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Ein Opfer für die Stille

Der Zug aus schwarzen Roben wanderte gemächlich dahin. Jeder trug eine Fackel, zu forderst aber führte man das Mädchen. Ein schmutziges Ding von siebzehn Jahren, in nicht mehr als einen zerlumpten Kittel gehüllt, schluchzend und wimmernd. Die Tränen zeichneten Spuren in den Ruß in ihrem Gesicht, die Angst lies ihre Beine zittern und sie hinfallen, aber immer wieder hob man sie auf und trieb sie weiter. Ihre gefesselten Handgelenke bluteten von dem groben Seil mit dem sie ihr auf dem Rücken gebunden waren und ihr dunkles Haar hing lang und schweißnaß herab. 
 

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Besuch

Kay Agony


Da war es stickig von der Menschenmenge, die wogend sich bewegte und den Einzelnden, die still mit Blicken über Entfernungen, die sich durch den Raum zogen sprachen; von dem Nebel über allem, den Zigaretten und Maschinen ausspien. 
Und da war es dunkel von dem fehlenden Licht, nur wenig davon, in triefendem Rot, Blau und Violett, war wirklich da, verzerrte die Szenerie wie der Nebel; verzerrte die getragene Bewegung über allem. 
So war dort auch Musik, laut dröhnender Bass und ein schleichender Rhythmus darüber, eine kaum existente Melodie nur aus sonorem tiefen Bass, eine Stimme dazwischen, monoton, rauh, Worte in Englisch, spärlich dazwischen gesetzt „...Undead, undead, undead...“ 

Und da waren Körper, die sich bewegten, fließend und kontinuierlich tanzend, wie in Trance auf der riesigen Tanzfläche aus rauhem dunklen Beton; selbst die Sitzenden, Stehenden, Gehenden orientiert an dem Klanggewebe in ihren Bewegungen, und den Nebel aufsaugend mit ihren dunklen Kleidern, ihren wirren Frisuren, ihrem ewigen wallenden, teils grazilen Tanz, schwimmend im unaufhörlichen Dasein der Töne. 
Und da war eine Stimmung, von fast erotisierter Spannung, von breiter, allumfassender zusammenfassender Einsamkeit.; von pulsierendem sterbendem Leben,  ein lebender nie erstarrender Tod. 

Er war auch da, unsichtbar zwischen den Menschen, die sich still ihrem Vergnügen hingaben und nicht wußten was unter ihnen weilte, sich aufhielten in der Halle, auf den vergitterten und metallenen Ebenen über den Tanzenden, an Ketten aufgehängt an der hohen Decke, einzeln beleuchtet, auf den eisernen Treppen, trinkend an der Bar, sprechend kaum. 
Er hatte schon jemanden ausgesucht aus der ahnungslosen Menge und auf sich aufmerksam gemacht. So stand er hinter einem mannshohen groben Gitter vor ihr, wie ein wildes Tier in einem Käfig und pendelte in dem Rhythmus den Geräusche aus den meterhohen und zahlreich versteckten Boxen vor ihr her, die dürren Hände in das Gitter gekrallt, seine Lippen formten den Text, seine Augen dunkel in dem bleichen abgezehrten Gesicht auf die ihren geheftet, die nicht von ihm ab lassend dort vor ihm tanzend, fast lächelnd im Angesicht seiner sinistern Züge und der ekstatischen Bewegung seines drahtigen Körpers, der Lust der Blicke und des seichten Schwung der Schultern und Hüften „...Undead undead undead...“ sich umdrehend, den Rücken an das Gitter drängend und den Kopf mit dem wirren schwarzen Haar zurückwerfend, für Augenblicke nur die Bewegung der Schultern zu betrachten, wieder herum, die Arme hoch das Gitter festhaltend und zwischen dem löcherigen Schwarz des kurzen ärmellosen Shirts und der tiefen Farbe der enganliegenden Beinkleider ein Stück des weißen mageren Fleisches freilegend, dann eine Hand durch das Gitter reichend. 

Schon schritt sie näher, er zog sie heran, nur das Gitter zwischen ihnen. Und immer noch bewegten sie sich, hielt sie nun mit netzumwobenen Händen das Gitter, warf begehrliche Blicke ihm zu, „...Undead...“ formten seine blassen Lippen, hielt ihren Kopf zwischen den Händen, durch ihr Haar, entlang dem Hals, den Rücken, tastete Wirbel durch das dünne Schwarz, der abstehende Tüllpetticoat versperrte mit dichtem Schwarz seinen Händen den Weg zum laufmaschenzerfressenen Nylon und kniehohen Schnürstiefeln. Da waren sie sich so nah, daß sie spüren konnte des anderen Atem und reichte sie durch das Gitter um seinen Körper, verschlingend ihn mit Blicken, dichtes Gewebe aus Atem und der dumpfen Unsichtigkeit um sie herum, verschleiert seine Augen mit einem Mal, als sich ihre zum Kuß schlossen, Lippen berührten sich, sich zusammenschließend die Blässe mit dem Rot der ihren, ein kurzes Auseinanderdriften, Wiederverbinden. Und dann der fremde Geschmack an seiner Zunge, seltsam vertraut, doch fremd, metallisch, süß von Blut, dem seinen, dem ihren. 
Plötzlich mochte er erwachen, etwas schrie in seinem Kopf, doch ließ sie ihn nicht los, er sie nicht, konnte nicht... diese Verbindung unterbrechen, niemals wieder, ein ewiges Bündnis als an ihrer beider Kinn dünne Rinnsale von Rot herabtropften, die großen Quadrate die das Gitter durchbrachen ließen gerade Platz, dünne Linien zwischen ihnen, trennten seinen Blick auf sie und doch ganz klar erkannte er sie in seinem Innersten wieder, als er ihren Herzschlag vernahm, so nah war er ihr... 
 
 

©Kay Agony