Der
maximale Einsatz
(die
sieben todsünden: hochmut)
Shine
der
himmel war samtblau wie der mantel eines orientalischen zauberers, sternenbestickt,
trügerisch wie eine jahrmarktsbudenillusion, aus glitzerndem samt
und silbern gesticktem sternenflor, so trügerisch, so falsch wie der
gewinn eines preises in einer schiessbude, dessen talmiglanz bei tag ausbleicht
wie eine verblassende erinnerung.
von
ferne her klang der langgezogene signalton eines durchfahrenden zuges,
unendlich einsam, er durchdrang die nacht und vergellte wie der schrei
eines verwundeten tieres.
der
weisshaarige mann mit dem jungen gesicht sass vor woo yong wahs laden auf
dem gehsteig, lehnte den rücken an die hauswand und betrachtete die
dinge, die vor ihm auf dem staubigen boden lagen. sechs würfel aus
bein, ein messer, ein hammer und einige dicke rostige schusternägel.
daneben eine flasche schnaps von der billigen sorte. 2 gläser.
zufrieden
drehte er sich eine zigarette und wartete, während er rauchte. er
würde bald kommen. der, auf den er wartete, sass gerade im casino
des grand hotel beim roulette und liess sich volllaufen. aber er würde
nüchtern genug sein, um mit ihm zu würfeln - er wusste, dass
es so sein würde. der mann war ein spieler. er spielte immer, egal
ob im casino, in hinterzimmern oder mit einem fremden auf der strasse vor
dem laden eines chinesen. er, der spieler, war mondain und hatte die geschliffenen
umgangsformen eines mannes von welt. bis er bekommen hatte, was er wollte.
danach kam sein wirkliches gesicht zum vorschein, gelangweilt, überdrüssig,
ein tier kurz vorm verrecken. er spielte neuerdings um wirklich hohen einsatz,
hörte man. und trotzdem war es ihm zu wenig. er wartete ebenso wie
der mann, der auf der strasse sass, auf das eine spiel, das spiel der meister.
der
mann auf dem gehsteig betrachtete noch einmal die utensilien, die vor ihm
lagen. nicht gerade nobel. aber darum ging es diesmal nicht. einige würfel
im staub, mehr war nicht nötig, um zu spielen. er schraubte die schnapsflasche
auf und füllte beide gläser eben voll bis zum rand. es konnte
nicht mehr lang dauern. das casino im grand hotel musste in den nächsten
minuten schliessen und sie würden herauskommen, die meisten wie müde,
getretene hunde, doch er, der spieler, wie immer als gelangweilter gewinner,
von allen beneidet, doch im grunde müder als die verlierer. müde
bis an seine seele.
er
würde am nachhauseweg genau an woo yong wahs laden vorbeikommen, vor
dem er sass und ihn erwartete, mit 2 gläsern schnaps und einem würfelspiel
aus bein.
es
konnte so einfach sein. er lachte lautlos in sich hinein und fuhr vorsichtig
mit den fingern über den hammer, der vor ihm lag. das spiel des jahrhunderts,
und alles stimmte, sogar die farbe des himmels, die ihn immer zu aussergewöhnlichen
taten inspirierte. ein himmel wie gemacht für liebespaare oder zwei
spieler, die einander nicht aus den augen lassen, fast schon wie ein liebespaar.
er kicherte und drehte sich noch eine zigarette.
endlich
war es so weit. das klappern von türen, dann stimmen auf dem parkplatz
vor dem grand hotel, verstärkt durch die leere strasse wie durch den
trichter eines grammophons. schritte, die sich in alle richtungen entfernten,
einige grussworte und flüche, dann stille. er lauschte angestrengt,
unterschied die stimmen, das geräusch ihrer schritte. der spieler
musste hier vorbeikommen - es sei denn, er führte sich noch ein flittchen
zu gemüte. er lachte kurz auf. aber er glaubte nicht daran. jemand,
der vom schlachtfeld kommt wie ein einsamer wolf würde anders handeln.
er würde einsam trinken und dem mond seinen tribut verrichten, ein
einsamer jäger, der ohne die klettenhafte umklammerung eines billigen
weibsstücks auskam. stolz wie ein kaiser und müde wie ein bettler.
er
runzelte die stirn und lauschte angestrengt in die nacht.
schwere
schritte, die sich ihm näherten und gleich darauf um die ecke bogen.
er setzte sich aufrecht hin und sah dem spieler entgegen.
er,
der spieler, sah einen weisshaarigen mann mit unbewegtem gesicht, der ihn
starr anblickte und ihm zur begrüssung leicht zulächelte. einen
mann, der vor dem laden eines chinesen auf dem boden sass und selbst beinahe
asiatisch wirkte, so unbewegt freundlich war seine miene. er war betrunken,
doch wie durch einen schleier konnte er die dinge sehen, die vor dem mann
auf dem boden lagen. er verstand ihre bedeutung nicht und schüttelte
seinen kopf wie einer, der gerade eine vision vertreiben wollte. der mann
nickte ihm zu und deutete auf etwas, das auf dem boden lag und wie ein
würfelspiel aussah. der spieler begann betrunken zu lachen. aber trotz
seiner momentanen verfassung, die sein bewusstsein trübte, fühlte
er, dass irgendetwas nicht stimmen konnte. auf seinem rücken wuchs
eine gänsehaut, als er den mann am boden ansah.
der
mann sah dem spieler emotionslos entgegen und fühlte seine schwäche
wie das zittern eines opfertiers. bald würde schmerz dazukommen, immenser
schmerz. er neigte den kopf vor ihm zur begrüssung und bedeutete ihm
mit einer handbewegung, ihm gegenüber auf dem gehsteig platz zu nehmen.
"sie
sind einem kleinen spielchen sicher nicht abgeneigt? ein spiel mit würfeln
- vielleicht zu primitiv für sie? aber vielleicht interessiert sie
ja der einsatz."
der
spieler kam näher heran und betrachtete das würfelspiel und den
mann, der ihm mit desinteressierter freundlichkeit entgegensah.
"geld?
sie können nicht mithalten", meinte er und wollte weitergehen, doch
der blick des mannes bannte ihn wie ein hypnotisiertes kaninchen auf dem
fleck. er sah etwas in den augen, das er instinktiv fürchtete, doch
es war ein eigenartig angenehmes gefühl. gefahr. er fühlte zum
ersten mal seit jahren, dass er angst hatte. so grosse angst, dass er am
liebsten um hilfe gebrüllt hätte, und doch tat er es nicht. es
war pervers - er hatte spass daran, an dieser situation, mitten in der
nacht vor dem laden eines alten chinesen.
"wie
hoch ist der einsatz?", fragte er und er wusste es nicht, aber er hing
schon rettungslos an der angel seines gegenübers.
der
lächelte und meinte leichthin, als würde er etwas völlig
belangloses sagen: "wer verliert, wird bluten. erst wenig, dann mit fortschreitendem
spiel immer mehr. wir spielen so lange, bis der gegner entweder um gnade
bettelt oder tot ist. was für ihn ohnehin das beste wäre. was
meinen sie? ein spiel nach dem geschmack eines mannes von ihrem format?"
jetzt
troff seine stimme vor hohn.
"wer
sind sie?" die stimme des spielers zitterte, wie ein gereiztes tier stand
er vor dem mann, der ruhig am boden sass und sich eine neue zigarette drehte.
"sind
sie völlig pervers?"
"das
könnte man so sagen, ja. und die beste perversion, die ich mir ab
und zu gönne, ist ein spiel mit maximalem einsatz. sie sehen ja, dass
ich noch lebe. auch ich bin ein spieler. vielleicht können sie mich
ja besiegen, es wäre mir ein unerwartetes vergnügen, denn auch
ich langweile mich, genauso wie sie. sie haben eine faire chance."
"eine
faire chance, ja." murmelte der spieler und liess sich schwerfällig
auf dem gehsteig nieder. "und wenn ich gewinne, werde ich sie - wie sie
sagen - bluten lassen."
"sollten
sie gewinnen, dürfen sie mich so lange quälen, bis ich um gnade
bettle. dann müssen sie aufhören. aber ich werde es nicht tun.
sie etwa?"
der
spieler setzte sein bestes pokerface auf und meinte grosspurig:
"ich
winsle nicht um gnade. nie."
"sie
haben noch nie den maximalen einsatz probiert. sie würden winseln
wie ein hund."
"es
geht also um leben und tod."
"wenn
der verlierer es so will, ja."
"wir
sollten woanders spielen. man wird uns bemerken und.."
"hier
kommt garantiert keiner auf die strasse, das kann ich ihnen versichern.
schon gar nicht woo yong wah und seine familie. wissen sie, hier lebt ein
seltsamer menschenschlag. alles menschen, die sie nicht kennen oder kennen
wollen. was in der nacht draussen passiert, das soll passieren. man mischt
sich prinzipiell nicht ein. sie können sich also nicht darauf verlassen,
dass ihnen jemand zu hilfe kommt."
"lassen
sie uns spielen."
er
hatte ihn soweit. natürlich.
"wir
unterschreiben unseren pakt nicht mit blut - blut wird ohnehin reichlich
fliessen - sondern wir trinken darauf." er reichte dem spieler ein glas
schnaps.
"primitiv
wie alles, ich weiss. aber es geht nur um den einsatz und der ist weiss
gott nicht primitiv". jetzt kicherte er und prostete seinem gegner zu.
"auf
den schmerz. wohl bekomm's".
er
kippte sein glas auf ex und grimassierte, dann kicherte er wieder.
"sie
sind der teufel, oder?" was redete er da? so gar nicht er, aber es fühlte
sich grandios an, dieses gefühl der vorfreude, auf....
am
nächsten morgen war woo yong wah zeitig aufgestanden und schrubbte
mit unbewegtem gesicht das blut vom gehsteig und von den wänden, das
hochmütige blut des verlierers.
"ein
gutes spiel, das spiel des meisters", murmelte er, "und so lange hat es
gedauert.
viel
zu stolz, um aufzuhören."
"messer
hammer nägel", summte er monoton wie ein mantra und betrachtete die
blutverschmierten fenster und wände seines ladens.
ein
plötzliches lächeln hob seine mundwinkel.
er
konnte trotz gellender schreie recht gut schlafen.
in
einer anderen stadt, nicht weit von hier: ein mann sitzt auf dem gehsteig
und dreht sich gerade eine zigarette. vor ihm auf dem boden verstreut liegt
eine vielzahl sonderbarer dinge. der himmel ist orientalisch blau wie der
samtene umhang eines jahrmarktsbudenzauberers.
in
weiter ferne zerreisst der signalton eines vorüberfahrenden zuges
die nächtliche stille.
er
klingt wie der schrei eines gequälten tieres.
©Shine2007
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