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Nocturne

 Er hatte sich in den alten, scheinbar sterbenden Teil der Stadt zurückgezogen, jenen maroden Organismus aus heruntergekommenen Prachtbauten und spärlich beleuchteten Straßen, die sich in den schwer atmenden Nächten wie fluoreszierende Kanäle in einem diffusen Schwefel- licht ausnahmen. Die Nächte in diesem Teil der Stadt  erschienen ihm wie ein greller Totentanz, besaßen eine extrem vergängliche Form der Vitalität und boten ihm in ihrer lärmenden Anonymi- tät die Einsamkeit, die er suchte. Dies schien ihm der einzig geeignete Ort, seine Krankheit auszu- leben, seine "Krankheit", wie er das schleichende Chaos in seinem Kopf nannte, ein sich steigern- der Sog aus Rastlosigkeit, Misanthropie und der Faszination für die Grenzbereiche seines verfallenden menschlichen Daseins.

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Die Farben der Tiefe


Thomas Wagner


Ich halte eine Handvoll vergilbter Fotos wie einen Fächer, während ich mich in das starre Leder des Sessels zurücklehne. Eine stockfleckige Kladde mit Zeichnungen liegt vor mir auf dem Schreibtisch; einziges Mitbringsel von meiner Reise nach Neville Island und wahrscheinlich auch die letzte Hinterlassenschaft von Konrad Hatteras. 

Regen schlägt mit beruhigender Monotonie an die Fensterscheiben, vier Stockwerke unter mir schlängelt sich, einem Perpetuum Mobile gleich, der abendliche Großstadtverkehr entlang; Motorenlärm und Hupen, Stimmfetzen, bunte Leuchtreklamen. Ich zünde mir eine Zigarette an - die ich-weiß-nicht-wievielte an diesem Abend - und gehe zum Fenster, inhaliere den Rauch, die Stadt. Es tut gut, wieder hier zu sein. 
Wenn ich die Augen schließe, verschwimmen all diese Eindrücke in mir zu einem wabernden Rauschen. Hinter meinen geschlossenen Lidern sehe ich Blau, die Lichtreflexe blitzen auf wie Schaum auf Wogen und im nächsten Moment ist es, als stände ich wieder am Strand von Neville Island. 
Ich versuche grundlos zu lachen und endlich auf andere Gedanken zu kommen. 
Es gelingt nicht.

Wieder ein Blick auf die Fotos. In vierzig Jahren braun vergilbt und mit zahlreichen Knickspuren übersät, die sich wie Sprünge in einem Spiegel über die Gesichter ziehen, schauen sie mich an: der Maler Konrad Hatteras und seine Frau Lydia. Es sind Bilder, die im Herbst 1954 auf Hawaii entstanden sind; rare Originale, die ich aus dem Nachlaß eines amerikanischen Starfotografen erwarb. Der Fotograf verbrachte die Hälfte seines Lebens damit, sich den Verstand aus dem Hirn zu saufen; bevor ihm das allerdings endgültig gelang, jagte er sich in einem wachen Augenblick eine Kugel durch den Kopf. Das Schicksal eines alten Mannes - vielleicht nicht alltäglich, doch belanglos im Vergleich zu der Geschichte der beiden Menschen, die mir von den Fotografien entgegenblicken. Dabei scheinen auf den ersten Blick auch diese Bilder nur einige von vielen belanglosen Szenen wiederzugeben: das Ehepaar Hatteras bei irgendeiner Cocktailparty in Honolulu, beide in Abendgarderobe, Lydia lachend am Tisch sitzend, plaudernd im Garten, Champagnergläser leerend und endlose Langeweile im Blick; daneben Konrad, gezwungen lächelnd, abwesend. 
Dann wieder Bilder vom Meer, offenbar vom Strand aus fotografiert. Eine endlose Wasserfläche unter einem durch Zeit und Wasserflecke seltsam marmoriert wirkenden Himmel, kein Land, keine Schiffe, nichts. Schließlich noch Konrad und Lydia am Strand hockend, irgendeine Skizze betrachtend. 
Kurz nachdem diese Bilder aufgenommen wurden, starben Konrad und Lydia Hatteras vor Neville Island. 
Jedenfalls glaubte ich das noch vor meiner Reise. Meine Finger gleiten über die Knicke auf dem glänzenden Fotokarton. 
Es regnet jetzt stärker vor meinem Fenster. Ich brauche noch eine Zigarette. 

Gottverdammtes, gottverlassenes Neville Island ... Ein geradezu unsinnig kleiner Flecken mitten im Pazifik, der auf kaum einer Karte verzeichnet und runde 1000 Kilometer von der nächstliegenden Insel entfernt ist. Irgendein verirrter amerikanischer Händler namens Neville »entdeckte« in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts offiziell dieses Eiland und nahm es spontan für sich als Zwischenlager und Trinkwasserreservoir in Besitz. Das kleine Häuflein Inselbewohner wurde in den kommenden Jahrzehnten nach und nach durch die damals üblichen Anwerbepraktiken zur Plantagenarbeit auf die weiter südlich gelegenen Inseln umgesiedelt; die wenigsten blieben. Die weißen Händler kamen und gingen, und die meisten der damals errichteten Lagerhäuser und Verwaltungsgebäude wurden schon nach wenigen Jahren wieder dem Verfall preisgegeben. Heutzutage gibt es dort keine Ureinwohner mehr und niemand kennt den eigentlichen Namen der Insel. Die Welt vergaß Neville Island. 
Und es zog Menschen nach Neville Island, die die Welt vergessen wollten. 
Ein Traum für zivilisationsmüde Manager mit Magengeschwüren und Herzproblemen? Vielleicht. 
Meine Beweggründe, Neville Island zu besuchen, entsprangen anderen, realistischeren Motiven. Mein Name ist Velten, Eigentümer des Kunst- und Auktionshauses Velten. Ich bin Kunsthändler, das heißt, ich verdiene mein Geld mit dem verbildlichten Innenleben anderer Menschen. Läßt sich dieses in harten Devisen zählen, hat der Künstler gute Chancen auf ein relatives Stück Unsterblichkeit. 
So auch Konrad Hatteras. 

Es begann Ende des vergangenen Jahres mit der Versteigerung der bislang umfangreichsten Hatteras-Sammlung. 
Lucien Groninger, der millionenschwere Inhaber des gleichnamigen Schweizer Konzerns, hatte - krebszerfressen bis ins Mark - in einer Züricher Privatklinik das Zeitliche gesegnet. Kurz darauf erhielt ich von seiner Witwe eine Einladung nach Genf, verknüpft mit der Bitte, einige Gemälde aus seinem Nachlaß zu begutachten, es handele sich dabei um etliche unbekannte und verschollen geglaubte Bilder eines deutschen Surrealisten. Noch nicht im mindesten ahnend, was mich erwarten sollte, nahm ich die Einladung an. 
Es schneite, als meine Maschine in Genf landete. Ein Chauffeur der Groningers wartete am Flughafen und brachte mich zu einer außerhalb der Stadt liegenden Rokokovilla, versteckt auf einer waldigen Anhöhe über dem Genfer See, von der aus sich die sanft gewellte Wasseroberfläche wie eine anthrazitfarbene Plastikhaut ausnahm. Der Anblick war ebenso trist wie schön. Ich hatte Schneeflocken auf meinen Brillengläsern, als man mich in das Haus führte. 

Madame Groninger erwartete mich bereits. Sie muß Ende fünfzig gewesen sein, hatte offensichtlich schon des öfteren einen plastischen Chirurgen konsultiert und trug ein beharrlich-herzliches Lächeln, das auffallend mit ihrem herablassenden Blick kontrastierte. Ich bin durch meinen Beruf an diesen Menschentypus gewöhnt und wollte routiniert zu einigen Konversationsphrasen und Beileidsbekundungen ansetzen, als sie mich überraschend jäh unterbrach. 
»Der Tod meines Mannes war für niemanden mehr eine Überraschung, Monsieur Velten. Wollen wir lieber gleich zur Sache kommen, ich habe Sie schließlich aus einem wichtigen Grund aus Deutschland hierher kommen lassen ...« 
Offenbar mein etwas pikiert wirkendes Gesicht bemerkend, unterbrach sie sich, setzte ein verstärktes Lächeln auf und fuhr in versöhnlicherem Tonfall fort: »Ich wollte damit sagen, daß Ihr Auktionshaus mir am geeignetsten erschien, einen ... gewissen Teil der Kunstsammlung meines verstorbenen Gatten zu veräußern. Und bestimmt sind Sie auch schon gespannt, was Sie erwartet, habe ich recht?« 
»Darin kann ich Ihnen kaum widersprechen, Madame. Im übrigen war in Fachkreisen überhaupt nicht bekannt, daß Monsieur Groninger eine solche Sammlung besaß; ich nehme an, es war eher eine rein private Leidenschaft ...« 
»Sehr privat, Monsieur Velten. Auch ich habe von diesen Bildern nichts gewußt.« Ihr Mund verzog sich in geradezu unerträglicher Herzlichkeit. 
»Wir fanden diese Bilder im Weinkeller. Keine Angst, Sie waren sehr sorgsam verpackt ... in einer zugenagelten Kiste. Doch kommen Sie, wir haben alles für Sie vorbereitet ...« 
Ich folgte ihr. 

Was ich sah, nahm mir beinahe den Atem. In einem normalerweise wohl als Speisezimmer genutzten Raum lagen sie auf einer langen Tafel provisorisch nebeneinander aufgereiht: zwölf auf Leinwand gebannte alptraumhafte Visionen, Meere aus Farben, die von innen heraus zu glühen schienen; zwölf  unverkennbare Schöpfungen Konrad Hatteras'. Zerbombte Großstadtlandschaften erstreckten sich da inmitten surrealer Meereswelten, gesichtslose Mensch-Maschine-Hybriden huldigten in einem gigantischen gotischen Dom dem Zerrbild eines Hundes, das über dem halbzerfleischten Leib der Jungfrau Maria hockte. An einem tropischen Sandstrand, der sich im Horizont verlor, wuchsen riesige bizarre Uhrwerke, in deren undurchdringliches Zahnradgewirr endlose Menschenschlangen im Gänsemarsch hineinwankten. Am schlammigen Grund einer grünblau leuchtenden Unterwasserschlucht erhob sich algenüberwuchert das Monument einer abnormen Kreatur, eine Art gigantischer Oktopus, in dessen aufgeblähten Hautfalten sich bei eingehender Betrachtung ein boshaft verzerrtes menschliches Antlitz entdecken ließ. Das ganze kranke Universum eines zweiten Bosch offenbarte sich hier vor mir in all seiner abartigen Schönheit und Faszination. 
Ich versuchte, mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen, als ich die Bilder untersuchte, doch ich bezweifle, daß mir das gelang.Was mußte Hatteras für ein Mensch gewesen sein? Sicherlich ist es naheliegend, in all diese Apokalypsen hineinzuinterpretieren, Hatteras hätte in diesen Bildern seine Eindrücke von Nazi-Deutschland und dem Krieg verarbeitet, doch mir erschien diese Erklärung schon immer zu simpel. Vielleicht war er auch einfach nur ein Geisteskranker mit einem göttlichen Talent, das ihn davor bewahrte, in einer Irrenanstalt zu enden? 
Sämtliche Hatteras-Biographien, die ich je gelesen hatte, gingen mir in diesen Minuten durch den Kopf. Geboren 1903 in irgendeinem Nest an der Ostsee, erregte er Ende der 20er Jahre zunächst in Berlin mit einer Reihe bizarrer Porträts Aufsehen, die er von einigen bekannten Personen des öffentlichen Lebens anfertigte und die nicht gerade dazu geeignet waren, seine Beliebtheit bei der Obrigkeit zu steigern. Es gab Hetzartikel und Verrisse in der konservativen Presse, Verbote seiner Ausstellungen und einige Anzeigen, alles ein willkommenes Mittel zum Zweck für Hatteras, denn seine Popularität wuchs innerhalb kürzester Zeit über die Grenzen Deutschlands hinaus, und die damalige Avantgardeszene begann ihn als eine ihrer Gallionsfiguren zu vereinnahmen. 1934 emigrierte er nach Frankreich und ließ sich in Marseille nieder. Dort begann seine Beschäftigung mit vergessenen, sogenannten »primitiven« Kulturen. Beinahe manisch sammelte er Skulpturen, Fetische und Kultgegenstände aus den entlegensten Winkeln der Welt, die er oft heimkehrenden Seeleuten abkaufte. 
In dieser Zeit entwickelte er eine ausgeprägte Faszination für die polynesische Kultur, war besessen von dem Gedanken, die Südsee zu bereisen und die uralten Überlieferungen und Mythen der Insulaner auf der Leinwand festzuhalten. Doch der Ausbruch des 2. Weltkriegs zerschlug schließlich vorerst Hatteras' Pläne. Als Hitlers Truppen Frankreich überrannten, befand er sich anläßlich einer Ausstellungseröffnung in Genf, wo er sich für die Zeit des Krieges dauerhaft niederließ.Aus dieser Phase mußten wohl auch die hier vor mir liegenden Bilder stammen. 
Über Hatteras' Schweizer Exilzeit ist nie viel bekannt geworden. Er schottete sich von der Außenwelt weitgehend ab und vergrub sich in seiner Arbeit, entwickelte sich mehr und mehr zum Sonderling und Menschenfeind. Um so überraschender war es, als er 1947 der erstaunten Öffentlichkeit einen zehnteiligen Bilderzyklus namens »Ozeanischer Traum« präsentierte; Gemälde von einer noch nie gesehenen Kraft und Intensität, die erschreckende Streiflichter des Unbewußten in eine Art Tiefseehölle verlagert darstellten. Hatteras' Comeback gelang. Die Menschen, die sich seine Bilder leisten konnten, dürften diese wohl kaum geliebt haben, aber es entwickelte sich geradezu zu einem Statussymbol der damaligen High Society, wenigstens einen echten Hatteras an der Wand hängen zu haben, und der Misanthrop Hatteras wurde zu einem begehrten exotischen Partygast, dem man gern mit einem unbestimmten Schauder die Hand schüttelte. 
Er siedelte in die USA über und lernte 1952 in New York die dreißigjährige Industriellentochter Lydia Grant kennen, eine skandalumwitterte Lieblingsfigur der amerikanischen Boulevardpresse, die wegen ihres offenkundigen Rauschgiftkonsums und einer Affäre mit einem schwarzen Jazzsänger gerade frisch enterbt worden war. Mit ihr zusammen bereiste er erstmals die Südsee und überraschte die Presse ein Jahr später mit einer auf Hawaii ausgestellten Heiratsurkunde; 1954 brachen die beiden abermals zu einer Reise auf, die die letzte in ihrem Leben sein sollte ... 

» ...Sie zufrieden?« Die Stimme Madame Groningers hinter mir schreckte mich aus meinen Überlegungen auf; ich zwang mich, den Blick von den Bildern zu lösen und wandte mich ihr zu. »Diese Bilder sind ein Vermögen wert. Sie sind ... wunderbar! Ich nehme an, Sie werden diese Hinterlassenschaft Ihres Gatten vor dem Verkauf noch einem Museum zur Verfügung stellen wollen? Eine öffentliche Ausstellung würde die Aufmerksamkeit ...« 
Ihr Blick glitt angewidert über die Bilder und über mein Gesicht, erstmals war ihr Lächeln verschwunden. »Nehmen Sie sie mit«, sagte sie leise, wie zu sich selbst, »nehmen Sie sie mit und verkaufen Sie sie. So schnell wie möglich. Ich will diese Bilder keinen Tag länger in meinem Haus haben, verstehen Sie? Sie ... sie ekeln mich an ...« 
Ich erwiderte nichts, nickte. 
Mit einemmal sah Groningers Witwe fast mitleiderweckend aus, nichts mehr an ihr wirkte arrogant oder überlegen. So wie sie vor den aufgereihten Bildern stand, mit den Fingern nervös ihre Perlenkette knetend, schien es fast, als ginge für sie eine schon körperliche Bedrohung von den leuchtenden Farbschöpfungen aus. Merkwürdig berührt registrierte ich, daß Hatteras' Bilder für mich lebendiger waren als dieses nun unsagbar alt und müde wirkende Stück fleischgewordene Vergeblichkeit. Als ich ging, hatte es zu schneien aufgehört. 

Die Nachricht von dem Fund schlug in Sammlerkreisen wie eine Bombe ein, und dem entsprechend erfolgreich verlief die Auktion. Mehrere bedeutende Museen hatten ihre Vertreter geschickt, die jedoch hoffnungslos dem Kapital einiger amerikanischer und japanischer Sammler unterlegen waren. Die prozentuale Beteiligung am Verkaufserlös bedeutete für mich einen Rekordumsatz, ja es war der bislang größte Erfolg meines Auktionshauses und der Name Velten wurde quasi über Nacht zum Synonym für millionenschwere Kunst-Transaktionen. Ich hätte damit zufrieden sein, hätte mich weiter meinen normalen Geschäften widmen und kapitalkräftigen Kunden zu weiteren exquisiten Dekorationen ihrer Villenwände verhelfen sollen. Doch seitdem ich aus Genf zurückgekehrt war, fand ich keine Ruhe. Die Person Konrad Hatteras ließ mich nicht los; ich investierte Zeit und Geld darin, weitere Nachforschungen über ihn anzustellen, versuchte mehr Licht in die ominösen Ereignisse des Herbst 1954 zu bringen. Sicherlich: es war völlig klar, daß Konrad und Lydia Hatteras damals im Pazifik umgekommen waren, doch die Umstände wurden nie genau geklärt. Hatteras hatte damals in Honolulu eine Yacht gechartert, die ihn nach Neville Island bringen sollte. Die Schiffsbesatzung berichtete später, er hätte mit seiner Frau  vor der Bucht im Beiboot die Yacht verlassen, um die Küste der Insel zu umfahren und einige Skizzen anzufertigen. Das war das letztemal, daß die beiden gesehen wurden. 
Konrad und Lydia Hatteras verschwanden spurlos und auch das Boot wurde nie gefunden; von den wenigen Menschen, die damals auf Neville Island lebten, hatte ebenfalls niemand etwas von dem mysteriösen Unglück bemerkt. Man vermutete, daß das Boot aufs offene Meer hinausgetrieben war, und nach einer mehrwöchigen vergeblichen Suche erklärte man die beiden offiziell für tot. So weit die bekannte Geschichte. 
All das konnte ein tragischer Unfall gewesen sein, sicherlich, und daß Konrad Hatteras tot war, stand für mich außer Frage. Doch was um alles in der Welt hatte er ausgerechnet auf Neville Island gesucht? Die pazifische Inselwelt bietet weitaus interessantere Motive als dieses kleine, fast menschenleere Eiland, das kaum mehr ist, als ein Flecken kokospalmenbewachsener Sand. Ich überließ mein Geschäft der Obhut meiner Angestellten und beschloß, mich selbst auf die Suche nach den letzten Spuren Hatteras' zu machen. 

Meine Recherchen führten mich schließlich an die Westküste der USA, in ein kleines Fischerdorf namens Milesville zu einem gewissen Joseph Bancroft. Bancroft, der seinen Ruhestand in Milesville verbrachte, hatte 1954 als Matrose auf der »Southern Queen« gearbeitet, dem Schiff, das das Ehepaar Hatteras nach Neville Island brachte. 

Bancroft erwartete mich auf der Veranda seines leicht heruntergekommenen Hauses sitzend und lud mich mit einer ausladenden Geste ein, neben ihm in einem Korbstuhl Platz zu nehmen. 
Mißtrauische wasserblaue Augen blickten mich aus seinem aufgeschwemmten unrasierten Gesicht an, als ich von meinen Nachforschungen erzählte.Sein Blick wich nicht von meinem Gesicht, als er eine Bierdose unter seinem Stuhl hervorzog und geräuschvoll öffnete. Ich bemerkte, daß seine Hände zitterten. »Schreiben Sie an 'nem Buch oder so, Mister?« 
»Nein ... das heißt, nicht direkt. Ich arbeite an einer Ausstellung für ein deutsches Museum.« Ich hielt es für klüger, ihm nicht zu sagen, daß ich beruflich oft mit Millionenbeträgen zu tun habe. Er tat einen geräuschvollen Schluck und wischte sich über den Mund.  Möwengeschrei kam vom Strand herüber. 
»Hör'n Sie zu: Ich hab den Kerl nie begriffen, was ja auch nich mein Job wahr, klar, aber begriffen hab ich den nie. Hamse mal 'n Bild von dem gesehn?« 
Ich bejahte. Die Luft roch angenehm salzig. »Für mich war der nich ganz dicht hier, verstehn Sie?« Bancroft tippte sich vielsagend an die Stirn und nahm noch einen Schluck aus der Bierdose. »Is 'ne verdammt schöne Gegend da unten, Mister. Wir ham mit der Southern Queen oft Leute durch die Inseln geschippert, war kein übler Job. Wissense was 'n Weißer normalerweise macht, wenn er die Kohle dafür hat?« Er lachte knarrend. Der Wind hatte sich gedreht und wehte mir jetzt seinen säuerlichen Bieratem ins Gesicht. »Ich werd's Ihnen sagen: er liegt inner Sonne, oder geht schwimmen oder macht Fotos von irgend'ner Insulanerparty. Und wenner danach wieder in der Wall Street oder wo auch immer hinter seinem verdammten Schreibtisch sitzt träumt er davon, Robinson zu sein. Aber der Typ war anders. Ich hab's schon auf Hawaii mitgekriegt, Mister, der Kerl hing mit seiner Frau ständig bei diesem versoffenen Medizinmann rum, Charlie hieß er, 'n unheimlicher Typ war das.« 
Ich wurde hellhörig, versuchte den Biergestank zu ignorieren und rückte näher. »Ein hawaiianischer Priester? Ich weiß, daß Hatteras sich intensiv mit der polynesischen Kultur beschäftigt hat. Wissen Sie mehr darüber?« 
»Was für'ne Kultur denn, Mister? Ich kenn die Brüder da unten zur Genüge, sag ich Ihnen, sind nette Kerle auf ihre Art und die Weiber auch ...« Wieder dieses knarrende Lachen, wobei sein kariertes Baumwollhemd aufklaffte und den Blick auf einen haarigen Bauch freilegte. 
» ... Jaja, sind nich so übel, wenn man 'n paar Dollar und 'ne Flasche springen läßt. Aber passense auf, wie weit Sie sich als Weißer mit dem Hokuspokus von denen einlassen. Der Kerl, der Medizinmann, der war kein Hawaiianer. Sowas wie den gibt's auf Hawaii schon seit hundert Jahren nich mehr. Er hing immer am Strand rum, tat nix, hatte nix, nur sein Bündel mit irgend'nem Hokuspokuskram. Irgendjemand hat dann diesem Hatteras den Tip gegeben, Charlie nach irgendwelchen verdammten Niggergeschichten auszuquetschen. Der war 'n echter Medizinmann, verstehense, ich bin kein abergläubischer Mensch, aber die Brüder sind nix für'n weißen Mann. Kennense die verdammten Märchen von denen da unten? Früher, als die noch unter sich waren, haben sie Haie angebetet, pfui Deibel ... Charlie war irgendein Überbleibsel von so'nem gottverdammten Haikult, was weiß ich, was er diesem europäischen Spinner alles erzählt hat. Naja, hat ihn ja dann auch erwischt, den Charlie mein ich. Einen Tag, bevor Hatteras die Southern Queen gechartert hat, hat man den alten Knaben gefunden. Irgendjemand hat ihm wohl 'n Schädel eingeschlagen.« 
Das Möwengeschrei wurde lauter. Ich blickte zum Strand und sah, wie sich am Horizont dunkle Wolken sammelten. 
»Was geschah vor Neville Island, Mister Bancroft?« 
»Nix. Verstehense? Der Maler und seine Frau - Mann, ich hab nie verstanden, wie der alte Kerl an die geraten ist ... also, die sind ins Boot, ham 'nen Haufen Kram mitgenommen, so Malerzeugs, 'ne Kamera und diese Niggerrassel ...« 
»Was für eine Rassel?« 
»So 'ne dämliche Niggerrassel halt. Nehmen die da unten zum Haifang. Mann, ich hab's selbst schon gesehen: Die Jungs schlagen die Dinger vom Boot aus ins Wasser und in 'n paar Minuten sind schon die ersten Biester da. Und dann gibt's 'nen Stoß mitter Harpune, so etwa ...« Er vollführte eine heftige Bewegung mit der rechten Hand, wobei ihm die Bierdose entglitt und quer über die Veranda rollte. Die blaßgelbe Flüssigkeit ergoß sich schäumend zwischen die Dielen. 
»Scheiße, verdammte! Also jedenfalls war das so'ne Rassel, die der verrückte Kerl da mitgeschleppt hat, weiß der Teufel wozu. Ach ja: da fällt mir noch ein ... Das Ding war irgendwie anders als die Rasseln, die ich sonst so von den Brüdern kenne. War irgendwie so komisch bemalt ... Ha, vielleicht hat der Spinner das Ding selbst bemalt! Zuzutrauen wär's ihm gewesen ...« Bancroft bekam einen Lachanfall, der in einem würgenden Husten endete. Seine Augen tränten, als er sich fluchend erhob. »Das war's eigentlich auch schon, Mister. Ich muß mir jetzt noch 'n Bier holen. Mehr zu erzählen gibt's auch nich. Schönen Tag noch ...« 
»Warten Sie ...« 
Seine massige Gestalt war schon halb in der Eingangstür des Hauses verschwunden, mißmutig blickte er sich um. 
»Wissen Sie noch mehr über diesen ... diesen Medizinmann? Wissen Sie seinen Namen? Seinen richtigen meine ich.« 
»Charlie hieß er, hab ich doch gesagt. Die heißen für mich alle Charlie, die Brüder.« Er machte wieder Anstalten hineinzugehen. 
»Wissen Sie vielleicht, woher er kam?« 
»Na von diesem gottverfluchten Neville Island natürlich! Hab ich das nich gesagt?« 
Die Tür fiel krachend ins Schloß. 
Am Horizont begann es zu donnern. Die Möwen waren verschwunden.
Ich konnte nicht mehr zurück, jetzt nicht mehr. Als ich Stunden später den Flug nach Hawaii buchte, wußte ich, daß meine Reise erst auf Neville Island enden würde. 

Am nächsten Tag saß ich in der vollklimatisierten Suite eines Hotelpalasts aus Stahlrohr und Glas, sichtete einen Stapel Telegramme, die mich über die Geschäftslage daheim informierten, und bekam erste Zweifel an dem Sinn meiner Aktivitäten. 
In den Straßen tobte in vertrauter Hektik die Rush Hour vorbei, Menschen aller möglichen Hautfarben gingen hektisch ihren Geschäften nach und Gruppen buntgekleideter Touristen kehrten von ihren Ausflügen in die Bars der Hotels zurück. Es war eine Atmosphäre wie in jeder x-beliebigen europäischen oder amerikanischen Großstadt, ein lärmender Reigen, der mich mit seinem chaotischen Synchronismus beruhigte und das alkoholisierte Geschwafel  eines Joseph Bancroft im klaren Licht der Nachmittagssonne der Lächerlichkeit preisgab. Kurz zuvor hatte ich mit meiner Geschäftsführerin in Deutschland telefoniert, die mich dringend aufforderte, zurückzukehren und mich um meine Geschäfte zu kümmern, bereits jetzt wären mir mehrere Aufträge entgangen und die Kosten meiner Recherchen würden sich allmählich negativ auf das Firmenkapital auswirken. Niemand konnte meine obskuren Exkursionen verstehen und ich selbst - diese ernüchternde Erkenntnis stellte sich jetzt ein - eigentlich auch nicht. Was wollte ich, was erhoffte ich mir davon? Ich war kein Wissenschaftler, auch kein Autor dümmlicher Abenteuerromane, der Stoff für einen neuen haarsträubenden Bestseller sucht. Wenn ich wirklich meine Reise nach Neville Island fortsetzte, was hätte ich dort schon finden können? Das Skelett des Konrad Hatteras in irgendeiner verborgenen Höhle, zusammen mit einem Stapel unschätzbar wertvoller Gemälde, die nur darauf warteten, von mir verkauft zu werden? Es war alles so lächerlich ... 
Am Abend betrank ich mich sinnlos. Nachts träumte ich wirre Bilder von meiner eigenen Exekution und ertrunkenen Menschen, die in Madame Groningers Speisezimmer saßen. 
Tags darauf besorgte ich mir Aspirin und charterte ein Flugzeug nach Neville Island. 

»Da vorn, willkommen am Arsch der Welt!« 
Die Stimme des Piloten weckte mich aus einem unangenehmen Halbschlaf, in dem ich die meiste Zeit des Fluges verbracht hatte. Vor uns konnte ich die sanften Linien einer Insel erkennen. Ich wurde hellwach. »Neville Island?« 
Mein Pilot nickte schweigend und jonglierte gelangweilt einen Kaugummi zwischen den Kiefern. Sein ausdrucksloses braunes Gesicht wandte sich mir zu, Lichtreflexe tanzten auf schwarzen Brillengläsern. »Wissen Sie schon, wie lange Sie bleiben?« 
»Nein ... das heißt, wahrscheinlich nicht sehr lange. Ich will mich nur etwas umsehen. Sie fliegen heute noch zurück?« 
»Hoffe ich doch. Wenn die Maschine aufgetankt ist, hält mich hier nichts mehr.« In einem eleganten Bogen setzte er das Wasserflugzeug zur Landung in der Bucht an.Ich erkannte einige verstreute Häuser und einen Landungssteg. »Wissen Sie, wie die Bucht hier heißt? ›Bucht‹ heißt sie ... Hier hat sich nie jemand die Mühe gemacht, den Dingen Namen zu geben ...« Er verzog die Mundwinkel, was man mit viel Phantasie als Lächeln deuten konnte. 
Wasser spritzte schäumend bis zu den Cockpitscheiben, als die Maschine aufsetzte. Einige Leute kamen jetzt langsam zum Steg hinübergeschlendert. Irgend jemand winkte in unsere Richtung. »Tja, wie ich schon sagte: willkommen am Arsch der Welt!« Mit einem letzten Blubbern verstummten die Motoren, als wir den Landungssteg erreicht hatten.
 


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