Der
erste apokalyptische Traum: Hunger
Boris
Koch
Hunger
zog seine Eingeweide zusammen. Seinen Geschwistern, seinen Eltern erging
es nicht besser. Aber was vermochte er daran zu ändern? Er konnte
nur beten. Herr, erhöre mich. Ich bitte dich, verschone unsere Felder
von Unwetter, Plagen und umherziehenden Banden. Amen. Er schob den morschen
Pflug weiter, riß die graue Erde auf, um Getreide zu säen. Sie
hatten die Hälfte der letzten Ernte verbrannt, die Kuh erschlagen
und die Hähne gebraten, beide gefressen. Der Ritter hatte geholt,
was ihm zustand, die Kirche ihren Zehnten. Ohne Mitleid, doch mit salbungsvollen
Worten. Der Herr straft die Sünder und prüft die Gläubigen.
Seid standhaft und dankbar, daß ihr lebt.
Ja,
sie lebten noch. Sechs von fünfzehn Geschwistern. Und die kleine Maria
stand mit einem Fuß schon vor dem Richter. Er betete für ihre
Seele. Ihr abgemagerter Körper war zu matt, um auf den Feldern zu
helfen. Seit Tagen schon. Der Bauch aufgebläht, als sei sie schwanger.
Ein Kind von sieben Jahren? Das könnte nur der Herr der Fliegen getan
haben.
Er
fiel auf die Knie. Seit der Hunger ihn von innen auffraß plagten
ihn irre Gedanken. Seine Schwester hatte sich sicher niemals mit Satan
eingelassen, doch hieß es nicht, daß alles Fleisch sündig
sei? Die Familie mußte zusammenhalten, mehr würde das Leben
ihnen nicht bieten, und doch verfolgte ihn die Vorstellung seiner sündigenden
Schwester bis in den Schlaf. Er sah sie kopulieren, das magere Mädchen
und den wilden Mann. Ihr Bauch schwoll an, sonst nahm sie ab, als sauge
der Teufel sie aus, oder seine Brut in ihrem Leib. Sie verlor alles Fleisch,
es blieb nur ein Skelett mit eng anliegender Haut, das kleine Mädchen
als Tod. Nur der Bauch war groß und rund, gigantisch, so daß
sie ihn mit ihren Ärmchen nicht mehr umfassen konnte. Traurigkeit
in den Augen, Schmerz. Und dann platzt das Geschwür unter ihrem Brustkasten.
Heraus springen Ratten, Fliegen, Heuschrecken, kleine geflügelte Mönche,
Teufel, Ameisen, Drachen, Kaufleute, Ritter, Kobolde, Engel, eine gewaltige
Wolke wabernden Lebens. Sie überflutet das Land, vernichtet Wälder
und Felder, alles Getreide. An den Ähren hängen keine Körner,
sondern blinde, schreiende Säuglinge. Sie erfüllen die Luft mit
einem ständigen Kreischen, bis die Kakophonie der wirren Masse sie
geschluckt hat.
Er
betete. Ora et labora. Auch als Bauer. Erneut klemmte er sich hinter den
Pflug. Er mußte. Arbeiten, kämpfen, hoffen, bis der Schnitter
käme.
Als
ein fremder Mann über das Feld auf ihn zukam, erschlug er ihn mit
einem Stein. Das würde sie eine Woche sättigen. Doch zum Abendmahl
fehlte einer seiner Brüder. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie
er ausgesehen hatte, aus den Gedanken getilgt, unbekannt wie ein Fremder.
Gnädiges Vergessen.
Aus
der Erzählung Das Kästchen, entnommen der Sammlung Boris Koch:
Der Tote im Maisfeld, Medusenblut 2001.
©Boris
Koch |