Jünger
Kay
Agony
„Laß
das sein, heiliger Mann.“ sagte er abfällig und stocherte mit ernstem
Blick in Richters Augen. Die letzten beiden Worte spie er dem Mann im säuberlichen
schwarzen Anzug förmlich vor die Füße.
„Satansanbeter!“
zischte Richter, „Kind der Hölle! Du verseuchst dieses Haus! Du...“
„Dann
verlasse dieses Haus.“ erwiderte der Junge mit dem langen schwarzen Haar
gelassen.
„Junge,
bitte...“
Richter
wandte sich zu seiner Mutter um.
„Das
ist dein Sohn, Helen! Sieh ihn dir an! Er ist vom Teufel besessen und er
wird auch dich ins Verderben stürzen! Die bösen Mächte haben
seine Seele geraubt!“
Tim
verdrehte die Augen. Richter ging zu der blassen Frau mit den Augenrändern,
die besorgt zu Tim hinübersah, und ergriff lächelnd ihre Hand.
„Du
mußt stark sein, meine Tochter.“ vermittelte er ihr eindringlich.
„Du mußt ihn der Wohnung verweisen, du mußt ihn meiden. Das
ist nicht mehr dein Sohn. Das ist eine wilde und böse Kreatur. Dein
Sohn ist von diesem Wesen eingenommen worden.“
Helen
schreckte zusammen und richtete ihre Blicke nun auf den Priester.
Tim
blickte sie immer noch an. Er war traurig. Er war wütend. Nein, rasend.
Richter fuhr fort.
„Seine
Seele leidet im Schatten dieses Wesens. Unser Mitleid sei mit ihm, aber
mehr können wir nicht tun. Bete für ihn! Vielleicht kannst du
ihn überzeugen, zu uns kommen. Aber du mußt ihn meiden! Verlasse
seine Aura, er ist ein Dämon!“ beschwor er sie. Dann lächelte
er wieder fromm und verabschiedete sich mit einer Menge heiliger Gesten
und Gesülze, ging Richtung Tür.
„Mit
deinem scheinheiligen Blut wässere ich die Pflanzen auf meinem Grab!“
raunte Tim ihm zu als Richter an ihm vorbei ging. Der Flur war schmal.
Richter konnte es nicht vermeiden, Tim zu streifen der da stand, ganz in
schwarz, noch weiß geschminkt und in einem schwarzen knielangem Ledermantel,
dunkelgerahmten Augen und schwarzen Lippen, den silbernen Anhänger
des verkehrten Kreuzes deutlich zu sehen an einem schwarzen Band eng am
Hals. Tim spießte ihn mit Blicken auf, bevor er die Wohnung verließ
und küßte in die Luft in seine Richtung. Richter bekreuzigte
sich und schloß die Tür.
Seine
Mutter hatte sich in ihre Kammer verzogen als er sich nach ihr umdrehte.
Er ging auf die Tür zu über der, wie überall in der Wohnung,
ein hölzernes Kruzifix hing. Als er die Tür öffnete, kniete
Helen vor ihrem kleinen Altar neben dem Bett, überall die Heiligenbilder
und Kerzen, die Vorhänge zugezogen. Betete.
Tim
lehnte sich an den Türrahmen und sah ihr eine Weile zu.
„Mama...“
sagte er leise.
Sie
reagierte nicht. Immer hektischer flüsterte sie ihre Gebete. Er kam
näher und legte ihr die Hände auf die Schultern, worauf sie zusammenzuckte
und weiter die Worte stammelte, die Augen starr auf das Kreuz vor ihr gerichtet,
als habe sie Angst ihn anzusehen.
„Ich
bin dein Sohn, hörst du? Dieser Mann macht dich fertig! Siehst du
das nicht? All das Geld, daß du diesen Leuten gibst...Mama!“ er griff
nach ihrem Arm und riß die verkrampft gefalteten Hände auseinander.
Widerwillig blickte sie ihn an.
„Selbst
wenn du diesen Typen alles glaubst, alles was sie dir an Lügen und
völligem... Schwachsinn über mich erzählen und du nicht
länger einen Sohn wie mich ertragen willst, wirst du doch immer meine
Mutter bleiben!“
„Ich
bin nicht die Mutter eines Dämons.“ flüsterte sie mit starrem
Blick und sah ihn an wie den Leibhaftigen. „Ich bin nicht...“
„Mama!“
Er schüttelte sie kurz an den Armen. Sie verstummte und wisperte weiter.
„Ich kann dir nicht helfen.“ sagte er leise und blickte geschlagen zur
Seite.
„Was
wird aus Finchen?“ fuhr er fort und sah sie wieder an. Lächelte kurz,
aber sie reagierte nicht darauf. „Josephine, deine Tochter!“
Helen
schloß die Augen und sagte zitternd und scheinbar voller Haß:
„Sprich ihren Namen nicht aus!“
Drehte
sich wieder dem Altar zu und er ließ sie los. „Ich werde für
dich beten, mein Sohn, der du von diesem Teufel besessen bist!“ sagte sie.
Tim
seufzte und verließ den Raum.
Auf
dem Flur stand ein kleines siebenjähriges Mädchen mit blondem
Haar und einem weißen Nachthemd, als er die Tür hinter sich
schloß. Hatte eine große schwarze Katze mit einer weißen
Pfote auf dem Arm.
„Geh
wieder schlafen.“ sagte er und lächelte. Das Mädchen sah ihn
mit großen Augen an. Er ging an ihr vorbei zur Tür seines Zimmers
und blickte sie wieder an. Sie stand noch dort. Er lächelte wieder.
„Na
komm.“ Das Mädchen lächelte auch und lief zu ihm, er öffnete
die Tür, hob sie samt Katze hoch und trug sie rein. Schloß die
Tür hinter sich und ging im Dunklen bis zur anderen Ecke des Raumes,
griff nach dem Feuerzeug neben sich auf dem Schränkchen und zündete
zwei Kerzen an. Lächelte wieder zu Finchen auf seinem Arm und setzte
sie auf das schwarz bezogene Bett.
Über
dem Bett hing ein riesiges schwarzes Tuch mit einem fetten weißen
Pentagramm darauf. Er zog sich den Mantel aus und hing ihn an die Tür,
zündete weitere Kerzen an und setzte sich dann an eine Kommode vor
einen Spiegel, begann sich abzuschminken. Im Spiegel sah er, wie Josephine
ihn ansah und grinste.
„Bist
du nicht müde? Mm?“
Finchen
schüttelte den Kopf und streichelte Ratte, die Katze neben sich.
Eine
der Kerzen auf dem Schränkchen neben dem Bett knisterte und erlosch.
Selbstlöschend.
Finchen
kicherte. Tim lächelte nur dünn. Hinter dem Licht stand das Photo
von seiner Mutter, die seinen Vater und ihn im Arm hielt. Finchen existierte
zu der Zeit noch nicht.
Er
wischte sich den letzten schwarzen Strich von den Lippen und nahm eine
neue Kerze aus einer Schublade. Tauschte sie aus, entzündete sie neu.
Finchen
rutschte weiter aufs Bett, lehnte sich an die Wand mit dem Tuch und zog
die Beine an. Ratte verzog sich unter das Bett. Er zog sich bis auf T-Shirt
und Boxershorts aus und setzte sich neben Josephine aufs Bett unter die
Decke. Betrachtete das Photo auf dem Schränkchen. Josephine lehnte
sich an ihn, er legte einen Arm um sie, küßte ihr Haar, betrachtete
das Photo.
„Was
ist mit Mama?“ fragte sie.
„Mama
hat es schwer, jetzt wo Papa nicht mehr da ist.“ antwortete er, „Sie ist
sehr traurig.“
„Sie
sagt komische Dinge zu mir.“ Eine Weile Stille.
„Sie
sagt, du wärst schlecht für mich. Sie sagt, du bist nicht Tim.“
Er
sah ihr ernst ins Gesicht. „Finchen, ich bin dein Bruder, ich werde immer
für dich da sein und dich nie alleine lassen. Deine Mutter ist verwirrt,
böse Menschen sagen ihr solche Dinge über mich, damit sie mich
nicht mehr mag. Du darfst ihr das nicht glauben. Versprichst du mir das?“
„Ja.“
sagte Josephine. Dann war es wieder eine Weile still, Finchen schmiegte
sich an ihn und er drückte sie kurz, streichelte ihr Haar.
„Ich
hab dich lieb, großer Bruder.“ sagte sie.
„Ich
hab dich auch lieb, kleine Schwester.“ antwortete er.
Es
brannten nur noch die Kerzen auf dem Schränkchen.
„Warum
sagen diese Leute solche Dinge über dich?“ fragte sie nach einer Weile.
„Ich
fürchte, Du verstehst das nicht, Engel. Ich werde es dir vielleicht
ein anderes Mal erklären.“
„Gut.
Ich werde dich daran erinnern, großer Bruder.“ Sie lächelte
ihn an und küßte ihn auf die Wange, legte sich neben ihn und
wartete, bis er die Kerzen löschte.
Es
war erst nach 22 Uhr. Noch sehr früh, eigentlich hatte er weggehen
wollen. Aber Richter hatte ihm die Laune verdorben. Und Finchen war dazwischen
gekommen.
Er
legte sich neben sie, sie klammerte sich an ihn und schlief wie ein Engel.
Tim
lag noch bis in die frühen Morgenstunden wach und dachte nach. Er
wußte, daß er gegen diese Sekte machtlos war und machte sich
Vorwürfe, daß er diese Schmeißfliege von Richter nicht
schon eher von Helen hatte fernhalten können. Aber nach dem Tod ihres
Vaters hatte er sie nach der Beerdigung gleich bei Seite genommen und zu
irgendwelchen Treffen eingeladen, sie eingesponnen mit idiotischem Geschwafel
und seinem scheinheiligen Gelaber. Er verfluchte in Gedanken jeden Einzelnen
von ihnen.
Er
verbrachte eine Menge solcher Abende mit Finchen, wenn sie nicht schlafen
konnte. Wenn sie manchmal Angst vor Dingen hatte, vor den Bildern, die
Helen in ihrem Zimmer aufhing. Als Helen ihr einige Spielsachen wegnahm,
die sie für „ungeeignet“ erklärte.
Einmal
hatte Tim ihr ein Bild geschenkt, das sie in seinem Zimmer entdeckt hatte.
Es zeigte ein großes Haus auf einem Hügel, durch ein Tor photographiert,
das ein sonderbares Muster hatte. Waagerecht zu den senkrechten Streben
waren kürzere Stücke angebracht, so daß es aussah wie eine
Reihe Kreuze- ein normales, ein verkehrtes, ein normales. Hinter dem Haus
war der Himmel feuerrot gefärbt vom Sonnenuntergang. Neben dem Tor
die Gestalt einer wunderschönen blonden Frau in einem weißen
durchscheinendem Gewand, die den Betrachter traurig ansah und sich an dem
Tor festhielt. Josephine mochte das Bild. Sie fand, es sei eine wunderschöne
Frau, die sähe aus wie eine Prinzessin. Und das Haus mit den Türmen
sähe aus wie ein Schloß und die Farben der untergehenden Sonne
wären so schön, meinte sie.
Tim
sagte, es sei kein Bild für ein Kinderzimmer, aber sie sah so traurig
aus, als er verneinte, daß er es ihr doch schenkte und Finchen war
überglücklich. Und wenn Finchen glücklich war, war Tim zufrieden.
Helen
verbrannte das Bild mit allen Bildern und Dingen in der Wohnung, die Richter
für „schlecht“ erklärt hatte. Dinge, die „anstößig“
seien und geradezu zu „unzüchtigen Gedanken verführen“ würden.
Hätte er sein Zimmer nicht abgeschlossen gehabt, hätte sie wohlmöglich
den ganzen Raum in Flammen aufgehen lassen. Aber er hatte nie zugelassen,
daß Richter sein Zimmer überhaupt betrat.
Bevor
seine Mutter so völlig ihrem religiösen Wahn verfallen war, hatte
er mit ihr noch immer diese endlosen Diskussionen gehabt, in denen sie
ihn zu überreden versuchte, seinen „dunklen Weg“ zu verlassen und
durch Gott und seine „Kinder des Lichts“ dem „Weg des Glücks und der
Erlösung“ einzuschlagen. Wie erschreckt hatte sie reagiert, als er
ihr erklärte, er glaube nicht an eine Erlösung und nicht an ein
Leben nach dem Tod und dann hatte sie ihm nicht länger zugehört.
Als
Finchen aus der Schule kam, war sie todunglücklich, rannte zu Tim´s
Bude und klopfte, bis er ihr verschlafen öffnete. Tröstete sie.
Es war wieder so ein Abend geworden.
„Was
bedeutet der Stern da an der Wand?“ fragte sie ihn.
„Das
ist ein Pentagramm.“ sagte er nur.
„Was
bedeutet es?“
Sieg
des Geistes über die Materie schoß ihm durch den Kopf. Er wußte
nicht wie er das erklären sollte und sagte deshalb: „Ich kenne nicht
seine genaue Bedeutung. Jemand hat mir die Fahne geschenkt. Mir gefällt
das Zeichen, deshalb hängt es dort.“
„Ich
meine, man sollte nicht Sachen an der Wand hängen haben, wo man nicht
weiß was sie bedeuten.“ meinte sie belehrend und er bewunderte ihre
Gedanken.
„Ich
habe es geschenkt bekommen.“ verteidigte er sich.
„Von
wem denn?“ wollte sie mit einem verschwörerischen Lächeln wissen
und er erwiderte grinsend:
„Von
einer...Freundin.“
„Von
einer guten wohl, was?“
„Kann
man so sagen.“
„Man
sollte sich trotzdem keine Sachen an die Wand hängen, wo man nicht
weiß, was sie heißen.“
„Da
hast du wohl recht. Aber sobald ich es genauer weiß, werde ich es
dir erklären.“
„Ich
werde dich daran erinnern, großer Bruder.“ sagte sie. Er lächelte
und küßte sie, löschte das Licht und ließ sie schlafen.
Dann
kam der Tag, an dem Helen Ratte ertränkte. Josephine hatte das Tier
geliebt, wie sich selbst, es war ihre und Tim´s Katze gewesen. Sie
suchte den ganzen Tag nach ihr, gab dann enttäuscht auf und verschwand
in ihrem Zimmer. Helen sagte ihr, die Katze sei auf Grund ihrer Farbe empfänglich
für böse Strahlungen gewesen. Sie sagte, sie habe Ratte weggegeben.
Tim
fand das Kätzchen tot am Grund des Baches in einer Schachtel mit Steinen.
Er
weinte um das Tier. Er weinte selten. Diesmal schon wegen der Tatsache,
daß Helen die Katze ermordet hatte. Er versuchte, das Finchen zu
erklären, aber sie schien es in seinem Gesicht zu lesen wie die Nachricht
von Tod ihres Vaters.
An
diesem Abend wartete Tim, bis Josephine eingeschlafen war und verließ
die Wohnung. Warf sich die weite schwarze Robe über und ging auf den
Friedhof, zwei Häuser weiter. Der Bach ging auch hier vorbei. Neben
dem Bach standen einige Bänke, den Gräberreihen zugewandt. Er
suchte mit Blicken das Grab seines Vaters, als er sich auf eine der Bänke
setzte. Kurz nach seinem Tod hatte er hier auch gesessen, als sein Grab
noch frisch gewesen war und der Geruch nach Erde noch deutlich.
Er
saß öfter hier. Wenn er es zu Hause nicht aushielt. Wenn er
nachdenken wollte. Wenn er seine Ruhe haben wollte und wenn es ihm einfach
scheiße ging. Unter diesen Bank klebte sein Blut im Boden.
Der
Bach lag einige Meter vom eigentlichen Friedhofsgebiet entfernt, es gab
eine leichte Böschung hinunter zum Wasser, die eigentlich kaum der
Rede wert war. An der Bank standen Gießkannen, mit Namen beschriftet.
Er
saß auf der Lehne der Bank, die Füße auf der Sitzfläche,
legte den Kopf auf die Arme und genoß die Einsamkeit ein wenig und
ohne es zu wollen, weinte er plötzlich und fand sich von tiefer Wut
und Trauer gefangen.
Dann
spürte er einen kaum merkbaren Druck auf seinem Arm durch den dicken
Stoff der Kutte. Josephine stand da in dem dünnen Nachthemdchen und
ohne Schuhe. Zitterte. Weinte.
Er
wischte sich schnell die Tränen aus den dunklen Augen.
„Was
tust...was tust du hier?“ fragte er mit bebender Stimme und hob sie hoch,
wickelte sie in den weiten Ärmeln und Stoff ein. Sie verkroch sich
an seiner Brust und umschlang seinen Hals unter der Kapuze.
„Ich
will nicht, daß du alleine traurig bist, großer Bruder. Ich
will Ratte wiederhaben und daß Mama wieder wie früher ist und...“
weinte. Leise und kläglich. Wollte sich nur festgehalten und traurig
sein. Und Tim hielt den kleinen Körper fest in den Armen, wärmte
sie und weinte still mit ihr, bis sie einschlief.
Er
hatte immer versucht, sie vor dem religiösen Wahn ihrer Mutter zu
bewahren. Er wollte sie nicht zum Gothic machen, so wie er, wollte nicht,
daß sie die dunkle Welt zu sehr beeinflußte. Er wollte, daß
sie selbständig wurde, selber entschied und freute sich über
jede Kritik, die sie an ihm oder überhaupt übte. Wenn sie sagte,
er sähe so „furchterregend“ aus, wie eine Leiche; er trage ständig
nur schwarz, ob das nicht langweilig sei; seine Musik klinge so düster
und man verstehe kein Wort; er rauche zuviel, sie fände das schrecklich;
er habe einen merkwürdigen Geruch an sich, wie Friedhof; er habe seltsame
Freunde, sie hätten so gemein gelacht, als sie ihn einmal mit ihnen
sah und zu ihm gelaufen war und ähnliches. Und er sagte ihr, ihm gefalle
es so auszusehen, die Musik sei nun einmal so und die Texte verstehe sie
nicht, weil sie kein Englisch verstehe und es müsse einfach so sein,
er rauche weil er nicht mehr aufhören könne, der Geruch sei Patchouli
und es gefalle ihm halt so zu riechen und seine Freunde hätten nur
gelacht, weil sich eben ein Anderer über seinen nervigen kleinen Bruder
aufgeregt habe und man fände sie wirklich süß.
„Ich
bin nicht süß!“ entrüstete sie sich und er lachte. „Doch!“
sagte er und sie: „Nein!!“- „Doch!“ Das Ganze endete mit einer kleinen
Schlägerei mit sämtlichen im Bett befindlichen Gegenständen
wie Katzen und Kissen. Wie lange war das schon her...
Er
beantwortete ihr alle Fragen, die sie stellte soweit er konnte oder meinte,
daß sie es wissen müsse.
Als
Helen eines Abends eine Zeitschrift bei Josephine fand, die sie sich heimlich
aus Tim´s Zimmer mitgenommen hatte, irgendein in schwarz und weiß
gehaltenes Gothic- Magazin, auf dem Cover irgendeine satanisch angehauchte
Band mit einem umgedrehten Kreuz im Hintergrund und sie dafür schlug,
rannte sie zu seinem Zimmer, aber er war nicht da und so wartete sie vor
der Tür auf ihn bis morgens gegen vier, als er zurückkam und
sie schlafend vor der Tür fand. Am Abend erzählte sie ihm alles.
„Sie
hat mich noch nie geschlagen, Tim, noch nie!“ Er tröstete sie, bis
sie sich beruhigt hatte. Eine ganze Weile war es still.
„Aber
du kannst doch gar nicht lesen, was darin steht. Warum hast du sie mitgenommen?“
„Ich
weiß nicht, ich wollte mir die Bilder ansehen.“ Er seufzte
und blickte auf den Haufen Zeitungen neben dem Bett, welche fehlte.
„Ich
weiß, daß es vielleicht lächerlich ist, aber wenn du die
Oberste genommen hast, möchte ich dich am liebsten erwürgen,
Schwesterchen.“ und er blickte sie leicht säuerlich an.
„Es
tut mir leid.“ jammerte sie aber als sie dann lächelte, konnte er
ihr auch nicht mehr böse sein.
„Na
egal,“ sagte er schweren Herzens, „Es war ja nur eine Zeitung.“
Sie
hatten eine ganze Zeit geschwiegen bis Josephine plötzlich sagte:
„Ich
hasse sie.“
„Nein,
das darfst du nicht.“ antwortete Tim ihr und sah sie an. „Du darfst sie
nicht für das hassen was sie tut. Sie kann nichts dafür.“
Konnte
sie nicht? Nein. War es nicht seine Schuld, daß er ihr nicht genug
Trost hatte zukommen lassen? War es seine Schuld? War es seine verdammte
Schuld?...
Er
arbeitete manchmal als Türsteher in einem Club, meistens Mittwochs
und Samstags. Den Job hatte ihm ein Bekannter besorgt.
Helen
arbeitete noch im Krankenhaus, aber sie begann ihre Arbeit zu vernachlässigen.
Immer öfter hielt der schwarze Wagen vor der Tür, um sie zu irgendwelchen
Treffen abzuholen.
Dann
sperrte Helen Josephine in ihrem Zimmer ein, damit sie nicht mehr zu Tim
gehen konnte. Seine Mutter redete nicht mehr mit ihm, mied ihn und ignorierte
ihn weitgehend. Sie begann, Josephine von ihm fernzuhalten und zum Beten
zu zwingen.
Mit
jedem Tag verbrachte sie mehr Zeit mit Gebeten, bis sie schon nach der
Arbeit in ihrer Kammer verschwand. Dann wurde sie abgeholt von Richter,
der vor dem Haus wartete und abends zurück brachte, vollgepumpt mit
neuen Ideologien und Versprechen, Lügen und heiligen Phrasen.
Als
er eines Morgens nach Hause kam, war auf seine Tür ein riesiges Kreuz
gemalt. Er strich die Tür ganz schwarz und pinselte ein weißes
verkehrtes Kreuz darauf. Finchen´s Tür war offen, aber Finchen
war nicht da. Seine Mutter auch nicht. Auch als er am Abend aufstand, war
auch niemand da. Er rief die Lehrerin an, Finchen war nicht da gewesen.
Bevor sie am anderen Ende fragen konnte, legte er auf und blieb für
einige Minuten wie gelähmt neben dem Telephon stehen. Und als er sich
bewußt wurde, daß er nichts tun konnte, daß er sie nicht
von dort wegholen konnte, weil er nur der Bruder war und keinerlei Erziehungsrechte
hatte, daß seine Mutter ja aus „eigener Entscheidung“ dort war, rief
er sich ein Taxi. Hatte er Josephine nicht gesagt, er würde sie nie
alleine lassen?
Der
Sitz der Sekte war eine mittelalterliche Burg am Rande der Stadt. Er klopfte
an das schwere Tor und ein Schieber wurde geöffnet, ein Typ, der aussah
wie ein Mönch aus einer Ritter- Historie blickte hindurch.
„Gott
sei mit ihnen, was kann ich für sie tun?“
„Ich
möchte zu meiner Mutter und meiner Schwester. Helen Singer und Josephine.“
Er hatte sogar seinen Anhänger zu Hause gelassen und sämtliche
Ringe.
„Tut
mir leid, unsere Schwester möchte niemanden sehen, und schon gar nicht
den Dämon, den sie geboren hat und der ihre Tochter verführte.“
Und bevor er noch etwas sagen konnte, hatte der Typ die Klappe wieder geschlossen
und sooft Tim noch auf sich aufmerksam machte, machte er nicht mehr auf.
Tim gab sich geschlagen und fuhr wieder nach Hause.
Sah
sich lange Zeit stumm in der Tür stehend die Zimmer an...
„Was
sind das für Zeichen da?“ fragte sie einmal und deutete auf die Tätowierung
an seinem Hals.
„Das
ist ein Tatoo, es geht nie wieder weg.“ sagte er.
„Warum
nicht?“
Er
erklärte ihr, man bringe die Farbe mit einer Nadel unter die Haut,
deswegen nicht.
„Ich
möchte auch so etwas.“ Er lachte leise und sagte, sie sei für
so etwas noch zu jung, sie würde es bereuen aber wenn sie einmal 18
sei würde er ihr eins zum Geburtstag schenken, wenn sie es dann noch
wolle.
„Ich
werde dich daran erinnern, großer Bruder.“ hatte sie gesagt...
Er
verbrachte die Nacht im Club. Man feierte eine kleine Orgie. Er saß
mit Mae in einer Ecke des dunklen Raums und ließ sich berauschen
von der düsteren Musik und dem Alkohol, Mae´s Blut und den Wunden,
die das Messer ihm zufügte. Überall hingen ähnliche Pärchen
rum und trieben schlimmere Dinge, auf der Tanzfläche bewegten sich
einige engumschlungen und andere ekstatisch zu den Geräuschen aus
den Boxen. Er ließ sich mittreiben und dachte nach.
Mae,
das Mädchen bei ihm, wußte eine Menge über ihn. Er erzählte
ihr viel. Sie wußte immer was er brauchte und wollte. Er war der
Einzige, mit dem sie sprach, sonst blieb sie stumm und tauschte nur Blicke
aus mit ihren asiatischen hypnotischen Augen. Sie hatte nach einem üblen
Überfall von irgendwelchen Rechten erst wieder sprechen lernen müssen
und es war mühsam für sie.
„Polizei?“
schlug sie vor.
„Keine
Chance, sie kümmern sich um nichts. Ich war schon dort. Sie sagen,
wenn meine Mutter freiwillig da ist, können sie auch nichts tun. Ich
solle mich an einen Anwalt wenden. Ich habe kein Geld für einen Anwalt.“
„Es
ist Nötigung.“
„Ja,
ich weiß, aber als ich mit ein paar Beamten vor der Tür stand,
haben sie sie irgendwie abgewimmelt.“
„Kriminalpolizei?“
„Ich
weiß nicht. Ich werde noch einmal hingehen.“
„Nicht
aufgeben.“
Er
lächelte.
„Nein.“
sagte er und küßte sie. „Laß mich allein.“
Für
Michaela Klos & mich
©Kay
Agony
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