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Karaits Kuss

Der Morgen brach an über den glänzenden Chalzedon-Türmen und Söllern von Aramanthis am Delta des breiten Flusses Sistra, wo er sich in das Meer ergoß. Groß war Aramanthis, und prächtig waren ihre Gebäude und Türme von leuchtendem Stein. Ihre Wände glühten in dem rosigen Morgenlicht in Gelb und Weiß, mit glitzernden Adern von Silber durchsetzt. Der König und die Königin hatten sich an diesem Tage früh erhoben, um sich prachtvoll zu kleiden, denn es war ein besonderer Tag in ihrem Leben: ihre Tochter, die Prinzessin Elnis, feierte ihre Volljährigkeit, und ihr zu Ehren würden der Tradition gemäß Festspiele abgehalten werden, die das Leben ihres Volkes widerspiegelten. Einstmals ein Volk von Fischern und Seeleuten, waren die Leute von Aramanthis aufgrund ihrer Edelsteinminen zu Reichtum und großer Kultur gelangt, aber der Ursprung ihrer Kultur wurde zu diesem besonderen Datum mit einem Schwimmfest gefeiert, an dem die schönen jungen Leute im Alter der Prinzessin teilnahmen.

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Eis und Rosen

Eddie M. Angerhuber/Thomas Wagner


Ich tauche auf. Langsam, durch die wolkendichten Schichten der Dunkelheit, krieche ich ans Licht. Die Welt besteht aus wattigen Farben, wohliger Wärme und dem süßen Geschmack des Vergessens - dann erwache ich plötzlich, unvermittelt. 
Durch die schmalen Ritzen in den Brettern dringen die mannigfaltigen, heißen und kühlen Düfte der Nacht zu mir. Ich atme sie mit starren Nüstern, denn ich brauche lang, um ganz wach zu werden und die Steifheit abzuschütteln. Nur langsam werden meine Glieder beweglich und weich, ich weiß das und biege langsam alle Finger einzeln wie zur Übung. Das Rascheln von Seide ist ein Geräusch, das mich durch die Zeit begleitet und das ich immer geliebt habe. Das Rascheln von Seide ist wie der fast unhörbare Schrei der Fliege im Netz der lauernden Spinne, die kopfüber zu ihrem zappelnden Opfer hinuntersteigt. Das Rascheln von Seide ist wie der Lustgesang der Katzen auf den reifbedeckten Dächern im Februar, wenn in den kleinen Dörfern weiße Rauchfahnen senkrecht zum mondlosen Himmel aufsteigen. Es ist das Geräusch, das die Angehörigen meiner Rasse begleitet - stets begleitet hat. 
Ich schlage die schwarzen und karmesinroten Wogen beiseite, fühle mit der Hand gegen das roh gezimmerte Brett, die rauhe und doch von tausend Berührungen geglättete Oberfläche. Knarrend öffnet sich die Tür zur Nacht, und ich entsteige dem kalten Bett, begleitet von dem Rascheln der Seide, das immer mit mir ist wie die Fährte hinter dem Raubtier, der Duft der Rose. 
Die Nacht ist still: ich stehe in der nackten Fensterhöhlung und blicke hinunter über das tiefverschneite Land. All das, von Horizont zu Horizont, ist mein, ist übernommen von den Vätern und den Vätern der Väter. Der poröse und glatte Stein, aus dem die Mauern meines Schlosses gebaut sind, hat die tiefste Februarkälte in sich aufgenommen, und die alten weißen Spitzen wehen wie lange, bleiche Spinnweben vor den unverschlossenen Fensterlöchern. Da draußen ist das weite Land, liegt die mondlose Nacht hingebreitet wie die Flanke eines großen toten Tieres: eine weite Flanke aus Schnee, der Körper bedeckt mit zerschlissenem weißem Pelz, leise und heimlich funkelnd im Widerschein der nächtlichen Ferne. 
Ich fühle es wie einen Ruf: die Nacht ist still, und jene unerreichbaren, bleichen Lichter in der unfaßbaren Weite funkeln und locken, von jagenden Wolkenfetzen verschleiert, Tausende von diamantenen Augen auf einem Untergrund von rötlichschwarzem Samt. 
Ich hebe mich mühelos in den Atem des Nordwinds und ziehe als Rauchfahne, als bleicher Nebelstreif hinunter in das Land. 
In der flachen, verschneiten Ebene hingeduckt ein Dorf, eine Stadt: elend und flach die ersten Hütten, wie suchende Fühler hinausgestreckt in die feindliche Wildnis, aber in der Mitte hohe Gebäude aus schimmerndem Stein, mit Gesimsen und Kannelüren, in denen die grauen Tauben nisten und die den kleinen Krallen der nächtlichen Besucher Halt bieten. 
Hierher hat es mich gezogen in den letzten Nächten, viele Stunden habe ich an den feinen Ornamenten gehangen und den schneidend kalten Wind im Innersten meines Körpers gefühlt, aber er war nicht kalt genug, um mein kaltes Herz zu berühren. Denn da ist nichts in den Fernen und Weiten, weder Mensch noch Tier noch Naturgewalt, das meiner Ewigkeit ein Ende setzen oder meiner Kälte einen Hauch von Wärme geben könnte. 
Wie der Winter mit sibirischer Kralle das sterbende Land umfangen hält, so bin ich, ganz weißes Elfenbein und knöcherne Glätte und Eiskristall in Auge und Haar. Mein Atem weht hinter mir in der Farbe des Winters, und mein Herz ist so kalt, daß glühend rote Sprünge es überziehen wie ein feines, gesticktes Gitterwerk. Oh, es ist so kalt, und die Berührung Deiner Fensterscheibe schmerzt in diesen Sprüngen wie die Berührung mit einer glühend heißen Zange. 
Hier bin ich. 
Du hast mich gerufen; Nacht für Nacht bin ich gekommen. Ich habe Deinen Ruf gehört; dort in der schwarzen Ferne, in meiner schlafenden Kiste, hat er mich geweckt aus dem totengleichen Schlaf, der Versenkung der Jahrhunderte. Lang habe ich den Ruf nicht mehr gehört, Jahrhunderte vielleicht. Wie der Gesang der Nachtigallen oder das Tröpfeln schweren Honigs, körperlos und voll von schmerzender Sehnsucht, hat mich dein Ruf erreicht: ich folge Dir. 
Es ist die siebte Nacht, seit Du mich gerufen das erste Mal. Siebenmal habe ich mit meinen langen, knochenbleichen Fingern an Deinem Fenster gekratzt, ganz leise, gerade so nur, als striffe der Nordwind mit einer Handvoll gefrorenen Schnees die bebende Scheibe. Als ob es ein Teil deines Körpers sei, so habe ich das zitternde Glas liebkost: zart, so zart, und wo die Spitzen meiner Krallen ihre Kurven zogen, da blühten Eiskristalle auf und sprangen mit leisem, berstendem Ton wie kleine, gläserne Glocken. 
Es ist die siebte Nacht, seit Du mich gerufen das erste Mal. Ich hauche gegen Dein Fenster: Öffne mir -, denn die Kälte ist so bitter, und der Frost hat das Weiße meiner Augen gefrieren lassen in seinem unbarmherzigen Griff. Öffne mir -, laß mich hinein, zu Dir, in die Wärme; Dein Kamin strahlt in den feurigen und verlockenden Rotschattierungen der lebendigen Flamme, und da die Vorhänge an Deinem schönen Bett zurückgezogen sind, kann ich Dich liegen sehen, in ein weiß und rosenrot gesticktes Nachtgewand gehüllt. Öffne mir -, denn hast Du mich nicht gerufen? Wolltest Du nicht den schwarzen Strom der Nacht, die schweigsamen Geheimnisse der unermeßlichen Räume in Deinen eigenen Adern fühlen? Und hast Du nicht aufgeblickt, Nacht für Nacht, bevor Du Dich in dein schönes, rosiges Bett begeben hast -, hast Du nicht aufgeblickt zu den diamantenen Lichtern dort oben, die Dir einen Abglanz der Ewigkeit versprachen? 
Höre mich -, erwache: ich streife das Fensterglas mit meinen weißen Fingern, ich küsse es mit meinen begehrlichen Lippen, und wo mein Atem die bebende Scheibe berührt, da blühen Eiskristalle auf gleich einer Schale weißer Rosen, die ich über Dein jungfräuliches Lager streuen will ... 

Ein Taumeln, Hinabtauchen in einen endlosen Abgrund, Ertrinken unter schäumenden Wogen aus Blut, die über mir zusammenbrechen, während von oben Hände nach mir greifen, vertraute Stimmen meinen Namen rufen ... 
Ich träume - nein, ich habe geträumt, den gleichen Traum, der jede meiner Nächte heimsucht seit ... Doch es ist vorbei, ich bin erwacht, ich spüre, daß ich wach bin. Meine Hände fühlen die glatte Oberfläche von Damast auf dem Bett und ertasten aufwärtsgleitend die Wärme meines Körpers, können den Fluß des Blutes erahnen, der diesen Leib in dieser Welt, ihn am Leben hält ... Die Vorstellung dieses Flusses in mir erschreckt und erregt mich zugleich, genau wie jener Traum. 
Ich zwinge mich, die Augen zu öffnen, langsam, ganz langsam nur ... Es ist nichts. Über mir erkenne ich von den spielerischen Reflexen des Kaminfeuers erleuchtet den Betthimmel. Das Feuer malt viele Bilder in der Nacht, seltsame, komische und unheimliche Bilder. 
Schon als Kind liebte ich es, stundenlang dem Schattenspiel der Flammen zuzusehen, und manchmal war es, als nähmen sie tatsächlich Gestalt an und sprächen zu mir in leisen fremden Zungen, die nur ich verstehen konnte ... ich erinnere mich an die besorgten Gesichter der Eltern, als sie mich so fanden, nächtens am Kamin kauernd und den Flammen lauschend. Meine Mutter zitterte und wischte sich verstohlen die Tränen aus den Augen, und mein Vater ergriff tröstend ihre Hand und murmelte einige beruhigende Worte, deren Sinn der ängstliche Blick, mit dem er mich bedachte, jedoch Lügen strafte ... Bald danach brachte man mich fort, in eine andere Stadt, in ein anderes Haus, in dem das Feuer keinen Zauber hatte und die Nächte nur dem Schlaf dienten. Es scheint mir fast, als wären all die Jahre in der Fremde nur ein einziger Schlaf gewesen, ein Schlaf, der mich nur darauf vorbereiten sollte, zurückzukehren in dieses Haus, nachdem mein Vater starb und meine alte Mutter den Verstand verlor ... Ich höre den eisigen Wind, wie er mit grausamer Gewalt seine Heerscharen von Schnee und Hagel in das Tal treibt, um Mensch und Tier darunter zu begraben ... Wie müßte es sein, wenn aller Fluß des Blutes in dieser Nacht einfröre? Ich stelle mir Flüsse und Seen mit einer purpurnen Eisdecke vor und meine Hände verkrallen sich in meinem Nachtgewand. Obwohl das Prasseln der Holzscheite im Kamin immer noch gegen das Pfeifen des Windes ankämpft, scheint es mir, als ströme ein eisiger Atem in das Zimmer. 
Diese Kälte ... 
Ich sehne mich fast zurück nach dem Traum, nach den warmen roten Fluten, die mich in jeder Nacht aufs neue verschlingen. Seit sieben Nächten umfangen mich, sobald der Schlaf Macht über mich gewonnen hat, diese Bilder, und sieben Nächte ist es her, daß ich getan habe, was mir vor so vielen Jahren schon die Stimmen in den Flammen befohlen haben ... 
Meine Hände tasten unter den Stoff meines Nachtgewands, spüren die verschorften Linien auf meiner Brust, dort wo ich vor sieben Nächten meine Haut mit einer Klinge ritzte, so wie die Stimmen es mir einst befahlen. Ich streiche sacht über die Wunden, kann das Symbol erahnen, das in jener Nacht blutrot auf meiner Brust entstand, während ich die Worte sprach, die in dem verbotenen Buch geschrieben sind. Der Nordwind kam und trug das Blut mit sich fort ... 
"Das Blut sei Deine Stimme, so wird ER Dich hören", so steht es in dem verbotenen Buch. Dann kamen die Träume. Und nach den Träumen ... Doch was war das? 
Etwas ist dort draußen, irgend etwas außer dem ewigen Wind und dem Schnee und dem Hagel. Es ist fast, als würde etwas an der Fensterscheibe kratzen, doch dabei ist es fast unhörbar, wie aus weiter Ferne ... Wer ...? Träume ich immer noch? Eben war es, als vernähme ich eine Stimme, eine Stimme von dort draußen, aus der Kälte der Winternacht! Eine Stimme, so unhörbar und doch so fordernd, so unmenschlich kalt und doch so voller Sehnsucht ... Fast spüre ich so etwas wie Angst, was mich erschrickt, denn niemals hatte ich in diesen Mauern Angst. Nicht als die Flammen zu mir sprachen und auch nicht in jener Nacht, als ich im Schutz der Dunkelheit endlich heimgekehrt mich an das Bett des Vaters schlich ... Es war so leicht, mit einem Kissen das Leben aus dem alten Mann zu pressen und das Geschrei der Mutter war so laut, als sie mich dabei sah und den Verstand verlor! Nein, ich hatte niemals Angst in diesem Haus, nur Einsamkeit ... 
Wieder das Kratzen! 
Ich scheue mich davor, den Kopf zu drehen, um zum Fenster zu sehen, nein, stattdessen versenke ich meinen Blick weiter in das Flammenspiel auf der Seide des Betthimmels. 
Sprecht zu mir, Flammen! Sprecht! Oder laßt mich wenigstens zurückfallen in die Wärme dieses Traums ... Die Flammen schweigen, doch trotzdem höre ich wieder diese Stimme vom Fenster! 
Was sagst du? Was willst du von mir ...? 
Ich kann die Stimme kaum hören, der Wind pfeift immer lauter und schleudert Eiskörner gegen die Scheibe, und dennoch ... verstehe ich die Worte. Es sind Worte wie Musik, bezaubernd und voller Sehnsucht und gleichzeitig so voller Kälte und Gier, daß mir das Herz wie Eis zerspringen mag. 
ER ist gekommen ... 
Etwas schmerzt auf meiner Brust, und ich spüre eine warme Flüssigkeit unter meinen Fingern, die, ohne es zu merken, die Wunden aufgerissen haben, und es ist, als würde das Kratzen am Fenster immer lauter, drängender ... Nein! Ich will nicht zu Dir hinsehen! Ich will nicht ... 

... Das Prasseln des Eises um mich her auf dem marmornen Gesims, das Prasseln der Flammen in dem lodernden Schlund des Kamins, sie vermischen sich zu einem Ton, einem Lied; und um mich her rieselt es mit leisem Klang von den Dachrinnen wie Silber. 
Schau. Ich bin hier. Dreh Deinen zarten, rosigen Vogelkopf, laß den Schwall Deiner schwarzen Haare das weiße Linnen überfluten mit dem Strom sich ringelnder, geschmeidiger Locken. Ja ... erhebe Dich, komm; sieh mir in die Augen. 
Wo der Blick Deiner sanften, sich vor Erstaunen weitenden Pupillen mich trifft, überzieht sich meine Haut mit der Glut Deines Feuers und dem Hauch des Lebens. Ich schaudere unter Deinem lebendigen, animalischen Blick, der so voller Feuchtigkeit und Fragen ist, schmachtend wie das Auge eines verblutenden Wildes draußen im Wald, das sich unter der Umarmung des Luchses streckt. Komm ... komm, öffne mir! 
Deine Hand hebt sich an deine zitternde Brust, greift nach dem Symbol der glühenden Liebe, das dort hingeschrieben steht wie mit einem Flammenfinger. Der Stoff des Nachtgewands hebt und senkt sich unter dem krampfhaften Atem Deines Erschreckens. Delikat, rot, in der Farbe der Rosen und aufblühend wie Rosenknospen, sehe ich die Linien des Zeichens durch das dünne Kleid dringen. Meine Haare sträuben sich bei seinem Anblick, und das Blut meines Herzens steigt mir wie ein Schwall von Tränen in die Augen, füllt sie an mit schwärzlichem Sand. 
Öffne! - flehe ich ohne Worte, ein Blick in Deinem Blick -, heb Deine Hand, leg sie um den Fenstergriff, so, so ... und dreh das knirschende, kreischende Metall in dem widerspenstigen, von Kälte verzogenen Rahmen. 
Das Fenster öffnet sich, und ein Sturm polarkalter Luft fährt durch den duftenden Raum und läßt die Rosen in Deiner Blumenschale verwelken zu lauter kleinen braunen Mumien. 

Was habe ich getan ...? Nacht und Winter brechen in mein Gemach als Sturmwind herein, wie der Sonne und Leben auslöschende Atem einer gewaltigen Bestie! Der Sturm wirft mich zurück, zerrt mit scharfen Krallen an dem weißen Stoff auf meiner Haut, hüllt mich ein in ein tanzendes Chaos Hunderter kristallen glitzernder Blüten, verbrennt mich mit seiner Kälte ... 
Was habe ich ...? Es war nur ein Moment, drei Atemzüge vielleicht nur, während derer ich in diese Augen sah. Ein glühendes Augenpaar dort vor dem Fenster in der Undurchdringlichkeit der Nacht - ein Blick, so furchtbar kalt, verloren und ... Es war, als sähe ich die Ewigkeit. 
Was habe ...? Ich fühle keine Furcht mehr, strecke die Arme aus, heiße all das, was die Nacht ausatmen mag willkommen! Eiskristalle wachsen an meinen Fingerspitzen und wechseln von einer anmutigen Form zur nächsten, während meine Hände den Wind liebkosen. Ich atme das Eis, lasse den Sturm meine Lungen füllen, werde eins mit dieser alles bezwingenden Kraft! 
Das Fenster pendelt wie irr in seinen Scharnieren, das Glas überzieht sich mit einem Netzwerk haarfeiner Sprünge, bricht ... Unendlich langsam - unbeeindruckt von dem alles hinwegfegenden Sturm - schweben die Scherben zu Boden, taumelnd wie Herbstlaub, das die wiederkehrende Herrschaft des Eises ankündigt, den stetigen Sieg der leblosen Ewigkeit über die Vergänglichkeit des Organischen ... 
Die Scherben gleiten, dicht über dem Boden tänzelnd, näher zu mir, fügen sich neu aneinander, verbinden sich zu einem gesplitterten Abbild des blutigen Mals auf meiner Brust. "Das Blut sei Deine Stimme ..." 
Die Wunden auf meiner Haut beginnen zu glühen, ein Netz rosenfarbener Arabesken bedeckt jetzt das weiße Linnen, das sich immer noch in aussichtslosem Widerstand gegen den drängenden Griff des Sturms sträubt. Ich lache in das Tosen hinein, lasse Eisblumen von meinen Fingern regnen. 
Und jetzt ... Da - ein Schatten wächst vor dem Fenster empor, ein dunkler Schemen, vage nur zu sehen, doch mehr und mehr Gestalt annehmend ... ER! 
Schlagartig endet der Sturm. 
Längst ist das prasselnde Feuer erloschen, doch ein unwirkliches, fluoreszierendes Leuchten, das von dem gläsernen Bild ausgeht, taucht meine verwüstete Kammer in ein trübes Licht. 
Ich habe gewußt, daß Du kommen wirst. Die Flammen versprachen es mir, und die Flammen haben mich nie belogen ... Du mußtest kommen, denn ich rief Dich mit der einen Stimme, die Deinen Schlaf zu durchdringen vermag, die dich in Deiner Ewigkeit erreichen konnte ... Deine Hände strecken sich nach mir aus; langsam, wie ein Bild aus einem Fiebertraum gleitest Du näher, näher, näher ... Oh Gott, diese Kälte! Nein, ich fürchte Dich nicht mehr und doch ... Was soll ich tun? Was erwartest Du ...? Sprich, Schatten, sprich in Deiner tonlosen Stimme, so wie die Flammen zu mir sprachen. Komm näher ... 

Das Rot und die Wärme und der Duft umgeben mich wie ein Ozean, ich stehe verwirrt - einen Augenblick lang -, vor Dir, fühle die Poren meiner Haut sich in der heißen Luft öffnen und den Atem des Lebens hineinströmen. Du bist da, unvergängliches Bild der Schönheit. Ich sehe Dich zum ersten Mal ganz nah, ganz zitterndes, empfindsames Wesen, Sterblichkeit und Anmut und die süßeste Verlockung in einer köstlich zart gravierten Form zerschmolzen. 
Ich habe allzu lang geschlafen, geruht in der schweigsamen Undurchdringlichkeit der Nacht, umgeben von den Toten und dem Stein, so lange, daß ich selbst fast so geworden bin wie sie. Aber jetzt lösen sich die Eiskristalle in den langen glänzenden Falten der Seide, die mich umhüllt, und unsere Blicke treffen sich in dem rötlichen Dämmer. Die leuchtenden Pupillen Deiner Augen sind wie dunkle Strudel, wie das Glühen der Nacht vor dem rötlichschwarzen All, in dessen Unendlichkeit ich mich furchtlos schleudere. Dein Gesicht gleicht der durchscheinenden Vollkommenheit des Alabasters, so rein und weiß; und ich fühle den Druck des Blutes unter Deiner zarten weichen Schale tief in meinem Innern pochen. Du stehst ganz still und reglos, nur umtanzt und umspielt von dem Licht des glühenden Zeichens, mit diesem fragenden und wissenden, ängstlichen und erwartenden Blick, der auf meinem Gesicht und unter meiner Haut brennt wie die Flammen, der Strom des Blutes, das Galoppieren rasenden Herzschlags. Du hast mich gerufen, und ich bin gekommen. Die Kreise der Ewigkeit schließen sich um uns. Ich hebe die Hände, um Dich zu umarmen ... 
Ein Funken knisternder Elektrizität springt von Deiner Haut zu meinen Lippen über, zuckt durch meinen Körper. Ich suche fast bewußtlos das Rot, den Quell der Wärme auf der sanften Rundung Deiner weißen Brust, unter dem durchtränkten Stoff, der unter meiner Hand mit einem schrillen Knirschen zerreißt. 
Oh, dieses Blut ist reich und rot, und heiß, so heiß. In ihm schlummern alle Düfte, Macht und Geheimnis des Lebens. Der erste winzige Tropfen Deines Blutes explodiert wie eine Nova purer Wonne in meinem Mund, ich fühle, wie es mir in die Augen schießt, ich muß sie schließen, zusammenpressen, Dich an mich pressen mit der Kraft meiner Arme, mich in Dich graben; nimm mich hin, ich gebe Dir alles, und ich werde Dir alles nehmen. 
Dein Körper zittert und zuckt auf dem kalten Steinboden Deines Zimmers. Deine Glieder winden sich, aber ich halte Dich, Geliebte, Quell meines Lebens, halte Dich fest an mich gepreßt, trinke Dich in vollen Zügen. Die Farben und der süße Schmerz kommen in Wellen, die an unser Ufer branden; die Hitze, das Purpur des Blutes; gebadet in diesem Blut sind wir, das wie ein kleiner Springquell aus der gewundenen blauen Ader auf der weichen Rundung Deiner Brüste sprudelt. Die Wogen meiner schwarzen Seide und Deines roten Lebens hüllen uns ein, und ich sauge gierig jeden seufzenden Atemzug, der über Deine mit köstlichem Blut bedeckten Lippen kommt, trinke die süße Luft Deiner Lungen. 
Öffne Dich mir, ganz und gar - so flehe ich, wenn nicht mit Worten, dann mit einem Blick in Deinem Blick -, denn ich will mich in Dir verlieren, mein Leben mit dem Deinen mischen, wie zwei Flammen auf einer Kerze zerschmelzen in eins. Liebe mich, dann will ich Dich lieben, immer, immer -, flüstere ich an Deinem Ohr -, befiehl Deine Wünsche, so muß ich Dir zu Willen sein. 
Das Nahen des Todes macht Deine Bewegungen schwach und leicht, aber ich spüre das Sehnen in dem matten Schlag Deines Herzens, sehe die Süßheit und Lust des Schmerzes in dem gläsern werdenden Glanz Deiner Augen, fühle ihn wie ein scharfes unwiderstehliches Ziehen an der Wurzel meines Innern. Der saugende rote Kuß des Fleisches schließt sich, ein Kreis in einem Kreis, der sprudelnde Vulkan des Blutes, das sich verschwenderisch in großen Spritzern auf die Steinfliesen ergießt; und, indem ich mein eigenes Selbst vergesse, durchdringe ich letztendlich Dich. Draußen schwindet der Rest der Nacht in der bleigrauen Müdigkeit des Morgens. 

Das Rauschen schwarzer Seide verhallt in Echos aus Schmerz und Lust ... 
ER ist fort, doch ich ... In traumhafter Langsamkeit schwebe ich unter der Decke meines Zimmers. Keinen Fingerbreit unter dem wirren Garten der vergilbten Stuckblüten, fange ich an, als Eiskristall zu einer stummen Melodie zu tanzen; wohl wissend, daß all die rissigen verstaubten Blätter kein Hindernis mehr für mich wären, wenn ich den Wunsch verspürte, höher zu schweben - höher und höher, über das Dach hinaus, das Haus und die Stadt unter mir lassend, höher, weiter ... Es gibt keine Grenzen mehr! Doch irgendetwas hält mich ... 
Das Zimmer unter mir ist ganz in das graue Zwielicht des erwachenden Morgens getaucht. Die Flammen im Kamin sind erloschen, nur eine dünne, ersterbende Rauchschwade schwebt wie unschlüssig im Raum und wird eins mit dem feinen Wirbel aus Eis und Schnee, der zum geöffneten Fenster hereinweht. 
Ich tauche sanft hinab in das milde Grau. 
Ein lebloser Körper liegt auf den frostüberzogenen, rotglänzenden Steinfliesen - mein Körper ... 
Ich schwebe tiefer, gleite durch den eisigen Wirbel hindurch und verharre als Nebel über meinem hingestreckten Selbst. 
Wie schön dieser Körper ist ... Gleich dem marmornen Werk eines überirdischen Künstlers erstreckt sich die durchscheinend bleiche , schlanke Gestalt auf einem gefrorenen roten See. Perlen aus ebensolchem Rot glänzen auf der reifbedeckten Haut der entblößten Brust, verbinden sich dort zu dem Abbild einer voll erblühten Rose. Ich schwebe näher, langsam und unendlich vorsichtig ... Vielleicht kann jeder unbedachte Hauch diese Ewigkeit zum Welken bringen? Mit unsichtbaren Fingern ertaste ich sacht die Linien der blutleeren Adern auf den schwanenweißen Gliedmaßen, beginne die Formen dieses Leibes zu erkunden und - ich kann nicht anders - ihn zu liebkosen, ja, möchte ihn durchdringen, auf daß die Kälte dieses Morgens uns vereine ... Ich betrachte mein bleiches totes Gesicht: Die in Leidenschaft gefrorenen Züge, die halb geschlossenen Augen, umschattet von schweren Wimpern, an denen winzige Eisblumen wachsen und der zu einem stummen Schrei geöffnete Mund ... Ich möchte ihn küssen, diesen Mund, wenn ich noch Lippen besäße würde ich ihn küssen, wenn ich ... 
Ich öffne die Augen und eine feine Wolke eisiger Kristalle löst sich von meinen Lidern. Ich starre nach oben, in das noch unveränderte Grau, das in meinem Zimmer herrscht. Langsam hebe ich meine Hände, erfühle die vertrauten Linien meines Gesichts, meines Körpers, spüre, wie das Leben in ihn zurückkehrt ... Das Leben? Ich muß lächeln bei diesem Gedanken. Ja, das Leben ... 
Während ich mich mit ungewohnter Leichtigkeit aufrichte und mir die halbgefrorenen Fetzen des Nachtgewands abstreife, höre ich von unten das leise Greinen meiner alten Mutter. Ich werde nach unten gehen, nach unten in ihr dunkles Zimmer und sie trösten. Vielleicht mit einem Kuß ...
 
 

©Angerhuber&Wagner