SHERLOCK
HOLMES
(THE
ADVENTURES OF SHERLOCK HOLMES)
GB
1984
Regie:
Paul Annett u. a.
Darsteller:
Jeremy Brett, David Burke, Rosalie Williams, Eric Porter
4-DVD-Box,
Koch Media, ca. 664 min., FSK ab 12
Es
ist wohl müßig, ihn näher vorzustellen: Sherlock Holmes,
den in der Londoner Baker Street 221B residierenden, berühmten Meisterdetektiv,
der - unterstützt von seinem getreuen Freund Dr. Watson - mittels
präziser Logik und scharfsinniger Kombinationsgabe selbst die rätselhaftesten
Kriminalfälle löst. Der Autor Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930)
ließ diesen Charakter erstmals 1887 in dem Roman "A Study in Scarlet"
ermitteln, damals wohl kaum ahnend, daß er damit eine der berühmtesten
Figuren der Literaturgeschichte ins Leben rief, die darüber hinaus
auch bald zum Archetyp des kriminalwissenschaftlich vorgehenden Detektivs
werden sollte.
Bereits
um 1900 trat Sherlock Holmes erstmals in einem Film auf, seitdem folgten
bis heute knapp 170 filmische Adaptionen, darunter auch zahlreiche Bearbeitungen
fürs Fernsehen. Die Verfilmungen unterscheiden sich in ihrer Qualität
ebenso wie in ihrer werkgetreuen Umsetzung, wobei das eine natürlich
nicht zwangsläufig das andere bedingen muß. Doch ein Sherlock
Holmes-Film steht und fällt natürlich in erster Linie mit seinem
Hauptdarsteller. Viele Mimen haben sich im Lauf der Filmgeschichte an dieser
Rolle versucht, den meisten von ihnen wollte es nicht gelingen, sich als
glaubhafte Verkörperung des Meisterdetektivs ins Gedächtnis des
Publikums einzuprägen, doch einige wurden in dieser Rolle legendär:
So z. B. Basil Rathbone, der von 1939-46 insgesamt vierzehnmal als Holmes
vor der Kamera stand. Oder auch Peter Cushing, der den großen Detektiv
erstmals 1959 in der Hammerproduktion "The Hound of the Baskervilles",
dann von 1964-68 in der BBC-Serie "Sherlock Holmes" und ein letztes Mal
noch 1984 in "Masks of Death" darstellte. Auch Horroraltmeister Christopher
Lee schlüpfte in diese Rolle, ebenso auch Roger Moore, John Neville,
Christopher Plummer, Stewart Granger und Ian Richardson, um nur einige
Namen zu nennen.
Die
1984 von dem britischen Fernsehsender Granada TV produzierte Serie "The
Adventures of Sherlock Holmes" gehört nun zweifelsohne zu den allerbesten
filmischen Umsetzungen von Conan Doyles Erzählungen. Mit viel Aufwand
und Liebe zum Detail ließ man auf einem ehemaligen Eisenbahngelände
in Manchester das viktorianische London lebendig werden. Ausstattung und
Kostüme zeichneten sich durch ein Höchstmaß an Authentizität
aus und auch die Drehbuchautoren ließen große Sorgfalt walten,
um Conan Doyles Erzählungen so weit wie möglich gerecht zu werden.
Für
die Titelrolle wurde der renommierte britische Schauspieler Jeremy Brett
(1933-95) engagiert, der u. a. 1978 in der BBC-Adaption von Daphne Du Mauriers
"Rebecca" in der Rolle des Maxime de Winter überzeugt und sich vor
allem auch auch auf der Theaterbühne einen Namen gemacht hatte. Dessen
Darstellung des Meisterdetektivs war gänzlich anders, als alles, was
zuvor auf diesem Sektor geboten wurde, denn während die meisten seiner
Schauspielerkollegen Holmes nur als einen unterkühlten, von purer
Ratio bestimmten Charakter darstellten, der vor allem durch seine Ermittlungsmethoden
interessant war, wurde nun in Bretts Verkörperung Sherlock Holmes
als Mensch lebendig: Ein durchaus temperamentvoller Zeitgenosse, überdurchschnittlich
intelligent und mit einer brillanten Kombinationsgabe gesegnet, dabei aber
auch nicht frei von Manierismen und Eitelkeit, und auch mit einer dunklen,
grüblerisch-depressiven Seite versehen. Und sogar Holmes' unseliger
Hang zum Kokain (dem er vorzugsweise immer dann nachgibt, wenn er sich
langweilt) wird hier - im Gegensatz zu den meisten anderen Verfilmungen
- nicht unter den Tisch gekehrt, sondern fließt vorlagengetreu in
die Handlung mit ein. |
 |
Es
ist einfach ein Genuß, diesem Schau- spieler dabei zuzusehen, wie
er mittels Gestik, Mimik und geschliffenen Dialogs (es empfiehlt sich übrigens
unbedingt, die Episoden in der englischen Originalfassung anzusehen) Sherlock
Holmes auf eine unnachahmliche Art lebendig und wirklich unvergeßlich
werden läßt. In der Rolle des Dr. Watson - treuer Freund und
zugleich Chronist der Fälle - steht ihm David Burke zur Seite, der
diesen Part ebenfalls sehr glaubhaft verkörpert und dabei nie den
Fehler macht, ihn auf einen komisch-vertrottelten "Sidekick" zu reduzieren,
wie es leider nur all zu oft in anderen Verfilmungen der Fall war.
Die
Serie konnte damals in Großbritannien und auch in den USA recht gute
Erfolge verbuchen und wurde insgesamt dreimal fortgesetzt: 1986 mit "The
Return of Sherlock Holmes", 1990 mit "The Casebook of Sherlock Holmes"
und 1994 mit "The Memoirs of Sherlock Holmes", parallel dazu wurden auch
insgesamt fünf Spielfilme gedreht. Leider verschlechterte sich Jeremy
Bretts Gesundheitszustand im Verlauf der 90er Jahren rapide und 1995 erlag
der Schauspieler schließlich seinem schweren Herzleiden.
Das
Label Koch Media, das schon einige Kultserien (so z. B. "Department S",
"Die Zwei" oder "Catweazle") in sehr ansprechender Form auf DVD präsentiert
hat, veröffentlichte im Dezember 2005 eine 4 DVDs umfassende Box,
die sämtliche 13 Episoden der ersten Staffel in ungeschnittener Form
beinhaltet: "Ein Skandal in Böhmen", "Die tanzenden Männchen",
"Das Marineabkommen", "Die einsame Radfahrerin", "Der verkrüppelte
Mann", "Das gefleckte Band", "Der blaue Karfunkel", "Das Haus zu den Blutbuchen",
"Der griechische Dolmetscher", "Der Baumeister von Norwood", "Der Dauerpatient",
"Die Liga der rothaarigen Männer" und "Sein letzter Fall". Dabei rettet
Holmes einen eurpäischen Fürsten vor einem Skandal, dechiffriert
mysteriöse Geheim- botschaften, kommt einem Jahrzehnte zurückliegenden
Verbrechen in Militärkreisen auf die Spur, verhindert durch die Wiederbeschaffung
eines Geheimdokuments eine internationale Krise, klärt unlösbar
erscheinende Todesfälle auf, hilft unschuldig Verdächtigten und
steht schließlich seinem gefährlichsten Gegner, dem verbrecherischen
Genie Professor Moriarty gegenüber. Alle Episoden zeichnen sich in
Inszenierung, Ausstattung und Besetzung durch die gleiche hohe Qualität
aus und bieten insgesamt 664 Minuten exzellenter Unterhaltung.
Zur
DVD-Umsetzung:
Bei
Bild- (Originalformat 4:3) und Tonqualität (Deutsch und Englisch in
DD 2.0, deutsche Untertitel einblendbar) gibt es keinerlei negative Punkte
zu beanstanden. Berücksichtigt man, daß es sich hierbei um eine
über 20 Jahre alte Fernsehserie handelt, ist das Ergebnis rundum gut
ausgefallen. Auf den DVDs an sich finden sich leider keinerlei Extras,
was in der Rubrik Ausstattung eigentlich zu einem Punkteabzug führen
müßte, wäre da nicht die hervorragende Aufmachung der Box,
die geschmackvoll im Buchlook daherkommt und in ihrer Mitte den kompletten
Hintergrundbericht des Produzenten Michael Cox beinhaltet. Dieser fast
100 Seiten umfassende Text bietet einen faszinierenden Rückblick,
der weitaus mehr Information offeriert, als ein durchschnittliches Making
Of es je könnte und zugleich wird darin auch die Entstehungsgeschichte
jeder der dreizehn Episoden erläutert. Somit kriegt man hier neben
den vier DVDs auch noch ein kleines Buch geboten, was nun die fehlenden
DVD-Extras wirklich verschmerzen läßt.
Mit
der ersten Staffel von "Sherlock Holmes" bleibt sich das Label Koch Media
seinem hohen Niveau treu und stellt einmal mehr einen sorgfältigen
und liebevollen Umgang mit Filmklassikern unter Beweis. Daß man sich
dort nun auch dieser hervorragenden und in Deutschland bislang sehr stiefmütterlich
behandelten Serie annahm, spricht für den guten Geschmack der Verantwortlichen.
Die zweite Box ist bereits für den September 2006 angekündigt,
hoffen wir nur, daß auch die anderen Staffeln nicht all zu lange
auf sich warten lassen werden.
©Thomas
Wagner |