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Jünger

„Laß das sein, heiliger Mann.“ sagte er abfällig und stocherte mit ernstem Blick in Richters Augen. Die letzten beiden Worte spie er dem Mann im säuberlichen schwarzen Anzug förmlich vor die Füße. „Satansanbeter!“ zischte Richter, „Kind der Hölle! Du verseuchst dieses Haus! Du...“ 
„Dann verlasse dieses Haus.“ erwiderte der Junge mit dem langen schwarzen Haar gelassen.  „Junge, bitte...“ Richter wandte sich zu seiner Mutter um. 
„Das ist dein Sohn, Helen! Sieh ihn dir an! Er ist vom Teufel besessen und er wird auch dich ins Verderben stürzen! Die bösen Mächte haben seine Seele geraubt!“ 

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Ein Opfer für die Stille

Kay Agony


Der Zug aus schwarzen Roben wanderte gemächlich dahin. Jeder trug eine Fackel, zu forderst aber führte man das Mädchen.
Ein schmutziges Ding von siebzehn Jahren, in nicht mehr als einen zerlumpten Kittel gehüllt, schluchzend und wimmernd. Die Tränen zeichneten Spuren in den Ruß in ihrem Gesicht, die Angst liess ihre Beine zittern und sie hinfallen, aber immer wieder hob man sie auf und trieb sie weiter. Ihre gefesselten Handgelenke bluteten von dem groben Seil mit dem sie ihr auf dem Rücken gebunden waren und ihr dunkles Haar hing lang und schweißnaß herab.
Zwischen den Bäumen war es so dunkel, daß sie nicht sehen konnte was vor ihr lag. Man lies sie weiter gehen und mit jedem Schritt erwartete sie einen Abgrund, der sie verschlingen sollte. Dann hielt man sie an den dürren Schultern und die Gestalten umkreisten sie und den, der sie geführt hatte und dessen große Hand auf ihrem Körper lastete wie ein Eisen. Verängstigt wanderte ihr Blick auf die Männer. Sie warfen ihre Fackeln hinter sich zu Boden und bildeten einen Flammenkreis um alle, den niemand würde durchbrechen können.
Es wurde still. So still, daß nur das Brennen der letzten Fackel, die ihr Führer trug noch zu hören war und die Baumwipfel, die im Nachtwind leise heulten und knarrten.
Er wich einen Schritt von ihr zurück und sah sie lange an, die Flamme erhellte sein Gesicht und die anderen, die im Schatten ihrer Kapuzen auf sie nieder sahen mit ernstem Blick. Es ließ ihre Züge älter erschienen und wie aus Stein, sie spürte wie die Augen auf sie niederstürzen wollten und sie unter sich begruben. Sie fiel auf die Knie und wollte ihre Hände im Boden des Waldes vergraben, selbst die Bäume schienen Augen zu haben, Augen und Stimmen. In ihrem Kopf erhob sich ein monotoner Gesang vieler Stimmen, sonor und tief, ohne Rhythmus oder Muster, sie sangen Worte in einer Sprache, die es nicht gab. Aber die Kehlen der Männer waren es nicht, die sangen.
Der Junge beugte sich vor und malte mit seiner Fackel einen Kreis auf den Boden, der sie beide einschloß. Dann erlosch die Fackel wie von selbst und zerfiel zu Asche in seiner Hand. Die Asche rieselte zu Boden und bedeckte gleichmäßig die Fläche. Ihre Fesseln verschwanden und es fühlte sich an, als zerfielen auch sie zu Staub. Sie betrachtete erschrocken ihre wunden Gelenke. Dann betrachtete sie ihn.
Er trat vor sie hin, um sie herum waren nur die niedrigen Flammen des Kreises, die wie sie gemalt waren brannten, dahinter die stummen Gesichter, die Flammen, die Bäume, der Gesang.
Sie hob die Hände an die Ohren und schloß fest ihre Augen als erwarte sie große Schmerzen oder könne den Geräuschen entkommen die sie bedrängten. Sie hörte nicht ihr eigenes Schluchzen mehr noch die Stimme des Windes im Wald oder das Knistern der Flammen. Da war nur noch der Gesang aus Stimmen und die Furcht davor, die Furcht vor allem.
Eine kalte Hand war an ihrer Wange die sie die Augen öffnen lies. Der Junge kniete vor ihr und hielt ihr Gesicht. Der Kragen seiner Robe war geöffnet und entblößten seine weiße Haut, seine Züge blieben unbewegt unter der Kapuze und nur der Feuerschein verlieh ihnen Leben. Die Augen fixierten sie, nichts war darin, gar nichts. Mit der anderen Hand führte er ein langes schmales Messer ohne jeglichen Zierrat zwischen sie. Als sie es sah, wollt die schreien aber sie brachte keinen Ton aus ihrem geöffneten Mund. Oder hörte sie es nicht? Der Gesang wurde noch lauter schien es ihr, er hallte wieder in ihrem Schädel, da schnitt der Junge sich mit dem Messer eine kleine Kerbe in die Stirn, dann auf das Kinn, von oben nach unten, gerade soviel, daß Blut wie eine dünne Linie über seinen Nasenrücken und die Lippen gerade hinab rann. Er legte den Kopf in den Nacken und die Spur lief fort vom Kinn über den Hals hinunter über seine Brust und unter der Kutte verschwindend.
So gezeichnet sah er sie wieder an, suchte ihre Augen und legte das Messer neben sich ab, nahm mit beiden Händen ihr Gesicht. Langsam spürte sie, wie Spannung und Furcht sie verließen. Sehr langsam nur, sehr langsam begriff sie, daß sie keine Angst mehr hatte und suchte in den Augen vor sich nach einem Grund dafür. Eine dünne, klare Stimme erklang zwischen dem tiefen Gesang, die Stimme einer Frau und sie war erst leise, dann deutlicher, durchdrang das Dunkle in ihrem Geist und war süß, so süß und schön und so klar und kalt wie der Morgen an einem Wintertag.
In seinen Augen war sanfte, tiefe Ruhe, sie erkannte und richtete sich auf den Knien auf näher an seine Augen. Man hätte wohl denken können seine Hände führten sie, aber das taten sie nicht. Sie beugte sich zu ihm und küßte ihm die Wunden auf der Stirn und am Kinn, die für sie geschlagen worden waren.
Die Stimme überwand nun ihre Einsamkeit und klang mit den anderen in Harmonie, eine Melodie ohne Muster oder Rhythmus, ein Gefühl und ein namenloses.
Sie küßte ihm den Mund und spürte, das er den Kuß erwiderte, warm und mit sanfter Leidenschaft. Dann aber schob er ihr Gesicht wieder von sich, die Hände noch darin liegend. Immer noch regte sich nichts in seinem Antlitz. Das Blut auf seiner Haut war verwischt und auf ihren Lippen glänzte es nass.
Ruhe war in ihr und der Gesang, seine Augen lagen auf ihr und sie studierte das schöne ebenmäßige Angesicht im Schatten der Schwärze, die leuchtene rote Linie darauf.
Seine Hände sanken nieder, sie war erfüllt von Glück und der Harmonie des Gesangs, da verstummt alles mit einem Mal und fern hallte für einen Augenblick der Klang noch nach. Da war wieder das Flüstern des Windes, das Knistern der Flammen, die steinernen Gesichter, das Messer. Sie griff es und seine nichtssagenden, wartenden Augen vor sich trieb sie es ihm in die Brust dass er niedersank, Tränen in seinem Blick so klar wie eine Stimme aus Eis.
 

©Kay Agony