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Jeanine Krock Online

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Interview mit Jeanine Krock
Autorin des Vampirromans "Wege in die Dunkelheit" 
8.2.2004
 

"Wege in die Dunkelheit" erzählt die Geschichte einer 200jährigen Vampiresse und ihrer untoten "Familie", die sich nach vielen Jahrzehnten der Trennung ausgerechnet mitten in der schwarz-gruftigen Subkultur der 1980s wiedertreffen, um einen herrschsüchtigen Feind zu besiegen. Bei dieser Gelegenheit arbeiten die Blutsauger auch gleich ein gehöriges Stück eigener Vergangenheit auf und sorgen nebenbei für Familienzuwachs."
Amazon.de (Leserkommentar)



Shine: Welche Literatur bevorzugst du persönlich?

Jeanine: Ein wenig kann man mein Interesse an Vampirromanen bestimmt als Obsession bezeichnen. Inzwischen habe ich fast 250 einschlägige Bücher und es werden allmonatlich mehr. Das müsste eigentlich die Frage nach meiner bevorzugten Literatur beantworten, aber damit wäre das Bild ein wenig schief. 
Ich lese sehr gern Krimis (besonders die Englischen) und neben dieser leichten Lektüre freue ich mich auch an Klassikern wie (natürlich!) O. Wilde, J. Austen, den Bronte-Schwestern, George Sand, Goethe u.v.m. Gegenwartsliteratur findet allerdings eher selten ihren Weg in mein Bücherregal. 
 

Shine: Hast du beim Schreiben Vorbilder? Und wie bist du zur Phantastik gekommen?

Jeanine: Natürlich sind die oben genannten Autoren gewissermaßen auch Vorbilder. Mich begeistert ihre Fähigkeit, mit Sprache umzugehen und Stimmungen zu erzeugen, aber ein Vorbild, dem ich nacheifere, habe ich nicht. Ich kann nur hoffen, dass beim Lesen etwas 'hängen bleibt' und später in meine Texte einfließt. Ein wenig gefährlich ist es da natürlich, dass ich viele englische Autoren im Original lese, denn schon im täglichen Leben kann ich mich von gewissen Anglizismen nicht ganz frei machen. Und tatsächlich bemerke ich diesen Einfluss sowohl beim Schreiben, als auch beim Korrekturlesen. 
Wobei ich bestimmt nicht Mitglied der Gesellschaft zu Reinhaltung der Deutschen Sprache bin, aber sie ist ja nun einmal Ausdruck meiner kulturellen Identität. Woraus sich umgekehrt schließen lässt, dass meine Überzeugung, Europäerin zu sein, durchaus einen realen Hintergrund hat. Aber jetzt komme ich etwas weit vom Pfad ab ... 

Wie ich zur Phantastik gekommen bin? Vielleicht erzähle ich lieber, wieso ich überhaupt ein Buch geschrieben habe. Die Anfänge liegen sicherlich in meiner, besonders in jungen Jahren, regelrechten Lesesucht. Damals habe ich jede Gelegenheit genutzt, mit Hilfe von Büchern aus dem Alltag auszusteigen. Nicht dass ich nicht auch fantastische Abenteuer im Wald und auf den Wiesen - vielleicht eher Bäumen (lacht) - meiner Kindheit erlebt hätte, aber Pippi, die kleine Hexe und das kleine Gespenst waren, genauso wie alle möglichen Märchen, meine tägliche Kost und wenn meine Eltern gar nichts mehr zum Lesen heranschleppen konnten, dann habe ich auch schon mal einen Nachmittag mit dem Lexikon vertrödelt. Klar, dass die Klassiker im elterlichen Bücherschrank auch nicht sicher vor mir waren. 
Später schrieb ich dann zwar hier und da für Schülerzeitungen, Fanzines und Fachzeitschriften, aber Autorin werden, das wollte ich nicht. Stattdessen habe ich begonnen, mich für Design und Mode zu interessieren, habe in der Punk und Post-Punk Zeit Kleider und Accessoires entworfen und hergestellt und später sogar im Ausland als Kostümbildnerin gearbeitet. 
Mitte der 90er Jahre hatte ich dann nach einem komplizierten Sportunfall plötzlich viel Zeit und kurz bevor mir der Himmel auf den Kopf fiel habe ich, gewissermaßen als Therapie, beschlossen, ein Buch zu schreiben. Vampire vereinigten in sich auf einzigartige Weise alles, was ich in diesem Buch lesen wollte. Als "Wege in die Dunkelheit" fertig war, unternahm ich halbherzig einige, wie ich heute weiß, unprofessionelle Versuche, einen Verlag zu finden und legte das Manuskript schließlich beiseite. 

Beim letzten Umzug habe ich es dann wieder hervorgeholt und fand die Geschichte gar nicht so übel. Inzwischen hatte ich schon sehr viele 'moderne' Vampirromane gelesen und fand meine Story nicht unbedingt schlechter. Ich habe ein wenig am Text herum korrigiert und nebenher aus Spaß eine Idee zur Kurzgeschichte umgesetzt. Im WWW bin ich auf diverse Anthologie-Ausschreibungen gestoßen und habe die Geschichte kurzerhand eingeschickt. Sie wurde zu meiner großen Überraschung und Freude veröffentlicht und als ich beim Telefonat mit dem Herausgeber (UBooks) "Wege in die Dunkelheit" erwähnte, nahmen die Dinge ihren Lauf.... 
 

Shine: Bist du eigentlich noch im Bereich Design/Kostümbildnerin tätig? (Ich frage besser mal, falls jemand jetzt Lust bekommen hat, sich bei dir ein Vampir-Outfit zu bestellen...um es gleich vorweg zu nehmen - leider nein *seufzt*)

Jeanine: Privat hat es mich nach dem bereits erwähnten Unfall aus dem Norden Deutschlands (zuletzt Hamburg und Braunschweig) in den Süden (Nahe Stuttgart) verschlagen. Ich bin für eine Relocation Agency tätig. Wir betreuen, zumeist ausländische, Arbeitnehmer bei ihrem Umzug in die Region. Beauftragt werden wir von deren Arbeitgebern, was die Sache zu einer elitären Angelegenheit macht, denn natürlich werden solche Summen eher für Führungskräfte ausgegeben. Wir besorgen dann, von der Wohnung über den Schulplatz bis zur Aufenthaltsgenehmigung, so ziemlich alles für diese Leute, während sie sich ganz ihrem neuen Job widmen können. Und wenn sie nach 2-3 Jahren wieder in ein anderes Land weiterziehen, dann helfen wir auch dabei. Außerdem gründen wir gerade eine Dependance in Shanghai. 

Ich wäre froh gewesen, wenn ich bei meinen Umzügen kreuz und quer durch Europa auch so jemanden zur Seite gehabt hätte. Andererseits war ich ja ohne Familie unterwegs und das Reisen schien mir nie besonders kompliziert. :-) 
 

Shine: Mich würde noch interessieren, woher du die Inspirationen für deine Texte nimmst.

Jeanine: Ich weiß es nicht. Bücher anderer Autoren, Märchen. Menschen, denen ich im Internet begegne, eigene Träume und Sehnsüchte. Musik, Malerei. Das Leben. 
 

Shine: Was fasziniert dich persönlich an Vampiren?

Jeanine: Vieles habe ich gewiss mit anderen Vampir- oder Vampyrfan gemeinsam. Natürlich üben Eleganz und Schönheit dieser Kreaturen eine große Faszination aus. Unnötig zu erwähnen, dass ein Murnau-Vampir mein Herz nicht eben höher schlagen lässt. ;-) Die Frage nach ewigem Leben und besonders ewiger Jugend bewegt mich, genauso wie viele Menschen, ebenfalls. Und nicht zuletzt ist es eine geheime Leidenschaft für das Dunkle, Gefährliche und Verbotene. Besonders, wenn man dabei warm und sicher daheim am Ofen sitzt. (lacht) 
Aber es ist noch mehr. Eine Liebe zu Schatten und Nacht, deren Ursprung ganz profan in der Allergie gegen vieles, was tagsüber grünt und blüht zu finden ist; eine 'andere' Ästhetik, entstanden in der "Gothic"-Szene der 80er und nicht zuletzt meine ganz persönliche Erfahrung mit dem Sterben, sind sicherlich sehr persönliche Gründe für diese Leidenschaft. 

Als 'Real Vampyre' mag ich mich allerdings nicht begreifen. Einerseits widerspricht dies meinem Glauben, der vielleicht dem Wicca- Glauben am nächsten kommen dürfte, andererseits hatte ich Gelegenheit, Einblick in die internationale "Vampyre Scene" zu nehmen und habe wenig Gefallen an den dort vorherrschenden hierarchischen Strukturen gefunden. Für derartige Strukturen bin ich nicht geschaffen. Wenn ich mich überhaupt mit phantastischen Gestalt vergleichen wollte, dann vielleicht mit einem Elf. Äußerlich besteht wohl keine Ähnlichkeit, aber diese Mischung aus hilfsbereiter Freundlichkeit und schadenfrohem Schabernack kommt mir doch sehr bekannt vor ... ;-) 
 

Shine: Kennst du die sogenannten "Vampyre Churches" oder "Vampyre Covens", auf die man im Internet häufig trifft? Wenn ja - weißt du eventuell Näheres darüber? Worum geht es hier eigentlich?

Jeanine: Beim Lesen deiner Fragen ist mir aufgefallen, dass ich vorab meine Definition der Begriffe Vampir und Vampyr klarstellen sollte, weil es ansonsten zu Missverständnissen kommen könnte. 
Vampire sind für mich die (fast) unsterblichen Kreaturen aus meinen Büchern und anderer Autoren Literatur. Vampyre oder sog. Real Vampyres dagegen sehe ich als Sterbliche, die 'vampirsche' Neigungen entwickelt haben. Will meinen, sie halten sich für Vampire und/oder glauben, andere Energieformen oder Blut trinken zu müssen. 
Es gibt natürlich auch Menschen, die Energiequellen wie Bäume, Landschaft, Rituale o. ä. 'anzapfen', um gewissermaßen ihre eigene 'Batterie' wieder aufzuladen. Diese Menschen mag ich nicht als Vampyre bezeichen, denn nach meiner Einschätzung rauben sie ihre Energie nicht von Opfern, sondern gehören lediglich in den natürlichen Kreislauf des Gebens und Nehmens. Allein den  unsterblichen Vampiren meiner Phantasie und der Literatur gestehe ich gerne eine Haltung zu, wie sie auch der Mensch, den Nutztieren und -pflanzen gegenüber, einnimmt. Das Opfer nährt den Jäger. 

Zum Thema "Vampyre Covens": Viel halte ich nicht davon. Ich kann mir allerdings auch nicht vorstellen, Mitglied in einem Kaninchenzüchterverein zu werden ;-) Die Vereinsstrukturen liegen mir nicht so und selbst in einem "Hexenzirkel" hätte ich sicher so meine Probleme. (lacht) Vielen gibt jedoch dieses Gruppengefühl Sicherheit und darüber will ich mich nicht lustig machen. 
Die Gefahr sehe ich eher in den Gründern solcher Gruppen. Wenn man sich die einschlägige Szene im www so ansieht, sind doch sehr viele Menschen "auf der Suche", die leicht zu beeinflussen sind. Da kann ein machthungriger Charakter rasch auf die Idee kommen, sich seine eigene kleine Jüngerschar zu verpflichten und wenn auch das nicht unbedingt böse gemeint sein muss, so entwickeln Machtspielchen dieser Art doch häufig eine ungesunde Eigendynamik. 
 Kompliziertes Regelwerk, das auf ähnliche Anleitungen von BDSM-Gruppen und einem Rollenspiel basiert, undurchsichtige Hierarchien und offene Sympathie für Satanisten finde ich wenig charmant. (lacht) 
 

Shine: Was glaubst du, steckt wirklich hinter dem Drang oder dem Wunsch, ein Vampir zu sein? Was erwarten sich die Leute, die sich als Vampire bezeichnen, davon?

Jeanine: Eigentlich fühle ich mich nicht dazu berufen, diese Frage zu beantworten. Da fehlt mir eindeutig das psychologische Know-how. Viele selbst ernannte Vampyre, die meinen Weg gekreuzt haben, waren recht jung und ganz offensichtlich in einer Orientierungsphase. Ich möchte uns die üblichen Beobachtungen zu pubertierenden Jugendliche und jungen Erwachsenen ersparen. Vampire/Vampyre sind m. E. da nur eine Spielart der Selbst- und Sinnsuche. 
 

Shine: Glaubst du, dass sich die Vampirszene aus der Gothic Szene entwickelt hat?

Jeanine: Das glaube ich nicht. Das Modell "Vampir", als Alternative zu unerfüllten Träumen und einem zu kurzen Leben, existiert schon sehr lange in unterschiedlichen Kulturen. Überliefert sind vampirische Aktivitäten bereits aus Mesopotamien. Und eine konkrete, unheimliche Begeisterung für Vampire ist viel älter als die Gothic Szene. Ich denke da nur an die große Vampireuphorie im 18. Jahrhundert, auf die sich ja auch Anne Rice in "Interview with a Vampire" bezieht, oder an "Varney the Vampire", einem Groschenroman des 19. Jahrhunderts, der sich größter Beliebtheit erfreute. 
Gerade im 18. und 19 Jahrhundert allerdings scheinen mir die Beweggründe, sich für die Untoten zu erwärmen, nicht viel anders als heute zu sein. Todessehnsucht, der Wunsch nach dem besonderen Abenteuer und einen allgemeine Übersättigung gepaart mir Realitätsflucht. 
 

Shine: Viele Real Vampyres wollen ja partout mit Gothics nichts zu tun haben....

Jeanine: Das kann ich einerseits gut verstehen, denn sie stammen ja nicht unbedingt aus dieser "Szene". Andererseits sind mir einige der bluttrinkenden Real Vampyres, die nicht aus der Gothic Szene stammen oder den Vampyrismus für sich entdeckt haben, weil er momentan im Trend liegt, zum Teil recht unheimlich. Da gibt es Überschneidungen mit anderen Gelüsten, die ich nicht akzeptieren kann. Bei vielen dieser Leute geht m. E. es darum, Macht auszuüben und andere zu unterdrücken - in welcher Spielart auch immer - und das finde ich absolut inakzeptabel. 
 

Shine: Wie würdest du die Bluttrinker, also die Real Vampyres (keine Larper) einstufen? Manche sagen ja, es wäre eine psychische Krankheit.

Jeanine: Ob einige Real Vampyres ihrer Leidenschaft auf Grund einer massiven psychischen Störung nachgehen, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber es ist nicht der Akt des Bluttrinkens, der mich beunruhigt, es sind die Art, wie das Blut gewonnen wird und die Bedeutung die dem Bluttrinken gegeben wird. Von mir aus, kann einer so viel Blut trinken, bis er kotzt (grinst) - und das passiert schnell. Das Blut eines anderen zu rauben (durch physische oder psychische Gewalt) ist ja häufig Teil des Rituals, bzw. des Kicks und das verstößt für mich gegen elementare Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders. In gegenseitigem Einvernehmen und Respekt, ähnlich wie bei S/M, durchgeführte Praktiken möchte ich von dieser Beurteilung ausdrücklich ausnehmen. 
 

Shine: Glaubst du, dass es gefährlich für die Psyche sein kann, wenn man sich vom "Menschsein" so völlig entfernt, wie es einige Vampyre ja sehr intensiv betreiben?

Jeanine: Es gibt da eine sehr alte Erzählung, in der ein ungeübter Schüler es nicht mehr erwarten konnte und gegen den Rat seines Lehrers die Reise aus dem Körper versucht. Seine Seele schaffte es tatsächlich, die sterbliche Hülle zu verlassen und sie ignorierte den Ruf des Körpers. Voller Euphorie schwebte sie durch das Universum. Dabei begegneten ihr allerlei eigentümliche Wesen. Wunderschöne Sirenen, finstere Geister und zauberhafte Elfen. Sie folgte ihrem Lockruf mal hierhin und mal dorthin. Als die Seele jedoch müde geworden war und sich auf den Heimweg machen wollte, konnte sie sich nicht mehr auf den Weg besinnen. Sie irrte hin und her, bis sie doch endlich ihren Körper wieder entdeckte. Doch als sie hineinfahren wollte, war ihr Platz bereits besetzt! Eine andere Seele hatte sich der Hülle bemächtigt ... 
Mit anderen Worten: Ja. 
 

Shine: Welche Art von Vampirismus empfindest du persönlich als gefährlich oder bedrohlich?

Jeanine: Den Vampyrismus. Vor den Gestalten aus der Literatur fürchte ich mich nicht. 
 

Shine: Bist du ein eher morbider Mensch? Besuchst du z.B. Friedhöfe und andere einsame stille Plätze?

Jeanine: Nein, ich denke nicht, dass ich ein morbider Mensch bin. Allerdings habe ich Freude an alten Grabmälern - ich liebe z. B. den Highgate Cemetary - und ich schätze die friedliche Natur auf Friedhöfen. Ein schöner, im englischen Stil angelegter, Park ist mir aber genauso lieb. Stille Plätze suche ich in der Tat mit Vergnügen auf. Aber noch wichtiger ist mir eine unverbaute Aussicht bis zum Horizont. Ich lebe zur Zeit in Süddeutschland, reagiere inzwischen geradezu klaustrophobisch auf Berge und sehne mich sehr nach Stränden, Meer und flachem Land zurück. 
 

Shine: Wie ist deine Einstellung zum Tod? Glaubst du daran, dass es ewiges Leben in irgendeiner Form geben könnte? Viele sagen ja, dass von uns nur Energie übrig bleibt...

Jeanine: Ich fange mal, wenn du erlaubst, mit deiner zweiten Frage an. Ich möchte nicht ausschließen, dass es ewiges Leben geben könnte. Von einem unumstößlichen Glauben daran bin ich allerdings weit entfernt. Und ich denke, dass es eine Form von kollektivem Bewusstsein der Kreatur gibt und möchte nicht ausschließen, dass möglicherweise nach dem Tod die "Seele" in einen "großen Topf" (lacht) zurückkehrt, dessen Energie dem Lebenden durchaus zugänglich ist. 
Grundsätzlich denke ich aber, dass die Dinge noch wesentlich komplexer sind und dass jedes denkende Wesen sich seine Realität selbst erschafft. Diese Überzeugung ist auch ein Grund, warum ich mich so scheue, dem "gemeinen Vampyristen" per se einen psychischen Defekt zu attestieren. Er "passt" nur einfach nicht in das Weltbild der überwiegenden Mehrheit. Was mich wiederum so lange nicht tangiert, bis er meine "Kreise stört". 

Jetzt die Frage nach meiner Einstellung zum Tod. 
Definitiv fürchte ich den Tod, wenn er sich anschickt, einen lieben Menschen zu rauben. Ich würde es natürlich auch nicht begrüßen, wenn mich meine Eltern zu Grabe trügen oder dass mir jemand aus Böswilligkeit, Leichtsinn oder - noch schlimmer - Ignoranz das Leben nähme. 
Ich hatte bereits die zweifelhafte Ehre, dem Tod persönlich ins Gesicht zu blicken.  Das war nicht besonders unheimlich. Wie heißt es immer so nett in Todesanzeigen? "Der Tod kann auch Erlösung sein!" Das kann ich nur bestätigen und obwohl ich weder das Vergnügen hatte, meinen Körper von oben zu betrachten, noch das "Licht am Ende des Tunnels" lockte, empfand ich diese 'Krise' als Ruhe nach dem Sturm, als Friedensangebot nach dem Kampf, dem Schmerz und der Kälte ... So fürchte ich nicht den Tod, aber sehr wohl das Sterben. (Deshalb habe ich auch eine sehr ausführliche Patientenverfügung beim Notar erstellt.) 
 

Shine: Wie würdest du für dich den Begriff "Ästhetik" definieren?

Jeanine: Wissenschaft vom sinnlich Wahrnehmbaren? (lacht) Da halte ich mich gerne an den Duden. Es gibt zwar durchaus gesellschaftlich vereinbarte Regeln, was schön und was hässlich ist, aber die Schönheit liegt durchaus auch im Auge des (unvoreingenommenen) Betrachters. 'Schön' finden Menschen das Mittelmaß. Da bin ich nicht anders, wiewohl sich meine Achse etwas verschoben hat. So finde ich viele Gothic-Mädchen (seltener Männer) sehr schön und bin damit sicher nicht gesellschaftskonform. Als ehemalige Kostümbildnerin und Modelbookerin habe ich allerdings gleichzeitig eine sehr professionelle Einstellung zur Ästhetik. Der "goldene Schnitt" ist für mich dabei eine brauchbare Orientierungsmarke. 
 

Shine: Würdest du Dich als "gothic" bezeichnen? Ich meine jetzt nicht die Szene damit, sondern die innere Einstellung.

Jeanine: Über diese Frage habe ich lange nachgedacht. Allerdings kann ich sie nicht abschließend beantworten. 
Als ich das lebte, was heute als die Anfänge des 'Gothic' bezeichnet wird, empfanden meine Freunde und ich uns als Post-Punks. Wir waren schließlich zuvor Punks gewesen oder hatten zumindest die Energie dieser 'Bewegung' bewundert, wie zum Beispiel die eher intellektuellen 'Art School' Vertreter. Wer später hinzukam, hatte bereits eine andere Sozialisierung. Diese Jüngeren wurden oft zu sog. „Wavern“. Aber irgendwie gehörten wir dennoch zusammen. Schon damals gab es gelegentlich Missverständnisse zwischen den unterschiedlichen Strömungen und nur die Abgrenzung gegen andere (Popper, Punks, Psychos, Rockabillys und natürlich Normalos (schüttelt sich) hat uns vereint. Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe, ist, neben vielen anderen Dingen, meine (s. o.) auch heute nicht sehr populäre Auffassung von Ästhetik. Dies gilt besonders für meinen modischen, aber auch für meinen literarischen und musikalischen Geschmack. 
 

Shine: Hast du Kontakt zur Gothic Szene?

Jeanine: Sehr wenig. Ich gehe kaum aus, in meiner Nähe gibt es auch nur wenige Clubs und  (kichert) mit den Jahre wird die Vorbereitungszeit (Styling!) immer länger und die Zeit, die man nicht gelangweilt im Club steht, wird immer kürzer. Allerdings ziehe ich gelegentlich (meist ziemlich übermüdet) durch diverse Online-Foren und höre mich um. Man könnte fast sagen, ich pflege eine virtuelle Beziehung zur Gothic-Szene. 
 

Shine: Ich dachte besonders an Lesungen, eventuell bei Goth-Festivals wie das in Leipzig. Hast du etwas in dieser Richtung vor?

Jeanine: 2003 war ich das erste Mal in Leipzig und sehr beeindruckt. Es gibt nun diverse Angebote, in diesem Jahr dort zu lesen. Wir werden sehen. 
Vorerst freue ich mich auf die Lesung aus "Wege in die Dunkelheit" am 18. April. Dann nämlich lesen ausgebildete Schauspieler im Rahmen eines "vampirischen Literaturtages" im Braunschweiger Wilhelm-Raabe-Literaturhaus u. a. aus meinem Buch! 
 

Shine: Ist eventuell schon ein neues Buch in Planung?

Jeanine: An einem neuen Buch schreibe ich schon. Auch ein Vampirroman, aber keine direkte Fortsetzung, obwohl einige lieb gewonnenen Freunde aus "Wege in die Dunkelheit" eventuell vorbei schauen werden. 

Shine: Könntest du schon etwas über den Inhalt deines neuen Buches verraten oder ist es noch zu früh dafür?

Jeanine: Zu früh ;-) Aus dem einfachen Grund, weil ich mit der Entwicklung meiner Geschichte nicht besonders zufrieden bin und vielleicht alles noch einmal über den Haufen werfen werde! (lacht verlegen) Es gibt zur Zeit viele andere Dinge, die meine Aufmerksamkeit verlangen und deshalb wird es vor Ende 2004 wahrscheinlich auch kein neues Buch von mir geben. Allerdings stellt man gerade eine Anthologie unter dem Arbeitstitel "Ladies of Horror" zusammen, in der vermutlich auch ich mit einer kleinen Geschichte vertreten sein werde. 
 

Shine: Vielen Dank für dieses wirklich interessante Gespräch! Ich würde mich freuen, wieder mal mit dir zu plaudern.

Ausgewählte Vampir-Links: http://www.vampirroman.de/
Die Autorin & Leseprobe: http://www.jeaninekrock.de/
 
 

8.2.2004
©Vampyre Planet