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Am
Abend
Kay
Agony
Es
war ein wirklich kalter Abend in der Großen Stadt als er langsam
in Richtung Fluß zog. Er wickelte sich eng in seine wollene Jacke
und Schal. Früh hatte er heute schon den Club verlassen, irgendwie
war er sehr müde. Vielleicht würde er noch mal wiederkommen.
Später. Das hing nur daran ob er später noch Lust haben würde
sich die Leute noch einmal anzutun. Eigentlich, dachte er, hatte ihm das
heute schon gereicht. Eine Freundin, die aus unerfindlichen Gründen
sauer war und der Rest, der beschlossen hatte sich einfach zulaufen zu
lassen. Nur ein oder zweimal war etwas Tanzbares dabei gewesen, und überhaupt
eine miese Stimmung da unten. Er hatte mal wieder das wunderbare Gefühl
wirklich alles falsch zu machen. Eigentlich also, konnte er genausogut
etwas essen und dann nach Hause gehen.
Feuerwehrwagen
passierten ihn auf der Straße, er blieb stehen und betrat einen grell
erleucheteten griechischen Imbiss. Der füllige Mensch hinter der Theke
wischte sich die Hände an der Schürze ab und nahm mit grimmigen
unrasierten Gesicht die Bestellung entgegen. Sein fettfleckgarniertes weißes
T-shirt trug die verwaschene blaue Aufschrift des Ladens.
Er
ging weiter, bog ab und schlenderte durch eine schmale Gasse, um abzukürzen.
Am Ende der Straße stand dann ein Haus in Flammen. Das war dieses
Heim für Schwererziehbare und Waisen, wo auch er einige Jahre verbracht
hatte. Und nun brannte es gerade ab.
Er
konnte sich noch an die Zeit erinnern. In Relation zu den Jahren, die er
schon auf freiem Fuß war, gar nicht so lange her. Danach war er oft
genug daran vorbei gegangen, so konnte er nicht viel davon vergessen. Er
wußte nicht, wieso er nicht in einen anderen Stadtteil gegangen war.
Sogar
aus seinem ehemaligen Zimmerfenster züngelten Flammen, denn es war
offen. Rauch wölbte sich in fetten grauen Wolken aus der Öffnung,
schwerer hellgrauer Qualm. Den Linoleumfußboden, auf den er so oft
gefallen war, sah er in Gedanken Blasen schlagen von der Hitze, den hellgelben
Putz rußgeschwärzt und die dunkelgrünen Gardinen angeschmort.
Er
stand da, ganz fasziniert vom Spiel der Flammen und ihrem grölenden
rauschenden Gesang.
Die
Sirenen kamen näher, Leute sammelten sich in Nachthemden und Bademänteln,
Kinder, Erzieher. Einige davon kannte er nur zu gut aber sie bemerkten
ihn nicht. Gut so.
Männer
mit Atemmasken rannten in das brennende Haus, einer der Aufseher sprach
mit dem Leiter des Einsatzes, zeigte aufgeregt auf einige Fenster, Kinder
weinten, die Krankenschwester hielt einen Jungen auf dem Arm und trug ihn
zu dem Krankenwagen, der jetzt die Szene vervollständigte.
Er
stand etwas abseits von den anderen Schaulustigen und verspeiste weiter
seine Pita. Erst als etwas gegen seine Beine klatschte, kam er wieder richtig
zu sich, vergaß die Vorstellung des brennenden Gebäudes und
seiner zerfallenden Innenräume und senkte kauend den Blick.
Da
sah er in zwei große dunkle Augen, die einem kleinen Mädchen
gehörten, das ihm gegen die Beine gelaufen war. Es trug eines der
altrosa Nachthemden, ein Kissen in der Hand, das in einem fleckigen hellgrünen
Bezug steckte und mochte um die sechs Jahre alt sein.
Eine
Weile stand er nur da und hoffte, die kleine Ratte würde wieder verschwinden,
wenn er sie nur genervt genug ansah. Aber das geschah nicht, sie blickte
ihn mit sowas wie Entsetzen und Hilflosigkeit an.
„Geh
zurück, dahinten sind deine Leute.“ sagte er versuchsweise. Das Kind
reagierte nicht. Er seufzte, nahm die Kleine mit zwei Fingern an der Schulter
und schob sie neben sich her bis zu einem der Krankenwagen. Dort tippte
er einen der Weißkittel an, der gerade mit einigen Decken unterwegs
war.
„Hab
da was für sie.“ sagte er überflüssigerweise und deutete
auf das Kind. Der Typ hatte das Gesicht einer dieser jungen, eifrigen,
hoffnungsvollen Krankenhelfer, der bald an der hoffnungslosen Situation
in dieser Stadt verzweifeln und durchdrehen würde und er grinste ihm
ins Gesicht, dann dem Kind und hob zu einer Dankesrede an.
Schnell
drehte er sich um und verschwand. Er wollte keinem der Leute begegnen.
Er würde strafbare Dinge mit ihnen anstellen.
Der
komische Typ saß auf einer Liege in einer Ecke des Bauwagens und
las. Er sah genauso aus wie eben, so irre hochgebaute Haare und ganz in
schwarz. Alles was anders war war, daß er eine Brille trug.
Alles
war irgendwie schwarz hier drinnen. Neben der Liege stand ein Klapptisch,
daneben ein Stuhl und genau gegenüber der Tür ein niedriges Regal.
Dann war ein Stück des Wagens abgetrennt, wahrscheinlich ein kleines
Bad. Überall standen Dinge herum. Vor einer Spiegelscherbe türmten
sich Dosenweise Haarspray und Gel, Nagellack und Make- Up- Utensilien.
Das Regal war vollgestopft mit Papierrollen und Zeichenkram, überall
lagen Klamotten herum.
Sie
stand eine Weile still im Türspalt und sah ihm zu, wie seine Augen
Zeile um Zeile abtasteten. Dann blätterte er um und blickte dabei
auf. Seine Bewegung fror ein, er kniff erst die Augen zusammen und nahm
dann die Brille ab.
„Was
willst du hier?“ sagte er und konnte sein Erstaunen nicht verbergen.
Sie
senkte den Kopf ängstlich und blickte ihn weiter schweigend an.
„Verschwinde!“
ergänzte er dann etwas gereizt und wollte weiterlesen. Dann hielt
er inne und sah wieder zur Tür, wo das Mädchen unverändert
stand.
„Hast
du nicht verstanden? Geh! Verschwinde! Geh zurück zu den Leuten!“
Er schickte sich an aufzustehen, da ließ sie zögernd die Tür
los und entfernte sich. Er stand auf und schloß die Tür. Es
war verdammt kalt da draußen. Er versuchte verzweifelt sich wieder
auf sein Buch zu konzentrieren, ohne darüber nachzudenken, was das
Kind jetzt wohl tun würde. Nun hatte er eben dieses Scheiß-
egal- Gefühl heraufbeschworen, um den blöden Verlauf einer Samstagnacht
zu vergessen und jetzt war es schon wieder hinüber. Und das alles
wegen einem Kind. Er war in der Tat leicht angesäuert, als er aufstand
und hinausstapfte, um seinem plötzlichen Bewegungsdrang nachzugeben.
Er
ging vorbei an dem rußgeschwärzten Gebäude und durch die
Abkürzungsgasse zurück zur Hauptstraße, an dem Imbiß
vorbei und bis zum Club, daran vorbei bis in die Innenstadt. Auf dem Marktplatz
hingen irgendwelche betrunkenen Jugend- lichen herum und pöbelten
ihn an, aber er war viel zu deprimiert, um das wahrzunehmen oder sogar
Antworten zu geben.
Er
fror und ging deswegen recht schnell. Der Weg bis zum Marktplatz war normalerweise
nur in zwei Stunden zu Fuß zu schaffen. Die Große Stadt hatte
eigentlich mehr als eine „Innenstadt“.
Als
er gegen Morgen zurückkehrte, glänzte schon der Tau auf der Wiese.
Es war still, Stadtrauschen im Hintergrund, er konnte seinem Atem beim
Einfrieren zusehen.
Der
einzige Grund dafür, daß er nicht sofort im Bett verschwand,
war die Tatsache daß jemand anderes da lag und seine gesamte Decke
um sich gewickelt hatte.
„Kröte.“
murmelte er und mußte grinsen.
Er
sollte schlafen. Heute Abend mußte er arbeiten. Vorsichtig zog er
dem Mädchen eines der beiden Kopfkissen weg. Sie hatte sich auf ihres
gelegt. Er rollte sich in seinen Mantel und ließ sich auf dem Boden
nieder. Der war hart und kalt, es erinnerte ihn an die vielen Nächte,
die er hinter Mülltonnen auf Beton verbracht hatte, um sich zu verstecken,
wenn er gerade mal wieder abgehauen war.
Gegen
Abend wachte er auf. Es wurde bereits wieder dunkel und in ein paar Stunden
wartete sein Arbeitsplatz auf ihn.
Er
schlug die Augen auf und drehte den Kopf. Auf seiner Liege saß etwas
und beobachtete ihn von oben. Es hatte immer noch dieses Nachthemd an und
das Kissen auf den Knien. Das Gesicht und die kleinen Hände hatten
Rußflecken, die straßenköterblonden Haare waren irgendwie
zerzaust. Das Mädchen saß ganz still da auf der Matratze, hatte
die Hände im Schoß liegen und betrachtete ihn mit den gleichen
großen Augen wie schon gestern. Er lag eine Weile da und überlegte
wie erstarrt, wie er jetzt reagieren sollte.
Schließlich
streckte er sich und gähnte, richtete sich vorsichtig auf und zog
sich Stiefel und Hose aus, die er am Morgen angelassen hatte. In Shorts,
Socken und T- shirt stiefelte er in die abgetrennte Bad- Kabine. Er wusch
sich, band sich die Haare zum Zopf und putzte sich die Zähne.
Er
warf dem Kind einen Pullover zu. „Zieh den an. Es ist kalt.“ sagte er und
wühlte sich selbst neue Klamotten raus. Er gab ihr noch ein paar Socken,
dann nahm er seine Jacke und stand auf.
„Komm,
ich bring dich dahin, wo du hingehörst.“ sagte er und wandte sich
auffordend zur Tür. Das Kind rührte sich nicht.
„Nun
komm schon!“ Wieder nichts.
Er
seufzte, ging hin und hob das Mädchen über die Schulter. Der
Pullover ging ihr bis zu den Füßen und die Socken waren viel
zu groß. Sie war leicht. Nicht viel dran. Bei dem Fraß da im
Heim. Er war bis heute so dürr geblieben, wie das Zeug ihn gemacht
hatte. Bei dem Gedanken mußte er grinsen.
Er
wickelte noch eine der Wolldecken um sie und verließ den Wagen.
Sie
wehrte sich nicht, blieb stumm und ruhig. Er wußte nicht was er davon
halten sollte.
Es
fühlte sich komisch an, die dürren Beinchen festzuhalten und
dieses weiche Gewicht auf seiner Schulter zu spüren. Er scheute sich
ein wenig, sie richtig festzuhalten. Er wollte nicht, daß sie sich
irgendwie bedroht fühlte, er wußte was Kinder wie sie oft hinter
sich hatten. Aber sie reagierte in keinster Weise.
Bald
passierten sie die Ruine und die schmale Gasse zur Hauptstaße, schließlich
den Club, und einige Stationen mit der Bahn weiter erreichten sie die Polizeistation
des Stadtteils.
Er
setzte sie auf dem Gang vor einem Büro ab. Wenn er bliebe, würde
man Namen und Anschrift haben wollen und die wollte er gerade den Bullen
nicht geben.
„Mach´s
gut.“ sagte er also leise, strich ihr flüchtig über den Kopf
und klopfte an die Tür. Dann verließ er zügig den Flur
und hoffte, daß ihn keiner der vorbeihastenden Beamten anhalten würde.
Vielleicht hatte sie Glück und kam in ein anderes Heim irgendwo am
anderen Ende der Welt. Vielleicht mußte sie aber auch wieder zu ihren
Eltern zurück, wenn es sie noch gab. Wenn ja, wünschte er ihr
nichts weniger.
„He!
Hey, bleib stehen!“
Die
Gestalt kam zügig näher. Genervt drehte er sich wieder um.
„Hey,
wohin willst du?“
„Ich
muß arbeiten.“
„Sonntags?“
„Nein,
erst um eins.“
„Genervt?“
„Nein.“
Er
bog in die Gasse ab und ging zügiger. Eigentlich war der Kerl sein
bester Freund, aber in diesem Augenblick konnte er nichts weniger ertragen.
„Oh,
hey, was ist denn mit dem Haus des Grauens passiert?“ sagte der und grinste.
„Hör
auf!“ giftete er zurück.
„Was
ist denn los, Mann?“
Er
seufzte und ging schneller.
Die
Nervensäge blieb stehen und rief ihm hinterher: „Sehen wir uns morgen?“
„Mal
sehen!“ gab er zur Antwort ohne sich ganz umzudrehen. Sein Freund schüttelte
den Kopf, grinste und ging in die andere Richtung. „Na dann.“ murmelte
er.
Als
die Sonne aufging war er wieder zu Hause. Nicht nur er. In seinem Bett
rieb sich gerade ein kleines Mädchen den Schlaf aus den Augen. Fassungslos
stand er in der Tür und sah ihr volle fünf Minuten zu, wie sie
sich aufrichtete, ihn anguckte und da so sitzen blieb.
Schließlich
seufzte er und kniete sich vor ihr hin. Scheinbar aufmerksam und erwartungsvoll
blickte sie in seine Augen.
„Hör
mal zu, du kleine Ratte- guck mich doch nicht immer so an!-“ jammerte er,
bevor er weitersprach. „Du kannst nicht bei mir bleiben, verstehst du das
denn nicht? Willst du, daß ich Ärger kriege wegen dir? Willst
du das? Hey, verstehst du mich überhaupt? Was?- Kannst du sprechen?“
Keine
Reaktion. Sie zitterte erbärmlich.
„Ich
muß jetzt schlafen.“ sagte er geschlagen, „Und zwar richtig!“ dabei
sah er sie ein wenig scharf an. Er richtete sich auf und zog sich Stiefel
und Hose aus, hing die Jacke an die Tür und zog sich noch ein zweites
T- Shirt an.
Er
atmete schwer aus, ging zur Liege hin und kroch unter die Decken. Als das
Kind sich ebenfalls neben ihn schlich, blieb ihm nichts anderes übrig,
als sie nahe bei sich liegen zu lassen. „Du stinkst, Kind.“ sagte er nur,
bevor er wieder aufstand und sie ins Bad trug.
Er
versuchte noch ein- zwei weitere Male, sie loszuwerden. Jedesmal war sie
bei Tagesanbruch wieder da. Einmal dauerte es einen Tag länger und
er hoffte schon, die Leute in dem Krankenhaus hätten sich weiter um
sie gekümmert. Sie trug einen frischen Krankenhaus- weißen Pyjama.
„Du
weißt gar nicht was für Probleme ich kriegen werde, wenn man
dich sucht und bei mir findet. Ich kann dich nicht persönlich abgeben.
Du kannst das doch nicht mit mir machen! Hörst du mir zu? Verdammt,
sag doch nur einmal ein Wort, nur einmal! Nick doch wenigstens oder schüttel
den Kopf, tu irgend etwas aber sitz nicht einfach da und mach mich fertig!“
Nichts.
„Okay.
Ich gehe heute Abend weg und du kannst nicht mitkommen.“
Damit
zog er sich andere Sachen an und ließ sich vor dem Spiegel nieder,
um sich die gewaschenen Haare zu kämmen und trocken zu rubbeln. Schließlich
begann er, tonnenweise Haarspray zu verbrauchen. Dann fing er an, sich
zu schminken. Das Kind verfolgte sein Tun mit großer Aufmerksamkeit.
Ihre Blicke sagten etwas wie: "Ich dachte du wärst ein Junge."
Er
verließ genervt den Wagen, ohne ihr noch irgendwelche Beachtung zu
schenken.
Schon
als er die Straße erreichte, merkte er, daß sie ihm folgte.
Sie hatte wieder diesen viel zu großen Pullover von ihm an und schlich
ohne Schuhe hinter ihm her. Er beachtete sie nicht und hoffte, er könne
sie vielleicht abhängen.
Das
war natürlich ziemlich naiv zu glauben. Allerdings war er sich ziemlich
sicher, daß sie es nicht schaffen würde, den Club zu betreten.
Sie
folgte ihm den ganzen Abend. Er wußte das nicht, er glaubte, sie
habe aufgegeben, weil er sie nicht mehr sah. Dafür war er sich fast
sicher, daß er sie spätestens in seinem Bett wiederfinden würde.
Aber das war nicht so. Sein Bett war frei und er begab sich fast erleichtert
ins Bad und unter seine Decken. Es war verdammt kalt diese Nacht und er
mußte sich den Mantel noch überwerfen und seinen Pullover anlassen.
Bevor er sich noch Sorgen machen konnte, war er schon eingeschlafen. Jetzt
am Morgen war ihm die Kälte besonders bewußt, das war immer
so. Vielleicht wegen dem Schweiß vom Abend, der jetzt noch zusätzlich
kühlte oder einfach wegen dem Alkohol. Oder beides. Sinnlose Gedanken
während einer Fast- Schlaf- Phase.
Es
war vielleicht auch ziemlich naiv, zu denken, daß das Kind wirklich
weg sei.
Eines
Tages war sie wirklich weg. Es waren einige Wochen vergangen, irgendwann
hatte er es einfach hingenommen, daß sie nachts in seinem Bett schlief
und es ihm tags ließ. Was sie dann tat, wußte er nicht. Am
Wochenende folgte sie ihm durch die Stadt, sie sprach kein Wort und registrierte
doch alles. Es hatte etwas von einer sehr eigenartigen WG.
Seine
Freunde stellten komische Fragen, aber er konnte ihnen nicht mehr erzählen,
als was er wußte. Und dann war sie eines Morgens nicht mehr da. Er
sorgte sich nicht groß darum, er dachte nicht, daß sie vielleicht
nicht wieder käme.
Nach
dem zweiten Morgen erwischte er sich dabei, wie er nach ihr Ausschau hielt.
Fast vermißte er es schon. Das Kindershampoo stand verwaist in der
Dusche. Der zweite Teller auf der Spüle. Ein Handschuh lag auf dem
Boden. Sie hatte ihn wohl verloren. Er hatte ihr auch Schuhe besorgt, die
gut vier Nummern zu groß waren, damit sie die noch länger tragen
konnte. Sie waren rot und hatten schwarze Kappen vorne und an den Hacken.
Es hatte geschneit, da waren keine Spuren. Sie mußte schon früh
weg sein. Es vergingen viele Jahre.
Es
war eine sehr warme Nacht als er am anderen Ende der Stadt umherlief, um
einen Freund zu besuchen. Die verdammte Sonne war schon seit Stunden weg
und trotzdem schwitze er sich halb tot in seinem schwarzen löcherigen
T- Shirt und der knielangen Armee- Hose. Seine Stiefel hatte er offen gelassen
. Das war unbequem, aber ein wenig zugig. Er ging schnell, wie es so seine
Art war und leerte mit großen Zügen eine Dose mit Mineralwasser,
bevor er sie zerknüllte und im Vorübergehen in eine Seitengasse
warf.
Was
er nicht mitbekam, war der Kerl, der aus der Gasse trat und ihm zügig
folgte, ihn festhielt und herumriß.
„Hey...!“
rief er noch und dann spürte er schon die Messerspitze an der Kehle.
„Scheiße...“
presste er noch zwischen den Zähnen hervor.
Der
Typ stank bestialisch nach Schweiß und verdorbenen Fleisch, als sei
er schon fast verwest, und hatte langes strähniges Haar. Ein Bild
wie aus dem Lexikon. Und der Geruch erst.
„Geld!“
geiferte er, „Geld!“
„Ich
hab keins.“ war die Antwort. Scheiße scheiße scheiße...
Dann
zuckte das Ekel plötzlich unnatührlich zusammen und verdrehte
die Augen, bevor es auf den Boden sackte.
Dahinter
kam ein Mädchen zum Vorschein. Sie lächelte. In ihrer Hand hielt
sie das Messer, an dem das Blut langsam abwärts tropfte.
Sie
war so um die 16 und trug schwarze abgerissene Klamotten, gefärbte
Haare. Und Schuhe. Rot. Mit schwarzen Kappen an den Spitzen und an den
Hacken.
Jetzt
rannte sie weg. Und er stand nur da und atmete schwer, schluckte, sah die
roten Schuhe davonlaufen. Betrachtete die Leiche vor sich und kam auf die
Idee besser zu verschwinden.
Am
nächsten Abend wachte er auf und blickte in ihre Augen. Ihre kalten
Hände
hatten ihn geweckt, die er auf seinem Brustkorb spürte.
„Was
machst du hier?“ murmelte er und richtete sich vorsichtig auf. Er schlief
nur in Shorts, es war so warm, daß es kaum zu ertragen war. Jetzt
griff er nach seinem T- Shirt neben sich und zog es sich über den
Kopf. Dann stand er auf und blieb entgeistert stehen.
„Du
bist es, nicht wahr ?“ Er suchte nach einer Hose und ließ sich auf
dem Boden nieder, um sie anzuziehen.
„Mann,
du hast die Schuhe immer noch.“ sagte er dann und betrachtete sie. Sie
saß auf seinem Bett wie früher und sah ihn mit großen
Augen an und sprach kein Wort. „Passen die denn überhaupt noch?“
Nichts.
„Ach,
was frag ich dich.“ Damit stand er auf und kam zum Bett, um seine Stiefel
anzuziehen. Er ließ sich neben ihr nieder und bückte sich nach
den Schuhen. Sie fuhr ihm durchs Haar und er hielt inne.
„Was
tust du?“ Aber bevor er weiter fragen konnte, küsste sie ihn. Er sprang
auf.
„Bist
du verrückt? Ich bin doppelt zu alt wie du!“ Dann zog er hastig den
anderen Stiefel an und ließ sie zurück.
Er
stapfte kopfschüttelnd davon und konnte es einfach nicht glauben.
„Oh Mann!“ gab er abgenervt von sich und trat eine Mülltonne um.
„Hey!
Bleib stehen!“
Bitte
nicht.
„Mann,
bist du mal wieder so gut drauf?“
„Hallo.“
Sein
Freund fand sich neben ihm ein und sie schlenderten beide in Richtung Club.
„Willst
du mir jetzt endlich erzählen, was los ist?“ begann sein Freund, als
sie an dem kleinen Ecktisch saßen.
„Sie
ist wieder da.“ antwortete er geistesabwesend und hustete, machte sich
eine Zigarette an.
„Wer?“
„Na
das Mädchen, weißt du noch? Aus dem Heim.“ Er putzte seine Brille
an einem Zipfel seines T- Shirts.
„Oh
Mann.“
„Ja,
das hab ich auch gesagt.“ Damit stand er auf und holte ihnen was zu trinken.
„Das
muß jetzt schon fast zehn Jahre her sein.“ murmelte der Freund schließlich,
als er wieder kam.
„Mmh.“
machte er während er trank, „Und weißt du, was das beste war?“
„Nee.“
„Sie
wollte mich verführen.“
Sein
Freund lachte. „Ja, wirklich.“ ergänzte er und zog an seiner Kippe.
„Sie
muß mir die ganzen Jahre gefolgt sein. Sie war anscheinend immer
in meiner Nähe. Sie hat gestern Nacht einen Penner erstochen, der
meine Kohle haben wollte, drüben in der Stadt. Sie hat ihn einfach
abgestochen, in den Rücken und hat mich angegrinst! Und als ich nach
Hause kam, saß sie da. Sie macht mir wirklich Angst, weiß du.“sagte
er dann nachdenklich.
„Der
Furchtlose hat Angst vor einem kleinen Mädchen?“
„Da
ist sie.“
Und
wirklich stand sie am Eingang, im Begriff zur Theke zu gehen. Dort blieb
sie stehen und sah zu ihnen hinüber.
„Kennst
du diese Geschichten von diesen Filmstars, die von fanatischen Fans verfolgt
werden? Am Ende entführen sie ihr Idol und ziehen ihnen die Haut ab
um sich eine Jacke zu basteln oder soetwas und...“
„Sie
kommt.“
„Schön.“
Nachdem
sie schließlich den ganzen Abend schweigend an ihrem Tisch herum
gesessen hatte, war sie ihm wieder nach Hause gefolgt und hatte sich auf
seinem Bett niedergelassen. Vorne auf die Kante, die Hände neben sich
auf die Matratze gestützt. Wie immer. Wie früher.
Der
Wagen hatte sich nicht verändert, war noch ein wenig voller geworden
und es schien auch mal aufgeräumt worden zu sein vor nicht all zu
langer Zeit.
Als
er aus dem Bad kam und in Shorts und T-shirt mit nassen Haaren im Raum
stand, lächelte sie ihm entgegen. Er verzog das Gesicht und griff
zu einer Flasche Wasser. Sie sah ihm zu wie er das Wasser leerte. Er stand
wieder ratlos da.
Dann
kam er zu ihr, kniete sich vor sie hin wie schon einmal und betrachtete
sie eine Weile fassungslos. Sie hatte seinen Pullover an. Immernoch lächelte
sie. Erwartungvoll blickte sie ihn an. Er hob versuchsweise die Hand und
versuchte etwas zu sagen. Dann schüttelte er den Kopf und starrte
auf den Boden. Als er ihre Hand in seinem Gesicht spürte, wich er
wieder schnell zurück.
„Hey!“
sagte er etwas gereizt, „Nicht nochmal versuchen, klar?“ Aber sie blickte
ihn nur unverändert an.
„Hör
mal zu- ich weiß nicht wo du herkommst, was du die ganzen Jahre gemacht
hast, wie du heißt, wie alt du bist, was auch immer. Ich weiß
auch nicht, ob du weißt, daß du gestern einen Menschen abgemurkst
hast oder ob du sprechen kannst. Und ich will nicht, daß du mich
anfasst! Ich könnte dein Vater sein. Ich bin mindestens doppelt so
alt wie du. Ich weiß nicht was ich mit dir anfangen soll und was
du plötzlich wieder von mir willst. Ich weiß gar nichts! Ach...“
Reichlich
verwirrt blieb er schließlich still und stützte den Kopf in
die Hände. Und wieder ihre Hände auf seiner Schulter.
„Was
hab ich gerade gesagt?“ zischte er und sprang auf, zog sich die kurze Hose
über und seine Stiefel und verließ zitternd vor Wut den Wagen.
Er
mußte hier raus. Raus aus der Stadt, raus. Also nahm er die Bahn
bis zum Stadtrand. Sie folgte ihm. Er stieg aus und lief weiter, aber sie
ließ sich nicht abhängen. Er war mindestens eine Stunde gelaufen,
als er den Wald erreichte. Er hörte nur seinen Atem und das dumpfe
Geräusch, das seine Stiefel auf dem nackten Boden machten. Sie war
immer noch da.
Schließlich
blieb er stehen und wandte sich um.
„Was
zum Henker willst du von mir?“ rief er aufgebracht und sah, daß auch
sie stehengeblieben war.
„Hast
du überhaupt jemals ein Wort von dem verstanden, was ich gesagt habe?
Hast du das? Warum sprichst du nicht mit mir verdammt? Ach...“ Unruhig
lief er einmal kurz auf sie zu und dann wieder zurück. „Weißt
du überhaupt, was du gestern getan hast? Was? Du hast jemanden umgebracht,
Kind! Verdammt nochmal...!“ Jetzt ging er auf sie zu, blieb dicht vor ihr
stehen und sah in ihr Gesicht, über das Tränen liefen. Er atmete
tief ein und dann aus und seufzte. Aber als er sie an der Schulter berührte,
lief sie weg.
„Es
tut mir leid.“ murmelte er und rief dann: „Hey, es tut mir leid...“
Sie
lief nicht lange den Weg entlang, er sah sie ab vom Pfad in die Büsche
laufen. „Hey...“
Dann
lief er los und folgte ihr hinab in das Dunkel der Bäume. Es war sehr
dunkel hier, nur die Umrisse und Schatten waren sichtbar. Weiter hinten
war eine Lichtung, da sah er ihre dunkle Silhouette kurz aufblitzen. „Hey!
Bleib stehen...“
Sie
war schon wieder weg. Es war so still- und so tot. Auf der Lichtung lag
ein Felsblock, der im Nachtlicht gespenstisch leuchtete. Hier blieb er
stehen und lauschte. Nichts. Sie mußte stehen geblieben sein. Suchend
wand er sich um und stolperte über ihre Beine. Sie saß da an
diesen Felsen gelehnt und bewegte sich nicht.
„Hey-
es tut mir leid...aber...“
Sie
zitterte, als er sich nieder ließ und hilflos vor ihr hockte, sie
versuchsweise an der Schulter berührte. Ihre Lippen zitterten, ihre
Augen waren halb geschlossen und sie lächelte nicht mehr.
„Was
soll ich machen? Hey- komm mit zurück, okay? Raus hier aus...“
Sie
hob die Hand und strich an seiner Wange entlang, dann fiel ihr Arm zurück
auf den Boden. Er sah etwas Dunkles auf ihrer Haut entlanglaufen und fühlte
es warm, als er hingriff, schmeckte Blut...
„Scheiße...“
murmelte er, hob sie auf und versuchte schnell zum Weg zurück zu kommen.
„Hey,
bleib wach, okay...Hallo!“ Er spürte ihre Hand im Nacken und wie sie
ihn sanft streichelte, ihre Lippen waren dicht an seinem Ohr und wisperten
tonlose Geräusche, als sie an seiner Schulter starb...
©Kay
Agony
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