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Strafversetzt

Es ist heiß auf Minerva, selbst unten in den Katakomben. Ein paar Grade kühler als an der sonnenflirrenden Oberfläche, dafür die Luft abgestanden und stickig. Wenigstens scheint die Arbeit nicht mehr sinnlos, vielleicht stoßen sie tatsächlich auf Spuren von vergangenen Leben. Wenn nur der Schweiß und die Dumpfheit nicht wären. Und alles wegen eines kleinen Scherzes. Aber er hätte es wissen müssen.
 „Selber schuld“, murmelt Harry und denkt grinsend an das erste Zusammentreffen zwischen der Menschheit und den Quodras zurück.
„Aber das wiegt allen Schweiß der Welt auf...“

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Der erste apokalyptische Traum: Hunger

Boris Koch


Hunger zog seine Eingeweide zusammen. Seinen Geschwistern, seinen Eltern erging es nicht besser. Aber was vermochte er daran zu ändern? Er konnte nur beten. Herr, erhöre mich. Ich bitte dich, verschone unsere Felder von Unwetter, Plagen und umherziehenden Banden. Amen. Er schob den morschen Pflug weiter, riß die graue Erde auf, um Getreide zu säen. Sie hatten die Hälfte der letzten Ernte verbrannt, die Kuh erschlagen und die Hähne gebraten, beide gefressen. Der Ritter hatte geholt, was ihm zustand, die Kirche ihren Zehnten. Ohne Mitleid, doch mit salbungsvollen Worten. Der Herr straft die Sünder und prüft die Gläubigen. Seid standhaft und dankbar, daß ihr lebt.

Ja, sie lebten noch. Sechs von fünfzehn Geschwistern. Und die kleine Maria stand mit einem Fuß schon vor dem Richter. Er betete für ihre Seele. Ihr abgemagerter Körper war zu matt, um auf den Feldern zu helfen. Seit Tagen schon. Der Bauch aufgebläht, als sei sie schwanger. Ein Kind von sieben Jahren? Das könnte nur der Herr der Fliegen getan haben.

Er fiel auf die Knie. Seit der Hunger ihn von innen auffraß plagten ihn irre Gedanken. Seine Schwester hatte sich sicher niemals mit Satan eingelassen, doch hieß es nicht, daß alles Fleisch sündig sei? Die Familie mußte zusammenhalten, mehr würde das Leben ihnen nicht bieten, und doch verfolgte ihn die Vorstellung seiner sündigenden Schwester bis in den Schlaf. Er sah sie kopulieren, das magere Mädchen und den wilden Mann. Ihr Bauch schwoll an, sonst nahm sie ab, als sauge der Teufel sie aus, oder seine Brut in ihrem Leib. Sie verlor alles Fleisch, es blieb nur ein Skelett mit eng anliegender Haut, das kleine Mädchen als Tod. Nur der Bauch war groß und rund, gigantisch, so daß sie ihn mit ihren Ärmchen nicht mehr umfassen konnte. Traurigkeit in den Augen, Schmerz. Und dann platzt das Geschwür unter ihrem Brustkasten. Heraus springen Ratten, Fliegen, Heuschrecken, kleine geflügelte Mönche, Teufel, Ameisen, Drachen, Kaufleute, Ritter, Kobolde, Engel, eine gewaltige Wolke wabernden Lebens. Sie überflutet das Land, vernichtet Wälder und Felder, alles Getreide. An den Ähren hängen keine Körner, sondern blinde, schreiende Säuglinge. Sie erfüllen die Luft mit einem ständigen Kreischen, bis die Kakophonie der wirren Masse sie geschluckt hat.
Er betete. Ora et labora. Auch als Bauer. Erneut klemmte er sich hinter den Pflug. Er mußte. Arbeiten, kämpfen, hoffen, bis der Schnitter käme.

Als ein fremder Mann über das Feld auf ihn zukam, erschlug er ihn mit einem Stein. Das würde sie eine Woche sättigen. Doch zum Abendmahl fehlte einer seiner Brüder. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie er ausgesehen hatte, aus den Gedanken getilgt, unbekannt wie ein Fremder. Gnädiges Vergessen.
 
 

Aus der Erzählung Das Kästchen, entnommen der Sammlung Boris Koch: Der Tote im Maisfeld, Medusenblut 2001.
 
 

©Boris Koch