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Oscar Adolf Hermann Schmitz:

HASCHISCH
 

Oscar Adolf Hermann Schmitz – ein vergessener Name. Doch der gebürtige Homburger (1873-1931) hinterließ der Nachwelt ein umfangreiches Werk, das mehrmalige Neuauflagen erlebte. Wenn heute noch etwas von Schmitz Erwähnung findet, so ist dies meist seine Novellensammlung „Haschisch“, die kein Geringerer als Stefan George nach ihrem Erscheinen 1902 als „eines der apartesten und auch stilistisch hervorragendsten Novellenbücher der letzten Jahre“ bezeichnete.

Haschisch. Der Name ist Programm – es ist der Rausch, den Schmitz in seinen insgesamt sieben Geschichten verewigt und ihm ein literarisches Denkmal setzt. Dabei stehen bei ihm weniger die ekstatischen Erlebnisse des Drogenkonsums, die entrückte Selbsterfahrung im Mittelpunkt wie mitunter bei H. S. Thompson, sein Interesse gilt vielmehr den Geschichten, die sich durch das Versetzen in den Rauschzustand ergeben. 

Dabei muss es nicht immer der durch Haschischgenuss erzeugte sein, Schmitz geht in seinen Erzählungen sehr viel weiter und steigt dadurch sehr viel tiefer hinab in die menschlichen Niederungen als es mit bloßen Drogengeschichten wahrscheinlich möglich gewesen wäre. Selbstverständlich finden sich auch bei ihm Schilderungen von Drogenerfahrungen, aber es sind (merkwürdigerweise?) gerade die Erzählungen die stärksten, die ihren Rausch aus mehr beziehen als aus bewusstseins- erweiternden Mitteln. Schmitz’ Erzählungen sind voll von Halluziniertem und dekadenten Gesellschaften – und auch wenn heute nicht eindeutig geklärt ist, ob Schmitz selbst dem Drogenkonsum frönte, die Kenntnis überzüchteter Gesellschaftskreise besaß das zeitweise feste Mitglied der Münchner Boheme jedenfalls aus eigener Hand. Die Novellen in „Haschisch“ sind mit einer Ausnahme lose umschlossen von einer Rahmenerzählung, die sich immer wieder in die Geschichten hineinflicht und mit ihnen verschwimmt und daher gut passt zu dem immer leicht Luziden, das sich durch das gesamte Werk zieht. Und während Schmitz in der erwähnten Ausnahme, der Erzählung „Der Schmugglersteig“, eher ins Mystisch- Märchenhafte abschweift, schreibt er im frivolen „Haschisch“-Zyklus über Dekadenz, Okkultismus, zwischenmenschliche Abhängigkeiten und seelische Abgründe.


Tatsächlich ist es mehr das Laster als die titelgebende Droge, die in seinen Erzählungen das Rauschhafte heraufbe- schwört: Immer wiederkehrendes Thema sind „unerhört raffinierte Wollüste“, wie Stefan Zweig es formulierte. Dabei reicht die Bandbreite, die Schmitz diesem Motiv einräumt, von schwülstigen Phantastereien, die nur noch mit Blick auf die Zeit der Entstehung als erotisch bezeichnet werden können, über nur wenig umschreibende Passagen bis hin zu deutlich orgiastischer Gewalt und offenem Sadomasochismus. Auch wenn nicht jede der Erzählungen sexuelle Elemente hat – keine von ihnen kommt ohne Exzess der einen oder anderen Art aus, keine, die nicht auf irgendeine Weise eine Grenze überschreiten, eine gesellschaftliche oder moralische Regel brechen würde. 

Wenn Goethe als Kern einer Novelle „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“ sah, so hat Schmitz ganz außergewöhnliche Novellen geschaffen, die auch heute nichts von ihrer Suggestivkraft eingebüßt haben. Hervorragend vor allem die Erzählung „Die Sünde wider den Heiligen Geist“, in der gelangweilte Adlige und ein verdorbener Priester versuchen, ein tugendhaftes Mädchen dahin zu verführen, dass es trotz innigster Frömmigkeit willentlich ihren Schöpfer schmäht und schändet. Nicht nur liest sich diese Novelle quasi wie die Quintessenz der Sammlung, sie ist auch von beeindruckender Wortgewalt, Lebendigkeit der Sprache und einer mitreißenden Plot-Konstruktion. 
 

„Haschisch“ ist seit 2002 wieder über den normalen Buchhandel erhältlich, in der Bibliothek Gutenberg der Steirischen Verlagsgesellschaft. Der Preis von 18 Euro mag für 136 Seiten hoch anmuten, ist aber trotzdem gerechtfertigt: Die Seiten der gebundenen Ausgabe sind kartoniert, ein Essay über Schmitz im Allgemeinen und „Haschisch“ im Speziellen rundet das vorliegende Werk ab. Illustriert wird die Novellensammlung von dreizehn düsteren, stimmungsvollen Schwarz/Weiß-Zeichnungen des berühmten phantastischen Künstlers Alfred Kubin, der Schmitz persönlich kannte. So ergibt sich das Bild einer zwar nicht außergewöhnlichen, aber soliden Sammlerausgabe dieser Perle vergessener Phantastik.
 
 

©Matthias Oden