Vampyre Planet-Zine

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Lovestory

Der Mond stand hoch am Himmel. Man konnte ihn nur nicht sehen, denn es war bewölkt. Es nieselte schon den ganzen Abend in der großen Stadt. Gammel hob den Sargdeckel und spähte hinaus. Aufstehen. Grr... 
Er schwang die Beine über den Rand und lehnte sich an den Deckel. Er bekam die Augen kaum auf, gähnte. Dabei riß er den Mund so weit auf, daß man meinen konnte, er habe nur Knochen und Zähne im Gesicht. Erstmal raus- gehen. Er erhob seine knochengleiche Gestalt und streckte sich ausgiebig, griff sich seinen abgerissenen Mantel mit dem zerfetzten Saum und kratzte sich am Kopf zwischen den zerzausten schwarzen Haaren, rieb sich die Augen und schlurfte aus der Tür. 

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Jünger

Kay Agony


„Laß das sein, heiliger Mann.“ sagte er abfällig und stocherte mit ernstem Blick in Richters Augen. Die letzten beiden Worte spie er dem Mann im säuberlichen schwarzen Anzug förmlich vor die Füße. 
„Satansanbeter!“ zischte Richter, „Kind der Hölle! Du verseuchst dieses Haus! Du...“ 
„Dann verlasse dieses Haus.“ erwiderte der Junge mit dem langen schwarzen Haar gelassen. 
„Junge, bitte...“ 
Richter wandte sich zu seiner Mutter um. 
„Das ist dein Sohn, Helen! Sieh ihn dir an! Er ist vom Teufel besessen und er wird auch dich ins Verderben stürzen! Die bösen Mächte haben seine Seele geraubt!“ 
Tim verdrehte die Augen. Richter ging zu der blassen Frau mit den Augenrändern, die besorgt zu Tim hinübersah, und ergriff lächelnd ihre Hand. 
„Du mußt stark sein, meine Tochter.“ vermittelte er ihr eindringlich. „Du mußt ihn der Wohnung verweisen, du mußt ihn meiden. Das ist nicht mehr dein Sohn. Das ist eine wilde und böse Kreatur. Dein Sohn ist von diesem Wesen eingenommen worden.“ 
Helen schreckte zusammen und richtete ihre Blicke nun auf den Priester. 
Tim blickte sie immer noch an. Er war traurig. Er war wütend. Nein, rasend. Richter fuhr fort. 
„Seine Seele leidet im Schatten dieses Wesens. Unser Mitleid sei mit ihm, aber mehr können wir nicht tun. Bete für ihn! Vielleicht kannst du ihn überzeugen, zu uns kommen. Aber du mußt ihn meiden! Verlasse seine Aura, er ist ein Dämon!“ beschwor er sie. Dann lächelte er wieder fromm und verabschiedete sich mit einer Menge heiliger Gesten und Gesülze, ging Richtung Tür. 
„Mit deinem scheinheiligen Blut wässere ich die Pflanzen auf meinem Grab!“ raunte Tim ihm zu als Richter an ihm vorbei ging. Der Flur war schmal. Richter konnte es nicht vermeiden, Tim zu streifen der da stand, ganz in schwarz, noch weiß geschminkt und in einem schwarzen knielangem Ledermantel, dunkelgerahmten Augen und schwarzen Lippen, den silbernen Anhänger des verkehrten Kreuzes deutlich zu sehen an einem schwarzen Band eng am Hals. Tim spießte ihn mit Blicken auf, bevor er die Wohnung verließ und küßte in die Luft in seine Richtung. Richter bekreuzigte sich und schloß die Tür. 
Seine Mutter hatte sich in ihre Kammer verzogen als er sich nach ihr umdrehte. Er ging auf die Tür zu über der, wie überall in der Wohnung, ein hölzernes Kruzifix hing. Als er die Tür öffnete, kniete Helen vor ihrem kleinen Altar neben dem Bett, überall die Heiligenbilder und Kerzen, die Vorhänge zugezogen. Betete. 
Tim lehnte sich an den Türrahmen und sah ihr eine Weile zu. 
„Mama...“ sagte er leise. 
Sie reagierte nicht. Immer hektischer flüsterte sie ihre Gebete. Er kam näher und legte ihr die Hände auf die Schultern, worauf sie zusammenzuckte und weiter die Worte stammelte, die Augen starr auf das Kreuz vor ihr gerichtet, als habe sie Angst ihn anzusehen. 
„Ich bin dein Sohn, hörst du? Dieser Mann macht dich fertig! Siehst du das nicht? All das Geld, daß du diesen Leuten gibst...Mama!“ er griff nach ihrem Arm und riß die verkrampft gefalteten Hände auseinander. Widerwillig blickte sie ihn an. 
„Selbst wenn du diesen Typen alles glaubst, alles was sie dir an Lügen und völligem... Schwachsinn über mich erzählen und du nicht länger einen Sohn wie mich ertragen willst, wirst du doch immer meine Mutter bleiben!“ 
„Ich bin nicht die Mutter eines Dämons.“ flüsterte sie mit starrem Blick und sah ihn an wie den Leibhaftigen. „Ich bin nicht...“ 
„Mama!“ Er schüttelte sie kurz an den Armen. Sie verstummte und wisperte weiter. „Ich kann dir nicht helfen.“ sagte er leise und blickte geschlagen zur Seite. 
„Was wird aus Finchen?“ fuhr er fort und sah sie wieder an. Lächelte kurz, aber sie reagierte nicht darauf. „Josephine, deine Tochter!“ 
Helen schloß die Augen und sagte zitternd und scheinbar voller Haß: „Sprich ihren Namen nicht aus!“ 
Drehte sich wieder dem Altar zu und er ließ sie los. „Ich werde für dich beten, mein Sohn, der du von diesem Teufel besessen bist!“ sagte sie.
Tim seufzte und verließ den Raum. 
Auf dem Flur stand ein kleines siebenjähriges Mädchen mit blondem Haar und einem weißen Nachthemd, als er die Tür hinter sich schloß. Hatte eine große schwarze Katze mit einer weißen Pfote auf dem Arm. 
„Geh wieder schlafen.“ sagte er und lächelte. Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Er ging an ihr vorbei zur Tür seines Zimmers und blickte sie wieder an. Sie stand noch dort. Er lächelte wieder. 
„Na komm.“ Das Mädchen lächelte auch und lief zu ihm, er öffnete die Tür, hob sie samt Katze hoch und trug sie rein. Schloß die Tür hinter sich und ging im Dunklen bis zur anderen Ecke des Raumes, griff nach dem Feuerzeug neben sich auf dem Schränkchen und zündete zwei Kerzen an. Lächelte wieder zu Finchen auf seinem Arm und setzte sie auf das schwarz bezogene Bett. 
Über dem Bett hing ein riesiges schwarzes Tuch mit einem fetten weißen Pentagramm darauf. Er zog sich den Mantel aus und hing ihn an die Tür, zündete weitere Kerzen an und setzte sich dann an eine Kommode vor einen Spiegel, begann sich abzuschminken. Im Spiegel sah er, wie Josephine ihn ansah und grinste. 
„Bist du nicht müde? Mm?“ 
Finchen schüttelte den Kopf und streichelte Ratte, die Katze neben sich. 
Eine der Kerzen auf dem Schränkchen neben dem Bett knisterte und erlosch. Selbstlöschend. 
Finchen kicherte. Tim lächelte nur dünn. Hinter dem Licht stand das Photo von seiner Mutter, die seinen Vater und ihn im Arm hielt. Finchen existierte zu der Zeit noch nicht. 
Er wischte sich den letzten schwarzen Strich von den Lippen und nahm eine neue Kerze aus einer Schublade. Tauschte sie aus, entzündete sie neu. 
Finchen rutschte weiter aufs Bett, lehnte sich an die Wand mit dem Tuch und zog die Beine an. Ratte verzog sich unter das Bett. Er zog sich bis auf T-Shirt und Boxershorts aus und setzte sich neben Josephine aufs Bett unter die Decke. Betrachtete das Photo auf dem Schränkchen. Josephine lehnte sich an ihn, er legte einen Arm um sie, küßte ihr Haar, betrachtete das Photo. 
„Was ist mit Mama?“ fragte sie. 
„Mama hat es schwer, jetzt wo Papa nicht mehr da ist.“ antwortete er, „Sie ist sehr traurig.“ 
„Sie sagt komische Dinge zu mir.“ Eine Weile Stille. 
„Sie sagt, du wärst schlecht für mich. Sie sagt, du bist nicht Tim.“ 
Er sah ihr ernst ins Gesicht. „Finchen, ich bin dein Bruder, ich werde immer für dich da sein und dich nie alleine lassen. Deine Mutter ist verwirrt, böse Menschen sagen ihr solche Dinge über mich, damit sie mich nicht mehr mag. Du darfst ihr das nicht glauben. Versprichst du mir das?“ 
„Ja.“ sagte Josephine. Dann war es wieder eine Weile still, Finchen schmiegte sich an ihn und er drückte sie kurz, streichelte ihr Haar. 
„Ich hab dich lieb, großer Bruder.“ sagte sie. 
„Ich hab dich auch lieb, kleine Schwester.“ antwortete er. 
Es brannten nur noch die Kerzen auf dem Schränkchen. 
„Warum sagen diese Leute solche Dinge über dich?“ fragte sie nach einer Weile. 
„Ich fürchte, Du verstehst das nicht, Engel. Ich werde es dir vielleicht ein anderes Mal erklären.“ 
„Gut. Ich werde dich daran erinnern, großer Bruder.“ Sie lächelte ihn an und küßte ihn auf die Wange, legte sich neben ihn und wartete, bis er die Kerzen löschte. 
Es war erst nach 22 Uhr. Noch sehr früh, eigentlich hatte er weggehen wollen. Aber Richter hatte ihm die Laune verdorben. Und Finchen war dazwischen gekommen. 
Er legte sich neben sie, sie klammerte sich an ihn und schlief wie ein Engel. 
Tim lag noch bis in die frühen Morgenstunden wach und dachte nach. Er wußte, daß er gegen diese Sekte machtlos war und machte sich Vorwürfe, daß er diese Schmeißfliege von Richter nicht schon eher von Helen hatte fernhalten können. Aber nach dem Tod ihres Vaters hatte er sie nach der Beerdigung gleich bei Seite genommen und zu irgendwelchen Treffen eingeladen, sie eingesponnen mit idiotischem Geschwafel und seinem scheinheiligen Gelaber. Er verfluchte in Gedanken jeden Einzelnen von ihnen. 
Er verbrachte eine Menge solcher Abende mit Finchen, wenn sie nicht schlafen konnte. Wenn sie manchmal Angst vor Dingen hatte, vor den Bildern, die Helen in ihrem Zimmer aufhing. Als Helen ihr einige Spielsachen wegnahm, die sie für „ungeeignet“ erklärte. 
Einmal hatte Tim ihr ein Bild geschenkt, das sie in seinem Zimmer entdeckt hatte. Es zeigte ein großes Haus auf einem Hügel, durch ein Tor photographiert, das ein sonderbares Muster hatte. Waagerecht zu den senkrechten Streben waren kürzere Stücke angebracht, so daß es aussah wie eine Reihe Kreuze- ein normales, ein verkehrtes, ein normales. Hinter dem Haus war der Himmel feuerrot gefärbt vom Sonnenuntergang. Neben dem Tor die Gestalt einer wunderschönen blonden Frau in einem weißen durchscheinendem Gewand, die den Betrachter traurig ansah und sich an dem Tor festhielt. Josephine mochte das Bild. Sie fand, es sei eine wunderschöne Frau, die sähe aus wie eine Prinzessin. Und das Haus mit den Türmen sähe aus wie ein Schloß und die Farben der untergehenden Sonne wären so schön, meinte sie. 
Tim sagte, es sei kein Bild für ein Kinderzimmer, aber sie sah so traurig aus, als er verneinte, daß er es ihr doch schenkte und Finchen war überglücklich. Und wenn Finchen glücklich war, war Tim zufrieden. 
Helen verbrannte das Bild mit allen Bildern und Dingen in der Wohnung, die Richter für „schlecht“ erklärt hatte. Dinge, die „anstößig“ seien und geradezu zu „unzüchtigen Gedanken verführen“ würden. Hätte er sein Zimmer nicht abgeschlossen gehabt, hätte sie wohlmöglich den ganzen Raum in Flammen aufgehen lassen. Aber er hatte nie zugelassen, daß Richter sein Zimmer überhaupt betrat. 
Bevor seine Mutter so völlig ihrem religiösen Wahn verfallen war, hatte er mit ihr noch immer diese endlosen Diskussionen gehabt, in denen sie ihn zu überreden versuchte, seinen „dunklen Weg“ zu verlassen und durch Gott und seine „Kinder des Lichts“ dem „Weg des Glücks und der Erlösung“ einzuschlagen. Wie erschreckt hatte sie reagiert, als er ihr erklärte, er glaube nicht an eine Erlösung und nicht an ein Leben nach dem Tod und dann hatte sie ihm nicht länger zugehört. 
Als Finchen aus der Schule kam, war sie todunglücklich, rannte zu Tim´s Bude und klopfte, bis er ihr verschlafen öffnete. Tröstete sie. Es war wieder so ein Abend geworden. 
„Was bedeutet der Stern da an der Wand?“ fragte sie ihn. 
„Das ist ein Pentagramm.“ sagte er nur. 
„Was bedeutet es?“ 
Sieg des Geistes über die Materie schoß ihm durch den Kopf. Er wußte nicht wie er das erklären sollte und sagte deshalb: „Ich kenne nicht seine genaue Bedeutung. Jemand hat mir die Fahne geschenkt. Mir gefällt das Zeichen, deshalb hängt es dort.“ 
„Ich meine, man sollte nicht Sachen an der Wand hängen haben, wo man nicht weiß was sie bedeuten.“ meinte sie belehrend und er bewunderte ihre Gedanken. 
„Ich habe es geschenkt bekommen.“ verteidigte er sich. 
„Von wem denn?“ wollte sie mit einem verschwörerischen Lächeln wissen und er erwiderte grinsend: 
„Von einer...Freundin.“ 
„Von einer guten wohl, was?“ 
„Kann man so sagen.“ 
„Man sollte sich trotzdem keine Sachen an die Wand hängen, wo man nicht weiß, was sie heißen.“ 
„Da hast du wohl recht. Aber sobald ich es genauer weiß, werde ich es dir erklären.“ 
„Ich werde dich daran erinnern, großer Bruder.“ sagte sie. Er lächelte und küßte sie, löschte das Licht und ließ sie schlafen. 
Dann kam der Tag, an dem Helen Ratte ertränkte. Josephine hatte das Tier geliebt, wie sich selbst, es war ihre und Tim´s Katze gewesen. Sie suchte den ganzen Tag nach ihr, gab dann enttäuscht auf und verschwand in ihrem Zimmer. Helen sagte ihr, die Katze sei auf Grund ihrer Farbe empfänglich für böse Strahlungen gewesen. Sie sagte, sie habe Ratte weggegeben. 
Tim fand das Kätzchen tot am Grund des Baches in einer Schachtel mit Steinen. 
Er weinte um das Tier. Er weinte selten. Diesmal schon wegen der Tatsache, daß Helen die Katze ermordet hatte. Er versuchte, das Finchen zu erklären, aber sie schien es in seinem Gesicht zu lesen wie die Nachricht von Tod ihres Vaters. 
An diesem Abend wartete Tim, bis Josephine eingeschlafen war und verließ die Wohnung. Warf sich die weite schwarze Robe über und ging auf den Friedhof, zwei Häuser weiter. Der Bach ging auch hier vorbei. Neben dem Bach standen einige Bänke, den Gräberreihen zugewandt. Er suchte mit Blicken das Grab seines Vaters, als er sich auf eine der Bänke setzte. Kurz nach seinem Tod hatte er hier auch gesessen, als sein Grab noch frisch gewesen war und der Geruch nach Erde noch deutlich. 
Er saß öfter hier. Wenn er es zu Hause nicht aushielt. Wenn er nachdenken wollte. Wenn er seine Ruhe haben wollte und wenn es ihm einfach scheiße ging. Unter diesen Bank klebte sein Blut im Boden. 
Der Bach lag einige Meter vom eigentlichen Friedhofsgebiet entfernt, es gab eine leichte Böschung hinunter zum Wasser, die eigentlich kaum der Rede wert war. An der Bank standen Gießkannen, mit Namen beschriftet. 
Er saß auf der Lehne der Bank, die Füße auf der Sitzfläche, legte den Kopf auf die Arme und genoß die Einsamkeit ein wenig und ohne es zu wollen, weinte er plötzlich und fand sich von tiefer Wut und Trauer gefangen. 
Dann spürte er einen kaum merkbaren Druck auf seinem Arm durch den dicken Stoff der Kutte. Josephine stand da in dem dünnen Nachthemdchen und ohne Schuhe. Zitterte. Weinte. 
Er wischte sich schnell die Tränen aus den dunklen Augen. 
„Was tust...was tust du hier?“ fragte er mit bebender Stimme und hob sie hoch, wickelte sie in den weiten Ärmeln und Stoff ein. Sie verkroch sich an seiner Brust und umschlang seinen Hals unter der Kapuze. 
„Ich will nicht, daß du alleine traurig bist, großer Bruder. Ich will Ratte wiederhaben und daß Mama wieder wie früher ist und...“ weinte. Leise und kläglich. Wollte sich nur festgehalten und traurig sein. Und Tim hielt den kleinen Körper fest in den Armen, wärmte sie und weinte still mit ihr, bis sie einschlief. 
Er hatte immer versucht, sie vor dem religiösen Wahn ihrer Mutter zu bewahren. Er wollte sie nicht zum Gothic machen, so wie er, wollte nicht, daß sie die dunkle Welt zu sehr beeinflußte. Er wollte, daß sie selbständig wurde, selber entschied und freute sich über jede Kritik, die sie an ihm oder überhaupt übte. Wenn sie sagte, er sähe so „furchterregend“ aus, wie eine Leiche; er trage ständig nur schwarz, ob das nicht langweilig sei; seine Musik klinge so düster und man verstehe kein Wort; er rauche zuviel, sie fände das schrecklich; er habe einen merkwürdigen Geruch an sich, wie Friedhof; er habe seltsame Freunde, sie hätten so gemein gelacht, als sie ihn einmal mit ihnen sah und zu ihm gelaufen war und ähnliches. Und er sagte ihr, ihm gefalle es so auszusehen, die Musik sei nun einmal so und die Texte verstehe sie nicht, weil sie kein Englisch verstehe und es müsse einfach so sein, er rauche weil er nicht mehr aufhören könne, der Geruch sei Patchouli und es gefalle ihm halt so zu riechen und seine Freunde hätten nur gelacht, weil sich eben ein Anderer über seinen nervigen kleinen Bruder aufgeregt habe und man fände sie wirklich süß. 
„Ich bin nicht süß!“ entrüstete sie sich und er lachte. „Doch!“ sagte er und sie: „Nein!!“- „Doch!“ Das Ganze endete mit einer kleinen Schlägerei mit sämtlichen im Bett befindlichen Gegenständen wie Katzen und Kissen. Wie lange war das schon her... 
Er beantwortete ihr alle Fragen, die sie stellte soweit er konnte oder meinte, daß sie es wissen müsse. 
Als Helen eines Abends eine Zeitschrift bei Josephine fand, die sie sich heimlich aus Tim´s Zimmer mitgenommen hatte, irgendein in schwarz und weiß gehaltenes Gothic- Magazin, auf dem Cover irgendeine satanisch angehauchte Band mit einem umgedrehten Kreuz im Hintergrund und sie dafür schlug, rannte sie zu seinem Zimmer, aber er war nicht da und so wartete sie vor der Tür auf ihn bis morgens gegen vier, als er zurückkam und sie schlafend vor der Tür fand. Am Abend erzählte sie ihm alles. 
„Sie hat mich noch nie geschlagen, Tim, noch nie!“ Er tröstete sie, bis sie sich beruhigt hatte. Eine ganze Weile war es still. 
„Aber du kannst doch gar nicht lesen, was darin steht. Warum hast du sie mitgenommen?“ 
„Ich weiß nicht, ich wollte mir die Bilder ansehen.“  Er seufzte und blickte auf den Haufen Zeitungen neben dem Bett, welche fehlte. 
„Ich weiß, daß es vielleicht lächerlich ist, aber wenn du die Oberste genommen hast, möchte ich dich am liebsten erwürgen, Schwesterchen.“ und er blickte sie leicht säuerlich an. 
„Es tut mir leid.“ jammerte sie aber als sie dann lächelte, konnte er ihr auch nicht mehr böse sein. 
„Na egal,“ sagte er schweren Herzens, „Es war ja nur eine Zeitung.“ 
Sie hatten eine ganze Zeit geschwiegen bis Josephine plötzlich sagte: 
„Ich hasse sie.“ 
„Nein, das darfst du nicht.“ antwortete Tim ihr und sah sie an. „Du darfst sie nicht für das hassen was sie tut. Sie kann nichts dafür.“ 
Konnte sie nicht? Nein. War es nicht seine Schuld, daß er ihr nicht genug Trost hatte zukommen lassen? War es seine Schuld? War es seine verdammte Schuld?... 
Er arbeitete manchmal als Türsteher in einem Club, meistens Mittwochs und Samstags. Den Job hatte ihm ein Bekannter besorgt. 
Helen arbeitete noch im Krankenhaus, aber sie begann ihre Arbeit zu vernachlässigen. Immer öfter hielt der schwarze Wagen vor der Tür, um sie zu irgendwelchen Treffen abzuholen. 
Dann sperrte Helen Josephine in ihrem Zimmer ein, damit sie nicht mehr zu Tim gehen konnte. Seine Mutter redete nicht mehr mit ihm, mied ihn und ignorierte ihn weitgehend. Sie begann, Josephine von ihm fernzuhalten und zum Beten zu zwingen. 
Mit jedem Tag verbrachte sie mehr Zeit mit Gebeten, bis sie schon nach der Arbeit in ihrer Kammer verschwand. Dann wurde sie abgeholt von Richter, der vor dem Haus wartete und abends zurück brachte, vollgepumpt mit neuen Ideologien und Versprechen, Lügen und heiligen Phrasen. 
Als er eines Morgens nach Hause kam, war auf seine Tür ein riesiges Kreuz gemalt. Er strich die Tür ganz schwarz und pinselte ein weißes verkehrtes Kreuz darauf. Finchen´s Tür war offen, aber Finchen war nicht da. Seine Mutter auch nicht. Auch als er am Abend aufstand, war auch niemand da. Er rief die Lehrerin an, Finchen war nicht da gewesen. Bevor sie am anderen Ende fragen konnte, legte er auf und blieb für einige Minuten wie gelähmt neben dem Telephon stehen. Und als er sich bewußt wurde, daß er nichts tun konnte, daß er sie nicht von dort wegholen konnte, weil er nur der Bruder war und keinerlei Erziehungsrechte hatte, daß seine Mutter ja aus „eigener Entscheidung“ dort war, rief er sich ein Taxi. Hatte er Josephine nicht gesagt, er würde sie nie alleine lassen? 
Der Sitz der Sekte war eine mittelalterliche Burg am Rande der Stadt. Er klopfte an das schwere Tor und ein Schieber wurde geöffnet, ein Typ, der aussah wie ein Mönch aus einer Ritter- Historie blickte hindurch. 
„Gott sei mit ihnen, was kann ich für sie tun?“ 
„Ich möchte zu meiner Mutter und meiner Schwester. Helen Singer und Josephine.“ Er hatte sogar seinen Anhänger zu Hause gelassen und sämtliche Ringe. 
„Tut mir leid, unsere Schwester möchte niemanden sehen, und schon gar nicht den Dämon, den sie geboren hat und der ihre Tochter verführte.“ Und bevor er noch etwas sagen konnte, hatte der Typ die Klappe wieder geschlossen und sooft Tim noch auf sich aufmerksam machte, machte er nicht mehr auf. Tim gab sich geschlagen und fuhr wieder nach Hause. 
Sah sich lange Zeit stumm in der Tür stehend die Zimmer an... 
„Was sind das für Zeichen da?“ fragte sie einmal und deutete auf die Tätowierung an seinem Hals. 
„Das ist ein Tatoo, es geht nie wieder weg.“ sagte er. 
„Warum nicht?“ 
Er erklärte ihr, man bringe die Farbe mit einer Nadel unter die Haut, deswegen nicht. 
„Ich möchte auch so etwas.“ Er lachte leise und sagte, sie sei für so etwas noch zu jung, sie würde es bereuen aber wenn sie einmal 18 sei würde er ihr eins zum Geburtstag schenken, wenn sie es dann noch wolle. 
„Ich werde dich daran erinnern, großer Bruder.“ hatte sie gesagt... 
Er verbrachte die Nacht im Club. Man feierte eine kleine Orgie. Er saß mit Mae in einer Ecke des dunklen Raums und ließ sich berauschen von der düsteren Musik und dem Alkohol, Mae´s Blut und den Wunden, die das Messer ihm zufügte. Überall hingen ähnliche Pärchen rum und trieben schlimmere Dinge, auf der Tanzfläche bewegten sich einige engumschlungen und andere ekstatisch zu den Geräuschen aus den Boxen. Er ließ sich mittreiben und dachte nach. 
Mae, das Mädchen bei ihm, wußte eine Menge über ihn. Er erzählte ihr viel. Sie wußte immer was er brauchte und wollte. Er war der Einzige, mit dem sie sprach, sonst blieb sie stumm und tauschte nur Blicke aus mit ihren asiatischen hypnotischen Augen. Sie hatte nach einem üblen Überfall von irgendwelchen Rechten erst wieder sprechen lernen müssen und es war mühsam für sie. 
„Polizei?“ schlug sie vor. 
„Keine Chance, sie kümmern sich um nichts. Ich war schon dort. Sie sagen, wenn meine Mutter freiwillig da ist, können sie auch nichts tun. Ich solle mich an einen Anwalt wenden. Ich habe kein Geld für einen Anwalt.“ 
„Es ist Nötigung.“ 
„Ja, ich weiß, aber als ich mit ein paar Beamten vor der Tür stand, haben sie sie irgendwie abgewimmelt.“ 
„Kriminalpolizei?“ 
„Ich weiß nicht. Ich werde noch einmal hingehen.“ 
„Nicht aufgeben.“ 
Er lächelte. 
„Nein.“ sagte er und küßte sie. „Laß mich allein.“ 
 

Für Michaela Klos & mich 
 

©Kay Agony