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Eis und Rosen

 Ich tauche auf. Langsam, durch die wolkendichten Schichten der Dunkelheit, krieche ich ans Licht. Die Welt besteht aus wattigen Farben, wohliger Wärme und dem süßen Geschmack des Vergessens - dann erwache ich plötzlich, unvermittelt. Durch die schmalen Ritzen in den Brettern dringen die mannigfaltigen, heißen und kühlen Düfte der Nacht zu mir. Ich atme sie mit starren Nüstern, denn ich brauche lang, um ganz wach zu werden und die Steifheit abzuschütteln. Nur langsam werden meine Glieder beweglich und weich, ich weiß das und biege langsam alle Finger einzeln wie zur Übung. Das Rascheln von Seide ist ein Geräusch, das mich durch die Zeit begleitet und das ich immer geliebt habe. Das Rascheln von Seide ist wie der fast unhörbare Schrei der Fliege im Netz der lauernden Spinne, die kopfüber zu ihrem zappelnden Opfer hinuntersteigt. 

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Laura und ich spazierten durch die Straßen der Nachbarschaft. Es hatte am vorigen Abend keine großen Entgleisungen gegeben, nichts, was man hätte in Bildern festhalten oder mit Worten beschreiben können. Nur diese sonderbare, gereizte Spannung, der unterschwellige Haß. Jetzt, da Charles nicht anwesend war, war Laura viel lockerer und ungezwungener. Und das, obwohl sie sich - ungeschminkt, in einfachen Kleidern und ohne Alkohol getrunken zu haben - wesentlich zurückhaltender benahm als sonst. Tagsüber wirkte sie still, fast traurig. 
Wir flanierten an der Einkaufsstraße des Viertels auf und ab, betrachteten Schaufensterauslagen und plauderten über unwichtige Dinge. Es war nett. Laura kaufte sich eine Flasche Parfum in einem Warenhaus, und mir drängte sie einen kleinen silbernen Ring auf. Ich mußte ihn annehmen, obwohl es mir unangenehm war und ich am liebsten abgelehnt hätte. Was für eine seltsame Geste - einer Schulfreundin, die man zehn Jahre nicht gesehen hat, einen Ring zu schenken. Das roch ja geradezu nach heimlicher Verlobung, wie eine Verschwörung hinter dem Rücken ihres Mannes. 
Sie lud mich auf einen Kaffee ein, und wir saßen hinter der Glasscheibe eines Bistros und beobachteten das Vorbeistreunen der Passanten. Der Kaffee war zu schwach, und ich hatte zu viel Zucker hineingetan. Aber trotzdem fühlte ich mich seltsam wohl auf der Sitzbank dieses schäbigen Cafes in der Einkaufsstraße des verlebten alten Viertels. 
Dieses Viertel hatte bessere Tage gesehen - hatte einmal im Mittelpunkt des Geschehens gestanden. Wichtige Leute hatten hier gewohnt, in noblen Häusern mit guten Adressen. Jetzt war davon nicht mehr viel zu spüren. Der Verfall regierte mit sanfter und unaufdringlicher Hand; wohin man blickte, sah man seine unmißverständlichen kleinen Zeichen. Die schäbigen Markisen vor den Parterrefenstern und die rostigen Eisengitter der Vorgärten sprachen davon. 
"Ich habe dir von einer Gespenstergeschichte erzählt, die ich vor kurzem las", sagte Laura. Sie rührte in ihrem nur noch lauwarmen Kaffee, mit einem Löffel, der nicht zur Tasse paßte. Im Aschenbecher qualmte eine halb aufgerauchte Zigarette unbeachtet vor sich hin. "Glaubst du, daß da was dran ist?" 
"Woran - daß dein Arm abfault, wenn dich ein Gespenst berührt?" fragte ich schmunzelnd zurück. Sie hatte die Frage in leichtem Plauderton geäußert. 
"Nein, an Gespenstern überhaupt. Daß es Gespenster gibt. Glaubst du daran?" 
"Hm, ich weiß nicht, bewiesen worden ist es ja wohl noch nicht so recht." Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. War das ein Trick von ihr, um mich aus der Reserve zu locken? Einer ihrer übermütigen Streiche, die sie mir schon damals immer so gern gespielt hatte - das wendige Italienermädchen und ihre dumme große Freundin? 
"Bewiesen." Sie paffte. "Ach, weißt du, beweisen kann man vieles oder auch gar nichts. Ich glaube weder an die Wissenschaft noch an Magie. Jeder behauptet etwas anderes - Hauptsache, man glaubt daran. Aber ich habe Zweifel, Ann." 
"Zweifel?" 
"Zweifel, an mir, an der Welt, an allem. Zweifel eben, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin mir meiner Sache nicht sicher." Es klang wie: ich bin mir meiner selbst nicht sicher. Der Kaffee hatte Laura offenbar die Zunge gelöst. 
"Laß uns nach Haus gehen, Laura", bat ich. Ich fühlte mich auf einmal nicht mehr wohl in dem Cafe, mir schien die Atmosphäre vergiftet. Die abgewetzten Sitzmöbel, die fleckigen Tischdecken und Vorhänge sprangen mir störend deutlich in den Blick, ich wollte hier nicht mehr sitzen. 
Auf der Straße sprach Laura nicht. Sie sah nachdenklich aus, den Blick teils auf das Pflaster vor ihren Füßen, teils auf den grauen Londoner Himmel gerichtet. Wolken über Wolken, sie zogen fern dahin, langsam wirkend von hier unten, wie riesige, schwerfällige Luftschiffe. Zeppeline, um genau zu sein. Gefüllt mit Wasserstoffgas, das beim geringsten Funken explodieren konnte. 
"Guten Tag, Mrs. Myers." Wohlerzogen grüßte Laura eine der alten Damen aus der Nachbarschaft. Wir befanden uns dicht vor ihrem Haus Alexander Square Nr. 6, das mit halb offenen Gardinen schmalbrüstig in seiner Ecke des Platzes lauerte. Die Greisin, auf ihren Stock mit dem Blindenzeichen gestützt, starrte uns kopfwackelnd hinterher, als wir über das holprige Kopfsteinpflaster hinübergingen. 

Es war nun schon der dritte oder vierte Morgen, an dem ich die unmißverständlichen Geräusche aus dem Badezimmer hörte. Das Badezimmer lag zwischen Lauras und meinem Schlafzimmer auf dem oberen Flur. Wir benützten es für die Zeit meines Besuches gemeinsam; sonst war es wohl ihr allein vorbehalten. Charles hatte sein eigenes auf der anderen Seite. Zuerst hörte ich ein ersticktes Husten und Würgen, kurz darauf das quietschende Drehen des Warmwasserhahns, dann lief das Wasser in die Wanne, langsam und gleichförmig. 
Laura badete jeden Morgen zu unterschiedlicher Zeit, in der ich dann das Badezimmer nicht benutzen konnte. Ich hatte mich darauf eingestellt, nachdem ich die ersten beiden Male etwas ratlos gewesen war. Jetzt wußte ich, daß ich nur auf die andere Seite hinüber zu gehen brauchte, um Charles' Bad zu benützen, da er schon früh morgens zur Arbeit ging und nicht mehr da war, wenn Laura und ich aufstanden. 
Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als ich Laura wieder einmal im Bad husten hörte. Es konnte nicht viele Gründe für ihre allmorgendliche Übelkeit geben; so groß war ihr Alkoholkonsum nun auch wieder nicht. Allerdings würde ich ihr ins Gewissen reden müssen, daß sie das Trinken einschränkte. Schon um des Babys willen. Es würde dem Baby nicht gut tun, wenn sie so weitermachte. 
Später saßen wir zusammen beim Frühstück. Sie aß nicht viel, wie gewöhnlich, trank aber starken Kaffee und rauchte. Alles in allem ziemlich ungesunde Angewohnheiten für eine werdende Mutter. Ich sagte ihr dies ein wenig verschleiert, durch die Blume. Laura sah mich fassungslos an, dann drückte sie die Zigarette aus. "Ich bin nicht schwanger, Ann. Wie kommst du denn darauf?" 
"Nun, ich dachte ... ich habe dich im Bad gehört." 
"Ach so, das. Ich habe einen empfindlichen Magen. Das ist alles. Hatte ich schon immer, das weißt du doch. Schon im Internat, da vertrug ich keine grünen Paprika. Erinnerst du dich nicht, wie es mir ging, wenn ich grüne Paprika essen mußte?" 
Es war wieder der Plauderton, aber ich hörte eine versteckte Unsicherheit, eine krampfhaft kaschierte Angst in ihrer Stimme. Oder vielleicht war es auch gar nicht der Klang ihrer Stimme, sondern etwas anderes, Feinstofflicheres, das ich lediglich spüren konnte. Mit weiblicher Intuition, wie man so schön sagt. 
"Also lassen wir das Thema. Was willst du heute machen? Hast du schon etwas bestimmtes vor?" 

Wir verbrachten den Tag damit, in den Parks der Umgebung herumzustreifen. Das Viertel war erstaunlich voll von Parks, was für mich eine erfreuliche Tatsache und Neuentdeckung darstellte. Ich liebe alte Parks, ihre knirschenden gewundenen Kieswege, die mächtigen dunklen Bäume, unter denen es sogar im Hochsommer kühl ist und deren Zweige sich über dem Weg berühren, so daß man hinter den geschlossenen Augenlidern das rotgelbe Muster der Sonnenflecken sehen kann, die durch das Blätterdach fallen. 
Laura zeigte mir eine versteckte Sitzbank in einer Nische am Rand eines Kinderspielplatzes, die von dichten Buchenhecken umschlossen und vor Blicken geschützt war. Hier hatte sie schon oft gesessen und gelesen, nur von fern dem Kindergeschrei gelauscht, das ihr eine Ahnung von menschlicher Anwesenheit gab, die Versicherung, nicht allein auf der Welt zu sein. Überhaupt schien Laura Angst vor dem Alleinsein zu haben. Was auch immer der wirkliche Grund für die Einladung an mich gewesen sein mochte - ihre Angst vor dem Alleinsein spielte sicherlich eine Rolle dabei. Ich glaubte längst nicht mehr an die Geschichte von der alten Schulfreundin, die man so gerne wiedersehen will und extra dafür von weither anreisen läßt. 
Ob es etwas mit Charles zu tun hatte? Sicherlich, die beiden schienen irgend eine mir unbekannte, untergründige Feindseligkeit gegeneinander zu hegen, über die Laura nicht mit mir sprechen wollte. Aber ob sie mich deswegen gleich zu Hilfe holen mußte? Konnte sie sich allein gegen ihren Mann nicht durchsetzen? Hatte sie das Gefühl, er bedrohe sie? Diese Idee schien mir außerordentlich absurd. Sicher, Charles war oberflächlich und neigte nicht zu schwermütigem Philosophieren wie Laura. Vielleicht vermißte sie diese geistige Verwandtschaft in ihm. Aber er wirkte auf mich nicht wie der Typ Mann, der einer Frau Gewalt antut. 
Laura und ich saßen einige Stunden lang auf der Bank in der Laube, dann sagte sie mir, daß Charles übers Wochenende wegfahren mußte, nach Salisbury. Dienstlich. Das traf sich gut, war doch ich gerade da. So konnten wir noch mehr zusammen unternehmen. Vielleicht ins Kino gehen? Einmal nicht kochen, sondern sich ohne Mann amüsieren? Der Einfall klang grandios. Auch sie schien sich darauf zu freuen. Wir gingen lachend nach Hause, wo wir feststellten, daß Charles schon weg war. 
Auf dem Telefontischchen in der Halle lag ein Zettel von ihm. "Tut mir leid, Liebes, Merrick besteht darauf, daß ich schon den 5:35-Zug nehme. Langweilt euch nicht zu sehr ohne mich. Wir sehen uns am Montag. Kuß, Charles." 
Eine ganz normale, alltägliche Botschaft, aber Lauras Gesicht nahm einen leichten Graustich an, als sie den Zettel nachdenklich zu einer winzigen Revolverkugel zusammenknüllte. 

Wir gingen nicht ins Kino. Tatsächlich hatte Laura doch mehr Lust, zu Hause zu essen. Sie bestand darauf, alles alleine zu machen, so daß ich in meinem Zimmer warten mußte, bis sie mich rief. Ich vertrieb mir die Zeit mit Lesen, fühlte mich aber unruhig dabei. Das konnte nicht daran liegen, daß Charles nicht im Haus war. Wovor sollten wir uns schon fürchten? Was sollte uns ohne ihn zustoßen? Schließlich gab es Türketten und Sicherheitsschlösser - und wir lebten ja auch nicht mehr im Mittelalter,  nicht einmal im viktorianischen. 
Jeder Winkel, jede Ecke des Hauses erinnerte an die unselige Zeit, der es entstammte. Es war eine Zeit gewesen, in der Männer wie Jack The Ripper durch die nebligen Straßen strichen und eine Frau wirklich ihrer Haut nicht sicher war, wenn sie das Haus zu "unschicklicher" Stunde verließ. Was für Zeiten! Die Moderne hat doch ihre unbestreitbaren Vorteile, auch wenn es immer wieder Leute geben soll, die von der "guten alten Zeit" träumen, ja sich sogar dahin zurückwünschen. Mir sind diese Gedanken immer ein Greuel gewesen, ich schätze die Freiheiten und Möglichkeiten, welche die Moderne meinem Geschlecht bietet. 
Das Buch, in dem ich las, war nicht dazu angetan, mich zu beruhigen. Ein grausamer Psychothriller von Patricia Highsmith, in dem die Autorin mit skalpellartiger Feinsinnigkeit schichtweise die psychische Verfassung ihrer Protagonisten entblätterte. Das Ding machte mich nervös, und ich zuckte zusammen, als ich Laura rufen hörte. 
"Komm runter! Essen ist fertig. Es gibt Filetsteaks mit Pilzen." 
Sie schien geradezu gierig nach dem rötlichen Blutsaft, der aus den blau gebratenen Stücken austrat. Akribisch tunkte sie alles mit ihrer Gabel voll Kartoffelbrei auf, leckte jeden Tropfen vom Teller. Ich sah ihr beim Essen zu, befremdet von der Gier, die sie an den Tag legte. Sie hatte niemals den Geschmack von Blut gemocht. Ob sie nicht doch ...? Man weiß doch von den merkwürdigen Vorlieben der Schwangeren. Sie stritt es mir gegenüber gewiß nur ab, wollte es nicht zugeben. Vielleicht wünschte sie keine Einmischung. Ich würde ja sowieso bald wieder abreisen - mag sein, sie wollte einfach vermeiden, daß das Gesprächsthema für den Rest meiner Anwesenheit unweigerlich immer wieder auf das Baby gelenkt würde. Es kränkte mich ein wenig, wie wenig sie mir vertraute. Aber diese Kränkung war nicht schlimm, nur ein winziger Stich, der sich sofort wieder verflüchtigte und nur eine zarte Erinnerung hinterließ. 
Sie hatte getrunken, ich bemerkte es während des Essens. Schon als sie mich herunterrief, um genau zu sein. Sie mußte beim Kochen bereits einige Gläser von dem Wein geleert haben, der auf dem Tisch stand, ein Nobile di Montepulciano, dunkelrot und gefährlich. Als wir mit dem Essen zu Ende waren, bestätigte sich mein Verdacht. Anstatt sie zu ernüchtern, hatte das reichhaltige und schwere Essen Lauras Trunkenheit verstärkt, wie es manchmal vorkommt, wenn Wein an der Soße ist. 
Lauras dunkelblauer Pullover wies bereits einige kleine Flecken auf, als wir uns zusammen vor den Kamin setzten. 
So dicht in ihrer Nähe, angeheizt durch das Kaminfeuer, stieg mir die überwältigende Wolke ihres viel zu süßen Parfums in die Nase. Es war so stark, daß ich, auf die Gefahr hin, sie zu verletzen, etwas von ihr abrücken mußte. Ich konnte den Geruch kaum ertragen - den Kopf zur Seite drehend, schnappte ich hinter dem Sofa Luft. 
"Nun, was wollen wir noch anfangen mit dem angebrochenen Abend?" Laura schien wieder extrem lustig zu sein, sie gab sich aufgeräumt, lächelte mit starren, wie graviert wirkenden Wangengrübchen. Ihre Augen lächelten nicht mit. Sie waren dunkel und melancholisch hinter dem dichten Wald ihrer langen schwarzen Wimpern. 
Mit einemmal erkannte ich, daß Laura sehr leidend aussah. Wahrscheinlich hatte sie vom ersten Augenblick an so ausgesehen - aber ich hatte es nicht bemerkt, war auf ihre Maske hereingefallen, egoistisch nur darauf bedacht gewesen, mir meinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich war erschrocken über diese Feststellung, hatte jedoch nicht den Mut, etwas zu äußern. Statt dessen überließ ich die Wahl, was sie an diesem Abend anzufangen gedachte, Laura. 
"Laß uns hier sitzen und plaudern, Ann, wenn es dir recht ist. Ich fühle mich heute nicht besonders gut - ich bekomme meine Tage, weißt du." 
Das war eine so krasse Lüge, daß mir das Blut ins Gesicht schoß. Ich wußte, daß sie schwanger war. Warum log sie mich an? Vorsichtig begann ich: "Du brauchst mir gegenüber nicht so furchtbar argwöhnisch zu sein. Ich würde mich niemals in deine Angelegenheiten einmischen, Laura. Kannst du dich nicht erinnern? Ich war noch nie so. Du hast mir doch immer vertraut." 
Sie lächelte schmerzlich, den einen Mundwinkel höher gezogen als den anderen. Ihr Gesicht glich so sehr einer traurigen Pierrotmaske, daß mir der Schluck Wein fast im Hals steckenblieb. Mit Gewalt das heiße Gefühl der Peinlichkeit niederkämpfend, das in meiner Brust brannte, schluckte ich. Wir starrten aneinander vorbei ins Feuer. 
"Du hast dich bestimmt gewundert, warum die rote Kordel oben vor der Treppe hängt", sagte sie plötzlich in den Raum hinein. "Das ist, damit niemand dort hinaufgeht." 
Ich äußerte Unverständnis. "Ist der Dachboden baufällig?" 
Laura lachte. "Nein, daran liegt es nicht. Er ist ganz in Ordnung. Aber ich war mal da oben, ganz am Anfang, als wir hierher zogen." 
Sie trank mit tiefen Schlucken und blickte versonnen in ihr Glas, in dem der Wein in violetten Reflexen funkelte. Ich tat es ihr gleich. 
"Es ist ein ganz normaler Dachboden, wie ihn bestimmt jedes viktorianische Haus hat. Schräge Wände, Pfeiler, Kamine gehen hindurch. Er war natürlich voller Gerümpel, genau wie du dir das vorstellst. Alte Schränke, Truhen, Kleider. Lauter wertloser, verrotteter alter Mist." 
"Bitte erzähl weiter", sagte ich, "das klingt wirklich spannend." Als gäbe sie eine Gespenstergeschichte zum Besten. Obwohl Laura kurz zögerte, beschloß sie nach einem forschenden Blick in mein Gesicht, weiterzusprechen. 
"In der hintersten Ecke habe ich etwas Komisches gefunden. Das heißt, es war gar nicht komisch, eher seltsam. Merkwürdig wäre das richtige Wort. Ein Bett, ein altes Bettgestell aus Messing, noch bezogen, mit Kissen darauf. Sie waren natürlich schmutzig, voller Staub. Und das Ding stank widerlich." 
Ein Schauder durchlief Laura; sie schüttelte sich bei der Erinnerung an das, was sie gerochen hatte. "Der Gestank war so durchdringend und bestialisch, daß mir jetzt noch schlecht wird, wenn ich nur daran denke. Aber ich ging näher heran, weil ich so furchtbar neugierig war." 
Sie zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief, was ihr gegen die Übelkeit zu helfen schien. "Als ich dicht davor stand, sah ich in dem Licht aus der Dachluke direkt darüber, daß das Bett bedeckt war mit einer Art Schneeflocken. Es waren weißliche, vertrocknete Flocken, wie Fischschuppen oder diese Styroporchips, mit denen man Elektrogeräte verpackt." 
"Fischschuppen?" Ich schmunzelte ungläubig, zog meinerseits an meiner Zigarette. "Und weiter? Woher kamen sie? Hast du herausgefunden, was es war?" 
"Pst", sagte Laura und hob den Finger. Ihr Gesicht sah ganz abwesend aus, fahl und glänzend von Schweiß. "Als ich heranging und mich über das Bett beugte, wurde der Gestank so stark, daß mir davon übel wurde. Ich taumelte, mir wurde schwarz vor den Augen. Aber bevor ich fiel, hatte ich den Eindruck, ein Mann beuge sich über mich. Ein großer Mann mit langen Haaren und einem langen Bart und schwarzen, brennenden Augen." 
Ich wollte etwas sagen, aber sie wehrte mit einer Geste ihrer Hand ab. "Erinnerst du dich an die alte Frau, die ich auf der Straße gegrüßt habe? Mrs. Myers?" fragte sie nach einer ganzen Weile. 
Sicher, ich erinnerte mich an sie. 
"Diese alten Klatschbasen sind zu nichts anderem gut, als einem das Leben schwer zu machen, wenn man neu in so ein Viertel zieht. Aber sie hat mir doch ein paar ganz interessante Anekdoten über den vorigen Besitzer dieses Hauses erzählt - den mysteriösen Unbekannten, du weißt schon." 
Das Sprechen fiel Laura schwer, aber sie hielt sich an ihrem Weinglas fest. Ich gebe zu, daß ein Teil Berechnung in meiner Geste lag, als ich ihr großzügig aus der halbvollen Flasche nachschenkte. Ich wollte nun endlich hören, was es mit all dem auf sich hatte. 
"Er muß ein sehr sonderbarer Mann gewesen sein. Wie so viele andere seiner Ära war er in Indien gewesen und hatte sich von dort wohl ein Andenken ganz besonderer Art mitgebracht." Sie lachte in bitterem Tonfall, der ein kleines rauhes Krächzen in ihrer Kehle verursachte; ein unangenehmes Geräusch. 
"Ich habe seltsame Träume, in der Nacht. Fast jede Nacht, seitdem ich auf dem Dachboden war. Zuerst waren es nur die Kleider, die in meinem Zimmer durcheinander gerieten. Wenn ich etwas am Abend auf die Stuhllehne hängte, lag es am Morgen auf dem Boden oder war verschwunden. Einmal verschwand ein seidenes Halstuch, das ich nie wieder gefunden habe. Aber am schlimmsten ist der Gestank, wenn ich morgens aufwache - der Gestank, der mein Zimmer erfüllt." 
Ich bewegte mich unruhig in meinem Sessel, der mir plötzlich sehr unbequem erschien. Ich wußte nicht, ob ich über diese Geschichte lächeln oder beunruhigt sein sollte. Was phantasierte Laura mir da vor? Es lag bestimmt wieder am Wein - das verdammte Zeug, das sie in so großer Menge in sich hineinschüttete. 
"Der Gestank in meinem Zimmer am Morgen, Ann, er ist so stark, daß ich mich davon erbrechen muß. Du hast dich gewundert, ob ich schwanger bin. Ich bin es nicht, nein, es liegt nur an dem widerlichen Gestank!" 
Als sie aufseufzte, fiel ein großer Spritzer Wein auf ihr Knie, aber sie merkte es nicht, sondern sprach, das Glas mit beiden Händen vors Gesicht haltend, weiter. 
"Aber das ist nicht alles, Ann. Das ist bei weitem noch nicht alles. Das Beste kommt erst noch, warte nur, du wirst mich für verrückt erklären, wenn ich es dir erzähle. Du wirst glauben, deine alte Laura sei total verrückt geworden in diesem alten Gemäuer, daß sie dir solche Geschichten erzählt. Du wirst Charles recht geben, der mich deswegen verspottet." 
Ihre Augen waren leer und in eine unbestimmbare Ferne gerichtet, aber sie sprach weiter, ohne auf mich zu achten, wobei der Wein in ihrem Glas auf- und ab, hin- und her schwappte wie ein absurder Pegelmesser für den Grad ihres imaginierten Wahnsinns. 
"Er ist zu mir gekommen, der Mann mit dem schwarzen Bart. Ich habe ihn nur im Mondlicht gesehen, denn er würde sich hüten, eine Lampe anzuzünden. Seine langen Haare und sein Bart sind schwarz, aber haben schon graue Strähnen. Seine Augen brennen, unersättlich. Was für unersättliche, widerliche, grausame Augen!" 
"Laura!" Ich hatte rasch den Arm gehoben, um ihn um ihre Schulter zu legen, da sie mir den Tränen nahe schien. Verdammter Wein, verdammter ...! 
"Laß mich! Jetzt will ich dir alles erzählen, wo ich schon so weit gegangen bin. Jetzt sollst du alles wissen, und dann kannst du zu Charles rennen, der mich auch schon deswegen verachtet. Er hat mich vergewaltigt, der Mann mit dem Bart. Sein Körper ist ganz bedeckt mit Hautschuppen, bläulich-violett, wie ein Fisch. Eine Krankheit, habe ich mir gedacht, eine gräßliche stinkende Krankheit, die er aus Indien mitgebracht hat. Ich habe ihn gehaßt, Ann. Ich konnte mich nicht wehren - ich habe ja geschlafen, nicht wahr? Wie kann man sich da wehren, im Schlaf? Die Träume kommen und gehen, wie sie wollen, so kam und ging auch er, jede Nacht, jede ... hat er sich auf mich gelegt, mir den Mund zugehalten mit seiner widerlichen schuppigen Hand, daß mir der Gestank den Magen umdrehte. Dann hat er mich gebissen. Er hat mich gebissen, Ann!" 
"Hör auf, hör auf ...!" Ich umarmte sie fest, noch fester, so fest ich konnte. Hielt sie an meiner breiten, mütterlichen Brust. Sollte sie sich ausweinen, diese gräßlichen Phantasien einmal herauslassen. Manche Leute schreiben, um ihren häßlichen Phantasien Raum zu geben, Laura mußte es mir erzählen, wahrscheinlich würde alles danach wieder gut sein, natürlich, morgen früh wäre es ihr peinlich und mir auch, aber es wäre wieder gut. Wir würden nicht mehr darüber sprechen, sondern als Freundinnen auseinandergehen, die ein Geheimnis teilen, wie das so ist. Das ist doch eigentlich etwas Schönes, oder? 
Aber Laura wollte sich nicht beruhigen, sie schluchzte zwar, aber sprach trotzdem weiter, abgehackt und zwischen krampfigen Atemzügen. 
"Er hat mich gebissen, in die Brust, Ann. Hier, auf beiden Seiten." Sie zog mit beiden Händen den Kragen ihres Pullovers herunter, um mir ihre Brüste zu zeigen. Ich sah in dem flackernden Feuerschein undeutliche Flecken, die alles mögliche hätten sein können. "Und weißt du was? Es hat mir gefallen. Es hat mir so gut gefallen, was er mit mir tat. Es war wie ein Rausch. Niemals hat Charles so etwas mit mir getan. Charles hat nie gewußt, wo er mich berühren muß. Er weiß es. Ach, ich schäme mich so. Und ich stinke schon genau wie er, obwohl ich jeden Morgen bade." 
Sie weinte jetzt, mit dem Kopf an meinem Busen, und ich streichelte ihr den dünnen, zuckenden Rücken. Wie ein Kind, so klein ist sie, dachte ich, so hager, so ausgezehrt. Immer noch die dünne Italienergöre aus dem Internat. Deshalb benützte sie also das gräßliche Parfum - weil sie sich einbildete zu stinken! 
"Das ist doch alles nur Einbildung", sagte ich, als sie sich etwas beruhigt hatte und nicht mehr so laut schluchzte. "Laura, du trinkst zu viel, du und Charles auch. Deine Träume kommen nur von deiner zu regen Phantasie. Du solltest weniger trinken, dich mehr körperlich betätigen ... ein bißchen Sport vielleicht ... und wenn du dann auch noch ein Kind bekämst ..." 
"Ein Kind!" schrie sie, auffahrend. "Ja, ja! Du hast ja recht! Ich bekomme ein Kind! Aber nicht von Charles, mit dem habe ich schon seit einem Jahr nicht mehr geschlafen." 

Nach dieser Episode habe ich Laura nicht wiedergesehen. Sie sprang aus ihrem Sessel auf, rannte hinaus und schmetterte die Türen hinter ihr zu, und ich saß wie gelähmt in meinem Sessel und konnte mich nicht entschließen, irgend etwas zu tun. Als ich am nächsten Morgen nach ihr rief, öffnete sie die Tür ihres Zimmers nicht. Sie sagte mir durch die geschlossene Tür hindurch, ich solle abreisen - alles vergessen, wegfahren, sie bloß in Ruhe lassen. Als ich sie zu besänftigen versuchte, wurde sie heftiger. Gekränkt packte ich schließlich meine Sachen und fuhr ab. 
Auf dem Weg zum Bahnhof wunderte ich mich, und habe seitdem nicht aufgehört, mich zu wundern. Was ist mit Laura nur geschehen? Ich kannte das dünne Mädchen aus dem Internat, das so gern Gespenstergeschichten las, aber nicht die hysterische junge Frau, die sich erotische Eskapaden mit einem leprösen Gespenst einbildete. Sie mußte krank sein - aber das zu beurteilen, lag außerhalb meiner Kompetenz. 
Als meine Gekränktheit nachließ, schrieb ich ihr. Ich wollte mich bei ihr entschuldigen, wollte sie bitten, mir zu vertrauen, ihr gute Ratschläge geben, Ärzte empfehlen. Aber sie antwortete nie. Vier oder fünf Briefe sandte ich an sie, ohne eine Antwort zu erhalten. Dann gab ich es auf. Wenn sie meine Freundschaft nicht wollte, würde ich sie ihr nicht aufdrängen. 
Wie es der Zufall wollte, bin ich vor zwei Jahren wieder nach London gekommen. Es lag nicht an Laura, daß ich dorthin kam. Aber ich konnte es nicht lassen, das alte Viertel um den Alexander Square herum aufzusuchen, obwohl ich es besser hätte wissen sollen. Was habe ich mir erhofft, als ich vor Nr. 6 auf dem steilen Treppchen stand und den Klingelzug fast abriß? Daß sie herauskommen würde, rundlich, gesund, umgeben von einer Kinderschar, mich in die Arme schlösse, und alles wäre wieder gut? 
Das Haus war leer, niemand öffnete meinem Klingeln. Hinter den zerbrochenen Fensterscheiben wehten die zerschlissenen Fetzen der weißen Rüschengardinen im Wind. Und wieder war es derselbe Londoner Himmel mit den jagenden, formlosen Wolkenfetzen, von einem unbarmherzig starken Wind getrieben, zu dem ich meine Augen hob. Wolken wie willenlose Gespenster. 
Bis ich die alte Dame mit der dreigepunkteten Armbinde und dem Stock sah, die sich eben anschickte, das Kopfsteinpflaster von Alexander Square zu überqueren. Ich lief schnell zu ihr hinüber. 
"Guten Tag, Mrs. Myers. Nein, Sie kennen mich nicht, aber ich erinnere mich von meinem letzten Londonbesuch an Sie. Können Sie mir bitte sagen, was mit meiner Freundin geschehen ist? Die junge Frau, die mit ihrem Mann in Nr. 6 wohnte?" 
Mrs. Myers blinzelte ein paarmal mit ihren kurzsichtigen Augen hinter den dicken Brillengläsern zu mir hoch, bevor sie sich entschied, mit  mir zu sprechen. 
"Das junge Paar, die Gaymores? Ach, die sind schon lange ausgezogen. Wohin? Das kann ich ihnen nicht sagen. Es waren seltsame Leute, die beiden, sehr seltsame Leute, nur soviel. Die Frau ist gegen Ende immer nur verschleiert herumgelaufen, vielleicht ist sie zu einem andern Glauben konvertiert. Islam oder so etwas. Aber was konnte schon Gutes dabei herauskommen bei dem Haus, mit dieser Vorgeschichte." 
"Bitte sprechen Sie weiter, Mrs. Myers", bat und drängte ich die alte Dame, während ich ihr zu ihrem Haus hinüberhalf. "Es ist sehr wichtig für mich, alles darüber zu erfahren." 
"Nun", krächzte die Greisin mit einem abschätzenden Seitenblick, "was konnte denn schon Gutes dabei herauskommen, in ein Haus zu ziehen, dessen früherer Besitzer am Gesicht der Kali gestorben ist? Ja, kennen Sie denn die Kolonialhistorie nicht? Hatten Sie keinen Unterricht in Geschichte? Das ist eine indische Krankheit, mein Kind, von der man stinkende, bläulich-violette Hautschuppungen bekommt ..." 

(1997) 
 

©Eddie M. Angerhuber