Manche
Filme können wie Träume sein. Ihre Bilder verfolgen den Betrachter,
erringen sich irgendwo in seinem Kopf einen unauslöschlichen Platz,
machen süchtig, und einige von ihnen vermögen Seltsames, können
einen im Hirn verborgenen Filmprojektor in Gang setzen ... Eine obskure
Art doppelter Projektion beginnt dann: Film/Auge, Mensch/Film. Eine Verschmelzung
der Phantasie mit dem Gesehenen, der Magie des Visuellen. Ein Film kann
zum Traum, ein Bild zur Obsession, ein Gesicht zu einem Fetisch werden.
Eines
der schönsten Beispiele für derartige Phänomene ist Mario
Bavas 1960 entstandenes Regiedebüt LA MASCHERA DEL DEMONIO: ein Kleinod
in Schwarzweiß, ein Stück visueller Poesie, bei dessen Betrachtung
man sich heute nur fragen kann, wie es überhaupt einmal möglich
war, solche Filme zu drehen ...
Im
italienischen Kino der Nachkriegszeit, das vom Neorealismus geprägt
und dominiert wurde, war der phantastische bzw. Horrorfilm quasi nicht
existent. Erst der Regisseur Riccardo Freda brachte 1957 mit I VAMPIRI
den Horrorfilm auf italienische Leinwände zurück. Freda, der
seine filmischen Ambitionen mit den lakonischen Worten "Ich bin nicht im
mindesten am banalen Alltäglich-Menschlichen interessiert" zusammenfaßte,
schreckte nicht davor zurück, sich bei Stilmitteln des alten phantastischen
Melodrams zu bedienen, um diese mit neuen Techniken und Erzählweisen
zu verbinden. Zwar war I VAMPIRI seinerzeit noch ein Flop, doch als sich
zum Ende der 50er Jahre mit den internationalen Erfolgen der britischen
Hammerstudios eine Renaissance des Horrorfilms anzubahnen begann, sollten
schließlich auch italienische Produktionsfirmen wieder auf das mißachtete
Genre aufmerksam werden.
Mario
Bava (1914-1980) begann sein Laufbahn als Kameramann und Experte für
optische Spezialeffekte und arbeitete 1956 in dieser Funktion auch an Fredas
I VAMPIRI mit. Als Freda sich während der Dreharbeiten mit den Produzenten
überwarf und das Projekt kurzerhand abbrach, übernahm Bava die
Regie und drehte den Film innerhalb von nur zwei Tagen fertig. Sein Talent
wurde in den folgenden Jahren noch mehrmals von den Produzenten ausgenutzt,
indem man Filme, deren Regisseure mit der Weiterarbeit verhindert oder
auch abgesprungen waren, unter Bavas Regie fertigstellen ließ - eine
offizielle Würdigung in den Credits erfuhr Bava diesbezüglich
nie. Als er 1959 wieder einmal für Riccardo Freda (in CALTIKI - IL
MOSTRO IMMORTALE) und schließlich auch noch für Jacques Tourneur
(in LA BATTAGLIA DI MARATONA) die Regie übernehmen mußte, gab
die Produktionsfirma Galatea ihm endlich die Gelegenheit zu einem eigenen
Filmprojekt.
Es
war ein von Nikolai Gogols Novelle DER WIJ inspiriertes Szenario, das Bava
den Produzenten präsentierte.
Gogols
auf einem alten russischen Märchen basierende und dementsprechend
folkloristisch angelegte Geschichte wird in diesem Szenario nur als inspirierende
Basis verwendet.
Die
Namen einiger Protagonisten, prägnante Bilder (so z. B. die Erscheinung
der untoten Hexe, das Zerbersten ihres Sargdeckels und der Herr der Toten,
bei der Protagonist Choma feststellt, "daß sein Gesicht aus Eisen
war") und vor allem die gespenstische Aura der Vorlage werden in dem Drehbuch
geschickt zu einem schwarzromantischen gotischen Schauermärchen verwoben.
Auch
in Marcel Schwobs Erzählung DIE VAMPIRE lassen sich - obwohl sie nicht
als literarische Vorlage genannt wird - Parallelen finden: von merkwürdigen
Vampirwesen, die sich an Verstorbenen laben, ist dort die Rede. Sie bedecken
das Gesicht ihres toten Opfers mit einer Maske, um die von ihnen verursachten
trichterförmigen Löcher im Fleisch zu verbergen ... Die verantwortlichen
Produzenten waren dem Skript gegenüber äußerst skeptisch
eingestellt, doch Bava verwies auf die Erfolge der britischen Konkurrenten
und beharrte darauf, daß auch das italienische Publikum reif für
eine neue Form des Horrorfilms sei. Seine Argumentation setzte sich durch
und so entstand schließlich 1960 sein Regiedebüt LA MASCHERA
DEL DEMONIO (der Titel war übrigens eine ironische Anspielung auf
die Hammerproduktion THE CURSE OF FRANKENSTEIN, die in Italien als LA MASCHERA
DI FRANKENSTEIN die Kinokassen gefüllt hatte). Für die (Doppel)Hauptrolle
der Asa/Katja engagierte man eine unbekannte junge Schauspielerin aus England,
die damals 22jährige Barbara Steele...
Die
folgende Filmbesprechung basiert auf der englisch synchronisierten Fassung
THE MASK OF SATAN.
Der
Anfang des Films führt uns zurück in das Jahr 1630, in eine Nacht
irgendwo in
Moldawien.
Lodernde Fackeln und Scheiterhaufen beleuchten eine gespenstische Szenerie:
die Inquisition hält Gericht über Prinzessin Asa und ihren Vetter
und gleichzeitigen Geliebten Javutic.
 |
| Während
Javutic, das Gesicht von einer eisernen Teufelsmaske bedeckt, bereits leblos
in seinen Fesseln hängt, stehen Asa die Torturen noch bevor. Nachdem
man sie ausgepeitscht und ihr das Hexenmal auf den Rücken gebrannt
hat, verurteilt der Großinquisitor - ihr eigener Bruder - sie wegen
Hexerei und Buhlerei mit dem Teufel ebenfalls zum Tode. Noch im Angesicht
des Todes verflucht sie ihre gesamte bigotte Familie und schwört,
zu den Lebenden zurückzukehren, um ihre Rache zu vollenden: |
|
"...
and in the blood of your sons and in the sons of your sons I will continue
to live, immortal!" Doch es sind nicht nur die Söhne, derer sich Asa
im Verlauf desFilms annehmen wird ...
Das
Urteil wird vollstreckt und eine an der Innenseite mit fingerlangen Dornen
versehene eiserne Dämonenmaske wird vom Henker auf Asas Gesicht genagelt.
Diese Prozedur ist von Bava ebenso drastisch wie geschickt in Szene gesetzt
worden, indem er den Zuschauer gleichzeitig zum Voyeur und zum Opfer werden
läßt.
 |
| Ein
Fleischberg von Henkersknecht nähert sich mit der monströsen
Maske der Kamera, immer näher kommen ihre unheilverheißenden
Dornen dem Auge des Betrachters - ein Schnitt zeigt die sich verzweifelnd
in ihren Fesseln windende Barbara Steele, ein weiterer eine Großaufnahme
ihres Gesichts, ihrer vor Entsetzen geweiteten Augen, dunkler Spiegel des
Grauens. Mit einem absurd überproportionierten Hammer vollendet der
Henker schließlich sein Werk. |
|
Aus
Furcht vor Asas Fluch beschließt man, die Leichen auf dem Scheiterhaufen
zu verbrennen, um somit wirklich alle Spuren der Prinzessin und ihres Geliebten
von der Erde zu tilgen; ein gewaltiger Wolkenbruch, der plötzlich
einsetzt, löscht jedoch die "reinigenden" Flammen. Javutic wird in
ungeweihter Erde begraben und Prinzessin Asa in ihrer Familiengruft beigesetzt
(sorgsam abgesichert durch die Maske und die Gegenwart christlicher Symbole,
versteht sich). Die ganze Nacht über werden die Glocken geläutet,
um die Dämonen zu vertreiben...
Zwei
Jahrhunderte nach Asas Tod durchreisen der Gelehrte Professor Choma Kruvajan
und sein junger Assistent Andrej Gorobek denselben Landstrich. Es ist eine
unwirklich scheinende, alptraumhafte Landschaft, in die die Kutsche der
Reisenden eintaucht. Durch verwinkeltes Geäst hindurch, das sich wie
die Klauen halbmenschlicher Fabelwesen ausstreckt, kann der Betrachter
verfolgen, wie der Weg immer tiefer in einen nebeldurchfluteten, verwunschenen
Wald führt - ein unwirklicher Mikrokosmos der Magie und Schattenwesen,
der unwillkürlich Erinnerungen an Jean Cocteaus LA BELLE ET LA BETE
wachruft. Als ein Rad der Kutsche bricht, nimmt das Unheil seinen Lauf:
Während der Kutscher unter großem Gejammer die Misere repariert,
vertreten sich Kruvajan und Gorobek ein wenig die Beine und entdecken dabei
die halb eingestürzte alte Kapelle, unter welcher sich Asas Familiengruft
befindet. Eine spinnwebverhangene, surreale Atmosphäre, die an die
Stummfilmklassiker des deutschen Expressionismus und an die Kameraarbeit
Karl Freunds (der eben dieser Schule entstammte) in den brillanten Anfangssequenzen
von Tod Brownings DRACULA erinnert, empfängt die Beiden. Als sie Asas
Grab entdecken, wird der Professor einer letzten Warnung gleich plötzlich
von einer Fledermaus attackiert, bei deren Abwehr er versehentlich den
Sarkophagdeckel beschädigt. Als Paradeexemplar eines unorthodox denkenden
Intellektuellen macht er sich - von den Erzählungen des Kutschers
ebenso unbeeindruckt wie von den Bedenken Andrej Gorobeks - voller Neugier
daran, Asas letzte Ruhestätte zu examinieren. Er entdeckt in dem Grab
eine geheiligte alte Ikone, die er kurzerhand an sich nimmt, und entfernt
die Teufelsmaske, die immer noch das Antlitz der Leiche bedeckt - eine
Prozedur, die auch für heutige Verhältnisse noch bemerkenswert
widerlich inszeniert ist: Von einem schmatzenden Geräusch begleitet,
löst sich die eiserne Fratze und enthüllt das unverweste maskenhafte
Gesicht Asas, in deren leeren Augenhöhlen sich Skorpione und anderes
Krabbelgetier tummeln. Von Kruvajans verletzter Hand tropft ein wenig Blut
auf die Unterlippe der Toten ...
| Auf
dem Rückweg zur Kutsche begegnen Kruvajan und Gorobek einer schwarzgewandeten,
seltsam melancholischen jungen Frau, die sich als Prinzessin Katja vorstellt
und erzählt, daß die Kapelle mit zu dem Grundbesitz ihres Vaters,
Prinz Vajda, gehört, der sich aus unerfindlichen Gründen weigere,
das vor Jahren bei einem Erdbeben zerstörte Gebäude restaurieren
zu lassen.
Und
während die beiden Reisenden sich auf dem Weg in das Dorfgasthaus
machen, beginnt sich Asas Leichnam in der Gruft zu beleben ... |
|
 |
Eine
bedrückte Stimmung herrscht am gleichen Abend im Schloß Prinz
Vajdas. Infernalisches Wolfsgeheul zieht um das Gemäuer, derweil der
alte Prinz seinen Kindern Katja und Konstantin von der Legende um ihre
gefürchtete Vorfahrin Asa erzählt, und plötzlich wird ein
finsteres Vorzeichen entdeckt: ein Portrait Prinzessin Asas scheint sich
auf eine undefinierbare Art verändert zu haben und besonders die -
Asa wie aus dem Gesicht geschnittene - Katja nimmt diese Veränderung
wahr: "There's something alive about it, something different about the
eyes, the hands, as if it were hiding something ... Sometimes I'm afraid
to go near it."
Auf
eine merkwürdige Art scheint sie von dem Bild ebenso abgestoßen
wie angezogen zu werden und der Prinz erzählt, wie vor vielen Jahren
Prinzessin Masha - auch sie ein Ebenbild Asas - in ihrem 21. Lebensjahr
unter mysteriösen Umständen dahinschied. Auch Katja ist jetzt
21 Jahre alt ... Seltsamerweise hat die Familie Vajdas in einer eigentümlichen
Mischung aus fatalistischer Furcht und Besessenheit von der eigenen Geschichte
wohl in all den 200 Jahren nie den Versuch unternommen, sich vom Andenken
an die ungeliebte und gefürchtete Vorfahrin zu befreien - sogar ein
Bild Javutics hängt noch neben Asas Portrait. Die Zerstörung
einer Familie - in ideeller wie physischer Hinsicht -, die sich hier bereits
anzubahnen beginnt, sollte auch in Bavas weiteren Filmen noch oft ein zentrales
Thema sein. Später hat Prinz Vajda eine grauenvolle Vision: im Weinglas
erscheint ihm das Bild der eisernen Teufelsmaske.
Zwar
schon halb regeneriert, doch noch zu schwach, um ihren Sarg zu verlassen,
beschwört Asa aus der Gruft hinaus ihren toten Liebhaber Javutic,
der sich in einer beeindruckend realisierten Szene daran macht, aus seinem
Grab aufzuerstehen: Durch das Fenster einer Scheune hindurch fährt
die Kamera auf einen Friedhof zu, verharrt schließlich vor einem
verwitterten Grabstein. Nebelschwaden fließen durch das Bild, Blitze
zucken, und begleitet von Donnergrollen brandet heftig ein Sturm auf -
eine untermalende Symphonie für den nachfolgenden Akt der Auferstehung,
der eigentlich schon mehr die metaphorische Travestie einer Geburt ist:
die Erde auf dem Grab beginnt sich zu bewegen, lockert sich und platzt
auf. Ein Paar verkrusteter Hände schiebt sich durch die bröckelnde
Grabdecke und der durch Asas Ruf reanimierte Javutic kämpft sich blind
tastend ins Freie.
 |
| In
einer geradezu schmerzhaften Geste reißt er die Dämonenmaske
herunter, die seit zwei Jahrhunderten sein Gesicht bedeckt, und wird fortan
Asas getreuer Erfüllungsgehilfe sein. Überhaupt ist Javutics
Metamorphose vom einstigen Liebhaber zum Diener/Quasi-Sohn der Hexe ein
damals auffälliges Phänomen im Genre Vampirfilm. Er hat nichts
gemein mit der üblichen dominanten Verführergestalt des männlichen
Vampirs, wie ihn z. B. Christopher Lee verkörperte. |
|
Trotz
der optischen Ähnlichkeit mit einem gewissen Vlad Tepes ist nicht
er der Versucher, der die Sterblichen zu Marionetten seines höllischen
Spiels machen wird, sondern die in ihrer Gruft wartende Asa. Ihr in devoter
Hingabe zu dienen, wird von nun an der einzige Zweck seiner Existenz sein.
Dennoch war es wohl unumgänglich, den Film in Deutschland unter dem
ebenso debilen wie irreführenden Titel DIE STUNDE WENN DRACULA KOMMT
aufzuführen.
Im
Verlauf der Nacht wird Prinz Vajda von dem Untoten heimgesucht und erleidet
vor Angst einen Herzanfall. Katja und ihr Bruder Konstantin beschließen
Professor Kruvajan zu Hilfe holen zu lassen, nicht ahnend, daß dieser
bereits von Javutic auf das Schloß eingeladen wurde - scheinbar um
dem kranken Prinzen zu helfen.
In
einer apokalyptisch gespenstischen Fahrt - eine großartige Szene,
die in ihrer visuellen Kraft an die Bilder Murnaus und Bergmans erinnert
- bringt eine prächtige, goldverzierte Kutsche den Professor bis vor
das Schloß des Prinzen. Doch die Dinge sind in LA MASCHERA ... nie
was sie scheinen: Von Javutic durch ein unüberschaubares Netz von
Geheimgängen geführt, findet sich der Gelehrte zu seiner Überraschung
nicht im Schloß, sondern in der Gruft, direkt vor Asas Sarg wieder.
Es ist zu spät zur Flucht, als er die Gefahr realisiert, und es folgt
eine weitere Szene, die LA MASCHERA ... unvergeßlich macht: Die Wände
des Sarkophages beginnen zu vibrieren, zu beben, zerbersten schließlich
in einem donnernden Crescendo, das die ganze Gruft in ihren Grundmauern
erschüttert.
>>>>>
|