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Eis und Rosen

 Ich tauche auf. Langsam, durch die wolkendichten Schichten der Dunkelheit, krieche ich ans Licht. Die Welt besteht aus wattigen Farben, wohliger Wärme und dem süßen Geschmack des Vergessens - dann erwache ich plötzlich, unvermittelt. Durch die schmalen Ritzen in den Brettern dringen die mannigfaltigen, heißen und kühlen Düfte der Nacht zu mir. Ich atme sie mit starren Nüstern, denn ich brauche lang, um ganz wach zu werden und die Steifheit abzuschütteln. Nur langsam werden meine Glieder beweglich und weich, ich weiß das und biege langsam alle Finger einzeln wie zur Übung. Das Rascheln von Seide ist ein Geräusch, das mich durch die Zeit begleitet und das ich immer geliebt habe. Das Rascheln von Seide ist wie der fast unhörbare Schrei der Fliege im Netz der lauernden Spinne, die kopfüber zu ihrem zappelnden Opfer hinuntersteigt. 

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Das Gesicht der Kali


Eddie M. Angerhuber


Als ich mit dem altmodischen Bummelzug die Vororte Londons durchquerte, war ich doch ziemlich aufgeregt. Das lag nicht allein an der Stadt, die ich besuchte. Das Wiedersehen mit Laura war dafür verantwortlich, daß ich mich so kribbelig-euphorisch fühlte, fast als treffe ich einen alten Liebhaber nach Jahren der Trennung. Sie war meine beste Schulfreundin in jenem Schweizer Internat gewesen, in dem wir beide fünf verzweifelte Jahre lang festsaßen. Sie hatte mir in den Stunden der Not zur Seite gestanden - und ich ihr. Wir hatten ein Zimmer und eine Menge von Geheimnissen geteilt, die für niemanden von Bedeutung waren außer für uns. Kurzum: wir waren typische Backfische gewesen, nichts Besonderes. Und so war es auch nichts Besonderes, daß wir uns aus den Augen verloren, trotz der Treueschwüre und dem Austausch der Adressen, als wir die Schule verließen. Unsere Wege hatten sich getrennt, wie das die Wege der Menschen meistens früher oder säter tun. 
Ich war nach Berlin gegangen, um zu studieren, und Laura nach London. So viel wußte ich noch von ihr. Zwei-, dreimal hatten wir einander geschrieben, jene kurzen und gehetzten Studentinnenbriefe auf sonnenblumengelbem und hellblauem Papier, mit Kugelschreiber hingekritzelt, weil man Füllfederhalter und Tinte für altmodisch hielt. 
Später kommt die Vorliebe für diese schönen Dinge dann oft wieder, und plötzlich stört man sich nicht mehr so sehr an den Konventionen. Vielleicht stellt so etwas jeder Mensch früher oder später an sich selbst fest. Es ist fast, als nütze sich der Drang nach Individualismus mit den Jahren ab, bis man sich am Schluß mit Mitte Dreißig wiederfindet als einen scheinbar angepaßten, jeglicher Wildheit und Spleens entbehrenden Menschen. Aber das ist nur die Oberfläche der Dinge. Der Blick in darunterliegende Bereiche ist oft verschleiert und gibt die Wahrheit erst in außergewöhnlichen Situationen preis. 
Der Vorortzug brachte mich zu einem Bahnhof, dessen Namen ich vergessen habe. Nun war ich noch niemals gut im Merken von Bahnhofsnamen: viel eher bleiben mir die flüchtigen, kleinen Dinge im Gedächtnis, die sich an einem solchen Ort abspielen mögen. Rauch über den staubigen Dächern, der durchdringende Geruch der heißen Maschine. Der Anblick des Himmels, zu dem man nur ganz flüchtig, einen Augenblick lang, aufschaut - eine zerrissene schmutzigblaue Fläche, über die scharfgeränderte Wolkenfetzen jagen. 
Genau so war der Himmel an dem Septembernachmittag, als ich zu Laura nach London fuhr. Sie hatte mich eingeladen, sie in ihrem neuen Haus zu besuchen. Alles war nur durch Zufall zustande gekommen: gemeinsame Bekannte auf einer langweiligen Party, über die man wieder in Kontakt kam. "Was - Sie kennen Laura Winter? Wie, sie heißt jetzt nicht mehr Winter? Sie hat geheiratet? Kennen Sie ihre Adresse?" 
Ja, Laura hatte geheiratet. Einen Burschen namens Charles Gaymore, den ich nicht kannte. Und die oberflächliche Zufallsbekanntschaft auf der Party brachte mich in den Besitz von Laura und Charles Gaymores Londoner Adresse. 
Ich kannte das Viertel nicht, in dem sie ein viktorianisches Haus an einem jener kleinen quadratischen Plätze bezogen hatten, über die schon Conan Doyle seinen Helden Holmes eilen ließ. Es mußte ein altes Viertel sein, das früher gewiß sehr nobel gewesen war, eine bessere Adresse, genau richtig für eine junge Ehefrau aus gutem Hause. Heute war von der ehemaligen Noblesse nicht mehr viel übrig geblieben. Die Straßen, durch die mich das Taxi brachte, wirkten auf seltsame Art authentisch, von Industrieabgasen geschwärzt, im Alter ergraut. Obwohl die Häuser gut in Schuß waren und offenbar gepflegt wurden, fehlte ihnen der gewisse frische Anstrich, der alte Häuser in neuer Pracht erstrahlen lassen soll und dabei doch oft nur albern und aufgesetzt wirkt, wie eine bunte Maske auf einem müden Gesicht. 
"Alexander Square, Madam. Hier sind wir." Der Taxifahrer verließ mich, nachdem ich ihn entlohnt hatte. Ich stand am Rande eines kleinen quadratischen Platzes. Holpriges Kopfsteinpflaster, windschiefe Schmiedeeisenzäune und ein paar zerfleddert wirkende, in der lichtlosen Atmosphäre vor sich hin kümmernde Ahornbäume gaben ihm eine Aura, die an jene überbelichteten, von Trockeneisnebeln durchwallten RKO-Gruselfilme aus den vierziger Jahren erinnerte. Eine sanfte Heldin in viktorianischem Kleid, gequält und geschunden von ihrem besitzgierigen, wahnsinnigen Ehemann, mußte hinter jedem dieser spitzenvorhangverzierten Fenster leiden, in blasser Anmut stumm die Hände ringen. Ich gestehe, der Blick, mit dem ich über die erwähnten Fensterreihen strich, muß etwas argwöhnisch gewirkt haben. 
Auf der anderen Seite des Platzes war das Haus Nummer 6, die Adresse, die Laura mir in ihrem letzten Brief mit der Aufforderung, ein paar Wochen zu Besuch zu kommen, genannt hatte. Ein Haus, das genau den anderen in der engen Straße glich: schmalbrüstig, altersgrau, mit hohen schlanken Schornsteinen und Fenstern und einer steilen Treppe, die zwischen eisernen Geländern zur Tür hinaufführte. 
Oben auf dem Dach eines der kleinen Türmchen war doch tatsächlich ein Wetterhahn angebracht. Der Anblick dieses rostigen Artefakts gegen den unfreundlichen Septemberabendhimmel und die Gewalt, mit welcher der Wind die Wolkenfetzen vor sich herjagte, erfüllte mich mit einem ersten Anflug von Zweifel, warum ich überhaupt hierher gekommen war. Ich fühlte die Atmosphäre unterdrückter Depression und Lethargie, die der Alexander Square und vor allem dieser Wetterhahn ausströmten. 

"Ann, Liebes!" Laura schloß mich herzlich in ihre Arme. Ihr Lächeln schwebte in dem warmen gelblichen Licht der altmodischen Lampen dicht vor mir. Ich erkannte dieses Gesicht, vor dem ich eine solche Angst gehabt hatte, es könne mir fremd erscheinen. Das waren Lauras Augen, immer noch genau so tiefbraun und südländisch wirkend, mit ihren schweren dunklen Lidern, den überlangen Wimpern. Das selbe Lächeln, das in der linken Wange zwei und in der rechten ein Grübchen erzeugte. 
"Laura!" 
"Komm herein, es ist großartig, daß du da bist." Mit freundlicher Bestimmtheit faßte sie mich unter den Arm. Es war ein schönes Gefühl, so sonderbar vertraut, in diesem heimeligen Zimmer mit den geschmackvoll arrangierten Möbeln und der Wärme des Kamins zu sein, in dem ein Feuer brannte. Entzückt ging ich darauf zu, hielt die Hände über die Flammen. Als ich mich zu Laura umdrehte, sah ich ihr blasses Gesicht mit einem glücklichen Ausdruck glühen. 
"Komm, Ann. Ich helfe dir dein Gepäck hinauftragen. Du bekommst ein wirklich gemütliches Zimmer." 

Sie hatte nicht zuviel versprochen. Das Zimmer ging nach hinten hinaus, es war ziemlich klein, aber stilvoll eingerichtet, mit einem Set polierter Mahagonimöbel, wie sie zur Zeit Queen Victorias so sehr in Mode gewesen waren. 
"Oh, all die wunderbaren alten Möbel. Habt ihr die mitgekauft?" 
"Ja, glücklicherweise mußten wir nicht allzu viel herumrennen und in Antik-Shops suchen." Laura strich mit einer liebevollen Geste über die Lehne eines rotsamtenen Lesesessels, der vor den Kamin gerückt war. "Diese alten Dinge sind so schön, Ann. Nicht wahr? Sie haben Seele, sie sind voller Erfahrungen. Wer weiß, was diese Möbel schon alles gesehen haben. Wer schon in diesem Bett gelegen hat, wie viele Leute dort geboren wurden und gestorben sind." 
Ihr Blick war leer geworden, starr auf das mächtige Himmelbett mit dem Brokatbaldachin gerichtet. Blutlos erschien mir ihr Gesicht, jetzt, da nicht mehr das rosige Licht der rötlichen Lampenschirme unten im Wohnzimmer darauf fiel. Nicht daß ihre Wangen hohl gewesen wären oder so etwas, aber ihre Haut war blaß und hatte einen seltsam feuchten Schimmer. 
"Geht's dir auch wirklich gut, Laura?" 
Freundlich wehrte sie meine Hand ab. 
"Aber natürlich, Liebes. Komm, wir gehen runter, Charles muß bald da sein. Wenn wir uns beeilen, können wir noch in Ruhe zusammen vor dem Kaminfeuer einen Martini trinken, und du erzählst mir, wie die Reise war." 

Die Reise war, abgesehen von dem letzten Stück Bahnfahrt nach London, nicht besonders aufregend verlaufen. Die Fahrt über den Kanal, der herbstlich-unfreundlich und kalt wirkte, mit steifen, blaugrauen Wellen, die gar nicht wie Wasser aussahen, sondern wie erstarrte Faltenwürfe aus Metall. 
"London ist ganz anders als Berlin." Diese nicht sehr geistreiche Feststellung brachte Laura zum Lachen. Überhaupt lachte sie viel. Sie wirkte fröhlich und entspannt, der Alkohol tat sicherlich das seinige dazu. Das fließende rostrote Wollkleid, das sie trug, stand ihr gut und unterstrich die Wirkung einer glücklich Jungverheirateten, die auf ihren Gatten wartet, der jeden Augenblick von der Arbeit heimkommen muß. 
"Was macht dein Charles gleich noch? Du hast es mir geschrieben, nicht wahr?" 
"Er ist Architekt." Laura beschrieb mit der Hand und ihrem Glas, in dem die bernsteinfarbene Flüssigkeit bedenklich schwappte, eine Rundumgeste durch das Zimmer. "Seinem Job verdanken wir dieses Haus. Ohne seine Beziehungen hätten wir es bestimmt nicht gefunden. Es ist authentisch, weißt du, Ann." 
Ich nickte, nippte von meinem Martini, der zu stark war und penetrant nach Alkohol schmeckte. 
"Es gefällt dir, nicht wahr? Unser Haus? Die Nummer 6 am Alexander Square!" Sie lachte, den Kopf in den Nacken geworfen. Etwas von dem Martini schwappte aus ihrem Glas auf ihr Kleid, aber sie bemerkte es nicht. 
"Es ist ein schönes Haus, Laura. Ihr habt wirklich Glück gehabt. Viele Leute würden euch darum beneiden, hier wohnen zu dürfen, in einem so gediegenen Ambiente." 
"Es ist eine ruhige Gegend. Sehr ruhig." Sie trank. "Den ganzen Tag über sieht man fast niemanden auf der Straße. Die Nachbarschaft besteht fast nur aus alten Frauen, die Jungen sind wohl alle weggezogen, 'in die Stadt', wie die Leute hier sagen. Ist das nicht komisch? In die Stadt, sagen sie. Dabei sind wir doch hier mitten in der Stadt!" 
Lauras Lachen erschien mir ein wenig hysterisch, aber das war gewiß nur auf den Martini zurückzuführen. Sie hätte nicht so früh einen so starken Drink zu sich nehmen sollen - sie hatte bestimmt noch nichts gegessen, auf mich gewartet, war vielleicht genauso aufgeregt gewesen wie ich. Ein Geräusch aus dem Hausflur ließ meinen Gedankenfluß abreißen. 
"Charles!" Laura war aufgesprungen und fiel dem Hereinkommenden um den Hals. Er umarmte sie flüchtig, erwiderte ihren Begrüßungskuß, löste dann sanft ihre Arme von seinem Hals und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu. 
"Sie sind bestimmt Ann. Ja, natürlich, wer sonst. Hallo Ann, willkommen in unserem neuen Haus." Er schüttelte mir die Hand, mit einem festen und männlichen Händedruck. Er war mittelgroß und jungenhaft; sein Gesicht, das zu mir herabgebeugt war, trug einen offenen Ausdruck, sein Lächeln schien ehrlich. Ein gutes Lächeln, breit, bis in die Wangen. Beherzt erwiderte ich seinen Händedruck. 
"Danke, Charles. Ich freue mich, daß ich herkommen durfte. Laura und ich kennen uns schon ziemlich lang ..." 
"Aus der Schule, er weiß das schon alles." Laura reichte ihrem Mann ein frisch gefülltes Glas Martini, das sie in Windeseile zubereitet hatte. 
Dann saßen wir zu dritt vor dem Kamin und plauderten. Wir plauderten einfach so, über dies und über das, nichts Weltbewegendes. Was man sich zu erzählen hat am ersten Abend eines Besuchs bei einer Freundin, die man seit zehn Jahren nicht gesehen hat, und ihrem angetrauten Mann. Ich erfuhr einige Details über Charles' Arbeit in einem Architekturbüro in der Innenstadt. Ein weiter Weg, den er täglich mit der Untergrundbahn zurücklegte, da er in der Stadt nicht gern das Auto benutzte. 
"Man kommt hier überall gut mit der U-Bahn hin", lautete seine Devise. "Der Wagen steht gut hier vor dem Haus!" 
Ich folgte Laura in die Küche, um das Abendessen auftragen zu helfen. Ein paar kalte Platten, die sie vorbereitet hatte, in der weisen Voraussicht, daß sie am ersten Abend gewiß nicht zum Kochen kommen würde. 
"Charles kocht auch gern", sagte sie mir in der Küche. "Ehrlich gesagt, kocht er sogar besser als ich. Aber ich finde es nicht recht, wenn er nach acht Stunden Arbeit vom Büro zurückkommt und dann auch noch kochen soll. Deshalb mach ich es." Sie kicherte, knabberte an den Cornichons, die sie als Garnitur verwendet hatte. "Er sagt, es schmeckt ihm, aber ich glaube, er mag sein eigenes Essen viel lieber!" 
Zum Essen gab es Barolo. Laura liebte italienischen Rotwein. Es liege ihr im Blut, ihre Vorfahren hätten auch gern Wein getrunken, behauptete sie. Laura war mütterlicherseits italienischer Abstammung, irgendwo in ihrem Stammbaum soll sie sogar eine Opernsängerin gehabt haben, die dem Charme eines britischen Offiziers zum Opfer fiel.
Der Wein war stark, und es war zu warm im Zimmer. Ich bemerkte, daß ich kurz nach dem Essen unschicklich müde zu werden anfing, und versuchte dies durch häufiges Hin- und Herrutschen in meiner Sofaecke und belangloses Geplauder zu vertuschen. Es war mir peinlich, gerade an diesem Abend schon so früh den Geist aufzugeben, aber Lauras starker Martini und der kräftige Barolo waren einfach zu viel für mich. 
Passiv folgte ich eine Zeitlang der Unterhaltung der beiden, die mit zusammengesteckten Köpfen miteinander tändelten. Auf den ersten Blick ein jung verliebtes Ehepaar in völliger Harmonie. Und doch gefielen mir Lauras glasige Augen nicht, der aufgeweichte Gesichtsausdruck, der von zu viel Alkohol herrührte. Ihr Lachen erschien mir plötzlich grell und aufgesetzt. 
"Ann! Du hast schlechte Laune! Warum hast du nur so schlechte Laune?" fragte sie, neigte sich leicht wankend zu mir herüber und wollte mir den Finger in die Wange stupsen. Unwillkürlich mußte ich den Kopf bewegt haben, denn ihr Finger stach ins Leere. Sie starrte mich aus nächster Nähe mit ihren glasigen Augen an und lächelte, lächelte mit in den Wangen festgefressenen Grübchen, die tief, fast schon wie eingraviert wirkten. 
"Ich weiß nicht, Laura. Bitte entschuldige. Ich habe zu viel getrunken, ich vertrage den Wein nicht." Mit einem Ton, der viel zu laut klang, setzte ich das Glas auf dem Tisch ab. "Ich möchte jetzt gern zu Bett gehen, wahrscheinlich war der Tag doch anstrengender als ich zuerst dachte." 
"Meine Arme, Süße." Wieder brachte sie ihr Gesicht dicht vor das meine, atmete mich geräuschvoll an. "Dann geh schön ins Bettchen, du findest doch wohl den Weg alleine? Oder soll mein Mann mitkommen, dir den Weg leuchten? Hm, Charles?" 
Bei diesen unbedachten Worten warf ich einen unwillkürlichen, erschreckten Seitenblick auf Charles. Er saß in seinen Sessel zurückgelehnt, mit blassem, fast käsigem Gesicht, dessen Farbe gar nicht zu der Menge des genossenen Weines passen wollte. Auch er trug ein festgefressenes Lächeln in den Mundwinkeln, sein Gesicht glich einer zynischen Maske. Nur einen Augenblick lang, dann war der flüchtige Eindruck zerschmettert. Charles stützte beide Hände auf die Armlehnen seines Sessels und stand auf, etwas schwerfällig, aber ohne zu wanken. 
"In Ordnung, ich bringe dich nach oben, Ann. Damit du dich hier in unserem gotischen Gemäuer nicht verläufst." 

Am nächsten Morgen hatte ich, wie erwartet, einen Kater. Er war nicht stark, ich fühlte mich nur matt, und ein leichter Kopfschmerz beengte mir die Stirn. Eine Zeitlang blieb ich auf dem Rücken liegen, die stuckierte Zimmerdecke betrachtend, und sinnierte vor mich hin. Es war eigentlich ein sehr netter, unterhaltsamer Abend gewesen, wenn man bedachte, daß wir drei uns so gut wie nicht kannten. Immerhin hatte ich Laura zehn Jahre nicht gesehen. Zehn Jahre sind eine furchtbar lange Zeit. Viel kann in dieser Zeit geschehen, ein Mensch kann sich völlig verändern, so daß man ihn kaum wieder erkennt. Hatte Laura sich so sehr verändert? Ich erschrak ein wenig bei diesem Gedanken. Wie kam ich darauf? Nur weil sie gestern zwei Martinis zu viel getrunken hatte und nach dem Essen albern wurde? Wie vielen Leuten geht das so, und niemand würde auf die Idee kommen, zu sagen, sie hätten sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. 
Aber woran lag es dann, warum hatten mir ihr starrer Blick, ihre aufgesetzte Fröhlichkeit nicht gefallen? Warum war mir jedes Wort, jeder Witz so falsch vorgekommen, wie einstudiert, um ihr wahres Inneres zu verbergen? Irgendein Geruch war um Laura, der mir nicht gefiel. Ja, genau, das war es. Ihr Parfum - das war mir am Vorabend gar nicht aufgefallen. Laura hatte niemals schweres, süßes Parfum gemocht, sie war auch gar nicht der Typ dafür. Zu ihr paßte eher ein frischer Duft. Warum trug sie nur dieses schwüle, aufdringliche Parfum? Ich roch es noch an meinen Fingern, wenn ich sie zur Nase führte. Ihre Haare, ihr Hals, das Kleid mußten förmlich davon durchtränkt gewesen sein, daß der Duft sich so stark an meine Fingerspitzen gehaftet hatte. 
"Alles Unsinn!" Mit einem Ruck erhob ich mich aus dem Bett und zog die Vorhänge auf, in der Erwartung, draußen Sonnenschein und blauen Himmel zu sehen. Statt dessen war es grau und diesig. Die kleinen Bäume auf dem Hinterhof duckten sich unter einem beständigen Wind. Hinten, ganz am Ende des Hofes, erkannte ich in einer halbverfallenen Gitterwerklaube eine dunkle, ruhende Gestalt. 
Als ich die Treppen hinunterging und das Haus durch den Hinterausgang verließ, fuhr mir der kühle Herbstwind wie eine willkommene Liebkosung in Gesicht und Haare. Er war sanft und feucht und trug eine Spur von fernen Regenfällen mit sich, eine Vorahnung des Winters. Ich schritt zwischen den ungepflegten Kräuterbeeten hindurch auf die Teelaube zu, in der ich Laura sitzen gesehen hatte. 
Sie war noch dort, auf eine der zerschlissenen, weißlackierten Bänke gelehnt, und starrte mit dem Rücken zum Haus in den Himmel. Automatisch hob ich den Kopf, folgte ihrem Blick. Da waren wieder die Wolken, die zogen, wohin der Wind sie trieb, jene grauen, formlosen, willenlosen Wolkenfetzen. 
"Guten Morgen, Laura." 
Sie erschrak nicht einmal, obwohl sie mich nicht kommen gehört haben konnte. Ich trug Schuhe mit dicken Gummisohlen, besonders gut geeignet für lange Stadtspaziergänge. 
"Hallo, Ann. Hast du gut geschlafen?" 
Sie wartete meine Antwort kaum ab, hob eine schlaffe Hand und zeigte auf die Wolken. "Wie sie dahinfliegen, schnell und frei. Ann, Ann, betrachtest du auch so gern die Wolken? Ich kann mich gar nicht erinnern, ob du das früher gern getan hast." 
"Ich hab das immer gern getan." Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als ich mich neben Laura auf die Bank setzte. "Wir haben zusammen die Wolken beobachtet, weißt du nicht mehr? Vom Dachbodenfenster aus, im Internat." 
"Der Dachboden." Sie schien bei diesem Wort zu erschrecken, zuckte zusammen und wendete mir ihr Gesicht zu. Fahl, fast durchsichtig war ihre Hautfarbe. Sie sah übernächtigt aus. 
"Ist spät geworden, gestern, was?" fragte ich. "Wir haben alle ein bißchen zu viel getrunken. Dein Wein, liebe Laura, der war zu stark. Wie üblich." Ich  lachte, in der Erwartung, sie würde einstimmen. Aber ihre Augen gingen genauso abwesend und starr durch mich hindurch wie zuvor, und sie verzog keine Miene. 
"Ja, ich weiß, wir waren auf dem Dachboden. Wir waren gern da, nicht wahr. Oft. Und immer zusammen, nicht wahr. Keine von uns ist jemals allein hinaufgegangen." Diese Sätze waren formuliert wie Fragen, aber es waren keine Fragen, sondern Feststellungen, als bemühe sie sich, die Erinnerungen in ihrem Kopf zu verankern, damit sie ihr nicht entglitten. 
"Hast du das wirklich vergessen?" Ich stand auf, zupfte sie am Ärmel der weiten, dunkelgrauen Strickjacke, die offenbar Charles gehörte und die sie fast doppelt um ihren schmalen Körper schlingen konnte. "Komm, wir gehen rein, frühstücken. Wenigstens Tee trinken. Ihr Engländer trinkt doch immerzu Tee." 
Beim Frühstück schien Laura sich etwas zu erholen. Sie wirkte nicht mehr so geistesabwesend und begann wieder zu lächeln. Verwirrt fuhr sie sich mit der Hand durch die langen schwarzen Haare, als sei sie gerade erst erwacht. 
"Entschuldige, du mußt wirklich entschuldigen. Ich bin nicht ganz da gewesen. Ist doch ganz schön spät geworden gestern, ich hätte einen leichteren Wein kaufen sollen, oder besser: nicht so viel von dem schweren." 
Ich stimmte ihr zu, wir tranken Tee. Wunderbaren, englischen Orange Spice Royal-Tee, fein abgeschmeckt mit Gewürzen, ein Genuß für die Sinne. Das goldbraune Getränk zauberte feine, sich kräuselnde Dampfschwaden, zierlichen Jugendstilmustern ähnelnd, aus den dünnwandigen Porzellantassen. 
"Das Teeservice war auch im Haus, als wir es kauften", sagte Laura. Als sie die Zuckerdose hob, um sie mir aus der Nähe zu zeigen, stießen unsere Hände auf halbem Weg zusammen. Die Zuckerdose fiel herunter, zum Glück zersprang sie nicht, aber die Zuckerwürfel rollten über den Teppich. Verwirrt lächelten Laura und ich einander an. 

"Wem das Haus früher gehört hat?" Charles lachte. Er hatte ein Stück Rindfleisch auf der Gabel und ein Glas Wein in der anderen Hand und wirkte vital und fröhlich wie am vorigen Abend. Ihm hatte der Alkohol offensichtlich nichts ausgemacht. Gut für ihn - sonst hätte er gewiß einen schlechten Tag im Büro erlebt. 
"Wir konnten es nicht herauskriegen. Scheint so eine Art Geheimnis des Viertels zu sein. Nur Gerüchte, keine Kaufverträge. Ich unterzeichnete einen Vertrag mit der Maklerfirma, aber den Namen des vorherigen Besitzers konnten sie mir nicht nennen." 
"Das mysteriöse Haus!" Laura sprudelte über vor perlendem Lachen. Das war ihr Lachen, das ich an ihr kannte: hell, gluckernd, Champagnerblasen ähnelnd, die sich in dem engen Kelchglas drängen. - Warum schon wieder diese Assoziation mit Alkohol? - Laura nahm einen tiefen, herzhaften Schluck aus ihrem großen Glas. 
"Es war bestimmt eine verwunschene alte Jungfer oder eine Witwe in langem schwarzem Rüschenkleid, die den ganzen Tag am Fenster saß und darauf wartete, daß ihr Mann zurückkam. Aber er kam nie zurück, denn er war in der Zwischenzeit gestorben." 
Die Finger zu Krallen biegend, lachte sie, lachte, die Augen starr auf Charles gerichtet, der ebenfalls trank, ebenfalls lachte. Sie fixierten sich über den Tisch hinweg mit starren Blicken, als ob sie die Augen nicht voneinander lassen konnten. Das ist normal bei frisch Verliebten, sagte ich mir. Lächelte über meine merkwürdigen Assoziationen. Und doch hatte das glasige Starren der beiden nicht viel von Verliebtheit an sich. 
Ich ertappte mich dabei, daß ich Laura aus den Augenwinkeln beobachtete, wie sie aß, wie sie vor dem Kamin saß, wie sie aus ihrem Glas trank und nicht merkte, wenn ein paar Tropfen Wein auf ihre Kleider fielen. Das sah meiner Laura aus dem Internat, die immer so ordentlich auf ihre Erscheinung geachtet hatte, nicht ähnlich. Sie war ja schon wütend geworden, wenn der Staub von den alten Büchern der Bibliothek - wo wir manchmal an den Nachmittagen Dienst tun mußten - auf ihre Kleider kam. Nur die ältesten Sachen hatte sie zum Aufräumen der Bibliothek angezogen. Ich erinnerte mich gut daran, wie Laura mir einmal tagelang böse gewesen war, als ich sie im Garten aus einer Laune heraus mit Schlamm bespritzte. 
"Erinnerst du dich noch an die Bibliothek?" fragte ich gedankenlos in eine plötzlich aufgetretene Pause hinein. Sie erfaßte mich mit ihren Augen, neigte sich zu mir vor, verschwörerisch lächelnd. 
"Ich mochte immer am liebsten die Gruselromane. Weißt du noch, Ann? Du hast dich gefürchtet, nachts im Bett. Ich lag lange wach und las unheimliche Geschichten. Sie paßten so gut zu dem alten Schulgebäude. Poe, James, Bierce, Blackwood ..." 
"Dekadente Literatur", sagte Charles. Er rauchte eine Zigarette und hatte bis vor kurzem mit glasigem Blick in die Flammen des Kamins geschaut. Jetzt, da das Thema ihn zu interessieren schien, wurde er wieder munter. "Sie liest diese Bücher noch heute. Wie ein kleines Mädchen, das sich gern gruselt und getröstet werden möchte." 
Das Lächeln, das Laura und Charles nun tauschten, wirkte nur auf den ersten Blick freundlich und innig. Ursprünglich hat sich das Lächeln aus dem Zähnefletschen, einer Drohgebärde, entwickelt. Daran mußte ich in diesem Augenblick denken. Aber nur kurz, denn der Augenblick war flüchtig, und Laura sprach schon wieder. 
"Ich mag sie eben, na und?" Zu mir gewandt: "Er würde es bestimmt lieber sehen, wenn ich Hausfrauenzeitungen lesen würde, wie alle Frauen in der Familie. Aber ich bin nicht der Typ dafür, das weißt du genau. Ich mag die alten Geschichtenerzähler. Sie hatten Phantasie - viel freie, ungezwungene Phantasie." 
Er ließ sich nichts anmerken, wenn ihn der beißende Hohn in ihren Worten irgendwo traf. Und ihr Tonfall war ja auch so weich und freundlich, so nachgiebig und fraulich wie Lauras ganze Erscheinung. 
"Erst kürzlich habe ich in einer Geschichte gelesen", fuhr sie unbekümmert zu mir herübersehend fort, "daß die Berührung eines Gespenstes nicht kalt und glitschig sein soll, wie man es sich vielleicht vorstellen würde, sondern trocken und staubig. Es knistert bei der Berührung. An der Stelle, an der es dich berührt hat, bekommst du immer stärker werdende Schmerzen, die nicht mehr aufhören. Bis das Glied brandig ist und verfault." Sie kichere mit zurückgeworfenem Kopf. "Also paß gut auf, daß dich in unserem gotischen Gemäuer kein Gespenst anfaßt, wenn du nachts auf die Toilette gehst!" 
Charles und ich lachten, er aus Höflichkeit, wie ich bemerkte. Ich war betreten. Nicht weil sie von Gespenstergeschichten sprach, sondern wegen der Stimmung, die ich zwischen ihnen spürte. Eine unerklärliche Anspannung, die zu diesen freudlosen Besäufnissen führte. Sie konnten wohl nicht anders. Aber wann, in ihrer kurzen Ehe, konnten sie den Zeitpunkt verpaßt haben, miteinander an der richtigen Stelle die richtigen Worte zu sprechen? 
 
 

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