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Die
Entscheidung
Rhiannon
Brunner
War
es wirklich dies, was ich zu erreichen suchte? Lange Zeit schon bin ich
gefangen in diesem dunklen Raum, ich kann kein Tageslicht erkennen, nichts,
woran ich die Zeit zu messen in der Lage wäre. Das Essen wird mir
regelmäßig gebracht, doch in Abständen, die ich nicht erkennen
kann. Müßig bin ich meinen Gedanken ausgeliefert, die ich nicht
kontrollieren kann. Doch vielleicht ist es sogar besser so.
Es
gibt keine Veränderung, nicht einmal die, die mich herbrachten sehe
ich wieder und die, die mir zu essen bringt, die spricht nicht mit mir,
beinahe, als wäre sie stumm.
Schließlich
jedoch holt mich der rothaarige, den sie Romuald geheißen hatten
wieder aus der Kammer, die nur sehr schwach mit einer einzigen Glühbirne
ausgestattet ist. Roh stößt er mich in einen Wagen, fährt
mich an einen anderen Ort, den ich aber irgendwie sogar zu kennen glaube
nur das Woher könnte ich nicht sagen.
Ich
höre das Gemurmel von Stimmen, die immer lauter werden, je weiter
wir kommen, je weiter wir in das Gebäude hineingehen, das von außen
einer alten Kaschemme nicht ganz unähnlich ist und doch scheint es
darin ein Lokal zu geben oder eine Möglichkeit, wo Gleichgesinnte
sich zu treffen in der Lage sind. Ob es sich dabei um ein Geheimversteck
handelt?
Romuald
zerrt mich weiter, hinein in eine Welt, die mir fremd ist und doch fühle
ich mich hier nicht unwohl, wenngleich ich nicht einmal zu sagen in der
Lage bin, warum. Hier herrscht eine Stimmung, die mir fremd ist. Sie erdrückt
mich beinahe, zieht mich zugleich aber auch in einen Bann, dem ich kaum
zu widerstehen in der Lage bin.
Personen
verschiedenen Alters und Geschlechts sehe ich hier, unterschiedlich in
der Art der Kleidung und dem Gehabe, dem Aussehen und allem anderen, doch
eines haben sie alle gemeinsam, eine Ausstrahlung, die mir beinahe den
Atem zu nehmen in der Lage ist.
Romuald
winkt eine junge Frau herbei, die mich am anderen Arm packt, gemeinsam
schleifen sie mich hinein mit einer Gewalt, die mich erschauern läßt,
die mich zur Gegenwehr animiert. Das einzige, das ich damit allerdings
nur zu erreichen in der Lage bin, ist, daß ich das Gleichgewicht
vollends verliere und hineingezogen werde.
Sie
bringen mich vor einen Tisch, lassen mich dort fallen. Der Schwerkraft
gehorchend sinke ich zu Boden, schlage mit meinem ganzen Körper auf.
Ich
rappele mich ein wenig hoch, so, daß ich wenigstens etwas sehe, werde
jedoch wieder zu Boden gedrückt von Romuald. Er zischt mir nur ins
Ohr, daß ich vor dem Prinzen am Boden bleiben soll, mich nicht erheben
dürfe.
Dennoch
wage ich den Blick zu erheben, sehe nach vorne zum Tisch, an dem ein Mann
sitzt, der die Dreißig wohl gerade mal überschritten hat. Er
hat etwas Majestätisches an sich, das ich aber nicht zu erklären
in der Lage bin. Seltsam hypnotisierend scheint sein Blick, beinahe, als
könnte er mich bis ins Innerste durchschauen und genau erkennen, was
ich denke. Wohl könnte ich ihn nicht einmal belügen, wenn ich
es auch wollte.
Eigentlich
jedoch wirkt er mehr wie ein Geschäftsmann mit seinem Aussehen, den
kurzen Haaren und dem Anzug, den er trägt. Das düstere Licht,
das hier herrscht und die beiden Kerzen, die auf dem Tisch stehen lassen
ihn etwas geheimnisvoller wirken, als er ansonsten aussehen mag.
Seine
Augen sind noch geschlossen, doch schon öffnet er sie und sieht mich
an. Nur kurz zwar, doch dafür mit einer Intensität, die mich
erschauern läßt. Selten zuvor, nicht einmal von meinen Besuchern
habe ich dies mitbekommen, beinahe, als hätte er eine Macht in diesem
Blick, die die all der anderen übersteigt.
Schon
ignoriert er mich wieder, sieht zu Romuald.
"Nun,
wer ist diese Person?"
"Wir
fanden sie in ihrer Wohnung, mein Prinz. Es ist sehr wahrscheinlich, daß
sie von einem Mitglied des Sabbath zur Dienerin gemacht wurde. Wir fanden
verdächtige Dinge, angefangen von Zeichnungen über Bücher
bis hin zu Texten, die sie wohl selber verfaßt hatte."
"Und
worin liegt der Verdacht begründet, daß sie dem Sabbath dienen
soll?"
"Sie
nannte uns einen Namen, der keinem Camarillamitglied angehören dürfte,
so weit wir wissen und außerdem dürften die, die sie geschaffen
haben aus einem anderen Land stammen."
"Wie
war der Name?"
"Sprich!"
Romuald
wendet sich an mich, packt mein Haar und hält mich kurz fest. Gehorsam
spreche ich aus, was gefragt worden war.
"Boris."
"Und
wie weiter?"
"Boris,
Graf Andraschij von Shigishoara."
"Wo
liegt das denn?"
"Es
liegt im Herzen Rumäniens."
"Ein
Rumäne also? Nun sei es drum. Wie kamt ihr ihr auf die Schliche? Was
ist geschehen?"
"Wir
fanden sie, folgten ihr. In ihrem Keller rief sie nach ihrem Meister, verzweifelt,
als hätte sie ihn schon lange Zeit nicht mehr gesehen, ihn vermißt.
Beinahe, als wäre er seit langer Zeit nicht mehr auf Besuch bei ihr
gewesen."
"Und
weiter?"
"Wir
folgten ihr in ihre Wohnung, wo wir sie dann verhörten. Mehr geschah
nicht."
"Erzähle,
wie es gewesen ist, als du gewandelt wurdest. Was geschah?"
"Meine
Freundinnen und ich luden sie ein, weil wir uns von ihnen in Bezug auf
Okkultes lehren lassen wollten. Sie brachten uns Wein, von dem es später
hieß,
dieser sei Blut gewesen. Dann tauchte ein Dritter auf, dem die anderen
Respekt zollten. Sie forderten von uns, wir sollten ihnen Tribut erbieten,
doch als wir ihnen den geben wollten, da kamen sie nicht."
"Und
deine Freundinnen?"
"Die
sind verschwunden. Ich habe sie seither nicht mehr gesehen."
"Du
bist die einzige von euch dreien, die noch lebt?"
"Ja.
Wenigstens, soweit ich es weiß."
"Gut.
Kannst du dich an die Namen erinnern?"
"Nur
an Boris. Von den anderen weiß ich ihn nicht mehr."
"Der
Rumäne?"
"Ja."
Wieder
wendet er sein Antlitz ab, sieht an mir vorbei.
"Ihr
meint also, daß sie dem Sabbath dient?"
"Kein
Mitglied der Camarilla würde seinen Ghoul so lange Zeit alleine lassen.
Oder ihn von ferne zumindest beobachten. Doch wir entdeckten niemanden,
dem sie scheinbar wichtig war, der sich ihrer annehmen wollte."
"Also
gut. Sie wäre dann der erste tatsächliche, lebende Beweis, daß
der Sabbath auch hier seine Klauen im Spiel hat. Na schön."
Er
macht eine kurze Pause, hält inne, scheint nachzudenken.
"Ich
bin mir nur nicht sonderlich sicher, ob es auch der Mühe wert ist,
sie am Leben zu lassen. Zwar ist sie eine Möglichkeit dem Sabbath
auf die Schliche kommen zu können, eventuell, wenn man es geschickt
anstellt, aber..."
"Mylord,
was gedenkt Ihr nun wirklich mit ihr zu tun?"
"Noch
bin ich mir nicht sicher darüber, was ich mit ihr machen werde."
Kurz
sieht er nachdenklich hoch, als sich eine Stimme aus dem Hintergrund meldet.
Wenn mich nicht alles täuscht klingt es wie die Stimme des zweiten
Vampirs, der mich von zu Hause weggeholt hat. Von wo sie ertönt jedoch
kann ich nicht genau erkennen.
"Habt
Ihr vor sie umzubringen? Ich glaube, so mancher Clan würde sie gerne
bei sich aufnehmen, bis Ihr entschieden habt."
Ob
sie mich wirklich umbringen wollen? Gut, ich wollte ja sterben, das Leben
war mir nicht mehr wichtig. Selbst wenn sie mich ermorden wollen, wie würden
sie es tun? Würden sie mir einfach nur den Hals durchschneiden? Mich
ersäufen wie eine räudige Katze, nur um ihre Scharade, die sie
doch offensichtlich betreiben, nicht zu gefährden? Oder würden
sie mich umbringen, indem mich einer von ihnen bis auf den letzten Tropfen
leersaugt?
Wenn,
so würde ich mir gerne selber aussuchen, wie sie mich umbringen, wenn
sie es tun würden. Und ich würde es bevorzugen, wenn sie mich
leeren, wie eine Zitrone. Siedend heiß wird mir. Eigentlich würde
ich ganz gerne all diese Geschöpfe, nach denen ich mich mein Leben
lang verzehrt habe, näher kennen lernen, ich würde gerne Dinge
erfahren, die es einem normalen Sterblichen nie zu erfahren vergönnt
sind, weil sie nicht an diese Wesen glauben, sich nicht einmal vorstellen
können, daß es sie gibt, bis sie von einem ausgesaugt werden.
Doch dann ist es zu spät.
Wieder
ertönt eine Stimme aus dem Hintergrund, eine andere, reißt mich
aus meinen Gedanken, meiner Furcht und meiner Angst davor, daß das,
was ich mir immer gewünscht habe, wo ich jetzt so knapp davor stehe,
daß ich meinen Wunsch erfüllt bekommen könnte, ich vielleicht
sterben muß ohne auch nur die Chance erhalten zu haben, ihn wahrlich
erfüllt zu bekommen.
"Bevor
Ihr sie ermorden laßt, so bieten wir vom Clan der Malkavian uns an,
sie aufzunehmen."
"Nein,
ich weiß, was ich mit ihr machen werden, ihr werdet sie nicht bekommen."
Er
scheint einen Entschluß gefaßt zu haben.
"Ich
übergebe sie dem Clan Tremere. Behütet und beschützt sie,
bewacht sie aber auch! Ihr werdet zur Verantwortung gezogen werden, wenn
ihr etwas geschieht, sie stirbt oder verschwindet, ohne, daß ich
weiter mit ihr verfahren konnte. Bis dahin gehört sie euch. Ich werde
euch zeitgerecht sagen, was ich mit ihr noch vorhabe, sobald ich entschieden
habe."
Eine
junge Frau kommt herbei, sie hat dunkles, lockiges Haar, einen dunkleren
Teint, sieht aber doch noch recht jung aus, jünger, als sie vermutlich
sein dürfte.
"Mylord,
wir werden Euren Wunsch ausführen. Ich persönlich werde sie in
meine Obhut nehmen, bis Ihr mir mitteilt, was Ihr mit ihr zu tun gedenkt."
"Hinfort
mit dieser Person. Wir sollten uns auch noch anderen Dingen widmen."
Die
Fremde zieht mich hoch, zischt mir ins Ohr: "Du wirst gehorchen, in allem,
was wir dir sagen. Zwar magst du wertvoll für die Camarilla sein,
doch bilde dir nur ja nicht ein, daß du etwas Besonderes deswegen
bist!"
Obwohl
ich eigentlich erschüttert sein sollte, so bin ich es gar nicht, im
Gegenteil, ich muß mich sogar beherrschen, um nicht ein Grinsen zu
unterdrücken. Einen ersten Sieg habe ich erreicht. Ich bin in ihrer
Obhut, habe auch in Zukunft wohl Kontakt zu den Vampiren. Und wer weiß,
auch, wenn ich den Kuß jetzt noch nicht erhalten mag, was der Prinz
auch immer mit mir vorhat, so ist doch immerhin ein kleiner Aufschub gewährt.
Wer weiß denn schon, was sie später mit mir machen werden, fürs
erste jedoch ist die ganze Aktion gar nicht mal so schlecht verlaufen für
mich, auch, wenn andere sagen würden, ich hätte Pech gehabt und
nicht Glück.
Was
jedoch wissen die meisten denn schon von meinen wirklichen Träumen
und Wünschen?
©Rhiannon
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