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Barfuß
Boris
Koch
„Guck
mal, der junge Mann da ist barfuß. Das ist gut für den Kreislauf.“
So
hatte ich es noch nie gesehen, doch die Frau, die eben gesprochen hatte,
wirkte sichtlich älter als 60 Jahre und ihr nickender Begleiter –
Ehemann? – auch. Beginnt man da, Handlungen in gesundheitsfördernd
und schädlich einzuteilen, sie ausschließlich unter diesem Gesichtspunkt
zu sehen? Die vorsichtige, ängstliche Annäherung an den Tod?
Ich
laufe barfuß, weil Schuhe mich einengen. Und wegen des Drecks. Schmutz
an den Füßen bedeutet so etwas wie Freiheit in unserem klinischen
Weltideal. Kindisch, ich weiß. Aber dieser elende Wahn nach porentiefer
Reinheit macht mich krank. Doch die Straße kriegen sie nicht. Niemals.
Darum laufe ich barfuß. Ich bin nicht scharf auf Keime, Krankheitserreger
und das ganze unsichtbare Zeugs, aber guter alter Dreck, Erde oder gar
Schlamm... Ich weiß, wie kurzsichtig das gedacht ist; ist mir aber
egal. Zumindest im Augenblick.
Oder
das feine Kribbeln unter der Hornhaut, wenn die kantigen Kiesel auf die
Fußsohle drücken. Richtig, das ist die Sache mit dem Kreislauf,
aber mir geht es um den Genuß, nicht die Gesundheit. Und natürlich
die alte Mutprobe. Wie wohl jeder sind wir als Kinder barfuß über
Steine gelaufen, heißen Teer oder durch Brennesseln. Fakir spielen,
und um festzustellen, wer es am längsten erträgt. Und irgendwie
spielt das immer noch eine Rolle, auch wenn ich hier keine Kontrahenten
mehr habe. Ich laufe gegen mich selbst, lache über sommerliche Schuhträger
und freue mich über andere nackte Füße.
Heute
hat es geregnet, ich bin deswegen extra noch einmal hinaus. Kurz vor Mitternacht,
eine rauchen. Es ging nicht um die Kippe, ich suchte nur eine Alibibeschäftigung.
Ich wollte die Nässe spüren, die nächtliche Straße
kühl mit meinen Füßen aufsaugen. Das ist wunderbar, so
etwas wie eine Meditation vielleicht. Genau kann ich das nicht sagen, ich
meditiere nicht. Ich habe kein Interesse daran, mich auf mich zu besinnen,
wirklich nicht. Mir geht es um den Augenblick, jeden einzelnen möchte
ich erspüren, jeden Schritt, jeden Zug. Ich bin ich, Selbstfindung
ist Quatsch, der zwischen zwei dezente Buchdeckel gepreßt und teuer
verkauft wird. Oder als einfühlsames Wochenende in Seminarform. Wer´s
braucht... vielleicht hilft es gar dem ein oder anderen. Placebo. Klingt
trotzdem nach Konfirmandenfreizeit. War lustig damals, unbestritten, doch
inzwischen bin ich aus der Kirche ausgetreten und fühle mich wohl
dabei, freier, und Freiheit ist das wichtigste. Unerreichbar, aber jeder
Schritt dahin macht mich glücklich.
Barfuß,
versteht sich. Schuhe engen ein.
(Juli
1999)
©Boris
Koch
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