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Interview
mit Michael Tillmann
21.3.2008
Kannst
du dich noch an das erste phantastische Buch erinnern, das du gelesen hast?
Wodurch wurde dein Interesse für Phantastik geweckt?
Das
erste Buch war nach heutiger Sprechart ein „Hörbuch“. Eines sonnigen
Nachmittages wurde im Radioprogramm für Kinder die klassische Gespenstergeschichte
„Die Turmstube“ von EDWARD FREDERIC BENSON vorgelesen. Ich ließ schnell
alle Rollläden herunter und hörte mir die unheimliche Story im
Dunkeln an. Seit jener öffentlich-rechtlichen Rundfunksendung bin
ich ein kranker Horror-Freak.
Mit
welchen Themen beschäftigst du dich in deinen Geschichten? Welche
Themen kommen in Deinem Schaffen immer wieder vor?
Da
ich Naturwissenschaftler und strenger Atheist bin, habe ich in der Vergangenheit
in meinen Geschichten gerne die Religion kritisch „hinterfragt“. Wobei
ich keine Religion besonders „bevorzugen“ will. Egal ob Islamismus, Katholizismus,
Satanismus oder wie sie auch alle heißen mögen… letztlich sind
sie doch im Kern alle gleich spaltend und gegen die Vernunft berichtet.
Sehr viele Phantastikautoren waren übrigens Atheisten.
In
vielen meiner Geschichten gibt es des Weiteren parallel zur eigentlichen
„realistischen“ Handlung immer wieder surrealistische Traumsequenzen. Dort
tauchen u.a. oft Labyrinthe auf.
Außerdem
geht es in einigen meiner Stories (besonders in solchen, die ich für
das Obdachlosenmagazin „DRZ - DIE RUHRSTADTZEITUNG“) geschrieben habe,
um Wut und Rachdurst. Viele Menschen werden heute in unserer Gesellschaft
gnadenlos verarscht. Manager, Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre
sind sich gar nicht mehr klar darüber, was für ein Agressionspotenzial
sie in den letzten Jahren in weiten Teilen der Bevölkerung erzeugt
haben. Die Krawalle in den französischen Vorstädten sind leider
erst der Anfang…
Wie
würdest du deinen Stil selbst beschreiben? Horror? Weird Fiction?
Oder etwas völlig anderes?
Was
für die Musik der Heavy Metal ist, das sind meine Geschichten für
die Literatur. Ich schreibe Heavy Metal.
Welche
Bedeutung nimmt schreiben in deinem Leben ein?
Man
hat immer die Wahl: Kunst oder Gummizelle.
Wolltest
du jemals vom Schreiben leben? Ich habe gehört, dass nur Romane wirklich
Geld bringen und dann auch nur, wenn man Bestseller schreibt, die in unglaublich
hoher Auflage veröffentlicht werden.
Ich
habe schon einige Sachen im Leben geschafft, die viele Leute vorher für
unmöglich hielten. Diese positive Erfahrung führt dazu, dass
ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht vollständig ausschließen kann,
dass ich einmal ein reicher und berühmter Autor werde.
Hast
du schon mal einen Roman geschrieben? Eventuell einen, der noch auf Veröffentlichung
wartet?
Meine
ersten Geschichten waren kaum eine Seite lang. Jetzt gibt es schon längere
Erzählungen. Der Zeitpunkt für dicke Romane wird noch kommen,
aber alles braucht halt seine Zeit. Denn ich will nicht so tragisch enden
wie CLIVE BARKER. Seine Kurzgeschichten waren mehr als genial (besonders
das philosophische „Im Bergland: Agonie der Städte“), aber er hat
zu früh mit über-epischen Werken begonnen. Jetzt schwafelt er
nur noch rum. Wirklich, wirklich, wirklich – ich habe fast geweint, als
ich schließlich sein „Galileo“ gelesen hatte. Da kann man ja gleich
„Fackeln im Sturm“ lesen. Wie kann ein „Gott“ so tief fallen??? So will
ich nicht enden.
Ich
hätte das vielleicht alles nicht sagen sollen, denn jetzt werden alle
Kritiker meinen ersten Roman zwangsläufig auch als schwafelig bezeichnen,
ha, ha.
Welche
Phantastikautoren liest du selbst? Hast du Lieblingsautoren?
Der
größte Phantastikautor aller Zeiten ist KOJI SUZUKI. Sein erfolgreicher
und mehrmals auch verfilmter Ring-Zyklus setzt RICHARD DAWKINS Theorie
vom „egoistischen Gen“ perfekt in Romanform um.
SUZUKI
zeigt uns, wenn er ein Videoband durch abschnittsweise Überspielung
mutieren lässt, daß MEME (Informationseinheiten der Kultur)
sich genau wie GENE (Informationseinheiten der Natur) verhalten. Ist Leben
nicht auch durch Vermehrung definiert? Was also ist, wenn ein Video kopiert
wird? Die Information vermehrt sich! Kann es also sein, dass die Informationen
(egal ob biologisch (GENE) oder kulturell (MEME)) die eigentlichen „Lebewesen“
sind? Wir sind nur die Überlebensmaschinen der Informationen. Ich
kenne keinen anderen Phantastik oder Science Fiction Autoren der sich an
ähnliche Themen traut wie SUZUKI.
Abgesehen
davon lese ich natürlich auch gerne die „üblichen Verdächtigen“
aus klassischer und moderner Phantastik. ROBERT AICKMAN ist ein beeindruckender
Klassiker. Die Interpretationstiefe seines „Derselbe Hund“ ist beeindruckend.
Unter den neuen ist besonders MALTE S. SEMBTEN eine agile Hoffnung in einem
Meer aus gestocktem Blut.
Hast
auch du als Kind diese John Sinclair-Phase gehabt (wie die meisten von
uns)? Oder welche Horrorheftchen hast du damals verschlungen?
Selbstverständlich!
Wir mussten alle einmal dieses finstere Tal durchschreiten. Ich habe cirka
250 Perry Rhodan, 100 Sinclair, 50 Dan Shocker, 30 Damona King und noch
mal 200 Sonst-noch-was gelesen. JÜRGEN GRASMÜCK (Dan Shocker)
war im Nachhinein betrachtet der beste Heftautor. Und das sage ich jetzt
nicht nur, weil man die Toten ehren soll.
Gibt
es ein Buch, das dir besonders am Herzen liegt? Oder eine Lieblingsgeschichte,
die du immer wieder lesen könntest?
Ich
werde nächstes Jahr noch einmal den Ring-Zyklus von KOJI SUZUKI (s.o.)
lesen.
In
stürmischen Herbstabenden aber setze ich mich gerne mit einem Whisky
in den Sessel und lese die Gespensteranthologien, die ich schon als Jugendlicher
gelesen habe.
Kannst
du beim Lesen von Horrorbüchern noch richtige Angst empfinden?
KAFKA
ist eigentlich kein Horrorautor im engeren Sinne. Aber wenn ich z.B. selber
in einer komplizierten Situation mit anderen Menschen stecke, dann könnte
ich sein „Schloss“ einfach nicht lesen. Denn dann würde ich Angst
davor bekommen, dass auch ich mich immer tiefer in einem Beziehungslabyrinth
wie der Landvermesser K. verstricke.
Schaust
du dir Horrorfilme an? Wenn ja, welche Filme gefallen dir am besten? Hast
du Lieblingsregisseure?
Natürlich!
Amerikanischen Schund kann man sich aber heute kaum noch ansehen. Da fehlt
einfach die Handlung! Blut alleine reicht nicht. Auch bei Filmen will ich
mich daher zukünftig mehr mit den Asiaten beschäftigen. Einige
Asiaten scheinen geil krank im Kopf zu sein!
Außerdem
besuche ich einmal im Monat die „Prunksitzungen“ des „Geheimnisvollen Filmclubs
BUIO OMEGA“ (www.buio-omega.de)
in Gelsenkirchen. Dort werden immer nach entsprechender Einführung
zwei Exploitaion-Klassiker auf großer Kinoleinwand gezeigt. Sogar
FRANCO NERO (Django) hat den Club schon mit seiner Anwesenheit geehrt.
Kein Witz! Der Club ist pures Gold! Möge sein Ruhm weiter wachsen!!!
Mein
Lieblingsfilm ist übrigens der surrealistische Western „El Topo“ von
ALEJANDRO JODOROWSKY. Meine liebste Komödie ist „Braindead“. Wenn
ich geistig mal ganz abschalten muß, so sehe ich mir gerne Godzilla-
und Gamera-Filme an.
Liest
du Fanzines? Wenn ja, welche und was hältst du von der deutschen Fandomszene?
Schreibst du manchmal auch für Fanzines?
Fanzines?
Welche Fanzines? Gibt es noch welche? Habe ich da was verpasst???
Mir
fällt außer dem Science-Fiction Zine EXODUS, für das ich
schon öfter geschrieben habe, kaum noch etwas Relevantes ein. Sehr
schade, dass MARKUS KASTENHOLZ sein NOCTURNO eingestellt hat. Aber das
war auch mehr eine Anthologiereihe als ein Fanzine. Von HEIKO HENNINGs
TWILIGHTMAG hat man leider auch schon lange nicht mehr gehört. Insgesamt
haben die Online-Magazine die Fanzines gemeuchelt. Aber wer will schon
Geschichten online lesen?
Mit
welchen Autoren der deutschen Phantastikszene hast du regelmässig
Kontakt? Gibt es Gemeinschaftsprojekte bzw. gemeinsame Lesungen?
Ich
bin ein Querkopf. Daher habe ich kaum regelmäßigen Kontakt zu
anderen Autoren. Ich wüsste nämlich gar nicht, was ich denen
schreiben sollte. Denn fast alle deutschen Autoren sind mir viel zu retro.
Ja,
ja, auch ich habe Lovecraft- und Poe-Geschichten geschrieben. Aber ich
will wenigstens versuchen zukünftig meinen surrealistischen Metal-Stil
selbstständig weiter zu entwickeln.
Denn
es ist geradezu widerlich zu sehen, wie die Gräber der alten Meister
von heutigen Schreiberlingen immer und immer wieder aufgerissen werden
und dann versucht wird den Speichel der Toten zu lecken.
Den
einzig regelmäßigen Autorenkontakt habe ich zu BORIS KOCH. Boris
ist ein Freigeist wie ich. Boris ist ein „Brother in Metal“!
Thema
deutscher Phantastikpreis (ein Preis, der im Internet von Lesern per Abstimmung
verliehen wird): Was hältst du von solchen Auszeichnungen? Bringt
es den Autoren wirklich etwas, an solchen Preisverleihungen mitzumachen
oder ist alles nur Schall und Rauch und nichts dahinter?
Ich
rechne nicht damit, dass ich in absehbarer Zeit einen Preis gewinnen werde.
Daher kenne ich mich bei diesem Thema auch nicht sehr gut aus. Generell
sind Publikumspreise wichtiger als Kritikerpreise. Aber der normale Leser,
der seine Bücher am Bahnhofsbuchhandel etc. kauft, bekommt von solchen
Aktionen in der Szene in der Regel gar nichts mit, denke ich. Ist der deutsche
Phantastikpreis denn wenigstens mit einer Geldzuwendung verbunden?
(Leider
nicht...*Anmerkung von Shine*)
In
welchen Anthologien bist du mit deinen Geschichten vertreten?
Eine
vollständige und teilweise illustrierte Bibliographie gibt es auf
meiner Homepage (www.michaeltillmann.de).
Über
Gästebucheinträge würde ich mich wirklich sehr freuen. (Besonders,
wenn mir jemand da draußen sagen könnte, wo man heute noch solche
prunkvollen Haus-/Bademäntel bekommt, wie sie der köstliche VINCENT
PRICE immer in seinen Filmen trug.)
Bei
welchen Buchprojekten wirst du in der näheren Zukunft mitarbeiten?
Erst
einmal soll mein erstes vollständiges Taschenbuch erscheinen. Es wird
„Ein Gänsekiel aus Schwermetall“ heißen und wird wie meine Broschüre
„Mein Fleisch wird brennen“ wieder bei MEDUSENBLUT (BORIS KOCH) verlegt
werden. Es wird cirka zehn bis zwölf Geschichten enthalten, die noch
mehr verdeutlichen werden, was ich mit Heavy-Metal-Literatur meine. Gnadenlos,
direkt, pathetisch. Blut, Horror, Kampf. Zorn, Schwerter, Gitarren. Sex.
Whisky, Bier, Gin. Und außerdem eine lächerliche Godzilla-Parodie.
Was
Anthologien angeht, so sind in der letzten Zeit direkt mehrere Projekt
gescheitert. Ich bin da inzwischen mit meinen Zusagen vorsichtig geworden.
Außerdem
finde ich, dass auch Kleinverlage wenigstens ein kleines Honorar als Symbol
der Wertschätzung zahlen sollten. Der Drucker arbeitet ja auch nicht
umsonst. Warum sollte der Künstler? Aber sprech da mal jemanden drauf
an, dann fangen die an nervös zu flattern wie die Hühner…
Hast
du Lesungen geplant?
Ich
habe einen leichten Sprachfehler. Auch konnte ich noch nie sehr gut vorlesen.
Doch das wird mich alles nicht davon abhalten, zu trainieren und Lesungen
durchzuführen. Es wird nicht erstklassig, aber es wird dafür
sehr authentisch werden!
Das
größte Problem wird aber wie immer die Zeit sein. Berufliche
und familiäre Verpflichtungen werde es kaum zulassen, dass ich größere
Tourneen absolviere.
Vielleicht
lässt sich erst einmal, wenn es so weit ist, für „Ein Gänsekiel
aus Schwermetall“ eine Release-Party mit Lesung organisieren? Mal sehen…
21.3.2008
©Vampyre
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