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Kleines
Märchen vom Labyrinth
Cymba
Enge
Windungen im Kreis, Gänge mit verhangenen Türen, rot, blau, braun,
hölzern, rostig, zogen an ihm vorbei, während er den Weg entlangwanderte,
mal langsam und müde, mal voller Kraft und mit weit ausgreifenden
Schritten.
Seit
Jahren schon.
Er
konnte sich nicht mehr erinnern, wann er aufgebrochen war.
Jede
Etage, die er erstieg oder hinunterwanderte war angefüllt mit neuen
Zimmern hinter neuen Türen. Es lebten Menschen dort, die sich häuslich
eingerichtet hatten auf den Gängen, in den Nischen und Sackgassen.
Eng und dunkel war es, warm und es roch nach Essen.
Die
Wände waren rußverkrustet und niedrig, einige Kinder hatten
sie mit Kreide bemalt und quer über den Weg waren ab und an Schnüre
gespannt, an denen verfärbte Socken trockneten.
Er
liebte es zu wandern und wenn er gefragt wurde, warum er nicht bleibt bei
denen, die ihn eingeladen hatten, sagte er immer – es gibt soviel zu sehen.
Das
was er nicht sagte ist, daß er etwas suchte, wovon er nicht wußte,
was es war.
Und
weiter ging er seinen Weg, einen Gang hinauf, den anderen Gang hinunter.
An
anderen Stellen wiederum glichen die Gänge weißen Hallen mit
sanftem Licht und hohen verziertenTüren, durch die man Pflanzen und
Tiere sehen konnte, wo die Menschen satt und zufrieden aussahen und Kleider
trugen in den leuchtendsten Farben. Es gefiel ihm dort und er blieb eine
Weile. Er aß weißes Brot und lauschte den Vögeln in der
Halle. Ihr Gesang erinnerte ihn an etwas, das er nicht fassen konnte.
Die
Sehnsucht nach dem, was er selbst nicht kannte, trieb ihn weiter.
Zum
Abschied fragte er die glücklichen Menschen, ob sie eine Halle kennen
würden, die so groß und blau ist, daß man ihre Decke nicht
erkennen könne und auch nicht ihre Seiten. Erstaunt und belustigt
verneinten sie, so eine große Halle hätten sie nie gesehen.
Wer ihm denn das erzählt hätte.
Eure
Vögel, meinte er nur ruhig und schickte sich an zu gehen.
Manche
Gänge waren so eng, daß er nur hindurchrobben konnte. Ihre Wände
waren schleimig und stanken nach vermoderten toten Überresten. Es
fiel ihm schwer zu atmen dort. Seine Hände waren verkrustet mit übelriechendem
Schlamm und Blut, wenn er versuchte, sich an den glatten Wänden Halt
zu verschaffen und dabei abrutschte. Doch die Sehnsucht trieb ihn weiter,
selbst hier fand er Menschen, die dort lebten, gekauert an die nassen Wände,
ausgemergelt und blaß. Sie starrten ihn erstaunt an und fragten was
zur Hölle er denn hier zu suchen hätte, er mit den verdreckten,
aber intakten Kleidern, die schwach aber noch erkennbar die leuchtenden
Farben der Halle trugen. Hier kommen nur diejenigen her, die alle Hoffnung
verloren haben. Geh wieder, solange du noch kannst. Doch er blieb und lauschte
der Stille des Steins, der unter den stinkenden Abwässern ruhte, die
die Wände herabtropften. Nach und nach zerfielen seine Kleider und
sein Körper mergelte aus wie der der anderen. Der Stein erzählte
ihm eine Geschichte von der Erde, die weit, weit hinaus über die Grenzen
des Labyrinthes reichte und atmete und schlief. Und er lauschte selbstvergessen.
Er
erwachte, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte. Eine Frau stand
vor ihm, die ihm schweigend auf die schwachen Beine half, die sein Gewicht
kaum noch tragen konnten. Mühsam versuchte er sich an Worte zu erinnern
und er fragte sie, ob sie von einer steinernen Halle gehört hätte,
die so tief ist, daß man ihren Boden und ihre Wände nicht mehr
erkennen könne.
Mit
ihren schwarzen Augen schaute sie ihn ausdruckslos an. Dann blickte sie
links in den Nebengang hinein, schweigend.
Eine
schimmernde, fluktuierende Fläche, die kreisrunde Grenzen hatte befand
sich in der Mitte der Wand. Er hatte so etwas noch nie gesehen. Sie bewegte
sich, sobald er sich bewegte. Er trat näher und erschrak.
Als
er direkt vor der Fläche stand, befand sich in ihr kein Labyrinth
mehr. Er schaute in eine schwarze grenzenlose Weite.
Er
hatte mit einem Mal keinen Boden mehr unter den Füßen. Da war
nichts bis auf eine ungeahnte Freiheit, die sich in seine Seele brannte.
Als er jedoch an sich herabschaute, war alles wie immer. Als er einen Blick
über die Schulter warf, war die Frau mit den schwarzen Augen verschwunden.
Er dreht sich wieder zu der schimmernden Fläche um, doch auch sie
war nicht mehr da, nur noch nackte kalte Wand, als hätte sie nie gegeben.
Langsam
wurden ihm die Wände zu eng. Als sei es das erste Mal, daß er
es wahrnahm, atmete er die verbrauchte Luft und den Gestank ein, bemerkte
die Dunkelheit und Festigkeit der Wände.
Nun
wußte er, wonach er sich sehnte.
Wie
eine Schmeißfliege verfolgte ihn der Gedanke an etwas Unbekanntes.
Unerhörtes.
Hastig
raffte er sich auf und ging weiter,stolperte, stand wieder auf, taumelte,
rannte fast, soweit es ihm seine geschwächten Glieder erlaubten.
Eine
Türe, die nach draußen führte, außerhalb des Labyrinthes.
Dabei gab es kein Außen, hatte es nie gegeben.
Sein
Weg führte ihn zurück zu den verrußten Gängen und
den spielenden Kindern. Sie und die Erwachsenen starrten ihn an wie einen
Geist. Sie sahen einen mageren Mann mit Bart, sinnlos vor sich hinmurmeld
und einem Brennen in den Augen, das sie bis ins Tiefste erschreckte. Sie
gaben ihm eine Decke und zu essen.
Jeden,
den er auf seinem Weg nach der Türe nach draußen fragte schaute
ihn entsetzt und verständnislos an.
Schon
bald wurde er für verrückt erklärt.
Ihn
störte das nicht. Gang für Gang, Türe für Türe
suchte er nun ab in der Hoffnung, noch einmal eine dieser seltsamen schimmernden
Flächen zu finden, eine Türe, die ihn wieder zurückführte.
So
wanderte er weiter.
Das
Bild der Weite verbrannte ihn, trieb ihn zu einer Unruhe, die er vorher
nicht kannte.
An
anderen Tagen machte es ihn ruhig und glücklich, daß er wußte,
es gibt sie, die Halle, die keine Halle war.
An
diesen Tagen hatte er den Eindruck, als verschwänden die Krümmungen
der Gänge und würden gerade.
Einmal
sah er an einem dieser Tage eine Türe geradeaus vor sich, klar wie
Glas, dahinter der Weg nach draußen. Licht fiel durch diese Türe,
doch auch als er ganz nahe davorstand, konnte er keinen Knauf, keine Klinke
oder Griff erkennen. Er konnte nur davor stehen und hinausschauen. Er sah
eine grüne Ebene, die sich weit, weit hinten am Horizont einer Leere
verlor, die in einem tiefen Blau gefärbt war. In dieser wundervollen
blauen Leere schwebten riesige leichte Gebilde, die ihn an das Unterfell
von Katzen erinnerte. Weich und weiß.
Er
stellte erstaunt fest, wie das letzte verbliebene Brennen in seinem Herzen
verschwand und tiefem Frieden Platz machte.
Man
sieht in ab und dan vorbeigehen, manchmal bleibt er für ein paar Tage.
Manchmal
kommt es vor, daß Menschen stehenbleiben, wenn sie ihn sehen und
nachdenklich werden. Eine Sehnsucht verspüren, die sie bisher nicht
kannten. Doch schnell vergessen sie wieder und wenden sich ihrem Feuer
zu, das an den Wänden des Labyrinthes leckt und sie schwarz färbt.
©
Cymba
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