Interview
mit Boris Koch
25.2.2005
Kannst
du dich noch erinnern, wodurch dein Interesse an Phantastik geweckt wurde?
Ganz
unspektakulär: Entscheidend war wohl der Kunstunterricht in der sechsten
Klasse, da mussten wir ein Bild zu Tolkiens Der Hobbit malen, den Aufbruch
mit Gandalf. Und während wir malten, hat der Zeichenlehrer uns immer
weiter aus dem Buch vorgelesen, schließlich mussten wir noch eine
Tusche-Zeichnung von den Riesenspinnen machen, und ich war völlig
gefangen. Habe dann erfahren, dass es dazu noch eine Art Fortsetzung gab,
und damit hatte mich Der Herr der Ringe in seinen Klauen...
Wie
lange schreibst du schon? Hast du früher andere Themen bevorzugt oder
hast du von Anfang an Horrorstories geschrieben?
Schwer,
das so richtig zu datieren. Sieht man von peinlichen Gedichten und einer
frühen Fantasy-Story in einem Rollenspiel-Fanzine ab, habe ich vor
etwa 12 Jahren zu schreiben begonnen, 1993 erschien dann auch gleich meine
Story Martin in der von Jörg Kleudgen herausgegebenen Anthologie Der
Alp. Eine kurze Geschichte, stark an klassischem Horror orientiert. Und
seitdem ist vieles Phantastische dazugekommen, aber so ganz als Genre-Autor
habe ich mich nie gesehen. Ich habe immer auch Grotesken geschrieben, oder
Texte wie Poteideia, die zwar mysteriös sind oder mit einem übernatürlichen
Element, aber eigentlich viel zu freundlich für Horror. Und ganz realistische
Texte. Insgesamt würde ich sagen, dass ich mich immer weiter vom Horror
weg bewege.
Und
dann hast du mal begonnen, Bücher zu verlegen....waren es anfangs
nur deine eigenen oder hattest du gleich von Anfang an mehrere Autoren
im Programm?
Medusenblut
war immer für verschiedene Autoren geplant, nie als reiner Selbst-Verlag.
Anfangs waren es ja noch dünne Hefte mit s/w Cover auf buntem Karton.
Wie
viele Titel hast du momentan im Verlagsprogramm?
Die
Frage ist einfach... 8 Titel sind momentan lieferbar.
Könntest
du dein Programm näher beschreiben? Ich würde es als "zeitgenössischen
Horror" bezeichnen, aber ich lasse mal besser dich zu Wort kommen.:-)
Mit
der Bezeichnung kann ich gut leben. Ich sage meist „dunkle Phantastik“,
aber das nimmt sich eigentlich nicht viel. Zeitgenössisch ist es,
weil ich gerne mit lebenden Autoren zusammen arbeite, nicht schon Gestorbene
nachdrucke.
Ich
würde dich ja nicht unbedignt als gothic bezeichnen, du hast aber
durch deine Lesungen am WGT Kontakt zur Szene. Was hältst du von der
schwarzen Szene?
Als
Gothic würde ich mich auch nicht bezeichnen, aber den Kontakt zur
Szene habe ich eigentlich schon viel länger, habe mit etwa 15 die
Platten von Cure, Sisters of Mercy, Smiths, Lords of the new Church und
so entdeckt. Dann Bauhaus, Joy Division, Hüsker Dü, Clash, Element
of
Crime und so weiter. Habe schwarze Jeans oder (zerrissene) blaue und dunkle
Hemden / T-Shirts getragen, hatte lange Haare und die Seiten wegrasiert,
mich aber nie weiß geschminkt oder Schnallenschuhe, ich hatte jahrelang
wunderbare ausgelatschte Bergstiefel. War auf zwei, drei Gothic-Konzerten,
mindestens..., hin und wieder Tanzen zu dunkler Musik und habe zwei, drei
Artikel für das Gothic Grimoire geschrieben, über Literatur allerdings...
Kurz
gesagt, ich mag die schwarze Szene sehr, fühle mich da unheimlich
wohl, kenne nette Menschen. Ich verbinde mit ihr schöne Erinnerungen
– und da gehören die WGT sicher dazu. Dass es in der Szene auch seltsame
und unangenehme Menschen gibt, und die die Schublade, in die sie sich selbst
setzen, sehr eng und dogmatisch definieren, ist schade, aber eben so wie
überall. Ich mag den Independent-Gedanken der Szene unheimlich, schade
finde ich es, wenn er sich mit Berührungsängsten mit dem sogenannten
Mainstream paart.
Das
Gothic Grimoire mochte ich besonders gern, ein wunderschönes Heft...
Schade, wenn solche Projekte nicht mehr weitergeführt werden. Ich
denke hier auch an Fleurie, das von Eddie M. Angerhuber und Thomas Wagner
herausgegeben wurde. Ich vermisse bei den Szenemagazinen, die heutzutage
angeboten werden, das breite Spektrum an Themen, die Vielfalt. Geht es
dir ähnlich?
Schwer
zu sagen, dafür lese ich zu wenige von den kleineren Magazinen. Eigentlich
müssten dort die interessantesten zu finden sein. Was so am Bahnhofskiosk
angeboten wird, ist meist ziemlich austauschbar. Es ist klar, dass solche
Magazine von den Anzeigen leben, und sie sich deshalb vor allem um bekanntere
Bands kümmern, aber irgendwie fehlt mir die Beschäftigung mit
unbekannten, innovativen Bands. Oder mal ein Interview mit einem Labelchef,
einem Covergestalter, einem Produzenten, nicht nur mit den Musikern. Keine
kurzen Rezensionen, sondern längeres zu Literatur oder Film, oder
ungewöhnliche Fragen in den Band-Interviews. Warum nicht mit Robert
Smith mal über Fußball reden, statt über Musik? Er ist
doch großer Fußballfan. Mit anderen über Politik oder
Kunst im Allgemeinen oder auch Weine oder irgendwas, was in den Texten
der Band eine Rolle spielt. Einfach mehr versuchen, an die Leute ran zu
kommen. Natürlich müssen da auch die Bands mitspielen. Einfach,
dass ein Interview mehr ist als ein „Verkaufsgespräch“ für die
neue CD... Kurz gesagt, mehr Vielfalt, so wie du gesagt hast.
Bist
du Filmfan? Welche Filme siehst du dir bevorzugt an?
Oh
ja, ich liebe Filme und vor allem Kino. Die große Leinwand, die absolute
Konzentration auf den Film, schon die Atmosphäre in den meisten Kinos,
sieht man mal von überfüllten Riesenkinos ab. Und ich setze mich
gerne weit vorne hin, dritte, vierte Reihe in der Mitte, auch wenn der
ganze Saal eigentlich frei ist. Momentan finde ich zu selten Zeit dafür,
aber ich hoffe, bald wieder wöchentlich gehen zu können.
Ein
bevorzugtes Filmgenre habe ich nicht, ich mag alles mögliche. Wichtig
ist mir allerdings eine Geschichte, die erzählt wird. Großartige
Effekte oder Gags oder so langen mir meist nicht.
Wie
läuft der typische Alltag eines Autoren ab? Schreibst du täglich,
hast du ein bestimmtes Arbeitspensum, das du erfüllen mußt?
Eigentlich
sollte ich täglich schreiben, ja, aber ich komme nicht immer dazu.
Aber ich denke zumindest fast jeden Tag daran und plane ein wenig. Aber
da ich noch anderes mache, Redaktionsarbeit für das Magazin Mephisto
beispielsweise, den Verlag und auch ein klein wenig übersetzt habe,
gehören manche Tage eben anderen Arbeiten.Ich habe einen Kalender,
in dem ich mir mein tägliches Arbeitspensum aufschreibe, von Telefonaten
über Rezensionen schreiben und Buchprojekten bis hin zum normalen
Einkauf. Und dann wird der Tagesplan umgeworfen, weil etwas dazwischen
kommt und er sowieso wieder zu umfangreich war, hehehe...
Im
Ernst, das Ganze hat viel mit Selbstdisziplin zu tun, wie bei allen Selbständigen.
Da ich keinen Chef habe, der mir Ziele setzt, muss ich das selbst tun.
Beziehungsweise, darf es selbst tun, mir ist das so deutlich lieber. Klassischen
Arbeitsalltag habe ich also nicht, vor allem, weil ich bisher viele kurze
Texte geschrieben habe und wenig lange, also nicht über Wochen regelmäßig
an einem Projekt arbeite, aber im Kern sieht es so aus: Aufstehen, frühstücken
und Mails abrufen und beantworten, dann schreiben, Mittagessen, weiter
schreiben oder lesen / recherchieren, Schwarztee und Kuchen – ich liebe
Kuchen und Torten -, weiterarbeiten. Und statt zu schreiben ist das manchmal
auch konzipieren, telefonieren, Bücher verschicken, Lesung organisieren,
lektorieren, News verfassen und so. Irgendwie arbeite ich an so gut wie
jedem Tag, an dem ich zu Hause bin.
Kannst
du dir vorstellen, einen anderen Beruf auszuüben? Was wolltest du
eigentlich werden, als du noch ein Kind warst?
Vorstellen
ja, vorstellen kann ich mir vieles, aber das sind keine Traum-Vorstellungen...
Ich mache jetzt das, was ich machen möchte. Ich möchte keinen
anderen Beruf.
Als
Kind wollte ich vor allem Fußballprofi werden. Und manchmal auch
Schatzsucher. Für erstes fehlte es mir eindeutig am Talent, und Schatzsucher
hebe ich mir noch auf, falls ich mal die berühmte Karte mit einem
X auf einem alten Speicher finde, hahaha... Ja, und Stuntman war auch so
ein Traum. Mein Bruder und ich haben uns sogar mal einen „Stunt-Park“ überlegt,
so in unserem Garten. Wo man sozusagen live einen Western aufführt,
mit Rennen, Schießen und von Bäumen herunter schwingen.... Aber
dann haben wir doch ganz banal mit Haselnussstecken gefochten, ohne Zuschauer,
oder mit einem Kälberstrick als Peitsche und einem großen schwarzen
Topfdeckel als Schild.
Deine
extremste Geschichte/die extremste Figur, die du je erschaffen hast?
Schwer,
sehr schwer. Weil ich es selten bewusst darauf anlege, extrem zu sein.
Manchmal passiert es einfach... Bei einer Figur kann ich mich nicht festlegen,
da weiß ich nicht genau, wie „extrem“ zu verstehen ist. Aber bei
der Geschichte müsste ich wohl Gottes Zeichen aus DER TOTE IM MAISFELD
nennen. Vielleicht ist Lesen bildet aus DIONYSOS TANZT drastischer in der
Darstellung, aber Gottes Zeichen war die erste Geschichte für mich,
die so deutlich wurde, was Gewalt und Sex anbelangt. Was ich zuvor meist
nur angedeutet hatte, habe ich dort erstmals ausgesprochen, bzw. niedergeschrieben.
Auf
andere Art extrem ist wohl Der adressierte Junge. Nicht so drastisch, aber
ich glaube sie ist wirklich unangenehm. Weil sie trotz aller Absurdität
irgendwie realistisch ist. Zumindest haben mir das die Leute versichert,
die sie bisher vorgelesen bekommen haben.
Gibt
es Dinge, die dich für deine Stories inspirieren? Bestimmte Menschen,
Situationen oder einfach nur Stimmungen?
Haufenweise,
fast möchte ich „alles“ sagen. Bestimmte Menschen haben mich inspiriert,
Situationen und auch Stimmungen. Dazu Nachrichten, die mich wütend
oder irgendwie ratlos machen, eigene Erlebnisse auch, selten Träume,
aber manchmal auch das. Andere Kunst, die mich zu einer „Antwort“ herausfordert.
Welche
Hobbies betreibst du in deiner sicher äußerst spärlichen
Freizeit?
Kino,
wie gesagt, da gehe ich unheimlich gerne hin. Und Fußball. Fußball
gucken, über Fußball lesen, Fußball spielen. Letzteres
aber nur in einer Hobby-Mannschaft.
Interessieren
dich Rollenspiele wie Vampire The Masquerade oder Das Schwarze Auge? Spielst
du selbst bei einem Larp mit?
Rollenspiele
habe ich früher viel gespielt. Alles mögliche, auch Vampire The
Masquerade und Das Schwarze Auge. Aber am liebsten Warhammer FRP und schließlich
AD&D in einer etwas abgedrehteren Variante der Vergessenen Reiche.
Einfache Regeln und möglichst viel „Rollenspiel“. Auch auf verschiedenen
LARPs war ich, habe auch selbst welche mit-organisiert. Aber in den letzten
vier, fünf Jahren habe ich gar nicht mehr gespielt. Ich kriege zwar
durch meine Arbeit an Mephisto noch grob mit, was in der Szene passiert,
und vielleicht steige ich noch einmal bei einem Rollenspielprojekt mit
ein, weil Lust, eine Welt zu entwickeln, habe ich immer wieder.
Hast
du ein Lieblingsbuch oder einen Lieblingsautoren?
Einen?
Nein. Es gibt eine ganze Reihe von Autoren, die mich beeindruckt haben,
von Georg Büchner über Kafka, Oskar Maria Graf, B. Traven, Tolkien,
Arthur Machen bis hin zu Nick Hornby und Umberto Eco. Und viele mehr.
Wenn
ich mich auf ein Lieblingsbuch festlegen müsste, wäre das wohl
Der Name der Rose. Weil es Eco meisterhaft gelingt, großartige Gedanken
und historische Genauigkeit mit einem genialen Krimiplot zu verbinden.
Selten ist sogenannte hohe Literatur mit Genreliteratur so brillant zusammen
gekommen.
Wie
sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
Nach
viel zu viel Arbeit, hehehe... Im Ernst, ich plane immer haufenweise Dinge,
gerade momentan ist wieder eine extreme Planungsphase, ich habe viele Projekte
angedacht und begonnen.
Erst
einmal muss ich noch eine Kurzgeschichtensammlung fertig stellen, die im
Frühjahr unter dem Titel DER ADRESSIERTE JUNGE bei Eloy Edictions
erscheinen wird. Und dann sind noch drei Beiträge in Anthologien geplant,
bevor es endlich an einen Roman geht. Und da stehen momentan Fantasy, ein
historischer, ein Kinderbuch oder ein realistischer zur Auswahl.
Und
im Hintergrund lauern noch andere Ideen.... Auch ein kurzer Comic, zusammen
mit Klaus Scherwinski, und sogar ein Filmprojekt.
Was
den Verlag anbelangt, kommt als nächstes eine Anthologie mit dem Titel
Allem Fleisch ein Greuel, die ich zusammen mit Eddie Angerhuber herausgebe,
und ein Roman von Michael Siefener.
Welche
Fragen hättest du bei Interviews gern beantwortet, wenn sie gestellt
worden wären, aber nie wurden?
Keine
Ahnung. Ich freue mich über jede Frage, die ein ehrliches Interesse
des Fragenden zeigt. Und am liebsten sind mir Fragen, die mich überraschen,
also genau die, die ich nicht erwarte. Somit wäre die Antwort auf
deine Frage: Alle Fragen, die mir selbst nicht eingefallen wären...
Und
gibt es Dinge, die du gern ungefragt kundtun würdest? Das wär'
doch mal ganz nett...
Das
tu ich ja quasi in jeder Erzählung. Also hier nur: Mir ist ein 5:1
lieber als ein 1:0.
25.2.2005
©Vampyre
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