Interview
mit Jeanine Krock
Autorin
des Vampirromans "Wege in die Dunkelheit"
8.2.2004
"Wege
in die Dunkelheit" erzählt die Geschichte einer 200jährigen Vampiresse
und ihrer untoten "Familie", die sich nach vielen Jahrzehnten der Trennung
ausgerechnet mitten in der schwarz-gruftigen Subkultur der 1980s wiedertreffen,
um einen herrschsüchtigen Feind zu besiegen. Bei dieser Gelegenheit
arbeiten die Blutsauger auch gleich ein gehöriges Stück eigener
Vergangenheit auf und sorgen nebenbei für Familienzuwachs."
Amazon.de
(Leserkommentar)
Shine:
Welche Literatur bevorzugst du persönlich?
Jeanine:
Ein wenig kann man mein Interesse an Vampirromanen bestimmt als Obsession
bezeichnen. Inzwischen habe ich fast 250 einschlägige Bücher
und es werden allmonatlich mehr. Das müsste eigentlich die Frage nach
meiner bevorzugten Literatur beantworten, aber damit wäre das Bild
ein wenig schief.
Ich
lese sehr gern Krimis (besonders die Englischen) und neben dieser leichten
Lektüre freue ich mich auch an Klassikern wie (natürlich!) O.
Wilde, J. Austen, den Bronte-Schwestern, George Sand, Goethe u.v.m. Gegenwartsliteratur
findet allerdings eher selten ihren Weg in mein Bücherregal.
Shine:
Hast du beim Schreiben Vorbilder? Und wie bist du zur Phantastik gekommen?
Jeanine:
Natürlich sind die oben genannten Autoren gewissermaßen auch
Vorbilder. Mich begeistert ihre Fähigkeit, mit Sprache umzugehen und
Stimmungen zu erzeugen, aber ein Vorbild, dem ich nacheifere, habe ich
nicht. Ich kann nur hoffen, dass beim Lesen etwas 'hängen bleibt'
und später in meine Texte einfließt. Ein wenig gefährlich
ist es da natürlich, dass ich viele englische Autoren im Original
lese, denn schon im täglichen Leben kann ich mich von gewissen Anglizismen
nicht ganz frei machen. Und tatsächlich bemerke ich diesen Einfluss
sowohl beim Schreiben, als auch beim Korrekturlesen.
Wobei
ich bestimmt nicht Mitglied der Gesellschaft zu Reinhaltung der Deutschen
Sprache bin, aber sie ist ja nun einmal Ausdruck meiner kulturellen Identität.
Woraus sich umgekehrt schließen lässt, dass meine Überzeugung,
Europäerin zu sein, durchaus einen realen Hintergrund hat. Aber jetzt
komme ich etwas weit vom Pfad ab ...
Wie
ich zur Phantastik gekommen bin? Vielleicht erzähle ich lieber, wieso
ich überhaupt ein Buch geschrieben habe. Die Anfänge liegen sicherlich
in meiner, besonders in jungen Jahren, regelrechten Lesesucht. Damals habe
ich jede Gelegenheit genutzt, mit Hilfe von Büchern aus dem Alltag
auszusteigen. Nicht dass ich nicht auch fantastische Abenteuer im Wald
und auf den Wiesen - vielleicht eher Bäumen (lacht) - meiner Kindheit
erlebt hätte, aber Pippi, die kleine Hexe und das kleine Gespenst
waren, genauso wie alle möglichen Märchen, meine tägliche
Kost und wenn meine Eltern gar nichts mehr zum Lesen heranschleppen konnten,
dann habe ich auch schon mal einen Nachmittag mit dem Lexikon vertrödelt.
Klar, dass die Klassiker im elterlichen Bücherschrank auch nicht sicher
vor mir waren.
Später
schrieb ich dann zwar hier und da für Schülerzeitungen, Fanzines
und Fachzeitschriften, aber Autorin werden, das wollte ich nicht. Stattdessen
habe ich begonnen, mich für Design und Mode zu interessieren, habe
in der Punk und Post-Punk Zeit Kleider und Accessoires entworfen und hergestellt
und später sogar im Ausland als Kostümbildnerin gearbeitet.
Mitte
der 90er Jahre hatte ich dann nach einem komplizierten Sportunfall plötzlich
viel Zeit und kurz bevor mir der Himmel auf den Kopf fiel habe ich, gewissermaßen
als Therapie, beschlossen, ein Buch zu schreiben. Vampire vereinigten in
sich auf einzigartige Weise alles, was ich in diesem Buch lesen wollte.
Als "Wege in die Dunkelheit" fertig war, unternahm ich halbherzig einige,
wie ich heute weiß, unprofessionelle Versuche, einen Verlag zu finden
und legte das Manuskript schließlich beiseite.
Beim
letzten Umzug habe ich es dann wieder hervorgeholt und fand die Geschichte
gar nicht so übel. Inzwischen hatte ich schon sehr viele 'moderne'
Vampirromane gelesen und fand meine Story nicht unbedingt schlechter. Ich
habe ein wenig am Text herum korrigiert und nebenher aus Spaß eine
Idee zur Kurzgeschichte umgesetzt. Im WWW bin ich auf diverse Anthologie-Ausschreibungen
gestoßen und habe die Geschichte kurzerhand eingeschickt. Sie wurde
zu meiner großen Überraschung und Freude veröffentlicht
und als ich beim Telefonat mit dem Herausgeber (UBooks) "Wege in die Dunkelheit"
erwähnte, nahmen die Dinge ihren Lauf....
Shine:
Bist du eigentlich noch im Bereich Design/Kostümbildnerin tätig?
(Ich frage besser mal, falls jemand jetzt Lust bekommen hat, sich bei dir
ein Vampir-Outfit zu bestellen...um es gleich vorweg zu nehmen - leider
nein *seufzt*)
Jeanine:
Privat hat es mich nach dem bereits erwähnten Unfall aus dem Norden
Deutschlands (zuletzt Hamburg und Braunschweig) in den Süden (Nahe
Stuttgart) verschlagen. Ich bin für eine Relocation Agency tätig.
Wir betreuen, zumeist ausländische, Arbeitnehmer bei ihrem Umzug in
die Region. Beauftragt werden wir von deren Arbeitgebern, was die Sache
zu einer elitären Angelegenheit macht, denn natürlich werden
solche Summen eher für Führungskräfte ausgegeben. Wir besorgen
dann, von der Wohnung über den Schulplatz bis zur Aufenthaltsgenehmigung,
so ziemlich alles für diese Leute, während sie sich ganz ihrem
neuen Job widmen können. Und wenn sie nach 2-3 Jahren wieder in ein
anderes Land weiterziehen, dann helfen wir auch dabei. Außerdem gründen
wir gerade eine Dependance in Shanghai.
Ich
wäre froh gewesen, wenn ich bei meinen Umzügen kreuz und quer
durch Europa auch so jemanden zur Seite gehabt hätte. Andererseits
war ich ja ohne Familie unterwegs und das Reisen schien mir nie besonders
kompliziert. :-)
Shine:
Mich würde noch interessieren, woher du die Inspirationen für
deine Texte nimmst.
Jeanine:
Ich weiß es nicht. Bücher anderer Autoren, Märchen. Menschen,
denen ich im Internet begegne, eigene Träume und Sehnsüchte.
Musik, Malerei. Das Leben.
Shine:
Was fasziniert dich persönlich an Vampiren?
Jeanine:
Vieles habe ich gewiss mit anderen Vampir- oder Vampyrfan gemeinsam. Natürlich
üben Eleganz und Schönheit dieser Kreaturen eine große
Faszination aus. Unnötig zu erwähnen, dass ein Murnau-Vampir
mein Herz nicht eben höher schlagen lässt. ;-) Die Frage nach
ewigem Leben und besonders ewiger Jugend bewegt mich, genauso wie viele
Menschen, ebenfalls. Und nicht zuletzt ist es eine geheime Leidenschaft
für das Dunkle, Gefährliche und Verbotene. Besonders, wenn man
dabei warm und sicher daheim am Ofen sitzt. (lacht)
Aber
es ist noch mehr. Eine Liebe zu Schatten und Nacht, deren Ursprung ganz
profan in der Allergie gegen vieles, was tagsüber grünt und blüht
zu finden ist; eine 'andere' Ästhetik, entstanden in der "Gothic"-Szene
der 80er und nicht zuletzt meine ganz persönliche Erfahrung mit dem
Sterben, sind sicherlich sehr persönliche Gründe für diese
Leidenschaft.
Als
'Real Vampyre' mag ich mich allerdings nicht begreifen. Einerseits widerspricht
dies meinem Glauben, der vielleicht dem Wicca- Glauben am nächsten
kommen dürfte, andererseits hatte ich Gelegenheit, Einblick in die
internationale "Vampyre Scene" zu nehmen und habe wenig Gefallen an den
dort vorherrschenden hierarchischen Strukturen gefunden. Für derartige
Strukturen bin ich nicht geschaffen. Wenn ich mich überhaupt mit phantastischen
Gestalt vergleichen wollte, dann vielleicht mit einem Elf. Äußerlich
besteht wohl keine Ähnlichkeit, aber diese Mischung aus hilfsbereiter
Freundlichkeit und schadenfrohem Schabernack kommt mir doch sehr bekannt
vor ... ;-)
Shine:
Kennst du die sogenannten "Vampyre Churches" oder "Vampyre Covens", auf
die man im Internet häufig trifft? Wenn ja - weißt du eventuell
Näheres darüber? Worum geht es hier eigentlich?
Jeanine:
Beim Lesen deiner Fragen ist mir aufgefallen, dass ich vorab meine Definition
der Begriffe Vampir und Vampyr klarstellen sollte, weil es ansonsten zu
Missverständnissen kommen könnte.
Vampire
sind für mich die (fast) unsterblichen Kreaturen aus meinen Büchern
und anderer Autoren Literatur. Vampyre oder sog. Real Vampyres dagegen
sehe ich als Sterbliche, die 'vampirsche' Neigungen entwickelt haben. Will
meinen, sie halten sich für Vampire und/oder glauben, andere Energieformen
oder Blut trinken zu müssen.
Es
gibt natürlich auch Menschen, die Energiequellen wie Bäume, Landschaft,
Rituale o. ä. 'anzapfen', um gewissermaßen ihre eigene 'Batterie'
wieder aufzuladen. Diese Menschen mag ich nicht als Vampyre bezeichen,
denn nach meiner Einschätzung rauben sie ihre Energie nicht von Opfern,
sondern gehören lediglich in den natürlichen Kreislauf des Gebens
und Nehmens. Allein den unsterblichen Vampiren meiner Phantasie und
der Literatur gestehe ich gerne eine Haltung zu, wie sie auch der Mensch,
den Nutztieren und -pflanzen gegenüber, einnimmt. Das Opfer nährt
den Jäger.
Zum
Thema "Vampyre Covens": Viel halte ich nicht davon. Ich kann mir allerdings
auch nicht vorstellen, Mitglied in einem Kaninchenzüchterverein zu
werden ;-) Die Vereinsstrukturen liegen mir nicht so und selbst in einem
"Hexenzirkel" hätte ich sicher so meine Probleme. (lacht) Vielen gibt
jedoch dieses Gruppengefühl Sicherheit und darüber will ich mich
nicht lustig machen.
Die
Gefahr sehe ich eher in den Gründern solcher Gruppen. Wenn man sich
die einschlägige Szene im www so ansieht, sind doch sehr viele Menschen
"auf der Suche", die leicht zu beeinflussen sind. Da kann ein machthungriger
Charakter rasch auf die Idee kommen, sich seine eigene kleine Jüngerschar
zu verpflichten und wenn auch das nicht unbedingt böse gemeint sein
muss, so entwickeln Machtspielchen dieser Art doch häufig eine ungesunde
Eigendynamik.
Kompliziertes
Regelwerk, das auf ähnliche Anleitungen von BDSM-Gruppen und einem
Rollenspiel basiert, undurchsichtige Hierarchien und offene Sympathie für
Satanisten finde ich wenig charmant. (lacht)
Shine:
Was glaubst du, steckt wirklich hinter dem Drang oder dem Wunsch, ein Vampir
zu sein? Was erwarten sich die Leute, die sich als Vampire bezeichnen,
davon?
Jeanine:
Eigentlich fühle ich mich nicht dazu berufen, diese Frage zu beantworten.
Da fehlt mir eindeutig das psychologische Know-how. Viele selbst ernannte
Vampyre, die meinen Weg gekreuzt haben, waren recht jung und ganz offensichtlich
in einer Orientierungsphase. Ich möchte uns die üblichen Beobachtungen
zu pubertierenden Jugendliche und jungen Erwachsenen ersparen. Vampire/Vampyre
sind m. E. da nur eine Spielart der Selbst- und Sinnsuche.
Shine:
Glaubst du, dass sich die Vampirszene aus der Gothic Szene entwickelt hat?
Jeanine:
Das glaube ich nicht. Das Modell "Vampir", als Alternative zu unerfüllten
Träumen und einem zu kurzen Leben, existiert schon sehr lange in unterschiedlichen
Kulturen. Überliefert sind vampirische Aktivitäten bereits aus
Mesopotamien. Und eine konkrete, unheimliche Begeisterung für Vampire
ist viel älter als die Gothic Szene. Ich denke da nur an die große
Vampireuphorie im 18. Jahrhundert, auf die sich ja auch Anne Rice in "Interview
with a Vampire" bezieht, oder an "Varney the Vampire", einem Groschenroman
des 19. Jahrhunderts, der sich größter Beliebtheit erfreute.
Gerade
im 18. und 19 Jahrhundert allerdings scheinen mir die Beweggründe,
sich für die Untoten zu erwärmen, nicht viel anders als heute
zu sein. Todessehnsucht, der Wunsch nach dem besonderen Abenteuer und einen
allgemeine Übersättigung gepaart mir Realitätsflucht.
Shine:
Viele Real Vampyres wollen ja partout mit Gothics nichts zu tun haben....
Jeanine:
Das kann ich einerseits gut verstehen, denn sie stammen ja nicht unbedingt
aus dieser "Szene". Andererseits sind mir einige der bluttrinkenden Real
Vampyres, die nicht aus der Gothic Szene stammen oder den Vampyrismus für
sich entdeckt haben, weil er momentan im Trend liegt, zum Teil recht unheimlich.
Da gibt es Überschneidungen mit anderen Gelüsten, die ich nicht
akzeptieren kann. Bei vielen dieser Leute geht m. E. es darum, Macht auszuüben
und andere zu unterdrücken - in welcher Spielart auch immer - und
das finde ich absolut inakzeptabel.
Shine:
Wie würdest du die Bluttrinker, also die Real Vampyres (keine Larper)
einstufen? Manche sagen ja, es wäre eine psychische Krankheit.
Jeanine:
Ob einige Real Vampyres ihrer Leidenschaft auf Grund einer massiven psychischen
Störung nachgehen, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber es ist nicht
der Akt des Bluttrinkens, der mich beunruhigt, es sind die Art, wie das
Blut gewonnen wird und die Bedeutung die dem Bluttrinken gegeben wird.
Von mir aus, kann einer so viel Blut trinken, bis er kotzt (grinst) - und
das passiert schnell. Das Blut eines anderen zu rauben (durch physische
oder psychische Gewalt) ist ja häufig Teil des Rituals, bzw. des Kicks
und das verstößt für mich gegen elementare Regeln des gesellschaftlichen
Miteinanders. In gegenseitigem Einvernehmen und Respekt, ähnlich wie
bei S/M, durchgeführte Praktiken möchte ich von dieser Beurteilung
ausdrücklich ausnehmen.
Shine:
Glaubst du, dass es gefährlich für die Psyche sein kann, wenn
man sich vom "Menschsein" so völlig entfernt, wie es einige Vampyre
ja sehr intensiv betreiben?
Jeanine:
Es gibt da eine sehr alte Erzählung, in der ein ungeübter Schüler
es nicht mehr erwarten konnte und gegen den Rat seines Lehrers die Reise
aus dem Körper versucht. Seine Seele schaffte es tatsächlich,
die sterbliche Hülle zu verlassen und sie ignorierte den Ruf des Körpers.
Voller Euphorie schwebte sie durch das Universum. Dabei begegneten ihr
allerlei eigentümliche Wesen. Wunderschöne Sirenen, finstere
Geister und zauberhafte Elfen. Sie folgte ihrem Lockruf mal hierhin und
mal dorthin. Als die Seele jedoch müde geworden war und sich auf den
Heimweg machen wollte, konnte sie sich nicht mehr auf den Weg besinnen.
Sie irrte hin und her, bis sie doch endlich ihren Körper wieder entdeckte.
Doch als sie hineinfahren wollte, war ihr Platz bereits besetzt! Eine andere
Seele hatte sich der Hülle bemächtigt ...
Mit
anderen Worten: Ja.
Shine:
Welche Art von Vampirismus empfindest du persönlich als gefährlich
oder bedrohlich?
Jeanine:
Den Vampyrismus. Vor den Gestalten aus der Literatur fürchte ich mich
nicht.
Shine:
Bist du ein eher morbider Mensch? Besuchst du z.B. Friedhöfe und andere
einsame stille Plätze?
Jeanine:
Nein, ich denke nicht, dass ich ein morbider Mensch bin. Allerdings habe
ich Freude an alten Grabmälern - ich liebe z. B. den Highgate Cemetary
- und ich schätze die friedliche Natur auf Friedhöfen. Ein schöner,
im englischen Stil angelegter, Park ist mir aber genauso lieb. Stille Plätze
suche ich in der Tat mit Vergnügen auf. Aber noch wichtiger ist mir
eine unverbaute Aussicht bis zum Horizont. Ich lebe zur Zeit in Süddeutschland,
reagiere inzwischen geradezu klaustrophobisch auf Berge und sehne mich
sehr nach Stränden, Meer und flachem Land zurück.
Shine:
Wie ist deine Einstellung zum Tod? Glaubst du daran, dass es ewiges Leben
in irgendeiner Form geben könnte? Viele sagen ja, dass von uns nur
Energie übrig bleibt...
Jeanine:
Ich fange mal, wenn du erlaubst, mit deiner zweiten Frage an. Ich möchte
nicht ausschließen, dass es ewiges Leben geben könnte. Von einem
unumstößlichen Glauben daran bin ich allerdings weit entfernt.
Und ich denke, dass es eine Form von kollektivem Bewusstsein der Kreatur
gibt und möchte nicht ausschließen, dass möglicherweise
nach dem Tod die "Seele" in einen "großen Topf" (lacht) zurückkehrt,
dessen Energie dem Lebenden durchaus zugänglich ist.
Grundsätzlich
denke ich aber, dass die Dinge noch wesentlich komplexer sind und dass
jedes denkende Wesen sich seine Realität selbst erschafft. Diese Überzeugung
ist auch ein Grund, warum ich mich so scheue, dem "gemeinen Vampyristen"
per se einen psychischen Defekt zu attestieren. Er "passt" nur einfach
nicht in das Weltbild der überwiegenden Mehrheit. Was mich wiederum
so lange nicht tangiert, bis er meine "Kreise stört".
Jetzt
die Frage nach meiner Einstellung zum Tod.
Definitiv
fürchte ich den Tod, wenn er sich anschickt, einen lieben Menschen
zu rauben. Ich würde es natürlich auch nicht begrüßen,
wenn mich meine Eltern zu Grabe trügen oder dass mir jemand aus Böswilligkeit,
Leichtsinn oder - noch schlimmer - Ignoranz das Leben nähme.
Ich
hatte bereits die zweifelhafte Ehre, dem Tod persönlich ins Gesicht
zu blicken. Das war nicht besonders unheimlich. Wie heißt es
immer so nett in Todesanzeigen? "Der Tod kann auch Erlösung sein!"
Das kann ich nur bestätigen und obwohl ich weder das Vergnügen
hatte, meinen Körper von oben zu betrachten, noch das "Licht am Ende
des Tunnels" lockte, empfand ich diese 'Krise' als Ruhe nach dem Sturm,
als Friedensangebot nach dem Kampf, dem Schmerz und der Kälte ...
So fürchte ich nicht den Tod, aber sehr wohl das Sterben. (Deshalb
habe ich auch eine sehr ausführliche Patientenverfügung beim
Notar erstellt.)
Shine:
Wie würdest du für dich den Begriff "Ästhetik" definieren?
Jeanine:
Wissenschaft vom sinnlich Wahrnehmbaren? (lacht) Da halte ich mich gerne
an den Duden. Es gibt zwar durchaus gesellschaftlich vereinbarte Regeln,
was schön und was hässlich ist, aber die Schönheit liegt
durchaus auch im Auge des (unvoreingenommenen) Betrachters. 'Schön'
finden Menschen das Mittelmaß. Da bin ich nicht anders, wiewohl sich
meine Achse etwas verschoben hat. So finde ich viele Gothic-Mädchen
(seltener Männer) sehr schön und bin damit sicher nicht gesellschaftskonform.
Als ehemalige Kostümbildnerin und Modelbookerin habe ich allerdings
gleichzeitig eine sehr professionelle Einstellung zur Ästhetik. Der
"goldene Schnitt" ist für mich dabei eine brauchbare Orientierungsmarke.
Shine:
Würdest du Dich als "gothic" bezeichnen? Ich meine jetzt nicht die
Szene damit, sondern die innere Einstellung.
Jeanine:
Über diese Frage habe ich lange nachgedacht. Allerdings kann ich sie
nicht abschließend beantworten.
Als
ich das lebte, was heute als die Anfänge des 'Gothic' bezeichnet wird,
empfanden meine Freunde und ich uns als Post-Punks. Wir waren schließlich
zuvor Punks gewesen oder hatten zumindest die Energie dieser 'Bewegung'
bewundert, wie zum Beispiel die eher intellektuellen 'Art School' Vertreter.
Wer später hinzukam, hatte bereits eine andere Sozialisierung. Diese
Jüngeren wurden oft zu sog. „Wavern“. Aber irgendwie gehörten
wir dennoch zusammen. Schon damals gab es gelegentlich Missverständnisse
zwischen den unterschiedlichen Strömungen und nur die Abgrenzung gegen
andere (Popper, Punks, Psychos, Rockabillys und natürlich Normalos
(schüttelt sich) hat uns vereint. Was ich aus dieser Zeit mitgenommen
habe, ist, neben vielen anderen Dingen, meine (s. o.) auch heute nicht
sehr populäre Auffassung von Ästhetik. Dies gilt besonders für
meinen modischen, aber auch für meinen literarischen und musikalischen
Geschmack.
Shine:
Hast du Kontakt zur Gothic Szene?
Jeanine:
Sehr wenig. Ich gehe kaum aus, in meiner Nähe gibt es auch nur wenige
Clubs und (kichert) mit den Jahre wird die Vorbereitungszeit (Styling!)
immer länger und die Zeit, die man nicht gelangweilt im Club steht,
wird immer kürzer. Allerdings ziehe ich gelegentlich (meist ziemlich
übermüdet) durch diverse Online-Foren und höre mich um.
Man könnte fast sagen, ich pflege eine virtuelle Beziehung zur Gothic-Szene.
Shine:
Ich dachte besonders an Lesungen, eventuell bei Goth-Festivals wie das
in Leipzig. Hast du etwas in dieser Richtung vor?
Jeanine:
2003 war ich das erste Mal in Leipzig und sehr beeindruckt. Es gibt nun
diverse Angebote, in diesem Jahr dort zu lesen. Wir werden sehen.
Vorerst
freue ich mich auf die Lesung aus "Wege in die Dunkelheit" am 18. April.
Dann nämlich lesen ausgebildete Schauspieler im Rahmen eines "vampirischen
Literaturtages" im Braunschweiger Wilhelm-Raabe-Literaturhaus u. a. aus
meinem Buch!
Shine:
Ist eventuell schon ein neues Buch in Planung?
Jeanine:
An einem neuen Buch schreibe ich schon. Auch ein Vampirroman, aber keine
direkte Fortsetzung, obwohl einige lieb gewonnenen Freunde aus "Wege in
die Dunkelheit" eventuell vorbei schauen werden.
Shine:
Könntest du schon etwas über den Inhalt deines neuen Buches verraten
oder ist es noch zu früh dafür?
Jeanine:
Zu früh ;-) Aus dem einfachen Grund, weil ich mit der Entwicklung
meiner Geschichte nicht besonders zufrieden bin und vielleicht alles noch
einmal über den Haufen werfen werde! (lacht verlegen) Es gibt zur
Zeit viele andere Dinge, die meine Aufmerksamkeit verlangen und deshalb
wird es vor Ende 2004 wahrscheinlich auch kein neues Buch von mir geben.
Allerdings stellt man gerade eine Anthologie unter dem Arbeitstitel "Ladies
of Horror" zusammen, in der vermutlich auch ich mit einer kleinen Geschichte
vertreten sein werde.
Shine:
Vielen Dank für dieses wirklich interessante Gespräch! Ich würde
mich freuen, wieder mal mit dir zu plaudern.
Ausgewählte
Vampir-Links: http://www.vampirroman.de/
Die
Autorin & Leseprobe: http://www.jeaninekrock.de/
8.2.2004
©Vampyre
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