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Uwe Vöhl: 

DAS VOLK DER NACHT 9: BRANDZEICHEN 

Originalveröffentlichung, 2002 Zaubermond-Verlag 
240 Seiten, Hardcover, 
EUR ISBN 
3-931407-64-0 
 

Die von Manfred Weinland konzipierte Serie Das Volk der Nacht erschien ursprünglich unter dem Namen Vampira im Bastei Verlag und wurde seit 1999 in Lizenz beim Zaubermond-Verlag fortgeführt. Im Mai 2003 wurde die Serie jedoch leider endgültig eingestellt. 

Wie schon in der alten Bastei-Serie gelang es auch in Das Volk der Nacht den alten Blutsaugermythos erfrischend unkonventionell neu umzusetzen: Geschildert werden die Abenteuer der Halbvampirin Lilith Eden, einem faszinierenden Geschöpf, das ursprünglich geboren wurde, um die Ur-Lilith (also Adams sündige erste Gattin, die in der jüdischen Mythologie als Dämon gilt) mit Gott zu versöhnen. Doch ist Lilith weit davon entfernt, eine Heilige zu sein - auch sie benötigt Blut, um zu existieren. Jedoch vermeidet sie es, Menschen zu töten. Stattdessen zieht sie es vor, sich mit ihren "Opfern" sexuell zu vereinigen und ihnen während dieses (für die erwählten Blutspender nicht gerade unangenehmen Vorgangs) die erforderliche Menge Lebenssaftes auszusaugen. Doch immer wieder kommt es zur Konfrontation mit dem Bösen, mit den wirklichen Vampiren... 

Der Roman Brandzeichen ist der 9. Band in dieser Reihe und Autor Uwe Vöhl entführt den Leser hier in das pulsierende Nachtleben der Millionenmetropole Tokio: Unter Anleitung ihres Chefs Curd von Campen macht eine Gruppe deutscher Geschäftsreisender eine Exkursion durch die Vergnügungsviertel der Stadt. Von Campen besteht darauf, etwas "authentisches, außergewöhnliches" abseits der üblichen Stripteaseschuppen und Karaokebars zu erleben und schließlich wird die Gruppe von einem Taxifahrer in eine heruntergekommene Hafengegend chauffiert.


Dort findet in einem Lagerhaus eine wahrhaft "außergewöhnliche" Show statt: Dem versammelten Publikum wird hier Ajumi, die Frau mit den tausend Narben, vorgeführt - eine lebende Tote, deren Körper von einer Unzahl von Wunden bedeckt ist. Ein Freiwilliger aus dem Publikum soll sich melden, um an Ajumi sein "Glück" zu versuchen und sie endgültig zu töten. Die Wahl fällt auf von Campen, der die Gelegenheit begeistert beim Schopf ergreift...

Uwe Vöhl, der bereits 1979 mit der Horror-Anthologie Die Galgenpuppe im Genre Fuß faßte und bereits für Bastei am Lilith Eden-Zyklus mitwirkte, entwirft hier eine Story, die zwar einerseits eine gelungene Serien- fortsetzung darstellt, andererseits aber auch für sich allein existieren und durchaus auch Lesern empfohlen werden kann, die mit dem Volk der Nacht noch nicht vertraut sind. Gekonnt aufgebaute Spannungsbögen und gelungene Charakterisierungen der Protagonisten verbinden sich perfekt mit z. T. verstörenden Bildern (so z. B. allein der großartig geschilderte Auftritt Ajumis) und Elementen der japanischen Mythologie, aber auch mit handfestem Horror und durchaus explizitem Sex. Der überaus authentisch geschilderte Moloch Tokio schließlich (hier gebührt dem Autor allein schon Anerkennung für eine gründliche Recherche), wird zu einem fesselnden Mikrokosmos für das Geschehen. 

Aufgelockert wird das ganze übrigens durch die eingestreuten fiktiven Tokio Legends, bizarren kleinen Erzählungen, die fast wie eine moderne Variation der japanischen Geistergeschichten Lafcadio Hearns wirken. Eine Sammlung dieser phantastischen Perlen wäre für sich schon wieder eine Buchveröffentlichung wert... Mit Brandzeichen gelang Uwe Vöhl ein ebenso kurzweiliges wie originelles Stück unkonventioneller moderner Horrorliteratur, das sich im stilistischen Niveau wohltuend von zahlreichen anderen Serienpublikationen abhebt und all diejenigen Lügen straft, die deutschen Autoren das Talent zum Schreiben absprechen. 
 

©Thomas Wagner