Ich
fand mich in einem heruntergekommenen Kolonialbau wieder, der wohl so etwas
wie das Tor zur Welt für Neville Island darstellte. Hier residierte
Mister Wang, ein chinesischer Händler, den es irgendwann in den dreißiger
Jahren hierher verschlagen hatte. Über die Gründe für sein
freiwilliges Exil hüllte er sich in Schweigen, erwies sich ansonsten
aber als unermüdlicher Gesprächspartner. Ich saß am Thresen
in einer Art Empfangshalle, die Wang in ein Mittelding aus Warenlager,
Bar und Antiquitätengeschäft umfunktioniert hatte. Die Wände
waren bedeckt mit vergilbten Filmplakaten und Zeitungsausschnitten, die
von der Bombardierung Pearl Harbours und den Kriegsjahren im Pazifik berichteten.
Ein Fernseher lief unbeachtet in einer Ecke vor sich hin; Tom & Jerry
jagten sich gegenseitig durch eine surreale Cartoonkulisse. Hinter dem
Tresen hing eine Schwarzwälder Kuckucksuhr an der Wand. Es roch nach
Gewürzen und Putzmitteln.
Ich
hatte Wang erzählt, warum ich gekommen war. Vielleicht konnte mir
dieser alte Mann, der mich von der anderen Seite des Tresens amüsiert
angrinste und mir ständig das Glas mit billigem Gin nachfüllte,
noch eine wertvolle Hilfe bei meinen Nachforschungen sein. »Und seit
wann genau leben sie hier?«
Ich
lehnte dankend ab, als Wang dazu ansetzte, mein noch nicht einmal halbleeres
Glas erneut zu füllen.
Er
grinste kopfschüttelnd und bediente sich selbst aus der Flasche. »Lang
genug, um Neville Island zu kennen. Und lang genug, um nirgendwo anders
mehr hinzukommen. Als ich auf die Insel kam, war alles noch etwas anders
... etwas lebendiger ...« Er beugte sich verschwörerisch zu
mir herüber. »Die Insel stirbt, verstehen Sie? Die Menschen,
die einst hier geboren wurden, sind fort. Sie sind gegangen, einer nach
dem anderen, die meisten nach ...« Er gestikulierte fahrig in der
Luft. » ... Nach Hawaii. Andere weiter auf die Midways, andere nach
Süden auf die Line Islands. Haben Sie gesehen, wie wenig Leute noch
auf Neville Island leben? Und die gehörten eigentlich alle nicht hierher
... doch sie können nicht mehr fort. Als ich kam, habe ich einen Ort
gesucht, an dem ich einige Jahre etwas abseits der großen Welt in
Ruhe verbringen konnte ...« Wang kicherte und griff nach seinem Glas.
»Einige Jahre, die hätten mir völlig genügt. Damals
... Aber die Insel hat einen unguten Einfluß auf Fremde, mein Freund.
Sie lähmt das Leben.
Ich
habe als junger Mann oft vorgehabt, fortzugehen, irgend etwas hielt mich
immer. Und irgendwann war es zu spät. Wenn Mister Wang stirbt, dann
auf Neville Island. Und so ging es nicht nur mir, oh nein, glauben Sie
mir, ich habe viele Menschen erlebt, die hierher kamen um sich zu verstecken
oder um zu vergessen ... Sie sind alle geblieben. Und die meisten sind
jetzt tot. Sehen Sie da drüben ...« Er blickte zu einem Tisch
hinüber, an dem eine vielleicht vierzigjährige Frau zusammengesunken
hockte und mit glasigem Blick auf ein Blatt Papier starrte. »Sie
kam vor zehn Jahren hierher, wahrscheinlich weiß sie das selbst schon
nicht mehr genau. Irgendetwas muß sie wohl auf die Insel gezogen
haben ... Als sie kam, war sie reich und in der Blüte ihres Lebens.
Dann begann sie sich zu verändern. Schauen sie ...« Die Frau
zerriß das Blatt Papier in kleine Fetzen, die wie Blütenblätter
auf den Boden regneten. Dann erhob sie sich und schlurfte gebeugt aus der
Tür. Wang winkte ihr lächelnd nach. »So geht es jetzt seit
Jahren. Sie kommt jeden Tag in meinen Laden, betrinkt sich und schreibt
einen Brief. Dann sitzt sie stundenlang davor, schließlich zerreißt
sie ihn und geht wieder. Seit Jahren, mein Freund, seit Jahren ...Ist dieser
Gleichlauf des Lebens nicht wunderbar? Sie kommt und geht wie der Regen
... oder wie der Tod.«
Widerspruchslos
ließ ich mir jetzt das Glas füllen. Mister Wang klopfte mir
versöhnlich auf die Schulter. Im Fernsehen sprengte Jerry gerade Tom
mit einer Dynamitladung in die Luft. »Lassen Sie sich nicht durch
das Geschwätz eines alten Mannes verrückt machen. Vielleicht
kann ich Ihnen ja weiterhelfen ...«
Ich
war mir jetzt sicher, das er das konnte. Der scharfe Alkohol verbreitete
Wärme in meinem Innern und ließ mich gleichzeitig erschauern.
»Hören Sie zu, Mister Wang. Wenn Sie Informationen über
Konrad und Lydia Hatteras haben, erzählen Sie es mir. Es soll nicht
Ihr Schaden sein ...«
»Sind
die beiden nicht tot?« Wang lächelte milde. »Ein schrecklicher
Unfall war das damals. So stand es jedenfalls in allen Zeitungen. Ich glaube,
ich habe sogar noch irgendwo ein altes Exemplar ...« Er wollte sich
abwenden, doch ich fiel ihm in den Arm, verschüttete den Gin, der
mir über das Hemd spritzte.
»Ich
weiß, daß mehr dahintersteckt. Erinnern Sie sich an Charlie?«
»Ich
weiß nicht mehr, wie viele Leute mit diesem dummen Namen ich gekannt
habe ...«
»Er
kam von dieser Insel. Ein polynesischer Priester namens Charlie, jedenfalls
nannte man ihn so. Wang, ich glaube Ihnen keine Silbe, wenn Sie mir weismachen
wollen, nichts über die Sache zu wissen. Reden Sie, Mann, was hatte
es mit diesem Kult auf sich? Was wollte Hatteras hier? Sie müssen
...«
Für
eine Sekunde verschwand das Lächeln von Wangs eingefallenem Gesicht.
Mit einer Kraft, die ich dem Greis niemals zugetraut hätte, stieß
er meine Hand zurück. Prüfend sah er mich an, blickte sich zu
der hinter ihm hängenden Kuckucksuhr um und wandte sich dann wieder
lächelnd an mich. »Ich dachte, Sie wären wirklich nur ein
Besucher, einer der kommt, und auch wieder geht ... Aber wenn ich Sie jetzt
so ansehe, habe ich fast das Gefühl, daß Sie bei uns heimisch
werden könnten, mein Freund. Schade ...«
Er
sprach mit einem fast mitleidigen Unterton in der Stimme, der mich in Wut
versetzte. Ich setzte zu einer Erwiderung an, doch Wang schnitt mir mit
erhobener Hand das Wort ab. »Hören Sie gut zu, ich werde mich
nicht wiederholen. Da draußen am Landungssteg wartet Ihr Flugzeug.
Ich habe vorhin mit Ihrem Piloten geredet. Er will die Nacht hier verbringen
und startet morgen früh bei Tagesanbruch. Ich habe auch für Sie
noch ein freies Zimmer. Nehmen Sie sich etwas zu essen und eine Flasche
mit nach oben, dann gehen Sie schlafen und morgen fliegen Sie mit ihm zurück
nach Hawaii. Kümmern Sie sich um Ihre Geschäfte und vergessen
Sie Neville Island. Hier finden Sie nur das Ende der Welt, sonst nichts.«
»Vielleicht
bin ich deswegen nach Neville Island gekommen?«
Wang
legte den hageren Kopf schief und fixierte mich lang.
»Nun
... Wenn Sie darauf unbedingt Wert legen, dann ...«
Er
unterbrach sich und wischte mit einem Tuch geschäftig den verschütteten
Gin von der Tresenplatte. » ...Wenn Sie darauf Wert legen, dann besuchen
Sie ihn. Er wohnt in einer Hütte oben auf dem Hügel. Sie brauchen
von der Bucht aus nur geradewegs landeinwärts durch den Wald zu gehen,
immer dem Pfad nach, es ist nicht zu verfehlen. Neville Island ist klein,
wissen Sie, sehr klein ...«
»Wen
soll ich besuchen, Wang? Halten Sie mich jetzt zum Narren?«
Mister
Wang polierte geistesabwesend einige Gläser und schaute in Richtung
des Fernsehers. Tom sprang schreiend mit brennendem Schwanz eine Treppe
hinab.
»Sie
sollten lieber hierbleiben. Es ... es sieht heute nach Regen aus.«
»Wen
soll ich besuchen?« Mit einem resignierten Achselzucken atmete der
alte Mann geräuschvoll aus und betrachtete prüfend mein Glas.
»Wir
nennen ihn nur Harry. Einfach nur Harry.«
»Wer
ist Harry?«
»Einer,
der irgendwann kam und nie wieder ging. Genau wie alle anderen Menschen
auf Neville Island.«
»Weiß
er etwas über ...«
»Ich
glaube, Harry kennt das Ende der Welt. Noch einen Gin?«
Die
Kuckucksuhr schlug, als ich Wangs Laden verließ.
Ich
erinnere mich heute kaum noch an den Fußmarsch zur Hütte, auch
weiß ich nicht mehr, wie lange ich unterwegs gewesen sein muß.
Am Horizont versank die Sonne als glühendroter Ball im Meer, als ich
den Weg ins Landesinnere einschlug. Wangs Bemerkung von Regen kam mir wieder
in den Sinn und ich mußte unwillkürlich lachen, als ich an den
skurrilen alten Kauz dachte. Regen? Von Regen war nicht die geringste Spur
zu erahnen. Der Alkohol und die unbestimmte Gewißheit, auf irgend
etwas Sensationelles zu stoßen, etwas das alle Erwartungen übertraf
und meiner absurden Besessenheit im Nachhinein einen Sinn geben würde,
beflügelten meine Schritte. Wang hatte recht, Neville Island war sehr
klein, und hätte ich mich auf dem Weg durch den dichten Wald verlaufen,
wäre ich wahrscheinlich nach einigen Stunden am anderen Ende der Insel
wieder herausgekommen. Doch ich verlief mich nicht.
Irgendwann
tauchte aus der fortgeschrittenen Abenddämmerung eine windschiefe,
kleine Holzhütte auf, die in alten Zeiten vielleicht als Lagerhaus
gedient hatte. Durch die Ritzen der vernagelten Fenster fiel ein schwacher
Lichtschein auf den Pfad. Dutzende leerer Flaschen lagen um die armselige
Behausung herum verstreut. Erst jetzt fiel mir auf, wie totenstill es auf
Neville Island war. Keine Vögel, nicht einmal Insekten; nichts außer
dem Rauschen des Meeres und dem Wind in den Palmen verursachte irgendein
Geräusch. Ich klopfte an die Tür, ohne Reaktion, nach ein paar
weiteren vergeblichen Versuchen nahm ich allen Mut zusammen und drückte
die rostige Klinke hinunter.
Als
ich den Fuß über die Schwelle setzte, ließ ich die reale
Welt hinter mir, tauchte ich ein in einen Alptraum.
Abgestandene
feuchtwarme Luft schlug mir entgegen, nahm mir fast den Atem, doch schon
im nächsten Augenblick verschwendete ich daran keinen Gedanken mehr.
Auf einem zum Tisch umfunktionierten Ölfaß stand eine Petroleumlampe
und warf ihr flackerndes Licht an die Wände, die wie Fenster zu einem
anderen Kosmos erschienen. Über und über waren sie bedeckt mit
Mustern in Rot und Blau, die sich gegenseitig überlappten, Gestalten
annahmen und wieder zerflossen; abstruse Fabelwesen und entmenschte Gesichter
entstanden dazwischen, wurden in Farbfeuerwerken geboren, nur um im nächsten
Moment wieder in eine phosphoreszierende Fäulnis überzugehen.
Auf dem Boden verstreut konnte ich überall Blätter mit Skizzen
und halbfertigen Bildern entdecken, Stapel von Zeichnungen türmten
sich zwischen Konservendosen in einem Regal. Das ganze Innere der Hütte
war ein einziges Museum, und die Hände, die das geschaffen hatten,
konnten nur einem gehört haben, dessen war ich mir sicher. Ich triumphierte,
hätte vor Glück schreien können. Das war mehr, als ich zu
hoffen gewagt hatte, ja eigentlich mehr, als möglich war.
Ich
muß wie ein Verrückter stammelnd vor diesen Wänden gestanden
haben, mit meinen Händen die groben Strukturen der Farbstriche nachziehend,
denn noch jetzt kann ich diese Bilder fühlen, wenn ich mich zurückerinnere
...
Ein
Keuchen riß mich aus diesem Zustand, und erst jetzt blickte ich mich
weiter in der Hütte um. Das Keuchen kam aus dem Dunkel vom anderen
Ende des Raumes. Vorsichtig versuchte ich, in dem Zwielicht etwas zu erkennen
und näherte mich dann langsam. Im dunkleren Bereich der Hütte
stieß ich gegen einen Tisch, irgend etwas fiel auf den Boden und
ich bückte mich instinktiv danach. Es war eine Zeichenkladde, sorgfältig
mit einer Schnur umwickelt, wie ich beiläufig
bemerkte.
Wieder kam dieses Keuchen. Ich ging zurück, griff nach der Lampe und
leuchtete in das hintere Ende des Raumes. In dem flackernden Licht konnte
ich ein Feldbett mit einer unter mehreren Decken verborgenen Gestalt entdecken.
Ich beschloß, mich bemerkbar zu machen.
»Harry?
Hallo, entschuldigen Sie, daß ich bei Ihnen eingedrungen bin, aber
ich dachte, es wäre niemand hier. Ich bin ...«
Die
Gestalt auf dem Feldbett stieß ein Mittelding zwischen Wimmern und
heiserem Schrei aus und schnellte halb in die Höhe, nur um im nächsten
Moment wieder stöhnend zusammenzusacken. Offensichtlich war der Mensch
auf dem Bett entweder stockbetrunken oder ernsthaft erkrankt. Ich ging
mit der Lampe zum Bett und erkannte einen ausgemergelten alten Mann, der
sich zitternd inmitten eines zerlumpten Deckenhaufens aufzurichten versuchte.
Er setzte zum Reden an, verschluckte sich ein paar mal und stieß
dann mit heiserer Stimme einige zusammenhanglose Wortfetzen aus, die zu
meiner Überraschung Deutsch waren.
»
...Bist du schon da? Ich weiß es genau, du kommst heute ... heute
noch! Heute noch! Wenn euer Regen ... es ist soweit. Wenn doch die verdammte
Nacht, wenn das alles endlich zu Ende ...«
Plötzlich
straffte sich sein Körper und er beugte sein Gesicht zu mir vor. Es
schien, als werde er sich erst jetzt meiner Anwesenheit in der Hütte
bewußt.
»Wer
zum Teufel sind Sie?« fuhr er mich auf Englisch an.
Im
schwefeligen Licht der Lampe sah ich jetzt deutlich sein Gesicht. Hinter
dünnen weißen Haarsträhnen funkelten mich blaßgraue
Augen hellwach und argwöhnisch an, Bartstoppeln zogen sich unregelmäßig
über die eingefallenen Wangen. Und obwohl Jahrzehnte und Welten zwischen
diesem Anblick und den Fotos, die ich kannte, lagen, wußte ich jetzt
mit Bestimmtheit, wen ich vor mir hatte. Ich war nicht überrascht
darüber.
»Sie
können Deutsch mit mir reden, Herr Hatteras.«
Er
verkrallte sich in seine Decke, einen Moment lang sah es so aus, als wolle
er mich ohne Umschweife aus der Hütte jagen. Doch dann entspannte
er sich wieder, lehnte sich zurück und taxierte mich abschätzend
aus dem Halbdunkel.
»Warum
sind Sie gekommen?«
Die
Frage irritierte mich, etwas dümmlich lächelnd wies ich mit ausgestreckten
Armen auf die Hüttenwände und auf ihn.
»Sie
leben! Konrad Hatteras lebt! Seit vierzig Jahren gelten Sie als tot und
dann ... dann das hier ...«
Ich
starrte abwechselnd zu den Wandbildern und in sein altersverwüstetes
Gesicht, die Luft in der Hütte schien mir unerträglich trocken,
mein Hals schmerzte beim Schlucken. Ich ließ mich erschöpft,
doch immer noch euphorisch auf dem Boden vor dem Feldbett nieder.
»Ich
... ich bin Kunsthändler, mir gehört eines der größten
Auktionshäuser Europas ...«
In
irgendeiner Innentasche meiner Jacke entdeckte ich eine Visitenkarte, hielt
sie Hatteras hin, der sie nur teilnahmslos anstarrte. Schließlich
schüttelte er den Kopf und wies mit einer zitternden Hand auf mich.
»Ihr habt euch alle nicht geändert, wie? Ihr habt euch in vierzig
Jahren nicht geändert und in nochmal vierzig Jahren seid ihr immer
noch gleich ... Doch das ist jetzt alles egal, hören Sie! Mir bleibt
nicht mehr viel Zeit ...«
Ein
fiebriges Flackern legte sich jetzt wieder über seinen Blick. Er griff
nach meinen Händen, zog sie zu sich heran.
»
... Mir bleiben nur noch ein paar Stunden, verstehen Sie das? In dieser
Nacht geht es zu Ende. Man sagt immer, daß Tiere es genau wissen,
wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Mir geht es ebenso ... Nach dieser Nacht
ist es vorbei. Und sie werden kommen, sie werden jemanden schicken, wenn
es so weit ist ... wenn der Regen beginnt.«
Schon
wieder war die Rede von Regen und ich mußte erneut an Wangs belanglos
hingeworfene Bemerkung denken. Ein Hustenanfall begann Hatteras zu schütteln.
Ich versuchte ihn zu beruhigen, doch er entwand sich mir, krampfte sich
zitternd auf dem Bett zusammen. Ich wollte ihm helfen, den schmierigen
Deckenhaufen zu richten, doch er stieß mich zurück. Schließlich
verebbte der Husten und Hatteras blickte mit tränenden Augen zu mir.
»Was
Sie hier sehen, ist nur noch eine Hülle, eine sterbende Hülle.
Ich weiß nicht, warum nach all der Zeit doch noch jemand kommen mußte
... jemand von draußen. Aber vielleicht soll es ja so sein, daß
Sie alles erfahren. Sie werden es nicht verstehen, wahrscheinlich werden
Sie es auch nicht glauben, aber vielleicht ... vielleicht werden Sie in
dieser Nacht auch noch etwas sehen, was Ihnen Ihren geschäftstüchtigen
Verstand Schluck für Schluck aus dem Hirn saugen wird ...«
Hatteras
begann schallend zu lachen, einer Hysterie nah. Der Mann war schwerkrank
und offensichtlich übergeschnappt, am besten wäre es gewesen,
ihn mit dem Flugzeug zu einem Hospital zu schaffen und sich dann in aller
Ruhe um die Bilder zu kümmern. Doch ich tat nichts von all dem, stattdessen
hockte ich wie gelähmt vor diesem stammelnden Häufchen Elend,
auf eine geradezu perverse Art begierig, an seinem Delirium teilzuhaben.
»Ich
will Ihnen einiges erzählen, junger Mann, nur das wichtigste, denn
viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Sie denken, ich bin verrückt und
das kann ich Ihnen nicht verübeln. Man hat mich schon damals für
verrückt gehalten, aber man hofierte mich, ja ... Man hatte Angst
vor mir, aber man bezahlte mich gut. Aber sie haben damals alle nichts
gewußt, nichts ... bis auf Lydia. Lydia war anders, anders als andere
Menschen ... Erst wenn man die Grenzen kennt, kann man sie überschreiten,
verstehen Sie? Nein, natürlich verstehen Sie nicht, wie sollten Sie
auch ... Die Welt, die Sie kennen, ist nur eine Facette von vielen.
Wir
haben alle geglaubt, immer mehr zu wissen, doch dabei war es genau umgekehrt.
Mein Gott, was für Wissen vor Jahrtausenden schon verlorenging ...
Es gibt weder Gott noch Teufel, aber es gibt etwas dazwischen. Ich wollte
mit Lydia weiter nach Süden, ich habe gedacht, dort auf den Inseln
etwas zu finden ... etwas Uraltes ... Wir planten auf Hawaii unsere Reiseroute,
alles war schon so gut wie sicher. Dann kam Lydia eines Tages mit diesem
Priester an, sie hatte ihn am Strand getroffen, Lydia hatte ein Gespür
für ... für das Besondere. Sie war anders als normale Menschen,
genau wie ich; früher verbrannte man uns, heute ... heute steckt man
uns in Gummizellen oder bezahlt uns so lange, bis wir zu träge sind,
um an gewisse Türen zu klopfen. Der Priester - er nannte sich Charlie,
seinen richtigen Namen kannte wahrscheinlich nur er selbst - war ein Eingeweihter,
einer der letzten. Erst hielt er sich bedeckt, wollte nichts erzählen.
Aber wir offenbarten uns ihm, ich und Lydia. Nächtelang saßen
wir zusammen und erzählten von unserem Wissen; die ozeanischen Kulte,
wissen Sie ... von Afrika über Asien bis nach Polynesien, wo der Ursprung
war ... Wir wußten mehr, als sonst irgendein Europäer je darüber
erfahren hatte. Doch Charlie wußte noch mehr. Er kannte die Beschwörung.
Haben
Sie jemals eine Haibeschwörung erlebt? Auf vereinzelten Inseln gibt
es immer noch Priester, die einen Schutzgeist in Haigestalt beschwören
können. Uralter Animismus ... Sie beten nächtelang und fahren
dann aufs Meer hinaus, rufen ihren angeblichen Geist mit einer Art Rassel.
Ha, Velten, ich sage Ihnen, dergleichen ist ein obskurer Spaß für
Ethnologen, nicht viel mehr ... Die Ursprünge waren anders, sehr viel
anders. Und eines nachts erzählte Charlie uns von den Ursprüngen
und er zeigte uns, wie man zu der anderen Welt Zugang erlangt ...«
Hier
unterbrach sich Hatteras, ein neuerlicher Hustenanfall schüttelte
ihn. In irgendeinem Winkel der Hütte entdeckte ich eine angebrochene
Flasche, ich erkannte die gleiche billige Ginmarke, die ich in Mr. Wangs
Laden getrunken hatte. Hatteras trank gierig, als ich sie ihm reichte.
Für mich war inzwischen völlig klar, daß Konrad Hatteras
- oder besser gesagt, dieses delirierende Bündel, das von ihm übrig
geblieben war - wohl schon vor Jahren seinen Verstand verloren hatte. Ich
ahnte, welche dunklen Geheimnisse mich erwarten würden; wahrscheinlich
der Mord an diesem obskuren Charlie und ein weiterer an Lydia Hatteras.
Doch
ich war weit entfernt davon, entsetzt oder schockiert zu sein, im Gegenteil,
ich brannte darauf, diese Beichte als erster und einziger Mensch aus Hatteras'
Mund zu hören. Ich kann es heute noch fühlen, wie ich diese morbiden
Minuten genoß, wie ich gierig jede gestammelte Silbe von seinen Lippen
in mich aufsog; ich, allein mit einem sterbenden Genie, umgeben von den
letzten, phantastischsten Ausgeburten seiner kranken Träume.
Es
schien mir, als hörte ich von draußen ein entferntes Gewittergrollen.
Der
alte Mann auf dem Bett verspannte sich und schüttete den Fusel noch
schneller in sich hinein. Ich wartete ungeduldig, bis der alte Mann die
Flasche absetzte und, sich heiser räuspernd, seine Erzählung
fortsetzte. »Ja, er zeigte es uns. Lydia hatte es fertiggebracht,
irgendwie ... Wir haben mit ihm Rituale durchgeführt, nächtelang
... Charlie war völlig in Trance, als er uns die letzte Beschwörung
erklärte. Und um diese durchzuführen, brauchte man dieses Ding,
das er bei sich trug und wie seinen Augapfel hütete. Es war eine aus
Kokosschalen geschnitzte Kette, eine Rassel, ähnlich denen, die man
beim Haifang benutzt oder ... Schutzgeister ruft. Doch sie war trotzdem
anders, Velten, ich sah auf den ersten Blick, daß sie anders war.
Und uralt. Sie war übersät mit winzigen filigranen Schnitzereien,
Bildern ... Es waren Farben, von denen ich bislang nur geträumt hatte.
Sie halten mich für wahnsinnig, ich sehe das genau, doch ich versichere
Ihnen, diese Bilder ... sie schienen zu leben. Und das letzte Tor zu dem,
was ich dort sah, ist hier auf Neville Island.«
Er
packte meine Schulter und zog sich ächzend heran; ich konnte seinen
scharfen Atem schmecken, als er mir zischend und gehetzt weitererzählte.
»Wir
haben ihn totgeschlagen, Velten, totgeschlagen wie einen kranken Hund.
Er hatte das Wissen, er hatte den Schlüssel zu allem, doch er war
zu alt und zu feige, um all das zu nutzen. Er floh stattdessen nach Hawaii
... Es ging nicht anders, wir mußten es tun, und wir mußten
auch weiter, es ging nicht mehr zurück. Wir sind in das Boot gestiegen,
Lydia und ich, abends, gleich nachdem die Yacht in der Bucht geankert hatte.
Und wir wußten, was wir zu tun hatten ...
Es
ist alles so lange her, doch ich kann es auch jetzt noch deutlich sehen,
Velten: Wir haben unsere Körper bemalt, haben uns vorbereitet auf
diesen letzten Ritus.
Ich
schlage die Rassel unter Wasser gegen das Boot, der Mond spiegelt sich
auf der Meeresoberfläche ... Ich schlage diesen Rythmus, viermal,
fünfmal, sechsmal, immer wieder. Wir singen leise, singen diese Worte,
die der alte Narr uns gesagt hat. Das Meer ist so ruhig wie ein Spiegelglas,
die Rassel funkelt, leuchtet, genau wie die Muster auf unseren Körpern.
Irgendetwas geschieht mit Lydia, sie steht auf, sie ist wie in Trance,
sie sieht etwas ... irgendetwas
kommt
...«
Er
brach ab und starrte mich verständnislos an. Ich schüttelte ihn
heftig, versuchte zu verhindern, daß er wieder in sein Koma zurückfiel,
begann beschwörend auf ihn einzureden. »Weiter, Hatteras! Was
geschah mit Lydia? Sie starb damals, habe ich recht? Reden Sie doch, Sie
haben nichts mehr zu verlieren ... Hat sie sich selbst ins Meer gestürzt?
Oder haben Sie ...« Konrad Hatteras lächelte kopfschüttelnd,
seine Lippen bebten. »Lydia starb nie. Lydia ging fort, ich wollte
mit ihr gehen, doch sie ließen mich nicht ... das Tor verschloß
sich wieder und sie nahmen den Schlüssel mit, die Rassel, sie nahmen
sie fort, genau wie sie Lydia nahmen. Aber sie ist nie gestorben, Velten,
ich habe sie oft im Traum gesehen, habe mit ihr gesprochen. Sie ist jetzt
bei ... Oh Gott, der Regen kommt!«
Die
Flasche entglitt seinen Händen, und im selben Moment entlud sich über
der Hütte ein explosionsartiger Donnerschlag. Von einer Sekunde zur
anderen brach über die Insel das stärkste Gewitter herein, das
ich je erlebt hatte. Durch die Ritzen der Fenster sah ich Blitze hysterisch
zucken, das Pandämonium an den Hüttenwänden erschien jetzt
noch lebendiger. Regenströme trommelten schwer und aggressiv wie ein
Hagelsturm auf das Dach und heulende Sturmböen ließen das morsche
Holz wie schmerzhaft aufstöhnen.
Etwas
krachte gegen die Tür, ich sprang auf.
Hatteras
begann mit überschnappender Stimme gegen das Unwetter anzubrüllen.
»Ich
habe es gesagt, Velten, der Regen ist da und sie kommen zu mir! Es ist
soweit!«
Wieder
krachte etwas mit Urgewalt gegen das morsche Holz, und im nächsten
Moment zersplitterte die Tür, als wäre ein Sprengsatz an ihr
detoniert. Ein unbeschreibliches Inferno aus Sturm und Regen drang in die
Hütte ein und schleuderte mich quer durch den Raum. Die Lampe zerschellte
an der Decke, und bizarre Spiralen aus brennendem Petroleum peitschten
feurigen Girlanden gleich durch das tobende Chaos. Zeichnungen wirbelten
wie nasse tote Vögel in der Luft, die jetzt mit einem mal intensiv
nach Meer roch. Ich kroch über den glitschig nassen Boden, versuchte
verzweifelt, irgendwo Halt zu finden, blickte mich in Hatteras' Richtung
um.
Es
war unglaublich. Er saß aufgerichtet in seinem Bett, das entgegen
aller Logik von der tobenden Gewalt völlig unberührt blieb. Seine
Arme waren wie zu einer Begrüßung ausgebreitet, sein Gesicht
nur noch ein entrücktes Abbild völligen Wahnsinns, das weiße
Haar stand ihm im Sturm einer Aureole gleich vom Kopf ab.
Dann
kam ES.
Der
Meergeruch steigerte sich um ein Vielfaches, ebenso die Regenfluten, die
hineinwehten. Ich konnte kaum noch atmen. Die Luft begann zu flirren, die
Farben an den Wänden leuchteten von innen heraus, schmolzen vom Holz
ab und zerflossen ineinander.Irgend etwas kam herein, irgend etwas unsagbar
Fremdes, Unmenschliches, etwas, das die urältesten instinktiven Ängste
in uns wachruft. Ich sah nichts, ich spürte es einfach. Es glitt herein,
mit diesem Duft nach Tiefe und Unsterblichkeit, glitt hinein und steuerte
auf Konrad Hatteras zu. Er schaute in Richtung der Tür, gebannt, als
würde er irgendetwas visuell wahrnehmen können; lächelte
überglücklich, als hätte er das Paradies erblickt.
»Lydia!«
Er
schrie es gegen den Sturm, und es war das letzte, was er tat. Es war, als
würde Hatteras von unsichtbarer Hand der Kopf zur Seite gedrückt,
ungläubiges Erstaunen lag in seinen Zügen.
Dann
verschwand sein Kopf im Nichts.
Der
schmächtige Greisenkörper saß konvulsiv zuckend auf dem
Feldbett, eingehüllt in einen Strudel funkelnder Farben.
Blut
schoß in Intervallen aus dem kopflosen Rumpf, vermischte sich mit
der Gewalt des Wassers und des Windes, ging auf im aberwitzigen Reigen
der Zerstörung und im Nichts, das bleiben würde.
Inzwischen
ist es ruhiger vor meinem Fenster geworden. Nur vereinzelte Autos lassen
sich noch schwach durch den Regen hören. Es ist Nacht geworden, doch
ich habe schon seit langem kein geregeltes Zeitgefühl mehr.
Die
Zeichenkladde wirkt auf der Glasplatte meines Schreibtischs wie ein präpariertes
Tier in einem Museum. Ich trug sie bei mir, als man mich am Morgen nach
dem Sturm vor Mr. Wangs Laden fand. Der gute Mr. Wang ... Er klärte
mich freundlich darüber auf, daß kein Sturm über Neville
Island hergefallen sei, die Hütte des alten Harry sei jedoch in der
Nacht abgebrannt und ich litte offensichtlich noch unter dem Schock des
Unglücks. Ich widersprach ihm nicht.
Seltsamerweise
öffnete ich die Kladde erst, als ich wieder daheim in Deutschland
war; ich weiß nicht, warum ich es so lang aufschob, ja davor zurückscheute.
Es ist fast, als hätte ich unbewußt geahnt, was ich darin finden
würde.
Ich
habe immer noch Hemmungen, den stockfleckigen Einband in die Hand zu nehmen,
wahrscheinlich ist es die Angst vor mir selbst, vor der Faszination, die
ich beim Betrachten des Bildes empfinde.
Hatteras
hatte Dinge so gesehen, wie sie kein anderer sehen konnte.
Und
noch mehr. Ich öffne die Kladde und betrachte das letzte unbekannte
Bild Konrad Hatteras'.
Vor
einem schwärzlichblauen Hintergrund steht ein schmächtiger Mann
mit schütteren blonden Haaren und stechenden hellgrauen Augen, unschwer
als der jüngere Hatteras selbst zu erkennen. Er hält eines seiner
Bilder in der Hand, die Darstellung einer monströsen Oktopus-Mensch-Hybride
... Neben ihm, sich gleichsam aus dem Zwielicht des Hintergrunds schälend,
erscheint der nackte Körper einer Frau, durchaus menschlich, wenn
man von der blaßgrauen Farbe der Haut absieht. Das von schwarzen
Haaren umrahmte Gesicht ist mit einem hingebungsvollen Lächeln Hatteras
zugewandt; sehr ansprechende Züge sind es, nur die schwarzen Knopfaugen
wirken seltsam unmenschlich, ebenso wie das Haifischgebiß, das sich
unter ihrem schön geschnittenen Mund hervorstülpt.
Ich
weiß nicht, ob ich dieses Bild verkaufen will.
Draußen
donnert es.
©Thomas
Wagner,
aus
der Anthologie "Die Saat des Cthulhu", 1999, Blitz Verlag
|