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Die erste Begegnung

  Unruhe erfaßt mein Innerstes. Doch warum nur? Ich kann es einfach nicht sagen. Seltsam jedoch ist es schon. Irgendwie komme ich mir fast so vor, als würde ich einen neuen Job antreten, dieser Unruhe ist meine jetzige alles andere als unähnlich. Warum nur? Ich kann es nicht sagen, obwohl es mich ein wenig irritiert. Oder war es einfach die Stimme dessen, mit dem ich mir dieses Treffen ausge- macht hatte? Irgendwie kam sie mir so vertraut und bekannt vor, beinahe, als würde ich sie besser kennen als mich selber. 

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Die Entscheidung


Rhiannon Brunner


War es wirklich dies, was ich zu erreichen suchte? Lange Zeit schon bin ich gefangen in diesem dunklen Raum, ich kann kein Tageslicht erkennen, nichts, woran ich die Zeit zu messen in der Lage wäre. Das Essen wird mir regelmäßig gebracht, doch in Abständen, die ich nicht erkennen kann. Müßig bin ich meinen Gedanken ausgeliefert, die ich nicht kontrollieren kann. Doch vielleicht ist es sogar besser so. 
Es gibt keine Veränderung, nicht einmal die, die mich herbrachten sehe ich wieder und die, die mir zu essen bringt, die spricht nicht mit mir, beinahe, als wäre sie stumm. 
Schließlich jedoch holt mich der rothaarige, den sie Romuald geheißen hatten wieder aus der Kammer, die nur sehr schwach mit einer einzigen Glühbirne ausgestattet ist. Roh stößt er mich in einen Wagen, fährt mich an einen anderen Ort, den ich aber irgendwie sogar zu kennen glaube nur das Woher könnte ich nicht sagen. 
Ich höre das Gemurmel von Stimmen, die immer lauter werden, je weiter wir kommen, je weiter wir in das Gebäude hineingehen, das von außen einer alten Kaschemme nicht ganz unähnlich ist und doch scheint es darin ein Lokal zu geben oder eine Möglichkeit, wo Gleichgesinnte sich zu treffen in der Lage sind. Ob es sich dabei um ein Geheimversteck handelt? 
Romuald zerrt mich weiter, hinein in eine Welt, die mir fremd ist und doch fühle ich mich hier nicht unwohl, wenngleich ich nicht einmal zu sagen in der Lage bin, warum. Hier herrscht eine Stimmung, die mir fremd ist. Sie erdrückt mich beinahe, zieht mich zugleich aber auch in einen Bann, dem ich kaum zu widerstehen in der Lage bin. 
Personen verschiedenen Alters und Geschlechts sehe ich hier, unterschiedlich in der Art der Kleidung und dem Gehabe, dem Aussehen und allem anderen, doch eines haben sie alle gemeinsam, eine Ausstrahlung, die mir beinahe den Atem zu nehmen in der Lage ist. 
Romuald winkt eine junge Frau herbei, die mich am anderen Arm packt, gemeinsam schleifen sie mich hinein mit einer Gewalt, die mich erschauern läßt, die mich zur Gegenwehr animiert. Das einzige, das ich damit allerdings nur zu erreichen in der Lage bin, ist, daß ich das Gleichgewicht vollends verliere und hineingezogen werde. 
Sie bringen mich vor einen Tisch, lassen mich dort fallen. Der Schwerkraft gehorchend sinke ich zu Boden, schlage mit meinem ganzen Körper auf. 
Ich rappele mich ein wenig hoch, so, daß ich wenigstens etwas sehe, werde jedoch wieder zu Boden gedrückt von Romuald. Er zischt mir nur ins Ohr, daß ich vor dem Prinzen am Boden bleiben soll, mich nicht erheben dürfe. 
Dennoch wage ich den Blick zu erheben, sehe nach vorne zum Tisch, an dem ein Mann sitzt, der die Dreißig wohl gerade mal überschritten hat. Er hat etwas Majestätisches an sich, das ich aber nicht zu erklären in der Lage bin. Seltsam hypnotisierend scheint sein Blick, beinahe, als könnte er mich bis ins Innerste durchschauen und genau erkennen, was ich denke. Wohl könnte ich ihn nicht einmal belügen, wenn ich es auch wollte. 
Eigentlich jedoch wirkt er mehr wie ein Geschäftsmann mit seinem Aussehen, den kurzen Haaren und dem Anzug, den er trägt. Das düstere Licht, das hier herrscht und die beiden Kerzen, die auf dem Tisch stehen lassen ihn etwas geheimnisvoller wirken, als er ansonsten aussehen mag. 
Seine Augen sind noch geschlossen, doch schon öffnet er sie und sieht mich an. Nur kurz zwar, doch dafür mit einer Intensität, die mich erschauern läßt. Selten zuvor, nicht einmal von meinen Besuchern habe ich dies mitbekommen, beinahe, als hätte er eine Macht in diesem Blick, die die all der anderen übersteigt. 
Schon ignoriert er mich wieder, sieht zu Romuald. 
"Nun, wer ist diese Person?" 
"Wir fanden sie in ihrer Wohnung, mein Prinz. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie von einem Mitglied des Sabbath zur Dienerin gemacht wurde. Wir fanden verdächtige Dinge, angefangen von Zeichnungen über Bücher bis hin zu Texten, die sie wohl selber verfaßt hatte." 
"Und worin liegt der Verdacht begründet, daß sie dem Sabbath dienen soll?" 
"Sie nannte uns einen Namen, der keinem Camarillamitglied angehören dürfte, so weit wir wissen und außerdem dürften die, die sie geschaffen haben aus einem anderen Land stammen." 
"Wie war der Name?" 
"Sprich!" 
Romuald wendet sich an mich, packt mein Haar und hält mich kurz fest. Gehorsam spreche ich aus, was gefragt worden war. 
"Boris." 
"Und wie weiter?" 
"Boris, Graf Andraschij von Shigishoara." 
"Wo liegt das denn?" 
"Es liegt im Herzen Rumäniens." 
"Ein Rumäne also? Nun sei es drum. Wie kamt ihr ihr auf die Schliche? Was ist geschehen?" 
"Wir fanden sie, folgten ihr. In ihrem Keller rief sie nach ihrem Meister, verzweifelt, als hätte sie ihn schon lange Zeit nicht mehr gesehen, ihn vermißt. Beinahe, als wäre er seit langer Zeit nicht mehr auf Besuch bei ihr gewesen." 
"Und weiter?" 
"Wir folgten ihr in ihre Wohnung, wo wir sie dann verhörten. Mehr geschah nicht." 
"Erzähle, wie es gewesen ist, als du gewandelt wurdest. Was geschah?" 
"Meine Freundinnen und ich luden sie ein, weil wir uns von ihnen in Bezug auf Okkultes lehren lassen wollten. Sie brachten uns Wein, von dem es später hieß, dieser sei Blut gewesen. Dann tauchte ein Dritter auf, dem die anderen Respekt zollten. Sie forderten von uns, wir sollten ihnen Tribut erbieten, doch als wir ihnen den geben wollten, da kamen sie nicht." 
"Und deine Freundinnen?" 
"Die sind verschwunden. Ich habe sie seither nicht mehr gesehen." 
"Du bist die einzige von euch dreien, die noch lebt?" 
"Ja. Wenigstens, soweit ich es weiß." 
"Gut. Kannst du dich an die Namen erinnern?" 
"Nur an Boris. Von den anderen weiß ich ihn nicht mehr." 
"Der Rumäne?" 
"Ja." 
Wieder wendet er sein Antlitz ab, sieht an mir vorbei. 
"Ihr meint also, daß sie dem Sabbath dient?" 
"Kein Mitglied der Camarilla würde seinen Ghoul so lange Zeit alleine lassen. Oder ihn von ferne zumindest beobachten. Doch wir entdeckten niemanden, dem sie scheinbar wichtig war, der sich ihrer annehmen wollte." 
"Also gut. Sie wäre dann der erste tatsächliche, lebende Beweis, daß der Sabbath auch hier seine Klauen im Spiel hat. Na schön." 
Er macht eine kurze Pause, hält inne, scheint nachzudenken. 
"Ich bin mir nur nicht sonderlich sicher, ob es auch der Mühe wert ist, sie am Leben zu lassen. Zwar ist sie eine Möglichkeit dem Sabbath auf die Schliche kommen zu können, eventuell, wenn man es geschickt anstellt, aber..." 
"Mylord, was gedenkt Ihr nun wirklich mit ihr zu tun?" 
"Noch bin ich mir nicht sicher darüber, was ich mit ihr machen werde." 
Kurz sieht er nachdenklich hoch, als sich eine Stimme aus dem Hintergrund meldet. Wenn mich nicht alles täuscht klingt es wie die Stimme des zweiten Vampirs, der mich von zu Hause weggeholt hat. Von wo sie ertönt jedoch kann ich nicht genau erkennen. 
"Habt Ihr vor sie umzubringen? Ich glaube, so mancher Clan würde sie gerne bei sich aufnehmen, bis Ihr entschieden habt." 
Ob sie mich wirklich umbringen wollen? Gut, ich wollte ja sterben, das Leben war mir nicht mehr wichtig. Selbst wenn sie mich ermorden wollen, wie würden sie es tun? Würden sie mir einfach nur den Hals durchschneiden? Mich ersäufen wie eine räudige Katze, nur um ihre Scharade, die sie doch offensichtlich betreiben, nicht zu gefährden? Oder würden sie mich umbringen, indem mich einer von ihnen bis auf den letzten Tropfen leersaugt? 
Wenn, so würde ich mir gerne selber aussuchen, wie sie mich umbringen, wenn sie es tun würden. Und ich würde es bevorzugen, wenn sie mich leeren, wie eine Zitrone. Siedend heiß wird mir. Eigentlich würde ich ganz gerne all diese Geschöpfe, nach denen ich mich mein Leben lang verzehrt habe, näher kennen lernen, ich würde gerne Dinge erfahren, die es einem normalen Sterblichen nie zu erfahren vergönnt sind, weil sie nicht an diese Wesen glauben, sich nicht einmal vorstellen können, daß es sie gibt, bis sie von einem ausgesaugt werden. Doch dann ist es zu spät. 
Wieder ertönt eine Stimme aus dem Hintergrund, eine andere, reißt mich aus meinen Gedanken, meiner Furcht und meiner Angst davor, daß das, was ich mir immer gewünscht habe, wo ich jetzt so knapp davor stehe, daß ich meinen Wunsch erfüllt bekommen könnte, ich vielleicht sterben muß ohne auch nur die Chance erhalten zu haben, ihn wahrlich erfüllt zu bekommen. 
"Bevor Ihr sie ermorden laßt, so bieten wir vom Clan der Malkavian uns an, sie aufzunehmen." 
"Nein, ich weiß, was ich mit ihr machen werden, ihr werdet sie nicht bekommen." 
Er scheint einen Entschluß gefaßt zu haben. 
"Ich übergebe sie dem Clan Tremere. Behütet und beschützt sie, bewacht sie aber auch! Ihr werdet zur Verantwortung gezogen werden, wenn ihr etwas geschieht, sie stirbt oder verschwindet, ohne, daß ich weiter mit ihr verfahren konnte. Bis dahin gehört sie euch. Ich werde euch zeitgerecht sagen, was ich mit ihr noch vorhabe, sobald ich entschieden habe." 
Eine junge Frau kommt herbei, sie hat dunkles, lockiges Haar, einen dunkleren Teint, sieht aber doch noch recht jung aus, jünger, als sie vermutlich sein dürfte. 
"Mylord, wir werden Euren Wunsch ausführen. Ich persönlich werde sie in meine Obhut nehmen, bis Ihr mir mitteilt, was Ihr mit ihr zu tun gedenkt." 
"Hinfort mit dieser Person. Wir sollten uns auch noch anderen Dingen widmen." 
Die Fremde zieht mich hoch, zischt mir ins Ohr: "Du wirst gehorchen, in allem, was wir dir sagen. Zwar magst du wertvoll für die Camarilla sein, doch bilde dir nur ja nicht ein, daß du etwas Besonderes deswegen bist!" 
Obwohl ich eigentlich erschüttert sein sollte, so bin ich es gar nicht, im Gegenteil, ich muß mich sogar beherrschen, um nicht ein Grinsen zu unterdrücken. Einen ersten Sieg habe ich erreicht. Ich bin in ihrer Obhut, habe auch in Zukunft wohl Kontakt zu den Vampiren. Und wer weiß, auch, wenn ich den Kuß jetzt noch nicht erhalten mag, was der Prinz auch immer mit mir vorhat, so ist doch immerhin ein kleiner Aufschub gewährt. Wer weiß denn schon, was sie später mit mir machen werden, fürs erste jedoch ist die ganze Aktion gar nicht mal so schlecht verlaufen für mich, auch, wenn andere sagen würden, ich hätte Pech gehabt und nicht Glück. 
Was jedoch wissen die meisten denn schon von meinen wirklichen Träumen und Wünschen? 
 

©Rhiannon Brunner