Interview
mit Eddie M. Angerhuber, 10.8.2003
"Ich
trat auf die Straße hinaus und blinzelte für einen Augenblick
geblendet in das leuchtende Rot, das von Westen her die Straße übergoß.
Es war mitten im Juli, und zu dieser Zeit geht die Sonne in unseren Breiten
sehr spät unter. Der Gesang der schwarzen Amseln in den Bäumen
entlang meiner Straße war süß und kurzlebig wie Brausebonbons
und perlte zwischen den schweigend aufragenden grauen Häusern wie
eine Fontäne von Sekt in einem riesigen rotglühenden Glaszylinder."
(Eddie
M. Angerhuber: Das Verborgene)
"If
only tonight we could sleep
In
a bed made of flowers
If
only tonight we could fall
In
a deathless spell..."
(The
Cure)
Seit
wann schreibst Du - wie waren Deine ersten Geschichten? Hast Du damals
schon unheimliche Stories geschrieben?
Ich
schreibe schon seit meiner Kindheit. Meine ersten Geschichten waren Tiergeschichten
- beim Lesen würde man heutzutage wahrscheinlich auch Horror empfinden,
wenngleich eine etwas andere Art von Horror *g* Ich erinnere mich
noch gut daran: ich habe mir selbst solche kleinen Heftchen zusammengenäht,
einfach Papier zusammengefaltet und genäht, dann die Seiten aufgeschnitten.
Darauf schrieb ich dann mit der Hand meine Geschichten. Eines dieser Büchlein
hieß "Freie Schwingen" und es war die herzbewegende Geschichte einer
Ente, deren Vater ein wilder Erpel und deren Mutter eine Hausente war ...
die arme Ente war also immer zwischen Wildnis und Bauernhof hin- und hergerissen
...
Unheimliche
Geschichten fing ich erst später an zu schreiben. Ich kann allerdings
nicht mehr genau sagen, wann. Vielleicht so um die 18.
Wann
hast Du deine erste Geschichte veröffentlicht? Gab's schon Geld dafür
oder bewegte sich das Ganze eher im Fandombereich?
Meine
ersten beiden Geschichten wurden im Jahr 1993 in den Fanzines "Der Golem"
und "Gore" veröffentlicht. Geld gab's damals natürlich noch keins
dafür. Ich weiß nicht mehr genau, welches Fanzine zuerst erschien,
aber dies waren meine ersten beiden Veröffentlichungen.
Ihr
(Thomas Wagner und Du) habt vor einigen Jahren das Fandom-Magazin 'Fleurie'
herausgegeben. Welche Beweggründe hattet Ihr, so viel Arbeit auf Euch
zu nehmen? War 'Fleurie' ein reines Literaturmagazin oder gab es noch andere
Schwerpunkte?
"Fleurie"
sollte ein Artzine sein. Ein Magazin der anderen Art. Nicht auf Literatur
beschränkt, sondern "Hauptsache verrückt". Wir nahmen Beiträge
darin auf, die uns ungewöhnlich, skurril, irgendwie abseitig erschienen
- vom Comicstrip über Lyrik und Kurzprosa bis zur Collage. Ich denke,
daß genau das auf Dauer auch das Todesurteil für Fleurie war,
denn es fand sich einfach kein Leserkreis dafür.
Gibt
es eventuell Pläne, noch einmal etwas in der Art auf die Beine zu
stellen?
Nein,
es rentiert sich nicht. Ich meine das nicht in finanzieller Hinsicht -
Fanzines rentieren sich finanziell sowieso nie, sie erwirtschaften allerhöchstens
(meistens nicht) die Herstellungskosten. Das Interesse an solchen Publikationen
wie Fleurie, die sich nicht in eine bestimmte Schublade - z.B. pur Horror
oder SF - einreihen, ist einfach zu gering.
Du
hast früher viel im Fandom veröffentlicht. Mir fällt auf,
daß Du damit anscheinend völlig aufgehört hast. Ein paar
Worte zum Thema 'Fandom'? Lehnst Du es inzwischen völlig ab?
Oh,
es ist weniger geworden, das stimmt. Ich bin jedoch nicht "per se" ein
Feind des Fandoms. Es gibt nur einfach nicht mehr so viele Veröffentlichungs-möglichkeiten.
Früher
gab es eine Handvoll Fanzines und heute ist mir nur noch eins bekannt -
"Nocturno". In den kommenden Ausgaben von Nocturno werden auch wieder Texte
von mir erscheinen:
http://www.mgverlag.de/NOCTURNO/nocturno.html
Die
junge deutsche Fantastikszene ist ja eine Welt für sich. Mir als Beobachter
scheint sie ziemlich männerorientiert zu sein. (Oder gibt es noch
andere Horrorautorínnen außer Dir?) Wie ist das Verhältnis
der Autoren zueinander? Trifft man sich, tauscht man sich miteinander aus?
Zu
"meiner Zeit" (das klingt super, nicht? <g>) gab es tatsächlich
nicht viele Frauen, die solche Literatur geschrieben haben - oder zumindest
nicht in meiner Szene. Ich bin mir ziemlich sicher, daß es immer
Frauen gegeben hat, die solche Literatur schrieben, aber vielleicht traten
sie nicht so an die Öffentlichkeit oder fanden aus irgendwelchen Gründen
keinen Zugang zu "der" Szene. Heute gibt es schon ein paar weibliche Namen
in der kleinen deutschen Phantastikszene. Ich bin jedoch mit keiner der
Damen persönlich bekannt, da ich jetzt sehr zurückgezogen lebe.
Mit
welchen Autoren hast Du Kontakt? Gibt es gemeinsame Projekte wie Lesungen
oder Veröffentlichungen?
Ich
habe nur noch wenig Kontakt. Man kann die anderen Autoren an einer Hand
abzählen: Thomas Wagner natürlich, Ady Henry Kiss, Markus Korb,
Michael Siefener, Boris Koch, Uwe Vöhl sowie einige englische Autoren.
Gemeinsame Lesungen stehen keine an. Aber wer weiß. Andere Projekte
- ja. Da wäre einmal "Lamia und die Schatten", ein Vampirroman, den
Thomas Wagner und ich zusammen schreiben. Wir schreiben schon eine ganze
Weile daran, aber irgendwann wird das Buch fertig werden, und dann hoffen
wir es auch bei einem guten Verlag zu veröffentlichen. Was weitere
Projekte angeht - da möchte ich nicht vorgreifen ...
Du
hast seit einiger Zeit Kontakt zu Thomas Ligotti, der in den USA in seiner
Fangemeinde als Kultautor gilt. Du übersetzt seine Werke, hast auch
den Deutschen Phantastik-Preis in der Rubrik "Beste Übersetzung 2001"
gewonnen ("In einer fremden Stadt, in einem fremden Land"). Wie hast Du
Ligotti eigentlich kennengelernt? Kultautoren trifft man ja nicht so einfach
auf der Strasse...
Ich
bat meinen damaligen Herausgeber um Ligottis Adresse, damit ich ihm einen
Fanbrief schreiben konnte ... er beantwortete den Fanbrief und irgendwann
bekam ich auch seine eMailadresse. Seitdem stehen wir in Kontakt miteinander.
Ligottis
Geschichten entsprechen ja nicht unbedingt dem Geschmack der Mainstream-Horrorleser,
die Bücher von King oder Rice bevorzugen. Was glaubst Du - wie wird
die Resonanz auf seine Geschichten im deutschsprachigen Raum sein? Findet
diese Art von gehobenem, niveauvollem Horror überhaupt genügend
Leser? Oder wird es wieder eine kleine Fangemeinde sein, die ihn zu schätzen
weiß?
Ich
kann es wirklich nicht sagen. Es ist natürlich klar, daß Literatur
vom Kaliber Ligottis nicht wirklich "massentauglich" ist. Zur Zerstreuung
in der U-Bahn oder Mittagspause scheinen seine philosophisch-nihilistischen,
intelligenten, sehr eigenen und überaus bösen Geschichten eher
nicht geeignet. Aber ich hoffe doch, daß es gelingen wird, sein Werk
auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt zu machen, da das Werk
dies durchaus verdient.
Dunkle
Phantastik/Horror spielen im deutschsprachigen Raum eher Außenseiterrollen.
Woran, glaubst Du, liegt es? Gibt es wirklich so wenig Interessenten dafür
oder wird dieser Bereich von den Verlagen einfach zu wenig beachtet?
Ich
kann dies nicht genau sagen. Ich glaube nicht, daß der Kreis der
Interessenten wirklich so klein ist. Aber die Verlage müssen natürlich
auch auf ihre Absatzzahlen achten und bei der momentanen allgemeinen Finanzlage
scheint es logisch, daß man sich auf besonders lukrative, großen
Absatz versprechende Genres wie Erotik oder Mainstream konzentriert.
Thomas
Wagner und Du arbeitet seit einiger Zeit an einem Vampirroman ("Lamia und
die Schatten"). Kannst Du schon vorwegnehmen, wann das Buch veröffentlicht
wird und wo? Beim Abendstern-Verlag, der das Buch hätte veröffentlichen
sollen, gab es ja einige Probleme, wie man hört. Existiert der Verlag
überhaupt noch?
Der
Abendstern-Verlag existiert nicht mehr. Genaueres zum Veröffentlichungstermin
von "Lamia" kann ich leider noch nicht sagen. Wir arbeiten dran ...
Hast
Du eigentlich schon mal daran gedacht, einen eigenen Kleinverlag zu gründen,
so ähnlich wie Boris Kochs Medusenblut?
Nein.
Dazu fehlt mir eine wichtige Voraussetzung: das Kapital. Früher habe
ich durchaus davon geträumt. Es ist jedoch nie über das Stadium
des Traums hinausgegangen.
A
propos Boris Koch...Boris, Thomas und Du lebt alle drei in Berlin. Natürlich
trifft man sich da ab und zu. Was bei Euch ziemlich kreative Folgen hatte
(wie ja zu erwarten war...) Ich denke da an eure Band, AKW...
AKW
ist ein Fun-Projekt, ja: eine verrückte, skurrile, simply-for-fun-Idee.
Es macht halt einfach Spaß, bei einem gemeinsamen Umtrunk debile
Texte zu grölen.
Wie
bist Du zur Musik gekommen? Du singst nämlich wirklich gut. Warst
Du früher schon mal in einer Band?
Ich
war tatsächlich schon mal in einer Band *g* .... nur ganz kurze Zeit,
in einer namenlosen Punkband Anfang der 80er Jahre. Ich weiß nciht
mal mehr, wie die anderen Mitglieder hießen. Ich bildete mir damals
ein, Bass spielen zu müssen, erkannte aber schnell, daß ich
das nicht wirklich konnte. Ich habe mich selbst nie als Musikerin betrachtet.
Ich finde mich selbst ziemlich unmusikalisch. Danke dennoch für Dein
Kompliment! Mein Ehrgeiz lag nie in dieser Richtung. Ich wollte anfangs
entweder malen oder schreiben. Das Malen / Zeichnen habe ich irgendwann
bleibenlassen, weil ich erkannte, daß es mir an echtem, originalem
Talent dazu fehlte.
Die
Berliner Batcave-und Punkbewegung der Achziger ist für dich ja kein
Fremdwort. Wie siehst Du die heutige schwarze Szene? Würdest Du Dich
als Gothic bezeichnen?
Ja,
es stimmt, in den 80er Jahren war ich in der Berliner Punk- und Batcavebewegung.
Ich glaube, ich weiß von der heutigen schwarzen Szene zu wenig, um
mir ein Urteil anmaßen zu können. Sie ist mir nicht unsympathisch.
Ich finde es gut, daß es immer noch solche Leute gibt.
Die
spezielle Gothic-Ästhetik konnte ich immer gut nachvollziehen bzw.
hatte / habe sie auch noch selbst. Ich laufe immer noch zu 99% in schwarzen
Kleidern herum. Ich weiß nicht, ob ich mich als Gothic bezeichnen
könnte. Wenn es um die innere Einstellung geht, dann bestimmt, ja.
Aber
ich habe mich vor vielen Jahren aus allen Szenen "abgeseilt", weil mir
Cliquentum und Engstirnigkeit schon immer mißfallen haben.
Mich
würde noch interessieren, woher Du die Inspiration für deine
Geschichten, die man mit schwarzen Märchen vergleichen könnte,
nimmst. Dein Sinn für Ästhetik ist bemerkenswert. Wo findest
Du Schönheit, was ist ästhetisch für dich?
Diese
Frage ist sehr schwer zu beantworten. Das Empfinden von Schönheit
- das kommt aus dem Herzen. Ein Gefühl, das irgendwie mit dem Schmerz
verwandt ist. Schönheit kann überall versteckt sein - in einem
schimmelüberwucherten Keller (Schönheit des Verfalls), in antiken
Kunstwerken (klassische Schönheit), usw. usw. Es gibt tausend verschiedene
Arten von Schönheit jenseits der Schönheitsbegriffe, die von
der Massenkultur akzeptiert werden. Ja, ich möchte sogar behaupten,
daß ich die Schönheitsbegriffe der Massenkultur selbst unschön
finde. Das ist eine Art von Ästhetik, der ich nichts abgewinnen kann
und die für mich nichts als einen schalen Beigeschmack hat.
Für
mich bist Du der Inbegriff des Großstadtromantikers. Viele empfinden
Großstädte wie Berlin einfach nur oberflächlich und anstrengend.
Kannst Du mir beschreiben, wie Du deine Heimatstadt siehst? Gibt es sie
dort wirklich, diese Mystik? Wie sieht eine Stadt aus, wenn man tief in
sie eindringt?
Berlin
war früher eine ganz besondere Stadt. Zu Zeiten der Mauer war es eine
Insel, abgeschnitten von der Welt und dadurch auf sehr beengtem Raum auf
sich bezogen. Die seltsamsten Paradiesvögel gediehen hier - man denke
nur an Nina Hagen, auch David Bowie hat hier gelebt. Bestimmt nicht ohne
Grund! Für mich war Berlin, das "alte" Berlin der Prä-wieder-einmal-Hauptstadt-von-Deutschland-Zeit,
ein faszinierender Ort mit seinen leerstehenden Abrißhäusern,
den desolaten Flächen und dem schmalen Streifen Nichts entlang der
Mauer. Dort fand man Orte, die eine überwältigende Aura von anarchischer
Kraft, von Verfall, Desolation und morbider Schönheit ausstrahlten.
Leider ist von diesem Berlin nach den Modernisierungs-Orgien der letzten
Jahre eigentlich so gut wie nichts mehr übriggeblieben. Ich gehe auch
kaum noch aus dem Haus und wenn, dann besuche ich die schönen alten
Friedhöfe in meiner Nähe. Das moderne Berlin, das jetzige Berlin
interessiert mich nicht. Es ist eine Stadt für Politiker und Touristen
geworden. Die Orte, die ich geliebt habe und die in meiner Erinnerung ruhen,
gibt es nicht mehr.
Wie
sehen Deine Pläne für die nähere Zukunft aus? Gibt es neue
Buchprojekte oder Übersetzungen?
Es
ist logisch, daß Du diese Frage stellen mußt, aber ich kann
leider nicht viel dazu sagen. Ich lasse alles auf mich zukommen, ich habe
in dieser Hinsicht eine passivere Haltung eingenommen. Wenn man etwas "zu
sehr will", dann kommt es vor, daß die Dinge vor einem fliehen. Manchmal
ist es gut, die Dinge einfach an sich herankommen zu lassen. Dadurch erspart
man sich auch so manche Enttäuschung und Frustration.
Wie
viele wissen, verbindet Eddie M. Angerhuber eine Brieffreundschaft mit
Thomas Ligotti; sie hat auch schon diverse seiner Werke ins Deutsche übersetzt
und betreibt die bislang einzige nichtenglische Ligotti-Website www.ligotti.de.vu.
Ihre neueste Übersetzung seines Buches My Work Is Not Yet Done (dt.:
"Das Alptraum-Netzwerk") erscheint in den nächsten Tagen beim Blitz-Verlag
und kann hier vorbestellt werden: www.blitz-verlag.de
10.8.2003
©Vampyre
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