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"Als ich zum ersten Mal eine ihrer Geschichten las, träumte ich davon, sie irgendwann einmal kennenzulernen. Ihre Stories berührten mich tief - sie entführten mich aus dem banalen Alltagsleben, brachten mich an Orte, wo Dunkelheit regiert und morbide Ästhetik. Sie sprach genau das aus, was ich fühlte.  Und so begann ich, ihr Postkarten zu schreiben, die sie auch jedes Mal beantwortete, in der für sie typischen freundlichen Art... Daraus entstanden ein jahrelanger Brief- wechsel und eine tiefe Freundschaft. Sie ist ein Mensch, der heut- zutage selten geworden ist - ein Romantiker und sensibler Träumer, der an seinen Idealen festhält....ein wahrer Poet und die Stimme des Underground, der noch immer echt 
und unverfälscht existiert."
Shine, 10.8.2003
Eddie M. Angerhuber Online

Texte von Eddie M. Angerhuber im Webzine


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 


Interview mit Eddie M. Angerhuber, 10.8.2003
 

"Ich trat auf die Straße hinaus und blinzelte für einen Augenblick geblendet in das leuchtende Rot, das von Westen her die Straße übergoß. Es war mitten im Juli, und zu dieser Zeit geht die Sonne in unseren Breiten sehr spät unter. Der Gesang der schwarzen Amseln in den Bäumen entlang meiner Straße war süß und kurzlebig wie Brausebonbons und perlte zwischen den schweigend aufragenden grauen Häusern wie eine Fontäne von Sekt in einem riesigen rotglühenden Glaszylinder."
(Eddie M. Angerhuber: Das Verborgene)

"If only tonight we could sleep
In a bed made of flowers
If only tonight we could fall
In a deathless spell..."
(The Cure)



Seit wann schreibst Du - wie waren Deine ersten Geschichten? Hast Du damals schon unheimliche Stories geschrieben?

Ich schreibe schon seit meiner Kindheit. Meine ersten Geschichten waren Tiergeschichten - beim Lesen würde man heutzutage wahrscheinlich auch Horror empfinden, wenngleich eine etwas andere Art von Horror *g*  Ich erinnere mich noch gut daran: ich habe mir selbst solche kleinen Heftchen zusammengenäht, einfach Papier zusammengefaltet und genäht, dann die Seiten aufgeschnitten. Darauf schrieb ich dann mit der Hand meine Geschichten. Eines dieser Büchlein hieß "Freie Schwingen" und es war die herzbewegende Geschichte einer Ente, deren Vater ein wilder Erpel und deren Mutter eine Hausente war ... die arme Ente war also immer zwischen Wildnis und Bauernhof hin- und hergerissen ... 
Unheimliche Geschichten fing ich erst später an zu schreiben. Ich kann allerdings nicht mehr genau sagen, wann. Vielleicht so um die 18. 

Wann hast Du deine erste Geschichte veröffentlicht? Gab's schon Geld dafür oder bewegte sich das Ganze eher im Fandombereich?

Meine ersten beiden Geschichten wurden im Jahr 1993 in den Fanzines "Der Golem" und "Gore" veröffentlicht. Geld gab's damals natürlich noch keins dafür. Ich weiß nicht mehr genau, welches Fanzine zuerst erschien, aber dies waren meine ersten beiden Veröffentlichungen. 

Ihr (Thomas Wagner und Du) habt vor einigen Jahren das Fandom-Magazin 'Fleurie' herausgegeben. Welche Beweggründe hattet Ihr, so viel Arbeit auf Euch zu nehmen? War 'Fleurie' ein reines Literaturmagazin oder gab es noch andere Schwerpunkte?

"Fleurie" sollte ein Artzine sein. Ein Magazin der anderen Art. Nicht auf Literatur beschränkt, sondern "Hauptsache verrückt". Wir nahmen Beiträge darin auf, die uns ungewöhnlich, skurril, irgendwie abseitig erschienen - vom Comicstrip über Lyrik und Kurzprosa bis zur Collage. Ich denke, daß genau das auf Dauer auch das Todesurteil für Fleurie war, denn es fand sich einfach kein Leserkreis dafür. 

Gibt es eventuell Pläne, noch einmal etwas in der Art auf die Beine zu stellen?

Nein, es rentiert sich nicht. Ich meine das nicht in finanzieller Hinsicht - Fanzines rentieren sich finanziell sowieso nie, sie erwirtschaften allerhöchstens (meistens nicht) die Herstellungskosten. Das Interesse an solchen Publikationen wie Fleurie, die sich nicht in eine bestimmte Schublade - z.B. pur Horror oder SF - einreihen, ist einfach zu gering. 

Du hast früher viel im Fandom veröffentlicht. Mir fällt auf, daß Du damit anscheinend völlig aufgehört hast. Ein paar Worte zum Thema 'Fandom'? Lehnst Du es inzwischen völlig ab?

Oh, es ist weniger geworden, das stimmt. Ich bin jedoch nicht "per se" ein Feind des Fandoms. Es gibt nur einfach nicht mehr so viele Veröffentlichungs-möglichkeiten. 
Früher gab es eine Handvoll Fanzines und heute ist mir nur noch eins bekannt - "Nocturno". In den kommenden Ausgaben von Nocturno werden auch wieder Texte von mir erscheinen: 

http://www.mgverlag.de/NOCTURNO/nocturno.html

Die junge deutsche Fantastikszene ist ja eine Welt für sich. Mir als Beobachter scheint sie ziemlich männerorientiert zu sein. (Oder gibt es noch andere Horrorautorínnen außer Dir?) Wie ist das Verhältnis der Autoren zueinander? Trifft man sich, tauscht man sich miteinander aus?

Zu "meiner Zeit" (das klingt super, nicht? <g>) gab es tatsächlich nicht viele Frauen, die solche Literatur geschrieben haben - oder zumindest nicht in meiner Szene. Ich bin mir ziemlich sicher, daß es immer Frauen gegeben hat, die solche Literatur schrieben, aber vielleicht traten sie nicht so an die Öffentlichkeit oder fanden aus irgendwelchen Gründen keinen Zugang zu "der" Szene. Heute gibt es schon ein paar weibliche Namen in der kleinen deutschen Phantastikszene. Ich bin jedoch mit keiner der Damen persönlich bekannt, da ich jetzt sehr zurückgezogen lebe. 

Mit welchen Autoren hast Du Kontakt? Gibt es gemeinsame Projekte wie Lesungen oder Veröffentlichungen?

Ich habe nur noch wenig Kontakt. Man kann die anderen Autoren an einer Hand abzählen: Thomas Wagner natürlich, Ady Henry Kiss, Markus Korb, Michael Siefener, Boris Koch, Uwe Vöhl sowie einige englische Autoren. Gemeinsame Lesungen stehen keine an. Aber wer weiß. Andere Projekte - ja. Da wäre einmal "Lamia und die Schatten", ein Vampirroman, den Thomas Wagner und ich zusammen schreiben. Wir schreiben schon eine ganze Weile daran, aber irgendwann wird das Buch fertig werden, und dann hoffen wir es auch bei einem guten Verlag zu veröffentlichen. Was weitere Projekte angeht - da möchte ich nicht vorgreifen ... 

Du hast seit einiger Zeit Kontakt zu Thomas Ligotti, der in den USA in seiner Fangemeinde als Kultautor gilt. Du übersetzt seine Werke, hast auch den Deutschen Phantastik-Preis in der Rubrik "Beste Übersetzung 2001" gewonnen ("In einer fremden Stadt, in einem fremden Land"). Wie hast Du Ligotti eigentlich kennengelernt? Kultautoren trifft man ja nicht so einfach auf der Strasse...

Ich bat meinen damaligen Herausgeber um Ligottis Adresse, damit ich ihm einen Fanbrief schreiben konnte ... er beantwortete den Fanbrief und irgendwann bekam ich auch seine eMailadresse. Seitdem stehen wir in Kontakt miteinander. 

Ligottis Geschichten entsprechen ja nicht unbedingt dem Geschmack der Mainstream-Horrorleser, die Bücher von King oder Rice bevorzugen. Was glaubst Du - wie wird die Resonanz auf seine Geschichten im deutschsprachigen Raum sein? Findet diese Art von gehobenem, niveauvollem Horror überhaupt genügend Leser? Oder wird es wieder eine kleine Fangemeinde sein, die ihn zu schätzen weiß?

Ich kann es wirklich nicht sagen. Es ist natürlich klar, daß Literatur vom Kaliber Ligottis nicht wirklich "massentauglich" ist. Zur Zerstreuung in der U-Bahn oder Mittagspause scheinen seine philosophisch-nihilistischen, intelligenten, sehr eigenen und überaus bösen Geschichten eher nicht geeignet. Aber ich hoffe doch, daß es gelingen wird, sein Werk auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt zu machen, da das Werk dies durchaus verdient. 

Dunkle Phantastik/Horror spielen im deutschsprachigen Raum eher Außenseiterrollen. Woran, glaubst Du, liegt es? Gibt es wirklich so wenig Interessenten dafür oder wird dieser Bereich von den Verlagen einfach zu wenig beachtet?

Ich kann dies nicht genau sagen. Ich glaube nicht, daß der Kreis der Interessenten wirklich so klein ist. Aber die Verlage müssen natürlich auch auf ihre Absatzzahlen achten und bei der momentanen allgemeinen Finanzlage scheint es  logisch, daß man sich auf besonders lukrative, großen Absatz versprechende Genres wie Erotik oder Mainstream konzentriert. 

Thomas Wagner und Du arbeitet seit einiger Zeit an einem Vampirroman ("Lamia und die Schatten"). Kannst Du schon vorwegnehmen, wann das Buch veröffentlicht wird und wo? Beim Abendstern-Verlag, der das Buch hätte veröffentlichen sollen, gab es ja einige Probleme, wie man hört. Existiert der Verlag überhaupt noch?

Der Abendstern-Verlag existiert nicht mehr. Genaueres zum Veröffentlichungstermin von "Lamia" kann ich leider noch nicht sagen. Wir arbeiten dran ... 

Hast Du eigentlich schon mal daran gedacht, einen eigenen Kleinverlag zu gründen, so ähnlich wie Boris Kochs Medusenblut?

Nein. Dazu fehlt mir eine wichtige Voraussetzung: das Kapital. Früher habe ich durchaus davon geträumt. Es ist jedoch nie über das Stadium des Traums hinausgegangen. 

A propos Boris Koch...Boris, Thomas und Du lebt alle drei in Berlin. Natürlich trifft man sich da ab und zu. Was bei Euch ziemlich kreative Folgen hatte (wie ja zu erwarten war...) Ich denke da an eure Band, AKW...

AKW ist ein Fun-Projekt, ja: eine verrückte, skurrile, simply-for-fun-Idee. Es macht halt einfach Spaß, bei einem gemeinsamen Umtrunk debile Texte zu grölen. 

Wie bist Du zur Musik gekommen? Du singst nämlich wirklich gut. Warst Du früher schon mal in einer Band?

Ich war tatsächlich schon mal in einer Band *g* .... nur ganz kurze Zeit, in einer namenlosen Punkband Anfang der 80er Jahre. Ich weiß nciht mal mehr, wie die anderen Mitglieder hießen. Ich bildete mir damals ein, Bass spielen zu müssen, erkannte aber schnell, daß ich das nicht wirklich konnte. Ich habe mich selbst nie als Musikerin betrachtet. Ich finde mich selbst ziemlich unmusikalisch. Danke dennoch für Dein Kompliment! Mein Ehrgeiz lag nie in dieser Richtung. Ich wollte anfangs entweder malen oder schreiben. Das Malen / Zeichnen habe ich irgendwann bleibenlassen, weil ich erkannte, daß es mir an echtem, originalem Talent dazu fehlte. 

Die Berliner Batcave-und Punkbewegung der Achziger ist für dich ja kein Fremdwort. Wie siehst Du die heutige schwarze Szene? Würdest Du Dich als Gothic bezeichnen?

Ja, es stimmt, in den 80er Jahren war ich in der Berliner Punk- und Batcavebewegung. Ich glaube, ich weiß von der heutigen schwarzen Szene zu wenig, um mir ein Urteil anmaßen zu können. Sie ist mir nicht unsympathisch. Ich finde es gut, daß es immer noch solche Leute gibt. 

Die spezielle Gothic-Ästhetik konnte ich immer gut nachvollziehen bzw. hatte / habe sie auch noch selbst. Ich laufe immer noch zu 99% in schwarzen Kleidern herum. Ich weiß nicht, ob ich mich als Gothic bezeichnen könnte. Wenn es um die innere Einstellung geht, dann bestimmt, ja. 
Aber ich habe mich vor vielen Jahren aus allen Szenen "abgeseilt", weil mir Cliquentum und  Engstirnigkeit schon immer mißfallen haben. 

Mich würde noch interessieren, woher Du die Inspiration für deine Geschichten, die man mit schwarzen Märchen vergleichen könnte, nimmst. Dein Sinn für Ästhetik ist bemerkenswert. Wo findest Du Schönheit, was ist ästhetisch für dich?

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Das Empfinden von Schönheit - das kommt aus dem Herzen. Ein Gefühl, das irgendwie mit dem Schmerz verwandt ist. Schönheit kann überall versteckt sein - in einem schimmelüberwucherten Keller (Schönheit des Verfalls), in antiken Kunstwerken (klassische Schönheit), usw. usw. Es gibt tausend verschiedene Arten von Schönheit jenseits der Schönheitsbegriffe, die von der Massenkultur akzeptiert werden. Ja, ich möchte sogar behaupten, daß ich die Schönheitsbegriffe der Massenkultur selbst unschön finde. Das ist eine Art von Ästhetik, der ich nichts abgewinnen kann und die für mich nichts als einen schalen Beigeschmack hat. 

Für mich bist Du der Inbegriff des Großstadtromantikers. Viele empfinden Großstädte wie Berlin einfach nur oberflächlich und anstrengend. Kannst Du mir beschreiben, wie Du deine Heimatstadt siehst? Gibt es sie dort wirklich, diese Mystik? Wie sieht eine Stadt aus, wenn man tief in sie eindringt?

Berlin war früher eine ganz besondere Stadt. Zu Zeiten der Mauer war es eine Insel, abgeschnitten von der Welt und dadurch auf sehr beengtem Raum auf sich bezogen. Die seltsamsten Paradiesvögel gediehen hier - man denke nur an Nina Hagen, auch David Bowie hat hier gelebt. Bestimmt nicht ohne Grund! Für mich war Berlin, das "alte" Berlin der Prä-wieder-einmal-Hauptstadt-von-Deutschland-Zeit, ein faszinierender Ort mit seinen leerstehenden Abrißhäusern, den desolaten Flächen und dem schmalen Streifen Nichts entlang der Mauer. Dort fand man Orte, die eine überwältigende Aura von anarchischer Kraft, von Verfall, Desolation und morbider Schönheit ausstrahlten. Leider ist von diesem Berlin nach den Modernisierungs-Orgien der letzten Jahre eigentlich so gut wie nichts mehr übriggeblieben. Ich gehe auch kaum noch aus dem Haus und wenn, dann besuche ich die schönen alten Friedhöfe in meiner Nähe. Das moderne Berlin, das jetzige Berlin interessiert mich nicht. Es ist eine Stadt für Politiker und Touristen geworden. Die Orte, die ich geliebt habe und die in meiner Erinnerung ruhen, gibt es nicht mehr. 

Wie sehen Deine Pläne für die nähere Zukunft aus? Gibt es neue Buchprojekte oder Übersetzungen?

Es ist logisch, daß Du diese Frage stellen mußt, aber ich kann leider nicht viel dazu sagen. Ich lasse alles auf mich zukommen, ich habe in dieser Hinsicht eine passivere Haltung eingenommen. Wenn man etwas "zu sehr will", dann kommt es vor, daß die Dinge vor einem fliehen. Manchmal ist es gut, die Dinge einfach an sich herankommen zu lassen. Dadurch erspart man sich auch so manche Enttäuschung und Frustration. 
 
 

Wie viele wissen, verbindet Eddie M. Angerhuber eine Brieffreundschaft mit Thomas Ligotti; sie hat auch schon diverse seiner Werke ins Deutsche übersetzt und betreibt die bislang einzige nichtenglische Ligotti-Website www.ligotti.de.vu. Ihre neueste Übersetzung seines Buches My Work Is Not Yet Done (dt.: "Das Alptraum-Netzwerk") erscheint in den nächsten Tagen beim Blitz-Verlag und kann hier vorbestellt werden: www.blitz-verlag.de
 

10.8.2003 
©Vampyre Planet