Eddie
M. Angerhuber:
DAS
VERBORGENE
Umschlaggestaltung:
Rainer Schorm
©
2000 by Klaus Bielefeld Verlag, Friedland
ISBN
3-89833-028-1
Inzwischen
vergriffen.
Es
ist schwer, das Buch eines Freundes zu rezensieren. Noch viel schwerer
ist es, ein Buch zu rezensieren, das bestimmte Gefühle hervorruft,
die sehr in die Tiefe gehen, vielleicht zu tief. Bücher, die
ein Spiegelbild des Lesers selbst zu sein scheinen. Worte, die genau den
Punkt treffen, wo es beginnt, ein wenig weh zu tun (und das ist weiß
Gott nicht negativ gemeint).
Ich
werde versuchen, eines dieser Bücher zu rezensieren. Rezension ist
vielleicht das falsche Wort dafür, ich würde es eher „Liebeserklärung
an ein Buch“ nennen. Warum? Das Buch weckt die Sehnsucht in mir, die ich
früher so gut kannte, die mich weitertrieb, immer wieder in die Nacht
einzutauchen, die meine Sehnsucht stillte, den Schmerz betäubte. Sehnsucht
wonach? Das Buch gibt keine Antwort darauf, es scheint auch keine Antwort
zu geben, die in unserem Ermessen liegt. Vielleicht ist es auch nicht immer
nötig, Antworten zu finden. Denn ist nicht das Gefühl allein
das, was bleibt? Was nutzt uns Theorie, wenn es an Gefühlen, an echtem
Erleben mangelt? Dies hieße, nie gelebt zu haben...
Eddie
M. Angerhuber: Das Verborgene
"Ich
kleidete mich sorgfältig an, langsam, ohne Eile, mit vielleicht unbotmäßiger
Gewissenhaftigkeit. Ein federleichter Windzug bewegte die halb offenen
schwarzen Vorhänge. Da war er wieder, jener süße Duft,
den ich schon am Vorabend wahrgenommen und der mich an die brennenden Vanillefelder
hinter dem Horizont erinnert hatte. Er zog wie die grazil wirbelnden Spiralen
von Zigarettenrauch durch das Zimmer, unsichtbar, ein Hauch nur, gerade
so spürbar: ein wunderschönes Verprechen für den Rest der
Nacht."
Die
Hauptperson der Geschichte lebt in Berlin, das an die achziger Jahre erinnert.
Man könnte sie überall dort antreffen, wo die Mitglieder der
“Szene”, des Underground, zusammenkommen. In den seltsamsten Clubs, die
oft nur monatelang existieren - die Szene zieht weiter wie die Zugvögel,
von Club zu Club, aber es sind immer dieselben Personen, die man dort trifft,
es ist seltsam und irgendwie auch witzig, aber auch nett, immer wieder
dieselben Gesichter zu sehen und dieselben Geschichten zu hören. Die
einzige Konstante in diesem Wechselspiel von Orten und Situationen sind
diese Menschen, die man einfach überall trifft, wo man sich gerade
aufhält, bei Nacht in den Clubs oder auf den Friedhöfen, bei
Tage in Plattenläden oder an einsamen Orten, wo man sich der morbiden
Stimmung hingibt (alte Stadtviertel mit verfallenden Häusern oder
aufgelassene Industriegebiete bieten sich geradezu an...), am Samstag frühmorgens
am Flohmarkt, übernächtigt und bleich, mit der obligatorischen
Zigarette im Mundwinkel und andauernd von schwarzem Kaffee faselnd, zombieähnlich,
doch dennoch in der Lage, Szenegestalten blitzschnell zu orten und mit
ihnen ein amüsantes Schwätzchen zu halten, das, der Uhrzeit angemessen,
durchaus surreale Züge annehmen kann...und Dinge zu kaufen, die, gelinde
gesagt...eigenartig sind.
Die
Szene ist schnellebig und kreativ, Clubs werden eröffnet und schließen
nach kurzer Zeit wieder und "Das Gummiaquarium", das plötzlich
in einem aufgelassenen Geschäft am Karlsplatz eröffnet wird,
ist einer davon. Ganz plötzlich aufgetaucht, wirbt es nun mit eigenartigen
Plakaten um die Gunst der Nachtschwärmer. Das Geschäft, das eigentlich
zum Abriß bestimmt ist, wird einen Sommer lang zum Szenetreff umfunktioniert,
irgendein ungenannt bleiben wollender Mäzen der lokalen Künstlerszene
hat sich den Spaß erlaubt, es zu mieten und dem städtischen
Underground zur Verfügung zu stellen. Das Ganze macht einen vielversprechend
grotesken Eindruck und auch die Haupt- person der Geschichte nimmt sich
vor, das Gummiaquarium aufzusuchen, da sie sich einiges an ausgefallenen
Vergnügungen und Eindrücken erwartet. Und sie wird in ihren Erwartungen
nicht enttäuscht. Die Lokalität, die sie bald daruf aufsucht,
erweist sich als äußerst stilvoll auf bizarre Art und Weise
- ein Mittelding zwischen irrwitziger Galerie und Undergroundlokal, mit
genau der Ansammlung von Künstlern und Nachtschwärmern, die ein
Lokal von dieser Beschaffenheit beinah magnetisch anzieht.
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Gebannt
von ihren ersten Eindrücken genießt die Erzählerin Nächte
und Sinneseindrücke, die sie tief berühren und zwischen Poesie
und Coolness, im Nachhall ihrer Worte vermeint man Musik anklingen zu hören,
einen Song von the Cure eventuell
the
upstairs room is cool and bright
we
could go up there in summer and dance all night ....
Doch
es wäre nicht eine Geschichte von Eddie Angerhuber, würde sich
das Grauen nicht in diese versonnen - romantische Stimmung drängen
und langsam, aber unaufhaltsam die einsame Nachtschwärmerin und Ich-Erzählerin
in seinen Bann schlagen. Sonderbare Dinge ereignen sich im Gummiaquarium
und seinem Umfeld – sie trifft ein Mädchen namens Lina,
ein besonders extravagantes und exquisites Geschöpf der Nacht und
verfällt völlig ihrem Charme, sie verliert sich in ihrer düsteren
Welt, einer Art Parallelwelt, in die sie sie zieht und in der sie sich
ihr offenbart. In dieser mystischen und gefährlichen Stimmung entdeckt
sie ihr Geheimnis, das sie ergründen möchte und das sie allmählich
immer weiter in die Tiefe zieht, in eine Welt von Erotik und Gewalt, die
auch sie selbst langsam zu verändern beginnt. Willenlos und abhängig
von diesem wunderschönen Geschöpf, das einem Vampir so sehr gleicht,
taumelt sie am Rande der scheinbaren (?) Realität und ist ständig
in Gefahr, sich dem Verborgenen, ihrem Geheimnis, auf Gedeih und Verderb
auszuliefern. Erst als es beinah zu spät für sie ist, besinnt
sie sich – versucht zu fliehen, sich zu befreien, doch der Keim des Bösen,
das Gift, von dem sie gekostet hat, sitzt bereits sehr tief in ihrer Seele.
Vielleicht
hat der Alptraum erst begonnen?
"Es
erscheint mir im Nachhinein geradezu sträflich, wie gelassen ich mich
hingegeben habe, nachdem ich die wahre Natur und die andere Seite von Lina
kennengelernt hatte. Aber: Tragen wir nicht alle ein zweites, unbekanntes
Gesicht unter den Haaren auf unserem Hinterkopf? Und wohin blicken die
Augen unseres Schattens nachts, in unseren Träumen, wenn ordentliche
Bürger schlafend in ihren Betten liegen sollten?"
"Das
Verborgene"...Ein gut gewählter Titel und in mancherlei Hinsicht zutreffend.
Es gibt eine gut verborgene Welt, die tief in uns allen existiert, eine
Art zweite Persönlichkeit, die wir alle in uns tragen, die manchmal
andeutungsweise zutage tritt – eine Persönlichkeit, die zu Recht gut
verborgen ist, denn sie trägt den Keim unserer Selbstzerstörung
in sich. Unser verstecktes Schattengesicht, das wir sicher sehr gut kennen,
auch wenn wir es niemals zugeben würden.:-)
Und
Schatten sind gefährlich. Wer sich ein wenig damit auskennt, wird
vielleicht an die Legenden erinnert, die sich um den Schatten des Menschen
ranken. Schatten sind ebenso wichtig wie gefährlich. Denn auch der
Schatten des Menschen birgt Erkenntnisse, die für den weiteren Weg
sehr wichtig sind, aber nur, wenn man ihm nicht unterliegt. Das Schattengesicht
des Menschen mag vermeintlich schöner sein als der Mensch selbst,
bezaubernder, magischer, doch wenn man sich diesem feinsten und schrecklichsten
aller Zauber hingibt, wird man sich darin verlieren und alle um sich in
die Tiefe reißen und ihre und die eigenen Träume für immer
zerstören. Schatten sind gefährlich....
...>>“Nimm
nur alles hin“, flüsterte ich. Der Schmerz in meinem aufgerissenen
Brustkorb war wie eine lodernde Feuersbrunst, grausam und unerträglich.
Ich hätte ihr niemals standhalten können, ich versuchte es erst
gar nicht, sondern ließ mich fallen. Schwerelos, mit der unmißverständlichen
Geste des Aufgebens, und stürzte. Alles war nun zerrissen wie blauer
Samt über einem zerbrochenen Tisch aus Glas; die Dinge hatten ihre
bekannte Oberfläche von mir abgewandt und zeigten ihr Schattengesicht,
und es war ein gräßliches weißes Rauschen und Eintauchen
wie in brennendes Öl und der Faltenwurf eines gewaltigen rotsamtenen
Bühnenvorhanges.
Auf
dem harten Fliesenfußboden platzten die gläsernen Gegenstände
meines Inneren und zerspritzten zu öligem, scharlachfarbenem Blut...<<
©Shine |
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