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Thomas Ligotti:
My Work Is Not Yet Done

In der von leicht verdaulichen Bestsellern dominierten modernen Horrorszene ist der Amerikaner Thomas Ligotti eine faszinierende Ausnahmeerscheinung. Seine Erzählungen haben stilistisch wie inhaltlich nichts mit King, Lumley & Co gemein, vielmehr rufen sie Erinnerungen europäische Phantastik-Klassiker des 20. Jahrhunderts und die grotesk-bizarren Phantasien Edgar Allan Poes wach. 

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Current 93 / Thomas Ligotti: 

In A Foreign Town, In A Foreign Land 

(CD, Re-Release) 
 

Current 93-Mastermind David Tibet ist ein literarischer Gourmet und die dunkle Phantastik gehört zu seinen besonderen Vorlieben. So ist er Mitinhaber des exquisiten Londoner Kleinverlags Durtro Press und ließ sich künstlerisch u. a. von Autoren wie Count Stenbock inspirieren (so z. B. auf The Immortal Bird und Faust). 

Einer der wohl größten Einflüsse auf Tibets Arbeit ist jedoch der amerikanische Schriftsteller Thomas Ligotti, dessen irgendwo zwischen Poe, Kafka und dem absoluten Nirgendwo angesiedelten Stories wohl zu dem beklemmendsten und ungewöhnlichsten gehören, das die moderne Phantastik zu bieten hat. Einflüsse Ligottis finden sich u. a. auf den Current 93-Alben Soft Black Stars und All The Pretty Little Horses (hier ist der Autor am Ende als Telefonstimme auch selbst zu hören). In den späten 90er Jahren nahm David Tibet zu Ligotti Kontakt auf und veröffentlichte mit ihm bislang die drei Coproduktionen In A Foreign Town..., I Have A Special Plan For This World und This Degenerate Little Town, eine vierte ist in Vorbereitung. Den Auftakt in dieser Reihe machte Thomas Ligottis Erzählungszyklus In A Foreign Town, In A Foreign Land, der 1997 zusammen mit einem Soundtrack von Current 93 erschien. Dieses hübsche Doppelpack - illustriertes, in Leinen gebundenes Bändchen und CD - war auf 1000 Exemplare limitiert, schnell vergriffen und ist mittlerweile ein gesuchtes Sammlerstück, das vor allem im angloamerikanischen Raum beachtliche Liebhaberpreise erzielt. In diesem Jahr erschien bei Durtro eine Re-Release der CD: Thomas Ligottis komplette Erzählungen sind im Digipak eingeheftet, das sich so wie ein kleines Büchlein durchschmökern läßt und auch das komplette Original-Artwork von Steven Stapleton ist vorhanden. Da die limitierte Erstauflage von In A Foreign Town... wohl vielen Mitmenschen unbekannt sein dürfte, lohnt es sich, hier diese Re-Release vorzustellen. 

Vier Erzählungen befinden sich in Ligottis Buch und jede dieser Stories wird von einem Track auf der CD begleitet. Current 93-Fans, die nur den gitarrenbetonten Neofolk kennen, der das Repertoire der Band dominiert, werden vielleicht irritiert sein: Auf In A Foreign Town... orientieren sich Tibet & Co vielmehr an alten experimentellen Industrial-Wurzeln, entwerfen lange, vorwiegend ruhige Stücke, die fließend ineinander übergehen und kongenial die literarische Vorlage illustrieren. 
Die akustische Reise in jene namenlose Stadt an der nördlichen Grenze, in der alle vier Erzählungen angesiedelt sind, beginnt mit His Shadow Shall Rise To A Higher Place. Die gleichnamige Geschichte erzählt von den eigentümlichen Vorfällen, die nach dem Tod des entstellten Einsiedlers Ascrobius auf einem Friedhof ihren Lauf nehmen. 


Nach einem langsamen Intro führt das Stück in eine Atmosphäre absoluter Verlorenheit und man fühlt förmlich die undurchdringliche Nacht, in der etwas nicht greifbares, bedrohliches lauert. Nachdem David Tibet anfangs mit sanfter Stimme Passagen aus dem Text rezitiert, beginnt sich aus Musik, Geräuschen und mutierten Stimmfetzen ein atmosphärischer Sound aufzubauen, der den Hörer in einen tiefschwarzen Abgrund zieht. 

The Bells Shall Sound Forever schildert die Erlebnisse eines Reisenden, der in der Pension der ominösen Mrs. Pyk absteigt. Des Nachts entdeckt er dort ein Narrenkostüm und spürt plötzlich das unbändige Verlangen hineinzuschlüpfen; schließlich findet er sich als Spielzeug in der Hand der Wirtin wieder. Dieser Story angemessen wird hier musikalisch weniger ein dunkles Grauen, als vielmehr ein seltsames Schweben zwischen Traum und Wachzustand suggeriert. Ein metallisches Glockenspiel leitet das Stück ein, das sich in der Folge über weite Strecken sehr meditativ, beinahe traumgleich gestaltet. 

A Soft Voice Whispers Nothing hingegen ist ein Trip ins Herz des ligottischen Horrors. Ein düsterer Klangteppich bildet den Hintergrund für die Beschreibung einer grotesken Prozession zerlumpter, bösartiger Clowns, die nichts mehr mit harmlosen Spaßmachern gemein haben (haben Clowns das überhaupt jemals?). Aus den gleitenden Backgroundsounds, entmenscht klingenden Stimmsamples und dem Klagen einer Tuba formt sich das akustische Bild dieser überaus beängstigenden, delirierenden, satanischen Parade. When You Hear The Singing, You Will Know It Is Time bildet schließlich den Ausklang. Nachdem eingangs wie ein Mantra beschwörend der Titel rezitiert wird, lassen sphärenhaft-atonale Klanglandschaften, unter die sich verzerrte Stimmen und Chöre mischen, einen nihilistischen Abgesang auf alle Illusionen entstehen, ein abstraktes Requiem für die Stadt an der nördlichen Grenze. 

"Please listen to the music at low volume, at dusk, whilst reading the text" lautet die Empfehlung im Booklet empfohlen. Mit Sicherheit eine adäquate Art Text und akustische Untermalung angemessen zu genießen, doch ebenso empfehlenswert ist es, der CD über Kopfhörer zu lauschen, denn so erschließt sich einem der volle Umfang der an Zwischentönen reichen Klangcollagen. Und ebenso wie Thomas Ligottis verstörende Geschichten, läßt einen auch diese Musik für eine Weile mit dem Gefühl zurück, man würde irgendwie nicht mehr so richtig in diese Welt gehören...
Übrigens: Wer jetzt neugierig auf Thomas Ligotti geworden ist, findet nähere Infos auf der Website The Art Of GrimScribe .
 

Current 93 / Thomas Ligotti: In A Foreign Town, In A Foreign Land
Durtro, 2002
www.durtro.com
 

©Thomas Wagner (2002)