Interview
mit Gerald Axelrod
20.11.2003
Wenn
man sich den einleitenden Text in "...als lebten die Engel auf Erden" durchliest,
wo du die Atmosphäre auf dem Florenzer Friedhof schilderst, kann man
sehr gut nachvollziehen, was dich an Friedhöfen fasziniert. Ich glaube,
diese Dinge, die du schilderst, gehen einigen von uns sehr nahe. Ist dieser
Friedhof in Florenz dein Lieblingsfriedhof?
Nein,
er hat zwar eine phantastische Lage hoch über der Stadt, besitzt aber
keine monumentalen Bauten. Meine Lieblingsfriedhöfe sind der „Cimitero
di Staglieno“ in Genua und der „Cimitero la Certosa“ in Bologna. Beide
sind nicht nur riesengroß, sondern haben auch gewaltige Hallen und
Galerien, voll von Engeln und anderen mystischen Wesen. Es ist eine ganz
einzigartige Welt, in der man stundenlang durch die verwinkelten Gänge
irren kann, ohne eine Menschenseele zu treffen. Sehr unheimlich und faszinierend!
Woher
stammt deine Vorliebe für Engel?
Sie
ist langsam mit meinen Entdeckungsreisen durch die italienischen Friedhöfe
entstanden. Sobald man sich intensiver mit der geheimnisvollen Welt der
Engel beschäftigt, stößt man auf ein verborgenes Wissen,
das heute leider in Vergessenheit geraten ist.
Ich
bin gar kein religiöser Mensch und überhaupt kein Anhänger
der katholischen Kirche, aber wenn man tiefer in das Reich der Engel eintaucht,
merkt man, daß der Engel-Glaube viel älter als die christliche
Religion ist und die Kirche leider sehr viel zensiert hat.
Glaubst
du, daß es Engel oder andere übernatürliche Erscheinungen
gibt?
Ja,
unbedingt! Das heißt aber nicht, daß ich alle Geschichten glaube.
Gerade in unserer heutigen Zeit gibt es unzählige Esoteriker, die
einen völlig abstrusen Blödsinn über Engel verbreiten.
Wie
ist deine Einstellung zum Tod? Denkst du darüber nach?
Ich
hatte einmal einen sehr schweren Autounfall, bei dem ich dem Tode sehr
nahe war. Das hat mir natürlich schlagartig bewußt gemacht,
daß der Tod allgegenwärtig ist und jederzeit zuschlagen kann
– ohne jede Vorwarnung. Ich kann aber nicht sagen, daß ich deshalb
viel über den Tod nachdenke. Vielmehr bin ich durch diesen Unfall
sehr fatalistisch geworden und glaube, daß es einfach vom Schicksal
vorher bestimmt ist, wann die Zeit abläuft…
Was
meinst du - warum ist die Wiener Mentalität dermaßen morbide,
wo kommt das her? Bist du in diesem Sinne ein typischer Wiener?
Hm,
ich bin mir nicht sicher, ob das Gerede vom „morbiden Wien“ nicht eher
ein Klischee aus früherer Zeit ist. Ich selbst bin gebürtiger
Vorarlberger, also ganz sicher kein typischer Wiener (ich lebe allerdings
seit 17 Jahren in Wien). Nach meiner Erfahrung verdrängen die Wiener
heute den Tod genauso wie anderswo.
Deine
Irland-Fotos in "Wo die Zeit keine Macht hat" strahlen eine ungeheure Intensität
aus. Ist Irland dein Lieblingsland?
Ja,
es besitzt eine ganz eigene, mystische Atmosphäre, die ich sonst nirgendwo
in Europa gefunden habe. Wenn man an die irische Westküste reist,
kommt es einem vor, als würde man ins 19. Jahrhundert reisen – oder
vielleicht sogar noch in eine viel frühere Urzeit.
Deine
Bilder versetzen mich in eine Stimmung, die ich oft beim Lesen von Gothic
Horrorstories empfinde. Die alte Tradition der Schauergeschichten...Burgen,
Hexen, Gespenster, verwunschene Orte...Interessiert dich diese Form der
Literatur? Inspiriert sie dich eventuell zu bestimmten Bildern?
Als
Kind habe ich Sagenbücher regelrecht verschlungen, später dann
Horrorgeschichten. Zweifellos liegen hier die Wurzeln für mein Interesse
an diesem Thema. Zu meinen Fotografien inspiriert haben mich aber eher
Filme, nicht Bücher.
Welche
Filme/Literatur bevorzugst du? Magst Du Horror und Phantastik?
Mein
absoluter Lieblingsfilm ist „Tanz der Vampire“ von Roman Polanski – ich
denke, das sagt eigentlich alles.
Ich
habe im Internet einige interessante Websites von Fotografen gesehen, die
vor allem leerstehende Fabriken, aufgelassene Industriegebiete u.ä.
fotografieren und für die Nachwelt festhalten, wenn es diese Orte
nicht mehr gibt. Gefallen dir diese alten Industrieruinen? Kannst Du solchen
Orten etwas abgewinnen?
Nein,
überhaupt nicht. Ich liebe alte Mythen. Im Grunde genommen bin ich
immer auf der Suche nach der Phantasiewelt meiner Kindheit. Alles, was
mit der modernen Zivilisation zu tun hat, interessiert mich nicht. Bei
meinen Irland-Fotografien ließ es sich manchmal nicht vermeiden,
daß Stromleitungen ins Bild kamen (die bewohnten Schlösser haben
eben Stromanschluß). Natürlich habe ich diese Leitungen wegretouchiert,
um alle Spuren der Moderne zu verwischen!
Welche
Plätze oder Menschen haben für dich dieses "gewisse Etwas", das
dein photographisches Interesse weckt?
Hm,
das sagt mir einfach mein Gefühl, das kann ich nicht rational erklären.
Hast
du schon mal bei Gothic-Veranstaltungen, z.B. am Wave-Gothic-Treffen in
Leipzig, ausgestellt?
Ja,
1998. In diesem Jahr (2003) wollte ich wieder in Leipzig ausstellen, aber
die neuen Veranstalter haben so miese Bedingungen gestellt, daß ich
absagen mußte.
Das
Wave-Gothic-Treffen scheint zu einer reinen Kommerz-Veranstaltung verkommen
zu sein.
Besteht
die Möglichkeit, hierzulande Ausstellungen von dir zu besuchen?
Nein.
Ich habe insgesamt schon 14 Ausstellungen gemacht, unter anderem in der
Leica Gallery in New York, aber noch keine einzige Ausstellung in Österreich.
Wurde überall abgelehnt. Na ja, der Prophet im eigenen Land…
Ist
eventuell schon ein neues Buch in Planung? Falls ja, könntest du schon
ein wenig darüber verraten?
Ich
arbeite im Moment an meinem vierten Buch über die „Schlösser
und Dämonen im Loire-Tal (Frankreich)“ (so der Arbeitstitel). Die
Fotos sind alle gemacht und warten nur noch darauf, vergrößert
zu werden. Vielleicht erscheint das Buch 2004, wahrscheinlich aber eher
erst 2005.
Welchen
Beruf würdest du ausüben, wenn du nicht als Fotograf arbeiten
würdest?
Pilot.
Ich liebe das Fliegen!
20.11.2003
©Vampyre
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