Vampyre Planet-Zine

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Das Werwolfsfell 


Michael Tillmann


In der Stadt Barkus im Lande Sarkus am Fluß Quakus gab es früher einen Markt, der war weit über die Grenzen des Reiches bekannt. Es hieß, daß es dort alles - wirklich alles - gab. Die Gemeinschaft der Kaufleute hatte jedem Besucher, der nicht die Ware fand, die er suchte, die schier unglaubliche Summe von 1000 Goldtalern versprochen. 

Einmal kam der reiche Edelmann Cliveas von Assendena, dessen Frau berühmt war für ihre Sammlung von Fellen aus aller Welt, mit drei Dienern auf den Markt. Sein Weg führte direkt zum Marktverwalter. 
Dort wurde er äußerst gastfreundlich empfangen, denn damals nannte man den Kunden noch mit aller Wahrhaftigkeit König. Bei einem blauen Tee aus fremdem Land und Honiggebäck mit seltenen Gewürzen plauderte man über den Lauf der Welt und die Gesundheit des Kaisers. Cliveas von Assendena wunderte sich, daß der Marktverwalter Brunsky so gelassen war. Schließlich lag doch auf der Hand, daß er, Cliveas von Assendena, den Markt auf die Probe stellen wollte. Doch die Selbstsicherheit des dicken Brunsky schien keine Grenzen zu haben. Er zuckte nicht einmal mit dem Augenlied als Cliveas von Assendena schließlich zur Sache kam: „Lieber und geschätzter Marktverwalter Brunsky, ich habe ein Problem und wenn es einer lösen kann, dann nur Sie.“ 
„Oh, Sie schmeicheln mir, hochverehrter Cliveas von Assendena. Ich hoffe doch untertänigst, daß ich Ihre Erwartungen nicht enttäuschen werde. Natürlich werde in mein Möglichstes tun. Um was geht es denn?“ 
„Meine hochgeschätzte Frau sammelte Felle. Das haben Sie sicher schon gehört? Bald ist unser zehnter Hochzeitstag.“ 
„Oh, ich gratuliere, ich gratuliere!“ 
„Sie wünscht sich von mir ein Fell, welches sie noch nicht in ihrer weitläufigen Sammlung hat. Doch ich muß wohl befürchten, daß das sehr schwierig wird. Ich habe hier eine Pergamentrolle, lieber Brunsky, auf der alle Felle verzeichnet sind, die sie ihr Eigen nennt. Die Liste umfaßt nahezu 600 Tierarten. Gibt es hier auf diesem berühmten Markt von Barkus ein Fell, welches noch nicht auf dieser Liste steht?“ 
Brunsky nahm das Dokument, überflog es überaus geschwind und rollte es wieder langsam zusammen: „Wenn es mehr nicht ist, was ich für Sie tun kann, verehrter Cliveas von Assendena?“ 
„ - - - Soll das heißen, Sie haben so ein Fell?“ 
„Aber natürlich! Zwar sind - nach meiner Kenntnis - Zentauren-, Einhorn-, und Chimärenfelle im Moment leider ausgegangen, aber ein Werwolffell wird sich ganz sicher finden.“ 

Wenig später standen sie gemeinsam am Marktstand 118B. Natürlich hielt Cliveas von Assendena die ganze Sache für Humbug, aber er wollte sich doch ansehen, was man ihm dort anbieten wollte. Es würde zweifellos eine Fälschung sein und er würde dann dafür sorgen, daß man die Betrüger bestrafte. 
Als der Standbesitzer, ein kleiner Mann mit Backenbart und spitzer Nase, ihm jedoch das Fell mit dem ausgestopften Kopf reichte, da zuckte der Adelige doch zusammen. 
Mein Gott, was für eine lange Schnauze, was für mächtige Bestienzähne, was für eine diabolische Physiognomie, was für eine kraftvolle Urwüchsigkeit! Und das Fell - es war unglaublich weich und edel. Edel - wie nur das Böse edel sein kann. Schön - wie nur die Sünde ist. 
Das schien nicht der Kopf und das Fell eines normalen Wolfes. Es war zu groß; und bei aller Animalität lag etwas in den Zügen des Tieres, was Cliveas von Assendena erstaunlicherweise an den Blick eines außer Kontrolle geratenen Barbarenkriegers - also eines Menschen - denken ließ. Er spürte wie sich seine eigenen Nackenhaare aufrichteten, während er das vermeintliche Werwolfsfell streichelte. 
Doch er lachte: „Eure Kunsthandwerker sind Witzbolde, meine Herren!“ 
„Wollen Sie mich beleidigen? Wollen Sie sagen, ich bin ein Betrüger? Glauben Sie nicht an Werwölfe?“ fragte der Fellhändler. 
„Selbst wenn ich an Werwölfe glauben würde, so würde ich doch nicht glauben, daß Sie mir eins anbieten könnten.“ 
„Wieso? Für mich arbeiten nur die besten Jäger.“ 
Der Edelmann grinste breit: „Nehmen wir mal einfach an, daß es Werwölfe gibt. Und nehmen wir außerdem mal an, daß es einen Mann gibt, der den außerordentlichen Mut und die Fähigkeit hätte einen Werwolf zu erlegen, so könnten Sie mir doch trotzdem kein Fell offerieren.“ 
„Warum?“ 
„Na, jedes Kind weiß doch, daß sich ein Werwolf im Tode wieder in einen Menschen zurück verwandelt. Daher kann es also überhaupt keine Werwolfsfelle geben. Ist doch ganz einfach und logisch, meine Herren.“ 
Die Herren wußten keine Antwort. 
Da trat ein großer, waffenbehängter Mann aus dem Hintergrund des Standes hervor und mischte sich in das Gespräch ein: „Sie können hier lange über solche Spitzfindigkeiten diskutieren. Ich aber will gerne den Beweis liefern.“ 
„Wer ist das, daß er sich traut, sich einfach einzumischen?“ fragte Cliveas von Assendena empört. 
„Das“, erklärte der Händler, „das ist einer meiner Lieferanten, der furchtlose Jäger Emsa.“ 
„So so...“, spottete der Edelmann, „... dann soll er seinen Beweis liefern, der furchtlose Jägersmann.“ 
„In der Gegend der Labyrinthschlucht treibt gerade ein Werwolf sein Unwesen. Den will ich in der morgigen Nacht jagen. Denn dann herrscht der Vollmond. Wenn Sie, mein Freund im Seidenhemd, keine Angst haben, so begleiten Sie mich!“ 
Die Diener des Adeligen zogen ihre Waffen blank und ihr Herr rief: „Was bildest du Hundesohn dir ein, so mit einem Mann meines Standes zu sprechen? Ich hätte das Recht dich zu töten, dich vierteilen zu lassen. Aber... aber ich will dich auf die Probe stellen. Ja, ich will deiner seltsamen Jagd beiwohnen, du alberner Aufschneider. Und wenn wir keinen Werwolf fangen, so werde ich dich an den nächsten Baum aufhängen lassen.“ 
Emsa grinste: „Und wenn wir einen Werwolf fangen und daraus einen Pelz anfertigen?“ 
„So... so bekommst du Wurm 100 Goldtaler von mir.“ 
Die Diener schoben ihre Schwerter zurück in die Scheiden. 
Da mischte sich geschwind wieder der kleine Händler ein: „Ja, und was ist mit mir? Schließlich sind Sie eigentlich mein Kunde. Nun bin ich raus aus dem Geschäft? Das ist nicht...“ 
Der Adelige lachte laut: „Du geldgierige Schlange von einem Händler! Aber die Wette gilt, du Geier: Wenn ich morgen in dieser Vollmondnacht ein Fell erhalte, welches ganz ohne Zweifel von einem Werwolf stammt, so wirst auch du Nichtsnutz 50 Goldtaler von mir erhalten, so wahr ich Cliveas von Assendena bin. Der Herr Marktverwalter Brunsky soll unser Zeuge sein.“ 
Der Angesprochene faltete die Hände vor seinem mächtigen Kugelbauch zusammen und meinte nur gelangweilt: „Gut, aber nur wenn ich meine übliche Provision von 10 Silbermünzen erhalte!“ 

Was mache ich eigentlich hier in der beschissenen Nacht? Warum bin ich nicht bei meinen feuchten Konkubinen? Warum liege ich nicht gerade auf der dicken Schwarzen oder lecke der zierlichen Gelben den Lustknoten? Und warum trinke ich keinen heißen Rum mit Kräutern? 
Der Ärger des Cliveas von Assendena war groß, übergroß. Seit über zwei Stunden schon sollte er sich ja nicht rühren. Dabei hätte er doch nur zu gerne seine frierenden Glieder bewegt. Es war bitterkalt und feucht in dieser verdammten Vollmondnacht. 
Cliveas von Assendena, seine drei Leibwächter, der Jäger Emsa und dessen Helfer saßen nach einer langen Wanderung nämlich nun auf einer Eiche. Vor dem mächtigen Baum lag ein totes Schwein, dessen Eingeweide man säuberlich ausgebreitet hatte. Vor diesem stinkenden Lockvogel befand sich eine netzbespannte Fallgrube im feuchten Boden, die mit Laub bedeckt worden war. In die sollte der vermeintliche Werwolf fallen. 
Cliveas von Assendena fragte sich wirklich, was der ganze Unsinn sollte. Warum erklärte Emsa auf Gnade hoffend nicht einfach, daß er – verdammt noch mal - gelogen hatte. Warum zögerte er die Sache noch hinaus? Oder war der Jägersmann verrückt und glaubte letztlich wirklich, ein Werwolf würde kommen und in seine lächerliche Grube fallen? 
Es begann zu regnen. Das reichte jetzt endgültig. Der Adelige wollte die Sache beenden. Doch gerade als er wütend losbrüllen wollte, durchbrach ein lautes Heulen die Stille der Nacht. 

Ein großer, aufrecht gehender Schatten näherte sich der wartenden Fallgrube. Langsam, ganz langsam. Für eine halbe Minute verharrte der Schatten. Dann trat das Geschöpf plötzlich aus dem Schutz des Unterholzes, um sich mit einem Sprung auf das stinkende Schwein zu stürzen. 
Bevor die Bestie in der Grube verschwand, konnte Cliveas von Assendena sie für einige Sekunden im vollen Mondlicht sehen. Es gab keinen Zweifel; Emsa hatte nicht gelogen: Es gab wirklich Werwölfe! 

30 Minuten später hatten sie die Höllenbrut an den Baum gekettet. Doch bei jeder Bewegung des Monsters zuckte Cliveas von Assendena zusammen. 
Emsa lachte: „Mein Herr, die eisernen Ketten sind fest! Es besteht wirklich keine Gefahr. Treten Sie ruhig näher und betrachten Sie das unheilvolle Geschöpf.“ 
Cliveas von Assendena trat näher. 
Schaumiger Geifer tropfte zu Boden. 
Augen funkelten blutunterlaufen. 
Doch Cliveas von Assendena zog noch seine letzte Trumpfkarte, die er nun ausspielte: „Gut, gut, meine Herrschaften, es gibt also Werwölfe. Es besteht kein Zweifel. Aber wie soll ich nun mein Fell erhalten? Wie willst du verhindern, daß er sich nach dem Tode zurück verwandelt?“ 
Emsa grinste noch breiter: „Geehrter Cliveas von Assendena, die Lösung ist doch so einfach! Ich wundere mich doch sehr, daß Sie nicht darauf kommen. Ja, Sie haben natürlich ganz recht: Wenn ich den Werwolf nun einfach töte wird er wieder zum Menschen und sein Fell wird eine ganz normale menschliche Haut. Daher werde ich es erst gar nicht dazu kommen lassen? 
„Sondern?“ 
„Ich werde dieses höllische Wesen ganz einfach lebendig häuten.“ 
Sprach´s und setzte sein blitzendes Jägermesser am Brustbein des Werwolfes an. Der erste Blutstropfen lief über die Klinge... 
 
 

 © 2000 Michael Tillmann; www.michaeltillmann.de; Erstveröffentlicht in FANTASIA Nr. 140/141, Hg. Erster Deutscher Fantasy Club, Passau 2000. [ISBN 3-932621-36-0]