschen nach Sendeschluß weckte ihn aus einem unruhigen
Schlummer. Als er den Knopf der Fernbedienung drückte, sank die Wohnung
in vollständiges Dunkel, das nur erhellt wurde vom schwachen Schein
der Straßenlampen. Er glaubte ein leises Rumoren hinter einer der
Wände zu hören. Wieder diese Nachbarn! Ein junges Paar, das mitten
in der Nacht Möbel rückte oder Parties feierte, wenn anständige
Menschen schlafen wollten. Kopfschüttelnd trat er an das Fenster,
strich sich die schweißnassen Haare aus der Stirn, starrte gedankenverloren
hinunter auf den Bürgersteig und die parkenden Autos. Auf dem Fensterbrett,
säuberlich wie mit einer Tuschfeder hingeschrieben, standen deutlich
lesbar die Worte: MÖRDER WENN DU GLAUBST DU ENTKOMMST UNS HAST DU
DICH GEIRRT. Kapek taumelte mit einem Schmerzenslaut zurück ins Zimmer,
stolperte über den niedrigen Couchtisch und fiel der Länge nach
auf das Sofa. Für eine scheinbar endlos lange Weile bildeten seine
krampfhaft schluchzenden Atemzüge das einzige Geräusch in der
nächtlichen Wohnung. Dann rappelte er sich, immer noch im Dunkeln,
auf.
Wenn
die jungen Nachbarn wirklich zu Hause gewesen wären, hätten sie
sich wahrscheinlich gewundert, daß um zwei Uhr morgens aus Friedhelm
Kapeks Wohnung das Geräusch von splitterndem Glases und stampfenden
Hammerschlägen drang. Er riß das Fenster auf und bestreute das
Fensterbrett dick mit den Glasscherben zertrümmerter Flaschen. So,
jetzt würden sich die Tauben bestimmt nicht mehr dort hinsetzen!
Als
er später im Bett lag, lauschte er voller Bangen auf das stolpernde,
aussetzende und unregelmäßige Schlagen seines Herzens. Der Schmerz
war nur noch ein dumpfer, andauernder Krampf, der seinen Oberkörper
zusammenzog. Gekrümmt wie ein Embryo lag Kapek auf der Seite und atmete
wie ein Ertrinkender. Endlich trotz seiner Ängste eingeschlafen, sah
er im Traum ein riesiges Heer von Vögeln auf einen glorios glühenden
Sonnenaufgang zufliegen. Ihre Flügelunterseiten blitzten blau und
golden wie die Schwingen von Paradiesvögeln, ihre Schwanzfedern wippten
majestätisch hinter ihnen her. Sanft klagende Schreie voll unergründlicher
Wehmut erfüllten den Himmel bis zum Rand des Horizonts. Eine endlose
Reihe gläserner Formen erhob sich wie eine schmale Gasse in die Tiefe
des Himmels. Die besänftigenden Spiegel der Unendlichkeit, wußte
Kapek.
Er
lächelte im Schlaf mit dem unschuldigen Gesichtsausdruck eines Kindes,
als die Erinnerung an die Blutflecken auf dem weißen Leintuch wiederkam.
Die Blutflecken jener schwarzen Amsel, die er als Junge mit der Steinschleuder
von einem Baum geschossen hatte. In die Steinschleuder hatte er statt eines
Steins eine scharfkantige Glasscherbe gelegt, die dem Vogel eine tiefe
Wunde in den Leib riß. Die Amsel verblutete unter Friedhelms neugierigem
Blick in dem stillen Winkel hinter der Gartenhütte, er drehte sie
mit einem Stock um und starrte in ihren krampfhaft aufgerissenen Schnabel
und die hervorquellenden Augen. Mörder, Mörder, sang der Chor
der Vögel wie mit Engelsstimmen. Sie flatterten um ihn her mit ihren
bunten Schwungfedern und geleiteten ihn zum Himmelsglanz empor wie eine
Schar geflügelter Putten.
Der
Wecker klingelte pünktlich um halb sieben. Kapek erhob sich wankend,
tapste auf unsicheren Füßen in das Badezimmer. Vom Fieber war
sein Gesicht rot und aufgequollen; das Duschen und Rasieren fiel ihm schwer,
seine Hände wollten ihren Dienst nicht verrichten. Einen Moment lang
überlegte er, ob er sich im Büro krank melden sollte, aber dann
erinnerte er sich daran, daß heute Freitag war. Er brauchte nur einen
halben Tag zu arbeiten, konnte sich ein langes Wochenende im Bett gönnen,
um seine Grippe auszukurieren. Widerwillig zwang er sich eine Tasse schwarzen
Kaffee hinunter, wobei er immer wieder absetzen mußte. Ein Würgen
überfiel ihn bei jedem Gedanken an feste oder flüssige Nahrung.
Sein Hemd schlotterte ihm um den Oberkörper, als er sich mühsam
ankleidete. Draußen lag wieder der dichte, schwere Nebel, der ihm
das Atmen zur Qual machte. Langsam wie ein alter Mann tastete Kapek sich
zur Bushaltestelle an der Straßenecke.
Er
bekam nicht viel von der Fahrt mit, aber an der Ampel, wo der Bus wiederum
halten mußte, hob er den Blick und starrte in den wirbelnden Sog
des Morgens, dessen Glutfluten Funken zu sprühen schienen. Der warme
Kuß der Sonnenstrahlen schloß Kapeks Lider. Er erwachte erst
an der Endhaltestelle und mußte die halbe Strecke zurückfahren,
um zum Verwaltungsamt zu gelangen.
Frau
Mutzig zeigte sich besorgt, als ihr Vorgesetzter bleich und wankend in
der Tür stand. Sie nötigte ihm eine Tasse Kaffee auf, deren Duft
ihn fast zum Erbrechen gebracht hätte, und öffnete die Fenster
seines Büros, um frische Luft hereinzulassen. Kapek saß zitternd
im Durchzug, unfähig, sich aufzuraffen und das Fenster zu schließen.
Der Kopf sank ihm auf die Tischplatte, und er schlief wieder ein. Niemand
störte ihn. Die umsichtige Vorzimmerdame, eine mütterliche Person
mittleren Alters, die ihm schon seit langen Jahren treu diente, hielt alle
Telefonate und Besucher fern. Als es auf den Mittag zuging, brachte sie
Kapek ein Bündel Briefe zum Unterschreiben und wies ihn dezent darauf
hin, daß er bald nach Hause gehen könne.
"Ruhn
Sie sich aus, Herr Kapek, nicht daß Sie uns noch eine Lungenentzündung
bekommen", sagte sie. "Gehen Sie ruhig nach Hause, ich sage, Sie sind auf
einer Konferenz."
Er
ließ sich nur widerwillig dazu bewegen, getrieben von einem Restfunken
jenes Pflichteifers und Pünktlichkeitsfanatismus, die ihm seit Jahrzehnten
das Leben schwer machten. Er hatte niemals das Protokoll überschritten
und sein Büro vor der Zeit verlassen. Gott allein wußte, wie
viele Überstunden er angesammelt und niemals abgebummelt hatte. Aber
jetzt konnte er nicht mehr. Die Maschine seines Körpers versagte und
ließ ihn hilflos zurück. Frau Mutzig rief ein Taxi und begleitete
ihren Chef bis vor das Hauptportal. Er konnte sich kaum mit seiner versagenden
Stimme bei ihr bedanken, als ihn der Wagen schon davontrug.
"Wohin
soll's gehen?" fragte der Fahrer.
Kapek
stammelte: "Gold-goldschneiderstraße, Ecke Krügerallee ..."
Erst
als das Taxi hielt, bemerkte er, daß er dem Fahrer gar nicht seine
Wohnanschrift gesagt hatte. Dennoch zahlte er und stieg taumelnd aus dem
warmen Fond des Wagens. Er stand an der Ecke jener Gasse, die sich in einer
schmalen Häuserschlucht zum Rand des Horizonts hinzog. Ihren Namen
hatte er am Morgen durch das Busfenster zum ersten Mal gelesen, da der
Bus direkt vor dem Straßenschild an der Ampel gehalten hatte.
In
Wirklichkeit hatte er sich immer hierher gesehnt. Er erkannte dies mit
einer glasklaren Gewißheit, die keine Fragen offenließ. Die
Stimmen der Vögel und der Ruf des Himmels hatten ihn geleitet. Er
würde sich nun bald auf den besänftigenden Spiegeln der Unendlichkeit
ausstrecken, den zauberischen Horizont in den eigenen Augen fühlen.
Ja. Die Belohnung für all die vielen vergeblichen Jahre war nah.
Mit
einem schiefen, aber zufriedenem Grinsen stellte Kapek seinen Aktenkoffer
auf das Trottoir und tastete sich an den Wänden entlang in Richtung
des glosenden Leuchtens, das ihn am Fluchtpunkt der Straße erwartete.
Am
Montagmorgen nach dem Wochenende entdeckten Bauarbeiter die Leiche eines
Mannes mittleren Alters, der in einen tiefen Betonschacht am Ende der Sackgasse
Goldschneiderstraße gestürzt war. Es blieb unklar, wie er den
Bauzaun überwunden hatte und warum er in das ausgeschachtete Loch
gefallen war. Er hielt die Arme ausgebreitet, als wolle er fliegen, und
es sah beinahe so aus, als lächelte er.
(1998)
©Eddie
M. Angerhuber
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