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Die
Inquisition
Rhiannon
Brunner
Leer
und gebrochen fühle ich mich. Beinahe, als wäre ich nicht mehr,
als nur noch ein Körper, dessen Seele und dessen Herz sich nicht mehr
darin befinden. Lebe ich denn noch? Vegetiere ich nicht eigentlich nur
noch dahin? Oft scheint es so. Es gibt kaum noch etwas, das mich interessiert,
jeder Handgriff bereitet mir höllische Qualen, die ich nicht so einfach
überwinden kann. Frei bin ich schon lange nicht mehr. Das einzige,
das mich noch aufrecht erhält ist ein Traum und eine Begegnung. Doch
warum bin ich nun so alleine?
Gut,
gewiß, ich habe selber meine Freunde vergrault, nicht nur deswegen,
weil ich die Beziehungen zu ihnen verlottern ließ. Mein damaliger
Partner, der ansonsten immer zu mir hielt, hat sich abgewandt von mir,
weil ich nichts mehr so wichtig nahm, wie das, was mir wirklich wichtig
ist, das Vampirische und auch der Traum, den ich in dieser Richtung habe.
Der Traum, vor mehreren Monden war er mir so nah, warum nur sind sie nicht
wiedergekehrt? Solche Sehnsucht, wie ich sie jetzt erfahre, seit jenem
Erlebnis wächst sie Tag für Tag, läßt mich kaum noch
ruhig schlafen, sie weckt mich, keine Nacht vergeht, in der ich nicht weinend
mich in die Kissen vergrabe oder nach wenigen Stunden Schlafes, der alles
andere als erholsam ist. Mehr als nur einmal hat mich dies bereits rausgetrieben
in die Nacht, mich ruhelos umherirren lassen.
Claudia
ist wenige Wochen danach verschwunden, seither habe ich zu ihr keinen Kontakt
mehr, ebenso wenig wie zu Sarah, die ebenfalls den Kontakt abgebrochen
hat, doch eher, weil sie versucht, sich irgendwie dem Schwur, den sie leistete,
entziehen zu können. Manchmal erscheint es mir beinahe, als würde
sie es sogar schaffen, davon freizukommen, so sehr, wie sie sich in die
Magie vergräbt und versucht, an dies alles nicht mehr zu denken.
Doch
ich kann das nicht, vielleicht will ich es auch nicht vergessen. Zu nahe
schon war mir die Erfüllung dessen, was ich so sehr wünsche und
nun soll ich die Erfüllung dessen von mir weisen? Nein, das werde
ich nicht, ich hoffe noch immer, daß sie vielleicht doch zurückkehren
werden zu mir.
Ich
wünsche es mir immer noch mehr als alles andere, doch im Gegensatz
zu früher habe ich meine anderen Wünsche begraben. Keiner von
ihnen interessiert mich mehr.
Auch
diese Nacht wieder treibt es mich auf die Straße nach draußen,
obwohl es so kalt ist, daß mir nach wenigen Minuten bereits die Nase
rot gefroren ist, ebenso wie meine Ohren vor Kälte starren. Dennoch
läßt mich dies alles völlig kalt, es ist mir nicht wichtig.
Wieso sollte mir noch etwas an meinem Leben hängen, wenn meine Einstellung
zu meinem Leben inzwischen so geworden ist?
Ziellos
wandere ich durch die Stadt, mir fällt gar nicht auf, wohin ich eigentlich
gehe. Ich komme an Orten vorbei, die mir einst vertraut waren, jetzt jedoch
fallen sie mir gar nicht mehr auf, weil meine Gedanken in anderen Welten
schweifen.
Stunde
über Stunde bin ich unterwegs. Nicht einmal die Uhrzeit interessiert
mich, mag sein, daß es erst zehn ist, oder aber vielleicht schon
drei Uhr früh? Mein Zeitgefühl ist mir völlig abhanden gekommen,
ich könnte es nicht sagen. Langsam lenke ich meine Schritte, eine
leichte Müdigkeit macht sich in mir bemerkbar, die ich nicht wirklich
verstehe.
Als
ich aufsehe, bemerke ich, daß ich in meiner Straße bin, beinah
schon wieder zu Hause. Nun, wenn ich schon mal hier bin, so kann ich doch
auch gleich hier bleiben. Rasch schlüpfe ich hinein, der eisige Wind,
der mich vorhin beinahe umgeworfen hatte, ist auf einmal verschwunden,
auch die Klammheit meiner Finger und Füße schwindet langsam
wieder. Erst in meiner Wohnung, die ich kurz darauf betrete, wärme
ich mich völlig auf. Obschon ich gehofft hatte, die Unruhe würde
mich in Ruhe lassen, so fühle ich sie nun wieder stärker, Stärke,
wie ich sie kaum jemals zuvor in mir gefühlt habe.
Kann
es sein, daß er unten auf mich wartet? Nur darauf wartet, daß
ich zu ihm hinabgehe und ihn suche? Soll es sogar eine Probe sein, ob ich
seine Stimme auch wahrlich zu vernehmen in der Lage bin?
Diese
Fragen lassen mir keine Ruhe, erbarmunglos ziehen sie mich in ihren Bann,
verschlingen mich und fangen mich auf in einem Orkan aus Stimmung und Ruhelosigkeit.
Nichts hält mich noch länger in dieser Wohnung, beinahe wie im
Zwang eile ich nach unten in den Keller, schließe ihn auf und betrete
ihn. Dumpfer, kühler Geruch schlägt mir entgegen, modrig und
ein wenig feucht ist es hier, mir schwandt nicht einmal eine Ahnung von
dem, was hier auf mich vielleicht warten mag.
Mein
Herz tut mir weh, so wie in der letzten Zeit oftmals es der Fall gewesen
ist, eine Erklärung dafür jedoch finde ich nicht. Oder hängt
es mit dem Traum zusammen, der für mich mehr als nur ein Traum gewesen
ist?
Tränen
erfüllen meine Augen, Tränen, die ich mir nicht zu erklären
vermag und eine Sehnsucht nach etwas - oder nach jemandem?
Wieder
taucht jener junge Bursche in meinem Kopf auf, der mich einst besucht hatte.
Ich sehe sein Antlitz vor mir, als wäre er gerade erst durch die Tür
verschwunden. Als mein Meister hat er sich damals betitelt. So sehe ich
ihn auch an. Für mich ist er mehr als nur ein Traumgebilde, doch wenn
es mehr war als nur ein Traum, warum sehne ich mich so sehr nach ihm? Warum
nur fühle ich dann eine Sehnsucht in mir, die mich immer wieder nach
draußen treibt, ins Freie? Bis jetzt fand ich keine Erklärung
dafür, nur eine Antwort für mich, die aber nicht unbedingt der
Wahrheit entspringen muß.
Beinahe,
als würde jemand anders meine Lippen bewegen und meiner Stimme Laut
verleihen, ertönen Worte aus meinem Mund. Zusätzlich zu meinem
Schluchzen, das sich mir immer wieder zwischen den Worten entringt.
"Meister,
wo seid Ihr nur, wenn ich Euch brauche? Kommt zurück zu mir, verlaßt
mich nicht!"
Keuchend
vor Anstrengung lehne ich mich an die Kellerwand, rutsche hinab daran,
bis ich auf dem feuchten, lehmigen Boden kauere. Nur noch Weinen und Tränen
ertönt von mir. Obwohl ich es gerne verhindern möchte, so ist
es mir nicht möglich auch nur ein einziges davon zu unterdrücken.
Wieder und wieder rufe ich nach ihm, aber eine Antwort ertönt nicht,
kein Laut von ihm, obwohl ich seine Stimme noch immer in meinem Ohr habe,
in meinem Gedächtnis, so, als wäre das letzte Wort gerade erst
verklungen.
Immer
mehr überwältigen mich die Erinnerungen an ihn, an die Stimme,
das Antlitz und auch das Versprechen, das er einst mir gab. Warum nur kam
er dann nicht wieder her zu mir? Ich wünschte, ich wüßte,
wo er ist, dann könnte ich es mir erlauben, ihm nach zu eilen.
Der
Keller nun jedoch ist so voller Erinnerungen und voller Sehnsucht an ihn,
daß es mich zu überwältigen droht. Bitter ist der Schmerz
und die Sehnsucht, die in mir toben, einem schieren Orkan gleich, der mich
zu überwältigen in der Lage ist. Mehr, als alles andere jemals
zuvor.
Ich
halte es nicht mehr aus in diesem Raum, so rasch es mir möglich ist,
eile ich nach oben, zurück in meine Wohnung und schließe die
Tür hinter mir. Weinend werfe ich mich auf meine Couch.
Sind
es nur Sekunden gewesen, die vergangen oder Stunden?
Krachend
öffnet sich die Tür, schlägt gegen die Wand, leise wird
sie geschlossen. Meinen Kopf habe ich vergraben zwischen meinen Armen,
überrascht sehe ich hoch, als er nach oben gerissen wird.
Ich
sehe einen Fremden vor mir. Ich kenne ihn nicht. Er hat eine Ausstrahlung,
eine Präsenz, die ich mir nicht zu erklären vermag und doch kenne
ich sie. Sie ähnelt der, die ich aus meinem Traum kenne.
Er
läßt meinen Kopf wieder los, drückt mich auf die Couch
zurück.
"Sie
ist es."
"Was
machen wir mit ihr?"
"Erst
sollten wir sie mal befragen. Los, sieh uns an!"
Rüde
sind die Worte an mich gerichtet. Nur scheu wage ich es aufzusehen, senke
aber sofort den Blick wieder, bis mein Kopf wieder nach oben gerissen wird.
"Sieh
uns an!"
Drei
Personen sind es, sie alle wirken jung und doch, sind sie es denn? Ihre
Augen strahlen ein Alter aus, das ich kaum zuvor jemals gesehen habe.
Eine
Frau mit kurzem rötlichen Haar, die noch ein wenig scheu beinahe im
Hintergrund steht. Ein etwas älterer, dunkelhaariger Bursche, der
in Schwarz gekleidet ist und ein Mann mit rötlichem Haar, das ihm
bis zu den Schultern reicht. Seine Kleidung wirkt feudal, beinahe aus einem
früheren Jahrhundert entsprungen.
"Wo
ist dein Meister?"
"Mein
Meister?"
"Ja,
wo ist er?"
Erst
jetzt dämmert es mir so wirklich, wer sie sind. Doch wie sollte ich
ihnen etwas sagen können, wenn ich selber es nicht einmal weiß?
"Ich
weiß es nicht."
"Und
ob sie es weiß. Sie muß doch Kontakt haben zu ihm!"
"Wann
war er zum letzten Mal bei dir?"
"Vor
mehreren Monden. Ich habe ihn nur ein einziges Mal gesehen, seither nicht
wieder."
"Du
weißt doch wo er ist, lüge nicht!"
Ich
erhebe mich kurz, doch einer von ihnen packt meinen Arm und stößt
mich auf die Couch zurück.
"Ich
weiß es nicht, ich kann nur das beteuern. Wie soll ich Euch etwas
sagen, wenn ich selber nicht weiß, wo er ist?"
"Und
doch möchte ich wetten, daß sie es weiß"
"Gut,
dann sag uns, wer dein Herr ist. Du hast einen, das ist dir anzusehen,
du bist geprägt. Sage uns wenigstens seinen Namen. Den wirst du doch
wohl kennen!"
"Warum
sollte ich das tun? Ich sehe keinen Grund dafür!"
"Sieh
sie dir doch an Romuald, sie ist geprägt, aber doch, sie hat wesentlich
mehr Wissen, als sie zu haben scheint."
Der
Rothaarige, der als Romuald bezeichnet wurde, sieht mich an, packt mein
Kinn und sieht mir in die Augen.
"Los,
rück den Namen raus!"
Er
sieht mich an, ich senke die Augen, weil ich es nicht mehr ertrage ihn
anzusehen.
"Nun
gut, dann wollen wir mal anders vorgehen. Sag, was damals geschehen ist,
als du ihn kennengelernt hast. Was ist geschehen."
"Warum
sollte ich?"
"Tu
es! Gehorche ihm!"
Der
Dunkelhaarige blickt mich an, sieht mir in die Augen. Von einer Sekunde
auf die andere werde ich ruhiger.
"Sprich,
antworte auf die Frage. Du hast nicht mehr die Macht dich dagegen zu sträuben.
Antworte. Wie hast du ihn kennengelernt?"
"Ich
lud ihn ein zu kommen."
"Wie!"
"Durch
eine Annonce in der Zeitung."
"Und
was stand darin geschrieben?"
"Zwei
Herren, die einen in die Kunst und das Wissen des Okkulten einweihen würden."
"Und
du hast sie gebeten zu dir zu kommen. Warum?"
"Ich
wollte etwas erfahren, das mir wichtig ist. Einen Wunsch, der mir innewohnte
und dafür ist mir jedes Mittel recht gewesen."
"Sieh
dir das an, Romuald. Bücher über Magie und Esoterik und die Poster,
die Zeichnungen und die Bücher, alles mögliche über unseresgleichen."
Er
hält eines meiner Bücher in der Hand, in der anderen einige Zeichnungen,
die ich mir von Vampiren gemalt hatte.
"Seit
wann beschäftigst du dich mit diesen Themen!"
"Immer
schon, seit ich mich zu erinnern vermag."
"Ein
potentielles Opfer. Die, die am leichtesten zu übernehmen sind. Es
gibt keine besseren Diener, als solche Leute, sie sind auch ohne große
Anstrengung leicht zu behandeln, nie würden sie es wagen, einen zu
hintergehen."
"Ich
weiß und der Sabbath,... Wer sollte es sonst sein, keiner aus der
Camarilla würde es wagen... Jetzt kommen sie sogar schon über
die Zeitung zu ihren Opfern."
"Es
ist eine Schande, wie sie uns vor der Nase herumtanzen und wir es bis jetzt
nur mit Vermutungen erklären konnten."
"Warst
du die einzige?"
"Nein,
ich hatte noch Freundinnen bei mir."
"Was
geschah mit ihnen?"
"Ich
habe sie seither nicht mehr gesehen."
Scham
erfüllt mich bei dieser Befragung. Was soll das alles eigentlich?
"Sprich,
wie ist es vor sich gegangen."
"Wir
luden sie ein, sie zeigten uns einige Dinge wie Kartenlegen oder auch Runen
zu lesen."
"Gab
euch einer von ihnen etwas zu trinken?"
"Einer
nahm eine Flasche mit seltsamem süßen Wein mit. Dreimal haben
wir getrunken, gemeinsam angestoßen."
"Ihr
Blut."
"Damit
haben sie sie gekriegt."
"Und
dann?"
"Dann
kam einer, wir sollten ihm Opfer bringen, doch er hat sich seither nicht
mehr gemeldet, keiner von ihnen."
"Wieviele
waren es?"
"Drei,
zum Schluß. Zwei kamen und der dritte erschien wie aus dem Nichts."
"Nenne
uns die Namen."
"Ich
weiß nur noch von einem den Namen. Boris."
"Und
wie weiter?"
"Boris,
Graf Andraschij von Shigishoara."
"Ein
Ausländer. Wie können die es nur wagen hierher zu kommen. Der
Sabbath..."
"Und
seither?"
"Keiner
ist wieder gekommen."
"Was
geschah mit den anderen?"
"Ich
habe keinen Kontakt mehr zu ihnen!"
"Warum
habst du dir keinen anderen Meister gesucht?"
Ich
lache auf, doch voll von bitterer Ironie erfüllt. Stehe auf und drehe
ihnen den Rücken zu.
"Wie
hätte ich das denn können? Ich habe keinen von Euresgleichen
mehr seither gesehen? Ich bin doch schon längst mehr tot als lebend,
doch keinen von Euch hat es gekümmert!"
"Wie
wichtig ist dir denn dein Leben noch?"
"Es
ist mir gleich. Ich will nur das, was mir versprochen wurde. Ich will den
Kuß erhalten, mehr nicht."
Eine
leichte Berührung verspühre ich an meiner Schulter.
"Sieh
uns an. Du willst den Kuß erhalten, doch dein Meister ließ
dich im Stich. Du hast dich gehen lassen, nicht wahr?"
"Mein
menschliches Leben ist doch belanglos. Es interessiert mich nicht mehr,
weniger noch als jemals zuvor."
"Gut,
so will ich dich wählen zu lassen. Wir töten dich oder du kannst
uns dienen!"
Die
Tränen, die noch immer in meinen Augen schimmern, trocknen ein wenig.
"Ihr
würdet mich nehmen?"
"Du
hast etwas überlebt, wonach wir auf der Suche waren. Du bist ein Indiz.
Du kannst uns helfen unsere Feinde zu vernichten, doch du mußt sagen,
was du möchtest."
Er
sieht mich an. Bitter und doch so, als wolle er mich verschlingen.
"Wähle."
Romuald
packt mich an den Schultern und stößt mich vor den beiden anderen
zu Boden.
"Los
wähle!"
"Ich
wähle Euch."
"Gut.
So werden wir dich unter unsere Obhut nehmen, bis unser Clan weiter entscheidet,
was geschehen soll mit dir. Du wirst noch alles erfahren. Von uns und den
verschiedenen Clans, die es gibt. Dir wird so manches noch klar werden.
Dann wirst du früher oder später den Clan, dem du beitreten willst,
frei wählen, bis dahin, werden wir dich unter unserer Kontrolle behalten."
Ich
rappele mich hoch. Die Fremde packt mich am Handgelenk, zerrt mich mit
sich. Hinaus in eine Welt, die mir noch neu ist, doch die eigentlich dem
entspricht, was ich mir immer gewünscht habe.
©Rhiannon
Brunner |