Ein
Opfer für die Stille
Kay
Agony
Der
Zug aus schwarzen Roben wanderte gemächlich dahin. Jeder trug eine
Fackel, zu forderst aber führte man das Mädchen.
Ein
schmutziges Ding von siebzehn Jahren, in nicht mehr als einen zerlumpten
Kittel gehüllt, schluchzend und wimmernd. Die Tränen zeichneten
Spuren in den Ruß in ihrem Gesicht, die Angst liess ihre Beine zittern
und sie hinfallen, aber immer wieder hob man sie auf und trieb sie weiter.
Ihre gefesselten Handgelenke bluteten von dem groben Seil mit dem sie ihr
auf dem Rücken gebunden waren und ihr dunkles Haar hing lang und schweißnaß
herab.
Zwischen
den Bäumen war es so dunkel, daß sie nicht sehen konnte was
vor ihr lag. Man lies sie weiter gehen und mit jedem Schritt erwartete
sie einen Abgrund, der sie verschlingen sollte. Dann hielt man sie an den
dürren Schultern und die Gestalten umkreisten sie und den, der sie
geführt hatte und dessen große Hand auf ihrem Körper lastete
wie ein Eisen. Verängstigt wanderte ihr Blick auf die Männer.
Sie warfen ihre Fackeln hinter sich zu Boden und bildeten einen Flammenkreis
um alle, den niemand würde durchbrechen können.
Es
wurde still. So still, daß nur das Brennen der letzten Fackel, die
ihr Führer trug noch zu hören war und die Baumwipfel, die im
Nachtwind leise heulten und knarrten.
Er
wich einen Schritt von ihr zurück und sah sie lange an, die Flamme
erhellte sein Gesicht und die anderen, die im Schatten ihrer Kapuzen auf
sie nieder sahen mit ernstem Blick. Es ließ ihre Züge älter
erschienen und wie aus Stein, sie spürte wie die Augen auf sie niederstürzen
wollten und sie unter sich begruben. Sie fiel auf die Knie und wollte ihre
Hände im Boden des Waldes vergraben, selbst die Bäume schienen
Augen zu haben, Augen und Stimmen. In ihrem Kopf erhob sich ein monotoner
Gesang vieler Stimmen, sonor und tief, ohne Rhythmus oder Muster, sie sangen
Worte in einer Sprache, die es nicht gab. Aber die Kehlen der Männer
waren es nicht, die sangen.
Der
Junge beugte sich vor und malte mit seiner Fackel einen Kreis auf den Boden,
der sie beide einschloß. Dann erlosch die Fackel wie von selbst und
zerfiel zu Asche in seiner Hand. Die Asche rieselte zu Boden und bedeckte
gleichmäßig die Fläche. Ihre Fesseln verschwanden und es
fühlte sich an, als zerfielen auch sie zu Staub. Sie betrachtete erschrocken
ihre wunden Gelenke. Dann betrachtete sie ihn.
Er
trat vor sie hin, um sie herum waren nur die niedrigen Flammen des Kreises,
die wie sie gemalt waren brannten, dahinter die stummen Gesichter, die
Flammen, die Bäume, der Gesang.
Sie
hob die Hände an die Ohren und schloß fest ihre Augen als erwarte
sie große Schmerzen oder könne den Geräuschen entkommen
die sie bedrängten. Sie hörte nicht ihr eigenes Schluchzen mehr
noch die Stimme des Windes im Wald oder das Knistern der Flammen. Da war
nur noch der Gesang aus Stimmen und die Furcht davor, die Furcht vor allem.
Eine
kalte Hand war an ihrer Wange die sie die Augen öffnen lies. Der Junge
kniete vor ihr und hielt ihr Gesicht. Der Kragen seiner Robe war geöffnet
und entblößten seine weiße Haut, seine Züge blieben
unbewegt unter der Kapuze und nur der Feuerschein verlieh ihnen Leben.
Die Augen fixierten sie, nichts war darin, gar nichts. Mit der anderen
Hand führte er ein langes schmales Messer ohne jeglichen Zierrat zwischen
sie. Als sie es sah, wollt die schreien aber sie brachte keinen Ton aus
ihrem geöffneten Mund. Oder hörte sie es nicht? Der Gesang wurde
noch lauter schien es ihr, er hallte wieder in ihrem Schädel, da schnitt
der Junge sich mit dem Messer eine kleine Kerbe in die Stirn, dann auf
das Kinn, von oben nach unten, gerade soviel, daß Blut wie eine dünne
Linie über seinen Nasenrücken und die Lippen gerade hinab rann.
Er legte den Kopf in den Nacken und die Spur lief fort vom Kinn über
den Hals hinunter über seine Brust und unter der Kutte verschwindend.
So
gezeichnet sah er sie wieder an, suchte ihre Augen und legte das Messer
neben sich ab, nahm mit beiden Händen ihr Gesicht. Langsam spürte
sie, wie Spannung und Furcht sie verließen. Sehr langsam nur, sehr
langsam begriff sie, daß sie keine Angst mehr hatte und suchte in
den Augen vor sich nach einem Grund dafür. Eine dünne, klare
Stimme erklang zwischen dem tiefen Gesang, die Stimme einer Frau und sie
war erst leise, dann deutlicher, durchdrang das Dunkle in ihrem Geist und
war süß, so süß und schön und so klar und kalt
wie der Morgen an einem Wintertag.
In
seinen Augen war sanfte, tiefe Ruhe, sie erkannte und richtete sich auf
den Knien auf näher an seine Augen. Man hätte wohl denken können
seine Hände führten sie, aber das taten sie nicht. Sie beugte
sich zu ihm und küßte ihm die Wunden auf der Stirn und am Kinn,
die für sie geschlagen worden waren.
Die
Stimme überwand nun ihre Einsamkeit und klang mit den anderen in Harmonie,
eine Melodie ohne Muster oder Rhythmus, ein Gefühl und ein namenloses.
Sie
küßte ihm den Mund und spürte, das er den Kuß erwiderte,
warm und mit sanfter Leidenschaft. Dann aber schob er ihr Gesicht wieder
von sich, die Hände noch darin liegend. Immer noch regte sich nichts
in seinem Antlitz. Das Blut auf seiner Haut war verwischt und auf ihren
Lippen glänzte es nass.
Ruhe
war in ihr und der Gesang, seine Augen lagen auf ihr und sie studierte
das schöne ebenmäßige Angesicht im Schatten der Schwärze,
die leuchtene rote Linie darauf.
Seine
Hände sanken nieder, sie war erfüllt von Glück und der Harmonie
des Gesangs, da verstummt alles mit einem Mal und fern hallte für
einen Augenblick der Klang noch nach. Da war wieder das Flüstern des
Windes, das Knistern der Flammen, die steinernen Gesichter, das Messer.
Sie griff es und seine nichtssagenden, wartenden Augen vor sich trieb sie
es ihm in die Brust dass er niedersank, Tränen in seinem Blick so
klar wie eine Stimme aus Eis.
©Kay
Agony
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