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fangfrische
fische
Shine
sie
sass in der abflughalle gleich neben dem riesen panoramafenster und sah
zu, wie die flugzeuge starteten und landeten. eigentlich sah sie nicht
wie der typische flugreisende aus – die geschäftsleute, die rund um
sie verteilt auf den orangen plastiksesseln sassen, mit ihren laptops auf
den knien, handies am ohr, hatten sie auch ziemlich gemustert, als sie
den gang entlang gekommen war, mit ihrem flatterkleid und dem grossen seesack
aus buntgemustertem stoff, von dem sie noch nicht genau wusste, ob er im
flugzeug wirklich in die ablage über ihrem sitz passen würde
– die frau am schalter hatte gemeint, es würde sich knapp ausgehen,
aber etwas zweifelnd gewirkt. ihr handgepäck war nun mal etwas mächtiger
als das der anderen mitreisenden – sie warf einen kurzen blick rundherum
– aktentaschen und kleine handtäschchen, die sie aus tiefstem herzen
verabscheute. ihr seesack lag dick, breit und beruhigend auf dem sitz neben
ihr.
sie
war gut drauf. die blicke der anwesenden kümmerten sie nicht im geringsten.
leute starrten nun mal, daran war sie gewöhnt, und einschüchtern
liess sie sich schon lange nicht mehr. ausserdem freute sie sich schon
auf ihre freundinnen, die am anderen ende der welt auf sie warten würden.
das hatten sie versprochen, sie hatten versprochen, dass sie sie am flughafen
abholen würden. mit ihrem eigenartigen auto, von dem sie noch kein
foto gesehen hatte, aber das...sie wußte es aus den briefen...recht
auffällig sein sollte. ausserdem wurde dort links gefahren. auf der
linken strassenseite, du meine güte...die küste entlang, so hatte
kay gemeint, würden sie fahren, und dort stehenbleiben, wo es ihnen
gerade gefiel. sie grinste. der mann ihr gegenüber blickte sie irritiert
an und sie grinste noch mehr. er würde mal augen machen, wenn er sie
alle zusammen sah, alle drei...
sie
dachte an den ozean und an tausend bunte fische. dabei fiel ihr ein, dass
sie hunger hatte. sie kramte in ihrem seesack nach essbarem, fand das gesuchte
und biss mit scharfen zähnen in das rohe, rosarote stück fisch.
ihre lunchbox hatte es in sich. roher fisch auf eis. klirrendes eis und
rohes rotes fleisch. sie kaute genüsslich an ihrem fangfrischen kalten
fisch, den sie noch kurz zuvor am markt gekauft hatte. es war gut, dass
sie ihn schon jetzt zu sich nahm. ihr essen hielt sich nie besonders lang,
man musste es frisch verzehren. fangfrisch sozusagen. der mann war aufgestanden
und sah krampfhaft aus dem fenster. irgendwie machte er den eindruck, als
wäre ihm übel geworden. sie sah ihn nur von der seite, aber ihr
kam vor, als würde er würgen. wahrscheinlich einer von der sensiblen
sorte, dachte sie mitleidig und beobachtete ihn weiter. er sah so aus,
als könnte er nicht bis drei zählen. gemeiner gedanke, aber ein
mann sollte anders aussehen, ein wenig mehr ..nunja...männlich vielleicht...
überlebensfähig. der hier sah aus, als könnte er nur im
grossstadtdschungel überleben und das auch nur solange es elektrischen
strom gab. er hatte die typische hautfarbe eines büromenschen und
wirkte übernächtigt und blutleer. sie biss ein grosses stück
von ihrem fisch ab und überlegte. ein wenig wildnis und natur würden
hier wunder wirken, zumindest hätte er dann eine erträgliche
hautfarbe und mehr selbstbewusstsein.
er
packte seine sachen zusammen, wobei er krampfhaft versuchte, nicht in ihre
richtung zu sehen. seine gesichtsfarbe spielte ins grünliche. als
er zur toilette ging, und zwar sehr schnell, wußte sie, dass er sich
übergeben musste. ihr appetit war verflogen und sie packte den fischkopf,
an dem noch einige fleischfetzen hingen, wieder in ihre hübsche lunchbox,
wischte ihre hände an einem erfrischungstuch ab und seufzte vor sich
hin. es war schon ein horror mit den menschen. sie waren alle so übersensibel
geworden, und ununterbrochen wurden sie krank oder kränklich, so wie
der mann von vorhin. wahrscheinlich kein kreislauf, zu wenig bewegung,
zu wenig überlebenskampf, wenn man davon absieht, wie sie sich im
nachtleben um einen platz am tresen balgten und um das vorrecht, die hübscheste
frau im lokal abzuschleppen. eine schwache vorstellung männlicher
stärke. wie so oft fragte sie sich, ob es noch echte männer gab.
ein echter mann hätte sicher nicht so zimperlich auf ihr harmloses
essen reagiert. zumindest hätte er sie gefragt, was um himmels willen
sie hier trieb.
vielleicht
wartete sie ja auf diese frage. sie würde ihm einiges von sich erzählen,
aber sicher nicht alles...
bis
zum abflug beobachtete sie die flugzeuge beim starten und landen, grosse
jumbojets hauptsächlich. einer davon würde sie in seinem dicken
bauch ans andere ende der welt verschleppen.
sie
spürte die beiden anderen schon, bevor sie sie sah. ein korridor voll
mit menschen, die das licht schluckten und farben ausdämpften zu mattem
grau. den seesack geschultert, ihren alten koffer in der hand, schlenderte
sie hindurch und ihr kleid flatterte in der zugluft, die durch den grauschattierten
korridor wehte. sie sah sie noch nicht, aber sie witterte ihre gegenwart,
eine art frische und ein träumerisches blinzeln zweier grüngoldener
augenpaare, ein kichern und flüstern wie im geäst von irischen
bäumen, oder in dunklen teichen und quellen und manchmal auch ein
angewidertes zischeln – das war kay, wenn ihr wieder mal ein mensch zu
nahe gekommen war. mika lächelte gerade und nichts konnte sie von
ihrer guten laune abbringen. sie spürte mika lächeln und
schritt schneller aus, drängte sich rücksichtslos an familien
vorbei, die ihr im weg standen, drängte und schob sich durch grau
und wieder grau – ein korridor so endlos lang wie ein wolkenverhangener
herbsttag – sie fliegt heran hörte sie kay sagen, wie eine schwalbe
die zum nest will.
sie
standen am fuß der rolltreppe, die zum ausgang führte. sie rannte.
sie rannte so schnell sie konnte. wie in ultraviolettes licht getaucht
standen die beiden in ihrer ursprünglichen gestalt vor ihr. nur für
sie erkennbar, nur für ihre augen bestimmt, sah sie das geheimnis,
über das sie nicht einmal mit dem liebsten ihrer liebhaber sprechen
konnte oder wollte.
mika
sah so zufrieden aus, als hätte sie einen ganzen fisch verschluckt.
sie strahlte, schüttelte immer wieder ihre hand, als wollte sie sie
nicht mehr hergeben. kay murmelt pausenlos „das ist zu cool“ vor sich hin
und sah ebenso wie mika völlig planlos aus.
der
mann, der sich in der abflughalle übergeben hatte, beobachtete die
frauen mißtraurisch. er hätte nicht übel lust gehabt, sie
anzusprechen, doch dann dachte er an die starren augen des fischkopfs,
die ihn fixiert hatten, als die eine, die in seinem flugzeug – gottseidank
einige reihen vor ihm – gesessen hatte, ihr sonderbares mahl verzehrt hatte,
das ihn den letzten rest seiner nerven gekostet hatte. er wischte sich
über die stirn. er schwitzte und ihm war wieder schlecht. das ganze
mal drei, kam ihm in den sinn, wenn schon eine zuviel ist. die frauen
bewegten sich langsam zum ausgang, redeten und lachten, und er folgte ihnen,
wobei er seinen schritt dem ihren angleichen mußte. er wollte nicht
an ihnen vorbei gehen und die drei in seinem rücken haben. er ging
gekünstelt langsam hinter ihnen her und fluchte stumm in sich hinein.
deren selbstbewusstsein wollte er mal haben. so wie die redeten – und laut
lachten...das sollte mal eine in seinem bekanntenkreis probieren, na die
hätte dann ein kleines problem, dachte er und fühlte sich wieder
eine spur besser. bis sich die eine, die er schon kannte, umdrehte und
ihm ein wissendes lächeln zuwarf. dabei entblösste sie sehr spitze
reisszähne und ihre augen schienen wahrhaft dämonisch zu funkeln.
wahnsinnige, dachte er, das sind doch völlig verrückte weiber,
die sollen mir bloß vom leibe bleiben. er fiel einige schritte zurück.
so ging er mit gesenktem kopf hinter ihnen her, hinaus auf den parkplatz,
wo er sich ein taxi nehmen wollte. dennoch mußte er geradezu nach
ihnen ausschau halten – er wollte wissen, mit welchem auto sie gekommen
waren. wahrscheinlich ein vw käfer, dachte er, oder sonst irgendein
kleinwagen, doch das, was dann an seinen augen vorüberzog wie ein
gewaltiges schiff, mit hoch aufragenden finnen, glänzend und
riesengross, riß ihm das spöttische grinsen vom gesicht. verdammt,
dachte er, verdammt, verdammt, verdammt....
der
mächtige chevrolet folgte der gewundenen küstenstrasse. wie ein
gewaltiger fisch, glatt und glänzend, zog er ruhig seine bahnen, während
die meerjungfrauen in seinem inneren lachten und erzählten. über
dem spiegel hingen ketten aus muscheln, treibholz und perlen, im handschuhfach
befanden sich getrocknete algen und hummerchips, im kofferraum kistenweise
flaschen mit meerwasser und fangfische fische, diesmal nicht vom markt....
ihre
nassen, salzigen haare trockneten im wind. der ozean reichte bis zum horizont.
sie ebenfalls.
für
kay und micha
©Shine |