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Der erste apokalyptische Traum: Hunger

Hunger zog seine Eingeweide zusammen. Seinen Geschwistern, seinen Eltern erging es nicht besser. Aber was vermochte er daran zu ändern? Er konnte nur beten. Herr, erhöre mich. Ich bitte dich, verschone unsere Felder von Unwetter, Plagen und umherziehenden Banden. Amen. Er schob den morschen Pflug weiter, riß die graue Erde auf, um Getreide zu säen. Sie hatten die Hälfte der letzten Ernte verbrannt, die Kuh erschlagen und die Hähne gebraten, beide gefressen. Der Ritter hatte geholt, was ihm zustand, die Kirche ihren Zehnten. Ohne Mitleid, doch mit salbungsvollen Worten. Der Herr straft die Sünder und prüft die Gläubigen. Seid standhaft und dankbar, daß ihr lebt.

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Barfuß


Boris Koch


„Guck mal, der junge Mann da ist barfuß. Das ist gut für den Kreislauf.“
 So hatte ich es noch nie gesehen, doch die Frau, die eben gesprochen hatte, wirkte sichtlich älter als 60 Jahre und ihr nickender Begleiter – Ehemann? – auch. Beginnt man da, Handlungen in gesundheitsfördernd und schädlich einzuteilen, sie ausschließlich unter diesem Gesichtspunkt zu sehen? Die vorsichtige, ängstliche Annäherung an den Tod?

Ich laufe barfuß, weil Schuhe mich einengen. Und wegen des Drecks. Schmutz an den Füßen bedeutet so etwas wie Freiheit in unserem klinischen Weltideal. Kindisch, ich weiß. Aber dieser elende Wahn nach porentiefer Reinheit macht mich krank. Doch die Straße kriegen sie nicht. Niemals. Darum laufe ich barfuß. Ich bin nicht scharf auf Keime, Krankheitserreger und das ganze unsichtbare Zeugs, aber guter alter Dreck, Erde oder gar Schlamm... Ich weiß, wie kurzsichtig das gedacht ist; ist mir aber egal. Zumindest im Augenblick.
Oder das feine Kribbeln unter der Hornhaut, wenn die kantigen Kiesel auf die Fußsohle drücken. Richtig, das ist die Sache mit dem Kreislauf, aber mir geht es um den Genuß, nicht die Gesundheit. Und natürlich die alte Mutprobe. Wie wohl jeder sind wir als Kinder barfuß über Steine gelaufen, heißen Teer oder durch Brennesseln. Fakir spielen, und um festzustellen, wer es am längsten erträgt. Und irgendwie spielt das immer noch eine Rolle, auch wenn ich hier keine Kontrahenten mehr habe. Ich laufe gegen mich selbst, lache über sommerliche Schuhträger und freue mich über andere nackte Füße.

Heute hat es geregnet, ich bin deswegen extra noch einmal hinaus. Kurz vor Mitternacht, eine rauchen. Es ging nicht um die Kippe, ich suchte nur eine Alibibeschäftigung. Ich wollte die Nässe spüren, die nächtliche Straße kühl mit meinen Füßen aufsaugen. Das ist wunderbar, so etwas wie eine Meditation vielleicht. Genau kann ich das nicht sagen, ich meditiere nicht. Ich habe kein Interesse daran, mich auf mich zu besinnen, wirklich nicht. Mir geht es um den Augenblick, jeden einzelnen möchte ich erspüren, jeden Schritt, jeden Zug. Ich bin ich, Selbstfindung ist Quatsch, der zwischen zwei dezente Buchdeckel gepreßt und teuer verkauft wird. Oder als einfühlsames Wochenende in Seminarform. Wer´s braucht... vielleicht hilft es gar dem ein oder anderen. Placebo. Klingt trotzdem nach Konfirmandenfreizeit. War lustig damals, unbestritten, doch inzwischen bin ich aus der Kirche ausgetreten und fühle mich wohl dabei, freier, und Freiheit ist das wichtigste. Unerreichbar, aber jeder Schritt dahin macht mich glücklich.

Barfuß, versteht sich. Schuhe engen ein.

(Juli 1999)
 
 

©Boris Koch