Karaits
Kuss
Eddie
M. Angerhuber
Das
Tal hat die Erinnerung schon lang verloren,
der
Fluß fliegt schweigend untertags dahin...
W.F.
Harvey, »Miss Avenal«
Der
Morgen brach an über den glänzenden Chalzedon-Türmen und
Söllern von Aramanthis am Delta des breiten Flusses Sistra, wo er
sich in das Meer ergoß. Groß war Aramanthis, und prächtig
waren ihre Gebäude und Türme von leuchtendem Stein. Ihre Wände
glühten in dem rosigen Morgenlicht in Gelb und Weiß, mit glitzernden
Adern von Silber durchsetzt. Der König und die Königin hatten
sich an diesem Tage früh erhoben, um sich prachtvoll zu kleiden, denn
es war ein besonderer Tag in ihrem Leben: ihre Tochter, die Prinzessin
Elnis, feierte ihre Volljährigkeit, und ihr zu Ehren würden der
Tradition gemäß Festspiele abgehalten werden, die das Leben
ihres Volkes widerspiegelten. Einstmals ein Volk von Fischern und Seeleuten,
waren die Leute von Aramanthis aufgrund ihrer Edelsteinminen zu Reichtum
und großer Kultur gelangt, aber der Ursprung ihrer Kultur wurde zu
diesem besonderen Datum mit einem Schwimmfest gefeiert, an dem die schönen
jungen Leute im Alter der Prinzessin teilnahmen.
Man
hatte den Palast der Könige etwas erhöht an einem Platz gebaut,
der ein riesiges Wasserbecken aus grüngestromtem Marmor umrahmte.
Durch dieses Becken strömten die Fluten des Flusses, und seine Wasser
waren tief, smaragdgrün und von bemerkenswerter Reinheit; es war der
angebrachte Ort für eine so wichtige Zeremonie.
Prinzessin
Elnis befand sich seit dem ersten Heraufgrauen des Tages am Ufer jenes
Beckens, in Meditationen versunken, in denen sie die Bedeutung der Zeremonie
ergründete. Als sie ihre Eltern und den Hofstaat über die breiten
Stufen, die zum Palast führten, herabkommen sah, erhob sie sich aus
ihrer Meditationshaltung und grüßte das Herrscherpaar mit ehrerbietiger
Geste. Die Königin schloß die geliebte Tochter in die Arme und
maß ihre aristokratische Erscheinung mit mütterlich-prüfendem,
wenngleich von Tränen der Rührung verschleiertem Blick. Elnis
war hochgewachsen, wie es der Rasse der Leute von Aramanthis entsprach.
Ihre Züge waren ebenmäßig, von wissender Ruhe erfüllt,
ihre Haut ein sanftes, gleichmäßiges Hellbraun, das von einem
Leben in sonnendurchfluteten Räumen und im Freien kündete. Das
lange goldene Haar hatte sie dem Anlaß entsprechend im Nacken zusammengebunden,
damit es sie bei den Wasserspielen nicht behindere, und sie trug ein kurzes,
weißes, reichgefälteltes Kleid aus leichtem durchscheinendem
Stoff, der schnell in der Sonne trocknete. Sie war ernst und gefaßt,
aber ruhig und bar der Aufregung, denn sie wußte, daß es keinen
Preis zu erringen galt außer den ihrer Großjährigkeit,
und diesen mußte sie nicht erst gewinnen, sondern er würde ihr
gegeben werden von der Hand ihrer Eltern, nachdem das Spiel beendet war.
Die
Königin küßte Elnis auf die Stirn, und schon trafen vereinzelt
die ersten der anderen Festteilnehmer ein: das junge Volk der Stadt, die
besten Schwimmer und Spieler, ausgewählt für den großen
Tag zu Ehren der Prinzessin. Sie grüßten ihre Herrin mit fröhlicher
Leichtigkeit, denn man kannte sich; oft hatten sie sich zusammen in dem
großen Bassin getummelt, mit delphingleicher Anmut die aus feinem
Silberstoff gefertigten Bälle geworfen oder waren um die Wette getaucht
nach einem Perlenarmband, das eine leichtfertige Schöne dort hineingeworfen
hatte. Elnis nickte ihren Eltern zu und verabschiedete sich damit von ihnen,
denn sie mußte jetzt zu den Priestern gehen, um sich die Stirn mit
heiligem Öl salben zu lassen, und um die Ratschläge des Orakels
zu empfangen.
Vor
dem Orakel hatte ihr immer ein wenig gegraut, denn es war eine uralte Priesterin
mit herbem, wettergegerbtem Gesicht, die noch die alten Tage von Aramanthis
gesehen hatte und deren scharfem Adlerauge nichts zu entgehen schien. Immer
etwas unwirsch, kauerte sie in ihrem abgedunkelten Raum auf der Meerseite
des Tempels, direkt über der brandenden Gischt an den Felsen, und
sprach aus dem Zimtrauch ihrer Kohlenbecken und den Windungen der großen
Schlangen Weisheit. Die Priesterin berührte auch heute die Stirn der
Prinzessin nicht unfreundlich, aber etwas rauh, dann ließ sie sich
mit gekreuzten Beinen hinter ihrem Kohlenbecken nieder und warf eine Handvoll
Gewürze in die Glut, von wo sogleich purpurne, scharfe Rauchschwaden
aufstiegen. Das Gesicht der alten Priesterin versank ganz in dem würzigen
Rauch, nur ihre mageren Hände mit den weißen Nägeln waren
links und rechts des Beckens zu sehen, als sie Elnis weissagte.
"Hüte
dich vor den dichten schwarzen Wasserlinsen", sprach das Orakel. Weiter
wollte es nichts sagen, obwohl Elnis den Sinn der Antwort nicht begriff.
Daß man sich vor Schlingpflanzen hüten mußte, wußte
sie doch von Kindesbeinen an - daran war nichts besonderes, und schon gar
nichts, was den Spruch eines Orakels gerechtfertigt hätte. Kopfschüttelnd
und mit dem leisen Anflug eines Zweifelns verließ Elnis den Tempel,
um sich zu ihren Gefährten zu gesellen, denn das Spiel sollte nun
bald beginnen.
Herolde
mit kupfernen Fanfaren und großen Oboen aus weißlichem Knochenholz
erhoben sich auf den Stufen des Palastes, als die Prinzessin hinabschritt
zum Becken. Der metallene Ruf der Instrumente kündete vom Beginn des
Festes; und so nahm es seinen Lauf.
Die
Prinzessin eröffnete die Spiele mit ihrem eleganten Kopfsprung in
das weiche grüne Wasser, und alle ihre Mitstreiter stürzten sich
fröhlich hinter ihr hinein. Man warf sich mit der Stirne die silberglänzenden
Bälle zu, tauchte um die Wette nach goldenen Ringen auf dem Grund
des marmornen Beckens und bildete kunstvolle Figuren aus aufgewirbeltem
Schaum und jugendlichen Körpern, die sich mit fischartiger Gewandtheit
in ihrem Element drehten. Ein Regen von weißen Lotosblüten ergoß
sich aus den Körben der Dienerinnen in die smaragdene Flut, und sie
schaukelten Wohlgerüche verbreitend auf den aufgewühlten Wellen
und drängten sich an den Uferbänken zusammen zu einem Blütenteppich,
aus dem hier und dort der anmutige Kopf einer jungen Schwimmerin auftauchte.
Elnis
hatte das merkwürdige Orakel längst vergessen. Ohne auf die Zuschauer
zu achten, die die Ruhebänke um das Bassin herum bevölkerten,
spielte sie wie ein junges Tier mit ihren gleichaltrigen Gefährten.
Ihr Verlobter, der Prinz Sokar, war auf einmal neben ihr, und sie übertraf
ihn beim Ballspiel an Geschicklichkeit, die ihr die Fröhlichkeit und
Ausgelassenheit dieses Freudentages verliehen.
Als
der Tag sich zum Mittag neigte, ward das letzte der königlichen Spiele
angesetzt, das große Wettschwimmen, bei dem Elnis stets gut abgeschnitten
hatte. Ihr Körper war von dem häufigen Spielen im Wasser wohlgeübt
und von delphinartiger Leichtigkeit, und zur Freude ihrer Eltern gewann
sie den Wettbewerb um Längen vor ihrer besten Freundin.
Der
Nachmittag sollte nunmehr auf dem Trockenen gefeiert werden, mit Speis
und Trank, Gesang und Tanz. König Sahru schnitt zum Zeichen ihrer
Volljährigkeit das goldene Kettchen von Elnis' Fußgelenk, das
sie seit ihrer Kindheit getragen hatte. Nun war der Tag besiegelt, und
es konnte unbeschwert gezecht werden.
Elnis,
Seit' an Seite mit dem Prinzen Sokar auf der marmornen Ruhebank hingestreckt,
tat sich mit dem Weine keinen Zwang an. Sie wußte, daß dies
für sie die letzte Gelegenheit für Wochen sein würde, an
einer solchen Feier teilzunehmen. Nach dem Fest, am gleichen Abend noch,
würde man sie in den alten Pavillon tief im Wald hinter der Stadt
bringen, wo sie sich in Kontemplation einsam auf ihre Hochzeit und Krönung
vorbereiten mußte. Deshalb ließ sie an diesem Tage noch nach
Herzenslust ihren Weinpokal mit dem des Prinzen zusammenklingen und aß
aus seiner Hand das weiße Brot und das rosige Fleisch der Fluß-Enten,
das man zum Festmahl zubereitet hatte.
Der
Tag endete genauso schön, wie er begonnen hatte, mit einem herrlichen
Sonnenuntergang auf Aramanthis' Edelsteintürmen und kupfernen Dächern,
und während die Leute noch auf dem Palastplatz tanzten, war Prinzessin
Elnis schon unterwegs zu ihrer Klause.
Man
hatte ihr ein langes, weißlichgrünes Gewand angezogen, das in
reichem Faltenwurf von ihrer sonnengebräunten Brust bis zu ihren Füßen
wallte. Die Königin schritt barfuß durch den stillen, dunklen
Raum des heimlichen Waldtempels zu ihrer Tochter.
Kein
Laut störte die vollkommene Stille dieses Ortes; es war der verlassenste,
älteste und unwirklichste Platz, den Elnis kannte. Von dem ursprünglichen
Gebäude, das einstmals einen großen Tempel gebildet hatte, standen
nur noch einige Wände, ein halber Raum mit einem halben Dach; Efeu
und Schlinggewächse waren über die geborstenen Mauern gewuchert
und hatten einen lebendigen, grünen Vorhang vor den leeren Fensterhöhlen
gelegt. Kaum ein Lichtstrahl drang durch das dichte Blätterdach der
riesigen alten Bäume, die innerhalb der Mauerreste gewachsen waren
und den Tempel umgaben. "Prinzessinnen-Pavillon" nannte man diesen Ort,
denn es war seit Urzeiten Sitte, daß die mündig werdende Prinzessin
als Trägerin der Erbfolge hierher kam, um einige Wochen lang zu meditieren
und alle weltlichen Gelüste abzulegen, bis sie mit ihrem Gatten den
Thron bestieg.
Elnis
saß auf einem weißen Mauervorsprung und fühlte sich jetzt
schon verlassen, obwohl ihre Mutter noch bei ihr war und ihr das Haar kämmte.
Ihr leiser Singsang erhob sich jetzt schüchtern in die dräuende
Stille wie die fast unhörbare Stimme eines Vogels. Kühl war es
in dem Pavillon, obwohl draußen vor den Bäumen die Gluthitze
des Hochsommers herrschte. Wo der marmorne Fußboden des Raumes unvermittelt
und wie abgebissen endete, leckten kleine, schwärzliche Wellen an
dem zersprungenen Stein. Der Fluß hatte sich seinen Weg bis hierher,
dicht an das alte Heiligtum, gebahnt und streckte einen stagnierenden Arm,
der kaum Wasser führte, bis ins Innere des Tempels. An diesem künstlichen
Ufer dümpelte das Schwanenboot der Königin, schon bereit, sie
davonzutragen über das brackige Wasser, zurück nach Aramanthis.
Auch sie hatte vor vielen Jahren die Wochen der Besinnung im Prinzessinnen-Pavillon
erlebt und wußte, wie ihrer Tochter zumute war. Dennoch mußte
ihre Anwesenheit und Liebkosung enden, sie hörte mit dem Haarebürsten
auf und verabschiedete sich wortlos von Elnis. In sanfter Resignation ließ
jene es geschehen, ohne sich von ihrem Sitz zu erheben.
"Lebwohl,
Mutter", sagte sie fast unhörbar in das leise Plätschern der
Wellen hinein, als das Schwanenboot auf den sonnenbeschienenen Fluß
hinausglitt.
Auf
der anderen Seite des Tempels, wo er zum Wald hin offen war, befand sich
unter einem Rest des marmornen Daches ein Regal voller riesiger, uralter
Bücher. Geschrieben auf unverrottbar gegerbter Haut von Haien, hatten
diese Folianten Jahrhunderte hier überstanden. Wenn auch die Goldfarbe
auf ihren Rücken abgeblättert sein mochte, so beinhalteten ihre
Seiten doch nach wie vor die Weisheit des alten Volkes, seiner einsamen
Priester und Wissenschaftler, die in der Abgeschiedenheit daran geschrieben
hatten. All die Geheimnisse des Lebens waren an diesem Ort angesammelt,
und die Prinzessin war gekommen, um sie zu lesen und alles zu erfahren,
was es zu wissen gab.
In
ihrem grünlichweißen Kleid kauerte sie auf dem Fußboden,
die Folianten um sich her ausgebreitet, und las darin, bis das Tageslicht
schwand. Sie mußte sich alles einprägen, was auf den unverwüstlichen
Seiten aus feingezähnter Haifischhaut geschrieben stand, denn sie
durfte sich nicht einmal Notizen machen. Nichts, außer dem, was sie
in ihrem Kopf mit sich tragen würde, durfte den Waldtempel verlassen,
damit das Wissen nicht in falsche Hände geriete und denen nütze,
die es nicht recht gebrauchen konnten. Und sie erfuhr, was sie nie zuvor
geschaut, und las, was sie niemals für möglich gehalten hätte.
Es ging ihr auf, daß sie ein einfältiges, oberflächliches
und albernes Leben geführt hatte, bevor sie den Pavillon betrat. Diese
Erkenntnis erschreckte und befriedigte sie zugleich, denn sie zeigte ihr
an, daß ihr Wissen zunahm, und daß sie sich ihrem Stand entsprechend
verhielt.
Dennoch
quälten Momente der Langeweile und Einsamkeit die Zurückgezogene.
Manchmal, wenn ihr die alten krummen Buchstaben vor den Augen verschwammen,
stand sie von den Büchern auf und schritt hinunter zum Fluß,
der für sie die einzige Verbindung zur Außenwelt symbolisierte.
So war es auch an jenem Nachmittag.
Der
Tag war glühend heiß, fast unerträglich drückend.
Es mußte hohe Zeit sein, spät im Monat Pachy, und bald würden
die gewaltigen Gewitterregen kommen, die Stürme die alten Bäume
bis zum Boden biegen. Elnis konnte die Nähe der Sturmzeit schon in
ihren Knochen fühlen; eine gewisse Unruhe machte sich in ihr breit,
und sie erhob sich von den Folianten und ging zum Fluß hinunter,
wo er auf einer kleinen Lichtung in ein graues Sandsteinbecken geströmt
war, an dessen Rand, verborgen von den wuchernden Lianen, halb versunkene
Statuen standen.
Auf
dem Rand des Beckens ließ Elnis sich nieder und schürzte ihr
langes Gewand, um die Füße ein wenig ins Wasser zu halten, denn
sie fühlten sich schwer und trocken an von der Hitze. Die Sonne schien
fast direkt in ihr Gesicht, und die Stimmung war so schwül und drückend,
daß Elnis fast eingeschlummert wäre. Unter halbgesenkten Lidern
hervor sah sie einen Schwarm aus Myriaden goldener Moskitos dicht über
dem stehenden, grünlichbraunen Wasser tanzen. Ein Dom aus Licht in
der grünen Grotte des Waldes, so erschien ihr dieser Ort in der schläfrigen
Vision. Ihre Füße baumelten träge in dem lauwarmen Wasser,
und ihr Kopf sank langsam vorwärts. Durch den Schleier ihrer goldenen
Haare, die vor ihrem Gesicht herabfielen, erblickte die Prinzessin etwas
unglaublich Reizvolles auf der ruhigen Wasseroberfläche: ein Teppich
kleiner, weißer, sternförmiger Blüten schaukelte sich sanft
auf einer Masse schwarzen Tangs.
Durch
eine verborgene Strömung herangetragen, näherte sich der Blütenteppich
Elnis' Ruheplatz. Die langen, schwarzen Fäden der Wasserlinsen umspülten
ihre zarten Knöchel, und ein etwas kühlerer Strom unter der Oberfläche
fächelte wohltuend ihre Füße. Elnis betrachtete den seltenen
Anblick mit einem selbstversunkenen und nachsichtigen Lächeln. Wie
schön doch dieser seltsame, verwunschene Ort sein konnte -, auch wenn
sie ihn nie für das Leben in der Stadt eingetauscht hätte, aber
doch... Die Wasserlinsen umfächelten ihre Füße mit sanftem,
kühlem Zugriff, eine Liebkosung wie der Luftzug eines Fächers
in einer glühend heißen Sommernacht. Es fühlte sich fast
an, als ob zarte Hände nach ihren Knöcheln griffen, und Elnis
lächelte. Die Schlingpflanzen küßten ihre Fußsohlen
mit glatten, gleitenden Lippen; und plötzlich zog sie ihren Fuß
mit leichtem Erschrecken zurück.
Etwas
hatte sie gestochen.
Eine
Berührung wie von einem Blutegel, ein saugender Kuß mit einem
weichen, nachgiebigen Stachel darin, der sich unter die zarte Haut ihrer
Sohle bohrte. Elnis rieb ihren Fuß, betrachtete die Stelle, konnte
aber nichts sehen, und es war auch schon kaum mehr zu spüren, schmerzte
nicht, konnte also nicht so schlimm sein. Seufzend stand sie auf und ging
zurück über den sonnigen Pfad zu ihren Büchern, die zwischen
den glühenden Mauern auf sie warteten.
Tage
waren vergangen, und die Hitze hatte nicht nachgelassen. Elnis war oft
hinuntergegangen zu dem Sandsteinbecken und hatte sich die Füße
in dem Wasser gekühlt, das eine so wohltuende kalte Unterströmung
aufwies. Zu schwimmen, das getraute sie sich in diesem Wasser nicht, denn
es waren zu viele Schlingpflanzen darin; und sie erinnerte sich vage an
die Warnung des Orakels, obwohl das schon so lange zurückzuliegen
schien, daß es für sie kaum noch faßbare Wirklichkeit
war. Hatte es die Stadt Aramanthis, ihre Eltern und den Tag ihrer Volljährigkeit
je gegeben? In manchem Augenblick hätte Elnis nicht sagen können,
ob es so war, oder ob sie nicht vielleicht schon immer einsam in dem Pavillon
im Herzen des Waldes gelebt hatte. Ihr Kleid war zerschlissen von den Pflanzen,
die sich daran klammerten, wenn sie durch das Unterholz schritt. Ihre Beine
waren zerkratzt von den Dornen, und in ihren langen Haaren trug sie Kletten
und die Samen der wilden Büsche.
In
der Nacht schlief Elnis auf dem kühlen, glatten Marmorfußboden
des inneren Raumes, wo sie ihre Mutter zum letzten Mal gesehen hatte. Der
Mond konnte nur kleine, silberne Lichttupfen durch das dichte Blätterdach
hineinwerfen, und der innere Raum war die kühlste Stelle des ganzen
Tempels. Die Nächte vergingen wie Jasminduft, wie eine aneinandergereihte
Kette weißer Blütenbüschel, die von einer sanften Strömung
davongetragen wird. Elnis wußte nicht, wie lange sie schon an diesem
Ort weilte - sie begann, sich selbst zu vergessen, und in seligem Vergessen
lag sie auf dem glatten Untergrund, als eine Berührung auf ihren Lippen
sie plötzlich aus dem tiefsten Schlummer störte.
Als
sie die Augen aufriß, konnte sie nur einen vagen Umriß erkennen,
der sich dunkel von der noch tieferen Dunkelheit des Nachthimmels abhob.
Wasser tropfte auf ihre Haut, und ein langsames, kühles Gleiten, wie
von Wasserschlangenleibern, bedeckte ihren Leib.
"Wer
bist du?" wollte Elnis rufen, sich in jähem Entsetzen aufrichten,
aber ein Kuß traf ihre Lippen, ein saugender Mund, rund und weich,
mit einer zärtlichen Zungenspitze darin, die sich über ihre Lippen
tastete. Sie fühlte eine Berührung wie von einem nachgiebigen,
weichen Stachel; eine Berührung wie der saugende Kuß eines Blutegels;
und eine tiefe, schläfrige Schwere nahm Besitz von ihrem Körper.
Als ihre Augen sich schlossen, hörte sie dicht an ihrem Ohr eine leise,
sehr leise Stimme flüstern:
"Fürchte
dich nicht - Elnis; du darfst keine Angst vor mir haben. Ich bin Karait,
deine Schwester, und ich liebe dich. Laß uns Freundinnen sein, Elnis..."
Dann sank sie in den Abgrund einer samtschwarzen Ohnmacht.
Und
in dieser Ohnmacht kamen zu ihr die Träume.
Elnis
träumte von einer wunderschönen, weißen Frau, mit weit
hinter ihr herschleppendem schwarzen Haar, das von weißen Blütensternen
übersät war, und einer Haut so bleich wie delikates Elfenbein.
Ihre Glieder waren von zarten grünen Mustern überspielt, als
läge sie unter einer Wasseroberfläche, über die der Wind
hinwegging. Sie sprach zu ihr, mit einer Stimme wie Musik, von den Geheimnissen
in den alten Büchern, die Elnis lesen mußte.
"Hüte
dich vor den alten Büchern", sagte die bleiche Frau, "es stehen Geheimnisse
darin geschrieben, die nicht für eines Menschen Auge gedacht sind,
auch nicht, wenn man eine kleine Prinzessin ist, so wie du. O, meine liebe,
meine schönste Prinzessin, wie froh bin ich, daß ich dich gefunden
habe, wie lange habe ich auf dich gewartet, immer, immer..."
Und
sie küßte Elnis, und wieder fühlte jene die sanfte, gleitende
Berührung des weichen Stachels zwischen ihre Lippen dringen.
"Liebe
mich, meine Schwester", sagte die weiße Frau, und Elnis schloß
die Augen und legte ihre Arme um sie, und der lang wallende, feuchte Teppich
ihres schwarzen Haares hüllte sie beide ein.
Zunächst
hatte Elnis vor Karait Angst gehabt, wie es logisch erscheinen mag, war
doch das Auftauchen der seltsamen Freundin so unheimlich und zweifelhaft
gewesen. Aber mit der Zeit - und die Zeit verstrich sehr langsam, wie im
Schlaf an jenem Ort - hatte sie sich an ihre Gegenwart gewöhnt, nach
wenigen Tagen nur, oder waren es Monate, waren es Jahre?
Elnis'
goldenes Haar hing bis auf den Fußboden herab, und sie trug die Kletten
und die Samen der wilden Büsche darin. Ihr Kleid, das schon lange
in Fetzen gehangen hatte, hatte sie abgelegt und vergessen, wohin. Sie
lag in dem golddurchfluteten Sandsteinbecken, in dem lauwarmen Wasser,
in Karaits Armen, und ließ sich von der köstlichen kühlen
Unterströmung wiegen.
"Schlaf,
meine Prinzessin, träume von deinem Thron, träume von deinem
Geliebten, und träume von mir", sagte Karait, mit ihrer sanften Stimme,
die wie leise Musik klang, und die nie lauter als ein Flüstern wurde.
Elnis träumte. Ihr Körper wiegte sich in dem lauwarmen, zugleich
kühlen Wasser, und die schwarzen Wasserlinsen bedeckten mit ihrem
Blütenteppich ihr Gesicht.
Eines
Tages hörte Elnis Stimmen in dem stillen Tempel. Sie erschrak, wollte
schon fliehen, aber sie wußte nicht, wo sie ihr Kleid gelassen hatte,
und die Dornen der Sträucher kratzten so empfindlich und zerrissen
ihre zarte, alabasterweiße Haut. Noch wandte sie sich unschlüssig
hin und her, nur bedeckt von ihrem bodenlangen Mantel aus Haar, da stürzte
plötzlich jemand aus dem Pavillon auf sie zu und riß sie in
die Arme.
"Elnis!
Mein Liebling! Meine arme Tochter!" Es war die Stimme ihrer Mutter, und
Elnis beruhigte sich rasch und ließ sich von ihr streicheln. "Oh,
was haben sie mit dir gemacht? Was ist geschehen, mein Kind? Deine Haut
ist so weiß, dein Auge hat einen solch fiebrigen Glanz..." Und die
Königin weinte, als sie ihre Tochter wegführte.
Elnis
wurde zurückgebracht in die Stadt Aramanthis. Man hatte ihr ein goldenes,
reich gefälteltes Gewand angezogen, denn sie war jetzt volljährig,
und sie sollte bald heiraten. In wenigen Tagen würde die Zeremonie
vollzogen werden. Ihr Geliebter, der Prinz Sokar, kam, um Elnis zu besuchen,
blieb eine Stunde und hatte einen seltsamen Blick, als er wieder wegging.
Aber er sprach zu niemandem, obwohl er danach nicht wieder zu Besuch kam.
Elnis
saß im elterlichen Palast am Fenster ihres alten Zimmers und blickte
hinaus über das Meer. Ihre ehemals sonnengebräunte Haut war bleich
wie Elfenbein, und ihre Wangenknochen höhlten das ehemals so jugendliche
Ebenmaß ihrer kaum zwanzigjährigen Züge. Elnis träumte.
In den Nächten, wenn sie auf dem damastenen Lager ruhte, hörte
sie die ferne Stimme einer verlorenen Liebe, die sie rief; hörte das
Surren der Moskitos über der sumpfigen Oberfläche und fühlte
das Gleiten der Wasserlinsen auf ihrer empfindsam gewordenen Haut.
In
den sanften tintenblauen Nächten schien der Mond auf ihr weißes
Gesicht, wenn sie am Fenster saß und auf das Meer hinausblickte,
die Augen voller Sehnsucht, aber ohne ein Wort über den Grund ihrer
Traurigkeit zu sagen, so sehr man auch in sie dringen mochte.
Die
Eltern schwiegen, doch sie waren besorgt. Und der Abend der Hochzeit und
Krönung rückte immer näher.
Am
nämlichen Abend waren Elnis und die Königin allein in dem Schlafgemach
aus rosa geädertem Marmor. Die seidenen Vorhänge an den geschnitzten
Elfenbein-Bettpfosten waren zurückgezogen, und durch die offenen Fenster
strömte ein scharfer Wind herein, der Vorbote der nahenden Stürme
sein mochte.
Elnis
saß vor dem großen polierten Spiegel und hatte das schwarzsilberne
Hochzeitsgewand der Königinnen von Aramanthis angelegt. Die Mutter
flocht ihr seit Stunden die Haare zu lauter winzigen Zöpfen und band
Edelsteine hinein, die einen leisen, lieblichen Klang auf den silbernen
Schulterplatten des Hochzeitsgewands erzeugen sollten, ähnlich dem
der kleinen Glocken der Priester. Elnis' Blick war starr auf den Spiegel
gerichtet, aber ihre Augen schienen nicht zu sehen; und die Königin
wischte sich heimlich eine Träne aus dem Augenwinkel, während
sie die mühevolle Arbeit am Haar der Tochter vollbrachte.
"Was
ist nur mit dir, mein Kind?" fragte sie schließlich, als sie die
Spannung nicht mehr ertragen konnte. Doch Elnis' Blick war starr auf den
Spiegel gerichtet, und sie schien nicht zu hören. Der Wind erhob sich
fauchend, die seidenen Vorhänge in große Wellen werfend - und
die Prinzessin drehte langsam den Kopf, als lausche sie einer fernen Stimme,
die im Lied des Windes klang.
"Mutter",
sagte sie mit einer Stimme, so zart und schwach wie die eines kranken Kindes.
Ihre Augen glühten eingesunken in den dunklen Höhlen; die Königin
schauderte und hielt im Flechten inne.
"Mutter",
sagte Elnis, "sage mir: hattet ihr eine Tochter vor mir, bevor ich auf
die Welt kam?"
Die
Königin erschrak, und ihre Geste war die der Abwehr, aber als sie
das brennend bleiche Gesicht ihrer Tochter im Spiegel sah, mußte
sie antworten. "Wir hatten wirklich eine Tochter vor dir; sie hieß
Karait, und sie ist als Kind im Fluß ertrunken, bevor du auf die
Welt kamst."
Die
Antwort schien die Prinzessin zu befriedigen. Sie lächelte sogar ein
wenig, wenn man das Aufwärtsziehen ihrer Mundwinkel in der weißen
Maske des Gesichts als Lächeln bezeichnen will. "Dann ist es gut,
Mutter", sprach sie.
Der
Abend nahm seinen Fortgang. Die Königin verließ Elnis, nachdem
die Frisur vollendet war. Sie fühlte sich sogar etwas erleichtert,
weil ihre Tochter gelächelt hatte. Ihr war, als ob nun alles gut werden
würde, was in den letzten Wochen so sonderbar in Unordnung geraten
war; und sie eilte zu ihrem Gatten, dem König, um ihm von der erfreulichen
Neuigkeit zu erzählen.
Die
Dienerinnen kamen und wollten die Prinzessin zur Hochzeitszeremonie führen.
Aber das Schlafgemach war leer und Elnis nirgends zu erblicken. Nur vor
den weiten, offenen Fensterhöhlen wehten die seidenen Vorhänge
in dem scharfen Wind, der Vorbote der Stürme war, und ein goldener
Armreif lag auf dem Fensterbrett. Sonst fand man keine Spur von der Prinzessin.
Aber
die alten Fischerweiber, deren Hütten auf die gezackten Felsen hingeklebt
sind, erzählen seither ihren Enkeln von der wunderschönen Frau,
die in klaren Vollmondnächten aus dem Wasser kommt und auf den Felsen
weint, eine goldgelockte Prinzessin in den Armen. Und man hütet sich
vor dem schwarzen Teppich aus Seetang, der seit dieser Zeit vor der Küste
liegt, übersät von Abertausenden winziger, sternförmiger
Blüten.
©Eddie
M. Angerhuber
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