Der
ultimative Sound
Markus
K. Korb
Es
war heiß und die welken Menschen schleppten sich träge durch
unsere hässliche Stadt, welche ich einerseits abgöttisch liebte
und genauso tief empfunden verabscheute. Ich saß in einem der wenigen
Straßencafés und beobachtete das mürrische Treiben um
mich herum. Es gab keine missmutigen Bedienungen hier wie stets anderorts,
dennoch erhielt ich meine tägliche Ration an Unfreundlichkeit und
schlechter Laune durch den Anblick der schiefen Gesichter der Passanten,
was meinen Hass nährte, bis ich glaubte, aufstehen und den Tisch umwerfen
zu müssen. Ich wollte rufen: „Seht her, ihr Zombies! Ich lebe! Wo
ist euer Funken Lebensfreude geblieben an diesem Sommertag?“ und beließ
es bei dem Gedanken. Nichts in der Welt hätte diese stumpfsinnig durch
die Fußgängerzone trabende Masse aus der Lethargie reißen
können, in der sie sich suhlte, wie eine Schweineherde in einem übelriechenden
Sumpf aus Fäulnis und allgegenwärtigen Zersetzung.
Ja,
nun konnte ich es riechen. Die Verwesung der Stadt hatte schon eingesetzt.
Einst eine blühende Arbeiterstadt mit rauchenden Fabrikschloten, verrotteten
nun die Gleise der Industrieanlagen und die arbeitslosen Menschen mit ihnen.
Lebende Tote, angetrieben vom Instinkt zu fressen und sich fortzupflanzen.
Mehr war nicht von der Kultur dieser Stadt übrig geblieben. Kino und
Kneipe. Selbst die Huren schauten gelangweilt aus den Fenstern des Bordells
oder hängten ihre frischgewaschenen, winzigen Wäschefetzen an
die Leine.
Bausünden
der Vergangenheit. Graue Betonblöcke neben mittelalterlichen Fachwerkhäusern
verschandelten mit ihren rissigen Fassaden das Bild. Fassade, dachte ich
mir, alles Fassade, und dahinter ein geistloses Nichts. Außer einem
neuen Hinweisschild an der Autobahn – keine Neuerungen. Im Westen nichts
Neues.
Ich
musste grinsen, dachte ich doch an unseren Deutschlehrer am Gymnasium,
der uns einst den berühmten Roman von Remarque näher gebracht
hatte. Von dem Lehrer stammte der Spruch: „Ich werde irgendwann von hier
wegziehen. Oder soll ich enden wie die Rentner am Bushalteplatz, die tagein-
tagaus nichts anderes tun können, als die Tauben zu füttern?“
Ein
halbes Jahr später verließ er unsere Schule und wurde weit im
Süden zum Direktor eines anderen Gymnasiums ernannt. Wie recht er
gehabt hatte, konnten wir später aus eigener Erfahrung nachvollziehen.
Wir
wollten groß rauskommen. Wir, das hieß – die Band. Innovativ
sein, neue Wege beschreiten, den ultimativen Sound erschaffen. „Sie kamen
aus S., eine Arbeiterstadt wie Liverpool“ sollten die Musiklexikas später
einmal schreiben. Jedenfalls malten wir uns das so aus. Wieso wegziehen?
Ès gibt doch das Internet? So versicherten wir uns und lagen falsch.
Es macht immer noch einen Unterschied, ob man in Berlin lebt, am Puls der
neuen Zeit, oder in der Provinz, wohin sich kein Talentsucher je verirrt.
Probe-CDs wandern eh in den Müllschlucker der Plattenfirmen. Damals
wussten wir das noch nicht.
Und
dennoch liebe ich diese hässliche Stadt. Ihre Menschen sind mir von
Kindesbeinen an vertraut. Ich mag ihre Ehrlichkeit, ihre Direktheit. Wenn
dich jemand beschissen findet, dann sagt er dir das auch. So manche „große“
Band von außerhalb hatte damit ihre Probleme. Und immer wieder blinzelt
durch das große hässliche Bild der Stadt ein versöhnlicher
Farbton, leuchtet ein Lichtstrahl von oben herab und taucht die Straßen
in ein malerisches Hell-Dunkel. Immer dann, sagte ich mir: „Hey, schau
mal – so schlecht ist es hier doch gar nicht!“
Doch
heute fühlte ich mich wie ausgekotzt und deshalb waren auch alle Menschen
um hier her hässliche Geschöpfe. Die Schönheit keimte nicht
in dieser Stadt, wie ich fand. Alle Jungen hatten rechtzeitig den Absprung
geschafft.
Nicht
so ich und Bernd.
Er
war der Keyboarder, ich der Sänger. Alle anderen Bandmitglieder hatten
aufgegeben, waren entweder sesshaft geworden oder in andere Städte
gezogen. Verbindungen hielten wir keine aufrecht.
Ich
war verrückt, Bernd war manisch.
Noch
immer tüftelte er in unserem alten Proberaum im heruntergekommensten
Stadtteil von S. an seinen Synthesizern herum, mühte sich ab, einen
neuen Sound zu erschaffen, der die Musikwelt erneuern sollte. Bislang vergebens.
Nun
aber fürchtete ich um ihn. Seit drei Tagen hatte er sich nicht mehr
bei mir gemeldet. Das war ungewöhnlich lange und deshalb ging es mir
beschissen. Bislang hatte ich nicht den Mut aufgebracht, ihn im Proberaum
zu besuchen, da er nicht gestört werden wollte. Ich nahm an, dass
er sogar inzwischen dort zwischen 16-Spur Tonbändern sein Lager aufgeschlagen
hatte.
Doch
nun war das Maß voll.
Ich
zahlte meinen Milchkaffee und erhob mich. Die träge sich dahinschleppenden
Menschen nahmen mich nur als Hindernis wahr, das es zu umschiffen galt.
Mir war das nur Recht, was gingen mich die Massen an, welche unsere Musik
nie verstanden hatten. Ich nahm den Bus zum Stadtrand von S., wo sich unser
Proberaum befand.
Als
ich ausstieg, kroch mir bereits der unangenehme Geruch von in der Sonne
faulenden Mülltonnen und von der aufgeheizten Luft, die über
Spannbeton waberte, in die Nase. Ich schüttelte mich und erschrak,
da der Bus mit einem Röhren davonfuhr und mich in dieser unwirtlichen
Gegend allein ließ.
Die
Betonwüste erstreckte sich in alle Richtungen. Schal gewordene Bauten
der Nachkriegszeit wuchsen rings um mich empor und spendeten einen Schatten,
der keine Kühle verhieß, da die Mauern gespeicherte Sonnenhitze
abstrahlten. Schmutzige Fenster ließen kaum Lichtreflexionen zu.
Irgendwo schrie ein Kleinkind ohne Unterlass. Eine Mutter schob einen fleckigen
Kinderwagen über den heißen Asphalt. Ich schätzte ihr Alter
auf fünfzehn Jahre.
Ich
lief die Straße entlang, bis ein zerfallener Kellerabgang vor mir
lag. Ein Obdachloser döste am Ende der Treppe in einem Winkel, wo
die Sonnenstrahlen nicht hinreichten. Müll lagerte auf den Treppe
und verbreitete einen ekligsüßlichen Geruch. Langsam bahnte
ich mir einen Weg über die von Unrat verseuchten Stufen und erreichte
den Schlafenden.
Er
war in eine Decke gehüllt, welche nur den Kopf freiließ, das
von Schmutz und den Pusteln einer Hautkrankheit übersäte Gesicht
konnte ich gottseidank nur erahnen, da der Mann seine Pudelmütze tief
herabgezogen hatte. Eine leere Flasche Rotwein ruhte in seiner Armbeuge.
Betont
vorsichtig, um ihn nicht aus seinem Delirium zu wecken, drückte ich
mich an ihm vorbei und durch die offen stehende Kellertür.
Die
typisch warme Luft einer Gruft empfing mich mit ihrem vertrauten Atem.
Meine Augen gewöhnten sich an das Halbdunkel und ich erkannte den
kahlen Flur, den ich schon so oft entlang gegangen war. Links und rechts
zweigten Türen in fremde Kellerräume ab. Mein Ziel lag am Ende
des Ganges. Dort wölbte sich mir eine verzogene Holztür entgegen.
Ich
rüttelte am Knauf. Abgeschlossen. War ja klar. Er wollte nicht gestört
werden.
In
meiner Hosentasche fand ich den Schlüssel, steckte ihn ins Schloss
und drehte ihn zweimal um, so dass laute Klackgeräusche zu hören
waren. Dann öffnete ich die Tür.
Meine
suchende Hand fand den Lichtschalter an der Wand und legte ihn um. Eine
schwache Glühbirne mühte sich daraufhin redlich den Raum zu beleuchten,
was ihr aber kaum gelang. Ich blickte auf ein Chaos aus übereinander
gestapelten Lautsprecherboxen, zwischen denen ein Kabelgewirr sich schlangengleich
auf ein in der Mitte des Raumes thronendes Mischpult zuwand, wo die Stränge
in metallischen Klinkensteckern endeten, die in die Buchsen gestöpselt
waren. Dazwischen schienen Keyboards und Synthesizer unterschiedlicher
Marken wie Floße auf einem unsichtbaren Meer zu treiben und wurden
doch durch Metallständer am Herabfallen gehindert, wie ein zweiter
Blick zeigte. Mikrophone lagen auf ihnen: Lange, filigrane Gebilde, dann
wieder klobig massive Geräte. Unter ihnen wucherte ein Dschungel aus
schimmeligen Pizzaschachteln und Colaflaschen aus Plastik.
„Hi!“
rief ich in das Zimmer hinein und erntete ein Rascheln, das aus der entfernten
Ecke kam. Wie aus einem algenfleckigen Tümpel tauchte Bernds Wuschelkopf
auf. Ich erschrak.
Auf
seinem Gesicht lag der Ausdruck grenzenloser Erschöpfung und in seinen
Augen meinte ich Angst zu erkennen. Aber wovor? Einbrecher hatten in diesem
Stadtteil wenig Chancen auf gewinnbringende Tätigkeiten. Was also
fürchtete Bernd? Eine andere Band, die es auf sein Equipment abgesehen
hatte?
„Was
willst du hier?“ bellte er mich an.
Alles
hatte ich erwartet, nicht aber eine derartig abweisende Begrüßung.
„Ich
wollte mal nach dir sehen. Du hast dich seit drei Tagen nicht mehr bei
mir gemeldet“, stammelte ich und ärgerte mich darüber, dass ich
mich von meinem Bandkollegen in die Defensive drängen ließ.
Bernd
stand auf und ich sah, dass er auf einer alten Matratze geschlafen hatte,
die unmöglich aus seiner Wohnung stammen konnte: zu fleckig und zu
durchgelegen. Und das bei Bernd, dem Ästheten!
„Drei
Tage?“, murmelte Bernd nachdenklich und starrte zu Boden. „Ich könnte
schwören, dass es weniger Tage gewesen waren.“
Ich
ging ein paar Schritte auf ihn zu.
„Was
ist mit dir los? Du solltest dich mal sehen: unterernährt, ungepflegt.
Warum verkriechst du dich in diesem Loch?“, wollte ich wissen.
Bernd
lachte.
„Ach,
Jens. Wenn du nur wüsstest, wie nahe ich unserem Ziel bin!“
Mein
Gesicht musste einen verwirrten Ausdruck haben, denn er sprach weiter:
„Erinnerst
du dich nicht mehr daran? Der ultimative Sound!“
Ich
konnte ein Lachen nicht unterdrücken.
„Du
suchst wirklich noch danach? Ich glaube es nicht! Das waren doch die Träume
von halbwüchsigen Musikern, die dachten, sie könnten die Welt
verändern!“
Bernds
Gesicht verfinsterte sich und er sprach mit ernstem Ton, so dass mein Lachen
erstarb.
„Mach
dich nur lächerlich darüber! Einst waren das auch deine Träume,
erinnerst du dich?“
Ich
schwieg betroffen.
„Während
du in deiner Depression von Jahr zu Jahr tiefer sinkst, habe ich nicht
aufgehört, an den ultimativen Sound zu glauben. Ich habe ihn gesucht.
Dort draußen auf der Straße, wo Obdachlose ihre sinnentleerten
Sätze des Deliriums lallen; in den Krankenhäusern, wo Gebärende
sich die Schmerzen aus dem Unterleib schreien; in Sado/Masoclubs, wo die
Gefolterten vor Lust an der Pein aufstöhnen und sogar im städtischen
Irrenhaus, wo die unheilbaren Fälle wie weiße Gespenster herumlaufen
und sich besabbern. All diese Laute habe ich heimlich mit dem Mikrophon
und einem Diktiergerät aufgenommen. Frage mich nicht, was das an Schmiergeldern
gekostet hat! Fast das gesamte Erbe meiner Eltern ist dabei draufgegangen!“
Bernd
sah selbst aus wie einer der Obdachlosen, die er aufgenommen hatte. Ich
bedauerte ihn, weil ich wusste, dass er selbst wahnsinnig geworden war.
„Wieso
hast du mir nie davon erzählt?“ fragte ich.
„Weil
du mir nie richtig zugehört hast! Ständig habe ich davon gesprochen.
Immer, wenn wir über Musik philosophierten ging es mir nur um dieses
eine Thema: einen Sound finden, der so grässlich und widerwärtig
ist, dass sich dem Zuhörer die Abgründe unserer Existenz auftun!“
„Deshalb
all die Synthesizer und das Mischpult?“
„Genau.
Diese Laute habe ich gesammelt und hunderte Male neu abgemischt, zusammengemixt
und verfremdet, so dass am Ende ein einziger Sound entstand. Warte, du
sollst ihn am eigenen Leib erfahren!“
Bevor
ich etwas erwidern konnte, beugte sich Bernd über das Mischpult, stöpselte
hier einen Stecker aus, dort einen ein und wand sich durch die engen Zwischenräume,
welche ihm Synthesizer und Lautsprecherboxen boten, nur um Regler zu verstellen
und Klangspektren zu verschieben, bis sie ihm geeignet erschienen. Lächelnd
trat er wieder vor das Mischpult und legte den Powerschalter um, drehte
sich mir zu:
„Hör
gut zu – ich werde es das Stück nur einmal spielen, um deine angegriffene
geistige Gesundheit nicht noch mehr zu gefährden!“
Ich
wollte protestieren, doch schon drückte Bernd die Play-Taste und schob
den Lautstärkeregler nach vorn. Die alte Bandmaschine sprang an und
urplötzlich füllte eine Kakophonie den Raum, wie ich sie noch
nie gehört hatte. Sie schien geeignet, um die Wände rissig werden
zu lassen und schließlich zu sprengen, dabei war die Lautstärke
nur halb aufgedreht, wie ich am Mischpult sehen konnte. Es waren aber nicht
die Dezibel, welche mich dazu brachten, dass ich die Hände an die
Ohren hochriss, sie zu verstopfen suchte und kreidebleich aufschrie, Bernd
möge das Band stoppen. Es war das archaische Angstgefühl, das
meinen Körper durchwogte, alle Nervenenden zum Schwingen brachte und
mich dazu aufforderte, den Raum in Panik zu entfliehen. Der Tonakkord,
den ich erlebte, war ein unbeschreibbares Wirrwarr aus Einzeltönen
der widerwärtigsten Sorte. Nicht die Kadenzen waren schief, nicht
die Tonart war in Moll. Es war der Gesamteindruck von Boshaftigkeit, die
keine Grenzen kannte, von Falschheit, die hinter allem Sinn des Lebens
lag, von einem Abgrund, so tief und so alt wie die Menschheit selbst.
Bernd
war mit der Wirkung seiner Musik offensichtlich zufrieden und stellte die
Bandmaschine ab.
„Hab
ich dir zuviel versprochen?“
Ich
keuchte und ließ die Arme sinken.
„Was
war das für ein Höllenton?“ tat ich unschuldig und wusste doch
um die Antwort.
„Das
war mein aus den eben beschriebenen Einzellauten zusammengemischter Ton,
in verschiedene Höhen zu einem C-Dur Akkord versetzt!“
Bernd
grinste breit. Er stemmte die Arme in die Seiten.
„Ziemlich
beeindruckend, nicht wahr? Dabei habe ich dir das Ganze noch nicht einmal
mit Hall unterlegt vorgespielt!“
„Hall?“
„Kein
synthetischer Halleffekt, selbstverständlich. Ich wollte etwas Echtes
haben, etwas Unverfälschtes. Und dabei bin ich auf etwas gestoßen,
das...“ Bernd zögerte und ich sah wieder die Angst in seinen Augen
aufflackern. „Etwas, das Größer ist, als wir alle zusammen“
beendete er seinen Satz.
Ich
verstand nicht, was er meinte und sagte es ihm auch. Bernd ging nahe an
mich heran, so dass ich riechen konnte, dass er sich lange nicht mehr gewaschen
hatte.
„Da
ist ein Nebenraum hier unten, hinter einer kleinen Klappe am Ende dieses
Zimmers. Nicht höher als einen Meter. Da ist ein alter Brunnenschacht.
Habe ich erst vorgestern entdeckt. Bringt einen tollen Hall! Aber irgendwas
ist da falsch...“
Bernd
zog sich zum Mischpult zurück und wirbelte über die Schalter.
„Musst
du dir anhören. Nur den Hall! Hör genau hin!“
Ich
war bereit, mir wieder die Hände an die Ohren zu halten, aber was
nun aus den Lautsprecherboxen tönte, war dazu angeton, in mir eine
bekannte Saite zum Schwingen zu bringen.
„Du
willst mich auf den Arm nehmen! Es gibt keinen puren Hall, den man hören
kann! Irgendetwas muss ihn erzeugen!“
„Eben.
Das ist es, was mich stutzig macht“, erwiderte Bernd ohne sich umzudrehen.
„Ich habe lediglich das Mikrophon in den Brunnenschacht herunter gelassen
und schon hörte ich das Geräusch. Da war nichts anderes!“
Was
ich hörte, kann ich nicht besser beschreiben, als eine knirschende
Schwingung. Es war das Fehlen eines klaren Tones, aber eine hässliche
Kollage aus schabenden Lauten. Mich fröstelte.
„Ich
habe bisher jeden Versuch unternommen, den Effekt zu reinigen, ihn auf
einen Level zu bringen. Und das ist dabei herausgekommen...“
Bernd
drehte wieder an den Reglern. Diesmal veränderte sich das Geräusch,
das aus den Lautsprecherboxen schwappte. Es war zwar immer noch kein Einzelton,
aber das Gemisch klang ein wenig klarer. Ich wollte nicht glauben, was
ich hörte. Es schienen mir langgezogene knirschende Laute zu sein:
„K...O...M...M...K...O...M...M...“
Mich
fröstelte.
„Du
willst mich verarschen, ja?“ versuchte ich Bernd aus der Reserve zu locken,
doch er blieb standhaft.
„Keineswegs.
Ich bin ja so froh, dass du es auch hörst! Ich dachte schon, dass
ich verrückt werde hier unten im Keller“ und er lachte ein wenig zu
grell. Er stoppte das Band und suchte in einem der herumliegenden Instrumentenkoffer
zwischen grellbunten Kabeln. Schließlich fischte er zwei Headsets
und ein Seil heraus.
„Was
hast du vor?“, wollte ich wissen.
„Ist
doch logisch, oder nicht? Ich will in den Brunnen runter und nachsehen,
was das da unten ist, das diese Töne erzeugt! Dazu brauche ich dich.
Du sollst mich an einem Seil herablassen und Zeuge sein, dass ich nicht
spinne. Irgendwas ist dort unten und ich will wissen, was es ist!“
Ich
schüttelte den Kopf.
„Ohne
mich! Du bist krank!“
Bernd
Lächeln erstarb und sein Blick wurde kalt.
„Ok.
Dann gebe ich dem blauen Klaus vor der Kellertür ein paar Groschen,
damit er mich am Seil festhält!“
Ich
überlegte fieberhaft, wie ich Bernd davon abhalten konnte, in den
Brunnen zu steigen. Aber wenn ich in sein wild entschlossenes Gesicht sah,
wusste ich, dass jedes Argument wertlos war. Lieber würde ich derjenige
sein, der ihn am Seil hielt, als dass Bernds Leben von einem alkoholumnebelten
Obdachlosen mit zittrigen Fingern abhing. Zögernd nickte ich.
Bernd
Grinsen stellte sich wieder ein.
„Ich
wusste, dass du einen alten Freund nicht im Stich lassen würdest.
Komm!“
Er
ging voraus und verschwand hinter den Synthesizern am Ende des Raumes,
wo von uns damals provisorisch Eierschalen an die Wand geklebt worden waren,
um den Schall zu dämmen. Bernd hatte eine Ecke davon freigemacht und
kniete vor einer niedrigen Tür. Als er sich zu mir umdrehte, sah ich,
dass er zwei Taschenlampen in den Händen hielt. Er streckte mir eine
entgegen.
„Diese
hier liegt immer griffbereit vor der Tür. Nimm sie – du wirst sie
brauchen!“
Ich
nahm die Lampe, die Bernd mir reichte, und erschauderte.
„Bernd,
bitte! Tu es nicht!“ beschwor ich ihn.
„Draußen
wartet der Blaue Klaus. Du kannst ruhig gehen, wenn du das hier nicht gemeinsam
mit mir durchziehen willst!“ war die Antwort. Er drehte sich nicht einmal
um.
Ich
seufzte und beobachtete meinen Bandkollegen, wie er die vielen Bolzenschlösser
an der Tür öffnete. Das Knirschen der Metallbolzen, die durch
die Bänder gezogen wurden, fuhr mir bis ins Mark.
Als
Bernd die Tür öffnete, schwappte eine Woge kühler Luft aus
dem niedrigen Raum dahinter. Es roch nach Schimmelpilz und abgestandenem
Wasser. Bernd kroch in die Nische und verschwand im Dunkeln. Ich ging in
die Hocke, blickte hinein und sah, wie der Lichtklecks seiner Taschenlampe
über feuchte Wände hinweghuschte. Auf allen vieren rutschte ich
voran in die Finsternis, nicht ohne meine Lampe anzuknipsen. Ich fühlte
Staub, der in dicken Flocken auf dem Boden lag.
Der
Raum war eng. Viel zu eng für meinen Geschmack. Ich kämpfte gegen
eine aufkommende Platzangst an. Um uns herum glitzerten die feuchten Wände
im Licht der Taschenlampen. Schimmel und Salpeter überzogen die Mauerritzen.
„Vorsichtig!
Der Brunnen hat keinen Rand.“
Bernd
Stimme klang merkwürdig dumpf in dem niedrigen Unterschlupf. Ich sah
seinen schmalen Rücken vor mir. Seine Muskeln arbeiteten unter dem
T-shirt, was mir anzeigte, dass Bernd mit dem Befestigen des Seils zugange
war.
Ich
kroch an seine Seite und wäre um ein Haar abgerutscht, als meine Finger
über den Rand eines Loches am Boden hinwegtasteten.
„Hab
ich es dir nicht gesagt? Pass auf, ansonsten landest du dort unten statt
ich!“
Mit
zitternder Hand hob ich meine Lampe und leuchtete den Schacht hinab. Der
Lichtstrahl geisterte über die mit groben Steinen gemauerte Rundung
und hinunter in die Tiefe, wo er glitzernd von nassen Wänden reflektiert
wurde und sich schließlich in der Dunkelheit verlor.
„Mein
Gott – ist das tief!“ stöhnte ich.
Bernd
lachte leise.
„Nicht
so abgrundtief wie die Seelen der Menschen!“
„Hör
auf mit deiner Pseudophilosophie! Gib mir das Headset!“
Ich
war verärgert. Nicht nur über Bernds Gehässigkeit, sondern
auch darüber, dass ich mich zu solch einem Wahnsinn hinreißen
ließ. Mein Bandkollege reichte mir etwas Dünnes, Drahtiges,
was ich als das Headset erkannte.
„Schade,
dass mein Geld nicht mehr für eine Videokamera gereicht hat“, sagte
er. „Aber du bist ja ein verlässlicher Zeuge. Außerdem nimmt
das Bandgerät unsere Gespräche auf, sobald ich es per Funksignal
auslöse. Streif dir einfach das Headset um, richte das Mikroskop auf
deine Lippen aus und sichere mich am Seil. Den Rest übernehme ich.“
Ich
klemmte mir die Kopfhörer hinter die Ohren und schob das Mikrophon
an den Mund. Bernd drückte mir das Seilende in die Hand.
„Bitte,
Bernd“ flehte ich. „Lass es gut sein. Du hast es geschafft – ich glaube
dir. Das Hinuntersteigen ist nicht nötig!“
„Doch,
doch.“ Bernd schüttelte seinen Wuschelkopf. „Das ist es! Es geht hier
nicht um dich, mein Freund. Ich will wissen, was da unten im Brunnenschacht
haust. Vielleicht ist es nur ein bislang unbekanntes akustisches Phänomen?
Wer weiß? So – und nun halt mich fest!“
Bernd
drückte auf einen Schalter an seinem Headset. Sein Schatten vor mir
glitt rückwärts über den Brunnenrand. Noch griffen seine
Hände an das Steinrund, doch dann ließ er los. Gleichzeitig
fühlte ich sein Gewicht am Seil schwerer werden.
„Gib
langsam Seil. Meter für Meter. Ich will ja nicht hinabrauschen, ok?“
„Ok.“
„Mach’s
gut!“
Ich
sah Bernds Grinsen im unsteten Licht seiner Lampe, die er am Hosengürtel
festgehakt hatte, dann verschwand sein Kopf im Brunnenschacht und ich war
allein. Allein in der Nische, allein mit einer aufkeimenden Angst, einem
stärker werdenden Gefühl der Bedrohung.
Langsam
gab ich Seil. Das Headset knackte und ich zuckte zusammen.
„Alles
klar bei dir da oben?“ fragte Bernds Stimme. Sie klang durch ein leichtes
Rauschen etwas verfremdet, aber dennoch klar genug, so dass ich mit einem
„Alles ok!“ antworten konnte.
Bernd
schwieg wieder für lange Zeit und ich hockte minutenlang in der Finsternis,
welche nur durch das vom Staub eingefangene Licht meiner Taschenlampe neben
mir unterbrochen wurde. Meine Furcht stieg ins Unermessliche und nur mein
Pflichtbewusstsein gegenüber Bernd hielt mich zurück, das Seil
loszulassen und panikartig aus der Nische herauszukriechen. Schließlich
hielt ich das Schweigen nicht mehr aus.
„Bernd!“,
rief ich mit mühsam unterdrückter Angst ins Mikrophon, das vor
meinem Mund zitterte und dabei die Lippen berührte.
„Was
ist?“
„Erzähl
mir, was du siehst!“
Ein
Seufzen drang aus dem Headsetkopfhörer, gefolgt von Bernds Stimme.
„Also
gut, in Ordnung! Ich gleite an feuchten Mauern vorbei, die allesamt von
Moosen und Algen bewachsen sind. Zwischen den Ritzen der Steine sickert
Grundwasser hindurch und rinnt herab.“
„Gibt
es Anzeichen von Leben?“ fragte ich und kam mir sofort unglaublich blöde
vor. Ich spielte wohl unbewusst Captain Kirk.
Bernd
lachte so laut, dass ich mir fast das Headset vom Kopf gerissen hätte.
„Du
Witzbold. Klar gibt es hier Lebewesen: Kellerasseln und Wasserspinnen sehe
ich, die sich vor dem Taschenlampenlicht verkriechen, sonst nichts!“
„Sorry“
stammelte ich.
„Kein
Problem. Es ist faszinierend hier unten. Jeder Meter, den ich hinabrutsche,
birgt eine neue Überraschung für mich. Eben habe ich phosphoreszierende
Flechten gesehen. Kannst du dir so etwas vorstellen? Unter unserer Stadt
gibt es so was? Unglaublich!“
Ich
brummelte nur Unverständliches in das Mikro und gab weiter Seil. Bernd
sprach weiter:
„Es
wird kälter. Daran habe ich nicht gedacht, verdammt. Ich hätte
mir einen Pullover überziehen sollen!“
Wir
schwiegen. Als das Seil fast am Ende war, hörte ich Bernd erneut aus
dem Kopfhörer sprechen. Seine Stimme klang aufgeregt.
„Hörst
du mich? Hallo?“
„Klar
und deutlich“ antwortete ich.
„Gottseidank.
Ich habe schon befürchtet, dass die Verbindung abgerissen ist.“
Ein
kurzer Moment des Schweigens.
„Jetzt
ist nur noch Fels und Erde um mich, keine gemauerten Wände mehr. Kalt.
Hier unten ist etwas. Wenn ich nach unten blicke, kann ich einen Schimmer
in der Tiefe glimmen sehen.“
„Phosphoreszierende
Flechten?“
„Nein“
meinte Bernd ganz entschieden. „Das ist was anderes. Es ist ein perlmuttfarbenes
Glänzen, das in ständiger Bewegung ist. Es pulsiert.“
„Das
gefällt mir nicht. Ich lass dich nicht weiter runter!“ rief ich nervös,
doch Bernd schien meine Worte nicht gehört zu haben, denn er redete
weiter, ohne darauf einzugehen.
„Um
mich herum ist die Erde von Hunderten, ach was sage ich, von Abertausenden
von kleinen Löchern durchbohrt. Ich sehe, dass sich darin etwas von
allen Seiten her auf mich zubewegt.“
Bernds
Stimme überschlug sich fast.
„Ich
kann sie jetzt sehen! Sie sind klein, ungefähr so lang wie mein Zeigefinger
und sie glühen perlmuttfarben!“
„Was
genau siehst du?“ wollte ich wissen. Bernd schien mich nicht hören
zu können oder er war dermaßen fasziniert von dem Anblick, der
sich ihm bot, dass er mich schlichtweg ignorierte.
„Sie
winden sich aus den Löchern heraus, überall sind sie jetzt um
mich. Aber sie sehen mich nicht, sie haben keine Augen. Ihre wulstigen
Körper sind in Ringe unterteilt. Oh mein Gott! Ich hoffe, dass die
Bandmaschine das alles aufnimmt, was ich sage. Das ist unglaublich...“
„WAS?“
brüllte ich. Immer noch ignorierte mich Bernd.
„Sie
gleiten an der Brunnenwand herab, ziehen schleimige Bahnen wie Schnecken.
Aber es sind sicher keine Schnecken, dafür sind sie zu...“
Das
Headset gab eine Folge von Knacklauten von sich, welche Bernds Stimme überlagerten.
„Bernd,
ich habe hier eine Störung! Ich kann dich nicht hören!“
Plötzlich
war Bernds Stimme wieder da.
„...auf
dem Boden wimmelt es nur so von ihnen. Unzählige kleine ...“
Knacksen,
Fiepen. Die Störgeräusche kamen jetzt in unregelmäßiger
Folge.
„...unzählige...es
muss eine Anzahl von mehreren .... sein!“
„Bernd,
das gefällt mir nicht, ich ziehe dich rauf!“
„...sie
zeigen mir ihre Macht...ich glaube zu träumen...aber bin wach dabei...sie
machen etwas mit meinen Gedanken, irgendwie...in meinen Kopf eindringen...ich
sehe, dass sie unsere Stadt seit vielen Jahrhunderten unterwandern...sie
schleichen sich in Wohnungen, pflanzen das Gift der Hässlichkeit in
die Seelen und entziehen jegliche Schönheit...bis nur noch faltige
Hüllen da sind...sie aber sind schön...nicht so, wie das, was
wir schön....aber dennoch...wundervoller Anblick...wie sie sich winden...wie
ein Balett aus unzähligen kleinen Körpern...nur ein Geist, der
jenseits der menschlichen Begriffe denkt, kann dies empfinden...so wie
ich...“
Ich
zog am Seil, doch wollte es sich keinen Zentimeter bewegen. So stark ich
auch zog – meine Anstrengungen waren vergebens. Mir war so, als zöge
etwas am anderen Ende in die Gegenrichtung und vereitele so meine Bemühungen,
Bernd nach oben zu ziehen. Seine Stimme brabbelte immerfort Lobpreisungen
auf die Schönheit dessen, was sich dort unten im Schacht befand. Ich
horchte nur mit einem Ohr, da ich vollauf damit beschäftigt war, das
Seil zu halten, als sich die Kraft verstärkte, die es nach unten zog.
Doch schlagartig änderte sich Bernd Stimme. Sie bebte vor Furcht,
die sich rasch zu polychromatischer Panik steigerte:
„Was
ist das? Da ist noch etwas unter dem Körpergewimmel. Es ist...oh mein
Gott...furchtbar sieht es aus...das riesige Maul mit den Hunderten von
kleinen Katzenzähnen...Hol mich raus! JETZT!“
„Bernd,
bleib ruhig. Ich versuche es ja! Kann nicht! Irgendwas zieht von unten!“
Das
Krächzen aus dem Headset wurde lauter, verwandelte sich in ein Knirschen,
das ich nur mit dem Geräusch von zermahlenden Knochen vergleichen
kann. Dazwischen immer wieder Bernd:
„Es
fließt höher...direkt auf mich zu...sein Auge...nur eines...Blick
schmerzt...hat meine Füße erreicht....“
Der
Rest ging in einem grauenhaften Schrei unter, der mir in den Ohren gellte.
„Bernd!
Klettere am Seil hoch! Ich schaffe es nicht!“
Noch
während ich diese Worte ausstieß, riss etwas am Seil mit einer
derartigen Kraft, dass mir die gebündelten Fasern blitzschnell durch
die Hände sausten und dabei ins Fleisch schnitten. Ich schrie vor
Schmerz. Aus einem Reflex heraus ließ ich das Seil los und es raste
hinfort in die Finsternis des Brunnenschachtes. Ich fiel auf die Hände
und beugte mich soweit ich nur konnte in das Loch.
„BERND!“
Mein
Ruf verhallte in der Dunkelheit. Doch was dann als Echo zurückkam,
werde ich nie wieder vergessen. Es wird mich den Rest meines Lebens begleiten,
wird mich aus dem albtraumgefülltem Schlaf aufschrecken lassen, so
dass ich mein wild pochendes Herz spüren werde, wie ich es damals
tat, als ich mit blutenden Händen am Rande des Brunnens kniete und
hinab in die allumfassende Finsternis blickte, wo kein Taschenlampenlicht
hinabreichte.
Das
Headset knackte und ich hörte etwas, das sich wie Bernds Stimme anhörte.
Doch gleichzeitig wusste ich, dass Bernd tot war, denn die Stimme klang
wie aus einem frischen Grab, in dem die Würmer aus dem Mund einer
Leiche kriechen. Und das ist, was sie sagte:
„Du
Narr! Dein Ruf ist sinnlos. Er gehört nun zu uns! K..O...M...M!“
Noch
heute sitze ich spät in der Nacht vor der Bandmaschine im Probenraum
und höre mir die Aufzeichnung dieses unheilvollen Ereignisses an.
Und ich weiß, dass ich mich – wie Bernd damals - der Aufforderung
des Wesens im Brunnen nicht mehr lange widersetzen kann....
©Markus
K. Korb
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