Der
das Geld unter den Zungen der Toten stiehlt
Markus
K. Korb
Das
Plündern alter Grabstätten ist zwar ein lukratives, aber auch
ein gefährliches Hobby. Schon so mancher Grabräuber wurde von
herabfallenden Gedenksteinen erschlagen. Andere hingegen halten sich für
schlau und stemmen Holzstangen gegen die Gruftplatten. Aber deren Gewicht
sind die Hölzer nur kurze Zeit imstande zu widerstehen, bis die Stangen
mit einem Knirschen splittern und den Plünderer lebendig in der Gruft
einschließen. Alles Rufen hat bei den weitab gelegenen Friedhöfen
keinen Sinn. Der Grabräuber schreit so lange vergeblich um Hilfe,
bis er dem Wahnsinn in die Hände fällt und das Tauwasser, welches
durch die Erde sickert, von den Steinsärgen leckt. Den Hunger versucht
er vergeblich zu stillen, indem er an den Gebeinen der Toten nagt. Am Ende
stirbt er einsam und vergessen.
Doch
solch ein Schicksal wollte ich nicht erleiden, deshalb plante ich meine
Raubzüge besonders umsichtig.
Der
alte Friedhof in Wales, hoch auf den Klippen gelegen, interessierte mich
schon seit langem. Hier, wo tief unten das Meer sich tosend an den Steinfelsen
brach, lagen die Überreste vieler Generationen. Doch das war nicht
alles, sonst stünde ich jetzt nicht hier zwischen den krummen Eisenkreuzen,
die vom schorfigen, windbewegten Riedgras umspielt werden.
Ein
alter walisischer Fischer, den ich in einer Dorfkneipe aufgetrieben und
den ich durch einige spendierte Krüge voller Bier gesprächig
gemacht hatte, erzählte mir gestern Abend von dem Mann, den die hiesigen
Dörfler stets nur „den Kelten“ nannten.
„Vor
langer Zeit“, so nuschelte der Alte in seinen grauen Bart, der mich an
ein verwachsenes Gespinst aus Algen erinnerte, „lebten hier die Kelten
in ihren hölzernen Stadtfestungen. Sie zogen plündernd über
das Land. Einer der Männer hat sich dabei besonders hervorgetan. Es
wird erzählt, dass seine Brutalität sogar über das normale
Maß jener Zeit weit hinaus ging. Aber eines Tages kam er schwer verwundet
aus der Schlacht zurück. Er wusste, dass er sterben würde und
ließ nach den Druiden schicken, welche ihm mittels geheimer Zauberformeln
und Kräutersalben den Zugang zum Totenreich sichern sollten. Doch
die keltischen Druiden verweigerten sich ihm. Allzu gewalttätig sei
sein Leben gewesen, als dass er auch noch im Jenseits seine blutigen Taten
weiterführen dürfe. Voller Hass in den dunklen Augen richtete
sich der Kelte auf und jagte die Druiden hinaus, ehe er erschöpft
zusammenbrach. Seine Diener halfen ihm ins Bett, wo er noch seinen letzten
Wunsch auskeuchte, ehe er starb. Die Dienerschaft entsprach seinem letzten
Willen und ließ all die zusammengeraubten Schätze in einem prächtigen
Hügelgrab unterbringen, wohin sie auch den Toten nach der Einbalsamierung
legten.“
„Aber
warum verbrannten sie ihn nicht, wie es bei diesem Volk die Sitte für
Verbrecher war?“, unterbrach ich den alten Fischer.
Der
Alte schüttelte den Kopf.
„Ich
weiß es nicht. Vielleicht galt er nicht als Verbrecher in ihren Augen.
Oder aber diese Bestattung war der letzte Wunsch des Kelten, und nach ihrer
Religion waren die Diener gehalten, dem nachzukommen. Auf jeden Fall liegen
die gewaltigen Schätze noch heute dort.“
Ich
wollte es genauer wissen.
„Um
was für eine Art von Schatz handelt es sich dabei?“
Der
Fischer grinste hinter seinem Bart und zog die Kappe tief ins Gesicht.
Er beugte sich vor und flüsterte mir verschwörerisch zu.
„Das
weiß niemand. Ich aber vermute, dass es sich dabei um Schmuckketten
aus Gold und Silber, Edelsteine in großen Mengen und diamantbesetzte
Ringe handelt.“
Ich
lächelte gequält. Dies waren die Vorstellungen eines einfachen
Fischers, der nicht wusste, dass die Kelten keine Diamanten kannten. Dieses
Volk schätzte das Eisen als eines der höchsten Güter. Doch
Gold kannten und liebten auch sie, daher erschien mir ein Besuch dieses
Grabes dennoch als lohnenswertes Unterfangen.
„Wo
befindet sich das Grab?“, fragte ich und legte eine 100 Pfund Note auf
den Tisch.
Das
Grinsen des alten Fischers wurde breiter.
„Oh,
ich bin schon so alt, dass mein Gedächtnis nicht mehr so gut ist wie
früher. Ich kann mich kaum erinnern...“
Ich
knirschte mit den Zähnen und legte eine zweite 100 Pfund Note dazu.
„Und
nun?“
Er
lachte lauthals auf, so dass die anderen Gäste der Dorfkneipe sich
zu uns umwandten.
„Ach,
wissen Sie“, begann er, „Es gibt nur einen Friedhof hier bei uns und der
liegt auf den Felsklippen über dem Meer. Dort würde ich mit der
Suche starten. Aber Sie müssen eines wissen: das Hügelgrab ist
schwer zu finden. Es ist mit Erde bedeckt und deshalb von Gras überwachsen.
Außerdem ist es nicht dort zu finden, wo die Gräber aus späterer
Zeit sind, sondern etwas weiter abseits.“
Ich
war verärgert. Es kam mir so vor, als würde mich der Alte auf
den Arm nehmen wollen. In seinen Augen war ich wohl nichts weiter als ein
dummer Tourist, der für angebliche Geheiminformationen bereit war,
viel Geld auf den Tisch zu legen. Genau das sagte ich ihm auch und versuchte
dabei so finster wie nur möglich auszusehen.
Offenbar
hatte ich ihn erschreckt, denn seine Augen verengten sich und er ruckte
auf seinem Stuhl ein wenig nach hinten.
„Ich
gebe zu, dass die Geschichte jeder hier im Dorf kennt. Aber damit ich Sie
von meiner Aufrichtigkeit überzeugen kann, füge ich ein kleines
Detail gratis der Geschichte hinzu: Es war 1944, als die Amerikaner und
Engländer vor der Küste geheime Manöver durchführten,
welche dazu dienten, die Soldaten auf die Landung an der Normandie vorzubereiten.
Sie benutzten mittels einer Plane schwimmfähig gemachte Sherman-Panzer.
Einige von denen sind bei den Übungen gesunken, weil hoher Wellengang
herrschte und Wasser über die Planenwand hereinschwappte, so dass
es die Panzer unter die Oberfläche drückte. Ich war damals als
Berater des Stabes dabei. Einer der amerikanischen Offiziere, der mich
besonders gut leiden konnte, erzählte mir, dass ihm bei seinen Tauchgängen
an der Steilküste nahe der Friedhofsklippe eine Unregelmäßigkeit
an der Felswand aufgefallen wäre. Es war ihm, als ragte dort etwas
zwischen den Steinen hervor, das ihn an eine Schwertspitze erinnerte. Ich
persönlich glaube, dass er einen Teil des Hügelgrabes gesehen
hat, der durch einen Felsabbruch freigelegt worden war. Wenn der Amerikaner
mit seiner Ortsangabe recht hatte, befindet sich das Hügelgrab demnach
direkt am Klippenrand, etwa eine halbe Meile südlich des Friedhofes.“
Ich
überließ ihm die 200 Pfund und konnte nur mühsam mein Grinsen
unterdrücken. Innerlich brannte in mir schon die Vorfreude auf den
Grabraub. Ich nahm mir ein Zimmer über dem Schankraum und hatte Mühe
in dieser Nacht einzuschlafen. Meine Gedanken kreisten immer wieder zu
dem verschollenen Hügelgrab zurück, worin der Kelte in ewiger
Finsternis lag. Mit leeren Augehöhlen im eingefallenen Gesicht und
umgeben von rostigen Schwertern und Schilden.
Genau
dies war für mich der eigentliche Schatz. Sollten sich auch Goldketten
im Grab befinden – umso besser. Aber selbst, wenn da lediglich Eisenwaffen
lagen, war deren Bergung für mich lohnenswert. Es gibt einen Schwarzmarkt
unter Sammlern archäologischer Fundstücke. Diese Fetischisten
des Altertümlichen sind bereit horrende Summen für derartige
Grabschätze zu zahlen. Und ich war der beste Lieferant.
Ich
mag mich nicht selbst anpreisen und in den Himmel loben, aber dennoch muss
ich zugeben, dass diejenigen recht haben, die behaupten, dass ich eine
Spürnase für ungehobene Schätze habe. Man sagt mir nach,
dass ich ein Grab auf die Entfernung von einigen Yards riechen könne
und das stimmt auch. Es ist nicht so, dass ich die Gruft hundertprozentig
lokalisieren kann, aber ich schmecke den Brodem der Fäulnis, der durch
die Luft weht. Ich habe dazu meine eigene Theorie: die Verwesung eines
Körpers setzt Flüssigkeiten frei, wie jeder Biologiestudent weiß.
Diese übelriechenden Flüssigkeiten sickern in die Erde und werden
dort von den Wurzeln der Pflanzen aufgenommen. Viele Menschen behaupten,
dass die Blumen auf den Gräbern besonders üppig gedeihen. Diese
Leute haben recht, aber nur ungern denken sie darüber nach, warum
dem so ist. Ich jedoch weiß es. Die Blumen über Gräbern
haben einen besonderen Saft in sich aufgesogen, der sie nährt und
wachsen lässt. Dafür müssen sie jedoch einen hohen Preis
zahlen. Die durchdringend riechende Flüssigkeit in ihren Fasern verliert
nur so wenig an Intensität, dass der verkümmerte Geruchsinn des
Menschen den Gestank nicht mehr wahrnehmen kann, der sich mit dem Blütenduft
der Pflanzen vermischt. Tiere und Insekten jedoch haben ein feineres olfaktorisches
Empfinden und meiden diese Blumen auf Grund des Fäulnisgeruchs. Daher
wachsen die Pflanzen auf den Gräbern nur eine Saison lang. Ihre Pollen
werden nicht von den Bienen weitergetragen und ihre Beeren nicht von den
Tieren gegessen. Mein Geruchssinn ist hingegen besser entwickelt als der
gewöhnlicher Menschen, was ich schon bei meinen Studentenjobs in diversen
Parfümfabriken unter Beweis gestellt habe. Ich kann den Geruch der
Fäulnis riechen, der dem Blütenduft beigemengt ist. So manches
Mal war mir das beim Auffinden von Grabstellen nützlich.
Was
auch immer die Leute sagen, die ich mit Fundstücken beliefere: ich
verlasse mich natürlich nicht allein auf meinen Geruchssinn. Ich verwende
selbstverständlich auch modernste Technologie, um die oftmals archaischen
Gruften zu finden.
Nun
stehe ich inmitten der von der Kraft der Zeit gebeugten Eisenkreuzen auf
dem Friedhof, während der Wind an meinen Haaren zerrt und mir knatternd
durch den Mantel fährt. Mit den Händen schwenke ich einen Metalldetektor,
dessen leises Schnurren kaum gegen das Tosen des Windes wahrnehmbar ist.
Der Detektor selbst ist ein diskusähnliches Gebilde, welches an einer
Eisenstange befestigt ist. Am oberen Ende der Stange hängt ein Farbdisplay,
das mir eine bunte Aufnahme der Tiefenschichten liefert. Dies gibt mir
ein verwaschenes Bild von dem, was sich unter mir befindet. Die Reichweite
des Detektors liegt bei ungefähr drei Metern, was für meine Zwecke
völlig ausreicht. Bislang sehe ich nur rote und gelbe Schlieren –
Steinschichten, vom Mini-Computer des Detektors bunt eingefärbt, um
deren Alter und Art für mich kenntlich zu machen. Ich finde es praktisch,
dass der Rechner die gelieferten Daten in ein seitliches Profil des Erdreiches
umrechnet, somit kann ich erkennen, wie tief ein Fundstück im Boden
liegt.
Langsam
laufe ich die Reihen der Kreuze ab und schwenke mal nach links, mal nach
rechts. Stets sehe ich nur schwarze Rechtecke – dunkle Höhlungen,
in denen sich die Särge als braun gefärbte Kasten abzeichnen.
Aber ich bin nicht enttäuscht, weiß ich doch, dass sich das
Hügelgrab nach den Worten des Fischers abseits des eigentlichen Friedhofs
befindet. Dennoch suche ich zunächst auf dem Friedhof. Sicher ist
sicher, denke ich mir. So mancher Grabräuber wurde von Einheimischen
auf eine falsche Fährte gelockt.
Es
sind wenige Reihen, die ich abzugehen habe und bald bin ich am Ende des
ungezäunten Friedhofgeländes angelangt. Mit Spannung wende ich
mich dem Klippenrand zu.
Einem
unbedarften Spaziergänger muss ich wohl wie einer der durchgeknallten
Schatzsucher vorkommen, die normalerweise unten am Strand mit ihren billigen
Detektorgeräten auf der Suche nach alten Münzen herumlaufen.
Gut so. Würde ich Verdacht wecken, käme mir bald die Polizei
auf die Schliche, was nur unangenehme Fragen mit sich bringt.
Es
ist ja nicht so, dass es mir allein um das Geld ginge. Nein, ich bin nicht
einer dieser geldgeilen Grabräuber, wie es sie zuhauf gibt. Ich empfinde
die Jagd nach dem Schatz als viel erregender als den Verkauf des Fundes.
Ich gebe zu, dass eine hübsche Stange Geld nicht zu verachten ist
und mein Gehalt durchaus aufbessert. Aber auch ich bin ein Sammler, das
muss ich betonen. Zwar verkaufe ich meine Fundstücke, aber ich behalte
stets eine der Grabbeigaben, die ich geborgen habe. Mal ist es der Nagel
eines verrotteten Sarges, mal ein Zahn, den ich aus dem Kiefer eines Skelettes
herausgebrochen habe. Am liebsten sind mir aber die Münzen. Nicht
irgendwelche Geldstücke. Ich meine diejenigen Münzen, welche
man früher den Verstorbenen unter die Zunge gelegt hat, damit sie
die Überfahrt ins Jenseits bezahlen konnten. Wenn ich so darüber
nachdenke, muss ich feststellen, dass ich bereits ziemlich vielen Toten
den Übergang vermasselt habe. Mich beruhigt aber die Tatsache, dass
sie das Geld sicherlich nicht gebraucht haben, sonst läge es ja nicht
mehr zwischen ihren Kiefern, wo es einst die Zunge schützte, welche
schon lange verfault war. Unwillkürlich muss ich bei diesen Gedanken
grinsen.
Ich
lege den Kopf in den Nacken und hebe die Hand schützend über
meine Augen. Mein Blick ist auf die Sonne gerichtet, welche mir jetzt am
Mittag den Süden anzeigt. Dorthin wende ich mich und lasse meinen
Detektor über die Erde schweifen. Mit ruhigen Schritten laufe ich
am Rand der Steilklippe entlang, mal auf das Display, dann wieder zu Boden
blickend, um nicht zu nahe an den Abhang zu geraten.
Ich
muss ungefähr eine halbe Meile gelaufen sein, als ich eine kleine
Anhöhe erklimme und dabei die Unregelmäßigkeit auf dem
Bildschirm erkenne: eine große Schwärze, die sich in ungefähr
zwei Metern Tiefe befindet. Ich schalte das Display um und richte die Tiefenskala
auf zwei Meter aus, so dass ich nun ein horizontales Schichtbild der Höhlung
bekomme. Noch ist es zu früh, um sich zu freuen, denke ich mir. Ich
schreite vorsichtig nach links, bis die Schwärze auf dem Bildschirm
verschwindet. Dort markiere ich die Stelle mittels eines Tastendrucks auf
dem Display. Ein virtuelles Fadenkreuz erscheint. Nun bewege ich mich seitlich
nach rechts und setze wiederum die Markierung, als die Höhlung verschwindet.
Die Prozedur wiederholte ich noch zwei Mal, dann habe ich die Umrisse der
Schwärze abgeschritten, welche sich in zwei Metern Tiefe unter mir
befindet. Sie hat die Ausmaße von ca. drei Metern auf drei Metern,
wie mir das Display anzeigt. Gerne hätte ich die Werte in Yards gehabt,
aber da der Detektor ein japanisches Produkt war, muss ich immer die Messergebnisse
im Kopf umrechnen, was mir im Moment ziemlich egal ist. Ich bin mir nämlich
ziemlich sicher, dass ich das besagte Hügelgrab gefunden habe!
Innerlich
frohlocke ich, äußerlich bleibe ich ruhig. Die Schwärze
unter mir kann sich immer noch als natürlich entstandene Höhle
herausstellen. Es ist eine zweite Prüfung nötig.
Ich
sauge die Luft durch die Nase tief in meine Lungen und atme wiederum durch
die Nase aus. Pollen lagern sich auf meinen Schleimhäuten ab. Ich
schmeckte hauptsächlich Riedgras, das vermischt ist mit dem Geruch
nach alten Ziegeln. Zwar weiß ich, dass die Kelten ihre Gräber
oftmals mit diesem Baustoff abdichteten, doch kann sich auch eine alte
angelsächsische Siedlung dort unten befinden, welche man vor langer
Zeit aufgegeben hat. Auch wurden zum Beispiel viele alte Kirchen im Mittelalter
auf Klippen erbaut und im Zeitalter der Religionskriege wieder zerstört.
Nochmals
atme ich tief ein und aus. Diesmal konzentriere ich mich stärker auf
die Nebengerüche, die dem dominanten Riedgras beigemischt sind. Es
riecht nach sogenannten „Lily of the Valley“ Blüten. Aber ihnen ist
ein seltsamer Gestank zueigen, der mich unter Strom setzt. Die Blüten
riechen ein klein wenig anders als gewohnt. Ich empfinde es als süßlicher,
klebriger. Fast so wie ein Glas randvoll mit halbverfaulten Würmern,
das manche Angler bei sich führen. Bingo! Das ist der typische Beigeschmack
eines alten Grabes!
Aber
wie kann ich sicher sein, dass es sich um das Keltengrab handelte? Es gibt
nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Ich muss mit Schaufel und
Spaten bewaffnet nach Einbruch der Nacht wiederkommen.
Es
ist eine mondlose Nacht, in der ich auf die Klippe hinaufsteige. Gottseidank,
denke ich mir. Wäre der Mond am Himmel, würde man mich bemerken
können und dann ginge ich nicht so leicht als nächtlicher Spaziergänger
durch. Auf meinem Rücken befindet sich nämlich ein Rucksack,
aus dem die Stange einer Schaufel herausragt. Den kleinen Klappspaten kann
ich zwar im Rucksack verbergen, aber die Schaufel leider nicht. Obwohl
es ein kleineres Grabwerkzeug ist („Grabwerkzeug“ - haha, was für
ein Wortspiel!) als die handelsüblichen Schaufeln, passt es dennoch
nicht in meinen Rucksack. Daneben liegt ein Paar Arbeitshandschuhe, ein
tragfähiges Seil, parfümierte Stoffballen für die Nase (in
einem alten Grab stinkt es gewaltig, und ich will mir meinen Geruchssinn
nicht verderben), eine starke Stabtaschenlampe, ein kleiner Metalldetektor
und ein Plastiksack für die Fundstücke.
Ich
habe meinen Leihwagen auf einem der Parkplätze an der Straße
abgestellt und bewältige den Aufstieg zur Klippe zu Fuß. Das
dauert zwar einige Zeit, ist aber wesentlich sicherer. Nichts ist dümmlicher
als sich einem auf dem Meer vorbeifahrenden Fischer durch Motorengeräusch
oder Scheinwerferlicht zu verraten, wenn man auf dem Weg zu einem Grabraub
unterwegs ist.
Ich
erkenne den kleinen Hügel auf Anhieb. Dort angekommen, setze ich meinen
Rucksack ab, löse seine Verschnürung und greife hinein. Das kalte
Metall darin verrät mir den Klappspaten. Ich hole ihn heraus und habe
ihn mit wenigen Handgriffen arbeitsbereit. Durch meine Erfahrung mit keltischen
Hügelgräbern weiß ich, dass dieses Volk die Graböffnungen
stets in Richtung Norden baute. Ich fixiere den Polarstern, drehe mich
in dessen Richtung und greife nach der handlicheren Version des Metalldetektors
im Rucksack. Derart ausgerüstet knie ich mich hin und schalte das
Gerät ein. Das grünliche Leuchten des Bildschirms flammt auf.
Ich wage es nur wenige Minuten, den Detektor zur Bestimmung des Grabrandes
zu benutzen, indem ich über den Boden krieche, dann schalte ich ihn
wieder ab. Den Spaten ramme ich an dieser Stelle in die Erde und beginne
die Grasscholle vorsichtig abzuheben. Ich lege sie behutsam in Richtung
Klippenrand ab. Mit etwas Glück kann ich später das Loch wieder
zuschütten und die dünne Grasbodenschicht darüber decken,
so dass mein Raub einem unbedachten Spaziergänger nicht weiter auffallen
würde.
Ich
ziehe die Schaufel aus meinem Rucksack und hebe die nun ungeschützte
Erde aus. Diese werfe ich auf die andere Seite, damit sie nicht den Grasboden
überdeckt. Bald habe ich ein Loch mit dem Durchmesser von einem Yard
ausgehoben, doch noch immer stoße ich nicht auf das Grab. Ich bin
schweißüberströmt, schaufle aber wie besessen weiter. Das
Loch wird immer tiefer, schon muss ich hinabsteigen, um arbeiten zu können.
Endlich stößt die Schaufel auf Stein. Ich greife nach dem Spaten
und wuchte ihn mit der scharfen Kante auf die Steinschicht. Als der Untergrund
wackelig wird, steige ich heraus und stoße den Spaten mit wuchtigen
Hieben von oben herab ins Loch. Das Knirschen von Steinen ist zu hören,
die sich aus ihrer Verankerung lösen, dann krachen sie mit einem lauten
Poltern in eine unterirdische Höhlung hinab.
Innerlich
jauchze ich vor Freude auf. Ich hole die Stablampe, lege mich flach auf
den Boden und leuchte in das Loch hinein. Dort unten erkenne ich den Ausschnitt
einer gemauerten Deckenkonstruktion. Wo ich die Steine herausgeschlagen
habe, klafft eine Lücke. Ich richte meine Taschenlampe darauf. Der
Lichtstrahl fällt durch die Lücke und beleuchtet einen staubigen
Boden, worauf die Bruchstücke der von mir zersplitterten Steine wie
unachtsam hingeworfenen Bausteine eines Kindes übereinander liegen.
Ich
stoße noch ein paar Mal mit dem Spaten in das Loch, breche weitere
Steine heraus bis ich der Meinung bin, dass ich durch die verbreiterte
Lücke passe. Sogleich ramme ich den Spaten so tief ich nur kann in
die Erde, hole meinen Rucksack und entnehme ihm das Seil und die Arbeitshandschuhe.
Mit übergezogenen Handschuhen wickle ich das Seil um den Schaft des
Spatens und verknote es. Ein Ruck überzeugt mich, dass die Schnürung
hält und ich werfe den Rucksack hinunter. Dann lasse ich mich in das
Erdloch hinab.
Für
einen Moment stockt mir der Atem, als ich in der Mauerlücke festklemme.
Im Geiste sehe ich mich schon bis zum Morgengrauen unbeweglich im Loch
ausharren zu müssen, weder nach oben noch nach unten zu können.
Doch dann rutsche ich weiter abwärts und ziehe mir bei der plötzlichen
Bewegung an Hüfte und Schultern Quetschungen zu. Doch ich spüre
die blauen Flecken kaum, denn mein Hirn ist mit Adrenalin vollgepumpt.
Mit
den Füßen komme ich am Boden der Gruft auf und lasse das Seil
los. Ich greife mir den Rucksack, krame nach der Stablampe. Bald flammt
der Lichtstrahl auf und zeichnet einen dicken Balken in die von Staubflocken
geschwängerte Luft.
Ich
befinde mich in einem Gang, der vom ehemaligen Grufteingang zur inneren
Kammer führt. Der ovale Lichtfleck meiner Lampe tanzt über spinnwebverhangenes,
grobes Mauerwerk. Die Kelten hatten offenbar wenig Sinn dafür, ein
Grab mit kunstvollen Zeichnungen auszuschmücken, denke ich mir.
Links
von mir ist der Gang mit Erdreich verschüttet. Rechts endet der Gang
an einer runden Holztür, die so klein ist, dass ich fürchte,
auf allen Vieren hindurchkriechen zu müssen. Als ich mich ihr nähere,
wird der Geruch nach Verwesung dermaßen stark, dass ich die parfümierte
Watte aus dem Rucksack hole und sie mir links und rechts in die Nasenlöcher
stopfe. Derart gewappnet schultere ich den Rucksack und bücke mich,
um den Holzknauf der Türe greifen zu können. Kleinste Steinchen
am Boden behindern das Aufziehen der Rundtür. Ich wende all meine
Kraft an und schließlich springt das Holz über die steinernen
Krümel und der Gruftraum liegt vor mir.
Das
Licht der Stablampe geistert über mit rostigen Eisenbändern verstärkte
Schilde, welche über- und untereinander gestapelt am Boden der Krypta
liegen, die hölzernen Zwischenböden herausgemodert. Dazwischen
befinden sich Kurzschwerter, ebenfalls mit einer dicken Rostschicht überzogen.
Auch an den Wänden hängen Schwerter und Schilde. Zusätzlich
befinden sich dort Streitäxte neben moosüberzogenen Wandteppichen.
Ich nehme diese Dinge lediglich am Rande wahr, denn mein Blick wird magisch
zur Mitte des Gruftraums gesaugt, wo ein steinerner Sarkophag auf einem
Podest ruht. Davor liegt ein menschliches Skelett, dessen Kleidung zerlumpt
von den Knochen hängt. Ich kann es anhand der Fetzen nicht zeitlich
einordnen, nehme aber an, dass es sich um einen der Diener des Kelten handelt,
der mit seinem Herrn in den Tod geschickt wurde. Ich steige vorsichtig
über den Bodenbelag aus Schilden und Schwertern, dann stoße
ich das Skelett unwirsch mit einem Fußtritt beiseite. Es klappert
über die Stufen des Podestes und zerfällt dabei in seine Einzelteile.
Der
Deckel des Sarkophags ist frei von jeglicher Art von Verzierung. Es befindet
sich nur der Staub der Jahrhunderte dort. Ich greife nach hinten und ziehe
die Schaufel aus dem Rucksack. Mit Wucht klemme ich sie in den Spalt zwischen
Steindeckel und Sarkophagkörper und beginne, den Sarkophag aufzuhebeln.
Bald zeigen sich erste Ergebnisse meiner Bemühungen: der Spalt zwischen
Deckel und Rahmen vergrößert sich zusehends. Ich spanne meine
Muskeln an und hänge mich an den Schaufelstiel. Endlich habe ich den
Steindeckel so weit angehoben, dass ich ihn mit einer Drehbewegung der
Schaufel ein wenig zur Seite schieben kann. Ich will noch nicht in den
Sarkophag hineinsehen, ehe er nicht ganz geöffnet ist, um mir die
Vorfreude nicht zu verderben. Daher werfe ich die Schaufel achtlos zu Boden
und presse mit meinen Händen die Steinplatte weiter auf. Sie rutscht
knirschend über den Sarkophagrand und poltert zu Boden.
Ich
atme heftig ein und aus. Die Aktion hat mir viel Kraft gekostet. Erst jetzt
richte ich den Strahl meiner Taschenlampe in den Sarkophag, lasse den Lichtklecks
über die steinerne Wand hinab in das Innere gleiten.
Er
ist tiefer, als ich angenommen habe, stelle ich überrascht fest. Asseln
huschen quer durch das Licht und verstecken sich hinter großflächigen
Moosflecken an der Wandung. Als ich den hellen Strahl auf das Ding richte,
welches am Grund des Sarkophags liegt und träumend auf das Verstreichen
der Ewigkeit wartet, zucke ich zurück. Auf diesen Anblick war ich
nicht gefasst!
Dort
unten liegt eine jahrhundertealte Leiche in vollständig erhaltener
Fellkleidung. Die Gesichtshaut spannt sich wie Pergament am Schädel
und lässt die sich darunter befindenden Knochen erahnen, welche sich
als dunkle Flecken darunter abzeichnen. Die Augenhöhlen gähnen
als zwei dunkle Löcher. Den schmallippigen Mund umgibt eine tiefe
Falte, was dem Gesicht des Toten einen brutalen Ausdruck verleiht. Der
Unterkiefer ist weit herabgeklappt. Es hat den Anschein, als wolle die
Leiche versuchen einen Schrei auszustoßen.
Ich
fasse neuen Mut und beuge mich weit hinab in den Sarkophag, da ich glaube,
zwischen den schwarzfauligen Zähnen das Glitzern einer Münze
gesehen zu haben. Tatsächlich. Als ich die Mundhöhle beleuchte,
sehe ich den Rand eines Goldstücks unter der ausgetrockneten Zunge
des Toten hervor ragen. Die Zunge kommt mir so lang wie ein Aal vor. Zum
ersten Mal überkommt mich ein Ekelgefühl bei einem Grabraub.
Ich zögere, das Fleisch anzufassen, habe Angst davor, wie es sich
anfühlen könnte. Schließlich überwiegt meine Gier
nach der Münze und ich packe die Zunge vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger.
Sie fühlt sich an wie Leder, als ich sie anhebe, um mit der anderen
Hand an die Münze zu kommen.
In
diesem Moment erfüllt ein grauenhaftes Kreischen die Gruft und die
Zunge beginnt sich unter meinem Griff zu winden. Ehe ich weiß, was
passiert, schießen zwei knochige Arme aus dem Sarkophag, umfassen
meinen Kopf und ziehen ihn tief hinab, so dass mein Gesicht nur einen Handbreit
über dem offenen Rachen der Leiche schwebt. Der Gestank, der mich
umflort, dringt selbst durch die parfümierte Watte in meinen Nasenlöchern
und macht mich schwindeln. Bevor ich vor Übelkeit das Bewusstsein
verliere, sehe ich noch, wie das tote Pergamentgesicht mir entgegen rast.
Ich stoße von Grauen gepackt einen Schrei aus.
Dann
verbeißen sich die schwarzen Zähne der fauligen Leiche in meine
Zunge, die von meinem Blut geröteten Lippen legen sich um die meinen,
ersticken den Schrei und Knochenarme ziehen mich hinab in den Sarkophag
zu einem nicht enden wollenden, schmerzhaften Kuss...
©Markus
K. Korb
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