Vampyre Planet-Zine

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Solo für eine Königin

An diesen Abenden, wenn der laue Frühlingswind oder der brütende Hauch des Sommers durch das Haus streichen und die Grillen im Garten zirpen, gehe ich gern in Rosannas Zimmer und betrachte die Gegenstände darin. Ich halte das Zimmer sehr sauber, obwohl niemand darin wohnt; ich erlaube dem Staub nicht, die glänzenden Oberflächen ihres Toilettenspiegels oder der Kleiderschränke zu verhüllen. Rosannas Anwesenheit hängt wie ein feiner Duft in der Atmosphäre dieses rosigen und femininen Zimmers.

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Krallenspuren

Eddie M. Angerhuber


Der Tag war eisig kalt und das Haus ein ärmliches. Friedhelm Kapek steckte kopfschüttelnd die Hände in die Achselhöhlen und drehte sich auf dem Absatz um sich selbst. So windschief hatte er das Anwesen nicht in Erinnerung. In seinen Gedanken war es ein hübsches Häuschen gewesen, klein zwar, aber irgendwie strahlend, mit einer Reihe nickender Sonnenblumen vor der Südfront, die höher gewesen waren als er, sogar höher als die Gestalt Onkel Hermanns, dem alles gehörte. In den Schulferien war Kapek von seinen Eltern hierher geschickt worden, er war mit dem Bummelzug aus der Stadt gekommen, was stets ein großes Abenteuer für ihn darstellte. Onkel Hermann hatte ihn vom Bahnhof abgeholt, eine beinahe quadratische, kompakt gewachsene Figur mit nackter Kopfhaut über einem dünnen Haarkranz. "Lustig", so hätte man Onkel Hermann wohl am ehesten beschreiben können: ein gutgelaunter kleiner Mann, dessen Gesicht Lachfalten trug und dessen Augen fast in den feisten Speckwülsten verschwanden. 
Und das sollte jetzt also das Haus von Onkel Hermann sein - diese stockfleckige Hütte mit den auseinanderfallenden Fensterläden und dem löchrigen Dach? Auf der anderen Seite des Zauns tauchte kurz das Gesicht einer Nachbarin zwischen den Ligusterbüschen auf, aber sie zog sofort den Kopf zurück, als sie ihn dort stehen sah. Bevor er sie ansprechen konnte, war sie schon wieder weg. Ein freundlicher Empfang! Kopfschüttelnd ging Kapek hinüber zu der rissigen Holztür und zwang den Schlüssel mit Gewalt in das Schloß. Das Innere des Häuschens war desolat, dämmrig und feucht. Der schale Geruch der seit langem ungelüfteten Räume verband sich zu einer ekelerregenden Mischung mit dem Geruch hohen Alters, unsauberer Wäsche und süßlicher Ausdünstungen, wie ungepflegte alte Menschen sie bisweilen haben. Das verbliebene Mobiliar stand verstreut in den niedrigen dunklen Räumen herum. Alles wirkte sehr unwohnlich und unbenutzt, obwohl die Gebrauchsspuren an allen Gegenständen deutlich zu sehen waren. Vielleicht hatte Onkel Hermann in seinen letzten Lebensjahren nicht mehr viel angefaßt, sondern nur noch in seinem Ohrensessel unter der noch aus den fünfziger Jahren stammenden Stehlampe mit dem gebogenen Messingstab gesessen und vor sich hingestarrt, auf das Ticken der Schwarzwälder Uhr und das Verrinnen seiner Lebenszeit gewartet. Diese Vorstellung war so unangenehm, daß Kapek einen Schauder fühlte, der die Haare seiner Unterschenkel gegen den Strich aufstehen ließ. Vielleicht war es aber auch nur die dumpfige, klamme Luft, die ihn frösteln ließ. Rasch wandte er sich ab und durchschritt die insgesamt drei Zimmer mit absichtlich festen Tritten. Das Geräusch seiner Absätze auf dem Dielenboden klang laut und knallend, fast wie ferne Schüsse. Kapek zwang sich, nicht darauf zu hören. 
Das Schlafzimmer, in dem er als Junge während der Sommerferien genächtigt hatte, war der deprimierendste von allen drei Räumen. Das altmodische, mit seinem altersdunklen Kopf- und Fußteil beinah wie ein Pferdefuhrwerk wirkende Bett füllte den halben Raum aus und schien gewaltsam in die Fensterecke gezwängt worden zu sein. Er konnte sich daran erinnern, wie er an den brütend heißen Augustabenden in diesem Bett gelegen und einzuschlafen versucht hatte, über dessen Kopfende eine schwache Lampe vergeblich gegen die durch die Fenster hereinschleichende Finsternis ankämpfte. Onkel Hermann hatte in dieser Zeit immer im Wohnzimmer auf dem Sofa geschlafen, und es war ein spannendes Abenteuer gewesen, sich im Morgengrauen an ihm vorbeizuschleichen, wenn der Drang nach der Toilette zu stark wurde. Es war unmöglich, auf dem knarrenden Dielenboden einen lautlosen Schritt zu gehen. Dennoch war Onkel Hermann niemals aufgewacht, oder vielleicht hatte er es sich nur nicht anmerken lassen. 
Dies waren also die Räume der längst entrückten Kindheit, die so fern schien, daß sie ihm wie die in einem Buch gelesenen Aufzeichnungen eines Fremden vorkamen. 
"Man sagt, die Distanz verklärt und vergrößert alles", murmelte er leise, erschrocken über den Widerhall, den seine Stimme in den kahlen Zimmern hervorrief. "Das wird's wohl sein. Schließlich bin ich seit dreißig Jahren nicht mehr hier gewesen." Er drehte sich abrupt um und steuerte auf das helle Viereck der Haustür zu. Mit einer knappen Bewegung warf er die Tür zu und drehte den Schlüssel gewaltsam im Schloß; es war ihm egal, ob er abbrach und darin steckenblieb. Mit dieser Hütte wollte er nichts zu tun haben. Er würde sie abreißen lassen, so schnell wie möglich. Die Stadtwerke hatten sowieso schon angefragt, ob er verkaufen wollte, da die geplante neue Elektrizitäts-Hochleitung genau über das Grundstück verlief. Eine günstigere Gelegenheit, das ungeliebte Erbe loszuwerden, würde sich kaum bieten. 
Als er mitten in dem verwilderten Obstgärtchen mit den Apfel- und Birnbäumen stand, die Hände in die Hüften gestützt, und die Luft des offenen Himmels in tiefen Zügen einsog - welch eine Wohltat nach dem Mief im Innern des Hauses -, fiel sein Blick auf die windschiefe, hinter einem Dickicht aus Brennesseln und ins Kraut geschossenen Bohnenranken verborgene Gartenhütte. Ein Mittelding zwischen Geräteschuppen und Stall, hatte diese Hütte für ihn als Kind die abscheulichsten Geheimnisse und sonderbarsten Rituale enthalten, die sich ein gelangweilter Stadtjunge ausdenken konnte. Hier vegetierten in ewigem Halbdunkel Generationen von Kaninchen in Holzkisten vor sich hin und warteten auf den Tag, an dem Onkel Hermann ihnen mit einem geübten Handkantenschlag den Garaus machte. Nicht mehr als Sonntagsbraten, lebende, atmende Sonntagsbraten mit weichem Fell und absurd zuckenden rosa Nasen waren diese Tiere für ihn gewesen. Ihrer Vorbestimmung konnten sie ebensowenig entgehen wie Onkel Hermann oder Friedhelm Kapek der ihren; jeder hatte seine eigene Vorbestimmung. Diese Erkenntnis war dem Kind in dem schmutzigen Stall gedämmert, eine unerhörte, beängstigende Erkenntnis, über die man stundenlang nachdenken konnte, in der Astgabel eines Obstbaumes oder mit baumelnden Beinen auf dem Teppich von Onkel Hermanns Wohnzimmers liegend. 
Die Hütte hatte in den alten Tagen auch eine Sammlung von Gartengeräten, rostigen Eimern und einen Stapel Brennholz enthalten, das Onkel Hermann eigenhändig zerhackte und mit dem der gußeiserne Küchenherd befeuert wurde. An der Stirnwand mit dem einzigen Fenster hatten einige Zwerghühner ihre Eier in strohgefüllte Obstkisten gelegt, waren zischend und gackernd durch einen winzigen Durchlaß, der kaum einer Katze Raum geboten hätte, ein- und ausgeschlüpft, um im Garten zu scharren und zu picken. Die Hütte war Friedhelms Lieblingsversteck gewesen, gleich nach dem Wiesenbach, der einige hundert Meter hinter der Kate vorbeilief und an dessen Ufern er alle Jahre wieder die gleichen Spielgefährten traf. 
Kapek schlenderte zu der Hütte hinüber, vorsichtig darauf bedacht, mit seinen Stadtschuhen nicht in die Schlammpfützen zu treten, die der Winterregen im durchweichten Gras hinterlassen hatte. Er konnte jedoch nicht verhindern, daß von den Ranken und Nesseln ein Schauer widerhakenbewehrter Samen auf seine Hosenbeine herunterfiel, die hartnäckig hafteten und die er nur durch kräftiges Bürsten würde entfernen können. Fluchend stieß er die Tür der Hütte auf und spähte hinein, widerwillig, das Innere zu betreten und sich die Kleider noch mehr zu beschmutzen. Staubpartikel tanzten wie Mücken in dem breiten Streifen Sonnenlicht, der durch die offene Tür in das Innere der Hütte fiel. Es war kaum etwas zu erkennen, aber nach und nach schälten sich die Umrisse einiger Gegenstände aus dem Dunkel, die ihn zuerst an eine Ansammlung deformierter Körbe aus filigranem Flechtwerk erinnerten. Dann erkannte er in ihnen eine Unmenge alter Vogelkäfige, die kreuz und quer übereinandergestellt oder an die Wände genagelt worden waren und ein heilloses Durcheinander bildeten. Es gab die unterschiedlichsten Typen von Käfigen: Von der großen Papageienvoliere bis zu der beengten Behausung eines Kanarienvogels war alles vertreten. Onkel Hermann mußte ein besessener Sammler von Vogelkäfigen gewesen sein. Aber Kapek konnte sich nicht daran erinnern. 
"Die waren doch früher noch nicht da. Wozu hat er die vielen Käfige gebraucht?" sagte er nachdenklich zu sich selbst. Die Neugier in ihm war erwacht, und entgegen seiner ursprünglichen Absicht trat er unter das Dach der Gartenhütte, die einen Regen aus Staub und Rost über ihm ausschüttete. Onkel Hermann hatte die Käfige offenbar nicht nur gesammelt, sondern sie waren auch bewohnt gewesen. Alle Käfigböden waren bedeckt mit Vogelsand, den leeren Schalen von Sonnenblumenkernen und ähnlichen Hinterlassenschaften ihrer gefiederten Insassen. Angestrengt starrte Kapek auf den weißen Sand herunter, der durchzogen war von Unmengen zarter, bleistiftstrichdünner Linien. Es mußte sich um die Fußabdrücke der Vögel handeln, und doch sahen sie irgendwie atypisch aus; viel zu gleichmäßig für Tierspuren, auf verquere Art und Weise einer derangierten Keilschrift ähnelnd. Kapek starrte darauf, bis seine Augen schmerzten, gewann aber keine weiteren Erkenntnisse. Ratlos verließ er die Hütte. Während er den Kiesweg zum Gartentor hinunterstapfte, dachte er darüber nach, was für Vögel Onkel Hermann wohl in solch großer Zahl in dem Schuppen gehalten haben mochte. 
Onkel Hermanns Begräbnis fand zwei Tage später statt. Anstelle ihn gleich zu beerdigen, hatten die Behörden ihn noch eine Zeitlang "da behalten", wie der Beamte sich mysteriös ausdrückte, wohl um irgendwelche näheren Umstände seines Ablebens zu untersuchen. Es war aber nichts dabei herausgekommen, der medizinische Befund lautete nach wie vor auf Tod infolge eines Herzinfarkts. Sonderbar war das schon, da Onkel Hermann nie ein schwaches Herz gehabt hatte - aber wer wußte schon genau, warum alte Leute plötzlich starben, über Nacht, scheinbar friedlich in ihren Betten schlafend? Vielleicht eine Frage des nicht mehr vorhandenen Lebenswillens. 
"Ich werde es selbst früh genug herausfinden", dachte Kapek zynisch auf dem Weg zum Friedhof. 
In der Nacht war Schnee gefallen, der erste Schnee des Winters. Die Temperatur war plötzlich so gesunken, daß der Schnee sogleich liegenblieb und nun eine puderige Schicht auf all den häßlichen, von der Kahlheit des Winters entstellten Gegenständen ringsum bildete. Das reine Weiß war erfreulich für die Augen, aber sicherlich unerfreulich für die Totengräber, die das Grab für Onkel Hermann hatten ausheben müssen. Kapek wußte: In der alten Zeit war es manchmal unmöglich gewesen, die Toten zu beerdigen, wenn der Boden steinhart gefroren war - heutzutage gab es Bagger und Bohrer, denen der Frost nicht standhalten konnte. 
"Seltsam, wie wenig wir über diese Dinge wissen", ging es ihm durch den Kopf, als er aus dem Auto stieg und sich auf dem Fußweg zur Kapelle den Mantel zuknöpfte. "Wir leben so weit entfernt von unseren Toten, daß wir nicht mal mehr wissen, wie man im Winter die Gräber aushebt." Mit diesen morbiden Gedanken reichte er dem verbindlich lächelnden Pfarrer die Hand, der an der Kapellentür die wenigen Trauergäste begrüßte. Die Zahl von Onkel Hermanns Angehörigen war nicht groß; es war ein aussterbender Zweig der Familie und Friedhelm Kapek und seine Schwester die letzten, kinderlosen Abkömmlinge dieses Zweiges. "Roderick und Madeline Usher", pflegten sie scherzhaft zu sagen. Bei den anwesenden Verwandten handelte es sich um betagte Großtanten und Cousinen, deren Gatten und Brüder schon längst verstorben waren; Kapek gelang es nicht, sich vorzustellen, wie alt einige dieser schwarzverhüllten Greisinnen sein mochten, die mit alterstattrig nickenden Köpfen in den Bankreihen kauerten. Er kannte kaum jemanden von ihnen. Die Rede des Pfarrers war kurz; es gab keine Musikanten; der Weg zum Grab war schnell hinter sich gebracht, und schon senkte der einfache Eichensarg mit seinem düsteren Inhalt sich hinab in die Tiefen des eröffneten Erdreichs. Ringsum lag der frisch gefallene Schnee in strahlend jungfräulicher Pracht. Kaum eines Friedhofsbesuchers Fuß hatte diese glitzernde Decke durchbrochen. Nur die Spuren der Vögel zogen sich wie ein Netz aus feinen Strichen über seine Oberfläche. 
Kapeks Blick, der abwesend über die Reihe der Grabsteine weiter hatte wandern wollen, kehrte unvermittelt zu den Vogelspuren im Schnee zurück. Sie ähnelten den Vogelspuren in den Käfigen in Onkel Hermanns Gartenhütte auf sonderbare Art. Aber Vogelspuren ähnelten sich gewiß wie ein Ei dem anderen für das ungeübte Auge eines Nicht-Ornithologen. Und dennoch, dennoch ... mehr als eine zufällige Ähnlichkeit, diese schräg abfallenden, wie zu einer Keilschrift zusammengesetzten Striche, so ungewohnt, gar nicht wie die zufällig hingestreuten Fußabdrücken anderer Tiere. 
Der Pfarrer drückte Kapek das langstielige Schäufelchen in die Hand. Eine oder zwei der uralten Frauen schluchzten leise, gestützt von ihren ebenso gebrechlichen Schwestern. Rasch entschlossen verließ Kapek mit langen Schritten den Friedhof. Nein, er würde nicht am Leichenschmaus teilnehmen. Diese verlogene Festivität sollte seine Familie nur schön ohne ihn absolvieren. Er setzte sich in sein Auto, drehte das Radio auf und fuhr zügig über die Stadtautobahn nach Süden. Kapek hatte sich den Tag im Büro für das Begräbnis frei genommen. Er hatte nichts zu tun, er konnte sich den Rest des Tages frei einteilen. Er beschloß, eine Art Kurzurlaub daraus zu machen. 
Hinter den Vororten der Stadt erhob sich ein Wall dunkler Wälder, durchfurcht von den Schneisen der Autobahnen und Landstraßen, ging weiter nach Süden in die sanften Ausläufer des Alpenvorlands über. Kapek stellte den Wagen in einer Parkbucht unter den von Schneemassen gebeugten Bäumen ab und wanderte unentschlossen zwischen den Tannen herum. Der Wald lag, abgesehen von vereinzelten Vogelrufen, in absoluter, traumartiger Stille. Eine beinah gespenstische Atmosphäre herrschte unter den feuchtschwarzen Ästen, den wie Gußeisenschäfte aufragenden Stämmen der Nadelbäume. Hin und wieder fiel eine Schneelast von den Ästen und zerstäubte mit dumpfem Laut und sterngleich glitzerndem Puder in den hereinfallenden Streifen Sonnenlichts. 
Kapek fühlte eine befremdliche Unruhe in seinem Innern, eine schmerzhafte Regung, die nicht seiner Trauer über Onkel Hermanns Hingang entstammen konnte. Er war ein unsentimentaler Mann, kleiner Beamter in der Kreisverwaltung, vierzig Jahre alt, unverheiratet, ungebunden; er hatte niemals allzuviel Gefühl für jemand anderen übrig gehabt. Emotionen erschienen ihm in ihrer unkontrollierbaren Launenhaftigkeit als Charakterschwäche, die auszumerzen eines Mannes Pflicht war, wenn er selbstbestimmt über sein Leben herrschen wollte. Er war nicht der Typ für sentimentale Winterspaziergänge und heimliche Tränen wegen des Todes eines Familienmitglieds, das er als Kind zum letzten Mal gesehen hatte. Und doch fühlte er dieses unerklärliche Ziehen, das seinen Atem flacher gehen ließ und unter seinen Rippen schmerzte. 
Auf einer kleinen Lichtung machte er halt, klopfte sich den Schnee von den Schuhen und ließ den Blick schweifen. Vor ihm lag eine Kulisse wie aus einem surrealistischen Sechzigerjahrefilm, nichts als Weiß in weich gegossenen Formen, Halbkreise und Bögen bildend, aus deren Glattheit hier und da ein paar starre Gräser oder ein schwarzer Zweig aufragten. Das Sonnenlicht spielte funkelnd auf dieser zarten Decke, so daß Kapek die Augen zukneifen mußte. Aber dennoch entging ihm nicht das feine Muster aus Strichen und Dreizacken, das den Boden der Lichtung bedeckte. Wie eine altsumerische Keilschrift, wie absichtlich hingeschrieben, überall dieselben merkwürdigen Vogelspuren. Unversehens ertönte über ihm ein so lauter Pfiff, daß er beinahe ausgeglitten wäre. Als er hochblickte, entfernte sich das Flattern von Flügeln durch den widerhallenden Wald. 
"Da soll doch der Kuckuck ..." fluchte Kapek. Unvermittelt hielt er inne. Die Keilschrift-Spuren auf der Schneedecke verschwammen vor seinen Augen, sie flackerten, schienen sich miteinander zu vermischen und neu zu formieren, um Buchstaben zu bilden. Buchstaben, die zunächst nicht entzifferbar waren, aber von Sekunde zu Sekunde deutlicher hervortraten, bis sie in klarer, eckiger Schrift vor seinen Augen standen: MÖRDER. Kapek lachte hysterisch auf, rieb sich mit den Handrücken die Augen. Was für ein Blödsinn. Diese verdammte Sippschaft mit ihrem Begräbnis und dem überflüssigen, scheinheiligen Geflenne! 
Wütend stieß er sich von dem Stamm ab, gegen den er sich gelehnt hatte, und stapfte durch den Schnee zurück zum Auto. Eine Spur zu schnell fuhr er über die glatten Straßen in Richtung Stadt, das Radio laut aufgedreht, und versuchte über sich selbst zu lachen. Aber ein Hauch von Unsicherheit blieb, zerrte an seinen Nerven und vermischte sich mit dem ziehenden Gefühl, das unter seinen Rippen pochte. 
Abends im Bett las er Maupassant, einen Autor, den er trotz seiner dekadenten, gefühlsschwangeren fin de siecle-Atmosphären schätzte. Er las "Das Traumzeichen", und als er an die Stelle gelangte, wo der Besucher vor der Schwelle des Pfarrers steht und noch einmal die Augen zum abendlichen Horizont hebt, stachen ihm die schwarzen Buchstaben auf dem Blatt wie scharfe Wunden ins Auge. "... Hier kann man sich auf dem Stein der Schwermut niederlassen! Hier feiern tote Tränen Auferstehung und überflügeln die Male des Grabes!"  las er mit verschwimmendem Blick. Die anrührende Schönheit dieser Worte schnitt ihm wie ein Messerstich ins Herz. Nach Luft schnappend, ließ er das Buch sinken. Jenes ziehend-schmerzhafte Gefühl war so stark geworden, daß er sich auf die andere Seite legen mußte. Bei jedem Atemzug durchzuckte ein feiner elektrischer Blitz seinen Brustkasten. Ängstlich wartete er auf den Eintritt des Schlafes und hoffte, daß am Morgen wieder alles in Ordnung sein würde. 

Der nächste Tag war ein Mittwoch. Kapek stand um halb sieben auf, wie gewohnt, rasierte sich vor dem Spiegel, trank seinen Kaffee schwarz und rauchte eine Zigarette, bevor er losging. Der Schmerz in seiner Brust war verflogen, er fühlte sich nur ein wenig matter als sonst, als habe er schlecht geschlafen. Aber er konnte sich weder an Träume noch an Unterbrechungen seiner Nachtruhe erinnern. Die Stunden der Nacht bildeten einen breiten schwarzen Abgrund, in den er willenlos getaumelt und aus dem er erst beim Weckerklingeln wieder aufgetaucht war. 
Kapek fuhr langsam durch die frühe Dunkelheit zum Verwaltungsamt. Im Dienstgebäude brannte schon Licht, als er gegen halb acht ankam. Es gab immer Kollegen, die noch früher dran waren als er, beinah als übernachteten sie zwischen Aktenordnern und Rolladenschränken. Der gebogene Flur im ersten Stock, wo er sein Büro hatte, war wie üblich nur matt erleuchtet und strömte einen durchdringenden Geruch nach Bohnerwachs aus. Mit einem unterdrückten Gähnen öffnete Kapek die Tür zu seinem Vorzimmer und begrüßte Frau Mutzig, seine Schreibkraft, die bereits Kaffee gekocht hatte. 
Der Tag verlief in wohltuender Monotonie unter dem verschlafenen Dämmerlicht des Wintertags. Nichts Besonderes ereignete sich. Kapek erledigte Telefonate, zeichnete Schriftstücke ab, diktierte einige unwichtige Briefe und ging wie immer zum Mittagessen in die Rathauskantine. Zu diesem Zweck mußte er den Parkplatz überqueren, der in knöcheltiefem Schneematsch stand. Der Nordwind pfiff unangenehm scharf über die freie Fläche, Kapek mußte seinen Mantel schließen, dabei löste sich ein Knopf und hüpfte ihm aus der Hand in den Schnee. Nur halbherzig senkte er den Blick, um nach dem verlorenen Knopf zu suchen. 
Da waren sie wieder. Die Zeichenmuster, gebildet aus den Krallenspuren von Vögeln. Ein wirres Netz spinnenbeiniger, dünner Hieroglyphen, die sich scheinbar über den ganzen Parkplatz hinzogen. Kapek fühlte bei diesem unerwarteten Anblick sein Herz in der Brust hüpfen. Es tat ein paar unregelmäßige, starke Schläge und beruhigte sich dann wieder. Aber er war erschrocken, hatte sich mit der Hand unter den Mantel gefaßt und tastete nach dem wieder gleichmäßiger werdenden Puls. Der Atem brannte wie Feuer in seinen Lungen; der Wind war bitter kalt. Im Schneematsch vor Kapeks Füßen standen, deutlich lesbar, die Worte: DU MÖRDER WENN DU GLAUBST ... 
Der Appetit war ihm vergangen, aber er blieb mit seinen Kollegen Schmittmann und Petri am Tisch sitzen, bis sie aufgegessen hatten, um nicht unhöflich zu wirken. Als sie über den vereisten Parkplatz zurück zum Verwaltungsamt gingen, steuerte Kapek wie unabsichtlich auf die Stelle mit den Schriftzeichen zu. 
"Zu dumm, mir ist hier vorhin was runtergefallen." Er schüzte vor, auf dem Boden etwas zu suchen, während die beiden Beamten frierend daneben standen und ihre Mäntel enger um sich zogen. 
"Fällt euch hier nichts auf, im Schnee?"  fragte er. Sein Tonfall klang furchtbar falsch in seinen eigenen Ohren, aber die Kollegen bemerkten offenbar nichts. Mit desinteressierten Blicken streiften sie den Boden, den grauen Matsch, die gelben Hundeurinflecken und Fußspuren, verneinten achselzuckend. "Was soll hier schon besonders sein? Der gleiche Dreck wie überall. Eine Schande ist das mit dieser Stadtreinigung, sie kommen immer einen Tag zu spät ..." 
"Aber da sind die Worte! Könnt ihr sie nicht lesen?" begehrte eine hysterische Stimme in Kapek auf. Er äußerte jedoch nichts. Mit gesenkten Köpfen gingen sie zwischen den vorbeibrausenden Autos über die Straße zum Dienstgebäude. 
Als Kapek an diesem Abend nach Hause fuhr, empfand er eine unbestimmte Angst vor dem Betreten seiner Wohnung. Er zögerte im Treppenhaus, das Schlüsselbund in der Hand, und lauschte in die Stille. Nur das leise Tröpfeln von Tauwasser und der Verkehrslärm von der Hauptstraße drangen an sein Ohr. Und dennoch glaubte er, für einen Sekundenbruchteil eine feine, piepsende Stimme gehört zu haben, die Unflätigkeiten in sein Ohr wisperte. Du Mörder, hallte es in seinen Gehirnwindungen wider. 
"Warum?" fuhr Kapek auf. Mit hochrotem Kopf drehte er sich um die eigene Achse, fuhrwerkte mit dem Arm, der immer noch den Schlüssel hielt, vor seinem Gesicht in der Luft herum. "Was hab ich euch getan? Wer seid ihr überhaupt? Was wollt ihr von mir?" 
Zur Antwort erscholl nur ein nadelspitzes Kichern wie der keckernde Spott einer unsichtbaren Krähe. 
 
 

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