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Der
Tod des Clowns
Shine
Der
Clown mit der glitzernden Träne auf der Wange lag auf dem Rücken.
Er hatte die Augen weit geöffnet, ein fragender Ausdruck lag in seinen
Augen. Beinahe sah es so aus, als würde er schlafen. Seine Mundwinkel
waren zum ewigen Lächeln hochgezogen. Er lag da wie im Schlaf. Langsam
breitete sich eine Blutlache um ihn aus. Eine rote Rose lag auf seiner
Brust, über seinem Herzen. Die künstliche Träne glitzerte
silbrig, er lächelte.
Die
Leute, die über ihn hinwegstiegen, um zum Ausgang zu gelangen, vermieden
es, in sein Gesicht zu sehen. Geschah es dennoch, glitt ein Ausdruck tiefer
Sorge über ihre Gesichter, starrten ihre Augen wie dunkle Schächte
ins Leere, erstarben Gelächter und Worte. Mit zitternden Lippen und
Entsetzen in den Augen blickten sie auf die Rose in seiner blassen, fragilen
Hand. Starrten in seine fragenden Augen. Versuchten, Antworten zu finden,
für ihn, für sich selbst. Zum ersten Mal sahen sie ihn wirklich
an.
„Er
war wunderschön“, bemerkte eine junge Dame und bemühte sich,
mit ihren Schuhen nicht ins Blut zu steigen. „Ja, das war er“, bestätigte
ihr Begleiter. „Als Kind habe ich von ihm geträumt“. Er blickte unsicher
zu ihr auf – er war einer der wenigen gewesen, die sich zu der Gestalt
am Boden gebückt hatten, um sie zu inspizieren. „Damals war er aber,
nunja, lebendiger“. Er lächelte, nahm sie in die Arme, ging mit ihr
zum Ausgang. Als sie hindurchschritten, war der Clown beinahe schon vergessen.
„Er
war doch noch so jung“, murmelte ein Mann im Anzug und starrte vor sich
hin. „Was für eine verdammte Verschwendung, man könnte regelrecht...“
Er stockte, sah an sich herunter, schüttelte den Kopf. „Wißt
ihr, daß ich als Kind zum Zirkus wollte? Hab sogar jonglieren gelernt.
Aber...“ Er riß seinen Blick von der reglosen Gestalt am Boden los.
„Irgendwann wird ja jeder erwachsen. Man kann nicht immer haben, was man
will. Man muß Kompromisse eingehen“, sagte er beinah entschuldigend.
„Du mußt verstehen. Du bist selbst schuld daran. Es tut mir ja auch
leid. Vor allem ärgert es mich.“ Er wurde laut. „Was für eine
verdammte, verdammte Verschwendung. Du...Idiot! Man muß flexibel
sein im Leben. Sich anpassen. Glaubst du, uns macht das Spaß? Aber
wir haben es trotzdem geschafft, also hättest auch du...du Schwächling!“
Er
sah dem Clown in die Augen. „Steh auf. Bitte, steh auf“, flüsterte
er. „Es war doch nicht so gemeint. Und du bist auch kein Schwächling,
komm schon, alles ist halb so wild.“ Er streckte dem Clown die Hand hin,
wie um ihm aufzuhelfen. Das Handy klingelte in seiner Jackentasche. Automatisch
griff er danach und führte es ans Ohr, während er über den
Clown hinwegstieg. „Gib mir 10 Minuten“, bellte er in sein Handy. „Bin
schon auf dem Weg.“ Er eilte durch den Ausgang und verschwand in der Dunkelheit
dahinter. Aus dem Off drang seine Stimme, sich rasch entfernend: “Träume
sterben nun mal. Wir müssen ja nicht gleich mitsterben. Oder? ODER??“
Der
Clown lag in einem Kreis aus Licht, den ein einsamer Scheinwerfer auf ihn
warf. Der Raum war leer, sie waren alle gegangen. Die Tür mit der
Aufschrift „Ausgang“ fiel langsam und schwer ins Schloß.
Dahinter
war es ziemlich dunkel.
17.
Juli 2004
(Musik.
B-Movie. „Marilyn Dreams“, wieder und wieder...“Marilyn Dreams“ in der
Endlosschleife...und plötzlich war er da, der weiße Clown, wie
eine Erinnerung an...früher...nur früher war er, nunja, lebendiger.)
©Shine |