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der
markt des roten drachen
Shine
sie
trieb sich jetzt schon stundenlang auf dem weihnachtsmarkt herum und hatte
noch immer nichts gefunden, was ihren freunden gefallen könnte. die
anderen märkte waren genauso öde, sie war schon überall
gewesen und hatte resigniert festgestellt, dass inzwischen alles, einfach
alles überall gleich aussah, und überteuert war es ausserdem
noch. scheusslichkeiten en masse und ladenhüter, die man kurz vor
weihnachten noch schnell irgendwelchen verspäteten einkaufswütigen
andrehen wollte, wie gemacht für leute, die viel geld hatten, aber
keine zeit, um sich andersweitig umzusehen. es gab einen weihnachtsmarkt,
wo sie noch nicht gewesen war. der aber lag in einem anderen stadtteil
und es war gelinde ausgedrückt verdammt kalt, ihr froren schon nase
und ohren ab und ihre füsse verwandelten sich langsam in zwei klumpen
eis. sie hatte nicht viel lust, jetzt noch in einen anderen stadtteil zu
fahren. aber der kitsch hier, der ging ihr dermassen auf die ketten, dass
sie nichts, aber schon gar nichts fand. was sollte sie ihren freunden schon
mitbringen? rustikal bemalte christbaumkugeln, die mürrische alte
frauen verkauften, die sie entweder nicht beachteten oder gleich vom stand
verscheuchen wollten, so beliebt war sie hier. mit ihren orangeroten haaren
kein wunder. die prolls am punschstand gafften auch schon dauernd her und
gröhlten und lachten, und das, was ihr da entgegenkam, eine gruppe
von besoffenen jugendlichen, die anscheinend freigang hatten oder sonstwas
- die sahen entweder nach knast oder bauernhof aus - machte sie auch nicht
unbedingt heiter.
es
gab ja noch diesen einen weihnachtsmarkt, von dem sie gehört oder
auf irgendeinem plakat gelesen hatte, und damals hatte sie sich vorgenommen,
den unbedingt mal zu besuchen, das wusste sie noch genau. der markt war
anders, einfach nur bizarr und damals hatte sie es nicht geglaubt, darum
wollte sie sich mit eigenen augen davon überzeugen.
er
befand sich nicht gerade in einer guten gegend, wie ihre mutter immer zu
sagen pflegte, und genau das machte sie irgendwie neugierig und auch stutzig.
vorsichtig. ein weihnachtsmarkt, der sich in einer solchen gegend befand,
wo garantiert nicht viele menschen hinkamen oder hinwollten, das war schon
relativ besonders, aber es machte auch angst, zumindest ein bisschen. wenn
man allein unterwegs war, sollte dies zu denken geben, zumindest einen
freund sollte man mitnehmen, der im notfall eine art schutz darstellen
könnte, aber wenn sie an ihre freunde dachte, konnte sie sich sowieso
nicht vorstellen, dass sie rambomässig auf alles losgehen würden,
was bedrohlich oder feindselig war, die liefen lieber davon, wenn gefahr
drohte, und laufen konnte sie dann sowieso auch alleine, dafür brauchte
sie keine begleitung. also beschloss sie, ihre freunde diesmal nicht anzurufen
und sie lieber mit einem obskuren geschenk zu überraschen, was viel
besser wäre, denn sie hatte sowieso noch nicht alle geschenke beisammen,
am tag vor weihnachten, was wieder mal typisch für sie war. heute
war also noch shoppen angesagt, stellte sie frierend fest, doch als die
kirchturmuhr die volle stunde schlug, rückte diese inzwischen doch
recht ansprechende unternehmung in weite ferne. 20 uhr. das war zu spät.
alle packten schon zusammen, bis auf die punsch- standler, klar, die hielten
noch bis mitten in die nacht rein aus, mussten sie ja, bei all dem gesocks,
das da noch antanzte und mächtig die kassen klingeln liess. obwohl
es so spät war, wollte sie einen versuch starten. warum war nicht
so klar, aber sie war eben so. zuerst brauchte sie ewig, um einen entschluss
zu fassen und wenn der erstmal gefasst war, dann blieb sie stur und halsstarrig
dabei, obwohl es manchmal so verdammt unlogisch war - wie diesmal. sie
grinste kurz, was bei ihrem halberfrorenen gesicht kaum mehr möglich
war. ein punschstand würde wahrscheinlich noch da sein, also würde
sie sich dort nen pusch zu gemüte führen und dann die fliege
machen, in ihre warme wohnung und erstmal ein langes vollbad nehmen. unlogisch,
schimpfte sie mit sich selber, einen punsch könntest du auch hier
trinken, eh schon egal, aber ihr gefiel die gegend hier nicht im geringsten,
es war zu grell und proll und touristenmässig. die alternative, die
sich ihr bot, war viel verlockender, wohl auch, weil sie nicht wusste,
was dort auf sie warten würde, in dieser schlechten gegend, ok, mom,
verstanden und ignoriert.
sie
zwängte sich in die ubahn zusammen mit hunderten von vollbepackten
weihnachtsgeschädigten und stand an die wand gedrängt und ohne
viel luft zu kriegen da, bis sich der ubahnwaggon langsam leerte und nur
noch wenige leute mitfuhren. sie fand sogar einen sitzplatz, starrte in
den dunklen schacht und fühlte sich wie in einem sehr seltsamen film.
wieder stiegen leute aus, der waggon war fast leer. wie lange sie gefahren
war, wusste sie nicht, aber es musste lang gewesen sein. beim ubahnfahren
hatte sie sowieso immer ein anderes zeitgefühl, aber sie wusste, dass
es lange gedauert hatte. als sie die haltestelle erreicht hatte, an der
sie aussteigen musste, war sie nicht mehr so besonders scharf drauf, in
die kälte und dunkelheit nach oben zu steigen, aber sie war jetzt
schon so weit gefahren, dass es dämlich wäre, jetzt wieder umzukehren,
ausserdem hasste sie diese halbherzigen sachen. wenn schon, denn schon.
sie
ging langsam den gang entlang, der zu den rolltreppen führte, und
blieb plötzlich perplex stehen.
ein
buntes plakat klebte an der wand, wie ein zeichen oder ein wink des schicksals,
oder eher ein wegweiser, den sie jetzt gerade gebraucht hatte. es war ein
wildes machwerk, handgezeichnet und mit grellen farben koloriert. die buchstaben
am oberen rand des bildes waren beinah unleserlich, wie schwarz getuschte
chinesische schriftzeichen, doch als sie buchstabe für buchstabe mühsam
entzifferte, ergab die reihe der schriftzeichen langsam einen sinnvollen
satz und er lautete:
der
markt des roten drachen
ein
ethnomarkt. wie genial. hatte sie ja noch nie erlebt. es war wieder mal
so verdammt typisch für sie. auf verdacht hin war sie endlos gefahren,
stand nun frierend in einem ubahngang rum und betrachtete das plakat eines
wahnsinnigen chinesischen grafikers, der wahrscheinlich farbenblind war
oder irgendwas geschmissen hatte. normal konnte er nicht sein. diese dinge
da hinter den ständen sollten wohl menschen sein. mit viel fantasie,
mit verdammt viel fantasie konnte man diesen vermummten gestalten eine
menschliche form zuordnen. ausserdem waren alle in capes oder kaputzenmäntel
gehüllt und man konnte kein einziges gesicht erkennen, nur eine hand,
die aus einem ärmel ragte und die hand war abstossend gezeichnet.
sollte wohl witzig sein. eine krallenhand mit rötlichbraunen schuppen,
die sich gerade nach einem gegenstand ausstreckte, der auf dem verkaufstisch
lag und der keine korrekte form hatte, sie konnte nicht sagen, was das
nun wirklich darstellen sollte, aber es war rot. sah wie ein menschliches
organ aus, das in einer schüssel lag. ein bisschen wie ein herz. tja.
ein stinknormaler ethnomarkt mit einem perversen plakat. in dieser stadt
gab es noch viel härtere dinge. wenn sie an die konzertflyer dachte,
dann war dieses plakat auch nicht viel anders, vielleicht ein bisschen
ekelerregender, ein bisschen zu viel rotes zeug auf den tischen, ein bisschen
zuviel randverzierung der gruseligen sorte, fratzengesichter und irgendetwas
geflügeltes, das immer wieder auftauchte, und schriftzeichen, die
sie nicht verstand. eindeutig chinesisch, so viel wusste sie schon, aber
sonst war das ganze ein einziges rätsel für sie. sie heftete
ihre augen wieder auf den schriftzug am oberen rand und versuchte, sie
nochmal zu entziffern, doch sie konnte es nicht mehr. die schriftzeichen
waren chinesisch. wieso hatte sie sich vorhin noch eingebildet, die zeichen
lesen zu können?
der
schock war extrem, und dennoch konnte sie sich eines gewissen angenehmen
gruselns nicht erwehren. wieder hatte sie das gefühl, in einem sonderbaren
film mitzuspielen, nur sollte sie die handlung kennen, das wäre sicher
besser als die situation, in der sie sich jetzt befand. sollte sie wirklich
dort hingehen? - es war sowieso viel zu spät. - doch die szene auf
dem plakat spielte eindeutig in der nacht, sie konnte den mond erkennen,
der die szenerie beleuchtete. klar, wie spät es war, stand nicht dabei.
sie
musste grinsen. was wäre schon dabei, sich das ganze mal anzuschauen?
und ihren freunden eventuell etwas schlieriges rotes mitzubringen, als
weihnachstsgeschenk der ganz besonderen sorte? jetzt lachte sie, als sie
dachte, wie die bescherung aussehen würde, das viele rot - es konnte
sich nur um blut handeln, das dann aus dem geschenkspapier tropfen würde,
was für ein anderes weihnachten sie feiern würden, ideal für
horrorfilmfreaks wie ihre clique.
das
plakat war genau betrachtet doch sehr schön. die verzierungen schimmerten
golden und man konnte im prinzip auch nichts anrüchiges erkennen,
und welche krallenhand denn? es gab keine krallenhand, nur eine weisse
menschliche hand, die sich aus dem ärmel streckte und nach einem herzförmigen
amulett griff, das in einer goldenen schüssel lag. das plakat war
eigentlich gar nicht so besonders. wenn man davon absah, wie schön
es gezeichnet war.
sie
machte sich auf den weg. als sie auf die strasse trat und der mond voll
am himmel stand, dachte sie nur kurz daran, wie spät es jetzt schon
war. aber andererseits: nächtliche märkte, die bei vollmond abgehalten
werden, was war daran schon schlimm? ein guter verkaufstrick, mehr nicht.
in
dieser schlechten gegend musste man ja mit allem mitteln arbeiten.
©
Shine 2007
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