Am
Tage
Kay
Agony
Es
war ein grauer Tag in der großen Stadt. Zwischen den Wohntürmen
war es immer grau, aber heute sah sogar der Himmel aus wie einer, der nie
blau war oder sein würde.
Wie
grau die Stadt war, sah man nur am Tage. So wie heute. Und gestern. Und
vorgestern.
Die
Häuser standen in Reih und Glied, die Wege mit grauen Betonplatten
gepflastert und sogar das spärrliche Grünzeug, das dazwischen
wucherte war nicht richtig grün. Manchmal standen Betonbänke
vor den Häusern, mit Moos und Flechten bewachsen. Und manchmal waren
in roten Lettern Worte an die Wände gesprüht, die von der grauen
Realität erzählten und sich dagegen wehren wollten, die alleine
gegen all das Grau anschrien.
Am
Rande des Blocks war ein großer Parkplatz, der von einer schmalen
Mauer umgeben war. Die weißen Linien waren kaum noch zu sehen, in
den Ecken lagen Schutthaufen und ein alter Gartenstuhl, ein paar Autos,
ein verwaister Einkaufswagen. In der Mitte trohnte ein großer Müllkontainer
aus silbergrauem Blech.
Ton
in Ton mit dem Himmelgrau ragten die Häuser hinter dem Parkplatz empor
und blickten auf den Jungen hinab, der auf dem großen Kontainer hockte
und auf einem Kaugummi herumkaute. Sein langer schwarzer Wollmantel fiel
weit um ihn und hing von seinem Aussichtsplatz herab. In seiner schwarzen
Kleidung hob er sich von dem Grau ab, und doch war er eine Einheit mit
seiner Umgebung. Manchmal zog er mit langen weißen Fingern den Kaugummi
in die Länge und fing die Fäden mit der Zunge wieder ein. Sein
Haar war gefärbt, schwarz, es stand zerzaust in alle Richtungen und
sein glattes Gesicht war ebenso weiß wie das Zeug, das er zwischen
seinen weißen Zähnen kaute. Nur seine Wangen waren gerötet
von der Kälte, wie seine Lippen und die Zunge, die nach dem Kaugummi
schnappte. Seine Augen mit Eyeliner umrandet schweiften über die Häuser
vor ihm, die Straßen, die sich hinter dem Parkplatz in die Stadt
hineinzogen.
Es
war ganz still bis auf das Rauschen der Stadt, dann hörte man leise
Ketten klirren und Schritte, die näher kamen. Der Junge auf dem Container
grinste schon und verdrehte die Augen, bevor jemand gegen seinen Untersatz
trat. Er schwankte und mußte sich kurz abstützen um nicht zu
fallen.
Zu
seinen Füßen tauchte der Übeltäter auf, ein anderes
schwarz- weißes Eylinerkind mit einem weiß blondierten Iro
auf dem Kopf wie flaumige Federn und einem durchlöchertem Ohr, Sonnenbrille
und einem abgewetzten Samtjacket. Der grinste unheimlich breit und nahm
die dunklen Gläser ab, blinzelte mit zusammengekniffenen Augen und
wartete. Trotz dem Grau des Himmels war das Licht grell, vorallem, wenn
man den ganzen Tag eine Sonnenbrille trug.
Der
Junge auf dem Container richtete sich langsam auf und spuckte den Kaugummi
auf den Boden. Er verzog gebieterisch den Mund und hob eine Augenbraue
in die Höhe, stemmte die Hände in die Hüften und sein Mantel
wehte dabei um seine dürre Gestalt.
Der
Andere lächelte schief und schnaufte, hob dann seine Hand und gebot
damit dem Jungen zu warten. Jetzt drehte er sich um und sprang auf seinen
schweren Stiefeln davon. Scheppernd knallte der Einkaufswagen vom anderen
Ende der Platzes gegen den Container. Die roten Räder verließen
für den Bruchteil einer Sekunde den Boden von der Wucht des Aufpralls.
Wieder schwankte der Junge. Sein Freund schlenderte gemütlich hinterher
und verbeugte sich tief. Sein Arm schweifte dabei weit aus und präsentierte
das silberne Gefährt.
Jetzt
grinste der Junge plötzlich, sprang in den Wagen und streckte die
Hände in die Höhe, ließ die Beine heraushängen und
lachte laut. Der Andere schob ihn an und gröhlte eine unbekannte Melodie,
lachte.
Sie
umrundeten den Parkplatz wohl dreimal kreischend und lachend, bis sie an
der Ausfahrt halt machten und der Wagen scheppernd umkippte, als der Junge
sich herauswand. Sein Freund sprang ihm auf den Rücken und ließ
sich tragen. Er setzte dem großen Jungen seine Sonnenbrille auf und
zog einen Apfel mit roten Backen aus der Jackentasche. So verließen
sie den Parkplatz.
Bald
gingen sie nebeneinander zwischen den Wohntürmen entlang und hielten
sich an den Händen. Als der blonde Junge seinen Apfel bis zur Hälfte
verspeist hatte, hielt er ihn seinem Kumpel hin, der den Mund weit aufriß
und grimassenschneidend abbiß. Sie lachten wieder und kauten, sahen
sich an, wurden stumm und blieben schließlich stehen.
Der
König vom Müllkontainer legte eine lange weiße Hand um
den Nacken des Einkaufswagenbezwingers und zog ihn sanft näher, bis
seine Lippen die Stirn berührten, dann den Mund des anderen. Sie schmiegten
ihre bleichen Gesichter aneinander, schlossen die Augen und der Junge im
Mantel flüsterte: "Kannst du mich eine Weile festhalten?"
Oben
aus einem Fenster blickte ein alte Frau hinunter in die Schlucht zwischen
den beiden Wänden aus Scheiben und Balkonen. Sie war genauso grau
wie die Welt, in der sie Tag für Tag alleine überlebte und sie
lächelte, zum ersten Mal seit langer Zeit, als die beiden Gestalten
dort am Boden sich festhielten.
Und
der kleine Junge, der auf der anderen Seite wohnte, blickte aus seinem
Kinderzimmer durch seine Brille hinunter und hielt sich an dem dicken schwarzen
Wachsmalstift fest, den er in der Hand hielt. Mit dem tauchte er schon
seit Tagen ein Blatt nach dem anderen in lückenloses Schwarz. Er hatte
mit den Blättern angefangen, als an Wänden und Decke kein Platz
mehr frei gewesen war. Er blickte hinaus und schloß dann die Augen.
In
einem grauen Kleid sah auch die Frau aus dem Fenster, die ein paar Etagen
darunter lebte, zwischen Bergen grauer Wäsche mit einem Bügeleisen
in der Hand glitten ihre Finger an der kalten glatten Scheibe entlang und
sie kämpfte nicht länger gegen die Tränen, die sie so lange
versiegt glaubte.
©Kay
Agony
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