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Hiroaki Samura: 

OHIKKOSHI
Short Stories

Kategorie: Adult
 
 
 
 
 

Ohikkoshi spielt in einer japanischen Stadt im Studentenmilieu. Eine Clique trifft sich regelmässig in einem Lokal, um Neuigkeiten auszutauschen und gemeinsam zu feiern. Es geht hauptsächlich um ihre Beziehungen zueinander und um die vielen, wechselnden Jobs, denen sie nachgehen.

Einer der interessantesten und intelligentesten Mangas, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Und von der Stimmung her so dicht, dass es schwer fällt, das Buch wieder aus der Hand zu legen und sich von dieser Clique für eine Zeitlang wieder zu trennen, bis man das Buch wieder zur Hand legt und eintaucht in eine Welt, die zugleich fremd und sehr vertraut ist. Einige Personen bleiben lang im Gedächtnis, vor allem Mayu, die charismatische junge Frau, die versucht, sich von allem zu lösen, was ihre Seele eineingen könnte und Reiko, eines der wenigen Mädchen, bei denen man lolitahaftes Aussehen nicht als aufgesetzt oder tussig empfindet (wahrscheinlich, weil sie extrem intelligent ist). Beide Frauen strahlen eine eigene Poesie aus, und beide Frauen sind wohl Personen, mit denen man gern im Real Life zu tun hätte – es sind Personen, die man gern zu seinem eigenen Freudeskreis zählen würde. Mayu ist reifer als die anderen, hat mehr Erfahrung und kommt viel härter und zynischer rüber, aber es kommt heraus, dass sie in Wahrheit zerbrechlich und verletzt ist. Ihr scheint die innere Ruhe zu fehlen, sie wirkt gehetzt und zerrissen. Dennoch strahlt sie von innen her. Sachi, ein Student, liebt Mayu schon lange und wartet auf seine Chance bei ihr. Bis es so weit kommt, erlebt er machmal sein blaues Wunder mit ihr, doch eine interessante Frau wie sie ist es wert, dass man sich um sie bemüht, ausserdem ist Sachi nicht der Typ, der so leicht aufgibt.
 

Die eigentliche Story setzt sich aus vielen atmosphärischen Einzelteilen zusammen, ähnlich wie bei einem Puzzlespiel. Es gibt viele Geschichten in der Geschichte. Auf die einzelnen ineinander verschachtelten Stories möchte ich nicht eingehen, ganz einfach, weil die Magie, die das Buch ausstrahlt, sehr fragil ist. Zu viele Worte wären hier fehl am Platz.  Für mich persönlich waren aber Zeichenstil und Stimmung die Hauptsache, obwohl die Stories wirklich lesenwert sind. 


Und auch japanische Traditionen wirken hier zum ersten Mal auf mich lebensecht und verständlich. Manches ist einleuchtend und wirklich schön. Traditionen, denen auch die Jungen folgen, zwar nicht so strikt wie ihre Vorväter, aber trotzdem liegt es ihnen im Blut.  Ich denke, dass Japan ein Land ist, das im Grunde für Westler gar nicht mal so unverständlich ist, wenn man die Möglichkeit hat, unter die Oberfläche zu blicken. Darunter findet man Dinge, die man selbst kennt, man findet eher Gemeinsamkeiten als Trennendes.

Die Stadt ist düster und mysteriös. Viele Szenen spielen bei Nacht. Düstere Wohnsilos, die halbleer am Stadtrand stehen, einsame Orte, spät abends oder nachts, spärlich beleuchtet, das Studentenlokal selbst mit seinen dunklen Ecken. Das ganze Stimmungsbild ist absolut dicht und zeichnerisch perfekt umgesetzt. Orte, die schon zum Greifen plastisch wirken. Eine ideale Kulisse für die Geschichten, die sich hier abspielen, teilweise traurig und zynisch, manchmal abstrakt und fast dadaistisch. Und am Ende Küste und Meer, voller Licht und Lebendigkeit. Es wirkt so, als wäre Mayu einem düsteren Traum entkommen und würde nun endlich ins Leben eintauchen. Obwohl die Zeichnungen s/w sind, denkt man, sie wären in pastell gemalt. Es ist verträumter als früher, weicher und auch Mayu wirkt nun endlich offener. Zeit für einen Neubeginn, vielleicht sogar eine neue Beziehung? Er hätte es verdient, denn er hat sie gesucht und ist ihr bis hierher nachgefahren. Darüber lässt uns der Autor jedoch im Unklaren. Aber es sieht gar nicht schlecht aus für Mayu und Sachi.

Zwei weitere Geschichten runden den Sammelband ab: “Lunchtagebuch der Tränen”, die Geschichte einer glücklosen Shojo-Mangaka, und “Monstererscheinung am Midorogaike-Teich”, wobei erstere durch eine völlig abgedrehte Handlung und den beinharten schwarzen Humor besticht, der sich durch die Story zieht. Als Manga-Zeichner hat mal es halt nicht leicht....
 

Ohikkoshi ist ein Buch, bei dem ich wieder mal feststellte, dass Comics Kunst sein können, wenn man sein Handwerk beherrscht. Ein atmendes, lebendiges Gebilde, das sich wohltuend vom Mainstream abhebt, von Anfang bis zum Ende gut durchdacht, detailliert geschildert und mit wunderschönen Bildern versehen. Vielleicht kennt ihr das Gefühl, das man manchmal hat, wenn man ein Buch ausgelesen hat. Man möchte sofort wieder neu beginnen oder man wünscht sich eine Fortsetzung, die am Ende des Bandes auch angekündigt wird.
 

©Shine