A
Dream inside the Head of a Monochrome Gentleman
Interview
mit das pst, 31.7.2002
Wann
hast du begonnen, dich musikalisch zu betätigen?
Das
liegt schon ein ganzes Weilchen zurück... Ich hab in jugendlichen
Jahren recht hilflos eine Gitarre gequält und hin und wieder den Mund
dazu aufgemacht, was man jedoch kaum als Musik bezeichnen kann. Der eigentliche
Auslöser selbst etwas auf die Beine zu stellen, war aber irgendwann
die Begegnung mit Punk. Das gewollte Zerstören etablierter musikalischer
Strukturen und die daraus resultierende ungeschliffene Energie haben mich
damals recht nachhaltig beeindruckt und irgendwie zehre ich noch heute
davon. Hör dir z. B. Sachen der Sex Pistols oder Stooges an, diesen
Songs merkt man nicht an, daß sie schon über zwanzig Jahre alt
sind. Aber mit Punkrock ging es - bis auf wenige Ausnahmeerscheinungen
- kreativ recht schnell bergab. Das ganze verkam bald zu stinknormalem
reaktionärem Rock-Schlock - ungewaschen und besoffen, aber langweilig.
Die frühen Industrial- und Gothic-Bands, die aus dem Punkumfeld hervorgegangen
waren, fand ich da wesentlich interessanter. Ich bekam Lust, etwas ähnliches
zu machen und legte mir Anfang der 80er meinen ersten Synthesizer zu...
Könnte
man sagen, daß dein Musikstil in den Achzigern punkorientiert war
oder wie könnte man ihn bezeichnen?
Das
kommt darauf an, was man unter "punkorientiert" versteht. Sicherlich war
der Sound oft rauher (das lag schon mal an meinem damaligen Equipment),
aber Bierzelt-Pogo hab ich nie gemacht... Die allerersten Sachen, die ich
allein in meinem Wohnzimmer fabrizierte, waren eher abstrakte Elektronik.
Sehr experimentelles Zeug, atonale Soundscapes mit einem Haufen Alltagsgeräuschen
und obskuren Samples. Später, Mitte der 80er Jahre, spielte ich auch
eine Zeit lang in einer Band, die sich verzweifelt bemühte, wie ein
Abklatsch von The Cure zu klingen, aber irgendwie war das nicht sonderlich
befriedigend, bzw. haben wir absolut nichts auf die Reihe gekriegt...;-)
Ich zog es recht bald vor, wieder allein in meinen vier Wänden Musik
zu machen - eine wesentlich fruchtbarere und effektivere Arbeitsweise.
In der Zeit begann ich meine ersten "richtigen" Songs zu schreiben und
einiges von dem alten Material hat vielleicht wirklich noch etwas punkiges...
Wie
stehst du heute zu deinem musikalischen Frühwerk? Schreibst du noch
manchmal ähnliche Songs wie früher oder hast du dich ganz davon
wegbewegt?
Vielen
Sachen stehe ich heute zwiespältig gegenüber, weil sie zu unausgegoren
oder schlicht und einfach mies waren. Aber einiges von dem frühen
Kram mag ich immer noch gern. Gerade bei meinen neuen Songs orientiere
ich mich wieder öfter daran, denn was die Qualität von Musik
ausmacht, ist gewiß nicht nur ein sauberer HiFi-Sound. Als ich z.
B. Ende der 90er Jahre anfing, Musik am PC zu machen, waren einige meiner
ersten digitalen Gehversuche nichts als steriler Trash ohne Seele... So
habe ich irgendwann meine alten Tapes ausgebuddelt und mich nochmals intensiv
mit diesem Material beschäftigt. Heute versuche ich, beides zu verbinden:
Digitale High Tech und Handarbeit, Minimalismus und einen gehörigen
Anteil Unberechenbarkeit. Stell dir das pst als eine Maschine vor - die
Technik ist nur das Mittel zum Zweck, es ist der sprichwörtliche Geist
in der Maschine, auf den es ankommt.
Hast
du musikalische Vorbilder?
Es
gibt viele Leute, die mich beeindruckt und auf die eine oder andere Art
inspiriert haben, auch wenn man das meinen Sachen nicht unbedingt anhören
mag... Cabaret Voltaire und Joy Division wären da wohl zuerst zu nennen;
Bands, die ihrer Zeit einfach um Jahre voraus waren. Die Liste läßt
sich noch weit fortführen: David Bowie, Fad Gadget, Clock DVA, Coil,
Die Form, Nico, Kraftwerk etc. ... Irgendwie haben alle diese Sachen ihre
Spuren hinterlassen, so unterschiedlich sie auch sein mögen.
Du
hast in den Achzigern Punk wie auch Batcave erlebt. Wie siehst du die heutige
Gothic Szene?
Hmmm,
schwierige Frage... Ich vermute, du meinst speziell die Szene im deutschsprachigen
Raum? Ich habe mich schon vor Jahren aus all dem zurückgezogen und
kenne die hiesige Gothic Szene nur aus der Beobachterperspektive, alles
in allem finde ich die Szene in den USA momentan auch wesentlich interessanter.
Was mir aber immer noch positiv auffällt, ist das verhältnismäßig
große Interesse an Literatur und anderen Kunstformen - das scheint
bei Gothics nach wie vor etwas stärker ausgeprägt zu sein, als
in anderen "Subkulturen". Es gibt da auch einen Haufen kreativer Leute,
die sich in der Hinsicht betätigen; in sehr unterschiedlicher Qualität
zwar, aber immerhin... Zugleich ist die Szene aber im Verlauf der 90er
Jahre auch extrem kommerzialisiert worden. Darkwave und Gothic sind in
Deutschland mittlerweile ein kleiner Wirtschaftszweig, in dem es sich nicht
schlecht verdienen läßt. Klamotten, Musik, Merchandising...
In der Hinsicht ist der Unterschied zum Mainstream nicht mehr all zu groß,
auch wenn das viele Leute nicht wahrhaben wollen. Womit ich persönlich
übrigens wirklich nichts anfangen kann, sind ernsthafte religiös-okkulte
Tendenzen, die sich öfters in der Szene finden. Ich hab zwar durchaus
Verständnis für eine "Sinnsuche" in unserem verlogenen Plastikzeitalter,
aber ich glaube nicht, daß uns irgendwelche Geister, Engel oder heidnischen
Götter in irgendeiner Form hilfreich sein können. Was nun die
Musik angeht, bin ich nicht all zu begeistert. Lacrimosa oder Umbra Et
Imago z. B. sind für mich Lachnummern, die am ehesten noch auf einen
Kindergeburtstag passen. Zugleich frustriert mich auch immer wieder die
Ideenlosigkeit vieler moderner Bands. Die Leute versuchen krampfhaft wie
irgendwelche kommerziell erfolgreichen Vorbilder zu klingen (man denke
nur mal an die Unzahl von Sisters Of Mercy-Epigonen); sie verzichten dabei
auf jeglichen Mut zum Experiment und haben einfach kein eigenes Profil.
Natürlich gibt es auch noch einige nette Ausnahmen: Ligeia z. B.,
die beim letzten Sonic Seducer-Contest mitmachten (und natürlich nicht
gewannen), gefallen mir sehr gut. House Of Usher bieten zwar nichts neues,
besitzen aber mit ihrem old fashioned Gothic-Rock eine unbestreitbare Qualität
und für mich auch ein hohes Maß an künstlerischer Glaubwürdigkeit.
Und gewiß gibt es auch noch einige andere talentierte Leute, irgendwo,
in irgendwelchen Kellern...
Batcave
ist ein Begriff, mit dem viele von uns nicht mehr viel verbinden können,
was im Grunde schade ist. Es wäre interessant, zu erfahren, wie die
Berliner Szene in den Achzigern beschaffen war. Wie war es damals, in Berlin?
Batcave
wurde aus London "importiert"... Olli Specimen, der Sänger der Band
Specimen, hatte da einen Nachtclub namens Batcave, der eine Zeit lang wohl
so eine Art Tempel für das war, was heute als Gothic bezeichnet wird.
Typische Bands aus der Ära waren die Specimen oder die Sex Gang Children.
Man verband da die Dekadenz und Theatralik des Glam Rock mit der Ungeschliffenheit
des Punk. Das Kokettieren mit okkulten Elementen war damals mehr gewollte,
genüßliche Blasphemie, als quasi-religiöse Überzeugung
und alles in allem war Batcave eine extrem hedonistische und verrückte
Bewegung: Man wollte einfach anders sein, wollte Spaß haben, es war
unglaublich in, bisexuell zu sein und man stylte sich so aufwendig und
bizarr wie möglich. Damals gab es übrigens noch keine Szeneklamotten
von der Stange, die Leute mußten noch ihre eigene Phantasie einsetzen...
Was nun Berlin angeht: Ohne "besseren" Zeiten (denn solche waren es nicht)
hinterherheulen zu wollen, läßt sich schon sagen, daß
es damals interessanter war. Batcave war nur eine von vielen Facetten.
Die Stadt hatte damals noch ihr eingemauertes Inseldasein und eine vielfältige
Subkultur - es gab Punk, es gab New Wave, es gab die damals aufblühende
Industrialszene und immer wieder auch Mixturen aus allem. Im Zuge der Hausbesetzungen
hatte sich auch eine üppige Landschaft kleiner Läden entwickelt,
die Konzerte, Performance-Acts oder Filmvorführungen veranstalteten.
Natürlich gibt es auch heute noch eine große Off-Szene, aber
es ist zahmer geworden, angepaßter, kommerzieller...
Gab
es in den Achzigern schon eine klare Abgrenzung von Batcave zu Punk oder
waren die Stile noch vermischt?
Wie
ich eben schon andeutete, gab es durchaus noch Vermischungen - zumindest
Anfang der 80er Jahre. Es hat jedoch nicht lang gedauert, bis sich die
sprichwörtlichen "Schublädchen" entwickelten. In einer Großstadt
geht derlei immer recht schnell. Wenn du in einem Dorf lebst, bist du froh
über jeden Menschen, der irgendwie "anders" ist; in einer Millionenstadt
wissen die Leute das weniger zu schätzen...
In
vielen deiner Songs tauchen Samples aus Filmen auf. Ein Hinweis darauf,
daß du cineastisch interessiert bist. Welche Filme siehst du dir
am liebsten an?
Das
ist jetzt natürlich ein Thema, über das ich endlos referieren
könnte, denn die Beschätigung mit Filmen nimmt einen nicht unbeträchtlichen
Teil meines Daseins ein...;)
Mein
Geschmack ist relativ weit gestreckt, der moderne Hollywood-Mainstream
läßt mich allerdings kalt. Ich bin zum einen ein großer
Freund klassischer Horrorfilme, so z. B. die alten Universal-Produktionen
mit Karloff und Lugosi, Roger Cormans Poe-Adaptionen, die Hammer-Productions
etc. Zugleich bin ich auch vernarrt in europäische B-Pictures der
60er/70er Jahre, wobei mein Herz besonders dem italienischen Horrorkino
gehört.
Der
zu Lebzeiten sträflich unterschätzte Mario Bava z. B. ist für
mich einer der talentiertesten Regisseure aller Zeiten. Ebenso Dario Argento,
der übrigens auch ein sehr netter Mensch ist...
Aber
auch die Filme David Lynchs sind für mich eine immer wiederkehrende
Inspirationsquelle - gerade das Zusammenspiel von Bildern und Musik fasziniert
mich hier besonders. Ein Film wie "Eraserhead" z. B. ist ein zeitloser
Klassiker der Industrialkultur.
Wie
würdest du den Begriff "Ästhetik" definieren?
Zuerst
einmal als Auslegungssache. Jede Kultur, jede Epoche hat ihre ganz eigenen
Vorstellungen von Ästhetik und Schönheit, auch wenn unsere von
Konzernen regierte Zivilisationsgesellschaft uns oft das Gegenteil weismachen
will. Das was uns heutzutage als ästhetische Richtlinie vermittelt
wird, langweilt mich... Schau dir einen x-beliebigen Werbespot an. Die
meisten Gesichter wirken wie aus der Retorte, wie geklonte Homunculi. Manchmal
habe ich das Gefühl, die Mainstreamkultur war noch nie so aalglatt
und verlogen wie momentan. Charles Baudelaire schrieb einmal "das Schöne
ist immer bizarr" und meine eigene Interpretation von Ästhetik deckt
sich wohl eher damit...
Thema
"Dark Art". Könntest du einige Künstler nennen, deren Stil du
magst?
Da
gibt es schon einige... Mich hat die Amerikanerin Beth Bajema immer sehr
beeindruckt, die auch eine phantastische, umfangreiche Website hat. Ebenso
z. B. Alessandro Bavari und Floria Sigismondi, und hochinteressant sind
auch die Arbeiten der japanischen Künstlerin Kizimecca. Und nicht
zuletzt natürlich auch H.R. Giger...
Du
bist einer der Künstler, die ihre Songs auf mp3.com veröffentlichen.
Wie war das Feedback auf deine Songs?
Ich
hab noch niemals so viel positives Feedback bekommen, wie bei mp3.com...;-)
Im Ernst, es ist schon erfreulich, wenn du Post von Leuten erhältst,
die irgendwo in den USA oder Australien sitzen und dir schreiben, daß
ihnen deine Musik gefällt. Ich denke, es hängt auch damit zusammen,
daß viele Besucher von mp3.com oder anderen Internet-Foren bewußt
nach Sachen suchen, die sie nicht im Plattenladen kriegen. Ich kenne das
aus eigener Erfahrung, es gibt da eine Unzahl wirklich brillanter Künstler
zu entdecken.
mp3.com
scheint eine gute Kommunikationsplattform zwischen Künstlern zu sein.
Hattest du Kontakt zu anderen Bands, wird es in Zukunft Gemeinschaftsprojekte
geben?
Der
Austausch mit anderen Künstlern ist tatsächlich eine der faszinierendsten
Seiten von mp3.com. Ein besonders guter Kontakt hat sich z. B. zu Audiospy,
der hinter dem Electroprojekt Spies In The Wires steckt, entwickelt. Audiospy
hat einen Remix meines Stücks "What I'm Going to do to you now" angefertigt
und ich begreife bis heute nicht, wie er das gemacht hat...;-) Der Mann
ist eine Art musikalischer Alchemist... Er wird zum Ende des Jahres sein
eigenes Label Aural Hallucinogenix ins Leben rufen und auf der ersten Compilation-CD
"AH1" wird auch das pst vertreten sein. Auf lange Sicht planen wir übrigens
eine umfangreichere gemeinsame Coproduktion.
Wie
sieht die Zukunft von das pst aus? Planst du neue Projekte?
Abgesehen
von der erwähnten Zusammenarbeit mit Audiospy habe ich vor eine Handvoll
neuer Songs zu fabrizieren. Der Großteil des Materials existiert
bislang als rudimentäres Gerüst und wartet nun darauf, endlich
einmal fertiggestellt zu werden. Vielleicht sogar noch in diesem Jahr...
Stilistisch werde ich weiterhin zweigleisig fahren, d. h. es wird
experimentelle Klangcollagen und "richtige" Songs geben.
Wird
es auch einmal Liveauftritte geben?
Bislang
habe ich diese Frage immer mit nein beantwortet, jetzt sage ich vielleicht...
Um wirklich live zu spielen, bräuchte ich ein paar Hände mehr
oder meinen PC auf der Bühne, beides ist schlecht realisierbar. Natürlich
gibt es jedoch die Möglichkeit eines Teil-Playbacks, Bands wie Kraftwerk
oder Die Form machen das auch seit Jahren. Damit derlei für den Zuschauer
reizvoll ist, müßte jedoch optisch etwas geboten werden: Videoinstallationen,
Performance-Acts, was-weiß-ich... Vielleicht könnte sich in
der Hinsicht einmal etwas gemeinsam mit dem Autor Ady Henry Kiss ergeben,
der in den 90ern mit Carlos Peron auf Tour ging. Uns beiden schwebt da
eine multimediale Symbiose aus Literatur und Musik vor, die sich mit dem
nötigen Kleingeld auch realisieren ließe. Abwarten...
Noch
ein paar Worte zu AKW? Wer ist AKW eigentlich wirklich? Mich würde
auch noch interessieren, wer bei AKW die Texte schreibt und wie eure Songs
entstehen. Wer ist wofür zuständig bei AKW?
Während
ich mit das pst vorwiegend meine dunklen musikalischen Neigungen auslebe,
dient AKW meiner relaxten Entspannung im praktizierten Irrsinn... Dahinter
verbergen sich Eddie M. Angerhuber, Boris Koch und meine Wenigkeit. Wir
bezeichnen unsere Elaborate als Dadapop, was wohl recht gut den Kern der
Sache trifft. Es begann eigentlich alles ganz harmlos: Wir wollten zu dritt
eine Persiflage auf zeitgenössische Betroffenheitslyrik schreiben
und es entstand die "Elegie für einen gelben Hut". Dann kamen wir
auf die Idee, den Text zu vertonen und die erste Dadapop-Band der Musikgeschichte
wurde geboren. Unsere überaus emotionsgeladenen Texte verfassen wir
stets gemeinsam, für die Musik bin ich zuständig (allerdings
klopfen Eddie und Boris hin und wieder auch gegen leere Flaschen). Die
tönende Umsetzung erfolgt in meinem Wohnzimmer während des Konsums
geistiger Getränke. Zu dritt singen wir dann anrührende Geschichten
von Hüten, Suppe, popokurzen Kleidern, Gewalt, Einsamkeit und Liebe.
Die dabei oft entstehende Stimmakrobatik ist beachtlich...
Wer
jetzt neugierig geworden ist, möge bitte auf www.mp3.com/akw
vorbeischauen...
Wenn
Ihr die Links anklickt, findet Ihr Hörproben der folgenden Songs:
Galgenberg
TheFactory
Red
Switch
We
All Look Better In Black & White
Das
Produkt der Nacht
Shine
plauderte mit Herrn Wagner am 31.7.2002
©Shine/Vampyre
Planet (2002)
20.11.2003
©Vampyre
Planet |