Eis
und Rosen
Eddie
M. Angerhuber/Thomas Wagner
Ich
tauche auf. Langsam, durch die wolkendichten Schichten der Dunkelheit,
krieche ich ans Licht. Die Welt besteht aus wattigen Farben, wohliger Wärme
und dem süßen Geschmack des Vergessens - dann erwache ich plötzlich,
unvermittelt.
Durch
die schmalen Ritzen in den Brettern dringen die mannigfaltigen, heißen
und kühlen Düfte der Nacht zu mir. Ich atme sie mit starren Nüstern,
denn ich brauche lang, um ganz wach zu werden und die Steifheit abzuschütteln.
Nur langsam werden meine Glieder beweglich und weich, ich weiß das
und biege langsam alle Finger einzeln wie zur Übung. Das Rascheln
von Seide ist ein Geräusch, das mich durch die Zeit begleitet und
das ich immer geliebt habe. Das Rascheln von Seide ist wie der fast unhörbare
Schrei der Fliege im Netz der lauernden Spinne, die kopfüber zu ihrem
zappelnden Opfer hinuntersteigt. Das Rascheln von Seide ist wie der Lustgesang
der Katzen auf den reifbedeckten Dächern im Februar, wenn in den kleinen
Dörfern weiße Rauchfahnen senkrecht zum mondlosen Himmel aufsteigen.
Es ist das Geräusch, das die Angehörigen meiner Rasse begleitet
- stets begleitet hat.
Ich
schlage die schwarzen und karmesinroten Wogen beiseite, fühle mit
der Hand gegen das roh gezimmerte Brett, die rauhe und doch von tausend
Berührungen geglättete Oberfläche. Knarrend öffnet
sich die Tür zur Nacht, und ich entsteige dem kalten Bett, begleitet
von dem Rascheln der Seide, das immer mit mir ist wie die Fährte hinter
dem Raubtier, der Duft der Rose.
Die
Nacht ist still: ich stehe in der nackten Fensterhöhlung und blicke
hinunter über das tiefverschneite Land. All das, von Horizont zu Horizont,
ist mein, ist übernommen von den Vätern und den Vätern der
Väter. Der poröse und glatte Stein, aus dem die Mauern meines
Schlosses gebaut sind, hat die tiefste Februarkälte in sich aufgenommen,
und die alten weißen Spitzen wehen wie lange, bleiche Spinnweben
vor den unverschlossenen Fensterlöchern. Da draußen ist das
weite Land, liegt die mondlose Nacht hingebreitet wie die Flanke eines
großen toten Tieres: eine weite Flanke aus Schnee, der Körper
bedeckt mit zerschlissenem weißem Pelz, leise und heimlich funkelnd
im Widerschein der nächtlichen Ferne.
Ich
fühle es wie einen Ruf: die Nacht ist still, und jene unerreichbaren,
bleichen Lichter in der unfaßbaren Weite funkeln und locken, von
jagenden Wolkenfetzen verschleiert, Tausende von diamantenen Augen auf
einem Untergrund von rötlichschwarzem Samt.
Ich
hebe mich mühelos in den Atem des Nordwinds und ziehe als Rauchfahne,
als bleicher Nebelstreif hinunter in das Land.
In
der flachen, verschneiten Ebene hingeduckt ein Dorf, eine Stadt: elend
und flach die ersten Hütten, wie suchende Fühler hinausgestreckt
in die feindliche Wildnis, aber in der Mitte hohe Gebäude aus schimmerndem
Stein, mit Gesimsen und Kannelüren, in denen die grauen Tauben nisten
und die den kleinen Krallen der nächtlichen Besucher Halt bieten.
Hierher
hat es mich gezogen in den letzten Nächten, viele Stunden habe ich
an den feinen Ornamenten gehangen und den schneidend kalten Wind im Innersten
meines Körpers gefühlt, aber er war nicht kalt genug, um mein
kaltes Herz zu berühren. Denn da ist nichts in den Fernen und Weiten,
weder Mensch noch Tier noch Naturgewalt, das meiner Ewigkeit ein Ende setzen
oder meiner Kälte einen Hauch von Wärme geben könnte.
Wie
der Winter mit sibirischer Kralle das sterbende Land umfangen hält,
so bin ich, ganz weißes Elfenbein und knöcherne Glätte
und Eiskristall in Auge und Haar. Mein Atem weht hinter mir in der Farbe
des Winters, und mein Herz ist so kalt, daß glühend rote Sprünge
es überziehen wie ein feines, gesticktes Gitterwerk. Oh, es ist so
kalt, und die Berührung Deiner Fensterscheibe schmerzt in diesen Sprüngen
wie die Berührung mit einer glühend heißen Zange.
Hier
bin ich.
Du
hast mich gerufen; Nacht für Nacht bin ich gekommen. Ich habe Deinen
Ruf gehört; dort in der schwarzen Ferne, in meiner schlafenden Kiste,
hat er mich geweckt aus dem totengleichen Schlaf, der Versenkung der Jahrhunderte.
Lang habe ich den Ruf nicht mehr gehört, Jahrhunderte vielleicht.
Wie der Gesang der Nachtigallen oder das Tröpfeln schweren Honigs,
körperlos und voll von schmerzender Sehnsucht, hat mich dein Ruf erreicht:
ich folge Dir.
Es
ist die siebte Nacht, seit Du mich gerufen das erste Mal. Siebenmal habe
ich mit meinen langen, knochenbleichen Fingern an Deinem Fenster gekratzt,
ganz leise, gerade so nur, als striffe der Nordwind mit einer Handvoll
gefrorenen Schnees die bebende Scheibe. Als ob es ein Teil deines Körpers
sei, so habe ich das zitternde Glas liebkost: zart, so zart, und wo die
Spitzen meiner Krallen ihre Kurven zogen, da blühten Eiskristalle
auf und sprangen mit leisem, berstendem Ton wie kleine, gläserne Glocken.
Es
ist die siebte Nacht, seit Du mich gerufen das erste Mal. Ich hauche gegen
Dein Fenster: Öffne mir -, denn die Kälte ist so bitter, und
der Frost hat das Weiße meiner Augen gefrieren lassen in seinem unbarmherzigen
Griff. Öffne mir -, laß mich hinein, zu Dir, in die Wärme;
Dein Kamin strahlt in den feurigen und verlockenden Rotschattierungen der
lebendigen Flamme, und da die Vorhänge an Deinem schönen Bett
zurückgezogen sind, kann ich Dich liegen sehen, in ein weiß
und rosenrot gesticktes Nachtgewand gehüllt. Öffne mir -, denn
hast Du mich nicht gerufen? Wolltest Du nicht den schwarzen Strom der Nacht,
die schweigsamen Geheimnisse der unermeßlichen Räume in Deinen
eigenen Adern fühlen? Und hast Du nicht aufgeblickt, Nacht für
Nacht, bevor Du Dich in dein schönes, rosiges Bett begeben hast -,
hast Du nicht aufgeblickt zu den diamantenen Lichtern dort oben, die Dir
einen Abglanz der Ewigkeit versprachen?
Höre
mich -, erwache: ich streife das Fensterglas mit meinen weißen Fingern,
ich küsse es mit meinen begehrlichen Lippen, und wo mein Atem die
bebende Scheibe berührt, da blühen Eiskristalle auf gleich einer
Schale weißer Rosen, die ich über Dein jungfräuliches Lager
streuen will ...
Ein
Taumeln, Hinabtauchen in einen endlosen Abgrund, Ertrinken unter schäumenden
Wogen aus Blut, die über mir zusammenbrechen, während von oben
Hände nach mir greifen, vertraute Stimmen meinen Namen rufen ...
Ich
träume - nein, ich habe geträumt, den gleichen Traum, der jede
meiner Nächte heimsucht seit ... Doch es ist vorbei, ich bin erwacht,
ich spüre, daß ich wach bin. Meine Hände fühlen die
glatte Oberfläche von Damast auf dem Bett und ertasten aufwärtsgleitend
die Wärme meines Körpers, können den Fluß des Blutes
erahnen, der diesen Leib in dieser Welt, ihn am Leben hält ... Die
Vorstellung dieses Flusses in mir erschreckt und erregt mich zugleich,
genau wie jener Traum.
Ich
zwinge mich, die Augen zu öffnen, langsam, ganz langsam nur ... Es
ist nichts. Über mir erkenne ich von den spielerischen Reflexen des
Kaminfeuers erleuchtet den Betthimmel. Das Feuer malt viele Bilder in der
Nacht, seltsame, komische und unheimliche Bilder.
Schon
als Kind liebte ich es, stundenlang dem Schattenspiel der Flammen zuzusehen,
und manchmal war es, als nähmen sie tatsächlich Gestalt an und
sprächen zu mir in leisen fremden Zungen, die nur ich verstehen konnte
... ich erinnere mich an die besorgten Gesichter der Eltern, als sie mich
so fanden, nächtens am Kamin kauernd und den Flammen lauschend. Meine
Mutter zitterte und wischte sich verstohlen die Tränen aus den Augen,
und mein Vater ergriff tröstend ihre Hand und murmelte einige beruhigende
Worte, deren Sinn der ängstliche Blick, mit dem er mich bedachte,
jedoch Lügen strafte ... Bald danach brachte man mich fort, in eine
andere Stadt, in ein anderes Haus, in dem das Feuer keinen Zauber hatte
und die Nächte nur dem Schlaf dienten. Es scheint mir fast, als wären
all die Jahre in der Fremde nur ein einziger Schlaf gewesen, ein Schlaf,
der mich nur darauf vorbereiten sollte, zurückzukehren in dieses Haus,
nachdem mein Vater starb und meine alte Mutter den Verstand verlor ...
Ich höre den eisigen Wind, wie er mit grausamer Gewalt seine Heerscharen
von Schnee und Hagel in das Tal treibt, um Mensch und Tier darunter zu
begraben ... Wie müßte es sein, wenn aller Fluß des Blutes
in dieser Nacht einfröre? Ich stelle mir Flüsse und Seen mit
einer purpurnen Eisdecke vor und meine Hände verkrallen sich in meinem
Nachtgewand. Obwohl das Prasseln der Holzscheite im Kamin immer noch gegen
das Pfeifen des Windes ankämpft, scheint es mir, als ströme ein
eisiger Atem in das Zimmer.
Diese
Kälte ...
Ich
sehne mich fast zurück nach dem Traum, nach den warmen roten Fluten,
die mich in jeder Nacht aufs neue verschlingen. Seit sieben Nächten
umfangen mich, sobald der Schlaf Macht über mich gewonnen hat, diese
Bilder, und sieben Nächte ist es her, daß ich getan habe, was
mir vor so vielen Jahren schon die Stimmen in den Flammen befohlen haben
...
Meine
Hände tasten unter den Stoff meines Nachtgewands, spüren die
verschorften Linien auf meiner Brust, dort wo ich vor sieben Nächten
meine Haut mit einer Klinge ritzte, so wie die Stimmen es mir einst befahlen.
Ich streiche sacht über die Wunden, kann das Symbol erahnen, das in
jener Nacht blutrot auf meiner Brust entstand, während ich die Worte
sprach, die in dem verbotenen Buch geschrieben sind. Der Nordwind kam und
trug das Blut mit sich fort ...
"Das
Blut sei Deine Stimme, so wird ER Dich hören", so steht es in dem
verbotenen Buch. Dann kamen die Träume. Und nach den Träumen
... Doch was war das?
Etwas
ist dort draußen, irgend etwas außer dem ewigen Wind und dem
Schnee und dem Hagel. Es ist fast, als würde etwas an der Fensterscheibe
kratzen, doch dabei ist es fast unhörbar, wie aus weiter Ferne ...
Wer ...? Träume ich immer noch? Eben war es, als vernähme ich
eine Stimme, eine Stimme von dort draußen, aus der Kälte der
Winternacht! Eine Stimme, so unhörbar und doch so fordernd, so unmenschlich
kalt und doch so voller Sehnsucht ... Fast spüre ich so etwas wie
Angst, was mich erschrickt, denn niemals hatte ich in diesen Mauern Angst.
Nicht als die Flammen zu mir sprachen und auch nicht in jener Nacht, als
ich im Schutz der Dunkelheit endlich heimgekehrt mich an das Bett des Vaters
schlich ... Es war so leicht, mit einem Kissen das Leben aus dem alten
Mann zu pressen und das Geschrei der Mutter war so laut, als sie mich dabei
sah und den Verstand verlor! Nein, ich hatte niemals Angst in diesem Haus,
nur Einsamkeit ...
Wieder
das Kratzen!
Ich
scheue mich davor, den Kopf zu drehen, um zum Fenster zu sehen, nein, stattdessen
versenke ich meinen Blick weiter in das Flammenspiel auf der Seide des
Betthimmels.
Sprecht
zu mir, Flammen! Sprecht! Oder laßt mich wenigstens zurückfallen
in die Wärme dieses Traums ... Die Flammen schweigen, doch trotzdem
höre ich wieder diese Stimme vom Fenster!
Was
sagst du? Was willst du von mir ...?
Ich
kann die Stimme kaum hören, der Wind pfeift immer lauter und schleudert
Eiskörner gegen die Scheibe, und dennoch ... verstehe ich die Worte.
Es sind Worte wie Musik, bezaubernd und voller Sehnsucht und gleichzeitig
so voller Kälte und Gier, daß mir das Herz wie Eis zerspringen
mag.
ER
ist gekommen ...
Etwas
schmerzt auf meiner Brust, und ich spüre eine warme Flüssigkeit
unter meinen Fingern, die, ohne es zu merken, die Wunden aufgerissen haben,
und es ist, als würde das Kratzen am Fenster immer lauter, drängender
... Nein! Ich will nicht zu Dir hinsehen! Ich will nicht ...
...
Das Prasseln des Eises um mich her auf dem marmornen Gesims, das Prasseln
der Flammen in dem lodernden Schlund des Kamins, sie vermischen sich zu
einem Ton, einem Lied; und um mich her rieselt es mit leisem Klang von
den Dachrinnen wie Silber.
Schau.
Ich bin hier. Dreh Deinen zarten, rosigen Vogelkopf, laß den Schwall
Deiner schwarzen Haare das weiße Linnen überfluten mit dem Strom
sich ringelnder, geschmeidiger Locken. Ja ... erhebe Dich, komm; sieh mir
in die Augen.
Wo
der Blick Deiner sanften, sich vor Erstaunen weitenden Pupillen mich trifft,
überzieht sich meine Haut mit der Glut Deines Feuers und dem Hauch
des Lebens. Ich schaudere unter Deinem lebendigen, animalischen Blick,
der so voller Feuchtigkeit und Fragen ist, schmachtend wie das Auge eines
verblutenden Wildes draußen im Wald, das sich unter der Umarmung
des Luchses streckt. Komm ... komm, öffne mir!
Deine
Hand hebt sich an deine zitternde Brust, greift nach dem Symbol der glühenden
Liebe, das dort hingeschrieben steht wie mit einem Flammenfinger. Der Stoff
des Nachtgewands hebt und senkt sich unter dem krampfhaften Atem Deines
Erschreckens. Delikat, rot, in der Farbe der Rosen und aufblühend
wie Rosenknospen, sehe ich die Linien des Zeichens durch das dünne
Kleid dringen. Meine Haare sträuben sich bei seinem Anblick, und das
Blut meines Herzens steigt mir wie ein Schwall von Tränen in die Augen,
füllt sie an mit schwärzlichem Sand.
Öffne!
- flehe ich ohne Worte, ein Blick in Deinem Blick -, heb Deine Hand, leg
sie um den Fenstergriff, so, so ... und dreh das knirschende, kreischende
Metall in dem widerspenstigen, von Kälte verzogenen Rahmen.
Das
Fenster öffnet sich, und ein Sturm polarkalter Luft fährt durch
den duftenden Raum und läßt die Rosen in Deiner Blumenschale
verwelken zu lauter kleinen braunen Mumien.
Was
habe ich getan ...? Nacht und Winter brechen in mein Gemach als Sturmwind
herein, wie der Sonne und Leben auslöschende Atem einer gewaltigen
Bestie! Der Sturm wirft mich zurück, zerrt mit scharfen Krallen an
dem weißen Stoff auf meiner Haut, hüllt mich ein in ein tanzendes
Chaos Hunderter kristallen glitzernder Blüten, verbrennt mich mit
seiner Kälte ...
Was
habe ich ...? Es war nur ein Moment, drei Atemzüge vielleicht nur,
während derer ich in diese Augen sah. Ein glühendes Augenpaar
dort vor dem Fenster in der Undurchdringlichkeit der Nacht - ein Blick,
so furchtbar kalt, verloren und ... Es war, als sähe ich die Ewigkeit.
Was
habe ...? Ich fühle keine Furcht mehr, strecke die Arme aus, heiße
all das, was die Nacht ausatmen mag willkommen! Eiskristalle wachsen an
meinen Fingerspitzen und wechseln von einer anmutigen Form zur nächsten,
während meine Hände den Wind liebkosen. Ich atme das Eis, lasse
den Sturm meine Lungen füllen, werde eins mit dieser alles bezwingenden
Kraft!
Das
Fenster pendelt wie irr in seinen Scharnieren, das Glas überzieht
sich mit einem Netzwerk haarfeiner Sprünge, bricht ... Unendlich langsam
- unbeeindruckt von dem alles hinwegfegenden Sturm - schweben die Scherben
zu Boden, taumelnd wie Herbstlaub, das die wiederkehrende Herrschaft des
Eises ankündigt, den stetigen Sieg der leblosen Ewigkeit über
die Vergänglichkeit des Organischen ...
Die
Scherben gleiten, dicht über dem Boden tänzelnd, näher zu
mir, fügen sich neu aneinander, verbinden sich zu einem gesplitterten
Abbild des blutigen Mals auf meiner Brust. "Das Blut sei Deine Stimme ..."
Die
Wunden auf meiner Haut beginnen zu glühen, ein Netz rosenfarbener
Arabesken bedeckt jetzt das weiße Linnen, das sich immer noch in
aussichtslosem Widerstand gegen den drängenden Griff des Sturms sträubt.
Ich lache in das Tosen hinein, lasse Eisblumen von meinen Fingern regnen.
Und
jetzt ... Da - ein Schatten wächst vor dem Fenster empor, ein dunkler
Schemen, vage nur zu sehen, doch mehr und mehr Gestalt annehmend ... ER!
Schlagartig
endet der Sturm.
Längst
ist das prasselnde Feuer erloschen, doch ein unwirkliches, fluoreszierendes
Leuchten, das von dem gläsernen Bild ausgeht, taucht meine verwüstete
Kammer in ein trübes Licht.
Ich
habe gewußt, daß Du kommen wirst. Die Flammen versprachen es
mir, und die Flammen haben mich nie belogen ... Du mußtest kommen,
denn ich rief Dich mit der einen Stimme, die Deinen Schlaf zu durchdringen
vermag, die dich in Deiner Ewigkeit erreichen konnte ... Deine Hände
strecken sich nach mir aus; langsam, wie ein Bild aus einem Fiebertraum
gleitest Du näher, näher, näher ... Oh Gott, diese Kälte!
Nein, ich fürchte Dich nicht mehr und doch ... Was soll ich tun? Was
erwartest Du ...? Sprich, Schatten, sprich in Deiner tonlosen Stimme, so
wie die Flammen zu mir sprachen. Komm näher ...
Das
Rot und die Wärme und der Duft umgeben mich wie ein Ozean, ich stehe
verwirrt - einen Augenblick lang -, vor Dir, fühle die Poren meiner
Haut sich in der heißen Luft öffnen und den Atem des Lebens
hineinströmen. Du bist da, unvergängliches Bild der Schönheit.
Ich sehe Dich zum ersten Mal ganz nah, ganz zitterndes, empfindsames Wesen,
Sterblichkeit und Anmut und die süßeste Verlockung in einer
köstlich zart gravierten Form zerschmolzen.
Ich
habe allzu lang geschlafen, geruht in der schweigsamen Undurchdringlichkeit
der Nacht, umgeben von den Toten und dem Stein, so lange, daß ich
selbst fast so geworden bin wie sie. Aber jetzt lösen sich die Eiskristalle
in den langen glänzenden Falten der Seide, die mich umhüllt,
und unsere Blicke treffen sich in dem rötlichen Dämmer. Die leuchtenden
Pupillen Deiner Augen sind wie dunkle Strudel, wie das Glühen der
Nacht vor dem rötlichschwarzen All, in dessen Unendlichkeit ich mich
furchtlos schleudere. Dein Gesicht gleicht der durchscheinenden Vollkommenheit
des Alabasters, so rein und weiß; und ich fühle den Druck des
Blutes unter Deiner zarten weichen Schale tief in meinem Innern pochen.
Du stehst ganz still und reglos, nur umtanzt und umspielt von dem Licht
des glühenden Zeichens, mit diesem fragenden und wissenden, ängstlichen
und erwartenden Blick, der auf meinem Gesicht und unter meiner Haut brennt
wie die Flammen, der Strom des Blutes, das Galoppieren rasenden Herzschlags.
Du hast mich gerufen, und ich bin gekommen. Die Kreise der Ewigkeit schließen
sich um uns. Ich hebe die Hände, um Dich zu umarmen ...
Ein
Funken knisternder Elektrizität springt von Deiner Haut zu meinen
Lippen über, zuckt durch meinen Körper. Ich suche fast bewußtlos
das Rot, den Quell der Wärme auf der sanften Rundung Deiner weißen
Brust, unter dem durchtränkten Stoff, der unter meiner Hand mit einem
schrillen Knirschen zerreißt.
Oh,
dieses Blut ist reich und rot, und heiß, so heiß. In ihm schlummern
alle Düfte, Macht und Geheimnis des Lebens. Der erste winzige Tropfen
Deines Blutes explodiert wie eine Nova purer Wonne in meinem Mund, ich
fühle, wie es mir in die Augen schießt, ich muß sie schließen,
zusammenpressen, Dich an mich pressen mit der Kraft meiner Arme, mich in
Dich graben; nimm mich hin, ich gebe Dir alles, und ich werde Dir alles
nehmen.
Dein
Körper zittert und zuckt auf dem kalten Steinboden Deines Zimmers.
Deine Glieder winden sich, aber ich halte Dich, Geliebte, Quell meines
Lebens, halte Dich fest an mich gepreßt, trinke Dich in vollen Zügen.
Die Farben und der süße Schmerz kommen in Wellen, die an unser
Ufer branden; die Hitze, das Purpur des Blutes; gebadet in diesem Blut
sind wir, das wie ein kleiner Springquell aus der gewundenen blauen Ader
auf der weichen Rundung Deiner Brüste sprudelt. Die Wogen meiner schwarzen
Seide und Deines roten Lebens hüllen uns ein, und ich sauge gierig
jeden seufzenden Atemzug, der über Deine mit köstlichem Blut
bedeckten Lippen kommt, trinke die süße Luft Deiner Lungen.
Öffne
Dich mir, ganz und gar - so flehe ich, wenn nicht mit Worten, dann mit
einem Blick in Deinem Blick -, denn ich will mich in Dir verlieren, mein
Leben mit dem Deinen mischen, wie zwei Flammen auf einer Kerze zerschmelzen
in eins. Liebe mich, dann will ich Dich lieben, immer, immer -, flüstere
ich an Deinem Ohr -, befiehl Deine Wünsche, so muß ich Dir zu
Willen sein.
Das
Nahen des Todes macht Deine Bewegungen schwach und leicht, aber ich spüre
das Sehnen in dem matten Schlag Deines Herzens, sehe die Süßheit
und Lust des Schmerzes in dem gläsern werdenden Glanz Deiner Augen,
fühle ihn wie ein scharfes unwiderstehliches Ziehen an der Wurzel
meines Innern. Der saugende rote Kuß des Fleisches schließt
sich, ein Kreis in einem Kreis, der sprudelnde Vulkan des Blutes, das sich
verschwenderisch in großen Spritzern auf die Steinfliesen ergießt;
und, indem ich mein eigenes Selbst vergesse, durchdringe ich letztendlich
Dich. Draußen schwindet der Rest der Nacht in der bleigrauen Müdigkeit
des Morgens.
Das
Rauschen schwarzer Seide verhallt in Echos aus Schmerz und Lust ...
ER
ist fort, doch ich ... In traumhafter Langsamkeit schwebe ich unter der
Decke meines Zimmers. Keinen Fingerbreit unter dem wirren Garten der vergilbten
Stuckblüten, fange ich an, als Eiskristall zu einer stummen Melodie
zu tanzen; wohl wissend, daß all die rissigen verstaubten Blätter
kein Hindernis mehr für mich wären, wenn ich den Wunsch verspürte,
höher zu schweben - höher und höher, über das Dach
hinaus, das Haus und die Stadt unter mir lassend, höher, weiter ...
Es gibt keine Grenzen mehr! Doch irgendetwas hält mich ...
Das
Zimmer unter mir ist ganz in das graue Zwielicht des erwachenden Morgens
getaucht. Die Flammen im Kamin sind erloschen, nur eine dünne, ersterbende
Rauchschwade schwebt wie unschlüssig im Raum und wird eins mit dem
feinen Wirbel aus Eis und Schnee, der zum geöffneten Fenster hereinweht.
Ich
tauche sanft hinab in das milde Grau.
Ein
lebloser Körper liegt auf den frostüberzogenen, rotglänzenden
Steinfliesen - mein Körper ...
Ich
schwebe tiefer, gleite durch den eisigen Wirbel hindurch und verharre als
Nebel über meinem hingestreckten Selbst.
Wie
schön dieser Körper ist ... Gleich dem marmornen Werk eines überirdischen
Künstlers erstreckt sich die durchscheinend bleiche , schlanke Gestalt
auf einem gefrorenen roten See. Perlen aus ebensolchem Rot glänzen
auf der reifbedeckten Haut der entblößten Brust, verbinden sich
dort zu dem Abbild einer voll erblühten Rose. Ich schwebe näher,
langsam und unendlich vorsichtig ... Vielleicht kann jeder unbedachte Hauch
diese Ewigkeit zum Welken bringen? Mit unsichtbaren Fingern ertaste ich
sacht die Linien der blutleeren Adern auf den schwanenweißen Gliedmaßen,
beginne die Formen dieses Leibes zu erkunden und - ich kann nicht anders
- ihn zu liebkosen, ja, möchte ihn durchdringen, auf daß die
Kälte dieses Morgens uns vereine ... Ich betrachte mein bleiches totes
Gesicht: Die in Leidenschaft gefrorenen Züge, die halb geschlossenen
Augen, umschattet von schweren Wimpern, an denen winzige Eisblumen wachsen
und der zu einem stummen Schrei geöffnete Mund ... Ich möchte
ihn küssen, diesen Mund, wenn ich noch Lippen besäße würde
ich ihn küssen, wenn ich ...
Ich
öffne die Augen und eine feine Wolke eisiger Kristalle löst sich
von meinen Lidern. Ich starre nach oben, in das noch unveränderte
Grau, das in meinem Zimmer herrscht. Langsam hebe ich meine Hände,
erfühle die vertrauten Linien meines Gesichts, meines Körpers,
spüre, wie das Leben in ihn zurückkehrt ... Das Leben? Ich muß
lächeln bei diesem Gedanken. Ja, das Leben ...
Während
ich mich mit ungewohnter Leichtigkeit aufrichte und mir die halbgefrorenen
Fetzen des Nachtgewands abstreife, höre ich von unten das leise Greinen
meiner alten Mutter. Ich werde nach unten gehen, nach unten in ihr dunkles
Zimmer und sie trösten. Vielleicht mit einem Kuß ...
©Angerhuber&Wagner
|