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Die
erste Begegnung
Rhiannon
Brunner
Unruhe
erfaßt mein Innerstes. Doch warum nur? Ich kann es einfach nicht
sagen. Seltsam jedoch ist es schon. Irgendwie komme ich mir fast so vor,
als würde ich einen neuen Job antreten, dieser Unruhe ist meine jetzige
alles andere als unähnlich. Warum nur? Ich kann es nicht sagen, obwohl
es mich ein wenig irritiert. Oder war es einfach die Stimme dessen, mit
dem ich mir dieses Treffen ausgemacht hatte? Irgendwie kam sie mir so vertraut
und bekannt vor, beinahe, als würde ich sie besser kennen als mich
selber.
Doch
wohl könnte dies alles auch nur Einbildung sein.
Während
ich immer wieder einen kurzen Blick auf die Uhr werfe, sitzen Claudia und
Sarah einfach nur so da, blicken ein wenig gelangweilt drein, so, als würde
sie dies alles ganz und gar nicht interessieren. Da frage ich mich allerdings,
warum sie so dreinschauen, sie hätten ja nicht herkommen müssen,
immerhin war das ja nur ein Vorschlag von meiner Seite und nichts anderes.
"Was
glaubt ihr, wie sie sind?"
"Ich
weiß es nicht, du hattest doch die Idee sie anzurufen und einzuladen,
auch wenn ich mich frage warum. Immerhin ist das ja nichts anderes als
nur rausgeschmissenes Geld."
"Na
schön, dann frage ich mich aber, warum ihr hergekommen seid, wenn
es sowieso, wie ihr sagt, nur Scharlatanerie und Humbug ist."
"Vielleicht
einfach nur Neugierde?"
Claudia
grinst mich an, wie es ihre Art ist. Manchmal, so wie jetzt frage ich mich,
ob sie mich nicht einfach nur auf die Schaufel nimmt und hinterrücks
nur über mich lacht. Zumindest kommt mir dies in Momenten wie diesen
so vor. Beinahe, als hätte sie Freude an meinem Versagen, ebenso wie
an meinen Fehlern, die ich ja doch immer wieder mache, obwohl ich mich
bemühe sie zu vermeiden, wenngleich dies auch nicht immer gelingen
mag.
Sarah
hingegen wirkt bedrückt, beinahe, als würde sie etwas spüren,
wie sie es immer wieder tut. Sie wirkt ruhig wie immer, doch ist sie stiller
als sonst.
"Es
war keine allzu gute Idee, das habe ich dir ja schon gesagt, Melora. Sie
werden etwas mit sich bringen, wobei es nicht allen von uns recht ist.
Dir könnte es vielleicht sogar gefallen, aber das, was sie tun, ist
nicht rechtens. Sie bringen Unglück über uns alle. Es war eine
gute Idee an und für sich, doch du bist an die falschen Leute geraten
dabei."
"Dann
frage ich mich, was du hier noch suchst. Immerhin würde es dich ja
auch betreffen und nicht nur mich. Wenn etwas geschehen mag, so wird es
uns alle treffen."
"Du
bist zu ungestüm und zu leicht zu beeindrucken. Ich versuche nur die
Wogen, die du verursachst wieder ein wenig zu glätten, mehr liegt
nicht in meiner Macht. Sieh dich doch an! Du bist unruhig, ungeduldig und
erwartest Dinge, die du kaum zu kriegen in der Lage bist. Wie willst du
so weiterkommen? Das kann keiner dir sagen, wenn du selber es nicht weißt."
Betreten
blicke ich zu Boden. Doch obwohl ihre Worte in mich sickern, so sind sie
mir doch nicht wichtig, denn mein Gefühl vermeldet mir anderes, mehr
Vorfreude als Angst vor dem, was nun kommen mag.
Noch
sind es ein paar Minuten, bis zur ausgemachten Uhrzeit. Wieder herrscht
tiefes Schweigen zwischen uns. Das Pochen der Standuhr erfüllt den
Raum mit dem einzigen Geräusch, das momentan herrscht. Nicht einmal
meine Katze läßt sich blicken. Ob auch sie die Vorzeichen erkennt,
die Sarah sieht?
Wieder
und wieder lese ich die Annonce durch, auf die ich geantwortet habe. War
es denn wirklich ein Fehler dort anzurufen und um einen Besuch zu bitten?
Ich finde nicht, auch wenn Sarah und Claudia dies als solches sehen, so
erscheint mir dies alles nicht so schlimm, ganz im Gegenteil, fast
so, als wäre es eine gute Möglichkeit um endlich dem trivialen
und normalen Leben, das zu führen ich gezwungen bin, entkommen könnte.
Draußen
nimmt die Dunkelheit immer mehr zu, während langsam die Sterne zu
erkennen sind, die beinahe mehr strahlen als der Mond, der gerade erst
in völliger Dunkelheit versunken, sich langsam wieder zu seiner normalen
Volle emporarbeitet.
Dann
endlich, exakt beim Schlag der vollen Stunde, klingelt es auch an der Tür.
Dreimal wird die Glocke angeschlagen, bis ich endlich es geschafft habe,
bei ihr zu sein, obwohl ich wie von einer Wespe gestochen, hochgesprungen
war und hinrannte. Obwohl ich keineswegs sagen könnte warum, so pocht
mein Herz doch fürchterlich, beinahe wie das einer Maus, die in die
Fänge einer Katze geraten war und nun überlegt, wie sie ihr entkommen
könnte. Es pocht auf eine mir völlig unbekannte Wiese, scheint
mir Vorsicht gebieten zu wollen. Jedoch ignoriere ich seine Warnungen,
obwohl mir in den Sinn kommt, daß, sobald ich meinen Gästen
Einlaß gewähren würde, ich keinerlei Möglichkeiten
mehr hätte die Entwicklung, die ich nun in Gang setze, auch nur im
Geringsten beeinflußen könnte.
Es
ist ein seltsames Gefühl, das sich in mein Gemüt schleicht und
das ich auch hatte, als ich auf die Annonce antwortete und dort anrief.
Ein
letztes Mal erklingt der vertraute Klang der Glocke, der mir plötzlich
Angst einzujagen beginnt. Denoch will ich nicht mehr zurückweichen.
Ich öffne die Tür und trete zur Seite, daß die beiden Herren,
die draußen stehen, eintreten können.
"Frau
Belasco, Sie haben doch auf unsere Anzeige geantwortet?!"
"Ja,
dies tat ich, folgen Sir mir doch bitte!"
Hinter
den beiden schließe ich die Tür, führe sie ins Wohnzimmer
zu meinen Freundinnen.
So
vertraut mir das Zimmer ansonsten auch erscheint, so fremd und wie unter
einem fremden Einfluß scheint es nun zu stehen, ohne daß ich
sagen könnte, was diese Veränderung bewirkte.
In
meiner Kehle bildet sich ein seltsamer Kloß, den ich nicht zu schlucken
vermag. Ich versuche mich selbst unter Kontrolle zu kriegen, obwohl ich
langsam dieses Gefühl, das einerseits so unangenehm ist, zu mögen
beginne, ohne sagen zu können warum.
"Meinen
Namen kennen sie ja bereits. Dies hier sind Sarah und Claudia, meine beiden
Freundinnen."
"Angenehm.
Dies hier ist Waleran", er deutet auf seinen Begleiter, der gerade in den
besten Jahren zu sein scheint, helles, bräunlich-rötliches Haar,
das leicht ins Blonde tendiert, fließt hinab bis auf seine
Schulterblätter. Seine bräunlichen Augen, so strahlend sie sind,
enthalten etwas Gefährliches, etwas, das einem Sprengstoff gleich
nur entzündet werden muß, um zu explodieren. Es scheint mir
fast, als wären sie in der Lage tief in mich zu blicken, in ihnen
scheint eine ganze Welt zu stecken, kaum weniger als jahrtausende alte
Erfahrung und Wissen, an der ein Mensch zerbrechen könnte. Dichte
Wimpern geben ihm ein leicht feminines Aussehen. Die hohen Wangenknochen,
die schlanke, seltsam gerade Nase und die vollen Lippen bestätigen
sein feminines Wesen. Obwohl er jedoch so seltsam feminin wirkt, so geht
von ihm doch eine unglaublich starke männliche Präsenz aus, die
ich nicht zu erklären vermag.
Sein
Anzug ist geschnitten in einem Stil, wie er vor Jahrhunderten üblich
war, taillenbetont, zierlich, so weit dies möglich ist, aber er ist
nicht diesem Jahrhundert entsprungen. Er hätte gut in frühere
Zeiten gepaßt. Die Aura, die ihn umgibt wirft mich beinahe um, so
intensiv und stark erscheint sie mir.
"Mich
dürfen Sie Boris nennen."
Boris
sieht seinem Begleiter nicht unähnlich. Auch er trägt Kleidung,
die nicht dem üblichen Standard entsprechen, einen geschmackvollen
Anzug, der genausogut ins letzte Jahrhundert gepaßt hätte.
Das
kurze, dunkle Haar liegt eng am Haupt an, läßt die markanten
Backenknochen noch mehr betonen. Seine schmale Nase wird überthront
von den buschigen Brauen. Doch auch seine Augen, die eine dunklere Nuance
färbt, sind voll Leben, wie ich selten zuvor es jemals erlebt hatte.
Obwohl
dies nicht offensichtlich ist, so scheint es mir doch beinahe, als könnten
sie Brüder sein. Der Ausdruck in den Augen und ihre Gestik sind sich
so ähnlich wie kaum etwas, das mir zuvor untergekommen ist. Auch tragen
beide eine silbrige Kette, die ungemein filigran wirkt. Der daran befindliche
Anhänger ist nicht so recht zu erkennen, doch er dürfte schwer
und wohl ebenfalls aus Silber sein.
Andererseits
wiederum sind sie sich so verschieden, wie kaum etwas anderes. So verschieden,
wie Tag und Nacht, so verschieden, wie zwei Wesen nur sein können.
Beide
wirken sie arrogant, doch zugleich auch so ungemein anziehend, daß
es mir schwer fällt zu sagen, wieso dies so sein könnte. Es ist
jenes gewisse Etwas, das mir immer schon den Kick gegeben hat und doch
ist etwas in ihrer Art sich zu bewegen, das sie mich mit sehr großer
Vorsicht genießen läßt. Beinahe, als wären sie keine
normalen Menschen. Sie verwirren mich, erscheinen mir seltsam ambivalent.
Und wie mir scheint, ergeht es auch Claudia und Sarah nicht anders beim
Anblick der beiden, deren genaues Alter man einfach nicht zu schätzen
vermag.
All
diese in mir widerstreitenden Gefühle versuche ich zu verdrängen,
lade sie ein sich zu setzen. Auf ihre Bitte hin habe ich bereits Gläser
bereitgestellt, hochstielige, wie sie für ganz Besonderes verwendet
werden.
Aus
seiner Tasche zaubert Boris eine große Flasche Rotwein hervor, stellt
sie daneben.
"Sie
baten darum über alternative Dinge sprechen zu können, warum?"
"Ich
will mehr wissen, mehr erfahren als es die Menschen normalerweise tun."
"Nur
aus diesem Grunde?"
"Gewiß,
es steht auch dafür, daß ich gerne Bescheid wissen würde,
dieses Wissen will ich einzusetzen in der Lage sein."
"Mir
scheint jedoch, daß Sie noch einen versteckten Grund Ihr Eigen nennen,
warum Sie sich damit befassen. Ihre Gründe sind nicht alle!"
"Wohl,
weil ich auf etwas warte, das mir durch diese Art und Weise begegnen könnte!"
Undefinierbares,
hintergründiges Lächeln erscheint auf den Lippen der beiden.
Ob sie wissen, was ich erfahren möchte? Zwar bin ich mir dessen nicht
sicher, doch beinahe scheint es so.
"Verzeihen
Sie, die Frage war auch nur reine Neugierde. Bevor wir jedoch beginnen,
möchte ich Sie auf einen Schluck Wein einladen. Es ist der beste,
den es gibt, süß und fein im Geschmack. Meine Familie produziert
ihn selber."
Boris
nimmt die Flasche, ,öffnet sie. Jedes einzelne der Gläser füllt
er damit. Leicht zäh, ähnlich einem Sirup, fließt der Wein.
Die Farbe ist kräftig und sehr dunkel.
Obwohl
Sarah eine Weinkennerin ist, so scheint es, als wäre dieser unbekannt.
Ihr Gesichtsausdruck spricht Bände, zeugt von ihrer Überraschung.
Wir
heben die Gläser, stoßen an auf unser Wohl.
"Trinken
Sie, Sie werden ihn mögen."
Leicht
mißtrauisch sehe ich erst in das Glas, hebe es dann aber so hoch,
daß ich daran riechen kann. So ein seltsames Bukett ist mir noch
nie zuvor untergekommen. Wen ich es nicht beser wüßte, so würde
ich es als ungemein süß einstufen, doch ein leicht metallischer
Geschmack schwebt darin mit. Meine Vermutung bestätigt sich, als die
ersten Tropfen auf meiner Zunge sich befinden, die Geschmacksnerven sie
wahrnehmen. Seltsam kalt und goldig schmeckt er, bitter und doch erfüllt
von unglaublicher Süße. Wie zäher Sirup fließt er
meine Kehle hinab, füllt mich aus mit kratziger Wärme, die sich
in mir sammelt und im ganzen Körper zu verteilen beginnt.
Meine
Augen habe ich geschlossen, bis auch der letzte Schluck in mir ist. Erst
jetzt öffne ich sie wieder und blicke in die Runde hinein.
Sarah
und Claudia haben die Augen noch geschlossen, doch auch sie scheinen vom
Wein sehr überrascht zu sein.
Erst,
als wir uns wieder auf das konzentrieren, was vor uns liegt, holt Boris
einen kleinen Beutel hervor, den er an seinen Partner weitergibt.
Waleran
nimmt ihn entgegen, enthüllt die Karten, die sich darunter befinden.
Er hält sie kurz in Händen, streicht sanft darüber. Erst
jetzt kann ich erkennen, wie schmal und schlank seine Hände sind,
wie die eines Künstlers beinahe.
"Nun
so wollen wir doch zum ersten Teil kommen. Wer von Ihnen möchte den
Anfang machen?"
Kurz
nur überlege ich, bevor ich mich anbiete dafür.
"Gut,
so sei es, mischen Sie, ziehen Sie drei Karten, von denen Sie das Gefühl
haben, daß Sie etwas aussagen möchten!"
Waleran
reicht sie mir herüber. Kurz streift seine Hand die meine, als er
mir die Karten in die Hand legt. Kühl ist seine Haut, leicht erschrocken
blicke ich ihn an, so kalt ist es doch nicht, es ist warm draußen
und auch hier ist es eher heiß.
Der
Blick, den er mir zuwirft kann ich nicht deuten, zu sehr verwirrt er mich.
Wohl vielleicht gerade deswegen, ziehe ich drei Karten aufs völlige
Geratewohl heraus und gebe sie ihm in die Hand.
"Wollen
wir doch mal sehen, was Sie uns gezogen haben!"
Er
dreht die erste um, die Herrscherin, zeigt ihr Antlitz.
"Dies
sind Sie für den heutigen Abend, aber lassen Sie uns weitergehen."
Der
Gehängte und die Liebenden folgen, auch für diese Karten
gibt er mir eine Deutung.
"Sehen
Sie den Gehängten? Wie er an einem einzigen Strick baumelt? Er
ist zu Passivität verurteilt und ebenso auch zu warten, ohne, daß
er etwas tun kann. So wird für Sie die nächste Zeit werden. Sie
wollen etwas tun, können es aber nicht, ergeben Sie sich in Ihr Schicksal,
so werden Sie hernach belohnt, wie die Karte der Liebenden es zeigt. Doch
ist es nicht unbedingt eine Liebe oder eine Romanze, die damit gemeint
sein kann, sondern einfach eine Entscheidung, die Sie treffen, die für
Sie noch ungekannte Möglichkeiten offenbart, wenn Sie weise wählen.
Diese Wahl wird Ihr Leben in einer Weise ändern, wie es nichts zuvor
je gab."
Er
nimmt die Karten wieder an sich, behält allerdings die Herrscherin
in der Hand und legt sie vor Claudia.
"Auch
Sie soll diese Karte heute verkörpern. Wählen Sie zwei Karten
aus dem Stapel!"
Sie
zieht zwei Karten, legt sie vor sich, neben die Herrscherin. Waleran dreht
sie um, die erste zeigt den Mond, die zweite den Tod.
"Oh
eine sehr interessante Kombination. Sehen wir uns doch einmal den Mond
an. Sie scheinen mit ihrer eigenen dunklen Seite nicht so zurecht zu kommen,
wie Sie es vielleicht möchten. Es gibt viele unbewußte Ängste,
die Sie quälen und martern, die Sie am liebsten vergessen würden.
Obwohl Sie aber Angst vor dem Dunklen haben, sich am liebsten vor diesen
Dingen drücken würden, so fasziniert Sie das Düstere doch
auch, hat einen Hauch von Romantik an sich, den Sie sich nicht zu erklären
vermochten bisher. Und dies wird auch Ihr Schicksal sein. Die Dunkelheit
und ihre Welt wird Sie zum Abschied von dieser bringen, Ihnen aber eine
neue Chance offenbaren, die Sie ergreifen werden. Es wird ein neuer Beginn
für Sie werden, von dem Sie nicht einmal zu träumen wagten bisher.
So werden Sie zwar sterben, aber seine Sie sicher, Sie werden neu geboren!"
Auch
ihr nimmt er die Karten aus der Hand und legt nun vor Sarah die Herrscherin.
"Nun
ist die Reihe an Ihnen. Wählen Sie, dunkle Herrin! Wählen Sie!"
Rasch
greift Sarah nach den Karten, will dies alles nur schnell hinter sich bringen.
Zwei drückt sie Waleran in die eine Hand, legt den Stapel neben sich.
"Wagen
und Teufel. Sie scheinen Risken zu mögen, wie der Wagen zeigt. Risiken,
die Sie aber doch abzuschätzen mehr in der Lage sind, als Ihre beiden
Freundinnen es tun. Doch seien Sie auch gewarnt. Vieles von dem, was Sie
tun, können Sie nicht wirklich abschätzen, Sie überschätzen
sich zwar nicht immer, doch manchmal schon und wie der Teufel dies zeigt,
so spielen Sie auch gerne mit dem Feuer. Seien Sie vorsichtig, daß
Sie keinen zu großen Fehler machen, der Sie dann schlußendlich
vernichtet, es scheint so, als könnten Sie Ihre eigene, dunkle Seite
nicht recht verstehen und würden an ihr so zu Grunde gehen."
Kurz
hält er inne, damit wir das Gesagte auch verdauen können. Doch
schließlich, schenkt er nach, hebt das Glas und prostet uns zu.
"Trinken
wir noch einmal zusammen. Hebt die Gläser und erfreut Euch an Eurem
Leben!"
Wie
zuvor trinken wir gemeinsam, doch seltsamerweise erscheint der Geschmack
des Weines nun noch herber und süßer als zuvor.
"So
wollen wir doch die nächste Weise kennenlernen, die wir anzubieten
haben. Die Macht der Runen."
Boris
holt einen weiteren Beutel aus seinen Taschen, leert ihn auf dem Tisch
aus.
"Möchten
Sie, werte Melora, nicht wieder den Anfang machen? Sie scheinen damit Ihren
Freundinnen die Scheu vor diesen Dingen zu nehmen."
"Was
soll ich tun?"
"Wählen
Sie drei aus, konzentrieren Sie sich und wählen Sie!"
Ich
schließe meine Augen, lasse die Hände über die Steine wandern,
bis Energien ich spüre, die in meinen Händen kribbeln. Drei Stück
wähle ich und lege sie vor mir hin.
"Beginnen
wir mit dieser hier: Gebo. Sie bedeutet, daß Sie bald schon ein Geschenk
erhalten werden. Doch freuen Sie sich nicht zu früh. Trotz dieses
Geschenkes oder vielleicht gerade deswegen, werden Sie in der Zeit, die
darauf folgt, eine Ruhe haben, die Sie nicht mögen, Sie werden gezwungen
passiv zu bleiben. Isa zeigt Ihnen an, daß Sie ruhig verharren sollen,
der Forderungen, die Sie sich verpflichtet haben, nicht noch schneller
aufzudrängen. Seien Sie geduldig, obwohl Ihnen das wohl mit Sicherheit
unglaublich schwer fallen wird. Die letzte Rune, die Sie gezogen
haben, Othila, zeigt, daß Sie neue Wege gehen werden. Eine Art radikaler
Häutung oder Trennung wird daraufhin erfolgen. Wenn Sie gehorsam sind,
dann wird das, was Sie erhalten, wunderbar werden. Erfolgt die Trennung,
die Sie vollziehen werden, so wird Ihnen Freiheit zuteil, an die Sie schon
lange nicht mehr glaubten und die Ihnen immer unwahrscheinlicher werden
wird in nächster Zeit vor allem."
Nur
nebenbei registriere ich, welche Runen Sarah und Claudia zogen. Nur eines
überrascht mich. Jede von uns hat Gebo an erster Stelle gezogen, Gebo,
die Rune des Geschenkes. Was die Bedeutung der Runen für meine Freundinnen
sind, das kann ich nicht sagen, zu sehr bin ich damit beschäftigt
mir meine Gedanken darüber zu machen, was alles das, was mir erzählt
wurde, was die Runen sagten, ebenso, wie die Karten es aussprachen, sich
doch ähnelte. Es ist überraschend, verwirrt mich ein wenig.
Ein
Geschenk? Wie soll dies denn aussehen? Ob es meinem Wunsch entspricht?
Oder dies Geschenk etwas ist, das gänzlich anders ist, als ich glaube?
Ich kann es nicht sagen. Und dann die Zeit, die mir schwer fällt?
Muß wirklich der Passivität ich entsprechen? Anstatt aktiv werden
zu können? Und was ist die Belohnung hinterher?
Meine
Gedanken hetzen sich in mir, gehen immer wieder im Kreis, einen nach dem
anderen. Ich sehe erst auf, als mir Waleran wieder ein Glas entgegenhält
und mir in die Hand drückt.
"Bitte,
nehmt, noch einmal möchte ich mit Ihnen und Ihren Freundinnen anstoßen,
es sind die letzten Tropfen des Weines, der noch in der Flasche ist. Bitte,
nehmt und trinkt!"
Gemeinsam
heben wir die Gläser, stoßen an und leeren, bis auf den letzten
Tropfen, die Gläser, die wir in Händen halten. Sarah trinkt am
langsamsten, beinahe, als wolle sie den Wein gar nicht zu sich nehmen.
Kaum
haben wir den letzten Schluck hinter uns gebracht, den Wein völlig
geleert, verspüre ich eine Lähmung wie nie zuvor. Ich sehe, höre
und fühle alles, was um mich herum vor sich geht, doch kann ich mich
nicht länger bewegen. Beinahe, als sei mein Geist gefesselt.
Zugleich
ertönt lauter Donner, das Licht flackert, wird düsterer, so,
als würde eine schwächere Birne, die jetzige ersetzen. Kurz sehe
ich gar nichts mehr, jedoch spüre ich, daß etwas da ist, das
mir den Atem raubt, mich beinahe betäubt. Mir kommt es beinahe so
vor, als wäre dies eine Stärke, eine Energie, der ich rein gar
nichts entgegensetzen kann. Doch höre ich Worte, Klänge, die
ich nicht verstehe, merke aber, daß jemand spricht.
Nur
langsam schwinden die Schleier vor meinem Blick, geben frei, was mir für
Sekunden verborgen geblieben ist.
Eine
dritte Person befindet sich hier. Er ist großgewachsen, schlank,
sieht aber Waleran zum Verwechseln ähnlich, bis auf seine rabenschwarzen
Haare, die ihm bis zur Hüfte reichen. Nur wenn er sich bewegt, erkenne
ich dies. Im Gegensatz zu den beiden anderen trägt er eine Art Kutte,
schwarz mit eigenartigen Zeichen bestickt, deren Ursprung ich nicht kenne,
ja nicht einmal erahnen kann. Sie sind kaum zu sehen, doch ist es kein
Schwarz, in dem sie gestickt sind. Im Gegensatz zu den beiden anderen wirkt
er unglaublich arrogant und herrschsüchtig, beinahe, als wäre
er der Herr über eine Menge von Leuten und nicht gewohnt nachzugeben.
Von ihm scheint diese Art der Beklemmung und Energie auszugehen. Seine
Stimme jedoch ist ungemein süß und beruhigend. Still und zärtlich,
wie der Hauch einer Sommerbrise, wenn sie durchs Haar streift. Sie wirkt
so ungemein beruhigend, wie kaum etwas anderes.
Doch
das, was er sagt, ist alles andere als ruhig und zärtlich.
"Wie
sieht es aus? Haben sie getrunken?"
"Ja,
das haben sie, jeden Tropfen, den wir ihnen gaben. Sie werden gute Diener
abgeben. Da könnt Ihr ganz unbesorgt sein."
"Das
hoffe ich, daß es so ist. Diener, die nichts taugen, können
wir nicht brauchen."
Arrogant
ist sein Blick, als er auf uns zukommt, uns begutachtet. Noch ist es uns
nicht möglich uns zu bewegen, obwohl ich es so gerne würde. Er
sieht uns an, einen nach dem anderen, packt mein Haar und reißt meinen
Kopf nach oben, nur kurz sieht er mir in die Augen, ich möchte meinen
Blick senken, doch nicht einmal dazu bin ich imstande.
"Sie
hat euch wohl geladen, nicht wahr?"
"Ja,
so ist es. Ohne ihre Einladung wären wir jetzt wohl auch nicht hier,
doch ist das denn so wichtig?"
"Manchmal
schon."
Ohne
noch weiter auf mich zu achten, läßt er meine Haare wieder los.
Steif und wie geknickt beinahe fällt mein Haupt hinab, ich verspüre
einen Schmerz, der seltsam anmutet.
Auch
meine Freundinnen begutachtet er noch, bevor er hochsieht und seine Kollegen
angrinst mit einem Blick, der nur bedingt Gutes verheißen mag.
"Was
ist mit dem Schwur? Den habt ihr sie doch noch nicht leisten lassen? Oder
doch?"
"Nein,
aber Ihr sagtet doch selbst, daß es Eure Aufgabe ist, sie den Schwur
leisten zu lassen. Darum warteten wir damit auf Euch."
"Na
schön, also wollen wir nicht länger warten, könnte doch
fatale Folgen haben. Seht mich an!"
Stolz
und erhaben ist sein Blick, den er uns zuwirft. Selbst, wenn ich wollte,
so schaffe ich es doch nicht, den Blick abzuwenden. Hypnotisch zwingt er
mich ihn anzusehen.
"Sprecht
mir nach! So wie die Wahl uns traf, so wollen wir dem Herrn dienen, der
uns erwählt. Jeder Befehl, der gegeben wird, wird ohne Zögern
und augenblicklich befolgt. Keine Widerrede und kein Kommentar des Aufbegehrens
soll zeigen, daß wir uns dem Herrn widersetzen. Das Leben, das Herz
und die Seele geben wir in die Hände dessen, der uns gezeugt und ernährt.
Ihm gehören wir mit allem, was wird haben."
Ich
spreche die Worte nach, einzeln, Teil für Teil, so wie er ihn uns
vorsprach. Doch irre ich mich, oder bin ich die einzige, die jedes Wort
nachsprach? Bis ins kleinste Detail?
Jedoch
ist es mir gleich, ich leistete den Schwur und ich meine ihn ernst. Wohl
mag dies es sein, auf das so lange Zeit ich so inbrünstig gewartet
hatte.
Ein
wenig scheint er irritiert von meinen Freundinnen zu sein, doch nur kurz,
jedenfalls läßt er sich nichts anmerken. Wieder ignoriert er
uns, den freien Willen hat er uns zwar wiedergegeben, eine Widerrede jedoch
wagt keine von uns.
"Nun,
ich hoffe, ihr seid bereit den Schwur, den ihr geleistet habt, auch einzuhalten."
"Und
wenn nicht?"
Sarah
wagt zwar nicht aufzusehen, doch innerlich scheint ihre Natur wieder das
Rebellische in ihr hervorzukramen.
"Dann
wird dies mit Euch geschehen, aber nicht so schnell und schmerzlos, wie
jetzt!"
Er
macht einen Wink, woraufhin Boris zu ihr geht, ihren Kopf an den Haaren
zurückreißt und seinen Mund über ihren Hals beugt. Ein
schmerzhafter Laut entringt sich ihrer Kehle, schrill und grell bricht
er sich Bann.
Nur
kurz ist dies, Sekundenbruchteile später läßt er sie los.
"Raten
würde ich keiner von euch so zu reagieren, sich aufzulehnen gegen
den Schwur, der Schluß wäre ein Tod, der Euch nicht mehr zurückbringen
wird, sondern euch auf endgültig vernichtet. In 60 Tagen kehren wir
wieder zurück, wir erwarten dann einen Beweis für eure Loyalität
und euren Gehorsam. Jede von euch wird eine Freundin mitbringen, von der
wir uns nähren werden. Wählt sie gut aus, es ist mit ein Grund
dafür, ob ihr Schmerz oder Freude von uns erfahren werdet. Habt ihr
verstanden?"
Zögernd
bestätige ich seinen Befehl. Leise und doch kraftvoll dringt er über
meine Lippen. Werde ich dann von ihnen den Blutkuß erhalten, so wie
ich es mir schon so lange erträume? Was haben sie nur vor mit uns
allen? Sollen wir auf ewig nur ihre Dienerinnen bleiben?
"Gut
denn, ich erwarte, daß ihr tut, wie euch geheißen.Bis dahin,
laßt euch die Zeit nicht zu lange werden."
Ein
hämischer Grinser entringt sich seiner Kehle, ein Lachen, das an Bosheit
und Wut kaum noch überboten werden kann.
Für
Sekunden verlischt das Licht, ein weiterer Donner folgt. Wir sitzen im
Dunkeln. Erst jetzt kann ich mich wieder völlig frei bewegen. Ich
sehe hoch, doch die Drei sind verschwunden. Ein Traum jedoch war es gewiß
nicht, noch steht die Flasche auf dem Tisch und Sarah, sie atmet schwer,
preßt ihre Hand auf ihren Hals. Es war real, der Besuch der Fremden.
Der Blick, den sie mir zuwirft, den kann ich nicht deuten, obwohl er eigenartig
und ein wenig enttäuscht ist.
Ich
werde dem Befehl Folge leisten, egal, was geschieht, doch ob Claudia und
Sarah dies ebenso tun werden? Das kann ich nicht sagen, sie hatten schon
immer ihren eigenen Willen dahingehend.
©Rhiannon
Brunner |