Spies
In The Wires:
I'm
A Schizophrenic Cyberstar
(CD)
Das
Elektronikprojekt Spies In The Wires ist (noch) ein Geheimtip und dürfte
aufgrund umfangreicher Onlineaktivitäten bislang vorwiegend Besuchern
von mp3.com bekannt sein.
Dahinter
verbirgt sich der deutsch-amerikanische Klangtüftler Audiospy, dessen
musikalischer Werdegang eigentlich schon 1982 in Chicago begann. Während
er dort tagsüber Musik am Columbia College studierte, agierte er nachts
als DJ in diversen Szeneclubs und machte sich einen Namen als Experte für
alternative elektronische Musik machte. Später kehrte er den USA den
Rücken und zog nach Deutschland, wo er 1991 mit seinem Projekt THX
ein Album bei SPV veröffentlichte. Doch nach unerfreulichen Erfahrungen
mit den Geschäftspraktiken einiger Plattenlabel zog er sich desillusioniert
für lange Zeit von der Musik zurück und tauchte erst vor zwei
Jahren mit Spies In The Wires wieder aus der Versenkung auf.
Musikalisch
bewegt sich dieses Projekt in der Tradition intelligenter Electro-Bands
wie Chris & Cosey, Severed Heads und vor allem Cabaret Voltaire (auf
deren gleichnamigem alten Song der Name Spies In The Wires basiert). Doch
keinesfalls wird hier ein nostalgischer Retrokult zelebriert und anders
als bei den kurzlebigen Retortenbands der durchkommerzialisierten modernen
Techno- szene, finden sich auch keine vorgefertigten Samplebausteine oder
software-generierter Einheitsbrei. Stattdessen wird hier mit viel Einfallsreichtum
und einer Vielzahl (teils sogar selbstkonstruierter) Synthesizer ein durch
und durch eigenständiger Sound auf hohem professionellem Niveau kreiert:
Subtile Klangkonstruktionen, die oft direkt ins Unterbewußte zielen
und sich fast als eine Art elektronischer Psychedelia ausnehmen, die es
bei aller Abgedrehtheit allerdings vermeidet, in weltfremde Traumwelten
abzugleiten.
So
auch auf dem aktuellen selbstproduzier- ten Album I'm A Schizophrenic Cyberstar:
Das einleitende Drugged-Novoko könnte man vielleicht als Trance-Musik
im besten (und eigentlichen) Sinne bezeichnen. Schleppende Rhythmen, ein
hypnotischer Basslauf und analoge Synthieklänge verbinden sich hier
zu einem psychedelischen Soundtrack für erweiterte Bewußtseinszustände.
Diesem gelungenen Auftakt folgt Atomic High, ein Stück, das mit seinem
geschickten Spannungsaufbau starken Soundtrackcharakter besitzt. |
 |
Mutierte
Gitarrensamples, rythmische Beats und ein dunkler Backgroundsound formen
sich zu einem Klangteppich, der vor dem Auge des Hörers Bilder irgendwo
zwischen den futuristischen Metropolenlandschaften von "Blade Runner" und
William Gibsons Cyberpunk-Romanen entstehen läßt. Diese "filmische"
Atmosphäre wird in Don't Blame the Crane beibehalten, man beinahe
als eine elektrifizierte Cyberspace-Variante von Also sprach Zarathustra
bezeichnen könnte. Es folgt Subculture, das einzige mit Text unterlegte
Stück dieses vorwiegend instrumental arangierten Albums und zugleich
ein Song mit Ohrwurmcharakter, der eine Singleauskopplung wert wäre.
Vor einem recht atmophärischen Background treibt ein eingängiger
Rhythmus voran und die verzerrte Stimme Audiospys läßt Erinnerungen
an das ältere Material von Die Form wachwerden. Das perfekt durchkonzeptionierte
Lies in the Spires schließlich, ist ein wortloser Kommentar zu den
Schattenseiten der Religion. Das einleitende dunkle Grundthema wird von
einer tiefschwarzen Walzermutation abgelöst, die irgendwie - auch
wenn dieser Vergleich hier absurd erscheinen mag - an Waltz in Black der
guten alten Stranglers denken läßt. In der zweiten Hälfte
kommt es dann plötzlich zu einem radikalen Tempowechsel und das Stück
wandelt sich zu einem, den religiösen Wahnsinn versinnbildlichenden,
technoiden Veitstanz. Den Ausklang der CD bildet What I'm Going to do to
you now (BB&A Remix), ein Song, der ein wenig aus dem Rahmen fällt,
denn hierbei handelt es sich um die Remixfassung eines Songs des Berliner
Projekts das pst. Da der Rezensent in selbiges involviert ist, erspart
er sich nähere Kommentare dazu, doch soviel sei bemerkt: Was Audiospy
in seiner klingenden Hexenküche aus einem rauhen Stück Industrial-Punk
gemacht hat, ist schlicht und einfach unbegreiflich...
I'm
A Schizophrenic Cyberstar kann für 13,-- EUR inkl. Porto direkt bei
spiesinthwires@t-online.de
bestellt werden. Zum Ende dieses Jahres will Audiospy übrigens sein
eigenes Label Aural Hallucinogenix ins Leben rufen. Für Freunde unkonventioneller
elektronischer Musik jenseits der kommerziellen Massenware lohnt es sich,
die Augen (und Ohren) in diese Richtung offen zu halten...
Spies
In The Wires: Im A Schizophrenic Cyberstar
Aural
Hallucinogenix, 2002
www.auralhallucinogenix.com
Hörproben
gibt es bei mp3.com
©Thomas
Wagner (2002) |
|