Laura
und ich spazierten durch die Straßen der Nachbarschaft. Es hatte
am vorigen Abend keine großen Entgleisungen gegeben, nichts, was
man hätte in Bildern festhalten oder mit Worten beschreiben können.
Nur diese sonderbare, gereizte Spannung, der unterschwellige Haß.
Jetzt, da Charles nicht anwesend war, war Laura viel lockerer und ungezwungener.
Und das, obwohl sie sich - ungeschminkt, in einfachen Kleidern und ohne
Alkohol getrunken zu haben - wesentlich zurückhaltender benahm als
sonst. Tagsüber wirkte sie still, fast traurig.
Wir
flanierten an der Einkaufsstraße des Viertels auf und ab, betrachteten
Schaufensterauslagen und plauderten über unwichtige Dinge. Es war
nett. Laura kaufte sich eine Flasche Parfum in einem Warenhaus, und mir
drängte sie einen kleinen silbernen Ring auf. Ich mußte ihn
annehmen, obwohl es mir unangenehm war und ich am liebsten abgelehnt hätte.
Was für eine seltsame Geste - einer Schulfreundin, die man zehn Jahre
nicht gesehen hat, einen Ring zu schenken. Das roch ja geradezu nach heimlicher
Verlobung, wie eine Verschwörung hinter dem Rücken ihres Mannes.
Sie
lud mich auf einen Kaffee ein, und wir saßen hinter der Glasscheibe
eines Bistros und beobachteten das Vorbeistreunen der Passanten. Der Kaffee
war zu schwach, und ich hatte zu viel Zucker hineingetan. Aber trotzdem
fühlte ich mich seltsam wohl auf der Sitzbank dieses schäbigen
Cafes in der Einkaufsstraße des verlebten alten Viertels.
Dieses
Viertel hatte bessere Tage gesehen - hatte einmal im Mittelpunkt des Geschehens
gestanden. Wichtige Leute hatten hier gewohnt, in noblen Häusern mit
guten Adressen. Jetzt war davon nicht mehr viel zu spüren. Der Verfall
regierte mit sanfter und unaufdringlicher Hand; wohin man blickte, sah
man seine unmißverständlichen kleinen Zeichen. Die schäbigen
Markisen vor den Parterrefenstern und die rostigen Eisengitter der Vorgärten
sprachen davon.
"Ich
habe dir von einer Gespenstergeschichte erzählt, die ich vor kurzem
las", sagte Laura. Sie rührte in ihrem nur noch lauwarmen Kaffee,
mit einem Löffel, der nicht zur Tasse paßte. Im Aschenbecher
qualmte eine halb aufgerauchte Zigarette unbeachtet vor sich hin. "Glaubst
du, daß da was dran ist?"
"Woran
- daß dein Arm abfault, wenn dich ein Gespenst berührt?" fragte
ich schmunzelnd zurück. Sie hatte die Frage in leichtem Plauderton
geäußert.
"Nein,
an Gespenstern überhaupt. Daß es Gespenster gibt. Glaubst du
daran?"
"Hm,
ich weiß nicht, bewiesen worden ist es ja wohl noch nicht so recht."
Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. War das ein Trick von
ihr, um mich aus der Reserve zu locken? Einer ihrer übermütigen
Streiche, die sie mir schon damals immer so gern gespielt hatte - das wendige
Italienermädchen und ihre dumme große Freundin?
"Bewiesen."
Sie paffte. "Ach, weißt du, beweisen kann man vieles oder auch gar
nichts. Ich glaube weder an die Wissenschaft noch an Magie. Jeder behauptet
etwas anderes - Hauptsache, man glaubt daran. Aber ich habe Zweifel, Ann."
"Zweifel?"
"Zweifel,
an mir, an der Welt, an allem. Zweifel eben, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich bin mir meiner Sache nicht sicher." Es klang wie: ich bin mir meiner
selbst nicht sicher. Der Kaffee hatte Laura offenbar die Zunge gelöst.
"Laß
uns nach Haus gehen, Laura", bat ich. Ich fühlte mich auf einmal nicht
mehr wohl in dem Cafe, mir schien die Atmosphäre vergiftet. Die abgewetzten
Sitzmöbel, die fleckigen Tischdecken und Vorhänge sprangen mir
störend deutlich in den Blick, ich wollte hier nicht mehr sitzen.
Auf
der Straße sprach Laura nicht. Sie sah nachdenklich aus, den Blick
teils auf das Pflaster vor ihren Füßen, teils auf den grauen
Londoner Himmel gerichtet. Wolken über Wolken, sie zogen fern dahin,
langsam wirkend von hier unten, wie riesige, schwerfällige Luftschiffe.
Zeppeline, um genau zu sein. Gefüllt mit Wasserstoffgas, das beim
geringsten Funken explodieren konnte.
"Guten
Tag, Mrs. Myers." Wohlerzogen grüßte Laura eine der alten Damen
aus der Nachbarschaft. Wir befanden uns dicht vor ihrem Haus Alexander
Square Nr. 6, das mit halb offenen Gardinen schmalbrüstig in seiner
Ecke des Platzes lauerte. Die Greisin, auf ihren Stock mit dem Blindenzeichen
gestützt, starrte uns kopfwackelnd hinterher, als wir über das
holprige Kopfsteinpflaster hinübergingen.
Es
war nun schon der dritte oder vierte Morgen, an dem ich die unmißverständlichen
Geräusche aus dem Badezimmer hörte. Das Badezimmer lag zwischen
Lauras und meinem Schlafzimmer auf dem oberen Flur. Wir benützten
es für die Zeit meines Besuches gemeinsam; sonst war es wohl ihr allein
vorbehalten. Charles hatte sein eigenes auf der anderen Seite. Zuerst hörte
ich ein ersticktes Husten und Würgen, kurz darauf das quietschende
Drehen des Warmwasserhahns, dann lief das Wasser in die Wanne, langsam
und gleichförmig.
Laura
badete jeden Morgen zu unterschiedlicher Zeit, in der ich dann das Badezimmer
nicht benutzen konnte. Ich hatte mich darauf eingestellt, nachdem ich die
ersten beiden Male etwas ratlos gewesen war. Jetzt wußte ich, daß
ich nur auf die andere Seite hinüber zu gehen brauchte, um Charles'
Bad zu benützen, da er schon früh morgens zur Arbeit ging und
nicht mehr da war, wenn Laura und ich aufstanden.
Ich
konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als ich Laura wieder einmal
im Bad husten hörte. Es konnte nicht viele Gründe für ihre
allmorgendliche Übelkeit geben; so groß war ihr Alkoholkonsum
nun auch wieder nicht. Allerdings würde ich ihr ins Gewissen reden
müssen, daß sie das Trinken einschränkte. Schon um des
Babys willen. Es würde dem Baby nicht gut tun, wenn sie so weitermachte.
Später
saßen wir zusammen beim Frühstück. Sie aß nicht viel,
wie gewöhnlich, trank aber starken Kaffee und rauchte. Alles in allem
ziemlich ungesunde Angewohnheiten für eine werdende Mutter. Ich sagte
ihr dies ein wenig verschleiert, durch die Blume. Laura sah mich fassungslos
an, dann drückte sie die Zigarette aus. "Ich bin nicht schwanger,
Ann. Wie kommst du denn darauf?"
"Nun,
ich dachte ... ich habe dich im Bad gehört."
"Ach
so, das. Ich habe einen empfindlichen Magen. Das ist alles. Hatte ich schon
immer, das weißt du doch. Schon im Internat, da vertrug ich keine
grünen Paprika. Erinnerst du dich nicht, wie es mir ging, wenn ich
grüne Paprika essen mußte?"
Es
war wieder der Plauderton, aber ich hörte eine versteckte Unsicherheit,
eine krampfhaft kaschierte Angst in ihrer Stimme. Oder vielleicht war es
auch gar nicht der Klang ihrer Stimme, sondern etwas anderes, Feinstofflicheres,
das ich lediglich spüren konnte. Mit weiblicher Intuition, wie man
so schön sagt.
"Also
lassen wir das Thema. Was willst du heute machen? Hast du schon etwas bestimmtes
vor?"
Wir
verbrachten den Tag damit, in den Parks der Umgebung herumzustreifen. Das
Viertel war erstaunlich voll von Parks, was für mich eine erfreuliche
Tatsache und Neuentdeckung darstellte. Ich liebe alte Parks, ihre knirschenden
gewundenen Kieswege, die mächtigen dunklen Bäume, unter denen
es sogar im Hochsommer kühl ist und deren Zweige sich über dem
Weg berühren, so daß man hinter den geschlossenen Augenlidern
das rotgelbe Muster der Sonnenflecken sehen kann, die durch das Blätterdach
fallen.
Laura
zeigte mir eine versteckte Sitzbank in einer Nische am Rand eines Kinderspielplatzes,
die von dichten Buchenhecken umschlossen und vor Blicken geschützt
war. Hier hatte sie schon oft gesessen und gelesen, nur von fern dem Kindergeschrei
gelauscht, das ihr eine Ahnung von menschlicher Anwesenheit gab, die Versicherung,
nicht allein auf der Welt zu sein. Überhaupt schien Laura Angst vor
dem Alleinsein zu haben. Was auch immer der wirkliche Grund für die
Einladung an mich gewesen sein mochte - ihre Angst vor dem Alleinsein spielte
sicherlich eine Rolle dabei. Ich glaubte längst nicht mehr an die
Geschichte von der alten Schulfreundin, die man so gerne wiedersehen will
und extra dafür von weither anreisen läßt.
Ob
es etwas mit Charles zu tun hatte? Sicherlich, die beiden schienen irgend
eine mir unbekannte, untergründige Feindseligkeit gegeneinander zu
hegen, über die Laura nicht mit mir sprechen wollte. Aber ob sie mich
deswegen gleich zu Hilfe holen mußte? Konnte sie sich allein gegen
ihren Mann nicht durchsetzen? Hatte sie das Gefühl, er bedrohe sie?
Diese Idee schien mir außerordentlich absurd. Sicher, Charles war
oberflächlich und neigte nicht zu schwermütigem Philosophieren
wie Laura. Vielleicht vermißte sie diese geistige Verwandtschaft
in ihm. Aber er wirkte auf mich nicht wie der Typ Mann, der einer Frau
Gewalt antut.
Laura
und ich saßen einige Stunden lang auf der Bank in der Laube, dann
sagte sie mir, daß Charles übers Wochenende wegfahren mußte,
nach Salisbury. Dienstlich. Das traf sich gut, war doch ich gerade da.
So konnten wir noch mehr zusammen unternehmen. Vielleicht ins Kino gehen?
Einmal nicht kochen, sondern sich ohne Mann amüsieren? Der Einfall
klang grandios. Auch sie schien sich darauf zu freuen. Wir gingen lachend
nach Hause, wo wir feststellten, daß Charles schon weg war.
Auf
dem Telefontischchen in der Halle lag ein Zettel von ihm. "Tut mir leid,
Liebes, Merrick besteht darauf, daß ich schon den 5:35-Zug nehme.
Langweilt euch nicht zu sehr ohne mich. Wir sehen uns am Montag. Kuß,
Charles."
Eine
ganz normale, alltägliche Botschaft, aber Lauras Gesicht nahm einen
leichten Graustich an, als sie den Zettel nachdenklich zu einer winzigen
Revolverkugel zusammenknüllte.
Wir
gingen nicht ins Kino. Tatsächlich hatte Laura doch mehr Lust, zu
Hause zu essen. Sie bestand darauf, alles alleine zu machen, so daß
ich in meinem Zimmer warten mußte, bis sie mich rief. Ich vertrieb
mir die Zeit mit Lesen, fühlte mich aber unruhig dabei. Das konnte
nicht daran liegen, daß Charles nicht im Haus war. Wovor sollten
wir uns schon fürchten? Was sollte uns ohne ihn zustoßen? Schließlich
gab es Türketten und Sicherheitsschlösser - und wir lebten ja
auch nicht mehr im Mittelalter, nicht einmal im viktorianischen.
Jeder
Winkel, jede Ecke des Hauses erinnerte an die unselige Zeit, der es entstammte.
Es war eine Zeit gewesen, in der Männer wie Jack The Ripper durch
die nebligen Straßen strichen und eine Frau wirklich ihrer Haut nicht
sicher war, wenn sie das Haus zu "unschicklicher" Stunde verließ.
Was für Zeiten! Die Moderne hat doch ihre unbestreitbaren Vorteile,
auch wenn es immer wieder Leute geben soll, die von der "guten alten Zeit"
träumen, ja sich sogar dahin zurückwünschen. Mir sind diese
Gedanken immer ein Greuel gewesen, ich schätze die Freiheiten und
Möglichkeiten, welche die Moderne meinem Geschlecht bietet.
Das
Buch, in dem ich las, war nicht dazu angetan, mich zu beruhigen. Ein grausamer
Psychothriller von Patricia Highsmith, in dem die Autorin mit skalpellartiger
Feinsinnigkeit schichtweise die psychische Verfassung ihrer Protagonisten
entblätterte. Das Ding machte mich nervös, und ich zuckte zusammen,
als ich Laura rufen hörte.
"Komm
runter! Essen ist fertig. Es gibt Filetsteaks mit Pilzen."
Sie
schien geradezu gierig nach dem rötlichen Blutsaft, der aus den blau
gebratenen Stücken austrat. Akribisch tunkte sie alles mit ihrer Gabel
voll Kartoffelbrei auf, leckte jeden Tropfen vom Teller. Ich sah ihr beim
Essen zu, befremdet von der Gier, die sie an den Tag legte. Sie hatte niemals
den Geschmack von Blut gemocht. Ob sie nicht doch ...? Man weiß doch
von den merkwürdigen Vorlieben der Schwangeren. Sie stritt es mir
gegenüber gewiß nur ab, wollte es nicht zugeben. Vielleicht
wünschte sie keine Einmischung. Ich würde ja sowieso bald wieder
abreisen - mag sein, sie wollte einfach vermeiden, daß das Gesprächsthema
für den Rest meiner Anwesenheit unweigerlich immer wieder auf das
Baby gelenkt würde. Es kränkte mich ein wenig, wie wenig sie
mir vertraute. Aber diese Kränkung war nicht schlimm, nur ein winziger
Stich, der sich sofort wieder verflüchtigte und nur eine zarte Erinnerung
hinterließ.
Sie
hatte getrunken, ich bemerkte es während des Essens. Schon als sie
mich herunterrief, um genau zu sein. Sie mußte beim Kochen bereits
einige Gläser von dem Wein geleert haben, der auf dem Tisch stand,
ein Nobile di Montepulciano, dunkelrot und gefährlich. Als wir mit
dem Essen zu Ende waren, bestätigte sich mein Verdacht. Anstatt sie
zu ernüchtern, hatte das reichhaltige und schwere Essen Lauras Trunkenheit
verstärkt, wie es manchmal vorkommt, wenn Wein an der Soße ist.
Lauras
dunkelblauer Pullover wies bereits einige kleine Flecken auf, als wir uns
zusammen vor den Kamin setzten.
So
dicht in ihrer Nähe, angeheizt durch das Kaminfeuer, stieg mir die
überwältigende Wolke ihres viel zu süßen Parfums in
die Nase. Es war so stark, daß ich, auf die Gefahr hin, sie zu verletzen,
etwas von ihr abrücken mußte. Ich konnte den Geruch kaum ertragen
- den Kopf zur Seite drehend, schnappte ich hinter dem Sofa Luft.
"Nun,
was wollen wir noch anfangen mit dem angebrochenen Abend?" Laura schien
wieder extrem lustig zu sein, sie gab sich aufgeräumt, lächelte
mit starren, wie graviert wirkenden Wangengrübchen. Ihre Augen lächelten
nicht mit. Sie waren dunkel und melancholisch hinter dem dichten Wald ihrer
langen schwarzen Wimpern.
Mit
einemmal erkannte ich, daß Laura sehr leidend aussah. Wahrscheinlich
hatte sie vom ersten Augenblick an so ausgesehen - aber ich hatte es nicht
bemerkt, war auf ihre Maske hereingefallen, egoistisch nur darauf bedacht
gewesen, mir meinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.
Ich war erschrocken über diese Feststellung, hatte jedoch nicht den
Mut, etwas zu äußern. Statt dessen überließ ich die
Wahl, was sie an diesem Abend anzufangen gedachte, Laura.
"Laß
uns hier sitzen und plaudern, Ann, wenn es dir recht ist. Ich fühle
mich heute nicht besonders gut - ich bekomme meine Tage, weißt du."
Das
war eine so krasse Lüge, daß mir das Blut ins Gesicht schoß.
Ich wußte, daß sie schwanger war. Warum log sie mich an? Vorsichtig
begann ich: "Du brauchst mir gegenüber nicht so furchtbar argwöhnisch
zu sein. Ich würde mich niemals in deine Angelegenheiten einmischen,
Laura. Kannst du dich nicht erinnern? Ich war noch nie so. Du hast mir
doch immer vertraut."
Sie
lächelte schmerzlich, den einen Mundwinkel höher gezogen als
den anderen. Ihr Gesicht glich so sehr einer traurigen Pierrotmaske, daß
mir der Schluck Wein fast im Hals steckenblieb. Mit Gewalt das heiße
Gefühl der Peinlichkeit niederkämpfend, das in meiner Brust brannte,
schluckte ich. Wir starrten aneinander vorbei ins Feuer.
"Du
hast dich bestimmt gewundert, warum die rote Kordel oben vor der Treppe
hängt", sagte sie plötzlich in den Raum hinein. "Das ist, damit
niemand dort hinaufgeht."
Ich
äußerte Unverständnis. "Ist der Dachboden baufällig?"
Laura
lachte. "Nein, daran liegt es nicht. Er ist ganz in Ordnung. Aber ich war
mal da oben, ganz am Anfang, als wir hierher zogen."
Sie
trank mit tiefen Schlucken und blickte versonnen in ihr Glas, in dem der
Wein in violetten Reflexen funkelte. Ich tat es ihr gleich.
"Es
ist ein ganz normaler Dachboden, wie ihn bestimmt jedes viktorianische
Haus hat. Schräge Wände, Pfeiler, Kamine gehen hindurch. Er war
natürlich voller Gerümpel, genau wie du dir das vorstellst. Alte
Schränke, Truhen, Kleider. Lauter wertloser, verrotteter alter Mist."
"Bitte
erzähl weiter", sagte ich, "das klingt wirklich spannend." Als gäbe
sie eine Gespenstergeschichte zum Besten. Obwohl Laura kurz zögerte,
beschloß sie nach einem forschenden Blick in mein Gesicht, weiterzusprechen.
"In
der hintersten Ecke habe ich etwas Komisches gefunden. Das heißt,
es war gar nicht komisch, eher seltsam. Merkwürdig wäre das richtige
Wort. Ein Bett, ein altes Bettgestell aus Messing, noch bezogen, mit Kissen
darauf. Sie waren natürlich schmutzig, voller Staub. Und das Ding
stank widerlich."
Ein
Schauder durchlief Laura; sie schüttelte sich bei der Erinnerung an
das, was sie gerochen hatte. "Der Gestank war so durchdringend und bestialisch,
daß mir jetzt noch schlecht wird, wenn ich nur daran denke. Aber
ich ging näher heran, weil ich so furchtbar neugierig war."
Sie
zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief, was ihr gegen
die Übelkeit zu helfen schien. "Als ich dicht davor stand, sah ich
in dem Licht aus der Dachluke direkt darüber, daß das Bett bedeckt
war mit einer Art Schneeflocken. Es waren weißliche, vertrocknete
Flocken, wie Fischschuppen oder diese Styroporchips, mit denen man Elektrogeräte
verpackt."
"Fischschuppen?"
Ich schmunzelte ungläubig, zog meinerseits an meiner Zigarette. "Und
weiter? Woher kamen sie? Hast du herausgefunden, was es war?"
"Pst",
sagte Laura und hob den Finger. Ihr Gesicht sah ganz abwesend aus, fahl
und glänzend von Schweiß. "Als ich heranging und mich über
das Bett beugte, wurde der Gestank so stark, daß mir davon übel
wurde. Ich taumelte, mir wurde schwarz vor den Augen. Aber bevor ich fiel,
hatte ich den Eindruck, ein Mann beuge sich über mich. Ein großer
Mann mit langen Haaren und einem langen Bart und schwarzen, brennenden
Augen."
Ich
wollte etwas sagen, aber sie wehrte mit einer Geste ihrer Hand ab. "Erinnerst
du dich an die alte Frau, die ich auf der Straße gegrüßt
habe? Mrs. Myers?" fragte sie nach einer ganzen Weile.
Sicher,
ich erinnerte mich an sie.
"Diese
alten Klatschbasen sind zu nichts anderem gut, als einem das Leben schwer
zu machen, wenn man neu in so ein Viertel zieht. Aber sie hat mir doch
ein paar ganz interessante Anekdoten über den vorigen Besitzer dieses
Hauses erzählt - den mysteriösen Unbekannten, du weißt
schon."
Das
Sprechen fiel Laura schwer, aber sie hielt sich an ihrem Weinglas fest.
Ich gebe zu, daß ein Teil Berechnung in meiner Geste lag, als ich
ihr großzügig aus der halbvollen Flasche nachschenkte. Ich wollte
nun endlich hören, was es mit all dem auf sich hatte.
"Er
muß ein sehr sonderbarer Mann gewesen sein. Wie so viele andere seiner
Ära war er in Indien gewesen und hatte sich von dort wohl ein Andenken
ganz besonderer Art mitgebracht." Sie lachte in bitterem Tonfall, der ein
kleines rauhes Krächzen in ihrer Kehle verursachte; ein unangenehmes
Geräusch.
"Ich
habe seltsame Träume, in der Nacht. Fast jede Nacht, seitdem ich auf
dem Dachboden war. Zuerst waren es nur die Kleider, die in meinem Zimmer
durcheinander gerieten. Wenn ich etwas am Abend auf die Stuhllehne hängte,
lag es am Morgen auf dem Boden oder war verschwunden. Einmal verschwand
ein seidenes Halstuch, das ich nie wieder gefunden habe. Aber am schlimmsten
ist der Gestank, wenn ich morgens aufwache - der Gestank, der mein Zimmer
erfüllt."
Ich
bewegte mich unruhig in meinem Sessel, der mir plötzlich sehr unbequem
erschien. Ich wußte nicht, ob ich über diese Geschichte lächeln
oder beunruhigt sein sollte. Was phantasierte Laura mir da vor? Es lag
bestimmt wieder am Wein - das verdammte Zeug, das sie in so großer
Menge in sich hineinschüttete.
"Der
Gestank in meinem Zimmer am Morgen, Ann, er ist so stark, daß ich
mich davon erbrechen muß. Du hast dich gewundert, ob ich schwanger
bin. Ich bin es nicht, nein, es liegt nur an dem widerlichen Gestank!"
Als
sie aufseufzte, fiel ein großer Spritzer Wein auf ihr Knie, aber
sie merkte es nicht, sondern sprach, das Glas mit beiden Händen vors
Gesicht haltend, weiter.
"Aber
das ist nicht alles, Ann. Das ist bei weitem noch nicht alles. Das Beste
kommt erst noch, warte nur, du wirst mich für verrückt erklären,
wenn ich es dir erzähle. Du wirst glauben, deine alte Laura sei total
verrückt geworden in diesem alten Gemäuer, daß sie dir
solche Geschichten erzählt. Du wirst Charles recht geben, der mich
deswegen verspottet."
Ihre
Augen waren leer und in eine unbestimmbare Ferne gerichtet, aber sie sprach
weiter, ohne auf mich zu achten, wobei der Wein in ihrem Glas auf- und
ab, hin- und her schwappte wie ein absurder Pegelmesser für den Grad
ihres imaginierten Wahnsinns.
"Er
ist zu mir gekommen, der Mann mit dem schwarzen Bart. Ich habe ihn nur
im Mondlicht gesehen, denn er würde sich hüten, eine Lampe anzuzünden.
Seine langen Haare und sein Bart sind schwarz, aber haben schon graue Strähnen.
Seine Augen brennen, unersättlich. Was für unersättliche,
widerliche, grausame Augen!"
"Laura!"
Ich hatte rasch den Arm gehoben, um ihn um ihre Schulter zu legen, da sie
mir den Tränen nahe schien. Verdammter Wein, verdammter ...!
"Laß
mich! Jetzt will ich dir alles erzählen, wo ich schon so weit gegangen
bin. Jetzt sollst du alles wissen, und dann kannst du zu Charles rennen,
der mich auch schon deswegen verachtet. Er hat mich vergewaltigt, der Mann
mit dem Bart. Sein Körper ist ganz bedeckt mit Hautschuppen, bläulich-violett,
wie ein Fisch. Eine Krankheit, habe ich mir gedacht, eine gräßliche
stinkende Krankheit, die er aus Indien mitgebracht hat. Ich habe ihn gehaßt,
Ann. Ich konnte mich nicht wehren - ich habe ja geschlafen, nicht wahr?
Wie kann man sich da wehren, im Schlaf? Die Träume kommen und gehen,
wie sie wollen, so kam und ging auch er, jede Nacht, jede ... hat er sich
auf mich gelegt, mir den Mund zugehalten mit seiner widerlichen schuppigen
Hand, daß mir der Gestank den Magen umdrehte. Dann hat er mich gebissen.
Er hat mich gebissen, Ann!"
"Hör
auf, hör auf ...!" Ich umarmte sie fest, noch fester, so fest ich
konnte. Hielt sie an meiner breiten, mütterlichen Brust. Sollte sie
sich ausweinen, diese gräßlichen Phantasien einmal herauslassen.
Manche Leute schreiben, um ihren häßlichen Phantasien Raum zu
geben, Laura mußte es mir erzählen, wahrscheinlich würde
alles danach wieder gut sein, natürlich, morgen früh wäre
es ihr peinlich und mir auch, aber es wäre wieder gut. Wir würden
nicht mehr darüber sprechen, sondern als Freundinnen auseinandergehen,
die ein Geheimnis teilen, wie das so ist. Das ist doch eigentlich etwas
Schönes, oder?
Aber
Laura wollte sich nicht beruhigen, sie schluchzte zwar, aber sprach trotzdem
weiter, abgehackt und zwischen krampfigen Atemzügen.
"Er
hat mich gebissen, in die Brust, Ann. Hier, auf beiden Seiten." Sie zog
mit beiden Händen den Kragen ihres Pullovers herunter, um mir ihre
Brüste zu zeigen. Ich sah in dem flackernden Feuerschein undeutliche
Flecken, die alles mögliche hätten sein können. "Und weißt
du was? Es hat mir gefallen. Es hat mir so gut gefallen, was er mit mir
tat. Es war wie ein Rausch. Niemals hat Charles so etwas mit mir getan.
Charles hat nie gewußt, wo er mich berühren muß. Er weiß
es. Ach, ich schäme mich so. Und ich stinke schon genau wie er, obwohl
ich jeden Morgen bade."
Sie
weinte jetzt, mit dem Kopf an meinem Busen, und ich streichelte ihr den
dünnen, zuckenden Rücken. Wie ein Kind, so klein ist sie, dachte
ich, so hager, so ausgezehrt. Immer noch die dünne Italienergöre
aus dem Internat. Deshalb benützte sie also das gräßliche
Parfum - weil sie sich einbildete zu stinken!
"Das
ist doch alles nur Einbildung", sagte ich, als sie sich etwas beruhigt
hatte und nicht mehr so laut schluchzte. "Laura, du trinkst zu viel, du
und Charles auch. Deine Träume kommen nur von deiner zu regen Phantasie.
Du solltest weniger trinken, dich mehr körperlich betätigen ...
ein bißchen Sport vielleicht ... und wenn du dann auch noch ein Kind
bekämst ..."
"Ein
Kind!" schrie sie, auffahrend. "Ja, ja! Du hast ja recht! Ich bekomme ein
Kind! Aber nicht von Charles, mit dem habe ich schon seit einem Jahr nicht
mehr geschlafen."
Nach
dieser Episode habe ich Laura nicht wiedergesehen. Sie sprang aus ihrem
Sessel auf, rannte hinaus und schmetterte die Türen hinter ihr zu,
und ich saß wie gelähmt in meinem Sessel und konnte mich nicht
entschließen, irgend etwas zu tun. Als ich am nächsten Morgen
nach ihr rief, öffnete sie die Tür ihres Zimmers nicht. Sie sagte
mir durch die geschlossene Tür hindurch, ich solle abreisen - alles
vergessen, wegfahren, sie bloß in Ruhe lassen. Als ich sie zu besänftigen
versuchte, wurde sie heftiger. Gekränkt packte ich schließlich
meine Sachen und fuhr ab.
Auf
dem Weg zum Bahnhof wunderte ich mich, und habe seitdem nicht aufgehört,
mich zu wundern. Was ist mit Laura nur geschehen? Ich kannte das dünne
Mädchen aus dem Internat, das so gern Gespenstergeschichten las, aber
nicht die hysterische junge Frau, die sich erotische Eskapaden mit einem
leprösen Gespenst einbildete. Sie mußte krank sein - aber das
zu beurteilen, lag außerhalb meiner Kompetenz.
Als
meine Gekränktheit nachließ, schrieb ich ihr. Ich wollte mich
bei ihr entschuldigen, wollte sie bitten, mir zu vertrauen, ihr gute Ratschläge
geben, Ärzte empfehlen. Aber sie antwortete nie. Vier oder fünf
Briefe sandte ich an sie, ohne eine Antwort zu erhalten. Dann gab ich es
auf. Wenn sie meine Freundschaft nicht wollte, würde ich sie ihr nicht
aufdrängen.
Wie
es der Zufall wollte, bin ich vor zwei Jahren wieder nach London gekommen.
Es lag nicht an Laura, daß ich dorthin kam. Aber ich konnte es nicht
lassen, das alte Viertel um den Alexander Square herum aufzusuchen, obwohl
ich es besser hätte wissen sollen. Was habe ich mir erhofft, als ich
vor Nr. 6 auf dem steilen Treppchen stand und den Klingelzug fast abriß?
Daß sie herauskommen würde, rundlich, gesund, umgeben von einer
Kinderschar, mich in die Arme schlösse, und alles wäre wieder
gut?
Das
Haus war leer, niemand öffnete meinem Klingeln. Hinter den zerbrochenen
Fensterscheiben wehten die zerschlissenen Fetzen der weißen Rüschengardinen
im Wind. Und wieder war es derselbe Londoner Himmel mit den jagenden, formlosen
Wolkenfetzen, von einem unbarmherzig starken Wind getrieben, zu dem ich
meine Augen hob. Wolken wie willenlose Gespenster.
Bis
ich die alte Dame mit der dreigepunkteten Armbinde und dem Stock sah, die
sich eben anschickte, das Kopfsteinpflaster von Alexander Square zu überqueren.
Ich lief schnell zu ihr hinüber.
"Guten
Tag, Mrs. Myers. Nein, Sie kennen mich nicht, aber ich erinnere mich von
meinem letzten Londonbesuch an Sie. Können Sie mir bitte sagen, was
mit meiner Freundin geschehen ist? Die junge Frau, die mit ihrem Mann in
Nr. 6 wohnte?"
Mrs.
Myers blinzelte ein paarmal mit ihren kurzsichtigen Augen hinter den dicken
Brillengläsern zu mir hoch, bevor sie sich entschied, mit mir
zu sprechen.
"Das
junge Paar, die Gaymores? Ach, die sind schon lange ausgezogen. Wohin?
Das kann ich ihnen nicht sagen. Es waren seltsame Leute, die beiden, sehr
seltsame Leute, nur soviel. Die Frau ist gegen Ende immer nur verschleiert
herumgelaufen, vielleicht ist sie zu einem andern Glauben konvertiert.
Islam oder so etwas. Aber was konnte schon Gutes dabei herauskommen bei
dem Haus, mit dieser Vorgeschichte."
"Bitte
sprechen Sie weiter, Mrs. Myers", bat und drängte ich die alte Dame,
während ich ihr zu ihrem Haus hinüberhalf. "Es ist sehr wichtig
für mich, alles darüber zu erfahren."
"Nun",
krächzte die Greisin mit einem abschätzenden Seitenblick, "was
konnte denn schon Gutes dabei herauskommen, in ein Haus zu ziehen, dessen
früherer Besitzer am Gesicht der Kali gestorben ist? Ja, kennen Sie
denn die Kolonialhistorie nicht? Hatten Sie keinen Unterricht in Geschichte?
Das ist eine indische Krankheit, mein Kind, von der man stinkende, bläulich-violette
Hautschuppungen bekommt ..."
(1997)
©Eddie
M. Angerhuber |